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817. Ausgabe

Passiertes! – Passierte es?

 

Politische Demonstrationen von Sportlern bei Sportveranstaltungen gelten als untragbar, weil sie Ausdruck von Nationalismus sind. Recht so. Feiert der Sport doch den Nationalismus schon zur Genüge bei allen internationalen Wettbewerben, in denen die Sportler ihre Landesfarben tragen. Was damit gerechtfertigt wird, dass der nach festen Regeln ablaufende sportliche Wettkampf zwischen den Ländern das nationale Bedürfnis der Menschen befriedige und Kriege überflüssig mache. Klingt gut. Doch entstehen Kriege niemals aus Nationalismus, sondern aus konkreten Raum- und Wirtschaftsinteressen von Machthabern, die so geschickt sind, in ihren Völkern Nationalismus oder religiösen Wahn wachzukitzeln und für ihre Zwecke zu instrumentalisieren.   

Anscheinend darf ich den Sport nicht so wichtig nehmen. Die Medien sind viel wichtiger. Lese ich doch in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung in einem Artikel über die Marathon-Verlegung von Tokio ins kühlere Sapporo: „1964, als Tokio erstmals Olympische Spiele ausrichtete, war die Hitze kein Problem. Das Sportereignis fand im Oktober statt. Die Sendepläne der großen Fernsehanstalten verlangen mittlerweile aber olympische Termine im Sommer.“

Was in meinem neuesten Buch „Die Triangel“ Erschütterndes erwähnt ist über die Irrfahrten des deutschen Luxusdampfers „St. Louis“, der im Jahre 1939 wochenlang erfolglos bemüht war, 937 geflüchtete Juden im freien Westen an Land zu bringen (s. S. 162), das servierte die ARD jetzt im Film unter dem Titel     „Die Ungewollten – Die Irrfahrt der St. Louis“ als Abendunterhaltung. Im Übrigen steht die Verfilmung meines Buches aber noch aus.

Bei uns versuchen Geschäfte immer noch krampfhaft, mit einem englischen Firmennamen groß zu tun, obwohl schon so viele Unternehmungen damit kaputt gegangen sind – und auch daran. Dagegen wird im Ausland die deutsche Sprache hoch geschätzt. Jetzt gibt es schon 157 Goethe-Institute in 98 Ländern, die sich für die Verbreitung deutscher Kultur einsetzen und deren Deutschkurse für Ausländer immer gut besucht sind. Der französische Erziehungsminister Blanquer äußerte sich stolz darüber, dass seit 2017 „mehr als eine halbe Million Schüler wieder Deutsch lernen.“ Der diesjährige Literaturnobelpreis für Peter Handke zeigt ebenfalls, welch bedeutende Stellung Deutsch in der Welt hat. Das ist immerhin schon das 14. Mal, dass dieser Preis an Schreiber deutscher Sprache verliehen wurde. Und mein deutschsprachiger Blog „NETZINE“ wird in weit über hundert Ländern regelmäßig gelesen, neuerdings direkt epidemiemäßig in China.

Mut ist gefordert, wenn man sich heute ins Verkehrsgewühl stürzt. Der Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer zeigt viel Mut, und das nicht nur mit der Maut. So vermeidet er den albernen Anglizismus Newsroom für den heute vielfach in Behörden und Firmen eingerichteten Raum der innerbetrieblichen Kommunikation. In seinem Ministerium ist das schlicht und richtig das Neuigkeiten-Zimmer.

Leute, lest Leserbriefe! Die werden immer wichtiger, wenn man die verkehrte Welt verstehen will. Jetzt habe ich in der Zeitung einen köstlichen Kommentar gefunden zu dem neuesten Modegag deutscher Unis, mehr rein englischsprachige Studiengänge anzubieten. Der Leser hatte nach einem Postgraduate-Studium in England seine Dissertation in Englisch bei der Uni München eingereicht, wo sie zurückgewiesen wurde. Er musste sie ins Deutsche übersetzen und neu einreichen. Und das 1953, als in Deutschland noch Besatzungsrecht galt. Dagegen sind wir heute offenbar die zwei Jahre später wiedererlangte Souveränität schon leid und geilen uns lieber am Englischen auf.

