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Goethe und Tschechow – Kühler Kopf und warmes Herz

Goethe und Tschechow – Kühler Kopf und warmes Herz

von Walter Laufenberg

ISBN

978-3947373796

Kategorie

Zwei Erzählungen

Umfang

‎ 172 Seiten / Buch (Gebundene Ausgabe)

Verlag

‎ Dittrich-Verlag, Weilerswist und Berlin 2022

Preis

20,00 €

Review

Hier jetzt der LINK zu dem Video, mit dem ich im Gespräch mein neuestes Buch vorstelle:

https://www.velbrueck.de/Video-Podcast/
oder auch direkt
https://www.youtube.com/watch?v=rO1_IiqInX0

LESEPROBE hier ganz unten

DAS SAGT DER VERLAG:

Walter Laufenberg hat in diesem Buch zwei Großautoren zusammengeführt, die gegensätzlicher kaum sein könnten. Entsprechend unterschiedlich hat er die beiden Erzählungen gestaltet.

In der Erzählung mit dem Titel “Goethe versus Vulpius, Vulpius, Vulpius und Vulpius” schildert er, wie schnell der gerade erst nach Weimar gekommene junge Goethe in der spontan entstandenen Freundschaft mit dem jungen Herzog Karl August sich zum allmächtigen Verwaltungschef entwickelt.

Wie aus der Theaterloge beobachtet Laufenberg die beinahe lebenslange Auseinandersetzung Goethes mit drei Generationen der Weimarer Familie Vulpius. Und er lässt weitere Zeitgenossen auftreten, die dem Dichter das Leben schwer machen. Wann hat man Goethe je so bedrängt gesehen? Faszinierend, wie der Dichter und Staatsminister sich in allen Schwierigkeiten durchsetzt, wie geschickt er die bienenfleißigen Konkurrenten Christian August Vulpius und Friedrich Schiller ausbremst. Und wie er die ihm zugetanen Frauen Charlotte von Stein, Christiane Vulpius, Bettine von Arnim und Marianne Willemer aushungert. Das zeichnet ein Goethe-Porträt der unbestreitbaren Überlegenheit – aber ohne Goldrand.

In der Erzählung mit dem Titel “Tschechow zu Gast beim Doppelmörder” stellt Laufenberg das Buch “Die Insel Sachalin” vor, das Tschechow selbst als den groben Häftlingskittel in seiner belletristischen Garderobe bezeichnet hat. Dieser Bericht von der Wahnsinnsreise des lungenkranken russischen Autors auf die Gefängnisinsel Sachalin im äußersten Nordosten Sibiriens, 10.000 km von Moskau entfernt, schildert die unsäglichen Strapazen des Häftlingsweges und die schreckliche Strafe Katorga. Dahinter stand der völlig unverständliche Wunsch des jungen Autors, mit seinem Bericht das russische Strafsystem etwas humaner werden zu lassen – was er auch schaffte.

Auf Sachalin trifft Tschechow zufällig den Doppelmörder und ehemaligen Gardeoffizier Landsberg. Laufenberg bringt in dem Gespräch mit Landsberg und seiner Gefährtin, einer Baroness, ebensoviel Nichtgesagtes wie Gesagtes und lässt damit eine ungewöhnliche Mixtur von Anstand und Abscheu aufscheinen. So komplettiert er das Porträt des amüsanten Plauderers und Dramenautors Tschechow: ein Gutmensch und Sinnsucher.


