1.  Reisebilder:

Unter Japanern, diesen Menschen zwischen Vorgestern und Morgen (2009)

In Kroatien ohne Krawatte (2009)

Reif für die Insel Teneriffa (2009)

Nur zu gern in Ungarn (2008)

Ostlandfahrt (2008)

Ein Blinzeln in Bella Italia (2007)

Schwarzes Schaf auf Thule (2007)

Auch ich in Romania (2006)

Paris am 31. Oktober 2005 (2005)

Irak: Bericht aus einem belagerten Land (2003)

Ziel: Brocken (2003)

Türkei - Rückkehr ins Paradies (2003)

Kein Irisches Tagebuch (2001)

Meine kleine Andalusiade (2001)

Der London-Test (2000)

Neun Portionen Portugiesisches (1999)

Der Rhein bei Konstanz (1999)


Unter Japanern, diesen Menschen zwischen Vorgestern und Morgen

Goethe in Weimar hat sich immer nach Griechenland gesehnt, es aber nie gesehen. Lichtenberg in Göttingen hat sich jahrelang auf eine Italienreise vorbereitet, zu der es dann doch nicht gekommen ist. Ich aber bin in Japan, nach dem ich mich nicht gesehnt habe, und auf das ich auch nicht vorbereitet bin. Mal sehen, wie das Land das aushält. Jedenfalls bin ich bereit, mich mit einer völlig fremden Kultur zu beschäftigen. Bin ja Teilnehmer einer Studienreise.

Schnell bekomme ich den Eindruck: Die Japaner leben gleichzeitig im Vorgestern und im Morgen. Eine Ambivalenz, die sie auch mit ihrer Flagge zeigen, deren roter Ball sowohl als eine untergehende Sonne gedeutet werden kann als auch mit etwas gutem Willen als eine aufgehende. Für mich sind die Japaner mit dieser Zweigleisigkeit des Lebens beinahe schon Aborigines und Marsmenschen in einem.

Dabei ist Japan einmalig, denn hier gibt es alles nur in der Vielzahl. Ein Japan-Besuch ist das Erlebnis des reinen Pluraletantums: Es gibt nur Menschen und nur Millionenstädte und nur Bergriesen und nur Vulkane und nur Erdbeben und nur Stäbchen und nur Verbeugungen. Nichts davon ist bloß einmal vorhanden.

Hotel Metropolitan in Tokyo. In der dritten Nacht um vier Uhr dreiundzwanzig weiß ich zunächst nicht, wovon mein Bett schwankt. Von zuviel japanischem Bier oder von dem Aneinanderstoßen der eurasischen Erdplatte mit der pazifischen? Entscheide mich dann gegen das Bier und für die pazifische Variante. Da habe ich meinen Frieden und kann wieder einschlafen.

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Kabuki-Theater in Tokyo

Die erste Kneipe, die ich in Tokyo finde, nahe beim Hotel Metropolitan, ist ein English Pub. Immerhin etwas beinahe Heimeliges, wenn auch sehr laut und eng. Schon am zweiten Abend sagt die Bedienung, dass man sich nicht so breit machen darf, mit Jacken und Taschen, weil sie möglichst viele Gäste an den kleinen Tischen unterbringen muss und auch Essen verkaufen will. Da versuche ich, das Gesicht zu machen, das ich bei den jungen Japanerinnen sehe, diesen generellen Ausdruck der Wurschtigkeit. Was mir aber schon bald als unmöglich klar wird. Denn der Gesichtsausdruck kommt nur von dem Loriot-Gebissstand, den die Mädchen hier durchweg haben. Und der fehlt mir.

Die schätzungsweise 5 % der Passanten, die auf der Straße eine weiße Atemmaske tragen, so dass das Gesicht nach Disneys Ente aussieht, tragen leider nicht spürbar zur Luftverbesserung bei. Kein Wunder, die Maske liegt nicht überall am Gesicht so dicht an, dass vermieden würde, die Atemluft ungefiltert in die Straßenatmosphäre auszuhauchen.

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Asahi-Brauerei in Tokyo

In Deutschland wird mit dem Getue um den Datenschutz der Schein einer Privatsphäre erhalten, hier gibt es sie. Denn wo auch immer Japaner stehen oder sitzen, haben sie ein Buch in der Hand. Leider kann ich nicht sehen, was sie gerade lesen, weil es fast immer in einer neutralen Schutzhülle eingepackt ist. Gute Ausrede, nicht wahr? Immerhin ist das ein perfekter Schutz gegen: Sage mir, was du liest, und ich sage dir, wer du bist. Das ist Datenschutz auf Japanisch.

Im Nationalmuseum für Kunst ein Versuch, mit den Japanern vertraut zu werden. Wunderschöne Rollbilder, doch muss ich feststellen: Die Japaner haben sich in der Malerei nicht damit aufgehalten, die Zentralperspektive zu propagieren und ähnliche Umwege zu gehen. Stattdessen haben sie ihre Schrift, die ja ursprünglich eine Bilderschrift ist, wieder zum Bild werden lassen und uns das als Kalligraphie verkauft. Sie haben sich auch nicht lange damit aufgehalten, die Wirklichkeit gemalt wiederzugeben, weder impressionistisch noch expressionistisch, sondern haben einfach die überlegene deutsche Kameratechnik kopiert und sie in Sieben-Meilen-Schritten weiterentwickelt zu etwas, dem keine naturalistische oder veristische Malerei mehr folgen kann. Jetzt knipsen alle rundum, auch die ausländischen Touristen, nur noch japanisch.

Die Japaner sind todesmutige Menschen, sich stets der Lebensgefahr bewusst und nur für den Augenblick lebend. In der gigantisch wiederaufgebauten Stadt Hiroshima, wo die Amerikaner am 6. August 1945 mit einer Uranium-235-Bombe, deren Sprengkraft 16.000 Tonnen TNT entsprach, den größten Massenmord der Geschichte in einer Sekunde geschafft haben, leben heute wieder rund 1,6 Millionen Menschen. Die Halbwertszeit von Uranium 235, die 703,8 Millionen Jahre beträgt, ist für sie kein Thema. Die ebenfalls imposant wiederaufgebaute Stadt Nagasaki, wo die Amerikaner am 9. August 1945 mit einer Plutonium-239-Bombe, deren Sprengkraft 21.000 Tonnen TNT entsprach, den zweitgrößten Massenmord der Geschichte in einer Sekunde geschafft haben, hat heute wieder rund eine halbe Million Einwohner. Auch für sie ist die Halbwertszeit von Plutonium 239, die nur 24.110 Jahre beträgt, kein Thema. Die Japaner sind hart im Nehmen. Ist doch nie zuvor die Massenvernichtung von Leben so elegant vollzogen worden wie hier. Aber dazu später mehr.

Fahrt nach Nikko. Durch eine Landschaft, die immer noch das Land des Dichters Matsuo Basho ist. Dabei ist der schon mehr als dreihundert Jahre tot. Was für den Zen-Mönch und Haiku-Dichter Tageswanderungen waren, ist für die Busladung Touristen nur eine auf schnellen Reifen gerollte Tour von eineinviertel Stunden. Die Berge zur Linken geben sich betont distanziert. Und dem Asphaltband lässt sich kein einziger Haiku entlocken. Zu viele Schilder rechts und links verlangen zuviel Aufmerksamkeit. Ein Exit nach dem anderen Exit wird negiert. Sämtlich vertane Chancen. Das ist halt Tourismus.

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Die berühmten drei Affen in Nikko

In der Nähe locken die Kegon-Wasserfälle als ein beliebtes Ausflugsziel, wie die vielen Verkaufsbuden auf dem Plateau gegenüber dem Wasserwunder zeigen. Und dann diese drastische Belehrung: Auch was ein bloß drei handbreites Bächlein ist, es wirkt, wenn es aus 1300 Metern Höhe herabfällt, doch imposant. Ja, danke, ich habe verstanden: Selbst ein Nichts kann in seinem Fallen noch Eindruck schinden.

Der Tempel der abgetriebenen Kindlein bei Kamakura. Erst 1999 führte Japan die Anti-Baby-Pille ein, ein Jahr später als Viagra, höre ich. So machen statt der Pharma-Industrie die Mönche der buddhistischen Klöster das große Geschäft mit dem ungewollten Leben. Die meisten Mädchen, die abtreiben lassen, sind zwischen 16 und 19 Jahre jung, heißt es. Jedes Jahr viele hunderttausend gewaltsam vermiedene Neubürger. Dabei brauchte das Land sie dringend, weil es langsam aber sicher vergreist und weil es so gut wie keine Immigration gibt. Dafür wachsen die Sammlungen von kleinen Figürchen auf den Klosterfriedhöfen. Für jedes abgetriebene Kind ein Steinfigürchen, das rund zweitausend Euro kostet. Es bekommt einen eigenen buddhistischen Namen, der rund 10.000 Euro kostet. Jeder Besuch zum Beten kostet extra, auch das mitgebrachte Kleidchen oder Mützchen für die Figur, die Süßigkeit, das Spielzeug, das man dort ablegt. Auf Abtreibungen spezialisierte Ärzte beruhigen sich selbst damit, dass sie der Schwangeren mit erhobenem Zeigefinger noch auf dem Behandlungsstuhl das Bild ihres Kindes im Leib zeigen, anschließend auch dem Beinahe-Vater das Fötus-Foto überreichen und ihm heftig ins Gewissen reden. So bleibt eine lebenslange Bindung an das unterdrückte Leben, zumal noch 43 Jahre lang für das Figürchen wie für jedes Grab ein erhebliches Entgelt gezahlt werden muss. Damit soll dem toten Wesen geholfen werden, ein Buddha zu werden, also die Vollkommenheit zu erreichen. Das ist den Leuten so wichtig, weil sie wünschen, dass das abgetriebene Kind es einmal besser hat als man selbst.  

Weil der Nachwuchs fehlt, arbeiten die Japaner viel mehr als sie verpflichtet sind. Kaum Zeit, einen Teil des gesetzlichen Drei-Wochen-Urlaubs zu nehmen. Und mehr als jeder zweite Rentner arbeitet zu geringster Entlohnung als Hilfsarbeiter weiter. Was sollten sie auch sonst tun?

Japan besteht, so scheint mir, aus unbewohnbaren Bergen, diesen grünen Wellen, von Urwald bedeckt, und aus bombastischen Hochhausklumpen sowie grauen Placken von Kleinhäusern, die mit vielen Drähten aneinander gebunden sind. Die Hochhäuser stehen zwar dicht bei dicht, berühren sich aber nicht, sondern halten eigensinnig einen Abstand von etwa einem halben Meter voneinander, damit sie bei Erdbeben frei schwingen können. Dicht vor ihren Fenstern räkeln sich Hochstraßen und Hochbahntrassen, um die Eintönigkeit der Fassaden ein wenig aufzulockern.

Die japanische Schrift kommt aus dem Chinesischen. Sie soll aus rund 15.000 Zeichen bestehen, die aber niemand alle kennt. Zum Zeitunglesen – und es gibt hier unendlich viele Zeitungen und Zeitschriften – soll es reichen, wenn man 2.000 Zeichen kennt. Das ist aber kein Alphabet, denn es werden nicht Buchstaben geschrieben, auch nicht Silben, wie es manchmal scheint, sondern Bilder. Die Schrift besteht aus Piktogrammen, wobei für die meisten Begriffe zwei Zeichen verwendet werden.

Schon die Schrift zeigt: Japan, der Inbegriff der Moderne in der Technik, ist ein höchst altmodisches Land. Die Zeitungen zeigen noch den Satzspiegel, den man aus der Schrift von Uruk kennt, der Keilschrift der Sumerer, der ältesten Schrift der Welt. Senkrechte Striche teilten dort die Schreibfläche auf den Tontäfelchen in schmale Felder, sogenannte Kolumnen. In diesen Feldern wurden die Schriftzeichen untereinander aufgeführt, von oben nach unten Als die Tontäfelchen bei den Leuten von Uruk vor rund 5.000 Jahren immer größer und schwerer wurden, weil man immer mehr Schriftzeichen untereinander zu setzen hatte, konnte man die Tafeln bald nicht mehr so vor sich festhalten, vom Bauch weggestreckt. Die Arme waren zu kurz. Es war leichter, die Tafeln quer vor sich zu halten. Also drehte man sie um 90 Grad nach links. So wurde der rechte Rand der Tafel zum oberen Rand, der ursprünglich obere Rand aber zum linken Rand. Damit änderte sich auch die Schriftrichtung. Denn aus den senkrechten Zeilen mit ihrer Reihenfolge von rechts nach links ergab sich nun die Zeilenfolge von oben nach unten. Und die Schriftzeichen wurden nun von links nach rechts in diese Zeilen geschrieben und so auch gelesen. Diese Entwicklung der modernen Schrift ist bekannt. Im höchst altmodischen Japan ist man gerade dabei, diese Entwicklung mit rund fünftausend Jahren Verspätung nachzuvollziehen.

Die Tageszeitung ist noch in uralter Keilschrift-Manier geschrieben, was frühmorgens in den stets überfüllten Zügen der Vorortbahnen praktisch ist, weil man die Zeitung nicht ausbreiten muss, sondern sie zu schmalhohen Streifen zusammengefaltet lesen kann. Doch in der Überall-Reklame wird schon von links nach rechts geschrieben, natürlich auch in den vielen elektronischen Laufschriften. Das Neue funktioniert neben dem Alten, denn den Japanern fällt überhaupt nicht auf, dass sie noch in uralter Bilderschrift schreiben und dabei zwei Schreibweisen benutzen, die rund fünftausend Jahre auseinander liegen. Allerdings gibt es auch schon einmal Durcheinander. So las ich an der Tür eines Taxis die Aufschrift: IXAT.

