Auf nach Russland! (2017)

 

Jeder, ja, ausnahmslos jeder sieht sich im Mittelpunkt der Welt. Schon deshalb ist die Herumreiserei, der wir uns so gern hingeben, sinnvoll. Sie lässt uns aus dem Mittelpunkt rutschen. Weil wir damit zurechtkommen müssen, dass unsere Nationalität ein bloßer Zufall ist, genau wie unsere Sprache und unsere Religion und unser Beruf, unser Geschlecht, unser Alter und unsere Größe sowie Hautfarbe. Gibt es erstaunlicherweise alles auch ganz anders und doch genauso menschlich. Deshalb gibt es so viele Mittelpunkte der Welt, wie es Menschen gibt.

Bolschoj-Theater

Mal näher ran an das, was ich von meinem Hotelzimmer aus sehe, das Bolschoj-Theater mit den 8 dicken Säulen, die zwischen sich genau 7 schmalhohe Schlitze freilassen. Als wollten sie die 7 Grillschlitze kopieren, die das Erkennungszeichen des amerikanischsten aller Autos, des Jeep, sind. Aber das mitten in Moskau?

 

Den Wagen habe ich vorhin erst wieder gesehen. Zwischen all den Westfabrikaten, die bis zu sechs Spuren füllten. Vom Flughafen Scheremetjewo in die Innenstadt ging es auf dem Leningradprospekt. Der Monsterstadt wie ein Pfeil von schräg oben in die Brust geschossen. Auf dem Stadtplan. In Wahrheit hat der Pfeil anderthalb Stunden gebraucht. Mit dem vorbestellten Taxi in die Innenstadt zu fahren, erwies sich als dumme Idee. Die Haupteinfallstraße erscheint endlos, weil heillos überfüllt. Die Vertretungen der internationalen Automarken stehen aufgereiht als Paläste da und ärgern sich über den Stehverkehr vor der Ausstellungshalle. Wahrhaftig keine gute Werbung, eher die unüberhörbare Ermahnung: Begib dich nur nicht in die Gewalt von unserem Stehzeug! Immerhin gab es hin und wieder eine interessante Ablenkung: Die vollkommen zugeschmutzten hinteren Nummernschilder an manchen Wagen. Sie erzählten wortlos von Überlandfahrten auf unbefestigten Pisten. Schon wurde mir Russland weit und wild und reizvoll.

 

Moskau Eingang z. Roten Platz

Moskau Eingang z. Roten Platz

Der Rote Platz, das Filetstück Moskaus, ist nicht rot, er ist in traditionellem Grau gepflastert. Was wir mit Rot übersetzen, meint bloß schön. Denn Rot ist nur das Historische Museum, das die eine kurze Seite des gewaltigen Rechtecks begrenzt. Ihm gegenüber die Basilius-Kathedrale mit ihren weltbekannten bunten Zwiebeltürmen.

 

Moskau, im GUM

Moskau, im GUM

Die eine Längsseite des Roten Platzes flankiert das GUM, das Kaufhaus der drei parallelen Gänge in drei Stockwerken, das noch berühmter ist als all die teuren Sachen, die darin angeboten werden und die den Vorteil haben, dass ich sie nicht brauche. Gegenüber begrenzt die Kremlmauer den Platz, weitgehend verdeckt von Tribünen für die Maifeierlichkeiten, die wie ausgebreitete Flaggen den hohen weißen Bereich, die blaue Mitte und den niederen roten Bereich zeigen. Damit ist der Hauptplatz der Stadt perfekt eingerahmt von den Repräsentanten der vier verschiedenen Herrschaften, denen die kleinen Leute gehorchen, hier die Tradition, dort die Religion, da das Geschäft und gegenüber die Staatsmacht.

 

Kremlmauer

Kremlmauer

Der aktuelle Sozialismus zeigt Rostflecken. Im irrwitzigen Autoverkehr der Hauptstadt Moskau habe ich nur zweimal einen Lada gesehen. Alle anderen Autos waren westeuropäische Marken, meist Edelkarossen, aber auch einfachere Typen, die in Lizenz in Russland hergestellt werden. Sie rasen vorbei an McDonald’s und stören sich nicht an Werbung für Pepsi-Cola und dergleichen amerikanische Lebensinhalte. Und im Prachthotel „Metropol“ lag – als einzige deutsche Zeitung – die „Rheinische Post“ aus, als Ausdruck der Internet-Ausgabe.

