937. Ausgabe

Passiertes! – Passierte es?

Die deutsche Sprache ins Grundgesetz! Diese Forderung wird immer lauter. Berechtigt in einer Gesellschaft, in der heute jeder Simpel mit englischen Sprachbrocken im Mund herumstolziert wie der Dackel, der seinem Herrchen die Morgenzeitung im Maul bringt. Ist die Muttersprache doch viel mehr als nur ein Kommunikationsmittel, nämlich das Ergebnis der Geschichte und aller Kulturleistungen eines Volkes, wie sich an unzähligen eigenartigen Ausdrücken und Wendungen zeigen lässt. Also rein damit ins Grundgesetz – die Muttersprache gehört zu unserem Eingemachten!

Nachbarschaft ist immer Bereicherung. Neben den Weltsprachen Latein und Französisch hat Deutsch den polnischen Wortschatz am stärksten beeinflusst. Rund 3.000 Entlehnungen aus dem Deutschen nennt das polnische „Große Fremdwörterlexikon“. Einige davon stammen noch aus dem 10. Jahrhundert und sind ein Zeugnis der Christianisierung Polens, z. B. ołtarz von Altar oder ofiara von Opfer. Viele Fremdwörter stammen aus dem Mittelalter, als die deutsche Sprache in vielen Regionen Polens dominierte und die Städte nach deutschem Recht organisiert waren. Bei den Wörtern burmistrz (dt. ‚Bürgermeister‘), ratusz (dt. ‚Rathaus‘) und rynek (dt. ‚Ring‘) ist die Herkunft noch zu erkennen. Die originellste Wortschöpfung dürfte wihajster (von „Wie heißt er?“) sein. Gemeint ist ein Gegenstand, wofür einem das Wort gerade fehlt.

Manchmal kann man sich nicht dagegen wehren, wichtig zu werden. Mein Geburtsort Opladen wurde gegen Ende des vorigen Jahrhunderts von der Nachbarstadt Leverkusen geschluckt, wodurch ich plötzlich einer aus „Meisterkusen“ bin. Und die Stadt Mannheim, in der ich jetzt wohne und mein Blog netzine.de veröffentliche, bezeichnet sich seit einigen Jahren als Hauptstadt der deutschen Sprache, was mich auch noch zum „Hauptstädter“ macht (jetzt fehlt mir nur, dass einer sagt, es sei genau andersherum und ich sei einer von denen, die Mannheim zur Hauptstadt der deutschen Sprache machen).

Die verrückten Beckmesser vermehren sich unaufhaltsam. Die Stadt Weil am Rhein haben sie jetzt dazu gebracht, ihr traditionelles „Bläserfestival“ umzubenennen in „3-Länder-Stadt-Festival“, angeblich weil Wörter wie Blechbläser und Blasmusik sexuell konnotiert sind.

Vor 5 Jahren habe ich die folgende Beobachtung im Netzine gebracht, mit überraschender Wirkung. Denn anschließend liefen alle mit einer Maske vor Mund und Nase herum. Ich genauso. Mein Text: „Ich frage mich, warum wir für manche Dinge kein deutsches Wort haben. So für das Stück Gesicht zwischen Oberlippe und Nase. Und noch erstaunlicher: Es fehlt – neben dem medizinischen Fachbegriff – ein deutsches Wort für das, was wie ein schmaler, flacher Graben von der Nasenscheidewand senkrecht zu der Oberlippe hinab führt. Vielleicht zu peinlich zum Benennen. Weil das überhaupt kein Graben ist, vielmehr die Vertiefung zwischen den beiden etwas erhöhten schiefen Ebenen, die über der Oberlippe stehen und zuverlässig dafür sorgen, dass jeder Nasenausfluss zur Seite geleitet wird statt in den Mund zu laufen.“ Also Rotzbahnen mitten im Gesicht, und das auch bei jedem Schönling und jeder Schönheitskönigin.

Nicht nur Europa ist ein Babylon, das gilt erst recht für das volkreichste Land der Welt, Indien, wo es Hunderte Sprachen und Dialekte gibt, die durcheinander tönen, obwohl sie aus verschiedenen Sprachfamilien stammen und in unterschiedlichen Schriftarten daherkommen. Modi, der neue starke Mann Indiens, will dem Vielvölkerstaat jetzt neben der Einheitsreligion Hinduismus auch noch eine Einheitssprache Hindi verpassen. Damit soll zugleich die Vorherrschaft des Englischen, der Sprache der Kolonialherren, abgelöst werden. Na gut, obwohl damit das positive Erbe der jahrhundertelangen Leidenszeit der Inder unter britischer Herrschaft verschleudert wird, nämlich die für die Verwaltung und die Bildungseliten existentiell wichtig gewordene Welthilfssprache Englisch.

Habe jetzt Roman Polanskis Film „Der Gott des Gemetzels“ gesehen, 2011 gedreht nach dem gleichnamigen Bühnenstück der Französin Yasmina Reza. Darin wird die Meinung verbreitet, Aggressivität sei der Grundtrieb des menschlichen Verhaltens. So eindrucksvoll sich das darstellen lässt, es ist leider zu kurz gesehen, wie ich ausführlich und mit vielen Beispielen dargestellt habe in meinem eBook „Ich ist top“. Und das Buch ist schon die völlig überarbeitete, erweiterte und aktualisierte Fassung meines Buches „Ratgeber für Egoisten“, das 1987 in Hamburg erschienen und schnell vergriffen war. Mein Sachbuch über das Ich ist mir besonders wichtig. Wer wissen will, warum wir Menschen wirklich dies und das tun, der kommt um dieses Buch nicht herum, mit ihm aber einen großen Schritt weiter in Richtung „Ich lass mir nichts mehr vormachen“.
https://www.netzine.de/book/ich-ist-top-selbstbewusst-ueberlegen-und-sozial-aus-egoismus/?grid_referrer=4078

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