DAS SAGEN DIE REZENSENTEN

Unter der Überschrift “Nationaldichter als Protagonisten” schreibt Dr. Miriam Seidler im Juli 2022 in literaturkritik.de:

Johann Wolfgang von Goethe und Anton Pawlowitsch Tschechow waren unbestritten hervorragende Autoren. So ist ihr Werk nicht nur Gegenstand für literaturwissenschaftliche Untersuchungen, sondern auch Autorinnen und Autoren setzen sich immer wieder mit ihren Schriften auseinander. Nicht zuletzt beruht ihre Popularität auch auf solchen literarischen Texten, hat doch Bettina von Arnims halbfiktionales Briefbuch Goethes Briefwechsel mit einem Kinde (1835) bei den Zeitgenossen großes Interesse gefunden (…) Dichtung und Wahrheit liegen in solchen Werken genauso eng beieinander wie in Goethes eigener Autobiographie. Diesem Muster, historische Quellen mit fiktionalen Elementen zu verbinden, folgen auch die beiden Erzählungen in dem Band Goethe und Tschechow. Kühler Kopf und warmes Herz von Walter Laufenberg.

Dreh- und Angelpunkt der Erzählung Goethe versus Vulpius, Vulpius, Vulpius und Vulpius ist (…) Goethes Verhältnis zur Familie Vulpius. Dieses wurde bereits von Sigrid Damm in ihrer Recherche Goethe und Christiane minutiös aufbereitet. Ist bei Sigrid Damm der wissenschaftliche Anspruch auch aufgrund der vielen historischen Quellen, die sie verwendet hat, unverkennbar, so wählt Walter Laufenberg für seinen Text die Gattungsbezeichnung Erzählung. Es besteht also kein Anspruch auf historische Korrektheit, stattdessen steht dichterische Freiheit im Vordergrund. Das Ergebnis kommt wie eine wissenschaftliche Untersuchung im narrativen Gewand einher, die versucht, die negativen Charaktereigenschaften Goethes unter anderem anhand seiner Beziehung zu seiner späteren Frau Christiane und deren mit seinen Unterhaltungsromanen sehr erfolgreichen Bruder Christian August Vulpius zu erzählen. Chronologisch wird Goethes rücksichtsloser Kampf für sein eigenes Werk und um die literarische Vorherrschaft in Weimar geschildert, der zugleich als Ringen um die Gunst der Leser zwischen Unterhaltungs- und Bildungsliteratur entworfen wird. Auch wenn dabei immer mal wieder ein verständnisvoller Blick auf die Arbeitsbelastung des Ministers geworfen wird, kommt Goethe als Mensch dabei nicht gut weg (…)

Die Geschichte Goethes mit der Familie Vulpius beginnt mit dem Registrator und Kopisten Johann Christian Vulpius. Goethe entdeckte kurz nach seiner Ankunft in Weimar in den Büchern der Bibliothek Unstimmigkeiten – entweder fehlten Bücher oder Gelder wurden unterschlagen. Verantwortlich gemacht wurde dafür der Registrator – auch wenn sich im Nachhinein herausstellte, dass diesen keine Schuld traf, war sein Ruf und der seiner Familie ruiniert. So gelang es auch seinem Sohn Christian August nur schwer, beruflich Fuß zu fassen. Erst durch das Bittgesuch seiner Schwester Christiane beim Minister Goethe wendete sich das Blatt. Christiane wurde zur Lebensgefährtin Goethes und dieser setzte sich für ihren Bruder Christian August ein. Ihm gelang der literarische Durchbruch Jahre später mit dem 1799 erschienenen Trivialroman Rinaldo Rinaldini, der Räuberhauptmann. Dieser Erfolg, so Laufenberg, schmerzte Goethe, weshalb er versuchte, Vulpius durch Beförderung vom weiteren Schreiben abzuhalten (… ) Die Geschichte lässt sich mit den Worten des Autors wie folgt zusammenfassen:
Den Namen Vulpius (…) hatte Goethe fast während seiner gesamten Weimarer Zeit im Kopf, also mehr als fünfzig Jahre lang, mal weiblich, mal männlich, mal alt, mal jung, mal liebevoll, aber meistens ärgerlich. Immer vulpiuste es um ihn herum. Der Name Vulpius war für ihn wie die Schattenseite des Mondes, fremd und düster (…)

