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855. Ausgabe

Passiertes! – Passierte es?

 

Immer noch gibt es Länder, in die man nicht gerne reist, weil dort schon die kleinste kritische Äußerung lebensgefährlich ist. Denn die dort herrschenden Potentaten haben die Hosen gestrichen voll aus Angst vor Kritik, und ihre Schergen dürfen deshalb hemmungslos zuschlagen. Eigentlich eine total unnötige Angst der Gewaltherrscher, wie ihnen ein Blick in die westliche Presse zeigen könnte, die Tag für Tag voller Kritik an den Regierenden ist, was aber überhaupt nichts ändert.

 

Ich lese in der Zeitung die Überschrift: Maaßen will für die CDU in den Bundestag. Da frage ich mich: Wirklich für die CDU? Oder nicht eher mit Hilfe der CDU? Der Journalist, der diese Überschrift formuliert hat, hält es offenbar für selbstverständlich, dass die Abgeordneten für die Parteien da sind. Dabei haben die Abgeordneten ein freies Mandat.  

 

Weiter lese ich im Wirtschaftsteil, dass sich durch den rasanten Kartonverbrauch des Versandhandels der Wert von Altpapier gegenüber dem Vorjahr vervielfacht hat. Doch wir brav alle Abfälle trennenden Verbraucher verschenken nach wie vor unser Altpapier und zahlen sogar noch für die blaue Tonne und für ihre regelmäßige Leerung. Dabei erinnere ich mich an die Zeitungspacken, die ich als Junge gesammelt und mit dem Fahrrad zu einem Altwarenhändler gebracht habe, wo sie gewogen und mir mit Kleingeld bar auf die Hand bezahlt wurden. 

 

Komisch, je älter ich werde, umso mehr fühle ich mich in Museen zuhause. Nun ja. Doch jetzt erfuhr ich: Von den 95 000 Museen, die es weltweit gibt, sind momentan 85 000 wegen der Corona-Pandemie geschlossen, und 12 350 geschlossene Museen werden voraussichtlich nie mehr geöffnet. Da frage ich mich: Wozu überhaupt noch älter werden?

 

Laufenbergs Läster-Lexikon (LLL), im Frühjahr 1998 mit nur zehn Stichwörtern als interaktives Projekt im Netzine gestartet, hat durch die begeisterte Aufnahme bei den Lesern inzwischen einen stattlichen Umfang angenommen. Und wächst und wächst und wächst. Heute bieten annähernd 1200 Stichwörter, lauter informative Mini-Essays mit Haken, und etwa 200 Illustrationen einen Abenteuerspielplatz des Geistes, von dem man sich nur schwer wieder lösen kann, wenn man so tollkühn war, ins LLL hineinzuklicken: www.netzine.de.

 

Wasser ist das Lebensmittel Nummer Eins, so heißt es. Dann leben wir, die wir so gern gegen allerlei protestieren, wie im Paradies. Im Unterschied zu den rund 2,2 Milliarden Menschen, die keinen ständigen Zugang zu sauberem Wasser haben. Wir leisten uns den Luxus, das Wasser, das in unsere Wohnungen fließt, mit aufwendigen Verfahren stets auf Trinkwasserniveau zu halten. Dabei verbrauchen wir von diesem Trinkwasser 36 % zur Körperpflege, 27 % in der Toilette, 18 % für Wäsche und Geschirr und nur 4 %  als Lebensmittel. Aber neben Trinkwasser auch minderwertigeres Brauchwasser in unsere Wohnungen fließen zu lassen, was ökonomisch und ökologisch sinnvoll und für Neubauten auch möglich wäre, wagt man nicht, weil das unsere Gesundheit ruinieren würde, da wir für die ordentlich getrennte Verwendung von Trinkwasser und Brauchwasser zu dumm sind.

