594. Ausgabe



Unsere schwarz-gelbe Regierung musste erst einmal mit einem Wahldebakel eins auf die Nase kriegen, ehe sie auf die oft wiederholte Kritik an der Geldverschwendung des Molochs Brüssel zu reagieren bereit war. Dabei wird dort hauptsächlich das Geld der deutschen Steuerzahler verpulvert. Jetzt soll endlich geprüft werden, wie die Supergehälter und ungewöhnlichen Spesen der EU-Funktionäre auf ein vernünftiges Maß zurückgeschnitten werden können. Die viel zu teure Förderung der Landwirtschaft kommt erst hinterher dran – wenn man ein paar weitere überflüssig gewordene Spitzenpolitiker nach Brüssel abgeschoben hat.

Da wurde der mittelständische Unternehmer in der Presse bejubelt, der in einem Prozess die Deutsche Bank zur Erstattung von einer halben Million Euro, also Peanuts, wegen Falschberatung gezwungen hat. Dabei ist der brave Unternehmer nur ein zweites Mal hereingefallen, als er sich von seinem Anwalt zum Prozessieren verführen ließ. Für den Anwalt ein lukrativer Erfolg, der ihn sogar ins Fernsehen gebracht hat. Der Unternehmer aber hätte ohne Klageerhebung von der Bank viel mehr Geld bekommen können mit der bloßen Drohung, den Fall in die Medien zu bringen. Merke: All deine Berater haben ein starkes Eigeninteresse, nicht nur die am Bankschalter.

Duale Hochschule Baden-Württemberg, so steht es groß an dem Gebäude in Mannheim. Womit der Werbespruch bestätigt wird, die Baden-Württemberger könnten alles außer Hochdeutsch. Denn gemeint ist, dass diese Hochschule zu einem dualen Bildungssystem gehört, das abwechselnd Theorie und Praxis bietet. Dabei aber steht die Hochschule nicht für beides, ist also nicht dual, sondern gibt nur die Theorie zur Praxis, die in Betrieben vermittelt wird. Und wie es mit der Theorie steht bei einer Hochschule, die noch nicht einmal ihren Namen richtig zu schreiben vermag, kann man sich leicht vorstellen.

Ehe und Familie stehen unter dem besonderen Schutz des Grundgesetzes. Die Väter des Grundgesetzes, weitgehend christlich geprägt, haben bei dieser Gleichstellung von Ehe und Familie unsere geistige Weiterentwicklung übersehen. Ist die Familie doch schon von unseren Vorfahren als ein Schwundobjekt gesehen worden, wie im Nibelungenlied gleich zweimal geschildert wird. Kriemhild entscheidet sich für die Liebe zu ihrem ermordeten Ehemann Siegfried und gegen die traditionelle Bindung an die Familie, als sie ihre beiden Brüder, die sich bei dem Mord mitschuldig gemacht haben, umbringen lässt. Und der Markgraf Rüdiger von Bechelaren entscheidet sich im Endkampf der Hunnen gegen die Nibelungen, zu denen er blutsmäßig gehört, gegen seine Familie und für den fremden Hunnenkönig Etzel, weil der sein Lehnsherr ist; womit schon die von den Arbeitgebern so gern beschworene Betriebsfamilie von heute vorgezeichnet wurde – ebenfalls ein Schwundobjekt.

Wir Primaten. Der Mensch stamme vom Affen ab, habe der Forscher Charles Darwin gesagt, das glauben immer noch viel zu viele Menschen. Darwins Feststellung, dass wir bloß mit den Affen einen gemeinsamen Vorfahren haben – Ehre seinem Andenken! –, scheint schwer zu akzeptieren. Doch wenn Naturwissenschaftler heute von der Gruppe der Primaten sprechen, sehen sie in dieser Gruppe den Menschen neben den Eigentlichen Affen (so der Terminus technicus). Eine feine sprachliche Unterscheidung. Mit der müssen wir leben.

So oft schon musste ich beim Herumreisen auf Formularen ankreuzen: male oder female. Doch als mir jetzt einer klarmachen wollte, weil male für männlich stehe, heiße female einfach nur unmännlich, habe ich im Wörterbuch nachgeschlagen. Und war sehr froh zu erfahren, dass female von dem lateinischen Wort femelle kommt, der Verkleinerungsform von femina=Frau. Das Wort female ist also nicht verwandt mit dem Wort male, und es wurde anfangs auch anders geschrieben, erst im späten 14. Jahrhundert ist die Schreibweise dem Wort male angeglichen worden, so dass es wie dessen Verneinung aussieht.