Etwas anregender ist die zweite Erzählung Tschechow zu Gast beim Doppelmörder. Hier widmet sich Laufenberg der Reise des russischen Autors zur im Pazifik gelegenen Sträflingsinsel Sachalin im Jahr 1890. Dort will er die berüchtigte Strafe der Katorga untersuchen, eine nur in Russland bekannte Strafmaßnahme. Diese ist direkt nach der Todesstrafe angesiedelt und besteht aus Zwangsarbeit mit anschließender Ansiedlung für mehrere Jahre auf der Insel Sachalin bzw. in einem anderen Katorgagebiet. Die Schilderung der Reise sowie des Aufenthalts auf der sibirischen Pazifikinsel ist immer wieder durch Gespräche unterbrochen, die durch erzählende Passagen in erlebter Rede Einblick in Gefühle und Gedanken der Beteiligten geben. Damit erzählt Laufenberg die Leerstellen aus dem bewusst objektiv gehaltenen Bericht Tschechows aus, der auf Deutsch unter dem Titel Die Insel Sachalin im Diogenes Verlag erschienen ist. Ein besonderes Interesse liegt auf dem Besuch des Autors bei dem Doppelmörder Landsberg. Dieser hatte erhebliche Spielschulden und tötete den Geldverleiher Wasslow, als dieser ihn bei der Suche nach den Schuldscheinen überraschte. Die besondere Tragik der Geschichte bestand darin, dass Wasslow Landsberg die Schulden erlassen und ihn sogar als Erben einsetzen wollte. Das Aufeinandertreffen zwischen dem ehemaligen Offizier und Tschechow ist als Duell (…) gestaltet. Die Uneinsichtigkeit Landsberg in seiner Selbstdarstellung ist kaum zu überbieten:
Der Mann ist dreist, aber gar nicht so dumm. Dann muss er eigentlich auch den Begriff der Moira kennen, mit dem die Alten Griechen dieses vergebliche Ankämpfen gegen ein missgünstiges Geschick bezeichneten. Mal sehen, ob er da mithalten kann. „Ich bin Opfer des Schicksals“, stellte Landsberg mit einem gewissen Pathos fest, „ein Opfer wie Ödipus, der bekanntlich bei dem Bemühen, alles richtig zu machen, genau das Falsche tat. Sie wissen, er erschlug seinen Vater und schlief mit seiner Mutter, beides aus Unwissenheit. So machte ihn sein persönliches Schicksal zum Opfer. Die Alten Griechen wussten schon, was das Unvermeidbare, nämlich die Moira, ist.“

In der erlebten Rede wird das Duell ausgeführt, während in der direkten Rede die Höflichkeit gewahrt bleibt. Die sprachliche Gestaltung ist hier durchaus reizvoll. Die Umkehrung literarischer Motive und Themen ist allerdings so überspitzt, dass sie nicht entlarvend, sondern vielmehr komisch wirkt. Die Frage, warum der bereits an Tuberkulose erkrankte Tschechow diese beschwerliche Reise auf sich nimmt, ist immer wieder Gegenstand der Gespräche, wird aber am Ende nicht aufgelöst. Die erschreckenden Zustände auf der Sträflingsinsel sind auch heute noch schockierend. Der Versuch, einen entlegenen Landstrich zu besiedeln, ist zum Scheitern verurteilt. Die Schilderungen dieser Insel der Unmenschlichkeit sind beeindruckend, was allerdings weniger das Verdienst Laufenbergs als das Tschechows ist.

Der Untertitel des Bandes Kühler Kopf und warmes Herz beruht auf einer Bewertung des Sachaliner Inselkommandanten, der seinen Vorgesetzten in Moskau berichtet, dass von Tschechow keine Gefahr ausgehe: Er sei „nur ein Dichter, mehr warmes Herz als kühler Kopf.“ Der Gegensatz, den Walter Laufenberg aufmachen möchte, ist der zwischen dem eitlen Dichterfürsten Goethe und dem empfindsamen Kämpfer für eine bessere Welt Tschechow (…).