 

Moskau ist die einzige große Stadt, die ich bisher erlebt habe, die keine Touristen-Information hat. Gibt es nicht, erfahre ich bei mehrfachem Nachfragen. Auch nirgendwo Anschläge für Besichtigungstouren in die nähere Umgebung. „Nicht nötig“, sagt mir der Hotelmanager aus dem „Metropol“, der es sich nicht nehmen lässt, mich persönlich zu einem riesigen Gebäudekomplex zu führen, wo ich in einer versteckten Wechselstube auch noch nach Feierabend meinen Rubelvorrat für drei Feiertage auffüllen kann.

 

Karussell vorm Hotel Metropol

Karussell vorm Hotel Metropol

Auf dem Theaterplatz ist ein Frühlingsmarkt aufgebaut. Ein Kinderkarussell und lauter schmucke kleine Büdchen in einheitlichem Schnörkelstil. Keine Zigarettenautomaten zu sehen, auch nicht der übliche Souvenirkitsch. Gerade nur nachgebaute Militärschiffchen und Baseballcaps sind zu kaufen. Und an etlichen Stellen locken Würste und Steaks, Schweinshaxen und Putenkeulen auf offenem Holzkohlengrill.

Gesangsgruppe

Musike rundum, Musike bis zum Umfallen. Schon beim Frühstück unter der Prunkkuppel die Harfenistin mit dem eleganten Armschwung, dann draußen auf dem Theaterplatz die Gesangsgruppen beim A-Capella-Wettbewerb, da eine und dort eine, und immer wieder die nächste. Im Restaurant bloßes Appetizer-Gedudel, also funktionale Musik. Doch am Abend in der Bar dann der Mann am Flügel, ausdauernder im Klimpern als ich im Weghören. Weshalb ich schon bald ins Bett ausgewichen bin. Und mit dem Gefühl von Dankbarkeit eingeschlafen, weil das Bett nicht auch noch quietschte.

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1. Mai, kurz vor 6 am Morgen beim Blick aus dem Fenster. Nicht möglich. Das ist ja, als ob es Busse geschneit hätte. Der große Platz vor dem Hotel zeigt fein säuberlich aufgereiht mindestens hundert Busse mit weißen Dächern. Dazwischen auch mal ein blaues Dach, da und dort stehen die olivgrünen Fahrzeuge des Militärs. Und ein Wagen mit Funkantennen und Satellitenschüssel. Soldaten in ordentlichen Trupps, aber auch einzelne, mit dem Schäferhund an der Seite. Ein stolzer Staat bei der Vorbereitung seiner traditionellen Maiparade. Die handverlesenen Demonstranten sind in der Nacht zu Tausenden angereist.

 

Moskau, Four-Seasons-Hotel

Moskau, Four-Seasons-Hotel

Langes Wochenende: 29./30. April und 1. Mai. Moskau ist in einer Art Ausnahmezustand. Weil es das Ziel von Familienausflügen ist. Haufen Volks zu sagen wäre der falsche Zungenschlag. Läuft doch trotz der Riesenmenge Menschen alles so schön diszipliniert ab. Niemand rempelt einen an. Keine Betrunkenen, die herumtorkeln. Keine Randalierer. Niemand lärmt. Die Leute hier scheinen optimal erzogen zu sein. Doch wenn ich einer kleinen Frau vor dem Musikpavillon Platz zum Gucken mache, reagiert sie nicht. Kein dankbares Lächeln, nichts. Das noch einmal woanders probiert. Und noch einmal. Um dann zu resümieren: Courtoisie ist offensichtlich völlig unbekannt. Damit befremde ich, weil ich ein Verhalten zeige, das unerklärlich ist und das deshalb auch nicht wahrgenommen und akzeptiert werden kann.

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Moskau, Alexandergraben

Moskau, Alexandergraben

Eingetaucht in die russische Freizeitgesellschaft habe ich weit mehr zu sehen als die Augen erfassen können. Dabei fällt mir auf und muss ich mir überrascht zugeben, dass ich mich in diesem Menschengewühl wohler und sicherer fühle als in Berlin oder manch anderer Großstadt in Deutschland. Einfach dasitzen in der so liebevoll gestalteten Anlage namens Alexandergraben und den Zuschauer machen. Trinke, Auge, was die Wimper hält! Wenn nicht über mir die Glasscheiben in dem Prachtkandelaber im starken Wind so heftig klappern würden, dass ich befürchten muss, sie fielen mir auf den Kopf. Also doch lieber weitergehen.

 

Verständigung? Das ist nur scheinbar ein Fremdwort. Mit drei oder vier russischen Wörtern, mit kräftigem Lachen und einigem Gestikulieren kommen wir uns näher. Dann schnellt die Hand des Kriegsveteranen vor, die ich ohne Zögern ergreife. Der Händedruck ist also nicht nur typisch deutsche Eigenart. Auch unsere russischen Nachbarn fühlen so. Meine Hand in deiner Hand, und alles ist in Ordnung. Wir sind wohl Nachfahren einer uralten Bruderschaft.

