Losgefahren mit der Matterhorn-Gotthard-Bahn, danach den Glacier-Express-Panorama-Zug genommen und dann auch noch in die Bernina-Bahn gestiegen. Und das alles in nur fünf Tagen. Mit so berühmten Zügen, egal ob Schmalspur oder Luxus, durch die schönsten Gegenden der Schweiz gefahren zu werden, also von einem Tal ins andere Tal, mal aufwärts, mal abwärts, wenn auch manchmal mit schwerem Schnaufen, das bringt mir – ja, was denn? Was denn?
Vor allem wird mir großzügig Kleingehölz nahegebracht. Mit dem ich allerdings im Moment nichts anfangen kann. Dahinter und daneben auch viele Wiesen und Äcker, für die dito gilt. Und der besondere Reiz der sauberen Kleinindustrie und der endlos langen Lagerhallen, die billigeren Grundstücke den Bahndamm entlang nutzend, wird mir vergällt, weil es immer gleich in das Dunkelloch des nächsten Tunnels geht.
Aber dann: Neues Tageslicht, neuer Ausblick auf glattrasierte Matten – wie die das nur auf den steilen Hängen mit den Mähmaschinen schaffen? Dann aufklaffende Felsen in schräger Struktur, die Mitleid erregenden Wunden der Berge. Da möchte man Geologe sein. Brücken in elegantem Schwung und versteckte Brückchen, über die ich nie gehen werde. Auch schon vorbei. Und wieder gewaltige Geröllhalden. Diese langen, grauen Bärte der Berge wachsen, weiß ich, weil die Gipfel von Erderwärmung, Wind und Wetter und kräftigen Bergschuhen abgetragen werden. Dagegen hilft kein Gipfelkreuz und kein noch so schöner Name. Im Gegenteil.
Neben all den modernen Büro- und Wohnhäusern im Klötzchenformat, für ordentlich gestapelte Menschen und ihr Ambiente, hin und wieder alte Bauernhäuser, oben Holz und unten geweißter oder unverputzter Felsstein. Da möchte ich gleich seufzen: Schön. Doch dann suche ich vergebens den Blumenschmuck auf dem Balkon. Tatsächlich, der fehlt fast immer. Wie doch die generelle Ausrichtung auf Rentabilität ernüchtert. Ich meine zu hören: Calvin lässt grüßen.
Was mir viel lieber ist: Vor dem Bahnhof von Zermatt ist Alphornmusik zu hören. Unangekündigt, ohne den üblichen Namenskult. Mit einem roten Mützchen für die Geldspende. Aber gern.
Dort die Reklametafel einer regionalen Bank, die sich kühn Erlebnisbank nennt. Nun ja, Geld als das universale Tauschmittel kann einem zum Erlebnis werden, mehr noch, wenn es einem fehlt, als wenn man es hat. In Zermatt im Café mit einem der Fränklischeine gezahlt, die in meiner Kommode seit Jahren auf die nächste Schweiz-Reise warteten. Besser gesagt: Zu zahlen versucht. Die Bedienung nahm den Geldschein nicht an. Das sei kein gültiges Geld mehr, hieß es mit schrägem Blick auf den potentiellen Zechpreller. Aber dann der tröstliche Hinweis: Das alte Geld könne bei der Bank in neues Geld umgetauscht werden. Allerdings war Wochenende, also keine Bank offen. Auch nicht die Erlebnisbank.
Ewigkeitsmomente in Zermatt: Erst geduldig einer Spinne zugesehen, von meinem Hotelzimmer aus, dann dem Matterhorn, wie es allmählich die Wölkchen abstieß, die sich an ihm festgeklammert hatten. Und was sehe ich schließlich? Die Spitze des Berges, auf Prospekten und Plakaten goldplattiert, sie ist gar nicht so. Hier wird mir das Matterhorn pur geboten. Fast hätte ich gesagt: Nackt und zum Greifen nahe. Jetzt kann ich die Ambitionen der passionierten Bergfexe verstehen: Einmal da oben stehen. Ein Hochgenuss.