Das Sprachmagazin „Deutsch perfekt“ hat in einer Umfrage unter Deutschlernenden aus 46 Ländern erforscht, welcher Begriff als das schönste deutsche Wort empfunden wird. Heraus kam „Gemütlichkeit“. Na, das passt doch exakt zu meinem Eindruck, dass wir schon wieder auf dem Weg in ein neues Biedermeier sind.

So vehement, wie derzeit das Problem Klimawandel diskutiert wird, erscheint mir das schon als eine Entlastungshandlung. Wäre doch die Verzweiflung noch viel größer, wenn wir mit Sicherheit wüssten, dass der Klimawandel überhaupt nichts mit unserem Verhalten zu tun hat und unvermeidlich als eine Katastrophe über uns kommt, die wir nicht im Geringsten abmildern können.

Im Irak, wo die USA mit einer militärischen Invasion die Demokratie eingeführt haben, protestieren jetzt die Menschen gegen die schlechte Versorgung und die korrupte Regierung. Die Demonstranten werden im Regierungsauftrag mit gezielten Kopfschüssen ruhig gestellt. Die Zahl der vom Staat getöteten Bürger ist schon dreistellig, aber der weltweite Aufschrei bleibt aus. Den Hintergrund des irakischen Großdesasters habe ich in dem mit Fotos ausgestatteten Buch, einer Reportage, ausgeleuchtet: „Denk ich an Bagdad in der Nacht“.

 

 

 

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816. Ausgabe

Passiertes! – Passierte es?

 

Etwas zu unserer amerikanischen Leit- oder Leid-Kultur: In den USA klagen Bibliothekare darüber, dass sie unter massivem Druck von den unterschiedlichsten Organisationen stehen, die die Entfernung bestimmter Bücher aus ihren Beständen fordern. Das betrifft nicht bloß sexistische Werke, sondern geht von „Alice im Wunderland“ bis zum „Tagebuch der Anne Frank“ und der Bibel. Und dieser Krieg gegen Literatur ist nicht nur ein Strohfeuerchen. Schon vor über 50 Jahren haben amerikanische Lehrer mit der Schere ihnen nicht genehme Sätze aus den Büchern geschnitten, klassensatzweise. Kein Wunder, dass Bücherfreunde in den USA mittlerweile geheime Tauschringe nutzen.

Das passt: In Mannheim, wo das NETZINE seinen Sitz hat, steht im Quadrat R 3 das renommierte „Mannheimer Institut für Deutsche Sprache“. Daraus soll nun noch Größeres werden. Die Sache ist beschlossen. Man weiß nur noch nicht, ob das ein „Haus der deutschen Sprache“ oder ein „Sprachmuseum“ wird. Jedenfalls soll darin auch geforscht werden: Wie denken die Besucher über die deutsche Sprache, wie spricht und schreibt man sie, und welche Medien benutzt man dafür? Dann kann mein Extra-Service für Schreiber also noch viele Ergänzungen bekommen (www.netzine.de/vermischtes/extra-service-fuer-schreiber/).

Der Innensenator von Berlin hat den Auftritt von zwei palästinensischen Rappern vor dem Brandenburger Tor verboten, weil ihre Lieder antisemitische Inhalte haben. Da zeigt sich mal wieder, wie wichtig mehr Bildung wäre, gerade auch für Politiker. Sind doch sowohl die Israelis als auch die Palästinenser Semiten. Deshalb ist, wenn Palästinenser etwas gegen Semiten sagen, das nicht antisemitisch, sondern entweder Selbstkritik, also Überlegenheit, oder aber Kritik an den Israelis, die lediglich von irgendwem – sehr geschickt oder aus Dummheit – in den modischen Totschlagvorwurf Antisemitismus umgedeutet wurde. 

Vorsicht! Was bisher Sache von Philosophen und Religionsgründern war, nämlich die Entwicklung einer Ethik, das hat jetzt Facebook in die Hand genommen, und zwar mit der Eröffnung seines an die Technische Universität München angekoppelten Instituts zur Erforschung ethischer Fragen rund um Künstliche Intelligenz. Unter anderem will man die Dynamik der Meinungsbildung mathematisch modellieren, und es sollen Handlungsempfehlungen nicht bloß für das autonom fahrende Auto formuliert werden, sondern auch für Gesellschaft und Politik. Werden die Zehn Gebote jetzt neu verkantet?

