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Goethe und Tschechow – Kühler Kopf und warmes Herz

Goethe und Tschechow – Kühler Kopf und warmes Herz

von Walter Laufenberg

ISBN

978-3947373796

Kategorie

Zwei Erzählungen

Umfang

‎ 172 Seiten / Buch (Gebundene Ausgabe)

Verlag

‎ Dittrich-Verlag, Weilerswist und Berlin 2022

Preis

20,00 €

Review

Leseprobe hier unten

DAS SAGT DER VERLAG:

Walter Laufenberg hat in diesem Buch zwei Großautoren zusammengeführt, die gegensätzlicher kaum sein könnten. Entsprechend unterschiedlich hat er die beiden Erzählungen gestaltet.

In der Erzählung mit dem Titel “Goethe versus Vulpius, Vulpius, Vulpius und Vulpius” schildert er, wie schnell der gerade erst nach Weimar gekommene junge Goethe in der spontan entstandenen Freundschaft mit dem jungen Herzog Karl August sich zum allmächtigen Verwaltungschef entwickelt.

Wie aus der Theaterloge beobachtet Laufenberg die beinahe lebenslange Auseinandersetzung Goethes mit drei Generationen der Weimarer Familie Vulpius. Und er lässt weitere Zeitgenossen auftreten, die dem Dichter das Leben schwer machen. Wann hat man Goethe je so bedrängt gesehen? Faszinierend, wie der Dichter und Staatsminister sich in allen Schwierigkeiten durchsetzt, wie geschickt er die bienenfleißigen Konkurrenten Christian August Vulpius und Friedrich Schiller ausbremst. Und wie er die ihm zugetanen Frauen Charlotte von Stein, Christiane Vulpius, Bettine von Arnim und Marianne Willemer aushungert. Das zeichnet ein Goethe-Porträt der unbestreitbaren Überlegenheit – aber ohne Goldrand.

In der Erzählung mit dem Titel “Tschechow zu Gast beim Doppelmörder” stellt Laufenberg das Buch “Die Insel Sachalin” vor, das Tschechow selbst als den groben Häftlingskittel in seiner belletristischen Garderobe bezeichnet hat. Dieser Bericht von der Wahnsinnsreise des lungenkranken russischen Autors auf die Gefängnisinsel Sachalin im äußersten Nordosten Sibiriens, 10.000 km von Moskau entfernt, schildert die unsäglichen Strapazen des Häftlingsweges und die schreckliche Strafe Katorga. Dahinter stand der völlig unverständliche Wunsch des jungen Autors, mit seinem Bericht das russische Strafsystem etwas humaner werden zu lassen – was er auch schaffte.

Auf Sachalin trifft Tschechow zufällig den Doppelmörder und ehemaligen Gardeoffizier Landsberg. Laufenberg bringt in dem Gespräch mit Landsberg und seiner Gefährtin, einer Baroness, ebensoviel Nichtgesagtes wie Gesagtes und lässt damit eine ungewöhnliche Mixtur von Anstand und Abscheu aufscheinen. So komplettiert er das Porträt des amüsanten Plauderers und Dramenautors Tschechow: ein Gutmensch und Sinnsucher.

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UND DAS SAGEN DIE LESER:

Berechnung und Idealismus

Hier werden zwei mir – und bestimmt vielen anderen Lesern auch – unbekannte Aspekte aus dem Leben von Goethe bzw. Tschechow erzählt.

Goethe und seine Frau Christiane, bekanntlich eine geborene Vulpius, umgab ein ganzer Weimarer Vulpius-Clan, den Goethe durchaus als störend empfand. Vor allem die literarischen Erfolge von Christian August Vulpius, Autor eines Romans über den Räuberhauptmann Rinaldo Rinaldini (ein Bestseller mit höherer Auflage als Goethes Werke) wurmten Goethe nicht wenig. So verschaffte er dem Konkurrenten eine Stelle als Bibliothekar – und dieser hatte nicht mehr viel Zeit für seine schriftstellerische Arbeit. Sieh mal an: Der so hoch angesehene Dichter setzte kühle Überlegungen zu seinem Vorteil ein und war durchaus berechnend. Ganz ähnlich hat er übrigens auch Schiller kaltgestellt.

