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Der Dritte – Seine pränatale Biografie et cetera pp

Der Dritte – Seine pränatale Biografie et cetera pp

von Walter Laufenberg

Verlag

Salon Literatur Verlag, München 2021

ISBN

978-3-947-404-29-2

Umfang

320 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag

Preis

18,90 €

Review

So überraschend, wie die Chuzpe seines Vaters als Soldat und bei der Manipulation des von den Nazis geforderten Ahnenpasses, sind die intimen Gespräche des Autors mit seiner Mutter, die sich um seine Zeugung und Geburt drehen sowie um ihre Ehe und ihre Sexualität. Geständnisse in einer für die Mitte des verklemmten 20. Jahrhunderts ungewöhnlich offenen Art. Ein Familienroman, der statt der traditionellen chronologischen Erzählweise ein augenzwinkerndes Spiel mit den Perspektiven treibt. Scheinen dem Autor, jüngster Sohn in der Familie eines Eisenbahners und einer Schneiderin in dem rheinischen Provinzstädtchen Opladen, in den Fehltritten seiner Vorfahren doch Erklärungen zu stecken für seinen eigenen unordentlichen Lebenslauf.


Das sagt die Presse zu diesem Buch

In Mannheim lebender Walter Laufenberg schreibt Roman über eigene Familiengeschichte

Mannheimer Morgen 14.6.2021
Von
Elke Barker

Walter Laufenberg kennt man, hat der in Mannheim lebende Autor doch bereits eine Vielzahl an Büchern, in erster Linie historische Romane, veröffentlicht. Mit „Der Dritte – seine pränatale Biografie et cetera pp“ wagt er sich an etwas Neues: einen „Familienroman, der statt der traditionellen chronologischen Erzählweise ein augenzwinkerndes Spiel mit den Perspektiven treibt“.

Vaters Kriegstagebuch, vor allem aber die Plauderstunden zwischen Mutter und Sohn bei Tee und Gebäck, gepaart mit der eigenen Erinnerung, waren dabei hilfreiche Quellen. Aus ihnen hat Laufenberg einen anekdotenhaften, jedoch nie oberflächlichen Roman komponiert, der eine stattliche Ahnengalerie und zuletzt sich selbst in den Blick nimmt.

Gleich der Beginn zeigt, in welcher Direktheit hier erzählt wird. So heißt es, als es um Laufenbergs Zeugungsakt geht: „Seine Mutter läuft über den kalten Flur zum Klosett. Ein Rennen gegen die Zeit. Das weiß sie. Ein Wettlauf mit diesen kleinen geschwänzten Wesen, von denen sie gehört hat.“ Und er selbst? „Ich war doch als Samen dabei. Ich war zwar noch kein Ich und doch schon damals der Schnellste, der Eroberer, der Sieger.“ An Selbstbewusstsein mangelt es nicht, das ließe sich auch an anderen Stellen belegen.

Laufenberg lässt seine Ahnen aufleben, macht sie anhand prägnanter Beschreibungen zu eigenständigen Charakteren. So führt die väterliche Linie von der Saar nach Paris zu Großmutter Maria Eker, bei der eine uneheliche jüdische Herkunft zu vermuten ist. Infolge des deutsch-französischen Kriegs muss sie 1870 mit ihren Eltern das Land verlassen und geht nach Köln, wo sie Jakob Laufenberg heiratet. Der gemeinsame Sohn wiederum, gleichfalls Jakob, ehelicht Agnes Neef, „dat Neefs Angnes“, womit wir bei Laufenbergs Eltern angelangt wären.
Mit rheinländischem Charme

Immer wieder treffen wir auf Kölner Binsenweisheiten: „Et bliev im Leven nix wie et wor“ oder „Et es wie et es“ beispielsweise, was ihm Lokalkolorit und Leichtigkeit verleiht, auch wenn die Thematik durchaus ernst sein kann. Man denke nur an den Einfluss der Weltkriege auf das Familiengeschehen. So kämpft der Vater im Ersten Weltkrieg und tritt in der Nazizeit aufgrund seines zweifelhaften Stammbaums sicherheitshalber der SA bei. Opa Laufenberg wird in einer Nervenheilanstalt umgebracht und Walter und seine Brüder kommen im Rahmen der Kinderlandverschickung nach Bayern, was ihnen zeitlebens in guter Erinnerung bleiben wird.

