Archiv der Kategorie: Aktuell

Veröffentlicht unter Aktuell | vbnm Verschlagwortet mit | Kommentare deaktiviert für

808. Ausgabe

Passiertes! – Passierte es?

 

 

Das ist die Mutter aller Fragen: Wird die kleine Küstenseeschwalbe demnächst sesshaft? Noch ist sie der Star unter den Langstreckenfliegern. Sie wechselt jedes Jahr von der Arktis, wo sie gebrütet hat, in die Antarktis, wo sie überwintert, um von dort wieder zu den arktischen Brutplätzen zurückzukommen. Das sind immer circa 30.000 Kilometer zu flattern, und das rund dreißig Jahre lang. Doch wird die Extremfliegerin durch die Klimaänderungen wohl bald merken, dass sie sich die weiten Flüge sparen kann, weil es da wie dort wärmer wird.

 

So plötzlich, wie jetzt Politiker aller Parteien sich für das Thema Klima erwärmen, kann es demnächst nur sehr heiß werden.

 

Aus der Vogelperspektive ist das Mittelmeer ein Meer des Todes. Und das nicht nur wegen der vielen tausend Afrikaner, die bei dem Versuch, nach Europa zu kommen, ertrinken. Rund um das Mittelmeer werden Jahr für Jahr Millionen Vögel in Fallen gefangen oder abgeschossen, die als besondere Delikatesse auf die Speisekarten kommen. Auch besonders geschützte Arten. Vor allem auf Zypern und Malta sowie in Italien.

 

Die Hersteller von Hundefutter stehen vor einem Jahrhundertproblem: Weil echte Tierfreunde es generell ablehnen, dass Tiere getötet werden, um daraus Nahrungsmittel zu machen, müssen sie jetzt veganes Hundefutter produzieren. Dieses Futter muss so fleischähnlich sein, dass selbst die hochempfindlichen Hunde den dreisten Betrug weder riechen noch schmecken können. Bisher unmöglich.

 

Goethe, Schiller, Kleist, Ihr hattet es besser. Unsere Klassiker durften noch dem Ehrgeiz folgen, große Kunst zu produzieren. Heute steht hinter jedem Schriftsteller der Staat – in Gestalt eines Finanzbeamten – mit der Forderung, möglichst Seichtes zu schreiben, mit dem ein Massenpublikum erreicht werden kann und ein Maximum an Steuern eingenommen wird. Der Staat kennt keine Kunst, er kennt nur Umsatz.

 

Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels hat voller Stolz verkündet, dass das Jahr 2018 erstmals wieder positive Zahlen brachte. Nachdem die Zahl der Buchkäufer jahrelang geschmolzen war, hat man 300.000 Buchkäufer dazugewonnen, und das obwohl eintausend neue Titel weniger auf den Markt gekommen waren. Das Buch ist und bleibt doch attraktiver als alle Elektronik und Bildchenguckerei.

 

Das Stichwort Nationalcharakter habe ich in meinen großen Lexika von Meyers und Brockhaus vergebens gesucht. Fehlt einfach. Und bei Wikipedia wird es nur mit ängstlichen Einschränkungen gebracht, weil ethnische Diffamierungen und die Verbreitung von bloßen Klischees sowie die Selbstüberschätzung der Schreiber als Fehlerquellen nicht auszuschließen sind. Dennoch und trotz der schon weit fortgeschrittenen Globalisierung und bei aller Liebe meiner Zeitgenossen zur Gleichmacherei wage ich zu behaupten: Es gibt auch heute noch deutliche Unterschiede im Nationalcharakter. Denn klimatische Bedingungen und politische Ereignisse sowie kulturelle und wirtschaftliche Erfolge der einzelnen Völker haben dazu geführt, dass hier und da und dort ein jeweils etwas anderer Menschentypus vorherrschend wurde. Und den zu betrachten, ist ein Spaß für sich, fast schon ein Besuch in einem Kuriositätenkabinett. In „Laufenbergs Läster-Lexikon“ habe ich unter dem Stichwort „Verallgemeinerung“ ein paar von diesen Typen karikiert. Wird fortgesetzt. Versprochen. Ist ja ein Läster-Lexikon!