Tschechow hingegen war ein Menschenfreund. Wir erfahren, dass er mit 30 Jahren als Lungenkranker 1890 eine dreimonatige, strapaziöse Exkursion von Moskau quer durch Sibirien zur Sträflingsinsel Sachalin unternommen hat. Seine Absicht war es, die Katorga und die schlimmen Zustände auf Sachalin in Augenschein zu nehmen und bei den Verantwortlichen in Moskau für Besserung zu sorgen. Dabei machte er u.a. auch Bekanntschaft mit der „besseren“ Gesellschaft, die sich in durchaus nicht unbehaglicher Nachbarschaft zu den Sträflingen auf Sachalin etabliert hatte, wozu auch ein verurteilter Doppelmörder gehörte, der jetzt wieder als Kaufmann in einem schönen Haus seinen Geschäften nachgehen konnte.

Durch diese beiden Erzählungen bekommt man zwei klassische Autoren auf ganz besondere Weise nahegebracht.
Libelle bei amazon.de 23. 5. 2022

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Habe das neue Buch „Goethe und Tschechow – Kühler Kopf und warmes Herz“ schon gelesen und kann nur sagen: So was von informativ, spannend, unterhaltsam und bereichernd. Ich bin fasziniert und habe sofort zwei Exemplare zum Verschenken in der Buchhandlung bestellt.
Ursula Ott, Badenweiler 18. Mai 2022

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DER ANFANG ALS LESEPROBE

Goethe versus Vulpius, Vulpius,
Vulpius und Vulpius

Bewunderer, kommst du nach Weimar, verkündige dorten
– nein, du brauchst nichts zu verkünden, wenn du vor den
beiden Heroen Goethe und Schiller stehst. Und vor denen
stehst du, weil du sie auf hohem Sockel vor dem Staatstheater
findest, ob du sie gesucht hast oder nicht. Dann brauchst du
nur die Augen nach oben zu verdrehen, denn diese beiden
Großen repräsentieren die Stadt, die du zu betreten gewagt
hast.
Ja, die beiden Herren sind die Stadt. So glaubt man zumin-
dest in Weimar. Und auch andernorts. Du wirst dich diesem
Glauben anschließen müssen, ob du magst oder nicht. So viel
sei aber schon vorweg verraten: Dem Geheimrat Goethe hät-
te diese bronzene Darstellung von »Dichter-Heroen im Dop-
pelpack« ganz sicher nicht gefallen.
Denn Goethe und Schiller, dieses Paar von Superautoren
auf Tuchfühlung und überlebensgroß, mit Goethes Hand auf
der Schulter des Kollegen, ein Duo, so erhöht und einsam
vor dem Weimarer Theater, beide nach dem kleinen Lorbeer-
kranz vor dem Bauch grabschend, dieses Bild, Ehrfurcht hei-
schend – es täuscht.

Johann Wolfgang von Goethe war kein Typ für den Paarlauf.
Er war ein echter Künstler, und geben wir es doch zu: Künst-
ler sind Egomanen, also Einzelkämpfer. Jeder Künstler strebt
für sich den größtmöglichen Erfolg an Renommee und Ein-
nahmen an. Dabei erscheinen ihm die Erfolge der anderen
als Kuchenstücke, die ihm entgangen sind. Und weil man zu
Lebzeiten noch nicht weiß und wissen kann, dass man ein-
mal als der größte Künstler verehrt wird, lässt einen jedes so
entgangene Kuchenstück nach neuen Erfolgen hungern.
Das gilt ganz sicher auch für Goethe. War der doch schon
von Kindheit an wie auch in seinen produktivsten Zeiten
und noch als Greis eindeutig ein Solist. Er musste immer im
Mittelpunkt stehen, und er musste stets der Größte sein. Was
damals nicht gerade als schicklich galt. Aber nur so wurde
er der Solitär der deutschen Dichtung. Unter dieser narziss-
tischen Eigenart Goethes hatten die Menschen, die ihm na-
hestanden, zu leiden. Charlotte von Stein, Friedrich Schiller,
Bettine von Arnim und Marianne Willemer werde ich für
diese Behauptung in den Zeugenstand rufen, obwohl die-
se vier in dem hier vor allem zu betrachtenden Kleinkrieg
»Goethe gegen die Vulpiusse« nur auf Nebenschauplätzen
aktiv wurden.