Genau dieses Nebeneinander von Uralt und Moderne schaffen sie auch beim Essen. Die Methode, mit Stäbchen zu essen, entspricht ja dem Kunststück, das wir aus der Tierverhaltenslehre als erster Werkzeuggebrauch der höher entwickelten Affenarten kennen. Von dem Einsatz von Stöckchen als Werkzeug bis zur Entwicklung des Messers und des Löffels sind gewaltige Zeitdimensionen und geistige Entwicklungssprünge nötig gewesen. Von der noch später entwickelten Gabel ganz zu schweigen. Diesen Riesenschritt in die Moderne machen die Japaner gerade ansatzweise nach. Dabei hilft ihnen als Brücke der von den Chinesen entwickelte Suppenlöffel aus Porzellan. Und wenn sie ein Messer benutzen, ist es meist eine kleinere Ausgabe eines Samuraischwerts.

Wenn man immer wieder die Schuhe ausziehen und auf Socken herumlaufen muss, nicht nur in den Tempeln, dann erinnert das an die Verhältnisse in unseren mittelalterlichen Städten, in denen man draußen auf ungepflasterten Straßen in Abwässern und im Kot und Morast watete. Da war das Schuheausziehen vor dem Betreten einer Behausung unerlässlich. Die Japaner haben offenbar noch nicht bemerkt, dass ihre Straßen und Gehwege gepflastert und piekfein sauber sind. Wenn es sich nicht bloß um eine Geste der Unterwürfigkeit handelt.

Auch die Toiletten zeigen die erstaunliche Diskrepanz von uralt und hochtechnisiert. Selbst in dem Superschnellzug Shinkansen, diesem Wunder an Pünktlichkeit. Die sogenannten japanischen Toiletten sind wie das alte italienische Rittiratta weiterhin im Angebot, nur als Loch im Boden, über das Männlein und Weiblein sich hocken. Dabei fehlen aber sogar die Haltegriffe vor einem. Die sind nicht nötig, weil die Japaner mit dem Hocken keine Schwierigkeiten haben. Sie hocken gern und überall. Und sie sind Weltmeister im Halten der Balance. Stehen sie doch auch in der U-Bahn gern, ohne den Haltegriff zu benutzen, jede Erschütterung genauso durch leichtes Mitschwingen ausgleichend, wie ihre Hochhäuser. Im selben Wagen des Shinkansen gleich daneben die sogenannte Westernstyle-Toilette. Das ist eine Toilettenschüsseln, die den Europäern zeigen soll: Wir sind euch über. Der Sitz ist beheizt, und eine Extra-Armatur neben der Toilette lässt einem die Auswahl des Wasserdrucks und bietet die gewünschte Intim-Behandlung als Bidet oder Unterbodendusche und -föhn. Diese Wonne-Toiletten sind hier inzwischen schon Norm, auch in den Hotels und Restaurants. Ein Erlebnis für sich!

Alt und modern sind schließlich auch in der Sitz- und Schlafposition traulich vereint zu finden. Oh ja, es gibt schon Tische mit Stühlen, und es gibt Polstergarnituren, auch gibt es bereits richtige Betten. Doch daneben liebt der Japaner es immer noch, beim Essen wie unsere Vorfahren in den Hockerkulturen vor zigtausend Jahren mit untergeschlagenen Beinen auf dem Boden zu sitzen und bloß mit einer dünnen Matte unter sich auf der Erde zu schlafen. So auch den Touristen zugemutet, die im buddhistischen Kloster auf dem heiligen Berg Koyasan übernachten dürfen. Die Unbequemlichkeit wird ihnen allerdings durch einen Fernseher in jedem der Papierwände-Zimmer versüßt. Modernes Frömmigkeitserlebnis.

Die Japaner begeistern sich für die Natur: Im Frühling ist das Kirschblütenfest der Höhepunkt des Jahres. Die Kirschblüte steht für die Vergänglichkeit. So plötzlich sie ihren Zauber entfaltet, so plötzlich ist sie nach wenigen Tagen auch wieder verschwunden. Im November machen die Pilgerfahrten der Japanermassen zu den renommierten Plätzen der Herbstlaubfärbung diesem Fest der Vergänglichkeit auf ihre Art Konkurrenz. Dann ist der Boden zugedeckt mit dem Gold der Ginkgobäume und mit dem hineingesprenkelten Blut des Bergahorns. Das Vergehen als Augenschmeichler. Da kann ein Japaner nur noch klick, klick, klick machen.

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Herbstlaubfärbung

Aber außer diesen Naturereignissen gibt es nichts Schönes zu bewundern in Japan, von manchen jungen Mädchen einmal abgesehen. Nicht, dass die Japaner einfach nur eine andere Ästhetik hätten, nein, sie haben einfach keinen Geschmack. Das zeigt sich beim Essen, dem beinahe alle Würze fehlt, und es zeigt sich bei den Bauwerken, die nicht schön sein wollen, nicht einmal den Versuch machen. Sie wollen nur ungewöhnlich sein, zumindest was die Hochhäuser betrifft. Allenfalls die wollüstig geschwungenen und hochgekrempelten Dächer der Tempelanlagen mit ihren Schnitzereien und Vergoldungen könnten nach unserem Geschmack als schön bezeichnet werden, wenn wir sie nicht einfach nur als fremdartig bewundern oder konstatieren: Jede Kultur hat ihre eigene Methode, dem Kleinen Mann zu zeigen, wie klein er ist.

Dass für die Japaner Geschmack ein Fremdwort ist, zeigt sich nicht nur beim Essen und bei den Bauwerken, das zeigen auch die Autos auf der Straße, die zwar hochtechnisiert und perfektioniert sind, aber halt nur funktional. Wer ein schönes Auto fahren will, kauft sich einen Mercedes oder BMW. Denn selbst der japanische Luxuswagen Lexus sieht auf den ersten Blick nach Opel aus.

Der Individualismus ist in Japan noch nicht angekommen. Hier ist einer wie der andere. Gerade nur der Klimbim, der am Handy baumelt, unterscheidet die Menschen ein weinig voneinander. Das hat vermutlich mit der Sprache zu tun, in der die Subjekte gern weggelassen werden. Man erkennt das Subjekt nur aus dem Kontext, muss also ständig hinter dem Zusammenhang her horchen. Was durch den Reichtum der japanischen Sprache an Synonymen nicht gerade erleichtert wird. Auf der anderen Seite gibt es diese frappierende Armut: In ihrer Sprache haben sie nicht einmal ein Wort für Mensch, sie können nur von Menschen sprechen. Das sagt doch schon alles. Der Japaner ist nur Teil eines Pluraletantums. Dieser Verleugnung des Subjekts entspricht die Selbstverleugnung des einzelnen, die soweit führt, dass er glaubt, was er sagt, wenn er als Erklärung für seine stupende Arbeitsamkeit angibt: Man muss doch für jemanden da sein.

Die Sumo-Ringer ziehen als Wanderzirkus von einer Großstadt zur anderen und machen so ihre Ausscheidungskämpfe. Stets in Riesenhallen, die aber nur noch halbgefüllt sind. Modernere Sportarten wie Baseball und Fußball machen der hehren Sumo-Tradition wirksam Konkurrenz. Das erinnert an die Sorgen der Spanier um ihren geliebten Stierkampf. Die Halle in Fukuoka bietet kein Bisschen Atmosphäre. Es gibt auch kaum Beifall, nur Schulklassen machen ein wenig Geschrei. Wer sich von einem Sumo-Ereignis ein Erlebnis voller Herzklopfen erhofft hatte, wie bei einem Sechstagerennen in Berlin, der wird enttäuscht. Wie hatte der Taxifahrer schon auf dem Weg zu der Halle gesagt: Da gehe ich nicht mehr hin, da gewinnen doch immer nur noch die Mongolen. Und tatsächlich wird selbst dem westlichen Zuschauer schon nach zwei Stunden klar: Hier findet ein Wandel statt. Sind es doch immer wieder die so imposant daher schreitenden Superdicken, die verlieren. Stramme Muskelmänner, durchtrainiert, siegen über die traditionellen Fleischberge, die ihr Gewicht einsetzen, um den Gegner aus dem Ring zu drängen oder so aus dem Gleichgewicht zu bringen, dass nicht nur seine Fußsohlen den Boden berühren.  

So lange schon ist sie passé, die große Zeit der Samurai mit ihrer monströsen und bunten Rüstung, die keinem Hieb der langen gekrümmten Schwerter standhalten konnte. Doch die Japaner haben immer noch die Gene dieser todesmutigen Krieger in sich. Schon wie sie den Kugelfisch Fugu zu ihrer Lieblingsdelikatesse erhoben haben, obwohl an dem Scheusal so gut wie alle Teile ein absolut tödliches Gift enthalten. Nur die geschicktesten Köche schaffen es, daraus ein Gericht zu machen, das einen nicht umbringt. Dennoch sterben Jahr für Jahr viele Japaner im Kampf an der Kugelfischtafel. Dabei kennt jeder das Gedicht: Gestern Abend saß ich mit meinem Freund beim Fuguessen, heute helfe ich seinen Sarg tragen.

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Fujiyama am Abend

Viel Mut gehört allein schon dazu, auf den japanischen Inseln zu leben, die beinahe ständig irgendwelche Erschütterungen bieten und von denen man weiß, dass sie hin und wieder von verheerenden Tsunamis und Erdbeben heimgesucht werden. Mutig auch, ausgerechnet einen gerade einmal pausierenden Vulkan zu ihrem Lieblingsberg zu erklären, den Fujiyama, zu dessen abgebrochener Spitze man hinauf pilgert und dessen perfekte Schönheit man preist.

Die Fahrt mit der Gondelbahn hinauf zum Bauchnabel Kyushus, nämlich dem Aso, dem gefährlichsten der vielen japanischen Spuckberge, ist für Japaner eine Selbstverständlichkeit. Die aus dem Vulkantrichter aufsteigenden giftigen Schwefeldioxydgase und der jeden Augenblick zu erwartende nächste Ausbruchs, das sind die gesuchten Reize, die das eintönige Arbeitsleben der Leute ein wenig auflockern. Immerhin hat man auch Vorsorge getroffen. Die Drahtseilbahn führt nicht hinauf, wenn die Gaskonzentration zu hoch ist, und oben stehen dicht am Kraterrand kleine Betonbunker bereit, in die man sich schnell zurückziehen kann, wenn der Berg sich übergibt. Das martialische Bild einer Mondlandschaft, es erinnert den Besucher aus Europa ein wenig an den Westwall, was aber kein Heimweh auslöst.

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Am Aso-Kraterrand

Mut zeigen die Japaner auch im Umgang mit Religionen. Sie haben die so unterschiedlichen Forderungen und Bedrohungen von Shintoismus und Buddhismus in einen Mixbecher geworfen, die Göttlichkeit ihres Kaisers dazu gegeben, das alles ordentlich durchgeschüttelt und sich dann ein Kreuz am silbernen Kettchen umgehängt, weil das so schick aussieht. Inzwischen sollen hier die amerikanischen evangelischen Sekten schon mehr Mitglieder haben als die katholische Kirche. Irgendwie entspricht das dem hier üblichen bunten Bröckchenfraß.

Der Shintoismus ist für das Leben zuständig, der Buddhismus für den Tod. So lässt sich das Leben gerecht auf die verschiedenen Priesterschaften aufteilen. Und doch machen die buddhistischen Mönche den größeren Reibach, weil sie die Beerdigungsriten und die Nachtrauer so kostspielig ausgebaut haben. Daher können die Buddhisten es verschmerzen, dass sie mit ihrer Rekreationslehre in Japan nicht so recht zum Zuge gekommen sind. Diese Vorstellung ließ sich nicht mit dem traditionellen Ahnenkult der Japaner vereinbaren. Also trösten sich die buddhistischen Mönche damit, beim Totengedenken umso schamloser absahnen zu können.

Der kategorische Imperativ des Japaners heißt: Nur nicht auffallen! Er führt konsequent zu diesem Orgasmus der Städte in Grau. Gäbe es nicht die Überall-Werbung, dieses Grau wäre kaum auszuhalten. Bei den langen Fahrten durch Vorstadtmilieus sieht alles so scheußlich aus, das wilde Bautengemisch so aufdringlich mit Werbung zugekleckert, dass man glaubt, in den USA unterwegs zu sein. Nur dass hier die Schriftzeichen der Werbeappelle meist nicht lesbar sind. Tröstlich: Ich gehöre offensichtlich nicht zur Zielgruppe.

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Osaka am frühen Morgen

Nagasaki. Der 25jährige amerikanische Pilot hat das vorgeschriebene Ziel, die Industriestadt Fukuoka am Nordwestrand der Insel Kyushu nicht finden können, weil die Stadt von dichten Wolken verdeckt war. So hat er die Bombe auf dem Rückweg zu seinem Stützpunkt Okinawa über der großen christlichen Kirche auf einem Hügel von Nagasaki abgeworfen, die er erkennen konnte. Von ihr blieb fast nichts übrig. Gegenüber diesem Hügel ist ein anderer Hügel, auf dem das Gefängnis stand. Die stabilen Mauern, die den Menschen Recht und Ordnung beibringen sollten, wurden mit einem Schlag weggefegt. Alle Gefängnisinsassen und Wärter und die Leitung fanden gleichzeitig den Tod. Das war die platte Gerechtigkeit des Gewalttäters.

Zehn Jungen in Schuluniform. Neun von ihnen tragen eine Brille. An der nächsten Ecke sehe ich sieben Jungen zusammenstehen, nur einer von ihnen hat keine Brille auf der Nase. Nicht zu übersehen: Alte und Junge und auch schon sehr Junge sind erfolgreich verglast. Die lukrative Kooperation zwischen Augenärzten und Augenoptikern sowie augenoptischer Industrie klappt hervorragend. Dagegen ist mir nur zweimal eine Zahnspange aufgefallen. Dabei ist der Überbiss beinahe üblich. Doch die Zahnärzteschaft schläft noch.

In Hiroshima und Nagasaki haben die Japaner allerlei Gedenk-Installationen verwirklicht, meist mit Hilfe ausländischer Künstler. Die Friedensmonumente in Hiroshima und Nagasaki, so gut sie gemeint sind, sie sind für meinen Geschmack doch etwas zu gewaltig ausgefallen. Alles so unmenschlich gigantisch. Nur die Hecken und Rasenflächen sind noch Leben, aber auch dieses Leben ist mit brutaler Maschinengewalt glattgeschnitten.

