Alles koscher!

(The Infidel = Der Ungläubige, GB 2010, 105 Minuten, Drehbuch: David Baddiel, Regie: Josh Appignanesi)

Wenn das Leben solch ein Lustspiel wäre, das wäre eine Lust! Aber so ein Vergnügen an den interreligiösen Streitigkeiten können nur die Briten bieten. Wer da bewundernd sagt, der britische Humor sei eine Besonderheit bloß, weil die englische Sprache voll von Synonymen ist, sieht die Sache verkürzt. Dahinter steht die überlegene englische Weltsicht, die selbst die übelsten Auswüchse des Menschlich-Allzumenschlichen lustig oder herzerwärmend darzustellen vermag. In der Literatur finden wir das im Extrem bei Jonathan Swift und Charles Dickens. Wer sich nicht die Zeit nimmt, die Bücher dieser Klassiker zu lesen, kann die britische Art, Probleme vergnüglich aufzubereiten, in dem Film „Alles koscher!“ genießen, jüdisch-britisch, also praktisch als Fast Food.

Die Sympathiefigur des Films ist der schwergewichtige und glatzköpfige Mahmud Nasir mit der gebogenen Riesennase. Er lebt in London als ein liebevoller Familienvater, aber cholerisch reagierender Moslem, wenn ihm einer wie der jüdische Taxifahrer Lenny Goldberg in die Quere kommt. Dabei ist er mehr stolz moslemisch als eifrig im Glauben. Beim Leerräumen der Wohnung seiner verstorbenen Mutter stößt er auf seine Geburtsurkunde, die ihm verrät, dass er als Adoptivkind Solly in die Familie Nasir gekommen ist und sein richtiger Vater ein Jude war. Zunächst völlig verstört, versucht er dann, sich mit  dem neuen Status abzufinden. Als er seinen leiblichen Vater Izzy Shimshillewitz im Altersheim besuchen will, wird ihm das jedoch von dem das Haus betreuenden Rabbi nicht gestattet. Dazu müsse er zunächst deutlich werden lassen, dass er wirklich ein Jude ist. So wird Mahmud zum Schüler des jüdischen Taxifahrers Lenny, der als Lehrer jedoch nicht allzu viel Eifer zeigt – Juden pflegen bekanntlich nicht zu missionieren, sie behalten ihren Glauben lieber für sich. Der Taxifahrer amüsiert sich vor allem über seinen Schüler und bringt ihm alberne Geschichten bei.

Naheliegend, dass der zwischen die Mühlsteine der beiden großen Religionsgesellschaften Islam und Judentum geratene Mahmud oder Solly in ein Fettnäpfchen nach dem anderen tritt, bis er selbst nicht mehr weiß, wer und was er überhaupt ist. Dabei will er alles tun, um seinem Sohn die Heirat mit einer jungen Pakistanerin zu ermöglichen. Das Dilemma nähert sich seinem Höhepunkt, als der Stiefvater der Pakistanerin zur Hochzeitsfeier nach London kommt, der berühmt-berüchtigte islamistische Hassprediger Al-Masri.

Der Film ist ein Film von Juden über Juden und Moslems. Er überrascht mit der Selbstverständlichkeit, in der religiöse Intoleranz lächerlich gemacht wird. Das in einer Zeit, in der die Terrorakte religiöser Wahntäter das tägliche Brot der Presse sind. Verhöhnung der religiösen Rechthaberei in einer so überlegenen und furchtlosen Art, wie sie nur Juden möglich ist, weil den Juden angeblich jede Selbstverspottung erlaubt ist. Deshalb kann der Film sogar En-Passant-Hinweise bringen auf den problematischen Umgang der Israelis mit den Palästinensern und auf die Beherrschung nicht nur Hollywoods, sondern der Vereinigten Staaten insgesamt durch Juden. Zwar geht es in diesem Film vor allem um die beiden Religionen Judentum und Islam, die hier aufeinander prallen, doch die größte der drei Buchreligionen, das Christentum, ist ebenfalls gegenwärtig. Zunächst nur in einer nebensächlichen Szene mit einem Gospelchor, zuletzt aber – und zwar in einer negativen Rolle – bei der Demaskierung des Predigers Al-Masri.

Damit ist dieser Film ist weit mehr als nur eine Komödie. „Alles koscher!“ verleitet zur Änderung der altbekannten Kinowerbung in: Gönn dir ein paar wichtige Einsichten – geh ins Kino!

(Walter Laufenberg in: www.netzine.de)

Dieser Beitrag wurde unter Filmbesprechungen veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.