990. Ausgabe

Passiertes! – Passierte es?

 

 

Viele Jahrhunderte lang gab es nur vier Grundarten der menschlichen Bewegung von einem Ort zum anderen: Gehen, reiten, schwimmen und fahren, letzteres mit Kutsche oder Schiff, mit Schlitten oder Ski. Die in den letzten 250 Jahren geschaffenen und viel bewunderten revolutionären Arten der Bewegung brachten neben neuen Hilfsmitteln für diese vier Bewegungsarten wie Fahrrad, Auto, Eisenbahn, Rollschuh, Inline Skates und Elektroroller nur eine einzige neue Bewegungsart, nämlich das Fliegen. So weit sind wir modernen Menschen gekommen. Gratulation! Noch im Experimentalzustand ist eine sechste Bewegungsart, nämlich das Sich-Schießen-Lassen mittels Rakete. Traumziel Mond. Wenn wir das nur endlich diesem und jenem Wichtigtuer ermöglichen könnten.

 

Das Recht entwickelt sich mit uns. 1990 kam endlich der § 90a ins Bürgerliche Gesetzbuch BGB, wonach Tiere keine Sachen mehr sind. Allerdings sollen auf Tiere die Rechtsvorschriften, die für Sachen gelten, „entsprechend angewandt“ werden. Also nur ein halber Schritt vorwärts. Immerhin ist das die Korrektur einer früheren, etwas zu groß ausgefallenen Korrektur, als Tiere, die bis dahin auch Straftäter sein konnten, zu Sachen wurden. Denn im Mittelalter waren die Tiere noch so persönlich aufgefasst worden, dass man einen Strafprozess gegen das Rind führte, das den Bauern mit einem Hornstoß getötet hatte. Was uns heute absolut lächerlich erscheint – oder zu der Frage führt: Welche von unseren heutigen Selbstverständlichkeiten könnte späteren Generationen absolut lächerlich erscheinen?

 

Neuestes vom Verbraucherschutzministerium: Die Krematorien dürfen demnächst für die Asche der Verstorbenen nur noch Urnen benutzen, die den tränenfesten, mindestens acht Punkt großen Aufdruck tragen: Kann Spuren von diversen anderen Geschlechtern enthalten. Recht so, Ordnung muss sein, auch wenn es um das Sterben geht. Sonst könnte es sich manch einer ja noch überlegen.

 

Man hat mit dem neuen Begriff Erikativ der Übersetzerin Erika Fuchs verdienterweise ein Denkmal gesetzt. Verdanken wir ihr doch diese neue Verbform, die in der Fachsprache ein Inflektiv ist, nämlich ein lautmalerischer Begriff, der das Ende der Infinitivform, das –n oder –en, einfach weglässt. Als Übersetzerin hat Erika Fuchs es in den 1950er Jahren gewagt, die deutschsprachigen Micky-Maus-Comics mit Ausdrücken wie „quietsch“, „seufz“ und „stöhn“ zu bereichern, was zu einem generellen Stilmittel für Comics wurde.

 

Eine Sensation war vor vier Jahren in England, dass erstmals mehr nichtweiße als weiße Schulabgänger einen Studienplatz an einer der Elitehochschulen bekommen hatten. So was ist inzwischen keine Überraschung mehr, weil immer mehr Familien von Eingewanderten in der Lage und bereit sind, die horrend hohen Studiengebühren zu zahlen. Und bei den „Eingeborenen“ Englands hat sich die Einschätzung von Bildung grundlegend geändert: Höhere Bildung ist nicht mehr der Königsweg zu einem erfolgreichen Leben, wie jeder Blick auf die heutzutage in den Medien gefeierten Prominenten zeigt. 

 

Wenn wir Deutschen gefragt werden, welches Unheil wir am meisten fürchten, nennen wir Krieg, Geldentwertung, Krankheit, Altersarmut und dergleichen. Kaum einer kommt darauf, dass uns die größte Gefahr von der Künstlichen Intelligenz (KI) droht. Denn wir denken nur an Industrieroboter – weltweit inzwischen mehr als drei Millionen – und an Haushaltshilfen – mehr als 30 Millionen weltweit bereits im Einsatz. Und wir erwarten eine Verbesserung der Verkehrssicherheit durch das autonom fahrende Auto, weil es uns von den vielen menschlichen Versagern befreit. Dabei übersehen wir aber, dass die KI ganz anders arbeitet als unsere menschliche Intelligenz. Und weil die KI in der Lage ist, sich selbst immer mehr beizubringen, ist der Roboter uns Menschen schnell überlegen. Dann herrscht eine Intelligenz ohne all die traditionelle Rücksicht auf Sitte, Moral und Recht, weil solche Abwägungen für jeden Zweifelsfall nicht ins Programm aufgenommen werden konnten. Und wir Menschen werden zu Quasi-Maschinen, total gleichgemacht, indem uns jede persönliche Eigenart ausgetrieben wurde. In einigen Staaten wird daran schon erfolgreich gearbeitet. Das ist die „schöne neue Welt“, die uns erwartet. 

 

Die Führung des besonders erfolgreichen KI-Systems Anthropic Claude empfiehlt jetzt zum Erstaunen der gesamten KI-Welt, in der Entwicklung der künstlichen Intelligenz eine Pause einzulegen. Weil die Gefahr bestehe, dass ein KI-System entwickelt wird, das die Intelligenz aufbringt, sich weitgehend ohne menschliche Hilfe selbst beizubringen, immer noch intelligenter zu werden. Mit dieser „rekursiven Selbstverbesserung“ drohe der Menschheit die große Katastrophe. Nämlich dass wir die Herrschaft über die Systeme verlieren und dann ihren Befehlen folgen müssen. Das ist exakt die Warnung, die ich mit meinem im Herbst vorigen Jahres erschienenen Buch „Beobachter“ ausgesprochen habe. Weil diese Warnung von der Kritik kaum bemerkt und aufgegriffen wurde, sei hier noch einmal darauf hingewiesen. Damit später niemand sagen kann: Das konnten wir doch nicht ahnen. Das Buch ist überall im Buchhandel zu bekommen. https://www.netzine.de/book/beobachter/?grid_referrer=4078  

 

 

 

 

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