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Der Atombomben-Dom in Hiroshima

War Nagasaki für die amerikanischen Atomstrategen nur ein Verlegenheitsziel, so war Hiroshima absichtsvoll ausgewählt worden, weil dort kein Gefangenenlager mit amerikanischen Soldaten war. Pech, dass dort jedoch rund zwanzigtausend Koreaner Zwangsarbeit leisten mussten. Für diese Toten wurde erst nach jahrelangen Auseinandersetzungen ein kleines Denkmal errichtet.

Die Japaner gefallen sich in der Opferrolle, weil das gleichzeitig davon ablenkt, dass sie unnötigerweise in den Zweiten Weltkrieg eingestiegen sind, ihn ebenso unnötig und unsinnig verlängert haben und dass sie selbst auch viele Kriegsverbrechen begangen haben. Diese Untaten konnten nie aufgearbeitet werden, weil hinter allen Aktionen der japanischen Generalität der Tenno gestanden hatte, der Kaiser. Der jedoch war ein Gott, und ein Gott kann nichts Schlechtes getan haben. Also gibt es keine Vorwürfe und keine Entschuldigungen, nicht einmal gegenüber den vielen koreanischen Frauen, die in die Soldatenpuffs verschleppt worden waren.

Ich sitze im 15. Stock des Sunroute-Hotels in Hiroshima am Frühstückstisch und schaue über und gegen das Hochhausensemble der Stadt, als ich gefragt werde, warum ich so feuchte Augen habe. Ob mir irgendwas wehtue? Was für eine Frage angesichts dieser Stadt, in der die größte Massenabschlachtung von Menschen in einer Sekundeneinheit geschehen ist. Ich schiebe meine feuchten Augen auf leichte Zahnschmerzen und bekomme prompt den Rat, eine Aspirintablette zu nehmen. In dem Fall nütze selbst Aspirin nichts, kann ich nur kopfschüttelnd bedauern.

Wenn in Japan von alter Kultur die Rede ist, dann geht es um den Shintoismus und den Buddhismus. Ob es auch anderes als den religiösen Wahn gab, erfahre ich nicht. Zur großen Peinlichkeit der Japaner ist ja fast alles von China hergekommen, vor allem die Schrift. Ob aber auch ein Konfuzius und Laotse, weiß ich nicht. Wie ich trotz der totalen Umklammerung mit Schrift und Laut nicht erfahre, ob es einen japanischen Plato oder Aristoteles gegeben hat. Jedenfalls soll das Wort Philosophie erst Ende des 19. Jahrhunderts in Japan angekommen sein.

Diese Menschen hier sind uns ja so ähnlich. Jedoch noch mehr als wir Deutschen sind die Japaner gelernte Untertanen: Arbeitsam, zuverlässig, anspruchslos, sauber, ordentlich und freundlich. Schon wie sie sich ständig verbeugen. Sogar der Zugschaffner verneigt sich vor den Reisenden, wenn er den Wagen betritt oder ihn verlässt. Der Straßenbahnfahrer verabschiedet jeden einzelnen Fahrgast der überfüllten Bahn mit seinem monoton gedehnten Spruch. Für diese Freundlichkeit nehmen die Menschen hier die permanente laute Beschallung im Bahnhof und in der Tram klaglos hin. Unterstützt das doch nur ihr stolzes Bewusstsein: Wir sind anders als alle anderen.

Ein atemberaubender Lärm schlägt mir beim Betreten der Spielhalle entgegen. Sicher 300 Menschen, sämtlich Erwachsene, keine Teenager, sitzen vor ihrer Maschine, die sie mit schnellen grellen Bildfrequenzen verrückt macht. Sie schieben kleine goldene Kügelchen hinein, mit der Linken, während sie mit der Rechten einen dicken Knopf bedienen, der dazu verhelfen soll, dass die Kügelchen beim Fallen von oben nach unten in die richtigen Röhrchen laufen und vermehrt als Gewinnkügelchen unten herauszuholen sind. Hauptweg und Nebenwege, fällt mir überflüssigerweise ein. Hier geht es aber um volle Konzentration und Nichtigkeiten, nämlich um goldglänzende Perlen, wie wir sie früher in Afrika den Eingeborenen geschenkt haben, um sie glücklich und leichter zugänglich zu machen für Knebelverträge und neue Gottesvorstellungen. In Plastikkörbchen, die neben und hinter dem Sitz des Spielers stehen, sammelt sich der Ertrag der Mühe. Diesen Gewinn kann er an der Kasse in einen Gutschein verwandeln, mit dem er in bestimmten, nahe gelegenen Geschäften einkaufen geht. Spiele um Geld sind verboten, doch lässt sich jedes Verbot umgehen. Ich spaziere durch die Reihen und schaue den Spielern über die Schulter, und kein Mensch beachtet mich. Dreihundert mal dasselbe Klimpergetue, dazu laute Musik, ein Wahnsinnslärm, der ja nicht nur das Signum der modernen Hölle ist – was früher das Höllenfeuer war, ist heute der Höllenlärm – , er ist auch das Transportmittel in den Rauschzustand dieser Menschenmasse. Wusste doch schon der amerikanische Drogenguru Timothy Leary, dass Lichtgeflimmer und Geräusch die klassischen Drogen ersetzen können.

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Straßenszene in Nagasaki

Einfach in ein Etablissement zu treten, das sich Bar nennt, kann zu kuriosen Erfahrungen führen. Der kleine Raum in Nagasaki ist leer bis auf die gut aussehende Wirtin mittleren Alters. Yuko ist ihr Name, erfahre ich. Sie hat unergründlich tiefe schwarze Augen, spricht kein Deutsch oder Englisch, ich kein Japanisch. So verstehen wir uns gleich sehr gut. Und das einheimische Bier schmeckt. Als die Wirtin mir ein Gerät hinschiebt, auf dessen Display ich einige bekannte Namen und Liedtitel erkenne, entscheide ich mich für Edith Piaf. Warum nicht ein bisschen Musik hören, wenn man sich nicht unterhalten kann? Der Spatz von Paris piepst doch immer ganz angenehm. Aber die Wirtin drückt mir ein Mikrophon in die Hand und lässt auf einem großen Bildschirm den Liedtext mit Markierung ablaufen. Da verstehe ich endlich, dass ich in eine Karaoke-Bar geraten bin. Eine Winzausgabe. Oft gibt es hier Karaoke-Säle in mehreren Stockwerken übereinander. Karaoke ist neben den Glücksspielautomaten das andere Bein der japanischen Lebenslust. Ich lehne es jedoch so freundlich wie bestimmt ab, die Piafstimme zu imitieren. Mir reicht es, zu sehen, dass auch der Liedtext von links nach rechts und von oben nach unten geschrieben wird. Also nicht gerade stillschweigend, sondern lauttönend die Ankunft der Schrift in der Moderne.

Die schönen Mädchen Japans bieten einem den vierfachen Knopfaugenblick, weil die Nasenlöcher einen genauso dunkel ansehen, wie die Augen. Und darunter gleich die Warnung: Der meist dicklippige und kreisrunde Mund ist ein lockender Strudel. Wunderschön. Aber wehe, du übersiehst die drohende Zahnreihe, die hungrig gegen dich gebleckt wird. Immer wieder der Anblick dieser Mädchen mit einem Gesichtchen, wie mit liebevoller Hand aus Biskuit-Porzellan geformt. Dazu das Piepsstimmchen eines Rotkehlchens, das gerade erst flügge geworden ist. Da drängt sich einem der Wunsch auf: Die nimmst du mit. Oder aber die da oder die dort. Die kannst du dann zuhause auf den Schreibtisch setzen, als hochdekorativen Briefbeschwerer. Nur – man kriegt ja kaum noch Briefe geschickt im E-Mail-Zeitalter.

Überall bei den Tempeln wie von zarter Hand ausgestreut das Gold Buddhas, das Novembergold. Man schreitet vorsichtig darüber, will die Ginkgos nicht beleidigen, die ihre goldgelben Blätter auf uns niederwehen lassen wie von weit, mit unendlicher Gebärde, wie Rilke sagen würde.

In den weiträumigen Tempelanlagen mit ihren vielen Gebäuden gibt es auch immer den besonderen Glückshandel. Für einhundert Yen darf man eine Schachtel, in der Mikadostäbchen sind, so lange schütteln, bis aus dem feinen Loch ein Stäbchen herausfällt. Darauf steht eine Nummer, die entspricht einem der vielen Schublädchen des Schranks nebenan. Daraus das oberste Blättchen Papier entnommen, den Spruch gelesen, und schon weiß man, was das Glück mit einem vorhat. Im Allgemeinen nur Gutes, weil man ja wiederkommen und erneut zahlen soll. Doch wenn der Spruch nicht gefällt, friemelt man den Zettel so, dass er sich auf den Zaun nebenan knüpfen lässt. Das neutralisiert jedes böse Omen.

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Miyajima - Das Tor des Itsukushima-Schreins

Der Himayimapark wird als eine der drei schönsten Landschaften Japans bejubelt. Dementsprechend die Menschenmenge, in der man feststeckt. Das große rote Tor, das im Wasser steht, war schon von dem Fährschiff aus zu sehen und zu fotografieren. Jetzt sind die Rehe die Attraktion, die hier herumstehen und mit lüsternen Mäulern nach allem grapschen, was essbar scheint, dabei sogar Zeitungen nicht verschmähen. Man bewegt sich zwischen den geschlossenen Reihen der Verkaufsstände mit Devotionalien und anderem Kitsch langsam weiter auf das Heiligtum zu, wie man es von Pilgerorten in Europa her kennt. Dann der Blick von der Schreinanlage hinüber zu dem roten Tor, und dahinter leuchtet in der Ferne das protzig-weiße Gebäude der neuen Sekte Soka Gakkai auf. Noch kein folkloristisches Angebot, vielmehr eine Machtdemonstration.


Wieder einmal eine Fahrt mit dem Superschnellzug Shinkansen über Land. Die Augen geschlossen, solange das Geräusch dumpf und intensiv ist, und erst aufgemacht, wenn der Klang geringer und es heller wird hinter den Augendeckeln: Wieder mal das Ende eines Tunnels. Wieder Industrielandschaft, von langen Hochstraßen durchgestrichen. Und dann dieser Klecks der grauen Dächer, die oft an den Rändern oder Ecken ein wenig schuppig hochstehen. Alle Häuschen sind mit vielen Drähten an den einzelnen Masten festgebunden, die zwischen ihnen herumstehen. Ein Netzwerk. Hinter dem nächsten Tunnel das gleiche Bild von enger Beziehung zwischen Arbeiten und Wohnen, hinter dem übernächsten auch und so weiter.

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Der Shinkansen

Viele Menschen leben ihr ganzes Dasein hindurch nur dafür, auf dem Friedhof des heiligen Berges Koyasan beerdigt zu werden. Berge sind für Japaner ohnehin Metaphern fürs Sterben, aber hier auf dem Friedhof Okunoin sind Kaiser und Shogune beerdigt worden. Am hintersten Ende eines langen Tals, das in die Berglandschaft hinauf klettert, wo rund tausend Männer und Frauen in ihren buddhistischen Klöstern leben, in diesem letzten Zwickel liegt der größte buddhistische Friedhof Japans. Rund eine halbe Million Gräber von Leuten, die sehr viel Geld dafür zahlen, dort unter den zweihundert- bis dreihundertjährigen Zedern begraben zu werden. Der Grund für die Beliebtheit dieses Platzes ist: Ein Buddha namens Kôbô-daishi soll dort in einem fast immer fest verschlossenen Gebäude auf seine Auferstehung warten. Wenn er eines Tages hervortritt, dann will man ihm nahe sein. Für diese Chance lassen sich viele Menschen an ein bestimmtes Unternehmen binden, das ihnen als außertarifliche Leistung schon bei der Einstellung die Beerdigung auf diesem Friedhof verspricht. Eine Kaffeefirma kann das mit dem großen Gemeinschaftsgrab demonstrieren, auf dem eine übergroße steinerne Kaffeetasse steht, eine Raketenfirma macht das gleiche mit einer riesigen Rakete.

Bei der Fahrt zwischen den grünen Hügeln hinauf zu dem Kloster-Gästehaus bei dem Friedhof Koyasan, zuerst mit einem Vorortzug, dann mit einer Seilbahn und schließlich noch mit einem Bus, genießt man die Innenansicht des japanischen Urwalds. Laub- und Nadelbäume bunt gemischt. Im Vorbeisausen zu erkennen: Zwischen vielen unbekannten Laubgehölzen stehen Kiefern und Fichten oder Tannen, Zedern, Palmen, Rhododendron, Lebensbaum, Bergahorn, Ginkgo, Bambus und Kirsche.

Kyoto, die alte Kaiserstadt Japans, heißt übersetzt Stadt der Städte. Es ist schachbrettartig angelegt, nach dem Vorbild von Schanghai. Der Kaiser ist im Jahre 1868 nach Tokyo übergewechselt, um sich dem zu starken Einfluss des Buddhismus zu entziehen. Kyoto ist eine Stadt der Parks und Tempel und hat einiges mit Heidelberg gemeinsam. Es gibt hier einen Philosophenweg, und es gibt die Genugtuung darüber, dass die Stadt, zunächst als Ziel für den Atombombenabwurf  vorgesehen, wegen ihrer überragenden kulturellen Bedeutung im Zweiten Weltkrieg vor der Zerstörung bewahrt wurde. Das Wahrzeichen der Stadt ist der dreigeschossige Goldene Pavillon.

Im Ryoanji-Tempel fand ich an einem alten Waschbassin einen Kommentar zu der deutschen Hochschulpolitik, die gerade dabei ist, Wilhelm von Humboldt zugunsten wirtschaftlicher Interessen aus den Unis zu vertreiben. Stand da doch in Stein gemeißelt: Ich lerne nur, um von Zufriedenheit erfüllt zu sein. Aber das ist Zen-Weisheit, viel zu hoch für deutsche Politiker und Wissenschaftsmanager.