Etwa 250 Jahre liegt es zurück, dass es für die Dichter des Göttinger Hainbunds keinen größeren Dichter gab als Friedrich Gottlieb Klopstock, der von 1724  bis 1803 gelebt hat. Doch für uns Heutige ist er längst archiviert als einer der Begründer der Empfindsamkeit – und kein Mensch liest noch seine Werke. Wer kann dieses aufwendig Gedrechselte noch verstehen? Klopstock ist, wie viele andere, ein Opfer der Wandlungsfähigkeit unserer Sprache. Dabei hätte der Mann, der Bildung propagierte, uns durchaus was zu sagen. Seine Vorstellung von einer Republik mit Gelehrten an der Spitze und eingeschränktem Stimmrecht für den Pöbel würde heute wohl besser funktionieren als die heutigen Republiken mit Milliardären an der Spitze und Volkes Stimme in den neuen Medien, einer Stimme, die meistens maßgebend ist, da die Politiker sich fast nur noch nach den permanent gelieferten Ergebnissen der Meinungsforscher richten.

Wenn jetzt schon ein Fußballtrainer die Gehälter der Fußballprofis, stets mehr als eine Million Euro im Jahr, für Lewandowski sogar gut 20 Millionen Jahresgehalt, als überhitzt bezeichnet, so der Trainer Dieter Hecking, dann ist das Schlimmste zu befürchten. Könnte es doch passieren, dass immer mehr Fußballfans einen kühlen Kopf haben, der ihnen sagt: Einfach nicht mehr hinschauen und nicht mehr mitjubeln.

Die Chefs der Familien Schwarz (Lidl) und Albrecht (Aldi) sind Deutschlands Reichste geworden, indem sie in ihren Discountläden die niedrigsten Preise verlangen. Daraus folgere ich: 1. Diese Läden könnten ihre Waren noch viel billiger anbieten, ohne dass sich in den milliardenschweren Familien Not einstellt. 2. Diese Läden dürfen ihre Waren nicht noch billiger anbieten, weil sonst die gesamte Konkurrenz Pleite machen würden und diese superreichen Familien als Alleinversorger der Nation vor einer Aufgabe stünden, die sie nicht schaffen könnten. 3. Ich müsste, weil ich mein NETZINE noch billiger, nämlich für 0 € anbiete, der Allerreichste werden, was sich aber noch nicht bemerkbar macht.  ̶  Ich muss zugeben: Logik hilft im Wirtschaftsleben nicht weiter.

Wir haben uns eine halbe Nacht lang die Köpfe heiß geredet über die Frage, ob die Political Correctness mit ihren strikten Formulierverboten nötig ist oder nicht. Dabei waren die Befürworter der Political Correctness in der Mehrheit. Woraufhin sie von der Minderheit, wie das so üblich ist, als „Nazis“ beschimpft wurden. Brauchen wir jetzt Freitagsdemos gegen Political Correctness?

Malta, das kleinste Land der EU, war Jahrhunderte lang sehr wichtig für uns, weil die Malteserritter, die vorher Johanniterritter hießen, Europa vor dem Ansturm der Mohammedaner beschützten. Doch vertrieb Napoleon Bonaparte 1798 die Ritter von der Insel, um ihre Schätze einzuheimsen. Beim Malteserorden, der nun seinen Sitz in Rom hat, gab es jetzt einen wichtigen Geburtstag zu feiern. Der Großkanzler Albrecht von Boeselager wurde 70. Meine Gratulation! Ich bin sicher, er kennt mein Buch „Favoritin zweier Herren“, das 2010 im Münchner Salon Literatur Verlag erschienen ist. Denn das ist die einzige Darstellung der gesamten 800-jährigen Geschichte des souveränen militärischen Malteserordens in einer lesbaren Form, nämlich als historischer Roman. Die akribisch recherchierte und spannende Darstellung des Wettkampfs zwischen Morgenland und Abendland, die man kennen sollte, weil das Thema immer wichtiger wird.

 

 

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815. Ausgabe

Passiertes! – Passierte es?

