Frankreich Frankreich (2013)

Habe mir in Beaugency, diesem romantischen Städtchen an der Loire, einmal alle Verkehrsschilder weggedacht, die Autos sowieso, und war auf einer tollen Zeitreise plötzlich im Mittelalter gelandet. Allerdings in einem Augenblick, da mal wieder ein feindliches Heer auf der anderen Seite der alten Brücke zu stehen schien und sich deshalb kein Mensch in den Gassen zwischen den hingeduckten, unverputzten Häuschen sehen ließ. Nur angstvolle Leere über dem uralten Trampelpflaster, das mir beim Hin- und Her-Rennen krumme Füße machen wollte. Gerade dass ich es noch schaffte, mich in das festungsartig gebaute ehemalige Kloster zu flüchten. Dabei war der Empfang in Beaugency doch so vielversprechend: Linden da und Linden dort und lange Lindenalleen, die mich auf gut Deutsch begrüßten und freundlich bemüht waren, die beiden nahen Kühltürme mit ihren gewaltigen Wasserdampfwolken zu verdecken, gleich auch noch die vielen Fernleitungen, die so bedrohlich den Himmel schraffierten.

Auf den französischen Autobahnen, in die Landschaften gelegt wie auf dem Navi gezeichnet –  perfekt, sauber, leer – auf diesen Musterstraßen scheut sich der französische Staat nicht, seine Landsleute als entscheidungsschwach zu diffamieren. Wie anders soll ich es mir deuten, dass man an jeder Ausfahrt einen großen Extraaufsteller postiert hat, der Weiß auf Grün die Entscheidung erzwingt: Hierhin oder dorthin! Manchmal hält man sogar das noch für zu wenig und hat allerlei Kunststoff-Aufsteller hinzugefügt, in die Unentschlossene hineinfahren dürfen, wenn sie erleben wollen, wie ihnen die Brocken um die Ohren fliegen.

Autofahren mit Navi ist nicht nur das kleine Alltagsvergnügen für den Macho, der es immer wieder genießt, gerade das nicht zu tun, was die Frauenstimme ihm so dringend rät. Das Fahren mit Navi ist auch praktizierte Bildungsarbeit. Denn die häufige Wiederholung des Alphabets bei den Routeneingaben führt unweigerlich selbst bei bildungsresistenten Fahrern dazu, dass sich das ABC mit der richtigen Reihenfolge der Buchstaben allmählich einprägt.

Chambord, das wohl prächtigste Schaustück der illustren Reihe von Schlössern an der Loire, sieht aus als wäre es von Walt Disney erbaut worden. So verspielt, so zum Juchzen. In Wahrheit war sein Erbauer der junge König François I., der im Jahre 1519 damit begonnen hatte, mitten in einem riesigen Waldgebiet mit idealen Jagdmöglichkeiten sein enormes Geltungsbedürfnis Stein werden zu lassen. Das Schönste an dem Superschloss mit mehr als 400 Zimmern, von denen nur gut die Hälfte mit Kaminfeuer beheizbar war, ist das Treppenhaus des zentralen Wohnbaus. Zwei Treppengirlanden, eine für hinauf und eine für hinab, die sich um eine durchbrochene Säule drei Stockwerke hoch ranken, ohne sich zu berühren. Eine geniale Konstruktion, die auf Ideen von Leonardo da Vinci beruht, der seine letzten drei Lebensjahre in Amboise an der Loire verbracht hat. Heute zieht kein Gestank mehr durch die Gegend australian pokie, wie er früher von den Toiletten kam, die man wegen der besseren Belüftung auf dem Dachboden eingerichtet hatte. Der letzte private Eigentümer des Schlosses war Henri d’Artois, der sich als Graf von Chambord alle Mühe gab, König von Frankreich zu werden. Tatsächlich wollten ihn die Monarchisten im Jahre 1871, nach der Niederlage im deutsch-französischen Krieg, auf den Thron heben, und die Republikaner wären sogar einverstanden gewesen. Schon waren die neun Prachtkutschen fertig, die Henri für seinen triumphalen Einzug als König in Paris in Auftrag gegeben hatte. Doch der Möchtegern-König mochte sich nicht vor der Trikolore verneigen. So blieben die Kutschen ungenutzt und wurden zu Ausstellungsstücken im Schloss Chambord, und der steinreiche Graf von Chambord zog sich überhaupt nicht froh ins Exil zurück, nach Schloss Frohsdorf in Niederösterreich.