Moskauer U-Bahn

Aber all die Pracht an Schmuck, Geräten, Gewändern und Kutschen in den Ausstellungsräumen des Kreml. Volles Verständnis für den alten Bautechniker, der mir zuflüstert: „Mir kommt es hoch, wenn ich sehe, wie hier die kleinen Leute ausgenutzt wurden.“ Lieber mit der U-Bahn zur Tretjakow-Galerie, dem Juwel der russischen Kunst. Da möchte ich mich am liebsten als Aufseher bewerben, um mich auf längere Gespräche mit diesem und jenem Gemälde einlassen zu können.

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Unverzichtbar ist ein Besuch auf dem Prominentenfriedhof beim ehemaligen Neuen HeldenfriedhofJungfrauenkloster. Von Grab zu Grab gehen und sie wiedererkennen, all die Berühmtheiten aus Kunst und Politik, Wissenschaft und Technik.

Clown Juri Nikulin

 

 

 

 

 

 

 

Dann endlich auf der Wolga. Und nachdem das Vorland Moskaus mit den riesigen Wohnhochhäusern, viele noch im Bau, hinter uns verschwunden ist, nur noch Wasser, Wasser, Wasser unter uns, Himmel, Himmel, Himmel, wo er hingehört: oben, und dazwischen ein kaum ergrünter Streifen von Stoppeligem, in dem sich nichts tut. Doch, – hin und wieder ein Mensch, der sich zeigt. Der da herumsteht oder sitzt und angelt. Und manchmal sieht man auch ein Haus oder sogar eine Ansammlung von Behausungen. Früh am Morgen an Deck und an die Reling getreten. Ein paar tiefe Atemzüge trinken, sonnenklare, eiskalte Wolgaluft. Und den Weg spüren, den sie durch meinen Körper nimmt, die Kühlung.

 

Erster Landgang in Uglitsch im Regen. Alles so glitschig, drängt es sich mir auf die Lippen.

Uglitsch, Dmitri-Blut-Kirche

Uglitsch, Dmitri-Blut-Kirche

Dumme Assoziation. Eine ganz andere ist die Dmitri-Blut-Kirche, die mich an das grässliche Schicksal des jüngsten Sohnes von Ivan dem Schrecklichen erinnert. Ich sehe das große Gemälde mit dem blutüberströmten Thronfolger in der Moskauer Tretjakow-Galerie wieder vor mir. Eine Mordstory, wie man sie auch im Londoner Tower hört, auch in Jerusalem oder im ägyptischen Tal der Könige. Kindsmord als ein universales Regelungsinstrument der Herrschenden.

Jaroslavl

Am Tag darauf Jaroslavl. Das soll einmal die zweitgrößte Stadt Russlands gewesen sein. Jetzt hat sie 600 000 Einwohner. Dabei ist das volle Hundert der Kirchen nicht mehr erhalten. Das war die große Zeit, als die reichen Kaufmannsfamilien darin wetteiferten, Ikonosthasewer sich die größere und prächtigere Privatkirche baute. Wenn das auch nichts mit Frömmigkeit zu tun hatte, die Handelsstadt bekam ein feierliches Gesicht. Immer noch ist sie mit zahllosen Kirchen bestückt, die mit frommen Bildern überfüllt sind, goldgerahmt auf der Ikonosthase.

 

 

Oder auf den frischen Putz gemalte Szenen. Fresken, soweit das Auge reicht. Als ob es Freskenverboten gewesen wäre, im Inneren der Kirchen ein Stückchen nicht gestaltetes Mauerwerk zu zeigen. Aber nein, das ist die Biblia Pauperum, und die ist so umfangreich, weil die Bibel so dick ist. Da konnte der Pope gut predigen, mit vielem Gestikulieren. Und seine Gläubigen verdrehten die Augen bei dem Bemühen, die Bilder zu entdecken, über die er gerade sprach.