 

Die Nachrichtensendungen sind übervoll von den Gesichtern und dem Gerede unserer Politiker. Dabei verlieren die in dem Maße an Bedeutung, in dem die Bedeutung der Staaten abschmilzt. Die juristische Definition des Staates als Staatsgebiet, Staatsvolk und Staatsgewalt ist ja offensichtlich im Schwinden. Durch die modernen Medien, Verkehrsmittel und Waffensysteme kriegen die Landesgrenzen schon den Retro-Look. Zudem sind immer mehr Bewohner der Länder keine Staatsangehörigen; die leben bereits massenweise woanders. Und so, wie die gewählten Regierungen ihre Macht an international tätige Großkonzerne verlieren, werden die Landeswährungen allmählich von den Krypto-Weltwährungen der Chinesen und der Amerikaner ersetzt. Lauter alternativlose Veränderungen, doch die Nachrichtensendungen sind nach wie vor übervoll von den Gesichtern und dem Gerede unserer Politiker.

Fast alle Kinder und Jugendlichen haben Plastik-Rückstände im Körper, hat das Umweltbundesamt jetzt festgestellt. Da könnte man sagen: Das ist unsere Chance. Denn sobald unsere Körper demnächst zu einem bestimmten noch viel höheren Prozentsatz aus Plastik bestehen, aus diesem erst in Jahrhunderten abbaubaren Material, haben wir uns endlich den Traum vom ewigen Leben erfüllt.

102 Staatsrechtler haben sich zu einer gemeinsamen Forderung aufgerafft: Sie verlangen eine Änderung des Wahlgesetzes, damit der Bundestag nicht immer noch weiter aufgebläht wird. Den Staatsrechtlern ist also nicht klar, dass Staat in erster Linie Versorgung heißt und nicht Recht.

27 Kommissionsposten soll es in der EU unter der Präsidentin Ursula von der Leyen geben. Mit den Bezeichnungen der einzelnen Ressorts ist das ganze Spektrum heute gängiger Reizwörter abgedeckt, nur die Kultur fehlt. Dabei erlebt Europa gerade, was Jahrhunderte lang verhindert wurde, nämlich die Ablösung der überkommenen christlich-jüdisch-griechischen Kultur durch fremde Kulturen. Dieses Riesenproblem einem einzelnen Kommissar (m/w/d) aufzupacken, ging wohl nicht. Deshalb lässt man es laufen, wie es läuft. 

Ein Blick auf die Weltreligionen zeigt, wohin der Zug abgefahren ist: Das Christentum ist noch immer die größte Religionsgesellschaft, wenn auch zersplittert in diverse Ausgaben und insgesamt nur noch langsam wachsend. Der Islam steht an 2. Stelle, ebenfalls zersplittert in diverse Ausgaben, die sich zudem noch heftig bekämpfen, ist aber insgesamt stark wachsend. Bereits an 3. Stelle stehen die Agnostiker, die ehrlich zugeben, dass sie in Sachen Gott nichts wissen, weil man darüber nichts wissen kann. Sie kommen in der Statistik schon vor den Hindi-Anhängern, den Buddhisten und diversen kleineren Weltanschauungsgruppen, darunter den Juden.

Es ist jetzt 32 Jahre her, dass die Zeitschrift „Das Parlament“ meinen Essay veröffentlicht hat: „Kommt bald das erste Fernsehspiel?“ Zu finden unter www.netzine.de/category/essays/. Darin hatte ich dargelegt, dass es ein wirkliches Fernsehspiel noch nicht gibt, weil die Zuschauer nicht mitspielen können. Eine Provokation, waren die Fernsehintendanten doch so stolz auf ihre produktiven Fernsehspielabteilungen. Jetzt lief im Ersten Programm ein Aufklärungs- und Warnfilm, genannt „Play“, über die Sucht, in die Jugendliche durch Computerspiele geraten, weil sie bald Wahn und Wirklichkeit nicht mehr unterscheiden können und in der Psychiatrie landen. Der Film zeigte eine junge Spielerin in voller Aktion. Da musste ich mir eingestehen, dass erst mit den Computerspielen wirkliche Fernsehspiele geboren worden sind. Aber die Kette von Herausforderungen, die in „Play“ die Spielerin zu bestehen hat, erinnerte mich an die Großtaten, die der griechische Held Herakles abzuleisten hatte, und an die endlose Folge von Heldentaten, die in den Ritterromanen der frühen Neuzeit einem fahrenden Ritter abverlangt wurden, was Miguel Cervantes in seinem Buch „Don Quijote“ verulkt hat. Also alles schon mal dagewesen. Und weder die Alten Griechen noch unsere Ururgroßeltern sind davon verrückt geworden.