 

Dichter und Bauer, diese selbstverständliche Gleichstellung war gestern. Ebenso der Grundsatz: Der Mensch lebt nicht vom Brot allein. Denn jetzt hat der Verwaltungsgerichtshof Baden-Württemberg in Mannheim festgestellt, dass der Buchhandel nicht der Grundversorgung diene. Eine Entscheidung gegen das älteste Massenmedium, das Buch, die das neue, geschrumpfte Bild des deutschen Richters zeigt. In seinem Fachbereich gefangen. War doch schon aufgefallen, dass die traditionell einmal im Jahr mit Literatur und Recht als Schwerpunkt erscheinende Fachzeitschrift der Juristen, die Neue Juristische Wochenschrift Nr. 11/2021, diesmal kaum noch auf Literarisches eingeht, gerade nur noch in einem Reiseführer, einer Kurzgeschichte sowie in einem Roman Lion Feuchtwangers anklingend.

 

Der Salon Literatur Verlag in München meldet, dass mein neues Buch, ein ungewöhnlicher Familienroman, jetzt im April erscheint. Und die Edition Karo in Berlin hat mir den Verlagsvertrag für mein Australienbuch geschickt, das im nächsten Jahr erscheinen wird. Wie man so sagt: Es rappelt im Karton. Zwei konzernunabhängige Verlage, die Mitglieder der renommierten Kurt-Wolff-Stiftung sind. Und ich bin schon wieder beim Texten für die nächste Ausgabe meiner zweiwöchentlich aktualisierten Visitenkarte www.netzine.de

 

Mal ist es eine tödliche Seuche, die weltweit Unheil anrichtet, mal ist es eine Ideologie, die angeblich das Leben verbessert, mal sind es einzelne Menschen, die zu viel Macht in die Hände bekommen haben. Wir müssen uns mit den großen Schrecknissen der Geschichte beschäftigen, um für die nächsten besser gewappnet zu sein. In dem 2020 erschienenen Buch „Zwei vor Zwölf“ ist nach den inzwischen vorliegenden Erkenntnissen dargestellt, was die beiden mächtigsten Männer des Dritten Reichs an tollen Klimmzügen gemacht haben, um 1945 ihre Haut zu retten (www.netzine.de/library/).  

 

 

 

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854. Ausgabe

Passiertes! – Passierte es?

 

 

Ist die Corona-Politik des brasilianischen Präsidenten Bolsonaro wirklich so unsinnig? Oder ist sie vielleicht das Ergebnis eines Triagierens auf höchstem Niveau? Das heißt, man opfert lieber die Alten und die Kranken, statt die Wirtschaft durch harsche Beschränkungen kaputt zu machen, den Staatshaushalt zu ruinieren und dem Volk die Lust am Sich-Vermehren zu nehmen, wie das die meisten anderen Staatsführer machen. Also eine bewusste Entscheidung gegen die Teile der Bevölkerung, die ohnehin nicht mehr viel zu erwarten und zu bieten haben? Zum Glück ist solch eine Abwägung bei uns nicht möglich, weil sie gegen die Menschenwürde verstoßen würde.

 

Von der Tageschau erfahre ich, dass die Bundesregierung im vergangenen Jahr gut 430 Millionen Euro für Unternehmensberater ausgegeben hat, was 46 % mehr war als im Vorjahr, wobei sich besonders hervorgetan haben das Innenministerium, das Verkehrsministerium und das Finanzministerium. Da fällt mir spontan ein, wie dieses Loch im Eimer geflickt werden könnte, und das ohne Kompetenzverlust: Einfach den Ministerien, die sich Rat von außen gekauft haben, das Budget fürs nächste Jahr kürzen, und zwar in der Höhe des gezahlten Beratungshonorars.

 

Ob es um die Meinungsfreiheit geht oder um die Währungssicherheit, beides klassische Aufgaben des Staates, es gerät das neuerdings immer mehr in private Hände. Großkonzerne wie Facebook und Google machen Agitation und Zensur, und sie arbeiten bereits an eigenen Währungen, nicht bloß moderneren Zahlungsmethoden. Zudem ist die Zahl der Lobbyisten, die in den Regierungszentralen die Interessen von Firmen und Verbänden vertreten, noch größer als die Zahl der Abgeordneten. Das heißt, die Staatsform Demokratie ist im Schwinden. Denn die Leute, die wir wählen, mutieren immer mehr zu Handpuppen von Wirtschaftsführern, die wir nie gewählt haben. Die von einer einzelnen Person autoritär geführte Scheindemokratie zeigt sich als die Staatsform von morgen, da und dort unübersehbar schon die von heute.