Mit zum touristischen Pflichtprogramm gehört auch der große Tempel des Sehnens nach der Aufnahme in die Gebärmutter des Göttlichen. Er hat den größten Steingarten. Mit Steinsetzungen aus gewaltigen Klötzen und liebevoll geharkten Kiesfeldern zwischen den Hinkelsteinen. Wer es auch sei, der da seine Zeit damit verbringt, die feinen Steinchen in Reih und Glied antreten zu lassen, er wird sich damit rechtfertigen, dass er beim Rechen meditiert. Ist Meditation doch die ideale, weil nicht überprüfbare Auszeit des Homo faber. Den Touristen tut beim Meditieren mit nur halbwegs untergeschlagenen Beinen schon nach zehn Minuten alles weh, und der recht rundliche Sohn des Abts entlässt sie voller Verständnis aus der strengen Zucht. Seiner Familie gehört dieser Tempel seit hundertfünfzig Jahren, erfährt man im Gespräch. Er hat sein erstaunlich gutes Englisch von seinem Studium in den USA mitgebracht.

Viele Pilger in ihren einheitlich weißen Pilgerhemdchen mit der senkrechten Beschriftung im Rücken, den Pilgerstab in der Hand, machen auf ihrer langen Pilgerreise quer über die Halbinsel Kii hier Station und beten leise murmelnd, die Hände gefaltet, die dabei eine mehrfach geschlungene Gebetskette halten. Nur wenn sie ihre Opfermünzen in den metallenen Kasten mit dem breiten Rost obenauf werfen, wird es laut.

Beim japanischen Essen der Auftritt einer Maiko, also einer Art Geisha-Aspirantin. Sie ist 18 Jahre alt und hat gerade anderthalb Jahre der fünfjährigen Ausbildung zur Geisha hinter sich gebracht. Ihr Name ist Fumikama, und sie ist noch so zugänglich, dass sie einem sogar zulächelt und sich auch mit einem fotografieren lässt.

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Die Maiko Fumikama

Die alte Fabel von Fuchs und Storch, die sich gegenseitig zum Essen einladen und sich dann ein Essgeschirr vorsetzen, mit dem sie nichts anfangen können, für den einen zu tief, für den anderen zu flach, hier in Kyoto im Palast des Tokugawa-Shogunats könnte sie mit anderem Getier als Gastgeber erzählt werden, nämlich mit Kranich und Schildkröte, den beiden Symboltieren dieses Parks. Die Shogune, reich und selbstherrlich gewordene Generäle des Kaisers, erinnern den modernen Zeitungsleser an die Warlords in Afrika oder Afghanistan. Doch lenkt das vom touristischen Genießen ab.

Die Teezeremonie diene nicht dem Teetrinken, werden wir belehrt. Sie sei vielmehr ein Ereignis der Sammlung in einer kleinen Versammlung. Viele unterschiedliche Schalen, je nach Jahreszeit und nach der Dickflüssigkeit des grünen Tees. Der Teekessel aus Gusseisen steht in einer Grube in heißem Sand. Zum Glück bekommt man nur einen kleinen Schluck von dem lange mit dem Schneebesen sämig geschlagenen Tee zu trinken, braucht also nur ein einziges Mal das Gesicht zu verziehen, weil das Zeugs so scheußlich schmeckt.

Der Besucher kommt auf abwegige Gedanken, wenn er sieht: Burgen und Paläste mit ihrem pagodenartigen Bau und den geschwungenen Dächern, so eindrucksvoll aus gewaltigen Baumstämmen gebaut und auf hohen Mauern aus schweren Quadersteinen stehend, sie sollten uneinnehmbar sein. Dabei hätte ein Brandpfeil genügt, alles in Asche zu verwandeln. Und Free Climbers hätten ihre helle Freude an den hohen, schrägen Mauern, die sie im Eiltempo erklimmen würden. Aber vermutlich standen auch damals schon überall die Schilder: Please don’t touch!

Hier gibt es berühmte Tempelanlagen, die nur wegen der Herbstlaubfärbung die Menschenmassen anziehen. Wir Europäer würden niemals auf die Idee kommen, dafür weite Reisen zu machen. Für uns ist die Verfärbung des Laubes immer noch das Absterben, obwohl wir wissen, es ist nur das Schlafengehen. Aber die Japaner pilgern genauso eifrig zur Kirschblüte im Frühling, dem Fest der Vergänglichkeit, für uns so schrecklich rationale Europäer bloß die Vorstufe zur Ernte.

Die Japaner, so stolz darauf, anders zu sein, müssen wir nehmen, wie sie sind – sie uns Touristen ja auch. Mit ihrem Balancieren zwischen vorgestern und morgen und mit ihrem Wunsch, nur ja nicht aufzufallen, sind sie tatsächlich völlig anders als wir. Wie denn auch sollte sich Individualität entwickeln in diesem Land, das sich erst mit großer Verspätung für die Welt geöffnet hat, das die Aufklärung nicht erlebte und in dem alles so riesig hoch und imposant gebaut wird, dass die Menschlein auf Ameisenformat reduziert werden. Die Japaner leben in einem Ameisenstaat, der gut funktioniert, weil die einzelne Ameise zuverlässig fleißig und gehorsam ist, sauber und höflich und rücksichtsvoll und manchmal genial.

Dass man sich zwischen den Japanern so sicher fühlen kann, verdanke man der allgegenwärtigen japanischen Mafia, so hörte ich. Und stellte mit Schrecken fest, dass ich mich vor ihren Bossen, die nur immer im schwarzen Mercedes oder BMW daherrasen, durch einen schnellen Sprung zur Seite retten musste. Dabei war ich so zufrieden, dass niemand die Ameisenburg zertrat, solange ich mich in ihr hin und her treiben ließ, das heißt: dass die Erdplatten sich nicht wie Sumo-Ringer wegzudrücken versuchten, das Meer nicht mit einer Kurosawa-Welle über die Küste herfiel, und die Berge mich nicht mit ihrem Feuermaul verschluckten.


In Kroatien ohne Krawatte (2009)


Aus allen Himmeln regnen sie herab auf Kroatien, die Touristen, um dort das Naturwunder der Plitvicer Seen zu bestaunen. Wirklich überwältigend, wie sie zwischen den vielen Kaskaden in die jeweils nächste Tiefe rinnen, rauschen, plätschern oder sich ergießen, die Touristen, und dabei ein Foto nach dem anderen schießen, Tropfen für Tropfen.

Am Tag, als der Regen kam, war restlos alles nass wie das Auge, wie die Jacke, wie die Baseball Cap und das neue Paar Wanderschuhe. Auch die Straße und der Blick aufs Meer. Nur der gedeckte Balkon des Hotelzimmers bot noch die Möglichkeit, dem Land näherzukommen. In der Nacht dann die totale Verschwisterung, als Luft und Straße und der Blick aufs Meer sich in der Dunkelheit, der allein selig machenden, vereinigten.

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Die Generationen von fleißigen Menschen, die an der dalmatinischen Küste ihren Schweiß den Hügeln gespendet haben, um die Steinbrocken einzusammeln und zu Mäuerchen aufzuschichten, sie haben winzige Felder geschaffen. Die meisten gerade so groß wie ein Einzelgrab, manche schon von Familiengrabgröße. Doch wurden ihre Knochen dann ganz woanders abgelegt, als sie krumm gearbeitet waren. Auf dem Kirchhof endlich zur Ruhe gebettet, unter einer schweren Marmorscheibe, makellos glatt und wiederverwendbar, über der sich ein glatter schwarzer Grabstein mit dem Foto eines Menschen und seinen Lebensdaten erhebt. Wenigstens darin unterscheiden sie sich, die Verkrümmten und Ausgeschwitzten. Die aufgeschichteten Mäuerchen aber sind ihre wahren Denkmäler, wie sie vor sich hinwittern, wildem Kraut und Gestrüpp Windschutz bieten, Staub einsammeln und dem vorbeifahrenden Fremden die Romantik des Vergehens vorgaukeln.

Es gibt sie noch, die sozialistischen Frühstückssäle, in denen zwei Figuren herumstehen, in Uniform und Habachtstellung, für nichts weiter zuständig als zum Aufpassen. Da musst du dir selbst den Tisch decken, den Kaffee aus dem Automaten holen oder den Tee aufgießen, auch das schwammige Brot aufbacken, wenn der Apparat mitmacht. Doch hat das Hotel wenigstens Farbe bekommen, auch teure Luxusbäder. Nur der Vertreter der amerikanischen Papiertaschentücher war noch nicht hier in Kroatien. 



Der obligate Rundgang auf der Stadtmauer um das alte Dubrovnik wird gemacht, obwohl bis auf wenige Restchen der Hauptreiz verschwunden ist, nämlich die fotogene Bedeckung der Häuser mit den uralten Mönch-und-Nonne-Ziegeln. Was einst mit seinen Gelb-und Brauntönen begeistert hatte, bemoost und verrottet, das ist einer weitgehend einheitlichen, aber properen neuen Abdeckung der Dächer in Hellrot gewichen. Die Serben, Bosnier und Montenegriner, die 1991 und 1992 die Stadt beschossen, dem entsetzten Aufschrei der gesamten kultivierten Welt zum Trotz, sie haben damit den Dubrovnikern zu neunen Dächern und Dachstühlen verholfen. Und die Touristen zahlen nach wie vor denselben Preis für die Dachbesichtigung. Also gut gelaufen.
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Mein Schiff, richtiger, die Fähre, an deren Heck ich stehe und die ich deshalb dreist mein Schiff nenne, es drückt das Wasser so energisch hinter sich weg, um weiterzukommen, wie ich das Leben. Auf der Brücke der Kapitän, mein Kopf. Und doch ist mein Schiff mir überlegen, denn es hat einen Fahrplan, einen gut durchdachten und langerprobten.

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Kroatien lebt weitgehend vom Tourismus. Deshalb wird den Leuten eifrig eingepaukt, freundlich zu den Gästen des Landes zu sein. So erfolgreich, dass man meinen könnte, durch das Land des Lächelns zu fahren. Nur selten ein Reinfall, wie auf der Autofähre Marko Polo der Jadrolinija, die dreiundzwanzig Stunden braucht von Dubrovnik bis Rijeka. In dem kahlen Raum, der Bar heißt, läuft ein moderner Fernseher, der alles grotesk in die Breite zieht, dem unwirschen Barmann aber genügt. Er hat vorsichtshalber darauf verzichtet, die Eistruhe und die Kuchenvitrine zu bestücken. So wird er weniger gestört, braucht bei den Fragen der gierigen Reisenden nur immer den Kopf zu schütteln. Und der Fahrgast versteht: Den altgewohnten Sozialismustrott können auch neue Namen nicht perfekt verdecken.



Korcula imponiert mit seinem befestigten Hafen. Als ich dort zum Freund des kommunistischen Inselchefs geworden war, vor Jahrzehnten, mit einem Slibowitz nach dem anderen, war ich der Held meiner Reisegruppe: Denn der Reiseleiter hatte für sie warme Decken besorgt. Das war Vorsaison, in jeder Beziehung.
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All diese Inseln und Inselchen, die doch nur grüne Beulen im Meer sind, kieferbepelzt, mit ein paar Schrammen da und dort, wo Menschen sich ihren Weg gebahnt haben, und mit der hellen Kalksteinpaspelierung rundum, sie haben natürlich auch einen Namen, egal ob bewohnt oder nicht bewohnt, einen Namen, den man aber nicht erfährt, auch nicht wissen muss, wenn man nicht dort geboren wurde.




Split, das hochgerühmte Kaiserdomizil, die alte, von Leben überkochende Wuselburg, von der See her gesehen ist Split ein hellglänzender Stalagmitenhaufen, breit hingelagert. Ein bisschen Busendrapierung mit frischem Grün, aber darüber wie grimmige Kahlköpfe so bedrohlich dreinschauende Berge, dass man sich sagt: Zum Glück weit weg.
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Opatija, heute stehe ich in dem uralten Kirchlein St. Jakob, der Keimzelle der Stadt, und bemühe mich vergebens um Verständnis für die Benediktinermönche, die sich hier vor fast sechshundert Jahren getreu dem Prinzip ihres Ordens bete und arbeite im absoluten Abseits angesiedelt hatten. Heute würde es keinen Unterschied machen, wenn die Männer stattdessen durch die Gegend gezogen wären und die Töchter des Landes geschwängert hätten. Statt der kleinen romanischen Kirche stünde dann in diesem Park noch ein k.u.k.-Hotel mehr. Zeiten vergehen wie Wolken und Wellen. Als junger Mann habe ich hier die schwer mit Orden behängten Veteranen aus Titos Armee bewundert, die zu seiner Ehre aufmarschierten, und habe im ersten Spielcasino Jugoslawiens mit wenig Deutscher Mark das Roulette gefüttert.


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Lovran, dieses Liebesnest im Lorbeer- und Maronengrün, liegt immer noch am Ende des Strandwegs von Opatija, wie Opatija am Ende des Strandwegs von Lovran liegt. Weil wir damals darauf verzichteten, weiterzugehen als bis zu der Hotelbar mit dem Zigeunerprimas. Sechs Kilometer, die so kurz waren mit einem Mädchen im Arm, und doch mehr Stunden brauchten als heute.
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Jetzt kann ich nur nüchtern resümieren: Kroatien ist für uns ein ideales Reiseland geworden. Es liegt gleich vor der Tür, hat ein perfekt ausgebautes Straßen- und Tunnelsystem, bei dem der deutsche Autofahrer fast neidisch werden kann, hat wichtige Kulturrelikte en masse und Sonne und Meer, beste Weine und deftiges Essen – und dabei spricht oder versteht beinahe jeder Einheimische Deutsch. Herz, was begehrst du noch mehr?