 

Mir scheint, in Jaroslavl gibt es keine Straße ohne Bäume. Da zeigt sich eine Naturverbundenheit, die beeindruckend ist. Wenn ich auch leider nicht erkennen kann, um welche Art Bäume es sich handelt. Anfang Mai sind sie noch kahl. Da höre ich, diese Reihen von Linden in den Straßen seien erst möglich geworden, als man die Straßenbahnlinien abgebaut hat. Also wieder das Prinzip: Alles hat seine Vor- und Nachteile. So auch, dass ich erst jetzt zu Besuch in die Stadt komme. „Denn es gab eine Zeit in Jaroslavl, in der es für Männer vorgeschrieben war, glatt rasiert zu sein“, erfahre ich von der Stadtführerin. „Für Bärte gab es Sondersteuern.“

 

Jede größere Stadt hat ihren Kreml mit hoher Außenmauer und vielen Türmen und Toren.  Das heißt, man zeigt voller Stolz den großen und schweren Fuß der Herrschenden – Staat und Kirche Arm in Arm – auf dem Nacken der arbeitenden und Steuern zahlenden Bevölkerung.

Kremlmauer

Und immer wieder zurück auf die Wolga, auf die unendlich vielen kleinen Wellen, wie auf einem zittrigen Nichts. Das ist wie auf einer riesigen Menschenmenge schwimmend. Jeder einzelne Mensch so grau, so momentan wie der andere, dass er nicht mehr wahrgenommen werden kann. Aber wehe, wenn sich eine der Einerleiwellen über sich selbst erhebt und loswütet, so schreibe ich zwei Tage später schon voll böser Vorahnung in meinen Laptop. Gestern konnte der Fluss wellen, doch heute sind es schon Wellen. Wollen wir hoffen, dass wir nicht in den nächsten Tagen WELLEN bekommen, die uns das Leben an Bord unerträglich machen. Ach was, nicht daran denken. Hinausblicken aufs Wasser und es sich als ein riesengroßes verknülltes Betttuch vorstellen, das Geschichten erzählen könnte, mehr Geschichten als in tausend und eine Nacht passen.

 

Unser Schiff „Volga Dream“ – die Amerikanisierung ist auch hier nicht aufzuhalten – ist 96 Meter lang, erfahre ich auf der Brücke aus dem Mund des Kapitäns beziehungsweise der Übersetzerin Olga. Ein Anderthalbtausend-Tonnen-Schiff mit drei Motoren und drei Schrauben, dessen Höchstgeschwindigkeit bei 25 km/h liegt. Wie wir die Wellen überholen, sieht das allerdings nach ganz anderer Raserei aus. Bis zu 109 Passagiere passen an Bord, neben ihnen sind die 23 Mann Besatzung und etwa 26 Servicekräfte untergebracht. Alle auf so wenig Raum wie nur eben möglich. Das heißt bei unserer Kabine Nr. 318, die schon eine der größeren ist, dass weder für einen Stuhl oder Sessel noch für einen Tisch Platz ist.

 

Im Schiffsrestaurant werden mir die unterschiedlichsten Lebensentwürfe vorgeführt. Die Schlankheitsfanatikerinnen kleben an der Salatbar, die Korpulenten häufen sich so viel auf den Teller, mindestens dreimal so viel wie ich, dass der Besteckeinsatz schwierig wird. Damit zeigen mir meine Mitmenschen, wie wichtig ihnen das Körperliche ist. Damit muss ich leben. Dass sie dennoch nicht das Dreifache von dem genießen, was ich genieße, liegt auf einer anderen Ebene.

Schleuse

Immer gibt es ein Vorher und ein Jetzt vor dem Nachher. Und diese drei Bilder unterscheiden sich aufregend stark. Vorher hatte ich gelesen, die Wolga sei in Russland ein wichtiger Verkehrsarm in Nord-Süd-Richtung. Jetzt schaue ich übers Wasser hin und flüstere: Nichts da. Ich vermisse die Kähne, die Frachter, die Schiffe aller Art, wie ich sie vom Rhein her gewohnt bin. Nichts los auf der Wolga. Von wegen: „Es steht ein Soldat am Wolgastrand, hält Wache für sein Vaterland.“ Das Lied hat mein Vater so gern gesungen, hier auf der Wolga ist es nicht zu hören. Ist ja auch gut so. Nur ganz selten einmal ein Kahn zu sehen, und der grüne Strich des Ufers meist sehr weit weg. Häuser, Menschen, Leben, so gut wie nicht vorhanden. Nur an den Anlegestellen der großen Städte dann Passagierschiffe zu zweit oder zu dritt nebeneinander. Die Erklärung für die Leere auf dem Fluss liegt in den mächtigen Seen, mit denen man die Wolga ausgebeult hat. Sieben mal ist der Fluss durch eine Staumauer mit Kraftwerk aufgestaut. Das sollte nicht nur zur Stromerzeugung dienen, sondern den Fluss auch besser schiffbar machen. Die Nachteile hat man wie üblich nicht bedacht. „Die Fließgeschwindigkeit des Wolgawassers ist stark reduziert worden“, erklärt mir ein deutscher Ingenieur mit erhobenem Zeigefinger. „Dadurch setzt sich jetzt viel mehr an Schadstoffen ab, und an der größeren Oberfläche verdunstet mehr Wasser. Das Klima an der Wolga hat sich dadurch schon verändert, und im Kaspischen Meer, in das der Fluss sich in einem breiten Delta ergießt, kommt immer weniger Wasser an.“