 

Neues aus dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten: Forscher aus Princeton haben in einem Bericht der amerikanischen Nationalen Akademie der Wissenschaften dargelegt, dass Bildung die Lebenserwartung erhöht. So sollen Erwachsene mit dem Studienabschluss Bachelor durchschnittlich drei Jahre länger leben als solche ohne Abschluss. Das würde die Erfahrung bestätigen, dass in Sachen Gesundheit der Einsatz von Verstand schon die halbe Miete ist.

 

Corona ist sowas von ungerecht. Die Kartonagenfabriken und die Post gewinnen, gut tut die Seuche auch den Spieleanbietern, Scheidungsanwälten und Tierasylen, erst recht den Sargherstellern und der kränkelnden Umwelt, der Handel mit Alkohol und anderen Drogen wird belebt, aber Vereine aller Art verlieren Mitglieder, die Frauenhäuser sind überfüllt, die Züge und Flugzeuge leer, der Staat nimmt weniger Steuern ein und Hotels, Geschäfte, Kneipen sowie Restaurants machen Pleite. Achtung, diese Aufzählung erhebt nicht den Anspruch, vollständig zu sein – nur verständig.

 

Die junge Amerikanerin Amanda Gorman, die mit ihrer toll gestylten Aufmachung und einem langen Gedicht dem Präsidenten Joe Biden bei seiner Vereidigung die Schau gestohlen hat, kommt mit den Übersetzern ihres Gedichts nicht zurecht. Schon zwei Versuche sind gescheitert. Nun ist Lyrik ohnehin so gut wie unübertragbar. Eine Übersetzung ergibt immer ein anderes, eigenständiges Werk und sollte deshalb lieber ganz unterbleiben. Was aber auch für jeden sprachlich anspruchsvollen Roman gilt. Trotzdem würde ich die Erlaubnis erteilen bei meinem Buch „Hitlers Double“, für das The British Society of Authors die dringende Empfehlung gegeben hat, es ins Englische zu übersetzen und dann zu verfilmen (www.netzine.de/library/walter-laufenberg/hitlers-double/). Leider noch nicht geschehen, weil der Verleger gestorben ist.

 

Sprache lebt und macht ständig Wandlungen durch. Im Deutschen entstehen dadurch üblicherweise pro Jahr rund zweihundert neue Wörter. Offensichtlich steigert die Corona-Pandemie diesen Trend noch. Sie überfällt uns nicht nur mit einem Wust von Anglizismen, sondern auch mit einer Inflation neuer oder in der Bedeutung veränderter deutscher Wörter, beispielsweise Abstandsbier, Impfneid und Coronafrisur sowie Coronaparty, Maskenmuffel und Mobilarbeit. Eine ständig aktualisierte alphabetische Übersicht, genannt Corona-Glossar zur Covid-19-Pandemie, bietet das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache: www.dwds.de.

 

Dieser Nachthimmel voller Wolken, bedrückend düster bis beinahe schwarz, er lässt auf einmal den Mond durch. So plötzlich ein helles Licht, wie ein in den dunklen Vorhang gerissenes Loch. Wer war das? Aber schon wieder weg. Wenn ich so dasitze, hinter der Doppelverglasung, in meinem Lesesessel, die Füße auf dem Schreibtisch, im gut geheizten Arbeitszimmer, dann erlebe ich etwas, das irgendeiner meiner Vorfahren in der Steinzeit exakt genauso erlebt hat: Plötzlich ein helles Licht, als er vor seiner Wohnhöhle auf einem Stein saß, in den Nachthimmel starrte und auf die Frau wartete, die längst vom Beerensammeln zurück sein müsste. – Sein Problem, Schluss damit. Ich werde gerade zum Abendessen in die Küche gerufen.