Der gebürtige Rheinländer plaudert sich mit dem Charme des „Kölschen Jung“ durch sein Werk – ob es sich dabei um die Liebesgeschichte seiner Eltern handelt, wie Agnes mit dem „Rama-Mädchen-Gesicht“ sich in Jakob verliebt, der ihr mit der Zither Liebeslieder spielt, oder seinen eigenen Lebenslauf: den des Nesthäkchens Walter, der Jura studiert, heiratet, sich löst von Frau und Kind und nach Berlin geht, um als Autor wirklich frei arbeiten zu können.

„Der Dritte“ ist ein ungewöhnlicher Familienroman, augenzwinkernd, ironisch und heiter, dennoch anspruchsvoll, weit mehr als pure Vergangenheitsbewältigung.


Das sagen Leser zu diesem Buch

Ich freue mich, dass „Der Dritte“ die lange Seefahrt geschafft hat und nun in den Buchhandlungen angekommen ist. Hoffentlich wird dieses wunderbare Buch viele Menschen beglücken, denn es bietet ein aussergewöhnliches Lesevergnügen von selten empfindsamer, eindrücklicher Erzählweise, die das Leben schrieb.

Das neueste Laufenberg-Buch mit dem geheimnisvollen Titel „Der Dritte“ macht durch den Zusatz „pränatale Biografie“ besonders neugierig. Was hat das zu bedeuten? Die Ereignisse vor der Menschwerdung liegen normalerweise im Dunkeln. Diese Biografie aber lässt andere Schlüsse zu. Sie gewährt Einblicke in eine weit gefächerte Familiengeschichte mit unterschiedlichsten Lebensformen während mehr als einem Jahrhundert. Da bekommen zwei Weltkriege ein Gesicht durch die Menschen, die den Wirren der kriegerischen Ereignisse und unvorstellbaren Zwängen ausgesetzt waren und ums Überleben kämpfen mussten.

Geradezu spüren kann man die Kleinbürgerlichkeit der kleinen Stadt Opladen, die einem entgegen schlägt und überall präsent ist. Freude und Leid und das Ringen um Anerkennung, Liebe und Wohlstand liegen nah beieinander. Grossartig herausgearbeitet, eingebettet in die situativen Lebensbeschreibungen. Durch die phänomenale Sprachkunst des Autors ist ein Wunderwerk entstanden, dem man verfällt, sobald man sich dem Genuss des Lesens hingegeben hat.
Doris Gsell-Urbanek, Triesen/Liechtenstein 24. Mai 2021


Eine feine Gesellschaft?
Rezension auf amazon.de von Libelle aus Deutschland vom 14. Mai 2021
Der Untertitel des neuen Romans von Walter Laufenberg „seine pränatale Biografie et cetera pp“ zeigt schon, dass es um seine Vorfahren geht. Zumindest zum überwiegenden Teil. Das Buch beginnt mit der Schilderung seiner (ungewollten) Zeugung, von der ihm seine Mutter ausführlich erzählt hat, und bei der sich schon seine besondere Durchsetzungskraft (gegen ein Kondom) zeigt. Dann wird von einigen seiner Vorfahren erzählt (er geht zurück bis zu seinen Ururgroßeltern und endet bei seinen Eltern). Da werden nicht nur die Umstände des Kennenlernens der jeweiligen Paare geschildert (besonders berührend in Bezug auf seine Eltern), sondern auch deren Eskapaden und dreiste Mogeleien aufgedeckt. Dabei findet er immer wieder Bestätigungen seines eigenen Lebensrezepts.

Und damit ist er in seiner Lebenszeit angekommen: Seinem Aufwachsen mit zwei älteren Brüdern (siehe Titel!) in einer Kleinstadt in der Nähe von Köln und in einem Beamtenhaushalt, in dem der Tagesablauf durch die unterschiedlichen Arbeitszeiten des bei der Eisenbahn beschäftigten Vaters geprägt wird und in dem trotzdem immer das Geld knapp ist. Noch vor dem Krieg tritt der Vater – aus taktischen Gründen (Näheres lese man selbst!) – in die SA ein, ist damit aber keineswegs glücklich. Oft hat die Familie nur durch die Tüchtigkeit der schneidernden Mutter und deren Hamstertouren in der Nachkriegszeit genug zu essen. Seine Kindheit in diesen Zeiten wird vor allem geprägt durch wiederholte Ferien in Bayern. Den weiteren Verlauf seines Lebens streift der Autor nur kursorisch. Das Buch endet mit der Goldenen Hochzeit seiner Eltern, wo die Teilnehmer in einem inneren Monolog ihren Gedanken freien Lauf lassen über das Leben, über die Verwandtschaft oder über die Kosten der Autofahrt zu diesem Ereignis und so weiter. Wenn die Festgesellschaft auch feingemacht auftritt, so ist das Ganze doch ein kritisches Gesellschaftsbild.