Schleuse (2)

Wir legen an in Nižnij Nowgorod, an der Mündung der Oka in die Wolga, und betreten die mit 1,4 Millionen Einwohnern drittgrößte Stadt Russlands, in der 1868 der Schriftsteller Maxim Gorki geboren wurde. Der Autor, der sich am radikalsten mit dem Begriff sozialistischer Realismus identifiziert hat. Dafür wurde seine Geburtsstadt schon zu seinen Lebzeiten noch ihm benannt: Gorkij. So bis 1990. Das ist ein großes Versprechen. Doch dann zeigt sich uns eine Industriestadt, eine Arbeiterstadt. Das heißt für uns, weniger Kirchen zu besichtigen und weniger Ikonen zu bestaunen. Dabei empfinde ich es als erfrischend, als ich aus dem Mund der englischen Führerin das Wort Icons für Ikonen höre. Sprache kann so herrlich vereinfachend sein. Im Kreml der Stadt, diese Trutzburg gegen die eigenen Bürger hat sie wie jede andere Stadt, sind ein paar der wichtigsten Produkte der städtischen Schwerindustrie ausgestellt. Beeindruckend die Stalinorgel, wie sie so ruhig dasteht. Daneben genauso friedlich der schwere Panzer T34. Was den Ingenieur neben mir zu der Bemerkung veranlasst, dass diese beiden Waffen weitgehend den Sieg der Roten Armee über die Wehrmacht erklären. Weil der Panzer im Unterschied zu dem deutschen Tiger-Panzer gegossen war, damit leichter und weniger verwundbar, und weil er schon mit Diesel fuhr. Mit diesen Entwicklungen kam die deutsche Waffenindustrie zu spät. Auch mit ihrer Antwort auf die Stalinorgel. „Was aber nicht etwa an der Unfähigkeit der deutschen Ingenieure lag, sondern am Versagen der Feindaufklärung“, erfahre ich. Da kann ich nur heftig zustimmend nicken.

 

Am nächsten Tag in Kazan. Die wichtigsten Straßen der Innenstadt sind gesperrt. Die Menschen warten auf die Demonstration zum 9. Mai, dem Tag des Sieges im großen vaterländischen Krieg, wie die Russen sagen. Dass für sie das Kriegsende einen Tag später kam als für uns, stört keinen Menschen mehr. Von heute aus gesehen, waren die Sieger ohnehin die Verlierer, weil sie im Anschluss an die Siegesfeiern eine sowjetische Diktatur und Jahrzehnte der Not im kalten Krieg zu ertragen hatten. Jetzt tragen die Demonstranten, meist junge Leute, Tafeln mit den Fotos ihrer Angehörigen, die sie nicht mehr kennen gelernt haben. Doch ist die Stimmung nicht traurig, allerdings auch nicht feierfröhlich. Man kommt feingemacht daher, mit einem prozessionsmäßigen Ernst. Dass die Burschen nach den Mädchen schauen und umgekehrt, tut dem keinen Abbruch, ist eher der Hoffnung machende Schlusskommentar zu einem schmerzvollen Geschichtsbild.

 

Die Stadt ist eine der renommiertesten russischen Universitätsstädte. Heute betont man gern, dass Lenin, der Mann, dessen pompöse Standbilder nach wie vor überall im Land stehen, hier studiert hat. Allerdings wurde er schon nach 114 Tagen exmatrikuliert, weil er sich an Demonstrationen gegen den beinahe militärischen Stil der Hochschule beteiligt hatte. Riesenstatuen und Städtenamen, das sind die Mittel der Verherrlichung und des Umdenkens, die in Russland üblicherweise eingesetzt werden. Schon höre ich in Gesprächen, dass dieser Stalin, den man im neuen Russland wegen seiner menschenverachtenden Gewaltpolitik stark zurückgenommen hatte, neuerdings ganz anders gesehen und wieder mehr verehrt wird.