Früher spielten wir gern „Die Reise nach Jerusalem“, dieses Rennen um eine doppelte Stuhlreihe mit plötzlichem „Halt, setzen!“, wobei dann jedes Mal ein Stuhl zu wenig da war und deshalb einer ausschied. Das illustrierte so schön die Jahrhunderte lang übliche lebensgefährliche Pilgerreise ins Heilige Land, meist per Boot von Venedig aus, wobei die geldgierigen Schiffer stets mehr Passagiere an Bord nahmen als sie Platz und Verpflegung hatten. Die Schiffer konnten sich darauf verlassen, dass auf der viele Wochen langen Reise über die oft stürmische See ein Pilger nach dem anderen wegsterben würde. Jetzt war ich am Wochenende mal wieder bei einem Klassentreffen und verstand: Das ist „Die Reise nach Jerusalem“ andersherum. Jedes Mal ein Stuhl zuviel. 

Habe mir jetzt noch einmal den Film „Hannah Arendt“ angesehen. Die deutsch-jüdische Philosophin im Auftrag einer amerikanischen Zeitschrift als kritische Beobachterin beim Eichmannprozess in Jerusalem. Mit aufschlussreichen Originalaufnahmen aus dem Prozess. Und bin überrascht, dass ich meine schon einige Jahre zurückliegende Rezension dieses Films, die unter www.netzine.de/hannah-arendt/ zu sehen ist, nach wie vor Zeile für Zeile unterstreichen kann.

Der Gossen-Preis, die bedeutendste Auszeichnung für Wirtschaftswissenschaftler, wurde jetzt dem Münchner Wirtschaftshistoriker Davide Cantoni, der an der Universität Mannheim studiert hat, verliehen. Meine Gratulation aus Mannheim, Herr Cantoni! Dass Sie in der Presse prompt mit der Zweifelsfrage konfrontiert werden, ob Ihre Forschung überhaupt noch zur Wirtschaftswissenschaft gehört, ist typisch, aber verständlich. Verehren die Wirtschaftler Gossen doch als einen der Gründerväter der Nationalökonomie, dabei war der 1810 in Düren geborene Hermann Heinrich Gossen ein Jurist und kein Wirtschaftler. Und zu allem Überfluss liegen seine überragenden Verdienste auch nicht auf juristischem Gebiet, sondern in der Erforschung der bahnbrechenden Formeln für mehr Lebensgenuss. Von Gossen kann man was lernen, und das ist sogar für jeden verständlich. Für viele Gelehrte ist Gossen einer der bedeutendsten Denker, die je gelebt haben, auf einer Stufe stehend mit Nikolaus Kopernikus. Die einzige umfassende Darstellung seines Lebens und grandiosen Scheiterns an der Ignoranz seiner Zeitgenossen ist mein biografischer Roman „Die Berechnung des Glücks“, der 2012 im Münchner Salon Literatur Verlag erschienen ist. 320 Seiten, nur 440 Gramm schwer. ISBN 978-3-939321-43-9, Preis 16,80 €. Eine amüsante Lektüre, die das Leben der Leser verändert. Überall im Buchhandel.

 

 

 

 

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808. Ausgabe

Passiertes! – Passierte es?

 

 

Das ist die Mutter aller Fragen: Wird die kleine Küstenseeschwalbe demnächst sesshaft? Noch ist sie der Star unter den Langstreckenfliegern. Sie wechselt jedes Jahr von der Arktis, wo sie gebrütet hat, in die Antarktis, wo sie überwintert, um von dort wieder zu den arktischen Brutplätzen zurückzukommen. Das sind immer circa 30.000 Kilometer zu flattern, und das rund dreißig Jahre lang. Doch wird die Extremfliegerin durch die Klimaänderungen wohl bald merken, dass sie sich die weiten Flüge sparen kann, weil es da wie dort wärmer wird.

 

So plötzlich, wie jetzt Politiker aller Parteien sich für das Thema Klima erwärmen, kann es demnächst nur sehr heiß werden.

