Indian Summer (2014)

 

Ich gestehe, ich habe noch einmal mitgemacht bei dem modischen Kreuzfahrtrummel. Ich habe mich von den literarischen Aspekten dieser Tourismusvariante reizen lassen, die mir unter den beiden Stichwörtern Narrenschiff und Schlaraffenland vertraut waren. Außerdem sollte ja auch einiges zu sehen sein. Vor allem die herbstliche Buntfärbung der Wälder in den Neuenglandstaaten. Dazu kämen etliche Städte, in denen das Schiff mit den mehr als zweitausend Touristen jeweils für ein paar Stunden anlegen würde.

Zum Schiff, das uns im fernen Montreal erwartet, geht es von der entnervenden Kontrolle im New Yorker Flughafen J. F. Kennedy per Bus durch Pennsylvania. Das Land erinnert mit seinem Namen an William Penn, der alle religiösen Sondergeschmäckler eingeladen hatte, in sein Land zu kommen. Weil er sie alle gleich gut fand. Verständlich. Für Staatsführer geht es ja nur um die möglichst große Zahl von Steuerzahlern und Soldaten und gebärfreudigen Frauen. Die individuell bevorzugte Vorstellung von Himmel und Hölle ist dabei egal. Deshalb konnte man Penns Versprechen vertrauen: Hier wird niemand wegen seiner religiösen Überzeugungen verfolgt.

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Dieses „heilige Land“ Pennsylvania ist immer noch das Land der Amish. Das sind die anders Lebenden. Was sie schon in ihrem Äußeren zeigen. Schwarz ist ihre Lieblingsfarbe. Sie benutzen keine Autos, sondern altväterliche Kutschen. Und sie sind nicht ans Stromnetz angebunden, auch nicht an die öffentliche Wasserversorgung. Beides für sie tabu, weil die Verbindungen von Haus zu Haus gehen und damit die Gefahr besteht, dass etwas Schlechtes eingeschleppt wird. Also behilft man sich mit Gasflaschen und mit Brunnenwasser. Gegen das Handy haben sie nichts. Noch haben sie nicht bemerkt, dass auch damit was Schlechtes ins Haus geholt werden kann. Aber generell sind Unterschiede von Ort zu Ort bei den Amish festzustellen, je nach Halsstarrigkeit und Strenge des Bischofs. Daneben gibt es in Pennsylvania auch noch viele Minoriten und Quäker. Die aber alle viel moderner sind als die Amish, also weniger interessant.

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Nicht zufällig, dass man, kaum in den USA angekommen, von der Vielfalt der Religionen überrascht ist. Das Penn-Land hat aber nicht nur ein Superangebot an Wegen ins Himmelreich, es hat auch beste Straßen, die ein wahres Vergnügen für den schleichenden Verkehr sind. Sind ja nur 65 Meilen pro Stunde erlaubt, was etwa 100 kmh entspricht. Doch kommt bei jeder leichten Kurve eine Geschwindigkeitsbeschränkung auf 55 oder 40 mph dazu. Ist es doch schon bei der Fahrt durch das leicht gewellte Land immer wieder nötig, die Autofahrer intensiv auf die schrecklichen Gefahren des Gefälles hinzuweisen und damit Verständnis für die Beschränkungen zu fordern. Immer langsam voran. So sieht man wenigstens was von der Landschaft hinter der reichhaltigen Beschilderung. Eine Landschaft, die mit viel mehr Zurückhaltung auftritt, als die Werbe- und Verkehrsschilder zeigen. Dabei sind manche Schilder sogar recht anregend: Da lese ich zum Beispiel: Eat & Go! Was aber wohl keine freundliche Einladung zu einem kostenlosen Mahl ist und ganz sicher auch nicht die Erlaubnis zum Schnorren meint oder gar zum Zechprellen.

