939. Ausgabe

Passiertes! – Passierte es?

Wir leben in einer schizophrenen Gesellschaft. Einerseits rangieren bei uns die Politikfiguren in den offiziellen Erhebungen über die Wertschätzung von Berufsgruppen ganz unten, andererseits lassen wir es klaglos zu, dass sie uns in den Medien Tag und Nacht auf die Nerven gehen, weil Funk und Fernsehen jeden auch nur halbwegs bekannten Politfunktionär, wo auch immer er auftritt, mit Pulks von Kameras und Mikrofonen umschmeicheln. Man kann nur noch abschalten.

Wenn Spitzenpolitiker und Wirtschaftsführer sich als spezielle Altersvorsorge wesentlich  jüngere Frauen zulegen, dann ist das heute noch weniger lächerlich als zu Zeiten König Davids, dem man im hohen Alter die junge Abigail ins Bett legte, damit er wieder in Hitze komme. Selbst in Zeiten von Viagra und Co. ist das noch konsequent. Denn diese Wunderpillen können bekanntlich den Erregungszustand des Mannes bloß aufrechterhalten, das Zustandekommen der Erregung verdanken wir aber immer noch der Frau.

Englisch muss es lustig machen. Der Mainzer Carneval-Verein (MCV) hatte in dem traditionellen Aufruf, Vorschläge zum diesjährigen Karnevalsmotto einzureichen, zur Vorgabe gemacht, das Wort „Zugplakettchen“ oder einfacher „Plakettchen“ müsse in dem Motto enthalten sein. Mit dem Verkauf dieser neckischen Plakettchen, oft als Figürchen gestaltet, wird der Mainzer Karnevalszug finanziert. Jetzt hat der MCV aus den 590 eingereichten Vorschlägen den Sieger erkoren, der das Motto des nächsten Karnevalszuges sein soll: „In Meenz zu feiern, des ist nett, but don’t forget se Zugplakett!“ Natürlich regt sich prompt Protest, weil das Motto in Denglisch daherkommt. Völlig zu recht. Man darf gespannt sein, wann den Veranstaltern auffällt, dass der so schön gereimte Spruch leider der Vorgabe, in der die Verkleinerungsform gefordert war, nicht entspricht und deshalb ohnehin vom Tisch war.

Aus der Presse erfahre ich, dass die Deutschen weniger zur Geldanlage in Aktien neigen als die Nachbarn und die Amerikaner. Heißt das, wir sind dümmer als die anderen? Dabei wird man als Aktienkäufer doch besonders geschützt. Es wird einem nicht ermöglicht, besonders risikoreiche Papiere zu kaufen, weil man vorher darauf getestet wird, wie viel Ahnung man von diesen Geschäften hat. Also kann man kaum etwas falsch machen, solange man nicht so verrückt ist, auf Kredit zu kaufen. Aber vielleicht sind wir nicht dümmer, sondern klüger als die anderen. Weil wir unser Geld lieber in Schiffsreisen anlegen? Auf See sind die Wellen kleiner, und notfalls gibt es kostenlos Kotztüten.

Hier in Mannheim wie in vielen anderen Städten hat man die Tage, an denen jeder seinen Sperrmüll vors Haus stellen darf, abgeschafft. Angeblich aus Sorge um das saubere Straßenbild, in Wahrheit hat man damit den florierenden Handel mit eingesammelten Gebrauchtwaren abgewürgt, um dem etablierten Einzelhandel etwas Gutes zu tun. So gibt es auch nicht mehr die kleine Freude über ein Fundstück, das man gerade brauchen kann. Weil ich es nicht über mich bringe, gut erhaltene alte Sachen der Müllabfuhr zu übergeben, kann ich nun nichts mehr loswerden – deshalb aber auch nichts Neues kaufen.

Die Tagesschau gibt es jetzt auch in der sogenannten Einfachen Sprache, das heißt, ohne Fremdwörter, mit kurzen Begriffen und Aussagen, ohne den Genitiv, besser artikuliert und langsamer gesprochen. Ein Service für die 17 Millionen mehr oder weniger analphabetischen Erwachsenen in Deutschland, die Probleme mit dem Schreiben und Lesen komplexer Texte haben. Und das sind durchaus nicht nur Menschen mit Migrationshintergrund. Interessant ist, dass in der Einfachen Sprache auf das Gendern verzichtet und alles so ausgedrückt wird, wie man in Deutschland spricht. – Diese Meldung könnte in Einfacher Sprache etwa so aussehen: Die Tagesschau jetzt auch in Einfacher Sprache. Also ohne Fremdwörter. Alles kürzer und besser zu verstehen. Für die 17 Millionen Erwachsenen mit Schwierigkeiten im Lesen und Schreiben. Das sind ja nicht nur Zugewanderte. Wichtig: In der Einfachen Sprache werden die Menschen nicht doppelt genannt, männlich und weiblich hintereinander. Männlich genügt, weil jeder weiß, was gemeint ist. 

Längst nicht alle Jubiläen sind zum Jubeln. Beispielsweise der Deutsche Bauernkrieg, der vor 500 Jahren ausbrach, ist eher ein Menetekel. Als die Bauern in Thüringen, Sachsen, Süddeutschland und der Schweiz sich gegen die ihnen aufgepackten immer schwereren Belastungen erhoben, anfangs sogar angefeuert von Martin Luther, wurden schon früh Menschenrechte formuliert und eingefordert. Mindestens 75.000 Menschen verloren dafür ihr Leben. In einem total asymmetrischen Krieg gegen den Adel: Dreschflegel gegen Kanonen. Darüber informiert mein Buch „Stolz und Sturm“, das in enger Zusammenarbeit mit dem am Bodensee lebenden Wilderich Graf von und zu Bodman und anhand von dessen umfangreichen Archivunterlagen zustande gekommen ist. Ein spannender historischer Roman, der vor allem die kleinen Leute sichtbar macht, die in den Geschichtsbüchern meist fehlen.  Hier alles über dieses Buch:
https://www.netzine.de/book/stolz-und-sturm/?grid_referrer=4078

 

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