Die Lebenssituation des Großpoeten Goethe sah ganz anders
aus, als das Weimarer Doppeldenkmal uns weismachen will.
Schon dieses Seit-an-Seit auf Augenhöhe übertreibt. Galt das
doch höchstens für eine sehr kurze Zeitspanne in Goethes
ungewöhnlich langem Leben. Zudem waren in ihrer Zeit
die beiden Heroen umwimmelt von Hunderten supereifri-
ger Schreiber, von denen viele dem großen Publikum mehr
bedeuteten als die später als unsere beiden Dichterfürsten
Gefeierten. Da hätten also andere Dichter Anspruch auf den
Bronzeguss gehabt. Ende des 18. Jahrhunderts, in der großen
Zeit Goethes und Schillers, sollen in deutschen Landen gut
10.000 Menschen schriftstellerisch tätig gewesen sein. Mehr
als ein Viertel von ihnen arbeitete in der Romanproduktion,
ein Großteil auch fürs Theater.
Da kratzten die Federn, da spritzte die Tinte in großen
und kleinen Ortschaften, dass es eine einzige Freude war
für die Leseratten. Die bekanntesten Romanschreiber hießen
damals Gottlob Cramer, Heinrich Spieß, August Heinrich Ju-
lius Lafontaine, Karl Friedrich August Grosse und Heinrich
Zschokke. Nie von gehört? Das glaube ich Ihnen. Daneben
standen als die erfolgreichsten Bühnenautoren Friedrich
Ludwig Schröder, Friedrich Justin Bertuch, August Wilhelm
Iffland und August Friedrich Ferdinand von Kotzebue. Al-
lein Iffland hat mehr als 70 Dramen auf die diversen Bühnen
in deutschen Landen gebracht. Nur übertroffen von Kotze-
bue, der rund 230 Stücke auf die Bretter, die damals die Welt
bedeuteten, gehievt hat. Daneben stand die beliebte Sparte
der Reisebeschreibungen, in der sich vor allem Sophie von
La Roche hervortat. Nicht zuletzt sei auch der Autor von be-
geistert aufgenommenen Reisebüchern genannt, der Vorläu-
fer des amerikanischen Herumtreibers Mark Twain, nämlich
der Edel-Herumtreiber Fürst Hermann von Pückler-Mus-
kau. Alle längst weg vom Fenster, fast alle vergessen. Nicht
so der sie alle überragende Bestsellerautor mit dem Namen
C. A. V., erster Anwärter auf eine Bronzestatue in Lebensgrö-
ße. – Aber von diesem Autor soll erst später die Rede sein.