 

Das Faszinosum, das die Neuenglandstaaten zu bieten haben, ist der vielgerühmte Indian Summer. So genannt, weil sich im Herbst der Wald bunt färbt, vor allem der Ahorn, der rot wird und damit angeblich an die Indianer erinnert, die sogenannten Rothäute. In diesem Jahr haben die Bäume jedoch schon ungewöhnlich früh die Blätter abgeworfen, weil es lange Zeit zu trocken war. So kahl, wie die Bäume nun dastehen, können sie nicht mehr an die Rothäute erinnern. Die sind ja auch nicht mit Trockenheit fertiggemacht worden – im Gegenteil.

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In einem wahrhaft superben Supermarkt am Highway wollen mich die hohen Regale voll von glutenfreien Lebensmitteln zum Kauf einladen. Ein Superangebot, weil auch laktosefrei und fettarm und ohne Erdnusszusätze und so weiter. Dahinter die Regale voller Medikamente für Leute, die sich selbst heilen wollen oder eine intensive Gesundheitsvorsorge betreiben. Wie das glutenfreie Zeugs schmeckt, habe ich nicht probiert. Vermutlich so fad wie fast alles, was die amerikanische Küche zu bieten hat. Und ich habe auch nicht zugegriffen bei den Heilmitteln in Form von Gummibärchen. Medizin zum Kauen für die Sorte von Kranken, die es nicht schafft, Pillen oder Kapseln zu schlucken. Pardon, aber mir kommt dieses Amerika manchmal vor wie ein einziger großer Kindergarten.

 

Da sehe ich wieder so eine Siedlung von diesen hübschen HPG-Häusern. Kataloghäuser aus Holz, Pappe und Glas. Die kennt man ja aus dem Fernsehen, wenn gezeigt wird, wie die Tornados diesen Pappmaché-Immobilien Flügel verleihen. Das Örtchen neben dem Highway – habe den Namen auf meiner Karte nicht gefunden – hat noch eine eigene Kirche mit Friedhof. Die Kirche ist selbstverständlich massiv gebaut und gut im Anstrich. Mit einem Gestreusel von herumstehenden Grabsteinen auf dem kurz gehaltenen Rasen. So ein Friedhof ist heute schon eine Seltenheit, erfahre ich. Längst abgelöst von den schlichten Grabplatten im Rasen mit Namen und Daten der Verstorbenen oder den Täfelchen an der Mauer, in der die Aschebehälter stecken. Neuerdings kann man die Asche des Verstorbenen auch im Karton mit nachhause nehmen und sie dann verstreuen, wann und wo und wie man will. Nicht schlecht bei den meist strengen Wintern hier oben mit ihren plötzlichen Glätteproblemen.

 

014Dann endlich die Niagaras. Das sind Zwillinge. Beide gleich eindrucksvoll auftretend  mit ihren aufsteigenden Nebeln, die noch imponierender aussehen als die fallenden Wasser. Aber die Zwillinge sind nicht eineiig. Sie haben nicht einmal dieselbe Staatsangehörigkeit. Der eine ist Amerikaner, der andere Kanadier. Und sie zeigen starke Unterschiede in der Schulterbreite und Größe. Der Kanadier ist mehr als doppelt so breit und viel größer als der Amerikaner. Er ist ein Zweiundfünfzig-Meter-Riese. Wenn ich ihn mir von oben ansehe, habe ich ein gefährlich gähnendes Loch von gewaltigen Ausmaßen vor mir. Wenn ich ihn mir von unten anschaue, von einem der Ausflugsschiffe aus, bin ich ein wenig enttäuscht, weil die weißen Wände nicht so überwältigend hoch erscheinen, dafür aber werde ich mit einer heftigen Dusche erfrischt.017

 

Komisch, den Kanadiern war ihr Niagarafall nicht genug. Sie mussten noch einen Riesenrummelplatz mit Riesenrad daneben setzen. Sorry, nicht mein Fall.

