835. Ausgabe

Passiertes! – Passierte es?

 

Es gibt in vielen Sprachen das Bedürfnis nach einem dritten Geschlecht, und das nicht nur bei der Suche nach der richtigen Tür der Bedürfnisanstalt für alle, die sich nicht als Herr und nicht als Dame fühlen. Im Schwedischen gibt es dafür neben han (er) und hon (sie) schon lange das Pronomen hen, das jetzt auch offiziell anerkannt wurde. Und im Englischen experimentiert man mit dem Mx, das neben Mr (Mister) und Mrs (Missis) fungieren soll. Nur weiß man noch nicht, wie man es aussprechen soll. Als Mix? Oder als Max? Da denkt unsereiner doch gleich an Moritz.

 

Dass Deutschland, einst eines der wichtigsten Kulturländer, als das Land der Dichter und Denker gerühmt, heute in der Welt nur noch als Lieferant von Autos und anderen Maschinen Bedeutung hat, ach ja, neben Kopfschmerztabletten und Hilfsgeldern, das ist blamabel. Eingelullt vom permanenten Krimi- und Fußballrummel haben wir Deutschen nicht mehr viel zu bieten. Wir sind eher die nützlichen Idioten der Welt geworden.

 

Die Nationalsozialisten haben den Begriff Rasse für ihre brutale Vernichtungspolitik gegenüber den Juden missbraucht und damit für uns Heutige zu einem Schreckwort gemacht. Also weg mit dem Begriff? So einfach geht es wohl nicht. Wissen wir doch, dass wir Menschen biologisch bloß eine höher entwickelte Tierart sind. Und bei Tieren – denken wir nur einmal an Pferde und Rinder, Hunde und Hühner – sind uns die Rassen eminent wichtig.

 

Vor vielen Jahren wurde ich in einem Ostblockland von einem Einheimischen gefragt: „Wie kommt es, dass es euch Deutschen so viel besser geht als uns, wo ihr doch den Krieg verloren habt?“ Da konnte ich nur antworten: „Weil wir gleich nach Kriegsende führende Politiker hatten, die sich vernünftig für ihr Land eingesetzt haben und nicht korrupt waren.“ Was prompt die nächste Frage auslöste: „Und wie kommt es, dass ihr solche Politiker hattet und wir nicht?“ Ich wollte nicht überheblich wirken, musste aber ehrlich zugeben: „Weil wir in Deutschland eine etwas höhere allgemeine Volksbildung hatten, die dazu führte, dass nur höher gebildete Politiker, die sich schon in anerkannten Berufen bewährt hatten, an die Spitze kommen konnten, nicht aber Leute, die sich durch windige Aktionen die Macht erschlichen haben.“

 

Seitdem so gut wie jeder Zugang zum Internet hat, ist es für die einfacher gestrickten Zeitgenossen selbstverständlich, dass fast alles rechtefrei und kostenlos ist. Damit nähern wir uns einem Zustand, den es schon früher gab, als die Maler ihre Bilder noch nicht signierten, und die Schreiber und Bildhauer, die Bauherren wie die Musikschaffenden unbekannt blieben, weil Nachahmung und Vervielfältigung sogar Kulturtaten waren. Wenn wir uns weiter in dieser Richtung zurückentwickeln, sieht das Urheberrecht eines Tages nur noch wie ein heiteres Zwischenspiel aus, genau wie das kreative Leben der freien Künstler.

 

Wie dieses störende, gerade nur punktgroße Tierchen auf meinem Blatt Papier keine Vorstellung davon hat und haben kann, wo es sich befindet und wie leicht ich es zerdrücken kann, so stehen wir Menschen den unvorstellbaren Dimensionen des Weltalls gegenüber: Als noch nicht einmal punktgroße Winzwesen ohne die Vorstellung von einem übergroßen Wesen, das uns aus Ordnungssinn oder aus Versehen zerdrücken kann. Und was das Tollste ist: Wenn man an solch ein Superwesen glaubt, findet man auch immer wieder Bestätigungen für diesen Glauben.

 

Rentner klagen darüber, dass sie trotz 40 Jahren Arbeit und Einzahlung in die Rentenversicherung, dann doch nur eine Monatsrente von weniger als 1.000 Euro bekommen. Als ich vor 35 Jahren in West-Berlin gesehen habe, dass die Bürohäuser der Rentenversicherung fast ein ganzes Stadtviertel füllen, wo Tausende Angestellte sitzen, die das Rentengeld verwalten, wurde mir klar: Da kann für Rentenzahlung kaum was übrig bleiben. Abgesehen davon, dass noch viele weitere personalstarke Rentenburgen in den einzelnen Bundesländern stehen. Immerhin hatte der zuständige Minister mit dem Spruch: „Die Rente ist sicher“, für den großen Volksbetrug die richtige Wortwahl getroffen. Denn sicher gibt es irgendwann die Rente, nur wie niedrig sie ist, das blieb eine offene Frage.

 

Die Hirnforschung verrät uns, dass wir beim Anhören von Sprache vor allem die linke Gehirnhälfte benutzen, beim Musikhören dagegen die rechte. Das gibt uns die Chance, einmal verstärkt unsere gesamte Gehirnkapazität einzusetzen. Wir brauchen uns einfach nur ein Lied vorsingen zu lassen, allerdings nicht aus den Carmina Burana, sondern ein Lied, bei dem wir auch den Text verstehen.

 

Wochenlang hat Facebook mir 5 Dollar als Geschenk angeboten, wenn ich bereit wäre, etwas zu bewerben. Jetzt habe ich dem Drängen nachgegeben und Facebook einen Werbeauftrag für „Tödliches Einmaleins“ erteilt, meinen historischen Heidelberg-Krimi über den Zwerg Perkeo als Hofnarr und Ermittler. Doch schon am zweiten Tag der Aktion wurde mir mitgeteilt: „Abgelehnt. Dieser Beitrag kann nicht beworben werden, weil er den Facebook-Werberichtlinien nicht entspricht.“ Was für Schwierigkeiten die Facebooker konkret mit dem Einmaleins haben, wurde nicht verraten. Aber dieser Barockzeit-Krimi ist natürlich nicht nur zeitgemäß sexy, sondern auch eine intellektuelle Herausforderung.  

 

 

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