Reif für die Insel Teneriffa


Natürlich sind wir Europäer erstaunt, hier nur seltsame Pflanzen und Vögel zu sehen statt der steinernen Zeugen einer großen Vergangenheit, wie wir es gewohnt sind. Doch versagen wir es uns dünkellos, davon zu reden, dass wir ja aus einem alten Kulturland kommen. Dabei ersparen wir uns das peinliche Eingeständnis: Altes Kulturland ist immer altes Kampfland. Spazieren wir in Europa doch, wo immer wir uns hinbewegen, über Halden von Totenköpfen, hier auf der Insel nur ausnahmsweise, nämlich in den beiden Ortschaften La Victoria und La Matanza de Acentejo, wo die Ureinwohner von den spanischen Eroberern niedergekämpft wurden. Im Übrigen lässt uns die Insel über das jungfräulich unschuldige Innerste unserer Erde schreiten, irgendwann vor langer Zeit an die Oberfläche gespuckt, wo es vor Schreck erstarrt ist, als es mit unserer Wirklichkeit konfrontiert wurde.

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Hier leben nicht nur die Teneriffer, die sich Tinerfeños nennen, sondern sogar noch Ur-Teneriffer, genannt Guanchen, zwischen den Nachkommen der Eroberer, genannt Mutterländer, und den Residentes, sogenannten Soebennocheuropäern, und den Touristen, genannt Zahlemann und Söhne.

In der Basilika von Candelaria residiert die Jungfrau von Candelaria, die Hoffnung gibt in den Nöten des Alltags. Und gleich nebenan stehen überlebensgroß vor der Brandung die Bronze-Helden der Vergangenheit, die Anführer der Guanchen, die den Stolz auf die große Vergangenheit repräsentieren, weil sie sich vor fünfhundert Jahren gegen die Eroberung ihrer Insel durch die Spanier gewehrt haben, wenn auch vergebens.

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Playa de las Americas, Sonnenecke der Insel Teneriffa, für mich wirst du immer das kanarische Las Vegas der nackten Bäuche bleiben. Du bist die aus der schwarzen Ödnis gestampfte Superstadt der Kanaren, in der die Baulöwen die Hauptgewinne gemacht haben, wenigstens bis zum Herbst 2008. Dann blieben plötzlich die Kräne und Mischmaschinen stehen, weil die Banken kein Geld mehr gaben und die Kaufinteressenten nicht mehr zahlen konnten. Die nackten Bäuche, dick, dicker am dicksten, sie werden zum Symbol der jüngsten Erfahrung: Die letzten beißen die Hunde.
 
Der Superbaum in Icod de los Vinos heißt Drachenbaum, obwohl er überhaupt kein Baum ist, sondern ein Strauch, aber so groß, wie er ist, und so alt, da ist der Begriff Drache der einzig passende. Im Übrigen sollen sich die Gelehrten nur weiter darüber streiten, ob diese gewaltige Pflanze eintausend oder zweitausend oder gar dreitausend Jahre alt ist. Was macht das für einen Unterschied für die Touristen, die ihn knipsen. Die Hauptsache, man kriegt ihn ganz aufs Bild und findet rechtzeitig zum Bus zurück. Das gilt dann auch für den Riesen-Ficus auf dem Platz nebenan mit seinen umeinander geflochtenen Stämmen und den gewaltigen Luftwurzeln. Was war dagegen Großmutters Gummibaum doch für ein dezenter Wohnstubenzierat.

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Der Feigenkaktus am Weg zum Swimming-Pool ist kastriert: Alle Dornen wurden säuberlich abgebrochen, so dass er aussieht wie frisch rasiert. Auch den Riesenstrelitzien sind die gefährlichen Spieße weggenommen oder zumindest weggedreht worden. Der Luxustourismus verlangt konsequente Abrüstung. Leider auch geistig. Die Zeitung, die man am häufigsten sieht, ist die Bild-Zeitung.

Was wäre Spanien ohne die kanarischen Inseln? Nun ja, nicht gerade ein leeres Flachland. Aber es würde ihm doch der prächtige Orden auf der Brust fehlen, nämlich der Pico de Teide, mit seinen 3718 Metern der höchste Berg Spaniens, auf den man jederzeit mit hidalgischem Stolz hinweisen kann.

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Wenn das Luxushotel auf Teneriffa seinen ganzen Ehrgeiz daran setzt, seinen Gästen das opulenteste Frühstücksbuffet zu bieten, das man sich nur wünschen kann, einschließlich Kaviar und Sekt, dann ist es nur konsequent, dass es jedem Gast seine Badezimmerwaage hinstellt, um nicht allzu bald Konkurs anmelden zu müssen.

Badrose in dunkelrotem Samt, mit der Geduld, die du mir zeigst, wirst du mir zum Leitstern für den neuen Tag, der so offen vor mir liegt und so tief ist und doch nur so wenig in sich hineinschauen lässt wie du. Das Zimmermädchen hat  dich in die Spiegelecke des Waschtischs gestellt, in einem schmalen Väschen, damit du dich mir gleich vierfach zeigen kannst. Wie eine junge Schöne, die sich in ihrem dunkelroten Samtkleid von allen Seiten selbst betrachtet.
 
Mit dem lockenden Strudel deiner Mitte, die vergebens zur Begattung einlädt, und mit den paar Stacheln, die sich gegen keinen Fressfeind mehr wehren müssen, wirst du mir zum Vanitasbild. Ich habe an dir geschnuppert wie ein Liebhaber und war enttäuscht. Doch dass du nicht duftest, das kann ich dir nicht vorwerfen. Arme missbrauchte Aufpasserin, die über Seife, Shampoo und Zahncreme wachen soll. Deine Blätter sind angefressen. Sie verraten, dass du ein Vorleben hast. Macht nichts, macht dich höchstens noch anziehender. Wenn meine Augen sich in dem Changieren deiner Kelchblättchen verlieren, möchte ich ein Insekt sein, fähig dich zu begatten. Wir beide, du und ich, wir würden ein neues Geschlecht entstehen lassen, - aber was würde das werden?


Nur zu gern in Ungarn

 
Im Westen des Landes unterwegs, in einer Landschaft, die naturgesät und wildwuchsig scheint, mit kleinen Weilern da und dort, in denen mehr Leute auf dem Friedhof zu finden sind als in den Häusern. Wenn überhaupt Menschen in den Behausungen sind. Niemand zu sehen. Doch die Schüsseln neben den Fenstern beruhigen mit dem Hinweis: Hier wohnen Leute, die satellitisch so schön rundum versorgt sind, wie ihr daheim.


Das Asphaltband, auf dem wir fahren, ist so neu wie die parallel laufende Bahnstrecke mit den grünen Schallschutzwänden vor und hinter dem kleinen Bahnhof. Ich zähle gelangweilt die Masten für die Elektrifizierung. Sie stehen noch leer im Gelände, frisch in der Farbe, dienstbereit. Aber das Geld aus Brüssel kann mit der ungarischen Eisenbahn nicht mithalten.

Der Balaton oder Plattensee, erst als ich an seinem Ufer stehe, kann ich glauben, dass er größer ist als der Bodensee und selbst größer als der Genfer See. Ja, zugegeben, das größte Binnengewässer Europas, zumindest der Fläche nach. Aber mein geliebter Bodensee hat doch weit mehr Wasser, weil er viel tiefer ist, widerspreche ich mir. Bin dann aber vor allem mit den Mücken beschäftigt, bis ich überrascht feststelle: Die stechen ja gar nicht. Andere Länder, andere Sitten.

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Der alte Schiffsanleger auf dem Balaton

Auf der Fahrt nach Süden erinnern Riesenfelder an die DDR. Das System der Kolchosen, die hier lediglich anders hießen, ist nicht überwunden. Sie nennen sich heute Genossenschaften und zeigen immer noch die imponierenden Berge von Strohballen und den ebenso imponierenden großen Fuhrpark mit Landmaschinen aller Art und aller Stadien des Rostens. Im Gespräch mit den Leuten heißt es: Früher war alles schöner.
Eine ungarische Kleinstadt, das ist neben der Gemütlichkeit mit der Kirche mittendrin die Begegnung mit alten Bekannten: Plus, Praktiker, Obi, Citibank, Volksbank, Rossmann, Metro und so fort. Nur die großen Zahnarztpraxen mit angeschlossenem Hotel sind überraschend. Ungarland, Dentalland, wohlbekannt bei dem, der weniger zu beißen hat.

Auffallend, Storchennester liegen mit Vorliebe auf den Masten der Telefonleitungen, die in wirrem Hin und Her die Straßen überspannen. Als wäre das der optimale Nistplatz für Adebar, der mitkriegen muss, wo ein Kind gewünscht wird.

Hügellandschaften begleiten uns in ihrer hellbraunen Eintönigkeit wie weite Dünenhänge, versetzen mich in die Sahara. Dabei sind das bloß abgeerntete Sonnenblumenfelder. Lange genug haben die stolzen Riesenblumen ihre schwarzen Köpfe hängen lassen, übrigens alle in dieselbe Richtung. Weiß der Himmel, warum. Ich kann sie nicht mehr fragen, weil hier die Mähmaschine schon vor mir ankam.

Die Zigeuner sind im Land der Magyaren eine anerkannte Minderheit. Hier braucht man sie deshalb nicht mit Sinti und Roma zu umschreiben. In den fünfziger Jahren des vorigen Jahrhunderts sind sie zwangsweise festangesiedelt worden. Heute fahren wir durch Dörfer, die ganz in Zigeunerhand zu sein scheinen, der dunkleren Haut- und Haarfarbe nach zu urteilen. Und viele Siedlungen sind mehr oder weniger gemischt. Offiziell kein Problem, wenn auch ein Sprichwort sagt, drei Wörter wolle ein Ungar nicht aus Zigeunermund hören, nämlich: Guten Morgen, Nachbar.

 
Dorf
Dörfliche Pracht jenseits der Pußta
In Mohács an der Donau, im südlichsten Zipfel des Landes, haben die Ungarn ihre größte militärische Niederlage erfahren, nämlich am 29. August 1526 in der Schlacht gegen ein von Serbien her einfallendes riesiges Osmanenheer, dem sie chancenlos unterlegen waren. Damit begann die rund einhundertfünfzig Jahre währende Herrschaft des Halbmonds in Ungarn. Sonderbar berührt mich, dass man zur Erinnerung an dieses Scheitern mitten in Mohács eine moderne Kirche gebaut hat, die Votivkirche, die mit ihrer hohen Kuppel wie eine Moschee aussieht, nur dass das Minarett daneben fehlt – noch fehlt, weil das Geld ausgegangen war. Ein nachdenklich machender überlegener Umgang mit der Geschichte.
Auch im Verkehr ist der Ungar sehr leger. Durchgezogene Linien, Verbotsschilder, Geschwindigkeitsbegrenzungen, alles nicht so ernst zu nehmen. Autofahren als Risikospiel, das hat seinen Reiz. Zumal meist noch die Hinweise auf die gesuchten Ortschaften und Attraktionen fehlen. Die Schilder sind bestellt, hörte ich, nur können sie noch nicht bezahlt werden. Da zahlt man ja gern die 40 Euro Strafe für den nicht exakt eingehaltenen TÜV-Termin, den die Polizei bei ihrer Routinekontrolle entdeckt hat.
 

Schlachtfeld
Mahnmale auf dem Schlachtfeld von Mohács

 

Mitten im Gebiet der Donauschwaben das kleine Weindorf Mecseknádasd, auf Deutsch Nadasch. Die lange Hauptstraße ist gut in Schuss gehalten, an beiden Seiten stehen die Häuser der Einheimischen stramm, Giebelgesicht zur Straße. Doch die Herren Offiziere in den Lastwagen, die niemals stehenbleiben, reiten auf der Umgehungsstraße die Front ab, bewegen sich ächzend oder knurrend, schimpfend, schnaubend oder auch zufrieden brummend einer hinter dem anderen zur Wendeschleife hin und dann den Berg hinauf, wo sie im Wald verschwinden. Dann sind sie nicht mehr zu sehen, doch noch lange zu hören. Fast jedes dritte Haus ist eine Baustelle, mit Anbau, Ausbau oder Garagenbau geschmückt, wie mit frischen Kriegsverletzungen, deren weiße Verbände sie mit Stolz tragen. Schnell bekommt man den Eindruck, der Generalstab ist sich nicht einig. Denn immer wieder andere Offiziere reiten die Front ab, soherum und andersherum. Ein endlos irrwitziges Hin und Her, typisch Militär. Und in der Nacht kommentieren die Hunde in ihren weitschweifigen Unterhaltungen von Haus zu Haus, was sie von dem Tagesgeschehen halten. Oder sprechen sie etwa über das Fernsehprogramm? Hunde, die mit der Zeit gehen? Egal. Dass niemand versucht, die Hundesprache zu verstehen, spricht ja für sich.
Dorf ist, versteht man hier schnell, wo vom frühen Morgen bis zum Abend gesägt, gehämmert, gebohrt, geschliffen oder Rasen gemäht wird. Eine Musik der Arbeit, authentisch, abwechslungsreich und gekonnt instrumentalisiert. Und doch scheint niemand ihr lauschen zu wollen. Die vereinzelt vor und hinter den Häusern herumstehenden Bäume schütteln die Köpfe über diese Ignoranz, stumm und verzweifelt. Ja, Glück auf dem Land hat, wer kein Baum ist, denn die haben von allen Kreaturen die größten Ohren. Und ihr Fluchtversuch, der nur nach oben führen kann, hilft ihnen nicht, lässt sie nur noch früher einschlagwürdig werden.