Der Autor nimmt den Leser mit auf eine Reise durch das 19. und 20. Jahrhundert, ohne dass dies ein Familienroman im herkömmlichen Sinne wäre. Es werden vielmehr punktuell Ereignisse aus verschiedenen Leben erzählt wie z.B. das Leben der Anna in Paris im ersten Drittel, von Elisabeth und Nikolas in Köln im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts und vom Vater des Autors im 1. Weltkrieg, dessen Chuzpe beeindruckend ist. Das Ganze ist weitgehend in einem ironischen Ton erzählt, der mir gut gefallen hat, und den ich schon aus anderen Büchern des Autors kenne. Ich gebe aber nur 4 von 5 Sternen, weil ich am Anfang etwas Schwierigkeiten mit den Namen der Vorfahren hatte und nicht immer wußte, wer wer ist. Aber dann wurde es doch ein Genuss.


DER ANFANG ALS LESEPROBE

1.

Der Autor und seine zukünftige Mutter. Kein Zweifel. Er sieht sie deutlich vor sich, wie er rabiat seine Augen reibt. Sieht sie ein paar Jahre vor dem Zweiten Weltkrieg. Laufenbergs Agnes in Opladen. Sie ist im Bett. Recht spät noch wach in der frostigen Winternacht. Jetzt wirft sie in Panik das dicke Plumeau zurück, das ihr Mann gerade erst lässig über sie geklappt hat. Nachdem er sich von ihr runtergerollt und in seine Betthälfte zurückgezogen hat.
Er (murmelnd): „Gute Nacht.“
Mit lang ausgestrecktem Arm knipst er seine Nachttischlampe aus, bevor er sich ins Bettzeug einwickelt.
Sie (verärgert): „Ja, du hast gut reden. Von wegen gute Nacht!“
Zu hören ist, wie sie seufzt. Zu sehen ist, wie sie im Dunkeln aus dem Bett kommt, das Nachthemd bis unter den Hals hochgeschoben. Natürlich entsteigt die Opladener Venus der rechten Hälfte des Doppelbetts. Das war schon immer ihre Seite. Die Frau im rechten Bett. Ihr Mann schlief immer im linken Bett. Die rechte, die bessere Hälfte des unvermeidlichen deutschen Doppelbetts, Besuchsritze in der Mitte, hohes Fußende und noch höheres Kopfende, die überließ er seiner Frau. Von wegen der Ehrerbietung. Von dort kam sie ja auch viel schneller zur Zimmertür und aufs Klo.

Aber zurück in die Wirklichkeit! Jetzt liegt mein zukünftiger Vater schon lange ein paar hundert Meter weiter südlich, liegt auf dem Rücken, die Hände auf dem Bauch verschränkt, und seine Frau liegt genauso rücklings auf ihm. Eine ungewöhnliche Stellung, von der Enge des alten Friedhofs auf dem Opladener Birkenberg erzwungen. Eine Variante der Liebesstellungen, die meine Eltern in ihrem Doppelbett nie ausprobiert haben, da bin ich ganz sicher. Einfach nur die Schlusseinstellung eines Liebesfilms, eingefroren zum Finalbild des bunten Streifens, der weder ein Thriller noch eine Herz-Schmerz-Schnulze war, und doch herz- ergreifend und oft sogar sehr lustig. Ein Heimatfilm halt, mit kleinen Leuten und ihren großen Problemen. Sieht man doch immer gern. Weil ein Blick von oben.
Prompt misslingt mir die Rückkehr zur Realität. Mir ist auf einmal, als wäre ich im Damals und sähe, wie meine zukünftige Mutter über den kalten Flur zum Klosett läuft. Das Nachthemd glattstreichend. Die Haare zerwühlt. Auf nackten Füßen. Ein Rennen gegen die Zeit. Das weiß sie. Ein Wettlauf mit diesen kleinen geschwänzten Wesen, von denen sie gehört hat.
Sie (flüsternd): „Spermien, Mistzeugs. Sollen wie Tierchen aussehen, sind zum Glück aber keine Tiere. Doch genau so eklig. Und dabei gefährlich. Sollen ja sehr schnell sein.“
Deshalb keine Zeit, die roten Filzpantöffelchen anzuziehen, die akkurat nebeneinander vor dem Bett stehen blieben. Auf dem rechten der drei Teppiche, die mit der Bezeichnung Bettumrandung protzen. Dabei greifen sie nur um drei Seiten des Weißwäschehimmels. Mehr geht nicht. Das Kopfende ist an der Wand, die das goldgerahmte Bild mit den Engeln trägt. Das Bettvorleger-Arrangement, kurzflorig und grün, in dezenter Musterung, nicht verspielt und nicht aufregend, nein, schön neutral, ist das andere Schmuckstück des Schlafzimmers. Das kein Besucher je zu sehen kriegt. Denn Besucher darf man, so gern man ihnen die Wohnung zeigt, niemals ins Schlafzimmer führen. Höchstens mal ein Enkelchen, das bei Oma und Opa liegt, weil seine Mutter im Wohnzimmer auf der Couch schläft. Für alle anderen ist das Schlafzimmer der heilige Gral der Intimität. Deshalb werden die drei so zurückhaltend putzigen Bettvorleger der Firma Vorwerk zur Bettumrandung geadelt.
Meine eilige zukünftige Mutter gibt nichts um die kalten Füße. Wie sie auch nichts darum gibt, ja, es einfach überhört, dass ihr Mann, mein zukünftiger Vater, hinter ihr her ruft.
Er (noch atemlos japsend): „Aber – ich hab’ doch mit Pariser gemacht!“

