931. Ausgabe

Passiertes! – Passierte es?

 

Die Uni Bielefeld greift durch. Sie sperrt die Ausleihe von rund 60.000 grünen Büchern. Aber das ist keine politische Aktion, sie dient vielmehr dem Schutz vor dem Gift Arsen, das in der grünen Farbe des Einbands und des Schnitts enthalten sein kann. Das heißt für mich, dass ich jetzt meine grünen Klassikerausgaben unberührt in den Regalen lassen muss. Zugegeben, das ist keine große Veränderung. Und wenn ich doch mal was bei Goethe, Schiller oder Thackeray nachschlagen muss, beruhige ich mich damit, dass es Bielefeld bekanntlich überhaupt nicht gibt.

 

Jetzt ist einem badischen Zeitungsreporter, der sich in einer Buchhandlung umgesehen hat, doch tatsächlich etwas aufgefallen: Die neuen Romane tragen fast alle englische Titel, obwohl sie  deutsche Literatur sind und deshalb auch nicht in der Ecke „English Books“ stehen. Das hat ihn gewundert. Das heißt, in seinem Fall hat die plumpe Anbiederei der Verlage mit dem unterschwelligen Kompliment: „Du bist doch so ein polyglotter Weltmann“ einmal nicht funktioniert. Dabei ist diese Masche doch längst gang und gäbe, übrigens auch bei Kinofilmen deutscher Produktion.

 

Sind wir Deutschen wirklich dümmer als die anderen? Wenn ich aus der Presse erfahre, dass wir viel weniger zur Geldanlage in Aktien neigen als die Nachbarn und die Amerikaner, kann ich mir das nicht erklären. Wird man doch als Aktienkäufer sogar besonders geschützt. Es wird einem nicht ermöglicht, als extrem  risikoreich geltende Papiere zu kaufen, weil man vorher angeben muss, wie viel Ahnung man von diesen Geschäften hat. Also kann man kaum etwas falsch machen, solange man nicht so verrückt ist, auf Kredit zu kaufen. Sind wir dennoch nicht dümmer als die anderen, sondern vielleicht klüger? Weil wir unser Geld lieber in Schiffsreisen anlegen? Darin sind wir ja Weltmeister.

 

In Deutschland gebe es inzwischen mehr Selbsttötungen als Verkehrstote, verrät mir die Presse. Leider ohne mir die Motive der Menschen zu verraten, die ihr Leben wegwerfen. Weil nach den Umständen oft eine Beziehungstat zu vermuten ist, stellt sich mir die Frage: Was ist denn noch gefährlicher als der Straßenverkehr? Vielleicht der Geschlechtsverkehr, weil dafür ein TÜV fehlt?

 

Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation WHO hat sich seit 1990 weltweit die Zahl der fettleibigen Erwachsenen mehr als verdoppelt, die Zahl der fettleibigen Kinder und Jugendlichen sogar vervierfacht. Gleichzeitig sank die Zahl der untergewichtigen Menschen. Also geht es uns bloß zu gut? Nein, es geht uns schlecht; denn das sind Anzeichen für eine fallende Intelligenzkurve.

 

Immer wieder werde ich von jungen Leuten gefragt, wie man Schriftsteller wird. Dann schocke ich mit dem Hinweis: Zunächst einmal müssen Sie sich entscheiden, ob Sie für anspruchsvolle Leser und Kritiker schreiben wollen oder für Lieschen Müller. Es geht – vereinfacht gesagt – um Kopf oder Bauch. Ganz abgesehen vom Inhalt, der gerade gefragt sein muss, die Literaturagenten und Verlagslektoren erkennen schon an wenigen Seiten Ihres Textes, ob Sie für ihr Programm richtig sind oder nicht. Was Sie Ihnen aber  freundlicherweise nicht sagen, das ist: Ihr Manko ist, dass Sie sich nicht auf kurze Sätze beschränkt und nicht konsequent den Genitiv vermieden haben, dass Sie brauchen mit zu verwenden, größer als schreiben statt größer wie und scheinbar von anscheinend sowie dasselbe von das gleiche unterscheiden können. Vor allem fehlen bei Ihnen die großzügig über den Text gestreuselten Produktnamen, die Modernität zeigen, und man findet bei Ihnen viel zu selten die Ausdrücke Scheiße und Arschloch, die Aufgeschlossenheit signalisieren. Also ist nichts mit Bestsellerei.

 

Jetzt wird es wirklich Frühling. Die schönste Zeit für einen Ausflug an den Bodensee. Als passende Vorbereitung oder, falls die Reise gerade nicht möglich ist, als der Jetzt-erst-recht-Genuss bietet sich der historische Roman „Stolz und Sturm“ an. Ein Erlebnis, das Schwung gibt. Habe ich jetzt selbst erfahren, als ich das Buch noch einmal nur anlesen wollte und gar nicht aufhören konnte. Spannend wie ein Krimi, aber dabei auch noch … Ach, lest doch selbst! Hier der Anfang und ein paar kompetente Beurteilungen:

https://www.netzine.de/book/stolz-und-sturm/?grid_referrer=4078

 

 

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