804. Ausgabe

Passiertes! – Passierte es?

 

Am 23. April 2019, dem Welttag des Buches, von einem Bücherfreund für Bücherfreunde die neueste Ausgabe von „Das Laufenberg NETzine“.

 

 

In England haben Statistiker untersucht, welche Fremdsprachen jetzt in Stellenausschreibungen vorausgesetzt werden. Und siehe da, an erster Stelle steht Deutsch, an zweiter Stelle Französisch und an dritter Stelle Chinesisch. Das freut mich, ich habe aber nicht nachgezählt. 

 

Wir geben uns immer mehr mit Spielen zufrieden. Das könnte man positiv sehen, wenn wir nicht vor allem die beiden Spielarten betreiben würden, die den alten und hehren Begriff des Spielens ad absurdum führen: Fußballspiele sind keine Spiele, sondern harte Kämpfe um sehr viel Geld. Und Computerspiele sind meistens bloß brutale Ego-Befriedigung.

 

Es fehlt an Leuten. Deshalb wird hinter der Hand immer öfter über die Wiedereinführung der allgemeinen Wehrpflicht gesprochen. Weil diese genügend junge Männer mit dem beim Bund gemachten LKW-Führerschein hervorbrachte, die dann auf die Boliden der Spediteure umstiegen. Und die Wehrdienstverweigerer standen in den Pflegeberufen als die notwendigen Hilfskräfte zur Verfügung.

 

Je mehr unser Leben bis in den Alltag hinein von der Europäischen Union bestimmt wird, umso mehr entwickeln wir Deutschen uns zu einem Volk von Parlamentariern. Das heißt, wir wollen wenigstens noch mitreden, wenn auch kaum noch mitentscheiden. Sechzehn Länderparlamente leisten wir uns, neben den zahllosen Parlamenten in den Gemeinden und Kreisen. Und als Sahnehäubchen lieben wir den Bundestag mit inzwischen mehr als 700 Abgeordneten. Nur China hat ein noch größeres Parlament, ist aber auch etwas größer als Deutschland, wenn ich das einmal erwähnen darf.

 

Man hört und liest nur noch von Milliardären. Die Frage „Wie angelt man sich einen Millionär?“ ist schon vorgestrig. Milliardäre werden Staatsführer, Milliardäre wetteifern bei der Eroberung des Weltalls, Milliardäre kaufen sich die großen Medienhäuser, Milliardäre bieten uns Brot und Spiele. Verdammt noch mal, warum bin ich kein Milliardär? Da hat die Berufsberatung des Arbeitsamts total versagt.  

 

Bin ich froh, dass ich mich bei diesen Firmen nicht bewerben muss. Ein deutsches Telekommunikationsunternehmen sucht Mitarbeiter für „Cross- und/oder Up-Selling im Rahmen von standardisierten Outbound-Kampagnen inklusive Retention Calls“. Viel besser das Recycling-Unternehmen, das Mitarbeiter sucht und zu diesem Begriff nicht die modernistische Buchstabenfolge (M,W,D) setzt, sondern (A,B,C,D,E,F,G,H,I,J,K,L,M,N,O,P,Q,R,S,T,U,V,W,X,Y,Z), mit der Erläuterung: Von Alien bis Zwitter kann sich jeder bewerben.

 

Jetzt fiel sie mir wieder in die Finger, die vor vielen Jahren in den USA gekaufte Karte mit den Zeilen: „Don’t take life so seriously. You’ll never get out of it alive.“ Der Spruch hat mir damals gefallen, aber jetzt falle ich über den Stolperstein, den er enthält. You’ll als Abkürzung von you will verstanden, weil you shall veraltet und außer Gebrauch ist, behauptet, man wolle nicht überleben. Dabei ist das Weiterleben in den eigenen Werken und Kindeskindern unser Grundbedürfnis. Der Widerspruch kommt auf, weil im abgeschliffenen Englisch das Wort will genauso für zukünftiges Sein wie für einen Wunsch verwendet werden kann. Das zeigt: Zu weit getriebenes Vereinfachen einer Sprache macht die Verständigung nicht unbedingt einfacher, manchmal sogar unmöglich.

 

Der Kölner Dom spricht seine Besucher neuerdings in zehn Sprachen an, und das dreimal am Tag, nämlich zum Mittagsgebet, zu den Heiligen Messen und zur Schließung des Doms. Die Lautsprecher bringen die Hinweise nicht nur auf Deutsch, sondern auch auf Englisch, Französisch, Spanisch, Italienisch, Niederländisch, Polnisch, Chinesisch, Arabisch und sogar auf Kölsch. In Köln kann man also die in der Bibel geschilderte Sprachverwirrung beim Bau des Turmes von Babylon vergessen, es sei denn man kommt aus Finnland oder Ungarn oder …

 

Das Syndikat, der Verein zur Förderung deutschsprachiger Kriminalliteratur, hat in Aachen sein Jahrestreffen abgehalten. Doch bin ich, obwohl auch Syndikatsmitglied, nicht zu dem Treffen gefahren. Aus Angst vor Hunderten  mordlüsterner Kollegen? Nein, nur wegen meiner Zweifel an der gegenwärtigen Krimibegeisterung. Ist die literarische Gattung Krimi doch in doppeltem Sinne eine Einschränkung, vom Thema wie von der Erzählweise her. Denn das Verbrechen, vorzugsweise Mord, wird als die neben der Aufklärung wichtigste Tätigkeit des Menschen hingestellt,  und der Spannungsaufbau, eigentlich nur eines von vielen Hilfsmitteln des Erzählens, wird verselbständigt und so zum Ziel der Darstellung. Um diese Verarmung zu kaschieren, bemüht man sich, alles in einem ungewöhnlichen Ambiente stattfinden zu lassen und die Ermittler mit Kuriosität auszustatten. Das ist mir zu wenig. Mit meinem ultimativen Krimi „Das Mannheimer TT ermittelt“, habe ich den üblichen Kriminalroman rigoros umgekrempelt, natürlich immer noch mit Mord und Spannung, aber so, dass er viel mehr bietet als diese Selbstverständlichkeiten und ein paar lächerliche Eigenheiten der Ermittler.

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