Woher ich das so genau weiß? ̶ Ich war doch als Samen dabei. Einer von den wilden Angreifern, die auf die eine Eizelle losstürmten, die ihnen schon erwartungsvoll ein kleines Stück Weg entgegen rutschte. Ich war zwar noch kein Ich und doch schon damals der Schnellste, der Eroberer, der Sieger. Zu komisch, dass ich mich mit dem Samen identifiziere. Pardon, typisch männliche Einstellung. Dabei ist mein Ich doch das Ergebnis der Vereinigung von Samen und Ei. Aber das ist ein Mysterium, das in einer ordentlichen Ehe etwas Unbeschreibliches bleibt. Und um eine solche Ehe geht es hier.

Meine zukünftige Mutter huscht über den kalten Linoleumboden des Korridors in das noch viel kältere und ebenfalls mit Linoleum ausgelegte, immer schön blank gebohnerte enge Kämmerchen mit der Kloschüssel und dem winzigen Waschbecken. Sie greift im Dunkeln links hinter den Vorhang und holt mit sicherem Griff aus dem Regal das Klistier, drückt den roten Gummiball energisch zusammen, füllt ihn unterm Wasserhahn mit Wasser, natürlich mit kaltem, denn warmes Wasser gibt es nur in der Badewanne, und das auch bloß, wenn man vorher den Gasboiler angemacht hat. Kein Gedanke daran, viel zu zeitraubend. Sie setzt sich breitbeinig auf die Klobrille und spritzt sich das eiskalte Wasser in bewusst falscher Anwendung dieses segensreichen medizinischen Hilfsgeräts so heftig in den noch bettheißen Leib, dass sie sich zusammenkrümmt. Und das noch zweimal wiederholt.
Sie (erschauernd): „Ah – ah!“
Frostbewegt springt sie auf und streicht mit der freien Hand erneut das Nachthemd glatt.
Sie (sich beruhigend): „Jetzt muss alles rausgeschwemmt sein.“
Damit schleicht sie zurück ins Bett, wo sie sich hastig unter dem Plumeau verkriecht, um sich warm zu zittern. Ihr Mann ist schon eingeschlafen. Er schnarcht zufrieden dem nächsten Dienstantritt bei der Reichsbahn, Punkt acht Uhr, entgegen. Ende des großen Geschlechtsakts nach kleinbürgerlicher Choreografie.

Weil der Schlaf nicht auf Befehl kommt, ist anzu- nehmen, dass sie noch an die Bluse gedacht hat, die sie am nächsten Vormittag nähen wird. Wenn sie wieder an ihrer Nähmaschine sitzt, wie jeden Tag. An ihrer Singer. Einer Berufsmaschine, nicht so ein Maschinchen für höhere Töchter. Die schwere Singer steht immer dienstbereit am Fenster der Wohnküche. Hinter ihr der Tisch für sechs Personen mit vier Stühlen und dem hohen Sofa an der Wand. Direkt gegenüber vom Herd, einem kombinierten, Kohle und Gas, also alles, was man braucht. Im Übrigen gehören zur Einrichtung dieser Wohnküche noch die beiden Küchenschränke, haselnussbraun, die ihr nie gefallen haben. Viel zu dunkel. Die hat ihr Mann ihr zum Einzug in die erste gemeinsame Wohnung geschenkt. Allein ausgesucht. War ein Sonderangebot. Da musste er schnell zugreifen. Was sie nie verstanden hat und ihr deshalb zur Seufzerlitanei wurde. Wie kann man eine Küche ohne die Hausfrau kaufen, die ihr ganzes Leben darin verbringen muss? So eine dumme Gedankenlosigkeit.