Elke Barker am 15. 7. 2022 im Mannheimer Morgen:


Rezension Mannheimer Morgen 15.07.2022


UND DAS SAGEN DIE LESER:

Jetzt habe ich mir das 10-Minuten-Video (https://www.youtube.com/watch?v=rO1_IiqInX0) zu dem Goethe-Tschechow-Buch angesehen und muss sagen: Das ist eine kluge Vorstellung des Buches, sehr informativ und unbedingt überzeugend. Ein Genuss, dem Autor zuzuhören. Dieses Buch wird meine nächste Lektüre sein.
Dr. Dr. Tilo Johannes Barth, Mannheim 12. 9. 2022


So quicklebendig wie Goethe in Deinem neuen Buch daherkommt und dabei so hinterhältig und liebevoll von Dir durch sein Leben gewirbelt wird, habe ich mir in dieser Nacht mit Vergnügen zu Gemüte geführt. Hätte das Herr Goethe lesen können, hätte er sich aus lauter Notwehr ringsum geschmeichelt fühlen müssen.
Guntram Erbe, Hilpoltstein 17. August 2022


Zuruf aus dem vorbeifahrenden Auto: Kompliment zu dem neuen Buch. Hat mich begeistert!
Dr. T. Riester, Mannheim  7.8.22


Die beiden Männer in einem Buch zu vereinen, die durch ihre Gegensätzlichkeit wohl nicht zu übertreffen sind, ist absolut faszinierend. Das Leben und Streben Goethes, in spannender Vielfalt und feinen Nebengeräuschen dargestellt, lässt den Leser nicht mehr los bis zur letzten Seite. Gegensätzlicher könnte die Tschechow-Geschichte nicht sein. Packend zu lesen und mitzuerleben, wie Tschechow in das Abenteuer eintaucht, in einer der unwirtlichsten Gegenden der Erde Menschen zu treffen, und wie er sich aufopfernd für sie einsetzt. – Dieses Buch ist in seiner Sprache und Erzählkunst eine wahre Schatztruhe. Ich bin sehr glücklich, es zu besitzen.
Doris Gsell-Urbanek, Triesen, Liechtenstein 26. Juli 2022


Ein Lesegenuss

Das Buch enthält zwei Erzählungen, eine über Goethe und eine über Tschechow, einen deutschen und einen russischen Nationaldichter. Der Titel der ersten Erzählung ist “Goethe versus Vulpius, Vulpius, Vulpius und Vulpius”. Dieser Titel ist sehr treffend, weist er doch darauf hin, dass Goethe im Laufe seines langen Lebens viel länger mit Mitgliedern der Familie Vulpius zu tun hatte als mit seinem Dichterkollegen Schiller, mit dem er gerade mal zehn Jahre verbunden war. Und darauf, dass seine Lebensgefährtin und spätere Ehefrau Christiane es eigentlich viel eher als sein Kollege Schiller verdient gehabt hätte, gemeinsam mit ihm auf dem Sockel des berühmten Doppeldenkmals in Weimar zu stehen. Die 91 Seiten dieser Erzählung sind eine höchst gelungene Beschreibung des gesamten Lebens des Dichters, die gegenüber “normalen” Goethe-Biografien zwei unbestreitbare Vorzüge aufweist: Erstens ist sie durch die vielen witzigen Anspielungen Laufenbergs auf Vorgänge der heutigen Zeit sehr vergnüglich zu lesen. Zweitens listet sie nicht einfach nur auf, in welchem Jahr Goethe was geschrieben hat, sondern sie stellt sein dichterisches Schaffen in den praktischen Kontext seiner jeweiligen Lebenssituation, so dass man nachvollziehen kann, warum Goethe in welchem Jahr was geschrieben hat. Laufenberg stellt auf überaus spannende Weise vielfache Zusammenhänge mit Goethes Freundschaft mit dem weimarischen Landesherrn Herzog Carl August, mit Goethes administrativer und forscherischer Tätigkeit, mit seinen vielfachen amourösen Eskapaden und mit seiner Konkurrenz zu dem Wirken von drei Generationen der Weimarer Familie Vulpius dar. Ganz besonders gewürdigt wird dabei seine Lebensgefährtin Christiane Vulpius, die Goethe achtzehn Jahre lang als bequeme Bettgefährtin, als Gebärerin seiner Kinder und zugleich als billige Haushälterin benutzte und sie erst heiratete und ihr dadurch endlich seinen Namen und seinen Adelstitel verlieh, nachdem sie ihn mutig vor der Bedrohung durch aufgeputschte französische Besatzungsoffiziere gerettet hatte.

