Luther

(Luther, D 2003, 121 Min., Drehbuch: Camille Thomasson und Bart Gavigan, Regie: Eric Till)

Hätte Hollywood einen großen Historienschinken daraus gemacht, der Film hätte nicht belangloser daherkommen können. Mit dem Financier Evangelische Kirche im Rücken – oder sollte man sagen: im Nacken? – haben die Drehbuchautoren und der Regisseur ein Lutherbild erstellt, das nichts Neues bietet. Eine simple Verherrlichung des von Skrupeln geplagten, sehr ernsthaften und hochgelehrten Mönchs, der angesichts der unübersehbaren Korrumpiertheit der römischen Kirche nicht anders konnte, als seine eigene Kirche gründen.

Zwar fängt die Sache ein bißchen lächerlich an, als der junge Luther in einem heftigen Gewitter Angst hat, vom Blitz erschlagen zu werden, und deshalb beschließt, Mönch zu werden statt Jurist, wie der Vater wollte. Der Vater hatte die Mentalität seines Sohnes offenbar richtig erkannt: Juristerei ist was für Besserwisser. Daß Luther die Bauern zunächst zur Aufsässigkeit verleitet, dann aber verdammt und ausdrücklich zum Schlachten freigegeben hat, wird so geschickt mit drastischen Bildern illustriert, daß der Sachverhalt überdeckt wird. Lächerlich wirken auch die wenigen Auftritte einer Katharina von Bora, die sich den Mann gekapert hat und ihr Eheglück über seine Aufgabe stellt. Das ist aber auch schon alles, was die Filmmacher sich an behutsamer Kritik erlaubt haben. Im übrigen ist der Film nach dem Muster des Trivialromans gestrickt: Da die Bösen und hier die Guten. Und nur ja keine changierenden Charaktere. Auch nichts über die Problematik des Geistesfürsten, der eine Lawine lostritt, deren verheerende Wirkung er zwar nicht vorhersehen kann, die er jedoch ahnen muß. Im Abspann des Films zuletzt auch die Erwähnung von Luthers sechs Kindern und der vielen Millionen Mitglieder der Evangelischen Kirche. Aber kein Hinweis auf die von Luthers Reform ausgelöste grausame Gegenreform und den Dreißigjährigen Krieg, Ereignisse, die ja ebenfalls mit großen Zahlen glänzten.

Die epochemachende Leistung Luthers als Übersetzer des Neuen Testaments aus dem Griechischen in die deutsche Volkssprache wird im Film dargestellt und gewürdigt. Sogar ohne die Albernheit mit dem angeblich nach dem Teufel geworfenen Tintenfaß. Und das Interesse der deutschen Fürsten an einer eigenen, von Rom unabhängigen Volkskirche wird zumindest gezeigt, wenn auch nicht deutlich kommentiert.

Der gegen die Zeiterscheinungen Reliquienkult, Ablaßhandel und Pilgerfahrten eifernde Mönch erklärt im Film sein Tun mit der Suche nach der Wahrheit. Das ist typisch deutsch. Sein Gegenspieler, Papst Leo X., erklärt Luthers Widerborstigkeit mit den Worten: „Er ist ganz und gar von sich selbst berauscht.“ Das ist typisch Mensch  und kommt der Wahrheit schon näher. Friedrich Nietzsche hat über den blindwütigen Besserwisser das Urteil gesprochen: „Luther, dies Verhängnis von Mönch, hat die Kirche, und was tausendmal schlimmer ist, das Christentum wiederhergestellt, im Augenblick, wo es unterlag … Das Christentum, diese Religion gewordene Verneinung des Willens zum Leben!“ Das wären die Stichworte für eine ernsthafte Auseinandersetzung mit Martin Luther. Aber das ist natürlich nichts für einen unterhaltsamen Kinoabend. Deshalb: Wer Martin Luther näherkommen will, kommt nicht ums Lesen von Büchern herum.

(Walter Laufenberg in: www.netzine.de)

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