 

Die Tatarenstadt Kazan ist die Hauptstadt von Tatarstan, einer der kleineren Republiken, Moschee in Kazandie aber eine der reichsten ist, weil sie besonders viele Bodenschätze hat und Schwerindustrie besitzt. Und die Nachfahren der von Stalin verfolgten und verschleppten Tataren zeigen ihren Reichtum in imposanten Neubauten, so der Kul-Scharif-Moschee oder dem Zuckerbäckerbau – pardon – des Landwirtschaftsministeriums oder der imposanten Schale auf Stelzen, in der das Standesamt ist. Am Abend eine Gesangsgruppe der Tataren bei uns an Bord. Kazan, eine Stadt zum Staunen.

Tatarische Volksmusikgruppe

Zwischen Kazan und Samara passieren wir die Stadt Uljanovsk am rechten Ufer, die Geburtsstadt Lenins, dessen Name Vladimir Uljanov war. Die Stadt wurde in seinem Todesjahr 1924 nach dem berühmtesten ihrer Söhne in Uljanovsk umbenannt.

Samara Weltraummuseum

Samara hat Anderes zum Staunen. Vor allem keine Brücke über die Wolga, worüber die Samarer glücklich sind. Die Wolga beschreibt hier einen weiten Bogen nach Osten und bringt am Ende dieses Bogens die Stadt Samara auf ihrem linken Ufer schon in die nächste Zeitzone. Abstand vom Westen, das scheint hier Programm zu sein. Eine Stadt von 1,2 Millionen Einwohnern, die imposante Neubauten zeigt, dazwischen aber auch noch viele halbverfallene Häuser, die an Eindrücke aus der ehemaligen DDR erinnern. Der Stolz der Stadt ist eine riesige Rakete vor dem Museum für Kosmonautik.

Kosmonaut

Das andere wichtige Bauwerk ist zunächst unsichtbar: der Stalinbunker. Zwischen Stalinbunker (2)belanglos wirkenden Wohnbauten unter einem Wohnhaus versteckt, öffnen sich uns die Schleusen zu dem 37 Meter tiefen Treppenhaus, das in zwei Räumen für die Beratung und den Aufenthalt Stalins und seiner wichtigsten Paladine endete. Neben der Treppe ein enger Zwei-Personen-Aufzug, der allerdings beim Besuch der deutschen Gruppe als defekt bezeichnet wird und eine Auszeit hat. Dieses Stalin-Versteck wurde erst kürzlich entdeckt, dabei war es im Kriegsjahr 1942 in nur neun Monaten von 600 ausgesuchten Arbeitern geschaffen worden, die ihre Erfahrungen beim Bau der Metro in Moskau gesammelt hatten. Man fragt sich vergebens, wo diese tüchtigen Arbeiter geblieben sind, und wo die Menschen, die über und neben dieser Baustelle gewohnt haben. War das Geheimnis dieses letzten Zufluchtsortes für den Diktator doch perfekt gewahrt geblieben. Der Platz war gut gewählt, auf der Ostseite der Wolga und so fern vom Westen, dass feindliche Flugzeuge ihn nicht bombardieren konnten, weil der Rückflug zu weit war. Als Zufluchtsort hat Stalin diesen Tiefbunker nie genutzt. Es ist nicht einmal klar, ob der Mann, der einmal zu einem Kurzbesuch aufgetaucht war, der Diktator selbst war oder nur eines seiner Doubles.

Stalinbunker

Als Ausgleich für die Treppenqual im Stalinbunker dann am Abend auf dem Schiff ein Klavierkonzert. Elf Stücke von Peter Tschaikovsky und Sergei Rachmaninoff, auf dem Flügel in der Newa-Bar dargeboten von Vasily Golub. Das passt. So verspielt der erste Komponist, so stürmisch der zweite. Die Wolga zuerst sanft gewellt, dann in einer Art Tsunami lostobend. Doch unser Schiff gleitet unbeeindruckt dahin. Die sanft gewellte Wolga, sie trägt und erträgt alles. Ich kann nicht umhin festzustellen: „Das Wasser zeigt uns, wie unwichtig wir sind.“ Ein Glück, dass die beiden Komponisten und der Pianist das nicht hören konnten.

 

In dem Kurz-Und-Klein-Sprachkurs bei Natalie bleibe ich an dem auf links gedrehten R hängen. Dieser kyrillische Buchstabe Я wird JA gesprochen und heißt soviel wie Ich. Also der wichtigste Buchstabe überhaupt! Aber der steht im kyrillischen Alphabet an letzter Stelle. Das heißt, die Erbauer des kyrillischen Alphabets haben das Ich so weit zurückgedrängt, wie nur eben möglich. Fast möchte ich sagen: So formt man Untertanen.