 

Das uralte Thema: Eine Frau zwischen zwei Männern. In dem Roman „Die Triangel“ ist es eine mutige, aber nicht gefühllose Journalistin in den besten Jahren, die in die Zwickmühle gerät. Das ist jedoch weit mehr als ein normaler Liebesroman, weil sich alles in authentischem Rahmen abspielt, in Tel Aviv und Jerusalem, in New York, Berlin und Heidelberg. Also nebenbei schon fast ein Reiseführer, aber nur mit stark erhöhtem Pulsschlag zu lesen (www.netzine.de/library/).

 

 

 

 

 

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853. Ausgabe

Passiertes! – Passierte es?

 

Mit großzügigen Diäten verwöhnte Volksvertreter fanden es nicht anstößig, sich an dem Leiden des von ihnen vertretenen Volkes unter der Pandemie zu bereichern. Erschreckend! Aber schuld daran sind letztlich wir, weil wir es als selbstverständlich hinnehmen, dass in der öffentlichen Meinung bei der Menschenbeurteilung der Erfolg nur in hohen Geldbeträgen ausgedrückt wird. Immer geht es darum, wie viele Milliarden einer hat, oder zumindest wie viele Millionen. Andere Erfolge und andere Größen gelten uns nichts. Es geht uns nicht um Verdienste, sondern immer nur um Einnahmen, auch unverdiente. Das heißt, wir alle leiden an der Dagobert-Duck-Krankheit.

 

Auch in Corona-Zeiten gilt noch die alte Logik. Also muss ich schlussfolgern: Je mehr Schnelltests und Selbsttests gemacht werden, umso mehr Infektionen werden entdeckt; und je mehr Infektionen festgestellt werden, umso höher ist der aktuelle Inzidenzwert. Soweit ist alles klar, nur bleibt die lästige Frage: Wem nützt die Feststellung eines höheren Inzidenzwertes?

 

Die öffentliche Meinung wird geformt von den Medien, die so tun, als gäben sie die öffentliche Meinung wieder. Dass die Presse auf diese Weise schon lange als 4. Gewalt im Staat tätig ist, und das ohne demokratische Legitimation und Kontrolle, war schon immer ein Ärgernis. Doch ließ sich damit leben. Erst durch den Shitstorm, den die sog. sozialen Medien bei jeder störenden Bemerkung auslösen, wird das, was man öffentliche Meinung nennt, unerträglich. So schnürt heute die Meinungsfreiheit, einfach von der Leine gelassen, der von der Verfassung geschützten Meinungsvielfalt die Luft ab.

 

Wenn ich das so höre: „Von Aktien hab’ ich keine Ahnung, da lass’ ich die Finger von.“ Dabei muss man nur auf die Streuung achten, der alten Börsenweisheit folgend: Man legt nicht alle Eier in einen Korb. Dann ist die Sache ganz einfach. Man kauft nur Aktien von Unternehmen, deren Produkte  man kennt und schätzt, beispielsweise unter dem Buchstaben A: Adidas, Allianz oder Amazon. Oder unter B: BASF, Beiersdorf (Nivea) oder BMW. Und so weiter, aber niemals auf Kredit kaufen, sondern nur mit Geld, das man gerade übrig hat. Und dann die Aktien einfach liegen lassen. Jahre und Jahrzehnte sich nicht mehr drum kümmern, auch nicht um das Rauf und Runter an der Börse. Bloß einmal im Jahr die Dividenden, die man bekommen hat, wieder zu neuen Aktienkäufen einsetzen, so wird das was.