Zunächst einmal zu der Frage, wie es dazu gekommen war, zu
dieser Massenschreiberei für den Tag und für den erwünsch-
ten Nachruhm – und fürs Vergessenwerden. Was sollte das?
Mir scheint, das war so etwas wie die deutsche Gegenaufklä-
rung. Die Nüchternheit der Aufklärung, die im 18. Jahrhun-
dert den Leuten was fürs Leben zu geben versuchte, indem
sie das Volk mündig machte, sie hatte den gegenteiligen Ef-
fekt gehabt. Die klugen und engagierten Aufklärer hatten mit
ihren alles hinterfragenden Schriften zwar recht gehabt, da-
bei aber dem Leben allen bunten Putz heruntergerissen. Was
Denker wie Gotthold Ephraim Lessing, Moses Mendelssohn
und Immanuel Kant, um nur drei von vielen zu nennen, den
Leuten zugemutet hatten, nämlich selbstbewusst nachdenk-
lich und immer nur rational zu sein, das war im Alltag kaum
auszuhalten. Die Leute fühlten sich durch diese radikale Auf-
klärung nackt und ausgeraubt. Sie brauchten dringend neue
Kleider und für die Tagesbewältigung eine neue Farbpalette.
War der Arbeitsalltag doch schon hart und kahl und grau
genug. Die Menschen, die die Aufklärung erlitten hatten, sie
sehnten sich nach aufregenden Erlebnissen und nach Hel-
den, mit denen sie mitzittern und mitjubeln konnten, heute
würden wir sagen: mit denen sie sich identifizieren konnten.
Und genau das servierten dem lesefreudigen Publikum die
meisten der 10.000 Schreiber, die für den Geschichtenbedarf
der Leute arbeiteten. Was sie alles an buntem Treiben gesche-
hen ließen, nicht nur in Fortsetzungsromanen von Zeitun-
gen, sondern auch in gebundenen Büchern, in Kalendarien
und anderen Geschichtensammlungen, in den gängigen und
kuriosesten Periodika sowie in Erbauungsschriften, Flugblät-
tern und Liedern, das brachte wieder Leben in den tristen All-
tag ihrer Mitmenschen. Und manche von den vielen Schrei-
bern hatten damit mehr Erfolg als die beiden Denkmalgrößen
Goethe und Schiller zusammen. Weil sie dem Geschmack der
einfachen Leute mehr entgegenkamen als die beiden.

Dabei ließen sich die neuen Schilderer des bunten Lebens von
den großen Vorbildern anregen und sogar zu neuen Themen
verführen. Schillers erste Veröffentlichung »Die Räuber«
und Goethes erste Veröffentlichung »Götz von Berlichingen«
hatten gezeigt, dass man mit ungewöhnlichen Stoffen und
Figuren auf ein breites Interesse stößt. Dabei hatten beide
Autoren ihre Stücke auf eigene Kosten drucken lassen müs-
sen, weil die Verleger das Neue daran nicht erkannt hatten.
Sowohl die »Räuber« als auch der »Götz« waren für ihre Ge-
bärer zunächst Sorgenkinder. Doch hatten etliche Schreiber
für den Alltagsbedarf, anders als die Verleger, das Neue und
Besondere an diesen beiden Dramen sofort erkannt und es
phantasievoll auf die Spitze getrieben. Raub und Totschlag,
so hieß für sie nach Schiller und Goethe die Zauberformel
zum Erfolg.
Damit erzielten einige dieser Schreiber für den Massen-
geschmack prompt höhere Auflagen als die beiden Großau-
toren, hatten mehr Aufführungen in den Theatern, wurden
mehr übersetzt und erhielten mehr Literaturpreise sowie al-
lerlei Gunsterweise von den zahlreichen Fürsten und Fürst-
chen, die in deutschen Landen regierten und für ihr Prestige
gerne Künstler förderten. Plötzlich waren da Leute als die
neuen Lieblingsautoren – ohne Goethe und Schiller danken
zu müssen – landauf und landab im Gespräch.
Schon kurios, dass ausgerechnet das den ernsthaften Dich-
tern Schiller und Goethe abgeguckte Räuber- und Rittermi-
lieu zum Familiensilber der Unterhaltungsliteratur wurde.
Aber trotz dieser edlen Herkunft ihrer Themen sind heute
all diese Wimmelautoren rund um Goethe und Schiller total
vergessen. Selbst für die Literaturwissenschaft spielen sie kei-
ne Rolle, sind einfach abgetan als Produzenten von Trivial-
literatur.

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