Saratov Flußhafen

Die nächste Besichtigungstour in Saratov. Wieder eine Kirche, wieder eine Ikonosthase mit Unmengen von Ikonen. Nach dem Ende der Sowjetunion feierten überall die Kirchen eine Wiederauferstehung, nachdem viele als Vorratslager, Busbahnhof, Museum oder gar Schwimmbad hatten dienen müssen. Jetzt das Alte in neuem Glanz. Immer wieder diese einer hochgepeitschten Emotionalität und Lebensblindheit entsprungenen Baulichkeiten gigantischen Ausmaßes, die einen an der himmelhohen Wand mit geschlossenen Türen stoppen. An der Wand, die überfüllt ist von Bildern, die sich vor lauter Prunkrahmen und glänzenden Abdeckungen kaum noch als Bilder erkennen lassen. Nur Gesichter und Hände, namenlos und tatenlos. Aber alles perfekt gemacht zum Kleinhalten der kleinen Leute und zum Vergrößern der Bedeutung und der Einnahmen einiger Männer, die sich über ihre Mitmenschen erhoben haben und dafür verehrt werden.

Saratov Fußgängerzone

Ganz anders der Eindruck, den die Bilder im Kunstmuseum von Saratov auf mich machen. Da tun sich Fenster und Türen auf. Doch – genau wie in der Moskauer Tretjakow-Galerie – weil ich keine Zeit habe, mir einen Stuhl heranzuholen und mich vor dieses und jenes Gemälde zu setzen, um es mit beglückten Augen aufzusaugen, nur schnell ein Foto gemacht von diesem und jenem Bild und weiter. Der erste Mensch im Weltraum, Jurij Gagarin, hat hier in Saratov als Student gelebt, muss ich mir klarmachen. Das andere Thema, die Wolgadeutschen, bleibt ausgeklammert. Sie hatten ihre Hauptstadt gegenüber von Saratov auf dem östlichen Ufer der Wolga, in Engels.

 

Die Fahrt auf der Wolga, ich bin versucht zu sagen, ist aufregend abwechslungsreich, weil die Bojen, die man zu sehen kriegt, mal rot sind und mal weiß. Anderes ist fast nie zu sehen. Und der Blick auf die fernen grünen Ufer ist eher beruhigend. Der Gast, der mir von seiner Amazonasreise erzählt hatte, wird sich wundern: Hier gibt es am Ufer keine Speere schüttelnden Eingeborenen unter den Bäumen und keine im Wellengekräusel lauernden Krokodile. Und die Fische der Wolga sind nicht lebensgefährlich wie die Piranhas, solange man keine Gräte verschluckt.

 

Weiter auf dem Wasserweg nach Stalingrad, dem heutigen Wolgograd. Die Nachfahren der hier gefallenen deutschen Soldaten kämpfen auf dem Sonnendeck ihren stillen Krieg um die Liegestühle, um die Polsterauflagen und um die Decken für die Beine. Denn trotz Sonne ist der Wind sehr kalt. Wir haben um die 10 Grad Celsius, sind immerhin im Plus. Also ein gewaltiger Unterschied zu den minus 40 Grad Celsius, die Ende Januar 1943 in Stalingrad herrschten, als General Paulus endlich die ihm von Hitler verbotene Kapitulation der 6. Armee unterschrieb. Im Keller eines großen Kaufhauses, das sich heute Wolgograd Kaufhausals Glaspalast zeigt und damit deutlich Abstand nimmt von seiner Geschichte. Wie jeder nur zu gern verdrängt, was kaum zu ertragen ist. Nämlich dass von den 300 000 Mann der 6. Armee neben ihrem General nur 5000 Mann heimgekehrt sind. Stalin hatte es abgelehnt, die Stadt räumen zu lassen. Das hat rund 200 000 Zivilisten den Tod gebracht. Es war das die Wende im Zweiten Weltkrieg, der für Russland noch viel verlustreicher war als für jedes andere beteiligte Land.

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Der Kampf um Stalingrad hatte 200 Tage gedauert. Und genau 200 Stufen hat der Tourist hochzuklettern, wenn er auf dem damals immer wieder und irrsinnig verlustreich umkämpften Mamaev-Hügel die 82 Meter hohe Riesenstatue der Mutter Heimat bestaunen will, die an diese schreckliche Schlacht erinnert. Der strategisch wichtige Hügel soll an manchen Tagen bis zu zehnmal den Beherrscher gewechselt haben. Und nach dem Ende der Kämpfe habe dort kein Gras mehr wachsen können, so heißt es, weil er dicht bedeckt war mit Metall. Heute steht da über einer modernen Millionenstadt ein stolzes Siegeszeichen, kein Mahnmal. Die mahnende Erinnerung hat man unten an der Straße der Ruine einer großen Mühle überlassen und dem Schlachtpanorama, das man gleich Wolgograd Mühle und Panoramadaneben gebaut hat. Eine zerstörte Mühle als Mahnmal, so zufällig und doch sinnvoll, wie die Ruine des Handelskammergebäudes, die in Hiroshima an die Zerstörung der Stadt durch den Atombombenabwurf erinnert.