 

Jetzt stieß ich auf eine zwar sehr kleine, aber doch interessante Untersuchung. Die Berlin School of Business and Innovation (BSBI) hatte sich gefragt, was die Vorstände der 30 Dax-Konzerne studiert haben. Es ging also um die Ausbildung der Spitzenleute der deutschen Wirtschaft. Prompt stand an erster Stelle das Studium Master of Business Administration. Business bleibt Business. An zweiter Stelle kam das klassische BWL-Studium, und erst an dritter Stelle folgte das früher alles beherrschende Jura-Studium, gefolgt von Maschinenbau und VWL. Entsprechend fiel die Rangfolge der akademischen Abschlüsse aus, die diese Manager erreicht haben. Die meisten haben den Master, an zweiter Stelle kommt der Doktor, an dritter Stelle das Diplom, gefolgt von dem Bachelor. Passt, doch der häufigste Studienort der Spitzenmanager war nach dieser Mini-Untersuchung erstaunlicherweise nicht Berlin, sondern München vor Aachen, Darmstadt und Köln. Berlin kam erst auf Platz fünf.

 

Der Verein Deutsche Sprache macht in der neuesten Ausgabe seiner „Sprachnachrichten“ die modisch gewordene Duzerei zum Thema und ergeht sich in Betrachtungen von Nähe und Distanz. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es im Alltag um unangenehm spürbare Unterschiede geht. An dem Abend in Aachen, an dem ich mich angezogen hatte, um einer Kneipenbekanntschaft bei der heimischen Geburtstagsfeier zu gratulieren und ein Geschenk zu überreichen, überfiel mich erst beim Mantelanziehen die Frage: Wo wohnt der Willi überhaupt? Das wusste ich nicht, und weil ich wegen der Duzerei auch seinen Nachnamen nicht kannte, konnte ich nicht im Telefonbuch nachschlagen. Da blieb mir nur, die Schuhe wieder auszuziehen und daheim zu bleiben. Mit der Erkenntnis: Solange alle Verzeichnisse nach Familiennamen geordnet sind, ist es gescheiter, sich diese Namen zu merken statt der Massenware Vorname, und den Familiennamen kennt man nur, wenn man das scheinbar so freundschaftliche Du erst mal vermeidet.

 

Früher gab es am Aschermittwoch in der Kirche das Aschenkreuz, das der Priester den Gläubigen auf die Stirn malte. Dazu sagte er: „Bedenke, dass du Staub bist und wieder zum Staub zurückkehren wirst.“ Wegen der aktuellen Kontaktbeschränkungen ging das nun nicht. Deshalb hat manche Kirche eine Abholstelle für wortlos und berührungslos ausgegebene Asche eingerichtet, wohin sie ihre Schäfchen einlud. Natürlich in neuem Kirchenlatein: Ash to go. Da soll es allerdings zu manch peinlicher Verwechslung gekommen sein.

 

Die Lernverluste durch Schulschließungen sind nur schwer aufzuholen, so der aktuelle Seufzer der Corona-Redner. Dazu sage ich als ein Betroffener: Ich habe als Kind die allgemeine kriegsbedingte Schulschließung in Deutschland gegen Ende 1944 er- und überlebt. Der einzige bleibende Nachteil war, dass ich später, als sich niemand mehr an diese generelle Nichtversetzung erinnerte, in allen Bewerbungsschreiben so aussah, als wäre ich einmal sitzen geblieben. Bin ich aber nicht.

 

Dass Religionsgemeinschaften sich unbarmherzig bekämpfen, ist Tradition. Begründet in dem Anspruch jeder Religion, die „Richtige“ zu sein. Jetzt hat Papst Franziskus den Irak besucht und eine Messe gefeiert in Mossul, wo vor Jahren der Führer des sog. Islamischen Staats IS sein Kalifat ausgerufen und angekündigt hatte, man werde „nach Rom ziehen“ und „dem Papst den Kopf abschneiden“. Jetzt kam der Papst den Moslems entgegen, nicht triumphierend, sondern als Verkünder einer revolutionären Idee: Das historische Nacheinander der drei monotheistischen Religionen Judentum, Christentum und Islam ist kein Sich-Ablösen, wie beim Staffellauf, sondern ein Nebeneinander-Laufen. Über den Hot-Spot Irak gibt ein Buch auf ungewöhnliche Weise Auskunft: „Denk ich an Bagdad in der Nacht“ (www.netzine.de/library). Hier zwei Reportage-Fotos aus diesem Buch.