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Sonnenaufgang in Toronto. Die Wolkenkratzer kriegen ihre Köpfe vergoldet. Das ist ein schönes Spektakel. Und als Tourist kann ich sagen: Ich bin dabeigewesen. Wenn ich stehen bleibe und fasziniert zuschaue, kann ich schon bald ihre strahlend hellen Hälse bewundern. Sauber. Und ihre Schultern. Stattlich. Dann die hell aufleuchtende Brust, schließlich den ganzen Glanzprotz. Und schon ist die Stadt halbiert, hat eine helle und eine dunkle Seite wie der Mond. Das ist jedes Mal das Ende vom Lied beim Sonnenaufgang in Toronto. 021

 

Immer noch auf der Fahrt nach Montreal, und den Seufzer auf den Lippen: Das ist aber ein verdammt weites Weitland, fast eine einzige Weite. Mit einem verdammt weiten Weithimmel, der draufpasst, so perfekt wie der Deckel auf den Bottich. Alle Grautöne versammelt, als hätten sich hier sämtliche Wolken der Welt zu einem Stelldichein getroffen, sorry, zu einem Meeting muss es natürlich heißen. Oder muss ich hier schon sagen: Zu einem Rendezvous? Egal, die Sprachgrenzen sollen ja fließend sein und sogar sich überlappend. Beruhigend.

 

Die stur endlose Gerade der Straße wird dadurch wettgemacht, dass man nur 100 kmh fahren darf. Hier in Kanada. Das ist der gravierende Unterschied zu den USA, wo es 65 mph waren. Also alles gleich bis auf die Bezeichnungen. Hier wie dort mit angedrohten exorbitanten Geldstrafen für zu schnelles Fahren. Und ich weiß nicht, ob der Ausdruck wettgemacht hier meinen soll, dass die unendliche Gerade erträglich gemacht wird oder eher unerträglich. Jedenfalls spüre ich sie körperlich und seelisch, die Leere der Landschaft. Außer Autos aller Kaliber nichts zu sehen. Tiere gibt es hier nicht einmal in der Todform wie in Australien, wo ich sie am Straßenrand bewundern konnte, die Kängurus und die Kaninchen und die urweltlichen Gürteltiere. Hier wird kein Tier überfahren. Und es sind auch keine Indianer zu sehen, weil die früheren Herren des Landes in Reservate abgedrängt wurden, die irgendwo jenseits der touristischen Ziele liegen.

 

Die Provinz Ontario, das sind neben dem Mais und den schon blattlosen Indian-Summer-Wäldern und allerlei Gesträuch auch der Wein, die Kirsche und der Apfel. Dafür soll man Verständnis aufbringen, indem man sich klarmacht, dass Toronto auf demselben Breitengrad liegt wie Mailand. Wird wohl wahr sein?! Jedenfalls gibt es keinen Querriegel von Bergen im Norden, der das Land gegen die Überfälle der Arktis schützt. Deshalb wird es früh Winter und so kalt, dass minus 30 Grad Celsius hier nicht ungewöhnlich sein sollen. Jetzt verstehe ich, warum die schönen Häuser, die der Geldadel sich auf die malerisch daliegenden tausend Inseln am nördlichen Ende des Ontariosees gebaut hat, alle leer stehen. Jetzt, Ende Oktober, ist der Sommeraufenthalt in diesem kanadischen Paradies schon eine sehr ferne Erinnerung. 036

 

Die Sehenswürdigkeiten der Provinz Ontario, um den schmeichelhaften Baedeker-Begriff hier einmal zu benutzen, sind die Trucks. Diese Langschnecken mit den hochgereckten Fühlern rollen auf fünf oder sieben Achsen und manchmal noch mit einem mehrachsigen Anhänger hintendran durchs Land. Immer nur ein Fahrer drin, der manchmal wochenlang unterwegs ist. Deshalb hat er hinter dem Führerhaus seine eigene Kabine mit Bett, Fernseher, Mikrowelle und mit Pin-Up-Girls an der Wand. Alles, was zur Grundausstattung eines Ritters der Landstraße gehört. 037

 

Die Autos haben hier übrigens nur hinten ein Nummernschild. Das vordere fehlt bei allen Autos, angeblich aus Sparsamkeitsgründen. Dabei haben diese Schilder ihren eigenen Reiz. Steht darauf doch als unterste Zeile immer der Satz: Je me souviens, was heißt: Ich erinnere mich. Das ist ein Hinweis auf die Zeit der Unterdrückung durch die britischen Besatzer. Diese Schilder kann man in den Souvenirläden kaufen, sie sind jedoch kein offizielles Exportgut für Länder wie Indien, Australien oder Malta.