 

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Grabstein auf dem alten Friedhof von Nadasch

Im Weinberg geht es munter zu. Jeder, der zu seinem Weinfeld oder Weinkeller geht oder fährt oder von dort kommt – das sind jetzt schon recht viele mögliche Situationen – bleibt bei jedem, der am Weg seinen Keller offen hat, stehen oder setzt sich an seinen Tisch mit den Flaschen ohne Etiketten und den schnell kalt ausgespülten Gläsern. Dann muss er von dem probieren und von dem, kennerisch schnüffelnd und genießerisch schlürfend und zufrieden nickend, ehe er weiterkommt auf seinem Weg zur Arbeit oder von der Arbeit. Und so jeden Tag und das jahrein und jahraus, wobei der plattenbelegte Pfad immer schlechter wird, das klapprige Gefährt oder Knie immer unzuverlässiger. Doch dafür verkostet man immer fachmännischer den Wein, spricht die üblichen Begriffe immer geläufiger, Chardonnay oder Cuvée, als sei Französisch die Muttersprache, und hat keinen Blick für das alte Staatswappen mit Hammer und Sichel als Plakat oder das Marxbild, das an der Wand hängt, oder für das prallbrüstige Mädchen, das einen als Pin-Up-Foto anlacht. Alles erledigt. Der Wein muss alles ersetzen. Und irgendwann wird er auch das Leben ersetzt haben. Um mit ihm zu verschwinden. Denn die Winzer sind lauter alte Männer, die wissen, dass ihre Weinkeller bald leer bleiben werden, weil sie dann unter der Erde liegen und die Kinder kein Interesse an dieser harten Nebentätigkeit haben und ganz woanders leben. Mecseknádasd hat deshalb schon einen neuen Friedhof aufgemacht. Der wird nicht mehr deutschsprachig sein, wie der alte Friedhof an der Bergstraße, auf dem die dreihundert Jahre alte Einwanderung der deutschen Siedler abgelegt ist.


Ostlandfahrt

Gdańsk, das alte Danzig. In den Süden reist jeder Popel. Warum nicht einmal in den wieder offenen und jetzt florierenden Osten mit seinen wichtigen Hansestädten? Dabei das literarisch wohlbekannte Danzig als Etappenziel aufsuchen. Ihr solltet Euch aus dieser scheinbaren Abwertung nichts machen, liebe Danziger. So schön, wie Ihr die schmalen Großstadthäuser herausgeputzt habt. Jedes in einem anderen Stil, alle an bekannte kunstgeschichtliche Epochen erinnernd. Wunderbar. Einen Stoß ins Wasser des Jungbrunnens, so könnte man das nennen, was Danzig im Zweiten Weltkrieg passiert ist. Steht nun da als eine strahlend schöne Jungfrau, zumindest was die Fassade verspricht. Das verjüngende Brunnenwasser, nein, das kam nicht aus der Ostsee. Das entsprang einem anderen Element. Es lässt sich entdecken beim Lustwandeln durch die vielen herrlich restaurierten Innenstadtstraßen, nämlich in dem Wort Bank, das überall ins Auge fällt. Tatsächlich, heute hat Danzig noch mehr Banken als Kirchen, von den vielen Bankautomaten, die einem überall ihre Dienste anbieten, gar nicht zu sprechen. Um es mit anderen Worten zu sagen: Offensichtlich hat im erzkatholischen Polen eine Wachablösung stattgefunden. Geld ist die neue Zauberformel für das Glück des kleinen Mannes.
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Malborg oder Marienburg, heute nur noch ein touristisches Glanzstück, hatte den christlichen Glauben zu den Völkern an der Ostseeküste gebracht. Eine Art der Kolonisation, bei der nie klar war, ob es mehr um Urbachmachung des Landes ging oder um Ausbeutung der Leute oder ihre religiöse Beglückung. Jedenfalls wurde der Deutsche Orden, der sich rechtzeitig aus dem sogenannten Heiligen Land zurückgezogen hatte, hier im Osten reich und mächtig. Die Ritter im weißen Mantel mit schwarzem Kreuz, der Tracht, die sie den Templern abgeguckt hatten, errichteten im hohen Nordosten Europas stärkste Festung und wurden so zu einem der wichtigsten Machtfaktoren Preußens.

Fromborg, das ehemalige Frauenburg, ist eine Kleinstadt mit einer überwältigenden Kathedrale und einem ebenso überwältigenden Standbild des Nikolaus Kopernikus, der hier als Domkanonikus und Hobby-Astronom mehr als dreißig Jahre gelebt hat. Diese Zeit wäre zweifellos rabiat verkürzt worden, hätte er seine revolutionäre Entdeckung, dass nicht die Erde im Mittelpunkt des Weltalls steht, sondern die Sonne, nicht erst bei seinem Tode veröffentlicht.

Masuren, das Wort kann man noch so lang und breit aussprechen, man wird damit doch der eindrucksvoll endlosen Landschaft nicht gerecht. Sage ich es also schlicht so: Masuren ist Wasser, Wasser, Wasser zwischen Grün, Grün, Grün – aber auch andersherum. Angeblich die längste zusammenhängende Wasserstraße Europas. Mag ja sein. Mal eine Kuh zu sehen, mal ein paar Kraniche, dann auch Störche. Aber in dem dichten Schilf am Ufer kein Moses im Körbchen, auch keine höhere Tochter, die ihn versteckt hat, keine noch höhere, die ihn findet. Überhaupt kein Mensch bis auf die einzelnen Statuen da und dort, die Angler sind, das aber durch keine Bewegung verraten. Doch wenn ich vom Wasser abkomme und ein Städtchen wie Mikolajki oder Nikolaiken betrete, bin ich plötzlich von vielen bunten Reklametafeln an Zäunen und Häusern, auf Wiesen und an Brücken und sogar an den Schiffen im Hafen umgeben und verstehe: Erst vor kurzem geschah der plötzliche Ausbruch des Vulkans, der hier Privatkapitalismus heißt.

Die Wolfsschanze im Wald bei Rastenburg. Ein Spaziergang zwischen gesprengten Baracken und Bunkern. Und dabei der Gedanke, dass Adolf Hitler mehr als 800 Tage in diesem trostlosen Ensemble verbracht hat, von Bäumen und Tarnnetzen beschützt, dabei immer in seinem Bunker wohnend. Touristengruppen hören erschauernd von den Schwierigkeiten der Durchführung des Hitler-Attentats im Juli 1944 und der Hinrichtung der Attentäter und wehren sich dabei mannhaft gegen die Stechmücken, die in diesem feuchten Waldgebiet schon vor Hitler ihr Operationsgebiet hatten und es deshalb als ihre Heimat rigoros gegen die Eindringlinge verteidigen.

Vilnius, die Hauptstadt Litauens, taucht so überraschend aus dem einschläfernden Immergrün der Fahrt auf, dass man schon dankbar ist für die protzigen offiziellen Bauten und die Unmengen von Kirchen, wenn für den eiligen Besucher dazwischen auch nichts Gemütliches zu entdecken ist. Und beim Warten auf das bestellte Mittagessen wird dem Besucher auch die Eile ausgetrieben. Fünfzig Jahre Sowjetsozialismus, das hat nicht nur die Häuser und Straßen ruiniert, sondern auch den Service. Sozialismus ist, so versteht man schnell, wenn die Dienstkräfte weiblich sind und die Manager dämlich. Aber diesem Eindruck das krampfhafte Bemühen entgegen setzen, die Stadt trotzdem schön und anheimelnd zu finden. Hier bin ich richtig. Immerhin soll es hier einen deutschen Club geben. Und ist die Stadt nicht voller Linden, dem deutschesten aller deutschen Bäume?  

Die Wasserburg Trakai wirkt von weitem kameraauslösend, scheint sie doch ein litauisches Neuschwanstein zu sein, von Unmengen kleiner Andenkenläden und etlichen Cafés belagert. Am See Holzhäuser wie in Skandinavien, nur nicht mit Ochsenblut eingefärbt, sondern blau und grün und gelb und braun. Alles sehr fotogen. Doch die Erläuterungen der Fremdenführerin lassen die Beguckburg dann zu einem Stück nationaler Identität werden, zur Keimzelle des noch jungen Staates Litauen. Von einem Großfürsten im 13. Jahrhundert erbaut, später zerstört, von den Sowjets zum maßlosen Erstaunen der Litauer wiederaufgebaut. Da müssen besondere Beziehungen im Spiel gewesen sein.


Memel liegt am Memelfluss, aber glaube nur niemand, das erkläre den Namen der Stadt. Auch nicht den des Flusses. Ist aber egal, woher der Name Memel kommt, die Stadt heißt ja inzwischen Klaipeda, mit der Betonung auf der ersten Silbe, und wirkt so gemütlich, wie dieser Name sperrig ist. Auf dem Hauptplatz der Stadt steht wieder in Bronze des Feierdichters Simon Dach Ännchen von Tharau. Welch ein köstlicher Kontrast zu den üblichen überdimensionierten Reiterstatuen irgendwelcher Herrscher. Und nahebei in Nidden auf der Kurischen Nehrung noch ein Dichter. Thomas Mann hat der dichtbewaldete Streifen Land so gefallen, dass er sich dort ein Haus bauen ließ. Heute eine seiner mehreren über die Welt verteilten Duftmarken und selbstverständlich Museum. Als sein erstes Kind geboren wurde, die Erika, so lese ich in diesem Museum, schrieb er an seinen Bruder Heinrich: „Es ist also ein Mädchen: eine Enttäuschung für mich, denn ich hatte mir sehr einen Sohn gewünscht und höre nicht auf, es zu thun. Ich empfinde einen Sohn als poesievoller, mehr als Fortsetzung und Wiederbeginn meinerselbst unter neuen Bedingungen.“ Museen verhelfen immer zu vertiefter Kenntnis, selbst wenn das eine Entlarvung ist. Memel

Der Bernsteinzug führt uns als Sonderzug auf allerlei Abwege. Immer in Lücken des Fahrplans eingefügt, auch auf Nebenstrecken ausweichend, die längst zugegrünt sind, so dass die Zweige der Bäume in die offenen Zugfenster peitschen. Ein Hin und Her, manchmal sehr eilig, dann wieder lange Pausen einlegend. Nicht gerade zielstrebig, dieser Zug, eher unentschlossen und verzagt und manchmal wie auf der Flucht. Die Einübung von Geduld und oft auch noch etwas mehr. Denn den meist älteren Ehepaaren in den engen Schlafwagenabteilen bleibt nur die Alternative, sich aneinanderzudrücken, wenn sie sich nicht aneinander reiben wollen. Auf den Bahnhöfen des Baltikums stehen endlos lange Ketten von Behälterwaggons. Ich lese mit einiger Mühe die Aufschrift: Benzin. Da interessiert mich auch die Menge: Jeweils 60 Tonnen, hin und wieder sind diese Kurzwürste etwas dicker ausgefallen und zeigen die Aufschrift 65 T oder sogar 68 T. Sie fahren vierspännig: Vier schwere Diesellokomotiven ziehen diese rollende Pipeline durch die baltischen Länder.

Riga, Lettlands Hauptstadt, eine der bedeutendsten Hansestädte, ist eine moderne Großstadt und doch gleichzeitig ein kunsthistorisches Juwel. Jugendstil, Jugendstil, wo man hinschaut. Nur mit Wien, Paris und Brüssel zu vergleichen. Hier ist aber alles viel kompakter, eine Fassade noch schöner als die andere. Von der anfänglichen, noch ornamental verspielten Provenienz bis zur streng lotrechten, alles wie im Bilderbuch präsentiert. Das ist ja zum Halsverrenken. Bringt aber was, beispielsweise die Entdeckung der Wohnung des in Riga geborenen Dichters Werner Bergengruen. Aus der alten Hafenstadt kommt ja nicht nur der Juxdichter und Komiker Heinz Erhardt. Riga

Tartu und Tallinn. Das kleine Tartu, ehemals Dorpat, ist eine Universität mit einem Städtchen drumherum. Gegenwärtig sollen 18.000 Studenten die Campus-Uni auf dem grünen Domhügel besuchen. Tallinn, das ehemalige Reval, ist die Hauptstadt unseres Landes, sagt die städtische Führerin, Tartu aber das Haupt. Die abseitige Lage der Hochschule in Tartu fördert offenbar das Corporationsleben, Schon zwanzig Studenten sollen genügen, um in einem eigenen Verein mit eigenen Farben das übliche feuchtfröhliche Surrogatleben zu genießen. Da kann man die Hauptstadt Tallinn getrost vergessen, ohnehin zu voll von vollgedröhnten Finnen. Doch die Touristen lieben den weiten Blick von der Altstadt über die Neustadt und den Hafen. Tallinn
Kirchen, Kirchen überall. Die meisten waren während der Sowjetzeit zu Museen und Lagern, Archiven, Ausstellungshallen oder Lokalen umgewandelt. Jetzt wird überall restauriert, am Gemäuer wie an den Gemütern. Das Russisch-Orthodoxe ist wieder richtig. Das verdanken die Popen dem russischen Großfürsten Vladimir, der im Jahre 988 etliche Kundschafter ausgesandt hatte, die feststellen sollten, zu welcher Religion man sich in den verschiedenen Teilen der Welt bekannte. Was Vladimir über den Islam hörte, gefiel ihm überhaupt nicht, weil der Prophet den Alkohol verboten hatte. Dagegen gefielen ihm die endlosen Gesänge der Griechisch-Orthodoxen und die großzügige Erlaubnis, mehrere Frauen nacheinander zu heiraten. So wurde das große russische Reich orthodox.

Die baltischen Frauen scheinen die Monogamie für einen Fehler zu halten. Wie könnten sie sonst so herausfordernd auftreten. Ob jung oder nicht mehr jung, die Brüste sind so rigoros hochgekrempelt und freigelegt, dass sie einem auf Schritt und Tritt in den Blick plätschern – immer im Rhythmus des Tippelschritts. Dazu die superkurzen Röckchen und die hochhackigen Schuhe, die langen blonden Haare, die nackten Arme: Baltic Sex Appeal. Der Besucher hat nicht Augen genug für den Reichtum dieser Länder. Dabei versteht er allmählich: Die baltische Frau ist auf dem Weibchen-Trip, das heißt sie trippelt und wippt nur für den Mann, denn sie hat die Emanzipation noch vor sich. Oder vermeidet sie vielleicht diesen Irrweg? Denn dass sie mit der Emanzipation nur wenig von dem gewinnt, was eine richtige Frau sich ohnedies nimmt, und dafür viel zuviel verliert, das kann sie den so unschick auftretenden mitteleuropäischen Frauen abgucken, die zu Besuch kommen.