 

 

 

 

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835. Ausgabe

Passiertes! – Passierte es?

 

Es gibt in vielen Sprachen das Bedürfnis nach einem dritten Geschlecht, und das nicht nur bei der Suche nach der richtigen Tür der Bedürfnisanstalt für alle, die sich nicht als Herr und nicht als Dame fühlen. Im Schwedischen gibt es dafür neben han (er) und hon (sie) schon lange das Pronomen hen, das jetzt auch offiziell anerkannt wurde. Und im Englischen experimentiert man mit dem Mx, das neben Mr (Mister) und Mrs (Missis) fungieren soll. Nur weiß man noch nicht, wie man es aussprechen soll. Als Mix? Oder als Max? Da denkt unsereiner doch gleich an Moritz.

 

Dass Deutschland, einst eines der wichtigsten Kulturländer, als das Land der Dichter und Denker gerühmt, heute in der Welt nur noch als Lieferant von Autos und anderen Maschinen Bedeutung hat, ach ja, neben Kopfschmerztabletten und Hilfsgeldern, das ist blamabel. Eingelullt vom permanenten Krimi- und Fußballrummel haben wir Deutschen nicht mehr viel zu bieten. Wir sind eher die nützlichen Idioten der Welt geworden.

 

Die Nationalsozialisten haben den Begriff Rasse für ihre brutale Vernichtungspolitik gegenüber den Juden missbraucht und damit für uns Heutige zu einem Schreckwort gemacht. Also weg mit dem Begriff? So einfach geht es wohl nicht. Wissen wir doch, dass wir Menschen biologisch bloß eine höher entwickelte Tierart sind. Und bei Tieren – denken wir nur einmal an Pferde und Rinder, Hunde und Hühner – sind uns die Rassen eminent wichtig.

 

Vor vielen Jahren wurde ich in einem Ostblockland von einem Einheimischen gefragt: „Wie kommt es, dass es euch Deutschen so viel besser geht als uns, wo ihr doch den Krieg verloren habt?“ Da konnte ich nur antworten: „Weil wir gleich nach Kriegsende führende Politiker hatten, die sich vernünftig für ihr Land eingesetzt haben und nicht korrupt waren.“ Was prompt die nächste Frage auslöste: „Und wie kommt es, dass ihr solche Politiker hattet und wir nicht?“ Ich wollte nicht überheblich wirken, musste aber ehrlich zugeben: „Weil wir in Deutschland eine etwas höhere allgemeine Volksbildung hatten, die dazu führte, dass nur höher gebildete Politiker, die sich schon in anerkannten Berufen bewährt hatten, an die Spitze kommen konnten, nicht aber Leute, die sich durch windige Aktionen die Macht erschlichen haben.“

 

Seitdem so gut wie jeder Zugang zum Internet hat, ist es für die einfacher gestrickten Zeitgenossen selbstverständlich, dass fast alles rechtefrei und kostenlos ist. Damit nähern wir uns einem Zustand, den es schon früher gab, als die Maler ihre Bilder noch nicht signierten, und die Schreiber und Bildhauer, die Bauherren wie die Musikschaffenden unbekannt blieben, weil Nachahmung und Vervielfältigung sogar Kulturtaten waren. Wenn wir uns weiter in dieser Richtung zurückentwickeln, sieht das Urheberrecht eines Tages nur noch wie ein heiteres Zwischenspiel aus, genau wie das kreative Leben der freien Künstler.

 

Wie dieses störende, gerade nur punktgroße Tierchen auf meinem Blatt Papier keine Vorstellung davon hat und haben kann, wo es sich befindet und wie leicht ich es zerdrücken kann, so stehen wir Menschen den unvorstellbaren Dimensionen des Weltalls gegenüber: Als noch nicht einmal punktgroße Winzwesen ohne die Vorstellung von einem übergroßen Wesen, das uns aus Ordnungssinn oder aus Versehen zerdrücken kann. Und was das Tollste ist: Wenn man an solch ein Superwesen glaubt, findet man auch immer wieder Bestätigungen für diesen Glauben.