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Als Fortsetzung der Bustour von New York bis Montreal gibt es eine Schiffsreise den St. Lorenzstrom hinab und an Neufundland vorbei, die dann entlang der Ostküste der USA nach Süden führt, um wieder zurück nach New York zu kommen. Das heißt, zweimal den langwierigen Firlefanz einer Einreise in die USA durchzustehen. Im New York Flughafen John F. Kennedy dauerte das zum Glück nur anderthalb Stunden, auf dem Kreuzfahrtschiff, das auf der Reede vor Bar Harbor liegt, dann jedoch zweieinhalb Stunden. Aber das greift vor.

 

043Montreal protzt mit Kirchen und Palästen, allerhand Bedeutung in Grau, ja, Ehrfurcht erregend, doch ein weißes Kreuzfahrtschiff, das sich so zutraulich an die Altstadt anschmiegt, ist noch viel attraktiver. Was sind dagegen die Anwälte, die in fliegenden Roben die Stufen des Justizpalastes nehmen, was die kleinen Andenkenläden und Bistros? Und dass Montreal nach Paris die zweitgrößte frankophone Stadt der Welt ist, wie soll man das sehen?  Die Vorherrschaft des Französischen hat der Stadt in den letzten Jahrzehnten viel Leerstand eingebracht, weil Banken und Versicherungen und viele sonstige Firmen es vorgezogen haben, ihren Hauptsitz ins englischsprachige Toronto zu verlegen.

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Québec ist die schönste Stadt zum Souvenirkaufen. Deshalb liegen drei große Kreuzfahrtschiffe hintereinander am Pier. An der Spitze die Queen Mary 2. Und drei Touristen-Geschwader, fast schon expeditionsartig geschützt gegen Regen und Wind und mit Kameras bestückt, erobern das Festland. Wie angezogen von den zahllosen Läden für gehobenen Klimbim rechts und links der Hauptströmstraße bewegt man sich durch den hafennahen Teil der Stadt. 060 Erstes Fotomotiv: Ein buntes Sammelsurium von großen Plastikgegenständen, das vor einer Hauswand hängt. Vielleicht ein neckischer Hinweis auf die katastrophale Meeresverschmutzung durch Plastikabfälle? Doch dann rein in den ersten Souvenirladen und in den nächsten, und immer neues Staunen über den Einfallsreichtum der Andenkenhersteller, und schnell wieder raus. Immer wieder sehr zufrieden damit, wie viel es doch gibt, das man nicht braucht. Hier gibt es einfach alles. Nur Bücher und Broschüren über Stadt, Land und Leute gibt es nicht – bis auf ein paar Fotobände. Das den Touristen unterstellte Interesse bleibt an der bunten Oberfläche. Die Händler müssen es ja wissen.

 

Straßenmusikanten in bemüht fotogener Aufmachung. Und Lüftelmalerei auf riesigen Hauswänden, die historische Figuren und das Arbeitsleben früherer Zeiten zeigen. 053Knipsen, knipsen, knipsen. Und mit dem Funicular in die Oberstadt hinauffahren. Wo als alles beherrschender Klotz ein rötliches Klinkerbauwerk steht, das keinerlei Bezeichnung trägt, aber das meistfotografierte Hotel der Welt sein soll. Ich habe nachgeschlagen: Das Hotel heißt Château Frontenac und war im Zweiten Weltkrieg einmal Schauplatz einer wichtigen Konferenz der Alliierten, bei der Roosevelt und Churchill sich trafen.

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Ein wenig abseits die hingeduckte Zitadelle der Stadt. Und irgendwo soll auch die einzige in Nordamerika noch erhaltene komplette Stadtmauer zu sehen sein, die die Altstadt mitsamt der Zitadelle und dem Hotel umschließt. Aber die habe ich hinter all dem Klimbim leider nicht gesehen.