Zu widersprechen ist allerdings Laufenbergs Darstellung aller Künstler als Einzelkämpfer und Egomanen (u.a. gleich auf der ersten Seite der Erzählung). Auf ihn selbst mag das ja vielleicht zutreffen. Aber man soll nicht immer von sich auf alle anderen schließen. Denken Sie dagegen an Künstler wie z.B. Orchestermusiker, die sich bei der Ausübung ihrer Kunst sehr diszipliniert um die Erzielung einer höchst präzisen Kollektivleistung bemühen. Dennoch ist die Lektüre dieser ersten Erzählung ein Genuss und kann den Leser auch dazu anregen, sich mal wieder mit einigen Werken aus Goethes Schaffen zu befassen.

Nach dieser spannenden Lektüre über Goethe erwartet der Leser/die Leserin nun wahrscheinlich einen gleichen Genuss von der etwas kürzeren Erzählung über Tschechow. Mit anderen Worten, man könnte vermuten, eine ähnlich vollständige Beschreibung von Tschechows Leben wie in der vorigen Erzählung über Goethe zu erhalten. Aber der Titel dieser Erzählung lautet “Tschechow zu Gast beim Doppelmörder”. Das lässt eher erwarten, eine Beschreibung der kritikwürdigen Zustände auf der russischen Gefängnisinsel Sachalin und von Tschechows diesbezüglichen Verbesserungsvorschlägen zu erhalten. Doch beide Erwartungen werden enttäuscht. Die Erzählung besteht fast nur aus der Beschreibung von Tschechows dreimonatiger Reise durch Sibirien, die durchaus interessant und angenehm zu lesen ist, sowie von seinen ersten beiden Tagen auf Sachalin. Seine dreimonatige Tätigkeit auf der Insel und seine Rückreise auf dem Seewege über Odessa nach Moskau werden jedoch nur ganz kurz auf zwei Seiten zusammengefasst. Und über die von Tschechow empfohlenen Verbesserungen des russischen Gefängniswesens erfährt der Leser nichts. So mag man sich am Ende des Buches fragen, welche Funktion diese zweite Erzählung nach der sehr gelungenen Lebensbeschreibung von Goethe in diesem Band überhaupt hat. Ging es etwa nur darum, Seiten zu schinden, da Goethes wunderbare Lebensbeschreibung für ein ernst zu nehmendes Buch sonst etwas dünn gewesen wäre? Oder besteht sie vielleicht darin, durch die Einbeziehung eines russischen Schriftstellers einen impliziten Bezug zum derzeitigen russischen Aggressionskrieg gegen die Ukraine herzustellen? Letzteres ist zumindest der Eindruck, den die Rezensenten gewonnen haben.
Ina und Armin Bassarak, 27. Juni 2022 bei amazon.de


Berechnung und Idealismus

Hier werden zwei mir – und bestimmt vielen anderen Lesern auch – unbekannte Aspekte aus dem Leben von Goethe bzw. Tschechow erzählt.