 

Rentner klagen darüber, dass sie trotz 40 Jahren Arbeit und Einzahlung in die Rentenversicherung, dann doch nur eine Monatsrente von weniger als 1.000 Euro bekommen. Als ich vor 35 Jahren in West-Berlin gesehen habe, dass die Bürohäuser der Rentenversicherung fast ein ganzes Stadtviertel füllen, wo Tausende Angestellte sitzen, die das Rentengeld verwalten, wurde mir klar: Da kann für Rentenzahlung kaum was übrig bleiben. Abgesehen davon, dass noch viele weitere personalstarke Rentenburgen in den einzelnen Bundesländern stehen. Immerhin hatte der zuständige Minister mit dem Spruch: „Die Rente ist sicher“, für den großen Volksbetrug die richtige Wortwahl getroffen. Denn sicher gibt es irgendwann die Rente, nur wie niedrig sie ist, das blieb eine offene Frage.

 

Die Hirnforschung verrät uns, dass wir beim Anhören von Sprache vor allem die linke Gehirnhälfte benutzen, beim Musikhören dagegen die rechte. Das gibt uns die Chance, einmal verstärkt unsere gesamte Gehirnkapazität einzusetzen. Wir brauchen uns einfach nur ein Lied vorsingen zu lassen, allerdings nicht aus den Carmina Burana, sondern ein Lied, bei dem wir auch den Text verstehen.

 

Wochenlang hat Facebook mir 5 Dollar als Geschenk angeboten, wenn ich bereit wäre, etwas zu bewerben. Jetzt habe ich dem Drängen nachgegeben und Facebook einen Werbeauftrag für „Tödliches Einmaleins“ erteilt, meinen historischen Heidelberg-Krimi über den Zwerg Perkeo als Hofnarr und Ermittler. Doch schon am zweiten Tag der Aktion wurde mir mitgeteilt: „Abgelehnt. Dieser Beitrag kann nicht beworben werden, weil er den Facebook-Werberichtlinien nicht entspricht.“ Was für Schwierigkeiten die Facebooker konkret mit dem Einmaleins haben, wurde nicht verraten. Aber dieser Barockzeit-Krimi ist natürlich nicht nur zeitgemäß sexy, sondern auch eine intellektuelle Herausforderung.  

 

 

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808. Ausgabe

Passiertes! – Passierte es?

 

 

Das ist die Mutter aller Fragen: Wird die kleine Küstenseeschwalbe demnächst sesshaft? Noch ist sie der Star unter den Langstreckenfliegern. Sie wechselt jedes Jahr von der Arktis, wo sie gebrütet hat, in die Antarktis, wo sie überwintert, um von dort wieder zu den arktischen Brutplätzen zurückzukommen. Das sind immer circa 30.000 Kilometer zu flattern, und das rund dreißig Jahre lang. Doch wird die Extremfliegerin durch die Klimaänderungen wohl bald merken, dass sie sich die weiten Flüge sparen kann, weil es da wie dort wärmer wird.

 

So plötzlich, wie jetzt Politiker aller Parteien sich für das Thema Klima erwärmen, kann es demnächst nur sehr heiß werden.

 

Aus der Vogelperspektive ist das Mittelmeer ein Meer des Todes. Und das nicht nur wegen der vielen tausend Afrikaner, die bei dem Versuch, nach Europa zu kommen, ertrinken. Rund um das Mittelmeer werden Jahr für Jahr Millionen Vögel in Fallen gefangen oder abgeschossen, die als besondere Delikatesse auf die Speisekarten kommen. Auch besonders geschützte Arten. Vor allem auf Zypern und Malta sowie in Italien.