Nie zuvor habe ich mich so lange im Spiegel betrachtet. Stundenlang. Und das stets mit Nase-hoch. Weil die Berge so hoch sind, die ich durch die leider nicht entspiegelten Fensterscheiben des Glacier-Express betrachte. Pflichtgemäß stundenlang starrend, schließlich habe ich ja für die Berge bezahlt.
Da und dort, wie unterwegs verloren, eine altersbraune Hütte, mit flachen grauen Steinplatten gedeckt, moosbewachsen, aus aufgeschichteten Bohlen errichtet, manchmal aber auch mit Bretterwänden. Was mich an die Männer denken lässt, die vor hundert oder mehr Jahren überlegt haben: Sollen wir mit waagerechten Bohlen bauen oder mit senkrechten Brettern? Für mich eine Frage als angenehmer Zeitvertreib. Meine Antwort: Ist die Kate für den Heuvorrat, dann Bohlen, weil die Luftzug durchlassen, auch wenn sie noch so fest aufeinander zu liegen scheinen. Soll die Hütte als Wohnung dienen, dann lieber Bretter, weil die ein wenig überlappend zusammengefügt werden können, was die Wand wirklich winddicht macht. Ein Rat, den ich zum Glück den Männern von anno dazumal nicht mehr als Entscheidungshilfe geben kann; das wussten die sowieso viel besser.
Schafe und Kühe am Morgen, die mir vorzumachen versuchen, sie seien lebensgroße Plastiken. Kommt ja, da könnt ihr ganz sicher sein. Doch im Moment besteht ihr erst zu wenigen Prozenten aus Mikroplastik. Wohl nicht mehr als ich.
Immer wieder diese wüsten Windbruch-Bilder. Oder war es die Schneelast? Das Ergebnis so oder so erschreckend: Jungbirken hängen und liegen am Hang herum, entwurzelt. Stämmchen für Stämmchen höre ich und fühle ich mit ihnen: Ich hatte doch noch so viel vor.
Die Reisenden eine Sitzreihe vor mir, die aus Indien zu stammen scheinen, staunen genau so programmgemäß wie Deutsche. Ein Plus für die Völkerverständigung. Nur dass sie den friedlich an uns vorüberziehenden Berghängen ständig so wild mit ihren Handys drohen. Sind denen ja klar überlegen. Während die Berge den Zügen wehrlos ausgeliefert sind, die selbst hochprozentige Steigungen schaffen, aalen die Inder sich in Allround-Anoraks, Wildwest-Hüten und Expeditions-Schuhwerk in den Erster-Klasse-Polstern. Als das Essen serviert ist, holen die Männer und Frauen aus Fernost aus ihrem Gepäck diverse Packungen und Fläschchen, mit denen sie ihr Mahl würzen und ergänzen. Sie hatten vorgesorgt. Beneidenswert.
Das Begleitheft der Bahn, genau wie die Durchsagen per Lautsprecher, informieren uns in sechs Sprachen: Deutsch, Englisch, Französisch, Italienisch, Japanisch und Chinesisch. Diese einschmeichelnde Stimme muss zu einer schönen Frau gehören. Möchte ich direkt auf ein Gläschen Schampus einladen.
Die Schweizer Landschaft erscheint meist viergeschossig vor dem Zugfenster: Tiefparterre ein weißschäumender Gebirgsbach, der sich durch wilden Baumbestand kämpft. Parterre die malerisch in alle Richtungen geschrägten Grasmatten mit gelegentlichen Hütten oder Häusern, Schafen oder Kühen. Im ersten Stock dieses undurchdringliche Nadelwaldgrün aus Kiefern, Fichten und Tannen mit einzelnen Blattgrünbesuchern, die schüchtern am Rand stehen bleiben. Darüber schütteln im zweiten Obergeschoss da und dort weiße Felsköpfe – zum Glück – sich gerade nicht.