 

In „Laufenbergs Läster-Lexikon“ zu lesen, das ist wie flippern. Die Kugel wird aufs Feld geschossen, indem beispielsweise das Stichwort „Sucht“ aufgerufen wird. Dann macht man schon mit dem Anklicken der ersten Verweisung so was wie Punkte und folgt, neugierig geworden, beim Hin und her einer Verweisung nach der anderen. Ob man nachher als Gewinner dasteht, ist nicht so einfach festzustellen wie mit dem simplen Punktsystem, weil man beim Lesen der Stichwörter und Betrachten der Illustrationen nicht einfach Punkte kriegt, wie beim Flippern, sondern eine Bewusstseinserweiterung erlebt, viel effektiver als mit Drogen – wenn auch genauso bedenklich. 

 

Ich komme immer wieder auf Malta zurück. Was diese Inselgruppe im Mittelmeer so unvergleichlich macht, ist mir dreimal zu einem Buch geworden: Aus längeren Besuchen und intensiven Recherchen entstanden die beiden Kulturthriller „Sarkophag“ und „Hypogäum“ sowie der historische Roman „Favoritin zweier Herren“ über den kampfkräftigen Ritterorden der Johanniter/ Malteser, der Jahrhunderte lang Europa gegen das Vordrängen des Islam verteidigt hat, bis Napoleon ihn von der schwer befestigten Insel vertrieben hat. 

 

Veröffentlicht unter Aktuell | Kommentare deaktiviert für 808. Ausgabe

807. Ausgabe

Passiertes! – Passierte es?

 

Das erleben wir täglich: Politiker schmähen einander als Populisten, und die Presse übernimmt das als ein Schimpfwort, ohne dem Publikum zu verraten, dass in einer Demokratie alle Politiker Populisten sind  ̶   oder es zumindest sein sollten. Kommt das Wort Populist doch von dem lateinischen populus = Volk, meint also eigentlich Politiker, die sich um das Volk bemühen. Man hat bei der Übersetzung von Volk bloß das griechische Wort demos gegen das lateinische Wort populus ausgetauscht, um ein Schimpfwort daraus zu machen. Was nur scheinbar etwas Schlechteres ist. Strebt doch jeder Politiker nach größtmöglicher Popularität, gleich welcher Partei er angehört.

 

Kam mir jetzt wieder einer mit dem alten Spruch, Musik sei eine ganz besondere Sprache. Da habe ich ihn kurz abgetan mit dem Geständnis, dass ich diese Sprache so wenig verstehe wie die Sätze eines Tennisspiels. Das eine wie das andere sagt mir als Sprache nichts und macht mich nicht ein Quäntchen klüger.

 

Ein Schimpfwort, das en vogue ist, heißt Nationalist. Vor Gebrauch zu schütteln. Damit klärt sich das Gebräu, und man kann unterscheiden: Wenn es um Leute geht, die ihr Land für generell besser halten als alle anderen Länder, ist das Schimpfen berechtigt. Geht es dagegen um Leute, die ihr Land gegen eine Eroberung, gleich ob militärischer, wirtschaftlicher oder kultureller Art, verteidigen, sollte man sie nicht beschimpfen, sondern tatkräftig unterstützen. Hat man jedoch Leute vor sich, denen es bloß darum geht, in einer Vereinigung von Ländern, die sich immer enger zusammenschließen, das eigene Profil zu betonen, um nicht verloren zu gehen, genügt es, ihnen ein verständnisvolles Lächeln zu schenken.

 

In der Brockhaus-Enzyklopädie, die mit einer kurvenreichen Grafik über die vielen Kaltzeiten und Warmzeiten der Erde mit ihren gewaltigen Verschiebungen von Eismassen in den letzten zweieinhalb Millionen Jahren aufklärte, hieß es noch vor dreißig Jahren, dass wir im Moment in einer Zwischeneiszeit leben. „In der letzten Eiszeit waren über 28 % der Festlandsfläche, in der vorletzten Eiszeit über 32 % vergletschert, heute dagegen sind es nur etwa 10 %.“ Mit anderen Worten: Die Partei der Grünen hat es versäumt, die permanente Erderwärmung seit dem Ende der letzten Eiszeit (vor rund 20.000 Jahren) zu verhindern. Also muss ich die Sache selbst in die Hand nehmen: Ich esse ab sofort weniger Rindfleisch und keine aus Indien eingeflogenen Trauben mehr. Und Diesel kommt bei mir nicht mal aufs Hemd.