 

Anderes ist hier in Kanada einfach nicht zu übersehen, so der Name des Eishockeyspielers Tim Horton, der an großen Schnellcafés prangt. Der Name eines Sportheros, der mir so 067fremd ist wie jedem Kanadier vertraut. Der Mann hatte das viele Geld, das er für seine bewundernswerte Beweglichkeit bekam, in ein Schnellcafé investiert, klugerweise, bleibt die körperliche Gelenkigkeit doch nicht ewig. Da war er nun der Chef, zusammen mit einem Partner, der nicht so einen bekannten Namen hatte und dessen Flexibilität mehr auf wirtschaftlichem Gebiet lag. Denn als der berühmte Sportler bei einem Unfall ums Leben kam, kaufte der Partner der Witwe den geerbten Anteil ab, und zwar für die stolze Summe von einer Million kanadischen Dollars. Anschließend machte er aus dem einen Lokal eine erfolgreiche Kette, die bald das Vielfache wert war. Da fühlte die Witwe sich hereingelegt, und sie versuchte, gerichtlich eine Nachzahlung durchzusetzen. Was misslang. Gekauft war und blieb gekauft für eine Million. Ein Betrag, der natürlich schnell schwand, vor allem auch durch die Kosten des vergeblichen Prozesses. Doch setzte sich auf wunderbare Weise die Gerechtigkeit durch, denn eines schönen Tages heiratete die Tochter der hereingelegten Witwe den Sohn des tüchtigen Partners, und schon stimmte bei der Firma Tim Horton die Kasse wieder.

 

066Die Stadt Halifax ist stolz auf die Gegensätze, die sie in sich vereint. Oh ja, die habe ich gesehen. Die schönen alten Straßen mit den romantisch wirkenden Holzhäusern und den Schattenspiele veranstaltenden Bäumen. Da kann man nicht schnell genug fotografieren.

 

 

Denn hier zeigt sich nur noch auf der einen Straßenseite die gute alte Bürgerlichkeit, auf 070der anderen Straßenseite sind die ungewaschenen Fenster so leer wie die Briefkästen zum Überquellen voll sind von Post, die nicht mehr geöffnet wird. Die halbe Straße ist zum Verschwinden verurteilt, weil der Stolz der Stadt, das nächste Hochhaus aus Beton, Stahl und Glas schon auf dem Reißbrett steht.

 

078Obwohl Bar Harbor neben einer Unmenge von Souvenirläden fast nichts zu bieten hat, bietet sich es sich als Anlaufstelle für Kreuzfahrtschiffe an, weil die Touristen im Schiff versammelt bleiben und den US-Kontrolleuren nicht durch die Lappen gehen können. Die Beamten kommen zum Erledigen der Einreiseformalitäten an Bord, wo sie zunächst gut bewirtet werden, damit sie gestärkt sind für die Einzelgespräche mit all den Einreisewilligen. Früher sollen die vielen Inseln, die zu sehen sind, die Ferienressorts von Superreichen wie Rockefeller, Astor und Ford gewesen sein. Heute zeigt sich diese Insellandschaft wie eine Hollywooddiva: Von erhabener Schönheit, aber leer und unnahbar, falls man kein eigenes Boot hat und nicht mit einem der Whale-Watching-Schiffe herumgefahren wird.

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Dafür aber ist man ja nun auf dem Schiff in seinem schwimmenden Hotel, das einem all das bietet, was unsere Vorvorvorfahren sich unter dem Schlaraffenland vorgestellt haben: Essen und Trinken soviel man will, und herumliegen und mit den Zehen spielen oder auch anders, jedenfalls nicht arbeiten, sondern nur faul durchhängen, dumm quatschen, lachen, lärmen oder dem Lärm lauschen, der als Musik daherkommt. Diese moderne Variante des Schlaraffenlandes kommt natürlich nicht aus ohne Roulette und Glückspielautomaten, ohne Akrobatikvorführungen, Kochkurse, Tanzanleitungen und Trimm-Dich-Geräte, Swimmingpoolchen und Sauna sowie kleiner Bordbibliothek mit leichter Literatur.