Goethe und seine Frau Christiane, bekanntlich eine geborene Vulpius, umgab ein ganzer Weimarer Vulpius-Clan, den Goethe durchaus als störend empfand. Vor allem die literarischen Erfolge von Christian August Vulpius, Autor eines Romans über den Räuberhauptmann Rinaldo Rinaldini (ein Bestseller mit höherer Auflage als Goethes Werke) wurmten Goethe nicht wenig. So verschaffte er dem Konkurrenten eine Stelle als Bibliothekar – und dieser hatte nicht mehr viel Zeit für seine schriftstellerische Arbeit. Sieh mal an: Der so hoch angesehene Dichter setzte kühle Überlegungen zu seinem Vorteil ein und war durchaus berechnend. Ganz ähnlich hat er übrigens auch Schiller kaltgestellt.

Tschechow hingegen war ein Menschenfreund. Wir erfahren, dass er mit 30 Jahren als Lungenkranker 1890 eine dreimonatige, strapaziöse Exkursion von Moskau quer durch Sibirien zur Sträflingsinsel Sachalin unternommen hat. Seine Absicht war es, die Katorga und die schlimmen Zustände auf Sachalin in Augenschein zu nehmen und bei den Verantwortlichen in Moskau für Besserung zu sorgen. Dabei machte er u.a. auch Bekanntschaft mit der „besseren“ Gesellschaft, die sich in durchaus nicht unbehaglicher Nachbarschaft zu den Sträflingen auf Sachalin etabliert hatte, wozu auch ein verurteilter Doppelmörder gehörte, der jetzt wieder als Kaufmann in einem schönen Haus seinen Geschäften nachgehen konnte.

Durch diese beiden Erzählungen bekommt man zwei klassische Autoren auf ganz besondere Weise nahegebracht.
Libelle bei amazon.de 23. 5. 2022


Habe das neue Buch „Goethe und Tschechow – Kühler Kopf und warmes Herz“ schon gelesen und kann nur sagen: So was von informativ, spannend, unterhaltsam und bereichernd. Ich bin fasziniert und habe sofort zwei Exemplare zum Verschenken in der Buchhandlung bestellt.
Ursula Ott, Badenweiler 18. Mai 2022


DER ANFANG ALS LESEPROBE

Goethe versus Vulpius, Vulpius,
Vulpius und Vulpius

Bewunderer, kommst du nach Weimar, verkündige dorten
– nein, du brauchst nichts zu verkünden, wenn du vor den
beiden Heroen Goethe und Schiller stehst. Und vor denen
stehst du, weil du sie auf hohem Sockel vor dem Staatstheater
findest, ob du sie gesucht hast oder nicht. Dann brauchst du
nur die Augen nach oben zu verdrehen, denn diese beiden
Großen repräsentieren die Stadt, die du zu betreten gewagt
hast.
Ja, die beiden Herren sind die Stadt. So glaubt man zumin-
dest in Weimar. Und auch andernorts. Du wirst dich diesem
Glauben anschließen müssen, ob du magst oder nicht. So viel
sei aber schon vorweg verraten: Dem Geheimrat Goethe hät-
te diese bronzene Darstellung von »Dichter-Heroen im Dop-
pelpack« ganz sicher nicht gefallen.
Denn Goethe und Schiller, dieses Paar von Superautoren
auf Tuchfühlung und überlebensgroß, mit Goethes Hand auf
der Schulter des Kollegen, ein Duo, so erhöht und einsam
vor dem Weimarer Theater, beide nach dem kleinen Lorbeer-
kranz vor dem Bauch grabschend, dieses Bild, Ehrfurcht hei-
schend – es täuscht.