 

Die Westfälische Rundschau berichtete über ein Unternehmen, das ein Programm der Künstlichen Intelligenz entwickelt hat, mit dem ein Buchmanuskript automatisch darauf überprüft wird, ob es ein Bestseller wird oder nicht. Wunderbar, denn damit könnte man die Literaturagenturen überflüssig machen, die das Buch als Kulturgut ruinieren. Denn sie suchen fast nur nach Bestsellern, also möglichst seichter Massenware, weil sie an den Bucheinnahmen prozentual beteiligt sind. 

 

Die Unesco hat festgestellt, dass die Assistenzautomaten Cortana (von Google), Siri (von Apple) und Alexa (von Amazon) die Vorurteile gegenüber dem weiblichen Geschlecht fördern. Bemängelt wird die übertriebene Unterwürfigkeit der antwortenden Stimmen, die fast immer Frauenstimmen sind. Das wird als bedenklich bezeichnet, weil viele Menschen bereits vom kommenden Jahr an mehr Unterhaltungen mit diesen Sprachassistentinnen führen würden als mit echten Menschen. Dieser Zukunftsaspekt scheint mir noch bedenklicher als die monierte Unterwürfigkeit der Antwortstimmen, die man ohnehin bald durch selbstbewusst antwortende und neutral klingende Divers-Stimmen ersetzen wird. 

 

Der Duden hat 200.000 Stichwörter, das Grimmsche Wörterbuch sogar 350.000. Und Laufenbergs Läster-Lexikon bringt erst 1.075 Stichwörter. Aber wie die stechen!

 

Ein Ausflugsschiff ist bei einer Nachtfahrt in Budapest nach dem Zusammenstoß mit einem Kreuzfahrtschiff gesunken. Das erschreckt, wundert mich jedoch nicht, wenn ich hier am Rheinufer sehe, wie gerade wieder ein Schiffer, so ein für mich unsichtbarer Geisterreiter im lichtlosen Glaskasten, seinen Frachtkahn flussaufwärts schiebt. Da sitzt der Mann Stunde um Stunde im Dunkeln und starrt auf die Radarscheibe, um den zweihundert Meter langen Schiffsverbund zu steuern. Was er in mondloser Nacht reitet, das ist für mich ein dunkles Ungetüm mit atemlosem Schnauben, das bis auf die fünffache Bugleuchte, das rote Positionslicht und die drei Hecklampen sowie die schwach erhellten Fenster des Wohnraums unter ihm, in dem vermutlich seine Frau vor dem Fernseher sitzt, für mich unsichtbar bleibt. Ich kann dem Geisterreiter nur gute Fahrt wünschen – und dass er wach bleibt, Stunde für Stunde. Und auch die nächsten Stunden hellwach!

 

Die täglichen Nachrichten machen es deutlich: Die neue Saison des Sterbens im Mittelmeer ist eröffnet. Die See raubt ihnen die letzte Chance, den vielen Afrikanern, die der Misswirtschaft und dem Terror in ihrer Heimat zu entfliehen versuchen und zu Opfern verbrecherischer Schleuser werden. Was diese Tragödien beispielsweise für das mir besonders vertraute Malta bedeuten, für diese Insel mit den ältesten Rätseln der Menschheit, das habe ich in meinem Kulturthriller „Hypogäum“ dargestellt. Und das bleibt  – leider – weiter hochaktuell.

 

Veröffentlicht unter Aktuell | Kommentare deaktiviert für 807. Ausgabe

806. Ausgabe

Passiertes! – Passierte es?

 

 

 

Wem ich meine Stimme bei der Europawahl gebe? – Das weiß ich nicht. Denn als deutscher Schriftsteller fühle ich mich von den EU-Sprachregelungen und dem Auftreten sämtlicher EU-Politiker auf eine unverschämte Weise herabgesetzt. Nach wie vor wird Deutsch, also die Muttersprache der weitaus größten Bevölkerungsgruppe der EU, diskriminiert. Nur ein Beispiel: Der Pressesaal der EU-Kommission ist bloß auf Englisch und Französisch beschriftet. Deshalb sage ich auf die Frage, wem ich meine Stimme gebe, nicht shit oder merde, ich grüße mit Götz von Berlichingen.

 

Wenn ich meinen Computer ausschalten will, muss ich das Zeichen für Start anklicken. Dieser Widersinn sagt doch schon alles über das Sprachunvermögen und die Gedankenlosigkeit der Programmentwickler. Dabei sind das die Leute, die mittlerweile unser gesamtes Leben organisieren.