Meine zukünftige Mutter hat sich warmgezittert, wie gesagt. Sie konnte es ja nicht wissen, aber sie hatte allen Anlass zum Zittern. Denn ich war angekommen. Das Kondom muss porös gewesen oder geplatzt sein. Oder auch nicht ordentlich oder rechtzeitig übergezogen. So oder so war etwas schiefgelaufen. Was für eine Rolle spielte das jetzt noch?

Meine Eltern haben nie bei der Herstellerfirma Fromms eine Reklamation angebracht. Dabei wäre das gar nicht so aussichtslos gewesen. Immerhin war das mit der Befruchtung wider Willen in der Nazizeit passiert. Und der tüchtige Unternehmer Fromms in Berlin war Jude. Dem blies gerade sehr kräftig der Wind ins Gesicht. Sicher hätten die damals regierenden Nazis ihm gern eins ausgewischt. Von wegen Unzuverlässigkeit. Schon diese Vorstellung: Ich als das Beispiel für Unzuverlässigkeit. Was für eine Absurdität. Die wur de mir zum Glück erspart. Die Nazis waren ja hin und her gerissen von jeder Befruchtung, weil sie sich über jeden Jungen und zukünftigen Vaterlandsverteidiger freuten, der geboren wurde. Die Mädchen nahm man dabei nicht nur in Kauf, die waren ebenfalls gern gesehen. Was man denen nicht alles an Brauchbarkeitsidealen einpflanzen konnte, und natürlich auch Kinder, Kinder, Kinder.
Schon ein paar Jahre später, als die Nazis ihre Heere gen Osten schickten, wurden für sie die Gummis des Herrn Fromms sogar unverzichtbar. Als Teil der Grundausstattung eines jeden deutschen Landsers. Auf einmal kamen Fromms’ Gummis aus einem kriegswichtigen Betrieb. Sie gehörten zur Gesamtstrategie. Konsequent einzusetzen wegen der Geschlechtskrankheiten und damit die Soldaten nicht fern der Heimat in fremden Frauen Söhne zeugten, die dem Führer später auf seinen Feldzügen als Feinde gegenüber stehen würden.

Auch ich gehörte zur Gesamtstrategie dieses Krieges. Dabei war ich nicht gewollt. Der missglückte Verhütungsversuch war nichts anderes als innerfamiliäre Obstruktion. Muss ich so als Faktum hinnehmen. Doch blieb das unter der Decke Familienangelegenheit. Ich habe ganz selten und nur, wenn es mir sehr dreckig ging, den Gedanken hochkochen lassen, dass ich als ein Fromms-Reklamationsfall eigentlich die Rückgängigmachung des Pariserkaufs verlangen könnte. Mit Umwandlung des Seins in ein Nichtsein? In Amerika sollen schon solche Klagen von den Gerichten behandelt worden sein. Da drüben ist ja alles möglich. Klar, dass sich dort auch Leute finden, die einen ruck-zuck zurück ins Nichtsein bringen. Bei mir waren es zum Glück bloß Minuten der Schwachheit, wenn mich mal nach dem Nichtsein gelüstete. Nur peinliche Ausnahmesituationen. Denn ich war beinahe immer mit mir so zufrieden wie in den Momenten, in denen ich als kleiner Ödipus auftrumpfte, natürlich nur insgeheim: Bei der Begattung meiner Mutter habe ich der Welt gezeigt, wie man sich durchsetzt. Das war das erste Mal, dass ich nicht zu halten war. Und das sollte nicht das letzte Mal bleiben!

Das alberne Gummiding war überwunden, und die eiskalte Dreifach-Dusche mit dem Klistier hatte mich nicht von meinem Weg abgebracht, mir im Gegenteil noch zusätzlichen Schwung gegeben. Wohl den entscheidenden Schub ins Leben. So weit, so gut. Vorläufiges Ende der Beschreibung meiner Genesis.

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