Kinder auf Panzer

 

 

 

 

 

 

Und dann im Wolgadelta, nämlich in der Stadt Astrachan, deren Bewohner ihren Wochenendausflug zu der Anlegestelle der Wolgaschiffe machen. Ein-Kind-Familien, Astrachan Tanzende Bürgergelegentlich auch mal eine Zwei-Kind-Familie. Jedenfalls ist das Fahrrädchen oder das Elektroauto genau wie all das andere Spielzeug der Kinder top-modisch und teuer. Ein Hinweis darauf, dass die Stadt nicht nur vom Kaviar lebt. Astrachan ist Knotenpunkt des Handels, insbesondere des Ölhandels zwischen Russland und den Anliegerländern des Kaspischen Meeres, vor allem des Iran und Aserbaidschans.

 

Gegenüber der Anlegestelle unserer „Volga Dream“ stehen Wohnhochhäuser mit schön aufgelockerten Fassaden. Davor beherrscht das Standbild des Zaren Peter der Große den Platz. Von dem Mann lässt man sich gern begrüßen. Denn das war ein Glücksfall von einem Herrscher. Aber der Platz ist umstellt von vier hohen Kandelabern, um deren Schäfte metallene Rutenbündel und Spieße gebunden sind. Wie kommt dieser Hinweis auf die Standeszeichen der römischen Liktoren in das Wolgadelta? Vielleicht weil man die Stadt Astrachan mit ihrer Unzahl von Flussarmen und Brücken das Venedig Russlands nennt? Oder hat einer, der wusste, dass das Wort Faschismus von diesen Rutenbündeln, Faszes genannt,  abgeleitet ist, es gewagt, klammheimlich eine kritische Fußnote zu den Herrschern Russlands zu setzen? Bleiben die doch im Bewusstsein der Bevölkerung in einem ständigen Auf und Ab. Ivan der Schreckliche wird von seinen Landsleuten lieber als Ivan der Strenge bezeichnet, von Gorbatschow wollen sie überhaupt nichts mehr hören, dafür gewinnt Stalin wieder an Sympathie.

Astrachan Kaviar auf  Fischmarkt

Bleiben wir beim Kaviar, denn dafür steht Astrachan. Auch am Sonntag hätte ich ihn kaufen können. Ein ungeheures Angebot in allen Varianten. Der verhinderte Nachwuchs vom teuersten Stör bis zum billigsten Hecht. Dazu passt, dass sich in den Straßen die Banken auf die Füße treten. Es war wirklich an der Zeit, sich einmal in Russland umzuschauen. Um vergessen zu können, was die Eltern und Großeltern noch raunten: Wenn die Russen kommen … Bei dem den Russen aufgezwungenen Großen Vaterländischen Krieg sind insgesamt rund 55 Millionen Menschen ums Leben gekommen, wovon die meisten Zivilisten waren. Die Völker der Sowjetunion hatten mit rund 26 Millionen Toten die größten Verluste.

 

In Moskau war ich beim Einstieg in die Aeroflot-Maschine nach Frankfurt stolz darauf, dass ich den in kyrillischen Zeichen geschriebenen Namen, der am Airbus-Rumpf stand, lesen konnte und dass es sich dabei um einen Schriftsteller handelte, nämlich um den 1968 im Alter von 76 Jahren in seiner Heimatstadt Moskau gestorbenen Konstantin Paustowskij. Auf dem Drei-Stunden-Flug hatte ich dann Zeit genug, mich von der Information beeindrucken zu lassen, dass Aeroflot 157 Maschinen besitzt, kleinere von der russischen Firma Sukhoi sowie größere von zwei verschiedenen Typen Boeing und von vier verschiedenen Typen Airbus. Doch daheim war ich noch am übernächsten Tag halbtaub, weil der Druckausgleich in der Airbus-Kabine defekt war, wogegen auch eifriges Schlucken nichts genützt hatte. Ach, so ist das, verstand ich. Nicht ohne Folgen schreibt man den Namen eines Dichters an ein Flugzeug. Der Mann, der es wie kein zweiter geschafft hat, die Stille beredt werden zu lassen, lässt es still werden um seine Fluggäste. Damit wir umso intensiver nach innen lauschen.

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