 

Jetzt erst ist ans Licht gekommen, dass der amerikanische Chemiekonzern Monsanto in Europa heimlich die Wissenschaftler und Journalisten überwacht, die sein Produkt Glyphosat kritisch bewerten. Da kann man nur hoffen, dass unter den Bayer-Managern jemand ist, der ein bisschen Juristisches gelernt hat und dem noch rechtzeitig einfällt, dass man in modernen Rechtssystemen einen Kauf (also auch den Kauf von Monsanto) rückabwickeln kann, wenn einem ein schwerer Mangel der Kaufsache (in dem Fall der bei Monsanto übliche Umgang mit der Wahrheit) verschwiegen worden ist.

 

Die Frankfurter Allgemeine moniert, dass Literaturverlage wie Piper und S. Fischer sowie Kiepenheuer & Witsch als Spitzentitel in ihren neuen Programmen die Romanversuche von bekannten Schauspielern anbieten. Die Zeitung stellt die Frage: Habt ihr denn nichts anderes? So berechtigt diese Kritik an den Verlagen ist, muss sie doch eigentlich an das Publikum weitergereicht werden: Liebe Buchkäufer und Leser, findet ihr nichts wichtiger bei der Auswahl eures Lesestoffs als einen Autorennamen, der euch vom Fernsehen her geläufig ist? Euch reizen ausgerechnet die Namen von Schauspielern, also von Leuten, die nur nachplappern, was richtige Autoren ins Drehbuch geschrieben haben.

 

Ich frage mich, warum wir für manche Dinge kein deutsches Wort haben. So für das Stück Gesicht zwischen Oberlippe und Nase. Und noch erstaunlicher: Es fehlt – neben dem medizinischen Fachbegriff – ein deutsches Wort für das, was wie ein schmaler, flacher Graben von der Nasenscheidewand senkrecht zu der Oberlippe hinab führt. Vielleicht zu peinlich zum Benennen. Weil das überhaupt kein Graben ist, vielmehr die Vertiefung zwischen den beiden etwas erhöhten schiefen Ebenen, die über der Oberlippe stehen und zuverlässig dafür sorgen, dass jeder Nasenausfluss zur Seite geleitet wird statt in den Mund zu laufen.

 

Ich habe vor, das alte Foto von mir, das in dem Wikipedia-Artikel über mich zu sehen ist, durch ein schöneres Porträt zu ersetzen. Das Problem ist nur, dass man bei Änderungen beweisen muss, dass sie nötig sind. Und wie soll ich beweisen, dass ich schöner geworden bin?

 

Bei den Todesanzeigen in der Zeitung fallen mir – neben der Verwandtschaft – immer wieder die umfangreichen Ansammlungen von Namen auf, die den Verstorbenen besonders ehren wollen. Und mir kommt der Verdacht: Manch einer hält seinen Namen für so wichtig, dass er nicht warten kann, bis er selbst der fettgedruckte Tote in der Zeitung ist.

 

Nach einer Studie des Bundesbildungsministeriums haben in Deutschland gut sechs Millionen Erwachsene erhebliche Lese- und Schreibschwierigkeiten. Für mehr als die Hälfte von ihnen ist Deutsch die Muttersprache. Dieses Ergebnis erscheint mir geschönt zu sein. Ein Blick in die sozialen Medien zeigt, dass kaum einer sich fehlerfrei auf Deutsch ausdrücken kann. Nischt einmal isch.

 

Das habe ich so noch nie erlebt. Mein neues Buch „Die Triangel“, kaum erschienen und von mir auf der Leipziger Buchmesse mit einer Lesung vorgestellt, war nicht mehr zu bekommen. Weil es so viele Vorbestellungen gab, die der Verlag zuerst bedienen musste. Daneben gab es auch Schwierigkeiten in der Produktion. Ich habe wochenlang auf das Paket mit den mir zustehenden Belegexemplaren warten müssen, weil dann auch noch der Buchhandel vorrangig beliefert werden musste. Doch jetzt ist „Die Triangel“ überall erhältlich. Dieses Buch über einen Wissenschaftler, einen Künstler und eine gefühlsbetonte Frau zwischen ihnen, eine Ménage à trois, kommt offenbar gut an. Wer das ungewöhnliche Trio bei seinen Erlebnissen in Israel, New York und Berlin begleiten will, sollte jetzt rasch zugreifen. Damit er nicht warten muss, bis die nächste Auflage des Buches, das in Israel gedruckt und gebunden wird, beim Verlag in München angekommen ist.  

 

Veröffentlicht unter Aktuell | Kommentare deaktiviert für 806. Ausgabe