 

Aus der Vogelperspektive ist das Mittelmeer ein Meer des Todes. Und das nicht nur wegen der vielen tausend Afrikaner, die bei dem Versuch, nach Europa zu kommen, ertrinken. Rund um das Mittelmeer werden Jahr für Jahr Millionen Vögel in Fallen gefangen oder abgeschossen, die als besondere Delikatesse auf die Speisekarten kommen. Auch besonders geschützte Arten. Vor allem auf Zypern und Malta sowie in Italien.

 

Die Hersteller von Hundefutter stehen vor einem Jahrhundertproblem: Weil echte Tierfreunde es generell ablehnen, dass Tiere getötet werden, um daraus Nahrungsmittel zu machen, müssen sie jetzt veganes Hundefutter produzieren. Dieses Futter muss so fleischähnlich sein, dass selbst die hochempfindlichen Hunde den dreisten Betrug weder riechen noch schmecken können. Bisher unmöglich.

 

Goethe, Schiller, Kleist, Ihr hattet es besser. Unsere Klassiker durften noch dem Ehrgeiz folgen, große Kunst zu produzieren. Heute steht hinter jedem Schriftsteller der Staat – in Gestalt eines Finanzbeamten – mit der Forderung, möglichst Seichtes zu schreiben, mit dem ein Massenpublikum erreicht werden kann und ein Maximum an Steuern eingenommen wird. Der Staat kennt keine Kunst, er kennt nur Umsatz.

 

Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels hat voller Stolz verkündet, dass das Jahr 2018 erstmals wieder positive Zahlen brachte. Nachdem die Zahl der Buchkäufer jahrelang geschmolzen war, hat man 300.000 Buchkäufer dazugewonnen, und das obwohl eintausend neue Titel weniger auf den Markt gekommen waren. Das Buch ist und bleibt doch attraktiver als alle Elektronik und Bildchenguckerei.

 

Das Stichwort Nationalcharakter habe ich in meinen großen Lexika von Meyers und Brockhaus vergebens gesucht. Fehlt einfach. Und bei Wikipedia wird es nur mit ängstlichen Einschränkungen gebracht, weil ethnische Diffamierungen und die Verbreitung von bloßen Klischees sowie die Selbstüberschätzung der Schreiber als Fehlerquellen nicht auszuschließen sind. Dennoch und trotz der schon weit fortgeschrittenen Globalisierung und bei aller Liebe meiner Zeitgenossen zur Gleichmacherei wage ich zu behaupten: Es gibt auch heute noch deutliche Unterschiede im Nationalcharakter. Denn klimatische Bedingungen und politische Ereignisse sowie kulturelle und wirtschaftliche Erfolge der einzelnen Völker haben dazu geführt, dass hier und da und dort ein jeweils etwas anderer Menschentypus vorherrschend wurde. Und den zu betrachten, ist ein Spaß für sich, fast schon ein Besuch in einem Kuriositätenkabinett. In „Laufenbergs Läster-Lexikon“ habe ich unter dem Stichwort „Verallgemeinerung“ ein paar von diesen Typen karikiert. Wird fortgesetzt. Versprochen. Ist ja ein Läster-Lexikon!

 

In „Laufenbergs Läster-Lexikon“ zu lesen, das ist wie flippern. Die Kugel wird aufs Feld geschossen, indem beispielsweise das Stichwort „Sucht“ aufgerufen wird. Dann macht man schon mit dem Anklicken der ersten Verweisung so was wie Punkte und folgt, neugierig geworden, beim Hin und her einer Verweisung nach der anderen. Ob man nachher als Gewinner dasteht, ist nicht so einfach festzustellen wie mit dem simplen Punktsystem, weil man beim Lesen der Stichwörter und Betrachten der Illustrationen nicht einfach Punkte kriegt, wie beim Flippern, sondern eine Bewusstseinserweiterung erlebt, viel effektiver als mit Drogen – wenn auch genauso bedenklich. 

 

Ich komme immer wieder auf Malta zurück. Was diese Inselgruppe im Mittelmeer so unvergleichlich macht, ist mir dreimal zu einem Buch geworden: Aus längeren Besuchen und intensiven Recherchen entstanden die beiden Kulturthriller „Sarkophag“ und „Hypogäum“ sowie der historische Roman „Favoritin zweier Herren“ über den kampfkräftigen Ritterorden der Johanniter/ Malteser, der Jahrhunderte lang Europa gegen das Vordrängen des Islam verteidigt hat, bis Napoleon ihn von der schwer befestigten Insel vertrieben hat. 

 

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