Robert Seethaler: Ein ganzes Leben

Die Hohe Schule

 

(Robert Seethaler: Ein ganzes Leben, Roman, Goldmann-Taschenbuch, München 2016, Originalausgabe im Carl Hanser Verlag München 2014, 185 Seiten, ISBN 978-3-442-48291-7)

 

Ein kurzer Roman, angenehm. Und schon beim ersten Auffächern wird deutlich: nicht voll von wörtlicher Rede. Deshalb habe ich mich nicht von den belanglosen Zitaten von Berufspanegyrikern abschrecken lassen, mit denen der Verlag das Buch geschmückt hat. Ich habe es gelesen, und zwar von der ersten bis zur letzten Zeile. Und viele Zeilen habe ich zweimal gelesen und laut, um mir die Sprache auf der Zunge zergehen zu lassen. Geht es doch um die Lebensbeschreibung eines völlig unbedeutenden Menschen ohne großen Namen und ohne Großtaten. Es geht um die Biografie eines Nichts, also um die Hohe Schule des Schreibens. Ist doch nichts schwieriger darzustellen als das Nichts.

Konkret: Der in Wien lebende Autor Seethaler liefert die Beschreibung des missachteten, ausgenutzten und fast immer freudlosen Lebens eines hinkenden Mannes ohne Herkunft und Ausbildung und Chance. Er konfrontiert uns mit einer stets hilfsbereiten, ehrlichen Haut, die ein Kraftkerl ist und immer nur Egger genannt wird. Der Älpler Egger weiß nicht einmal, wann er geboren wurde. Er durchlebt und durchleidet als einer, der anpacken kann und deshalb immer brauchbar ist, das 20. Jahrhundert. Die meiste Zeit als Hilfsarbeiter, auch mal als Soldat und einige Jahre lang als Kriegsgefangener, schließlich sogar als Fremdenführer in seiner Alpenheimat. Als er auf die Zuneigung einer jungen Frau trifft, die genauso ein Nichts ist wie er, scheint sich für ihn eine kleinbürgerliche Zukunft zu öffnen, die sich jedoch zerschlägt.

Es ist das ein Roman einer neuen Empfindsamkeit, aber keiner schönen, erfreulichen, erbaulichen und seelenvollen. Denn die in diesem Buch vorherrschende Empfindung ist die der Kälte. Einer lähmenden, die Sinne abtötenden Kälte, die als Naturkraft überlegen ist und keinen Widerstand zulässt, nur ein Ertragen. Diese Kälte ist beinahe Seite für Seite spürbar, weil der Autor sie in immer wieder anderen, gelungenen Beschreibungen der alpinen Natur  heraufbeschwört und zum beinahe ständigen Begleiter seines Protagonisten werden lässt.

Seethaler stellt mit dieser Biografie die Frage nach dem Sinn des Lebens auf eine besonders raffinierte Art, indem er sie nie anspricht, dem Leser aber als unausweichlichen Ertrag der Lektüre wie mit dem Brenneisen aufdrückt. Dieser Roman eines Lebens ohne Glanz und Glück und Bedeutung könnte einem die Lust am Leben nehmen, wenn man nicht den Kitzel der Lust am Lesen spürte. Der Verlag hätte auf den Buchumschlag schreiben sollen: Für Sprach-Connaisseurs zu empfehlen!

(Walter Laufenberg in: www.netzine.de)

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