Sankt Petersburg, im Russischen einfach Sankt Peterburg genannt. Aber auch das macht die Sache nicht besser, habe ich doch nie von einem Heiligen gehört, der Petersburg oder Peterburg hieß. Die Innenstadt mit den Renommierstraßen besteht aus endlosen Reihen von Gebäuden, die alle miteinander verschwistert zu sein scheinen, wenn sie sich auch in ihrem Teint ein wenig unterscheiden: alle möglichen Braun- und Gelb- und Grün- und Grautöne. Die einheitliche Betonung der Waagerechten haben sie von ihrem italienischen Vater geerbt, die kräftigen Brauen und langen Wimpern der Fenster stammen von der russischen Mutter. Eine weltoffene, aber ordentliche Familie also, wären da nicht immer wieder diese Säulenreihen, die auf dem Parterre stehen statt auf dem Boden. Da müssen irgendwelche Hallodris sich dem Familienstammbaum aufgepfropft haben. Natürlich kann man, was gemeinhin als manieriert abgetan wird, auch damit erklären, dass die Stadt ins Schwemmland des Flusses Newa hineingebaut wurde, wo die Säulen gleich versunken wären. Genauso hatten auch die kraftstrotzenden Kariatiden, die vielfach vor 
St. Petersburg
die Obergeschosse der Einheitsfassaden geklebt sind, ganz offensichtlich Angst, sich im Untergrund der Stadt nasse Füße zu holen. Bekanntlich haut eine Erkältung den stärksten Kerl um. Hinein in die Riesenmuschel der Eremitage, und sich ihm ausliefern, diesem Feuerwerk von Bildern, dem Aschenregen von Erläuterungen auf winzigen Schildchen und aus kundigem Mund in allen Sprachen. Ringsum ein Meer von Augen, die sich festzusaugen versuchen an den Bildern, die Millionen wert sind. Dieses einschläfernde Schlurfen der viel zu vielen Füße auf dem uralten Parkett. Und dann endlich einen Stuhl finden, auf dem man sich niederlassen kann, um mit geschlossenen Augen die Millionen von Künstler-Schicksalen an sich vorüberfließen zu lassen. Ein noch viel größeres Gedränge als auf dem Newskij-Prospekt, wo auffällt, dass die kyrillische Schrift allmählich verdrängt wird von der lateinischen. Weil die fremden Firmen hier schon heimisch geworden sind, die Bosch und Salamander, Samsung und Hyundai, Metro und Pizzeria und so fort. Dabei ist der Ostblock noch deutlich zu erkennen, vor allem in den angestrengten Gesichtern der Leute mit den Goldzähnen, immer eine Zigarette in der Hand und immer mal wieder ausspucken.

Zarskoje Selo, Zarendorf, wird heute offiziell Puschkin genannt, um ihm einen seriösen Anstrich zu geben. Im Mittelpunkt steht das Katharinenschloss, das im letzten Weltkrieg durch deutsche Truppen zerstört wurde, doch jetzt mit viel Blattgold in neuem Glanz erstrahlt. As kitsch as kitsch can. Wie ein Kulissenschloss in Hollywood, nur echt. Mitfinanziert von der deutschen Ruhrgas AG., lässt sich hier Prunk und Protz hoch drei gut und ohne Extragebühr fotografieren. Bloß im Bernsteinzimmer herrscht Fotografierverbot. Dieser Nachbau des bei Kriegsende verschwundenen Originals, das der preußische König Friedrich Wilhelm I. dem Zaren Peter I. geschenkt hatte und wofür er als Gegengeschenk 55 „lange Kerls“ für seine Renommiertruppe bekommen hatte, ist offenbar blitzlichtscheu. Genau wie der unaussprechliche Gedanke an die vielen Millionen Menschen, die für die irrsinnigen Luxus-Bedürfnisse ihrer Herrscher ausgepresst wurden.

Minsk. Wer hätte gedacht, dass die weißrussische Hauptstadt mit ihren 1,7 Millionen Einwohnern einer der Höhepunkt der Reise werde. Kein klangvoller Name, dafür aber ein Stadtbild von besonderem Reiz: prächtige Boulevards, hin und wieder von architektonisch herausragenden Mammutgebäuden flankiert, und weite Gewässer harmonieren mit viel Grün. Da verspielter Statuenschmuck, dort sehr eindrucksvolle Mahnmale für die ermordeten jüdischen Mitbürger oder für die Gefallenen des Afghanistankrieges. Die Wohnhochhäuser so einfallsreich und aufwendig strukturiert, wie nirgendwo sonst zu sehen. Und diese überquellenden Markthallen. Dabei ist auf  den Straßen kein Schnippelchen Papier, keine Zigarettenkippe und kein Hundekot zu sehen. Man möchte glatt das Portemonnaie zücken und sich diese Saubermann-Stadt kaufen, aber die Leute in Belarus, wie sie ihren Staat nennen, dürfen ja kein ausländisches Geld annehmen.
Minsk

Poznań, das alte Posen, treibt ein reizvolles Spiel mit dem schönen Schein. Die schmalbrüstigen Krämerhäuser am Hauptplatz neben dem imposanten Rathaus führen ihre Fassaden noch so vor, wie in alten Zeiten, als die Fenstersteuer es für einen klugen Kaufmann ratsam sein ließ, so zu bauen. Doch schlängeln sich heute die Wohnungen darin durch mehrere Häuschen. Und nahebei die ehemalige Jesuitenkirche punktet mit einer Kuppel, die nur gemalt ist, und mit sechzehn dicken Marmorsäulen, die keine sind, sondern bloß einen marmorierten Anstrich haben – und keinerlei tragende Funktion. Das eine wie das andere wäre zu schwer gewesen für die im Schwemmland der Warthe erbaute Kirche, erfährt man dazu. Nur gut, dass man auf Reisen nicht an allem und jedem die Kratzprobe machen darf. Man selbst gibt von sich ja auch nur das Urlaubsbild preis. Posen


Ein Blinzeln in Bella Italia

Gleich unterhalb dieser prächtigen Römerwade Italiens, in Pescara, gelandet. Das Meer nur kurz vom Flieger aus gesehen. Opulent gegessen und getrunken und dann mit dem Wagen in ein Dorf weit hinter der Küste gebracht worden. Das Ortsschild nicht gesehen, weil es schon dunkel war. Hauptsache: am Ziel. Überm Rotwein und Reden zum Freund geworden und freundschaftlich in eine fremde Wohnung aufgenommen, um in einen tiefen Schlaf zu fallen.

Doch die grelle Helle im Osten hat mich schon früh geweckt und auf den Balkon gelockt. Da ahne ich beim verkniffenen Blick in die aufgehende Sonne die Adria in der Ferne, sehe aber bloß ein Stück leere Straße mit untätigen Peitschenlaternen zwischen einzelnen schlaftrunkenen Häusern mit Ziergebüsch vor mir, wie eine Kostprobe von dem Ort, dessen Namen ich immer noch nicht weiß. Sonnennest nenne ich einfach, was sich mir da eingeklemmt zwischen See und Bergen zeigt. Wie an den schrägen Sonnenstrahlen aufgehängt, von denen der leichte Windhauch es nicht abzuschütteln vermag, mir aber vor die Füße gerutscht, weil die gleißenden Fäden viel zu glatt sind. Irritiert wende ich den Blick ab und in die Höhe, finde aber auch dort keinen Halt an den weißen Leinen, die von frühen Fliegern am Himmel aufgespannt werden. Ich muss raus, muss ums Haus laufen, um mich wiederzufinden in Bella Italia. Und dann rauf in die Abruzzen!


Auf halbem Weg in die Berge eine Stadt. Dieses Menschen-, Häuser- und Autogequirle, das sich heute gern den Adelstitel zulegt: Regionalzentrum und damit meint: die Einkaufsstadt. Ihre Bedeutung wird deutlich an den Parkplatzschwierigkeiten und an den vielen Banken. Die haben den ebenfalls schon zahlreichen Kirchen den Rang abgelaufen, sehen auch ganz anders aus. Während die Kirchen immer noch spitzfingrig in den Himmel ausgreifen, den sie doch nie erreichen, sitzen die Banken breitärschig auf ihren unterirdischen Tresoren und verraten nicht, was sie gehortet haben. Geschäfte und das Allerlei an Wohnungen in geschlossenen Häuserzeilen mit hohen Fassaden, die einen längst vergangenen Wohlstand nur noch ahnen lassen, weil sie inzwischen mehr Patina als Farbe zeigen.
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Auf der Fahrt weiter hinauf in die Abruzzen erfahre ich: Das Haus schräg gegenüber, das ich vom Balkon aus gesehen habe, dieses stumme Grautier, nach frischem Putz hungernd und mit kaputten Fensterläden, die immer geschlossen sind, gehört dem Lottokönig des Ortes. Der Mann, der plötzlich war, was er nie erwartet hatte, wenn auch immer erhofft, nämlich Millionär, er hatte den ganzen Ort eingeladen, mit ihm zu feiern. Sein Haus hatte jedes Wochenende gestrahlt und von lärmenden Festen gebebt. Bis das Geld weg war. Seitdem schlurft der Alte mit seiner Harmonika überall an, wo Leute zusammensitzen. Da spielt und singt er, so laut er kann und so falsch, wie nicht zu vermeiden ist, und man kann nicht umhin, ihm ein kleines Trinkgeld zu geben.

Die Abruzzen sind grün, grün, überall grün. Auch noch im Herbst. Nur selten zeigen sie ihren nackten Fels. So schamhaft sind sie. Viel lieber spiegeln sie einem goldene Felder vor. Dass man sich fragen muss: Was ist das? Und erst aus der Nähe erkennt: Das wundervoll goldene Tuch ist ein Wingert, richtiger gesagt: sein Abdeckung. Denn in den Weinfeldern der Abruzzen wachsen die Reben nicht wie bei uns an waagerecht gespannten Drähten in die Breite, sondern nur in die Höhe. Jeder Weinstock ist ein Bäumchen, mit dünnem, kahlem Stamm und einer sich rund ausbreitenden, flachen Krone. So stehen sie in Reih und Glied beieinander. Deshalb guckt man von der über die Hügel führenden Straße auf ein geschlossenes Blätterdach. Die Winzer arbeiten unter dieser Abdeckung vor der südlichen Sonne geschützt, und wenn sie typische Italiener sind, brauchen sie sich nicht einmal zu bücken.
 
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Wir wollen in den Bergdörfern Trüffel kaufen. Doch wo wir auch fragen, es gibt in diesem Herbst so gut wie keine. Der Sommer war zu heiß und viel zu trocken. Das hat die Trüffelernte zu einem einzigen Fiasko gemacht. Die wenigen Pilze, die man gefunden hat, sollen über viertausend Euro das Kilo kosten. Das macht selbst den Feinschmecker zum Ignoranten: Nein, danke, ich mag gar keine Trüffel. Ob das der Grund dafür ist, dass uns die Hunde so wild anbellen, als wir einen kleinen Rundgang durch ein Pilzbergdorf machen? Vermutlich sind sie nur noch mehr frustriert als wir. Weil sie ihre bewährten Trüffelnasen diesmal vergebens an den Boden gehalten haben. So gut wie nichts erschnuppert. Weshalb sie jetzt das Gefühl haben müssen, nur noch das Gnadenbrot zu fressen – bis zur neuen Trüffelsuche im nächsten Frühherbst.




Auf dem Rückweg nahe der Straße auf einmal eine Burg, von Zinnen gekrönt und mit Turm wie im Märchen. In einer weiten Talfläche. Was so imponierend hier in der Ebene sitzt, muss eine moderne Burg sein. Ist es doch ein Unterschied, ob man sich in seiner Burg vor Feinden schützt, deshalb am besten auf uneinnehmbarem Felssporn, oder ob man Reisende anlocken will, um die Luxuszimmer und den prächtigen Speisesaal zu füllen, deshalb möglichst in Sichtweite neben einer Durchgangsstraße. Wir fallen in das Burghotel ein, um das Konzept der Erbauer zu bestätigen und um neben all den anderen Bedürfnissen wieder einmal von Herzen Ah und Oh sagen zu können. Gemäuer mit künstlicher Patina ist halt doch angenehmer als das Gemäuer, das nur noch von echter Patina zusammengehalten wird.
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Schwarzes Schaf auf Thule

Schon der aus der Gegend von Marseille stammende griechische Händler Pytheas, soll um 320 v.u.Z. auf einer Nordlandreise die Insel Island entdeckt und Thule genannt haben. Grund genug für mich, ihm nach 2326 Jahren zu folgen.

Beim Anflug auf den Flughafen Kevlavik der isländischen Hauptstadt sehe ich ein Verkehrsschild, das mir noch nie begegnet ist. Im perfekt gerundeten Kreis der Regenbogenfarben erkenne ich auf der weißen Wolke unter mir ein schwarzes Flugzeug, unseren Schatten. Und dieses Verkehrszeichen wandert eine Weile mit uns mit. Dann verschwindet es plötzlich. Egal. Ich wußte ohnehin seinen Sinn nicht zu deuten.


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Die europäische und die amerikanische Erdplatte, hier zeigen sie, daß sie sich nicht mögen. Jedes Jahr rücken sie zwei Zentimeter weiter voneinander ab. Verständlich. Doch ist kaum zu verstehen, mit welcher Gelassenheit die Menschen hier leben, auf dem sich ständig weiter öffnenden Erdspalt, der Dampf und sehr heißes Wasser ausstößt. Da Geysire, dort heiße Löcher. Riesige Aufbrüche mit Wasserfällen. Kalbende Gletscher und Eisschollen, die ins Meer hinaus treiben. Und alle paar Jahre auch kochende Lava. Als ob es den Isländern einen
besonderen Lebenskick gäbe, auf dem Vulkan zu lieben und zu arbeiten und auch in jeder anderen Weise zu leiden. Auch wieder verständlich, wenn ich den Gedanken ein wenig weiter verfolge. Ist unser Leben - das heißt das Leben unseres Bewußtseins in diesem delikaten Körper, den wir unser nennen, dabei sind wir sein - ist dieses prekäre Leben doch nichts anderes als das ständige Warten auf eine Eruption. Mann und Frau als Eruptivwesen erkannt, er als der Spitzkegel, sie als die Erdspalte. Und das Losungswort ihres Daseins ist Orgasmus. So sind wir nichts anderes als Erdlinge, die sich in sich selbst zu versenken und aus sich heraus zu verschenken trachten.

