940. Ausgabe

Passiertes! – Passierte es?

 

„Die Angst des Tormanns beim Elfmeter“. Die 1970 bei Suhrkamp erschienene Erzählung von Peter Handke jetzt aus dem Bücherregal geholt und noch einmal gelesen. Der Titel hatte in Fußballerkreisen manchen Widerspruch ausgelöst. Weil nicht nur der Tormann Angst hat, sich zu blamieren, sondern auch und noch viel mehr der vom Trainer ausgesuchte Elfmeterschütze. Denn falls der Schuss ins Tor geht, weil der Torwart zur falschen Seite hin gehechtet ist, nimmt man ihm das nicht übel. Weil sein Körper den Sprung schon vorbereiten musste, ehe der Ball getreten wurde; alles andere wäre zu spät gewesen. Dagegen der Schütze, wehe, wenn der was falsch macht; das wird er ein Leben lang zu hören kriegen. Doch dieses Fußballerproblem spielt in der Erzählung bloß auf den letzten beiden von 125 Seiten eine Rolle. Handke hat damit lediglich einen populären Auslöser nachgereicht für ein köstliches sprachliches Verwirrspiel um die Bedeutung des Phänomens Wahrnehmung. Weil die mal nur eingebildet ist, mal beunruhigend, mal irreführend oder warnend, aufklärend, belustigend, beglückend, völlig belanglos oder sonst was. Jedenfalls führt die Erzählung vor, wie unsere fünf bis sechs Sinne uns steuern, im Wettbewerb mit dem Verstand, der, so zeigt es der letzte Satz der Erzählung, selbst wenn er obsiegt, durchaus nicht der Gewinner sein muss.

Waldpark. Kurz vor Mitternacht kommen sie wieder anspaziert mit ihren Hunden. Soll ja gesund sein. Ohnehin notwendig. Ich kann da leider nicht mitmachen. Habe ich doch nur meinen inneren Schweinhund. Und der zieht es um die Zeit vor, seinen Feierabend zu genießen, statt das zu machen, was die Hunde – na ja.

Mit der Aktualisierung des Amtlichen Regelwerks der deutschen Sprache für Schule und Verwaltung wurden am 1. Juli 2024 etliche Verrücktheiten der sogenannten Rechtschreibreform von 1998 zurückgenommen. Änderungen gibt es bei der Groß- und Kleinschreibung sowie bei Fremdwörtern, beispielsweise bei „Eindeutschungen“ wie Dränage, Exposee, Jogurt, Polonäse, Spagetti und Tunfisch. Diese „Vereinfachungen“ sind abgeschafft, weil sie sich im Schreibgebrauch nicht eingebürgert haben. Außerdem ist das Komma vor Nebensätzen mit Infinitiv jetzt wieder Vorschrift. Beispiel: Vernünftige Schreiber hatten das Komma ohnehin immer gesetzt, um das Vorlesen und Verstehen der Satzkonstruktion zu erleichtern.

Ein Riesenvorteil der Sprache Deutsch ist, dass die Vokale fast immer so gesprochen wie geschrieben werden, mit nur leichten Verfärbungen, wie das mehr oder weniger offene O in Ort oder Oma. So korrekt ist beispielsweise das Französische nicht. Erst recht verwirrend ist das Englische, in dem das U mal als Ju und mal als A gesprochen wird, das E meistens, jedoch nicht immer als I, das A mal als Ä und mal als A, das I meistens als Ei, aber auch als I und so weiter mit diesem Durcheinander. Was auch uns betrifft. Denn über Begriffe wie iPhone und e-Tronic schwappt diese Diskrepanz von Schriftbild und Aussprache aus der abgeschliffenen und vernuschelten Händlersprache Englisch jetzt ins Deutsche über und vermasselt uns die Sprache.

Wenn ich mir die Kataloge für Kulturreisen ansehe, komme ich uns schnell auf die Schliche: Wir reisen nicht mehr, um irgendwo anzukommen, sondern um Kirchen und Kathedralen zu sehen und zu knipsen, anderswo Synagogen und Kirchen, noch woanders nur Moscheen und anderswo nur Pagoden. Daneben interessiert uns da wie dort auch ein wenig die einheimische Küche. Wohl bekomm’s!

Ein Freund erzählte mir: „Gestern Abend eine Fernsehdoku gesehen über die so eigenartig von Zufällen abhängigen Entwicklungsschritte unserer Erde. Erst einmal total ratlos gewesen. Dann sah ich ein, dass mir als Konsequenz die verdammt naheliegende Alternative Selbstmord oder als Playboy weiterleben so oder so nicht passt. Deshalb entschied ich mich für eine kühle Ignoranz gegenüber der Erdentwicklung: Mir alles egal.“ Das verlangte auch von mir eine zunächst schwere Entscheidung, dann aber war mir klar, er bleibt mein Freund. 

Habe jetzt in einem Karton ein Foto entdeckt, das der als Prominentenfotograf berühmt gewordene Jupp Darchinger 1983 von mir gemacht hat, auf einem Balkon des Reichstagsgebäudes. Als Werbe- und Public-Relations-Direktor Berlins hatte ich Darchinger damals für eine Serie von Fotos nach Berlin gebeten. Die Schilderung einer gemeinsamen Fototour mit dem Regierenden Bürgermeister Richard von Weizsäcker und seinen schwer bewaffneten Beschützern quer durch West-Berlin sowie die Reaktionen der Berliner darauf ist zu finden in meinem Dokumentarroman „So schön war die Insel“, der Berlin in den letzten Jahren vor dem Fall der Mauer zeigt. Längst vergriffen, aber ein paar Exemplare für speziell Berlin-Interessierte habe ich noch aufbewahrt. Alles über dieses Zeitdokument unter https://www.netzine.de/book/so-schoen-war-die-insel/?grid_referrer=4078

Dieser Beitrag wurde unter Aktuell veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.