Johann Wolfgang von Goethe war kein Typ für den Paarlauf.
Er war ein echter Künstler, und geben wir es doch zu: Künst-
ler sind Egomanen, also Einzelkämpfer. Jeder Künstler strebt
für sich den größtmöglichen Erfolg an Renommee und Ein-
nahmen an. Dabei erscheinen ihm die Erfolge der anderen
als Kuchenstücke, die ihm entgangen sind. Und weil man zu
Lebzeiten noch nicht weiß und wissen kann, dass man ein-
mal als der größte Künstler verehrt wird, lässt einen jedes so
entgangene Kuchenstück nach neuen Erfolgen hungern.
Das gilt ganz sicher auch für Goethe. War der doch schon
von Kindheit an wie auch in seinen produktivsten Zeiten
und noch als Greis eindeutig ein Solist. Er musste immer im
Mittelpunkt stehen, und er musste stets der Größte sein. Was
damals nicht gerade als schicklich galt. Aber nur so wurde
er der Solitär der deutschen Dichtung. Unter dieser narziss-
tischen Eigenart Goethes hatten die Menschen, die ihm na-
hestanden, zu leiden. Charlotte von Stein, Friedrich Schiller,
Bettine von Arnim und Marianne Willemer werde ich für
diese Behauptung in den Zeugenstand rufen, obwohl die-
se vier in dem hier vor allem zu betrachtenden Kleinkrieg
»Goethe gegen die Vulpiusse« nur auf Nebenschauplätzen
aktiv wurden.

Die Lebenssituation des Großpoeten Goethe sah ganz anders
aus, als das Weimarer Doppeldenkmal uns weismachen will.
Schon dieses Seit-an-Seit auf Augenhöhe übertreibt. Galt das
doch höchstens für eine sehr kurze Zeitspanne in Goethes
ungewöhnlich langem Leben. Zudem waren in ihrer Zeit
die beiden Heroen umwimmelt von Hunderten supereifri-
ger Schreiber, von denen viele dem großen Publikum mehr
bedeuteten als die später als unsere beiden Dichterfürsten
Gefeierten. Da hätten also andere Dichter Anspruch auf den
Bronzeguss gehabt. Ende des 18. Jahrhunderts, in der großen
Zeit Goethes und Schillers, sollen in deutschen Landen gut
10.000 Menschen schriftstellerisch tätig gewesen sein. Mehr
als ein Viertel von ihnen arbeitete in der Romanproduktion,
ein Großteil auch fürs Theater.
Da kratzten die Federn, da spritzte die Tinte in großen
und kleinen Ortschaften, dass es eine einzige Freude war
für die Leseratten. Die bekanntesten Romanschreiber hießen
damals Gottlob Cramer, Heinrich Spieß, August Heinrich Ju-
lius Lafontaine, Karl Friedrich August Grosse und Heinrich
Zschokke. Nie von gehört? Das glaube ich Ihnen. Daneben
standen als die erfolgreichsten Bühnenautoren Friedrich
Ludwig Schröder, Friedrich Justin Bertuch, August Wilhelm
Iffland und August Friedrich Ferdinand von Kotzebue. Al-
lein Iffland hat mehr als 70 Dramen auf die diversen Bühnen
in deutschen Landen gebracht. Nur übertroffen von Kotze-
bue, der rund 230 Stücke auf die Bretter, die damals die Welt
bedeuteten, gehievt hat. Daneben stand die beliebte Sparte
der Reisebeschreibungen, in der sich vor allem Sophie von
La Roche hervortat. Nicht zuletzt sei auch der Autor von be-
geistert aufgenommenen Reisebüchern genannt, der Vorläu-
fer des amerikanischen Herumtreibers Mark Twain, nämlich
der Edel-Herumtreiber Fürst Hermann von Pückler-Mus-
kau. Alle längst weg vom Fenster, fast alle vergessen. Nicht
so der sie alle überragende Bestsellerautor mit dem Namen
C. A. V., erster Anwärter auf eine Bronzestatue in Lebensgrö-
ße. – Aber von diesem Autor soll erst später die Rede sein.