 

Die Hersteller von Hundefutter stehen vor einem Jahrhundertproblem: Weil echte Tierfreunde es generell ablehnen, dass Tiere getötet werden, um daraus Nahrungsmittel zu machen, müssen sie jetzt veganes Hundefutter produzieren. Dieses Futter muss so fleischähnlich sein, dass selbst die hochempfindlichen Hunde den dreisten Betrug weder riechen noch schmecken können. Bisher unmöglich.

 

Goethe, Schiller, Kleist, Ihr hattet es besser. Unsere Klassiker durften noch dem Ehrgeiz folgen, große Kunst zu produzieren. Heute steht hinter jedem Schriftsteller der Staat – in Gestalt eines Finanzbeamten – mit der Forderung, möglichst Seichtes zu schreiben, mit dem ein Massenpublikum erreicht werden kann und ein Maximum an Steuern eingenommen wird. Der Staat kennt keine Kunst, er kennt nur Umsatz.

 

Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels hat voller Stolz verkündet, dass das Jahr 2018 erstmals wieder positive Zahlen brachte. Nachdem die Zahl der Buchkäufer jahrelang geschmolzen war, hat man 300.000 Buchkäufer dazugewonnen, und das obwohl eintausend neue Titel weniger auf den Markt gekommen waren. Das Buch ist und bleibt doch attraktiver als alle Elektronik und Bildchenguckerei.

 

Das Stichwort Nationalcharakter habe ich in meinen großen Lexika von Meyers und Brockhaus vergebens gesucht. Fehlt einfach. Und bei Wikipedia wird es nur mit ängstlichen Einschränkungen gebracht, weil ethnische Diffamierungen und die Verbreitung von bloßen Klischees sowie die Selbstüberschätzung der Schreiber als Fehlerquellen nicht auszuschließen sind. Dennoch und trotz der schon weit fortgeschrittenen Globalisierung und bei aller Liebe meiner Zeitgenossen zur Gleichmacherei wage ich zu behaupten: Es gibt auch heute noch deutliche Unterschiede im Nationalcharakter. Denn klimatische Bedingungen und politische Ereignisse sowie kulturelle und wirtschaftliche Erfolge der einzelnen Völker haben dazu geführt, dass hier und da und dort ein jeweils etwas anderer Menschentypus vorherrschend wurde. Und den zu betrachten, ist ein Spaß für sich, fast schon ein Besuch in einem Kuriositätenkabinett. In „Laufenbergs Läster-Lexikon“ habe ich unter dem Stichwort „Verallgemeinerung“ ein paar von diesen Typen karikiert. Wird fortgesetzt. Versprochen. Ist ja ein Läster-Lexikon!

 

In „Laufenbergs Läster-Lexikon“ zu lesen, das ist wie flippern. Die Kugel wird aufs Feld geschossen, indem beispielsweise das Stichwort „Sucht“ aufgerufen wird. Dann macht man schon mit dem Anklicken der ersten Verweisung so was wie Punkte und folgt, neugierig geworden, beim Hin und her einer Verweisung nach der anderen. Ob man nachher als Gewinner dasteht, ist nicht so einfach festzustellen wie mit dem simplen Punktsystem, weil man beim Lesen der Stichwörter und Betrachten der Illustrationen nicht einfach Punkte kriegt, wie beim Flippern, sondern eine Bewusstseinserweiterung erlebt, viel effektiver als mit Drogen – wenn auch genauso bedenklich. 

 

Ich komme immer wieder auf Malta zurück. Was diese Inselgruppe im Mittelmeer so unvergleichlich macht, ist mir dreimal zu einem Buch geworden: Aus längeren Besuchen und intensiven Recherchen entstanden die beiden Kulturthriller „Sarkophag“ und „Hypogäum“ sowie der historische Roman „Favoritin zweier Herren“ über den kampfkräftigen Ritterorden der Johanniter/ Malteser, der Jahrhunderte lang Europa gegen das Vordrängen des Islam verteidigt hat, bis Napoleon ihn von der schwer befestigten Insel vertrieben hat. 

 

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