Aus dem Weltall gesehen muss Frankreich sich wohl in lauter Kreisen darstellen. Resultat der Garnierung der Landschaften mit einem Kreisverkehr nach dem anderen. Zum Schwindeligwerden. Und das alles nur, weil man an offizieller Stelle wusste: Den Verkehrsampeln gehorchen unsere Untertanen nicht. Da spielen sie farbenblind bzw. jeder hat seine Lieblingsfarbe wie seinen Lieblingskäse.

Gibt es für uns Touristen was Attraktiveres als Massenmord? In Tiffauges in der Vendée sah ich jetzt wie vertrocknete Brotkrumen die Reste einer riesigen Burg stehen, die dem reichsten Mann Frankreichs gehört hat, dem Marschall Gilles de Rais. Er war ein Kampfgefährte und Beschützer der Jeanne d’Arc, der sich im Hundertjährigen Krieg gegen Frankreich mit etlichen Heldentaten hervorgetan hat. Richtig berühmt aber wurde er als der größte Massenmörder Frankreichs. Er hat im Laufe vieler Jahre mehr als hundertvierzig Kinder, meist Knaben, in seine Burg gelockt, wo er sie bei orgiastischen Gelagen und okkulten Praktiken gequält, verstümmelt und ermordet hat. Aber nicht dafür, sondern für das Eindringen mit Waffen in eine Kirche wurde er schließlich exkommuniziert, zum Tode verurteilt und mit 36 Jahren gehenkt – und damit zu einer vielbesungenen literarischen Figur, der man auch den Namen des Märchenkönigs Blaubart gab.

So eifrig in Frankreich die Akademie Française im Kampf mit dem Anglizismen-Gewucher darauf achtet, dass Französisch gesprochen und geschrieben wird, man stolpert doch immer wieder über dieses Unkraut. Vor allem, wenn die Franzosen sich darin rettungslos verheddert haben, wie die Fahrschule, die riesengroß an der Hauswand stehen hat: Auto’s Cool.

In Kulmino lud mich der siebzig Meter hohe Wasserturm mit seiner riesigen Aussichtsplattform zu einem Rundblick übers Land ein. Diese Kombination von nützlich und neckisch, was für eine tolle Tourismus-Förderungs-Idee! Wenn auch rund um den Turm nichts zu sehen ist, in allen Himmelsrichtungen bloß viel Platz für schöne Landschaften. Ich habe mich schnell wieder davongemacht. Bin mit dem unheimlich langsamen Aufzug wieder zur Erde gefahren, weil mir schien: Der Wassertank ist leckgeschlagen, denn dort unten lief das Wasser in hellen Streifen nach allen Seiten davon, und die Kühe auf den Weiden waren von Horn bis Huf erbleicht vor Schreck.

Nach stundenlanger Autotour als Beifahrer wird mir klar: Die Begeisterung für strukturierten Lärm, genannt Musik, ist letztlich nichts anderes als Sentimentalität, weil dieser Lärm ohne Einschaltung des Verstandes zu konsumieren ist. Dagegen würde man mit der Musik, als die sich gesprochene Literatur darstellt, nicht bloß was auf die Ohren bekommen, sondern auch etwas für den Verstand. Aber leider ist kein Hörbuch greifbar.

Das Schönste an den zwei vereinigten Fischernestern mit dem gemeinsamen Doppelnamen Saint-Gilles-Croix-de-Vie südwestlich von Nantes ist nicht das moderne Spielcasino, sondern die vorgelagerte Insel Île d’Yeu mit ihrem Haupt- und einzigen Ort Port-Joinville, wo es alles gibt, was man in Frankreich zum guten Essen braucht. Dazu gibt es viel Grün, auch kleine Sandstrände, schmucke Häuschen in paradiesischem Abseits sowie ein uraltes Château. Und man hat dort eine unansehnliche Zitadelle aus dem 19. Jahrhundert, die zwar nicht zu besichtigen ist, aber für Geschichtsinteressierte den Hinweis trägt, dass in dieser Zitadelle der französische Weltkrieg-I-Held von Verdun, Marschall Philippe Pétain, seine letzten Lebensjahre verbracht hat. Weil er das Spiel verloren hatte. Pétain war 1945 wegen Kollaboration mit Nazideutschland zum Tode verurteilt und später von Charles de Gaulle zu lebenslanger Verbannung auf der Île d’Yeu begnadigt worden, wo er im Jahre 1951 im, wie man so sagt, begnadeten Alter von 95 Jahren gestorben ist. Ihren schönen nach Spiel klingenden Namen trug die Insel aber schon vorher, und sie hat ihn auch nachher behalten.

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