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Der Lese-, Dös- und Träumraum mit den drei Bücherregalen im Bug des Schiffes, direkt unter der Kommandobrücke, ist eine Reverenz vor vergangenen Zeiten. Immerhin findet sich eine Minderheit von Passagieren hier ein. Was soll die übers Trimmen hinausgewachsene Generation auch anderes tun, wenn sie nicht die Glotze auf der Kabine anstarren will. Rausgehen an die Reling ist reizvoll, aber meist ein kurzes Erlebnis, weil es in schrägen Streifen regnet. Als hätte die Natur den großen Kurzschluss erlebt: Wellen und Wolken und Regen und Dunst nicht mehr zu unterscheiden. Ein Gemenge, das den Griff zum Buch oder zum Reader zum Kokonerlebnis werden lässt.

 

Am späteren Abend bin ich ein Gejagter. Weil ein Buffetrestaurant nach dem anderen dichtmacht. Schnell austrinken, während diese freundlichen jungen Männer aus Indien und Malaysia schon abräumen und die Tische neu eindecken. Doch mein Versuch, mich in eine der Bars zurückzuziehen, scheitert. Denn was auch immer man den Passagieren zu bieten hat, ob bloße Hintergrundmusik oder den Gesang einer jugendlichen Heulboje, ob Bingo, Theater oder Tanzkursus, es wird zur Beschallung mit höchstem Lautsprechereinsatz. Und der so schön ruhige Leseraum ist jämmerlich kalt. Also früh ins Bett!

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Ich bekäme zu wenig von Land und Leuten mit, sagte ich der Dame, die beim Nachmittagskuchen neben mir saß und mich gefragt hatte, wie mir die Reise gefalle. Für mich sei das deshalb nicht das Richtige. Der Weg ist das Ziel, den Spruch zitiert daraufhin die Dame mit vollem Sahnemund, offensichtlich sehr stolz auf diese Erkenntnis. Den Namen des Philosophen nennt sie nicht. Und ich verschone sie damit, danach zu fragen oder darüber aufzuklären. Contenance. Dafür fragt sie mich, warum ich denn auf dem Schiff sei, wenn mir diese Art zu reisen so fragwürdig vorkomme. Als ich zugebe, ehrlich wie ich nun einmal bin, für mich als Autor sei eine solche Reise Feldforschung, hat sie plötzlich etwas vergessen und ist schon weg, auf Nimmerwiedersehen.

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Die Aufmachung der Passagiere ist für mich besonders aufschlussreich. Die Männer tragen gern, egal wie dick der Bauch überhängt, Hemden oder Pullover oder T-Shirts mit großer Werbung der attraktivsten Reiseziele der Welt. Damit dokumentierend, was sie alles schon gesehen haben, ob das Camp David ist oder der Panamakanal, ein Rodeo-Festival oder eine Ballonwettfahrt. Wer zählt die Bäuche, nennt die Namen. Frauen haben nur selten Werbung an sich, die von ihrer eigenen ablenkt. Sie müssen obenherum, egal was sie verbergen oder bieten wollen, einfach nur schick sein. Doch fast einheitlich sind bei Männlein und Weiblein die Hosen. Was früher einmal der VW-Käfer war, das Neutrum, mit dem sich jeder zeigen konnte, weil es einen nicht in eine bestimmte Sozialstatus-Schublade schob, das sind heute die Jeans.