Vor allem diese undurchdringlichen Nadelwälder an den Steilhängen imponieren mir. Durch die rabiate Enge im Bestand ist ein Baumstamm so kerzengerade wie der andere. Die Konkurrenz, der lebenslange Kampf ums Licht, hat sie alle so wunderbar brauchbar gemacht. Was mir das verrät? – Nein, das sage ich lieber nicht.
Mit der Nostalgiebahn, hundertjährige Holzklasse, an Davos herangezuckelt und gleich am Bahnhof in das Hotel Grischa. Das reservierte Zimmer ist ein erstklassiges Apartment, das die vier Sterne des Hotels bestätigt. Fühle mich fast wie einer der Wirtschaftsbarone, die hier erst vor Kurzem wieder versucht haben, den Weg ins Paradies zu finden. Den überlasse ich ihnen gern. Heute nichts mit Weltwirtschaftsforum. Ich setze mich auf den Balkon und genieße einmal kurz die Sonne. Wenn ich die Augen nicht zukneife, sehe ich vor mir die Dorfkirche, an deren Turm die weit abstehenden Wasserspeier sofort in den Blick geraten. Nur ja jetzt nicht an böse Symbolik glauben. Linker Hand der Berg mit den üblichen grünen Hängen. Und darüber in der Luft gerade einer von den Slipeinlage-Seglern im Landeanflug. Kaum ist er ins Gras gesprungen, kommt schon der nächste angesegelt. Im Übrigen Stille, womit das A und O des Paradieses ja auch ganz gut umschrieben ist.
Als Passagier am Fenster der Bernina-Bahn vermisse ich die sonst gelegentlich zu sehenden alten Holzhäuser, die altertümliche Gemütlichkeit ausstrahlen. Waren das doch die Lichtblicke bei der Fahrt mit der Matterhorn-Gotthard-Bahn. Jetzt wird neben den üblichen Industriebauten nur noch nüchterner Sparsamkeitsstil geboten. Die Schweizer Architekten sind wohl sämtlich in Nahost unabkömmlich.
Im Zug immer wieder diese lästigen Durchsagen in den wichtigsten Touristensprachen. In Konkurrenz, um nicht zu sagen: In Disharmonie zu dem permanenten Geschwätz der Fahrgäste, die sich von dem freundlichen Geraune nicht unterbrechen lassen. Mit der Folge, dass ich nicht einmal das auf Deutsch Verkündete verstehen kann. Immerhin tröstet mich das darüber hinweg, dass ich zu wenig an Fremdsprachenkenntnissen habe. Brächte unter diesen Umständen sowieso nichts.
Immerhin verstehe ich: Holz und Stein und Wasser, das sind die wahren Schätze der Schweizer, viel besser als die Gelder von Gaunern und anderen Geldleuten aus aller Welt, die in den Tresoren der Schweizer Banken gehortet werden. Mit den drei Naturschätzen wissen die Schweizer was Rechtes anzufangen, das muss man ihnen lassen. Daraus bauen sie Uhren, die zuverlässig laufen, wenn auch kein bisschen schneller als unsere Schwarzwalduhren, und brauchbares Handwerkszeug machen sie, außerdem leckere Schokolade, guten Wein und schmackhaften Käse. Doch ergab meine Rundreise für Gourmets nichts, und auch für deren Gegenparts, die Gourmands, war nicht angerichtet. Was ich auf dieser Tour zu essen bekommen habe, bot für die Geschmacksnerven und für die Augen kaum was. Das meldete mir mein Bauch auch.
Trotzdem sage ich: Uf Wiederluege! Braucht man doch bloß alles positiv zu sehen, um was davon zu haben. Dann werden einem selbst Schweizer Rösti, die schnell, aber roh serviert werden, zu einem weiteren Naturschatz – zu Wind.









Der Computer Doktor in Mannheim