Ein Wort zu dem, was mir die Statistik der Zugriffe auf Laufenbergs Läster-Lexikon in diesem Netzine sagt: Dass das Stichwort Rauchen immer wieder in arabischen Ländern wie Jemen, Jordanien, Ägypten, Kuwait und Saudi-Arabien aufgerufen wird, wo man noch rauchen darf, ist erstaunlich. Als ob man dort Angst hätte, die amerikanische Anti-Rauch-Hysterie könnte auch auf ihre Länder überschwappen. Dagegen sind die vielen Aufrufe des Stichworts Schubart in Japan wohl auf ein Missverständnis zurückzuführen. Manch ein japanischer Musikliebhaber verwechselt wohl Schubart mit Schubert.

Bei einem Schafzüchter in Island zu Gast. Die Schafe wollen mir mit ihrem unendlich geduldigen Herumstehen und mit ihrem stummen Jahrtausendblick Gleichmut beibringen, doch die Fliege an der Fensterscheibe, die den Weg in die Freiheit sucht, macht mich depressiv. Kann sie doch noch so  eifrig das Glas abtippeln, natürlich immer aufwärts, kann sie manchmal auch entschlossen aufflattern und einen neuen Anlauf nehmen, sie fällt doch immer wieder runter auf die Fensterbank, wo die vielen schwarzen Leichen herumliegen, auf der Seite oder auf dem Rücken, die Beine steif hochgestreckt. Und ich soll mich damit trösten, dass die eifrige Scheibenläuferin immer noch auf die Füße fällt?

Ein Volkstanz-Abend nahe beim Nördlichen Polarkreis. Ein gutes Dutzend an Einwohnerpaaren voller Vorfreude im neuen Kulturhaus des Städtchens. Jedes Paar hat weit mehr als hundert Jahre unter den Sohlen. Die Frauen sämtlich nett aufgemacht, die Männer im Sonntagsanzug oder Pullover oder bunt karierten Hemd, mit aufgekrempelten Ärmeln und Hosenträgern. Manche Melodie, die der alte Musiker mit seinem Akkordeon spielt, kenne ich. Die gerade jetzt reizt mich, den deutschen Text mitzusingen: Hoch droben singt jubelnd der Engelein Chor. Dabei feiert man an diesem letzten März-Wochenende das nahende Ende des Winters. Eine junge Frau in Tracht macht die Tanzmeisterin, und alle machen brav mit, Schrittchen für Schrittchen, auch der Herr Professor und die Frau Bürgermeisterin. Und ich. Nur die beiden jungen Mädchen, die halb versteckt hinter der offen stehenden Tür geblieben sind, gucken befremdet und ziehen dann ab, mit Hohlkreuz. Draußen schneit es.

Nordlicht, ein Begriff, der mir viel zu lange dunkel blieb. Aber dann, am Samstag-Abend den 2. April gegen zehn Uhr, da schlug ein heller Streifen am Nachthimmel so was wie eine Brücke über das Tal südlich von Dalvik im hohen Norden Islands, und ich dachte, den Kopf in den Nacken gelegt und festen Halt verschafft am Treppengeländer vor dem Haus, das ist die Milchstraße, die hinter den westlichen Bergrücken hervorkommt und hinter den östlichen verschwindet. Dann aber teilte sich die helle Straße, schien ein doppeltes Spotlight zu sein, von zwei gewaltigen Scheinwerfern über die Berge gesandt, den Nachthimmel abtastend, als sollten feindliche Flugzeuge ins Fadenkreuz genommen und abgeschossen werden. Doch dann plötzlich schien der Doppelstrahl zu explodieren, große Lichtpfützen bildeten sich zwischen den Strahlen und weit über sie hinausgreifend, direkt über mir eine großzügig hingeklatschte Helle. Die davonschwamm, ihre Schleier über das Tal zog und im Westen verschwand, kaum dass sie eine Viertelstunde lang mich schwindelig gemacht hatte.

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