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Ein besonderer Genuss, mehr für die Ohren als für die Augen, ist eine Kunstauktion im großen Theaterrund des Schiffs. Der Auktionator, ein seriös wirkender Endfünfziger im grauen Jackett zur Khaki-Röhrenhose, hellblaues Halstuch locker vor dem Beige-Oberhemd verschlungen, murmelt und murmelt in unendlicher Geduld Zahlen ins Mikrofon, um plötzlich loszuröhren und das Hämmerchen zu schwingen, was ihm prompt das nächste Gebot einbringt, wieder gemurmelt und gemurmelt und endlos wiederholt, damit die nächsten Gebote durch Handaufheben kommen. Und sie kommen. Da gibt es tatsächlich Passagiere, die bereit sind, für kleine bunte Bildchen, Drucke in einer Auflage von 350 Exemplaren und mehr, viele hundert Euro zu zahlen. Ein herzförmiges Bild geht sogar für 5.230 Euro an eine Dame. Und das Spitzenprodukt der Versteigerung ist eine Dreierserie von schrecklich primitiven Figuren, die der Rocksänger Udo Lindenberg im Laufen, Liegen und Fliegen festgehalten hat, bis auf etwas Pornografie völlig belanglos. Für 10.800 Euro ersteigert. Nicht zu übersehen, es ist egal, was die Bilder zeigen. Wenn man nur den Namen schon einmal gehört hat, der darunter steht. Doch ganz Tollkühne bieten sogar hunderte Euros bei den Blind-Date-Versteigerungen, bei denen das Bild unterm Tuch versteckt bleibt und auch kein Malername genannt wird, bis der letzte Hammerschlag erfolgt ist. Soviel zum Thema Schlaraffenland und Narrenschiff.

 

094Es gibt ja noch mehr Landausflüge, stundenlange. Boston öffnet uns seine Tore sogar von neun bis neunzehn Uhr. Selbstverständlich gibt es keine Stadttore. So europäisch die Stadt sein soll, die europäischste überhaupt, wie es heißt, sie empfängt uns mit Hochhäusern, die man von unten bis oben nur betrachten kann, wenn man sich irgendwo anlehnt. Sonst fällt man aufs Kreuz. Also immer wieder stehen bleiben und festen Halt suchen. Bei dieser Sehweise entpuppt sich Boston tatsächlich als eine besondere US-Stadt. Die modernen Wolkenkratzer sind untenherum zugestellt von alten Hochhäusern, die noch überraschende Schmuckelemente zeigen. Liebevoll gestaltete Fassaden mit Bordüren und Erkern, mit Säulen und Figuren und einem Spiel mit verschiedenen Materialien. Und plötzlich kommen mir Bostons nackt-kahle Riesen vor, als trügen sie Faltenröcke oder Lederhosen, Servierschürzchen oder Knickerbocker. Da fühlt man sich fast schon wie zuhause.

 

091Selbstverständlich auch Harvard besucht. Für ein Stündchen einer von denen, die auf dem Campus der Elite-Universität hin und her gehen, mal da hinein und mal dort. Argwöhnisch beäugt von der Polizei, aber gut aufgenommen von der hochmodernen Toilettenanlage der Mensa. Die ehrwürdig wirkenden Gebäude geziemend begrüßt und die Sprüche an den Fassaden gelesen, wobei ich mich immer wieder darauf hingewiesen habe: Die eigentliche Leistung liegt in den Köpfen der Professoren und der höheren Semester sowie in den Büchern hinter diesen Mauern.089

 

 

 

 

 

097Dann endlich zurück nach New York. Und mit wenigen Schritten vom Schiff sofort mitten in Manhattan. Nachdem man sich klargemacht hat: Die USA sind ein besonders freiheitsliebendes Land. Denn in Boston schritt man den Trail of Freedom ab, hier hat uns als erste Miss Liberty begrüßt. Mal diese Freiheit, mal jene Freiheit. Da können wir nicht 103mithalten, kennen wir Deutschen doch bloß eine Freiheit, und die gibt es sowieso immer nur teilweise. Aber keine Zeit für solche Spekulationen. Stadtrundfahrt. Wegen der vielen Absperrungen für den New York Marathon am nächsten Tag eine Odyssee durch die lahmsten Nebenstraßen.

 

 

109Immerhin führt sie uns zu dem Haus, vor dem John Lennon erschossen wurde, zur Börse, zum Rockefeller Center, durch Greenwich Village, zum Battery Park und zu dem neuen 118One World Trade Center mit den Gedächtnisbauten für die Opfer des Anschlags vom 11. September 2001, bevor es zum Flughafen geht. Heimwärts mit dem Trostgedanken: Die Marathonläufer schmecken noch weniger vom Big Apple als wir abgekriegt haben.

 

 

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