Zunächst einmal zu der Frage, wie es dazu gekommen war, zu
dieser Massenschreiberei für den Tag und für den erwünsch-
ten Nachruhm – und fürs Vergessenwerden. Was sollte das?
Mir scheint, das war so etwas wie die deutsche Gegenaufklä-
rung. Die Nüchternheit der Aufklärung, die im 18. Jahrhun-
dert den Leuten was fürs Leben zu geben versuchte, indem
sie das Volk mündig machte, sie hatte den gegenteiligen Ef-
fekt gehabt. Die klugen und engagierten Aufklärer hatten mit
ihren alles hinterfragenden Schriften zwar recht gehabt, da-
bei aber dem Leben allen bunten Putz heruntergerissen. Was
Denker wie Gotthold Ephraim Lessing, Moses Mendelssohn
und Immanuel Kant, um nur drei von vielen zu nennen, den
Leuten zugemutet hatten, nämlich selbstbewusst nachdenk-
lich und immer nur rational zu sein, das war im Alltag kaum
auszuhalten. Die Leute fühlten sich durch diese radikale Auf-
klärung nackt und ausgeraubt. Sie brauchten dringend neue
Kleider und für die Tagesbewältigung eine neue Farbpalette.
War der Arbeitsalltag doch schon hart und kahl und grau
genug. Die Menschen, die die Aufklärung erlitten hatten, sie
sehnten sich nach aufregenden Erlebnissen und nach Hel-
den, mit denen sie mitzittern und mitjubeln konnten, heute
würden wir sagen: mit denen sie sich identifizieren konnten.
Und genau das servierten dem lesefreudigen Publikum die
meisten der 10.000 Schreiber, die für den Geschichtenbedarf
der Leute arbeiteten. Was sie alles an buntem Treiben gesche-
hen ließen, nicht nur in Fortsetzungsromanen von Zeitun-
gen, sondern auch in gebundenen Büchern, in Kalendarien
und anderen Geschichtensammlungen, in den gängigen und
kuriosesten Periodika sowie in Erbauungsschriften, Flugblät-
tern und Liedern, das brachte wieder Leben in den tristen All-
tag ihrer Mitmenschen. Und manche von den vielen Schrei-
bern hatten damit mehr Erfolg als die beiden Denkmalgrößen
Goethe und Schiller zusammen. Weil sie dem Geschmack der
einfachen Leute mehr entgegenkamen als die beiden.

Dabei ließen sich die neuen Schilderer des bunten Lebens von
den großen Vorbildern anregen und sogar zu neuen Themen
verführen. Schillers erste Veröffentlichung »Die Räuber«
und Goethes erste Veröffentlichung »Götz von Berlichingen«
hatten gezeigt, dass man mit ungewöhnlichen Stoffen und
Figuren auf ein breites Interesse stößt. Dabei hatten beide
Autoren ihre Stücke auf eigene Kosten drucken lassen müs-
sen, weil die Verleger das Neue daran nicht erkannt hatten.
Sowohl die »Räuber« als auch der »Götz« waren für ihre Ge-
bärer zunächst Sorgenkinder. Doch hatten etliche Schreiber
für den Alltagsbedarf, anders als die Verleger, das Neue und
Besondere an diesen beiden Dramen sofort erkannt und es
phantasievoll auf die Spitze getrieben. Raub und Totschlag,
so hieß für sie nach Schiller und Goethe die Zauberformel
zum Erfolg.
Damit erzielten einige dieser Schreiber für den Massen-
geschmack prompt höhere Auflagen als die beiden Großau-
toren, hatten mehr Aufführungen in den Theatern, wurden
mehr übersetzt und erhielten mehr Literaturpreise sowie al-
lerlei Gunsterweise von den zahlreichen Fürsten und Fürst-
chen, die in deutschen Landen regierten und für ihr Prestige
gerne Künstler förderten. Plötzlich waren da Leute als die
neuen Lieblingsautoren – ohne Goethe und Schiller danken
zu müssen – landauf und landab im Gespräch.
Schon kurios, dass ausgerechnet das den ernsthaften Dich-
tern Schiller und Goethe abgeguckte Räuber- und Rittermi-
lieu zum Familiensilber der Unterhaltungsliteratur wurde.
Aber trotz dieser edlen Herkunft ihrer Themen sind heute
all diese Wimmelautoren rund um Goethe und Schiller total
vergessen. Selbst für die Literaturwissenschaft spielen sie kei-
ne Rolle, sind einfach abgetan als Produzenten von Trivial-
literatur.

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