Das wilde Schaf

(Le mouton enragé, Frankreich/Italien 1974, 105 Minuten, Regie: Michel Deville, Drehbuch: Christopher Frank)

 

Mal ein ganz anderer Literaturfilm: Kein Film nach einem Roman, sondern ein Film über das Entstehen eines Romans. Am Anfang ist das die Schilderung der Rückschläge, die ein Möchtegern-Schriftsteller namens Claude erleidet. Er bekommt ein Manuskript mit einer so nichtssagenden wie niederschmetternden Ablehnung des Verlags zurück. Und er hat vor einiger Zeit einen Autounfall erlitten, der ihm ein Bein verkrüppelt und ihn zum Stubenhocker gemacht hat. Die Stube ist ein kleines Pariser Café, in dem er nun seine Tage an einem Tischchen verbringt.

Seinen Freund Nicolas, der ein kleiner Bankangestellter und im Übrigen ein Nichts ist, weil er nichts hat und auch nach nichts aussieht, macht er zu seinem Protagonisten. Erscheint ihm der Freund doch als ein gut steuerbares Medium geeignet, ein nächstes Buch mit tollen Erlebnissen zu füllen, nachdem er von ihm erfährt, dass er eine junge Frau angesprochen und dann bei einem Kaffee näher kennengelernt hat. Einfach so und ohne Furcht, habe er sie angesprochen. Etwas, das er noch nie gemacht habe. Aber am nächsten Tag wolle er mit ihr schlafen. Und das gelingt ihm sogar, wenn auch mit einiger Gewaltanwendung.

Daraufhin macht Claude dem Freund klar, dass er nun jeden Tag wenigstens eine völlig ungewöhnliche Tat vollbringen muss und seine Stellung bei der Bank sofort zu kündigen hat. Was im ersten Moment so aussieht, als bemühe sich ein Psychotherapeut um den Aufbau von Selbstbewusstsein bei seinem Patienten, das ist einfach nur die Dreistigkeit, mit der ein Schriftsteller seine Figuren erschafft und sie in Bewegung setzt wie aufgedreht.

Der Möchtegern-Schriftsteller Claude weiß, was er will: Einen großen Gesellschaftsroman mit viel Sex will er entstehen lassen. Dazu schickt er den so überraschend willfährigen Freund Nicolas in die feinere Gesellschaft, gibt ihm klare Anweisungen, welche Frauen er verführen und befriedigen soll, lässt ihn mit einer Minox mehr oder weniger heimlich Fotos schießen und konzipiert anhand dieser Fotos den weiteren Ablauf des Geschehens. Das Nichts Nicolas stößt bei einer Frau nach der anderen auf Begeisterung und Hingabe, außer bei einer reichen jungen Lesbierin. Dass ein Philosophie-Professor, dessen schöne Frau er verführt und sogar geschwängert hat, plötzlich auftaucht und seine Frau sowie sich selbst erschießt, ist ein kleiner Unfall, der das Romangeschehen spannender werden lässt. Nicolas verhilft schließlich einem Superreichen, der ein politisches Mandat anstrebt, auf diesen Stuhl, wird dafür zum Chef einer Scheinfirma gemacht und auch noch zum Herausgeber einer Zeitung. Claudes nächsten Auftrag an Nicolas, nämlich eine schwerreiche und sehr alte Witwe zu beglücken, möchte Nicolas lieber ablehnen, doch geht er, diesmal als geduldiges Schaf, auch auf diese Weide, wofür er kurz darauf beim plötzlichen Ableben der Witwe mit einem großen Erbe bedacht wird.

Der Höhepunkt des Romans im Entstehen kündigt sich damit an, dass Claude aus der Zeitung erfährt, sein Jugendschwarm, die Apothekertochter, an die er nie herangekommen ist, und die in Hollywood zum Filmstar geworden ist, werde Paris einen Besuch abstatten. Er fordert Nicolas auf, für ihn das nachzuholen, was ihm selbst versagt geblieben ist, das heißt, mit ihr zu schlafen. Und das offenbar unwiderstehliche Nichts Nicolas verführt prompt auch den Hollywoodstar. Doch sagt Nicolas hinterher beim Rapport im Café, dass er erstmals einen Auftrag nicht ausgeführt habe. Er kann es nicht über sich bringen, dem Freund zu sagen, dass er mit seinem Schwarm geschlafen hat. Woraufhin Claude ihm gesteht: „Das ist mir auch lieber so.“

Doch als daraufhin mit Champagner der Höhepunkt des entstehenden Romans gefeiert werden soll, nämlich die erstmals gezeigte Selbständigkeit des Nicolas, einen Auftrag nicht auszuführen, kommen Claude Bedenken, ob sein Freund die Wahrheit gesagt habe. Und Nicolas gibt zu, dass er gelogen hat. Woraufhin Claude das Café in Eile verlässt … Aber das Weitere soll hier nicht auch noch verraten werden.

Ein klassisch schöner Liebesroman, sehr französisch, das heißt voller Erotik, obwohl in der Bebilderung schon fast überdezent. Ein Roman mit einer angenehm kurzen, schnellen Exposition und einem dramatischen Höhepunkt sowie einem Happy End trotz etlicher Leichen, die auf den Brettern geblieben sind.

Und was sagt dieser Film über das Entstehen eines Romans dem Kinobesucher, der nach der Vorstellung nachhause geht? Ich meine zu hören, wie er ihm tröstend ins Ohr flüstert, das sei doch nur ein Roman gewesen, und er brauche den Nicolas nicht zu beneiden. „Denn auch du kannst ganz toll was erleben, wenn du es nur ganz fest willst und an dich glaubst und entschlossen genug rangehst ans Leben.“

So gerät ein in Paris spielender Liebesroman in die Sparte Ratgeberliteratur. Hauptsache, er wirkt.

(Walter Laufenberg in: www.netzine.de)

Dieser Beitrag wurde unter Filmbesprechungen veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.