Kaum drei Tage auf dieser Insel, da wird mir schon die Überlegenheit der altnordischen Mythologie klar. Der Mensch als Produkt und Replik der Erde, ihr so gleich, daß Geburt und Tod ihm gleichgültig sein müssen. Ganz und gar nur Naturwesen, weit entfernt von dem mühsam nach morgenländischer Phantastik geformten Christenmenschen. Und schon verstehe ich den alten Mann, der hier bei jedem Wetter an der Straßenkreuzung steht, hier, das heißt in dem feinen Villenviertel von Reykjavik, in dem der berühmte Nationaldichter Gunnar Gunnarsson sich sein Haus für den Lebensabend gebaut hatte. Jetzt für vier Wochen meine Behausung. Der Mann steht da im Regen, mit dem Besenstiel in der Hand, an dem ein Pappschild seinen Protest zeigt: Eine Kirche, wie ich im Vorbeifahren erkennen konnte. Dazu der Aufruf: Brennt die Kirchen des Gekreuzigten nieder! Er demonstriert, so hörte ich, gegen die unverschämte Zumutung, daß jedes Kind nach christlichem Ritus getauft wird, ohne daß man es nach seinen Wünschen und wahren Bedürfnissen fragt. Und die eigentliche Unverschämtheit sieht der Alte darin, daß man zwar aus der Kirche austreten kann, daß man aber damit die christliche Taufe nicht rückgängig macht. Die Taufe ist tatsächlich schlimmer als jede Tätowierung. Sie ist nicht abzuwaschen, nicht durch Selbstbeschmutzung oder Teufelspakt zu tilgen. Ja, wir sind verformt und bleiben verformt. Und wir hoffen, daß unsere Mutter Erde es gleichmütig hinnimmt und uns nicht schon beim nächsten Wimpernschlag mit ihrer heißen Liebe überschüttet und wieder zu ihrem Material werden läßt.
 
Wo wir stehen und gehen, erkaltete Lava, runzelig erstarrt. Häßlich schwarzes Magmagestein rundum, das Erbrochene der Mutter Erde, das wir unseren Boden nennen, den Boden, auf dem wir mit beiden Beinen zu stehen behaupten, so kurios selbstsicher. Dieser Boden, da sprattelig spitzig und dort glattschalig geborsten. Und immer wieder schwarze Stelen in dieser sechseckigen Form, die uns als das natürliche Format vorgeführt wird. In unzähligen leichten Abwandlungen. Die Erde ist nicht so pingelig in der Produktion ihrer Sechsecke, wie die Biene. Die Hallgrimmskirche, das Wahrzeichen der Stadt Reykjavik, zeigt diese Form der sechseckigen Säulen der Erde als gigantische Schmuckidee. Recht so. Wenn ich mir hier ein Haus bauen würde, dann würde es wohl sechseckig werden, das erscheint mir als unvermeidlich.

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Reykjaviks Altstadt in der Mitternachtssonne. All die putzigen Häuschen, rundherum und sogar auf dem Dach blechgeriefelt und in den schönsten Pastellfarben. Mit ihren viel zu großen, glänzenden Fensteraugen, dick weiß umrandet, starren sie in die Nacht, die keine Nacht sein will, wie Kinder, die nicht ins Bett gehen wollen.


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In der kleinen Hauptstadt Reykjavik, in der die Hälfte der 300.000 Einwohner des Landes lebt, wird jetzt die erste isländische Moschee gebaut. Und auch die Russisch-Orthodoxe Kirche wird sich dort ein Gotteshaus bauen dürfen. In Religionsfragen haben die Isländer die richtige Einstellung: Nicht wichtig nehmen. Deshalb hat auch die Vereinigung Mittelalterlicher Nordischer Heiden, genannt Ásatrú, ihren Bauplatz bekommen. Immerhin darf diese mehr als nostalgische Gesellschaft schon seit den siebziger Jahren Eheschließungen vornehmen. Daß die Runen-Ehen besser hielten als die Stern-, Kreuz- oder Halbmond-Ehen, habe ich allerdings nicht gehört.

Island ist ein schnörkelloses Land, das mit seiner vielhundertjährigen Armut überzeugt. Häuser der reinen Notdurft, ohne jede Verspieltheit gebaut, weil vom Munde abgespart. Und das Feigenblatt ist zu klein: Erst seit wenigen Jahren werden Bäume und Sträucher angepflanzt, um die Notdurft wenigstens notdürftig zu tarnen.

Schon wie wir die Insel im Atlantik benennen, zeigt unser Unverständnis. Die englische Bezeichnung Iceland ist richtig. Wenn wir schon nicht Thule sagen, müßten wir doch korrekterweise mit Eisland übersetzen, was die Isländer so schreiben: Ísland.


Die Blaue Lagune ist ein Aushängeschild Reykjaviks. Also muß man hin. Abgesehen davon, daß es eine kleine Reise ist bis zu dieser Wasseroase im Lavageröll, es empfängt einen keine Lagune, schon gar keine blaue. Bloß inmitten der urweltlich menschenfeindlichen Lavalandschaft das Kühlwasser des benachbarten Kraftwerks. 15 Euro kostet das Vergnügen, in das auf 30 Grad Celsius erhitzte Wasser zu steigen und darin herumzuplantschen. Zum Schwimmen ist es zu warm und zu stark frequentiert. Da versteht man: Werbung ist alles. Die Ausflugsunternehmen karren busweise zahlende Gäste heran. Da stehst du im milchig weichen Kühlwasser und gehst immer mal wieder in die Hocke, damit der Sommerwind dir nicht mehr so kalt um den Hals pfeift, und hast Zeit, dir klarzumachen, daß du in einem hochtechnisierten, mordernen Land bist. Ja, hier erlebst du die Zukunft der Menschheit. Sind ernstzunehmende Wissenschaftler doch der Meinung, wir hätten in fünfzig Jahren Siedlungen auf dem Mond, also in einer Umgebung wie dieser, aber unter einer Hülle, die uns mit einem künstlichen Klima versorgt.

Hier im hohen Norden, wo die Sonne nur selten für uns Menschen verglüht, tut es unsere Mutter Erde um so eifriger und fürsorglicher. Sind wir ihr hier auf Island doch näher als irgendwo sonst. Und spüren ihre Zuneigung stärker als sonstwo. Weil sie sich uns so dünnhäutig zeigt. Wenn ich den Wasserhahn öffne, hüllt mich der Duft des Mutterschoßes ein. Dieser Urduft. Da plötzlich kommen mir die Sonnenanbeter der südlichen Länder wie Mutterlandsverräter vor, zu früh flügge, der Mutterbrust entwöhnt. Oder nur aus dem Nest gefallen?

island7 Island reizt mit seiner reziproken Exotik.
Das heißt, alles, was die exotischen Länder uns Mitteleuropäern an Leben und Farbe und Duft und Vielfalt voraus haben, das hat Island noch weniger als wir. Und da wir nur Unterschiede empfinden können, läßt uns Island genauso staunend dastehen, wie jedes exotische Land.

Um mich herum all diese akkurat waagerecht gestuften Berge mit ihren schicken Schneefrisuren.
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Dazwischen die glatten Grasgrüntäler, in die es von allen Seiten hineinrinnt, das von täglich vierundzwanzig Sonnenstunden abgeleckte Schmelzwasser. Und zwischen den vereinzelten Pusteln von Bauernhäusern mal hier, mal dort ein Tier. Wenn nicht ein Schaf oder - seltener - eine Kuh, dann ein Pferd, das dasteht, heute wie gestern. Und du sagst dir, sagst es all deiner Naturbegeisterung trotzig ins Gesicht: Pferde sind langweilige Wesen. Solange man sie nicht bunt malt wie Franz Marc, sind sie nichts als unansehnlich, wie sie da auf Statue machen und die Köpfe hängen lassen.

Ich sitze bei meinen Freunden auf der Terrasse und genieße die milde nordische Sonne und lausche der 44-saitigen Äolsharfe, die hinter mir steht. Die Wäschespinne, offen und unbeflaggt, im Wind läßt sie eine Musik erschallen, die mir einzuflüstern versucht, ich säße in Schwetzingen im Konzertsaal des Schlosses und lauschte der Musik zeitgenössischer Komponisten. Diesem Tonspiel mit endloser Modulation statt einer eingängigen Melodie, nicht zerhackt von den dreisten Rhythmusinstrumenten, aber mit dem immer wiederholten Anschwellen und Verhauchen so um Aufmerksamkeit bettelnd, so drängelnd, daß ich unwillkürlich ein Stückchen weiter von der offenen Spinne abrücke, um ihren Tönen mehr Raum zu geben. Diesen Lauten, die in alle vier Windrichtungen entschweben.

Hinein in die Berge, die sich heute Wolken als wonneweiche Pelzkappen, beigefarben, aufgesetzt haben. Die nördlichsten Landspitzen dieser ausgefransten Insel einfach abschneiden, auf Schotterpiste dahinbollernd, so erschreckend laut und steinespritzend, daß die Lämmer schnellfuessig zu ihren wollknäueligen Müttern flüchten, die uns das Hinterteil zuwenden und damit ihr unmissverständliches Urteil über uns abgeben: Üble Wesen! Haltet euch fern von ihnen! - Dabei schmecken sie so gut.

Der Blick kann sich nicht losreissen von diesen Bergketten mit den sommerlichen Schneeflecken. Die Berge spielen Kuh, wie sie so massig und reglos daliegen, die braun-weiss Gescheckten. Und aus ihrem tiefsten Inneren glaube ich das Grummeln zu hoeren, das nicht von den Trollen und Wichten kommt, sondern von der eifrigen Arbeit ihrer vier Mägen: Lab-, Blätter- und Netzmagen sowie Pansen rund um mich herum. Und ich habe Hunger. Aber kein Restaurant in der Nähe.

Island, Insel aus Feuer und Eis, so heißt es etwas zu euphorisch. Was diese Insel ist, das hätte man auch viel schlichter und trotzdem genauso wahr sagen können. Denn sobald das Feuer erloschen ist, bleibt das erstarrte Lavagestein, und wenn das Eis geschmolzen ist, bleibt nur noch Wasser. Aber wer würde sich schon für eine Insel aus Lavagestein und Wasser begeistern? Dabei ist der Antipoden-Reiz derselbe. Wie das Feuer dem Eis zusetzt, so das Wasser dem Lavagestein.
 
Da lockt mich in der Ferne auf einem Hügel eine mächtige alte Burg. Der rundgemauerte Bergfried mit dem sehr flachen Kegelhut, daneben der weißgetünchte Palas mit neugierigen kleinen Fenster. Ja, ich werde durchs hastig aufgerissene Burgtor einreiten und den Damen zuwinken, die in der Kemenate hinter den brokatenen Vorhängen stehen und zu mir hinabäugen. Doch so zögerlich ich auch heranfahre, ich kann nicht vermeiden, daß aus dem stolzen Bergfried ein altes Futtersilo wird und aus dem prächtigen Palas ein ordinärer Kuhstall.

So in den Lavahängen verloren liegt unser Motel an der Nordküste da, daß nicht einmal eine Mücke sich die Mühe macht, an unser Fenster zu klopfen. Das Licht an und das Fenster offen, d. h. gekippt, und den Blick draußen durch den Allüberall-Pelzbesatz des Gesteins gleiten lassen. Der Nachthimmel ist so homogen hell-grau, wie die Hügel generell-grün sind. Als ob die Natur uns zum Stabreimen animieren wollte. Egal, egal, durch die waagerechte Schraffur der Jalousie wird ohnehin alles durchgestrichen, was ich ins Steinland hineindenke und hineinsehe.

Was ist nur mit mir los? Den kleinen Jungen in der Sommerfrische in Oberbayern hatten die Kühe begeistert. Sogar, wenn er sie nur von hinten sah, weil sie vor den Leiterwagen gespannt waren. Aufregend zu beobachten, wie ihre Euter zwischen den Hinterbeinen hin und her wogten. Kein Zweifel, daß auf diesen Leiterwagenfahrten meine Sensibilität für den wogenden Busen der Frauen geweckt wurde. Jeder Busen mutierte mir unwillkürlich zum Euter und damit manches Mal zur Enttäuschung, weil der Brunnen versiegelt blieb, so sehr ich mich auch bemühte, ihn zum Sprudeln zu bringen. Trotzdem: Eine Frau war für mich stets so schön, wie ihr Euter schwer war. Doch jetzt sehe ich hier in Island die Kühe auf dem Weg zum abendlichen Stallerlebnis, dem sanften Sog der Melkmaschine, sehe sie mit so überdimensioniert hochgezüchteten Eutern daherwatscheln, daß sie ihre Hinterbeine kaum noch bewegen können. Und erstmals bin ich nicht voller Begierde, sondern voller Mitleid mit diesen überladenen und rücksichtslos ausgebeuteten Milchmaschinen.

Island ist das ideale Gelände für die Suche nach dem Stein der Weisen. Genügend Steine rundum. Und wenn dann der Weisheit letzter Schluß sein sollte zu sagen: Alles fließt, dann muß man Island auch dafür dankbar sein.

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Dieses erstaunliche Land: Ob der Isländer Erik der Rote Amerika entdeckt hat, ist umstritten. Und ob er überhaupt gelebt hat, ist fraglich, so erfuhr ich in seinem rekonstruierten Geburtshaus. Aber daß er der Erfinder der Public Relations war, das steht fest. Denn er hat dem Land, auf das er bei seiner Seefahrt nach Westen im Jahre 985 zufällig traf und in dem er sich niederließ - er soll seine Gründe dafür gehabt haben -, den schönen Namen Grünland gegeben, um andere Siedler anzulocken. Wer ist schon gern allein auf einer riesigen Insel, die fast ganz von Eis und Schnee bedeckt ist, von uns Heutigen Grönland genannt.

Island, die Insel aus Feuer und Eis, wird allmählich eine blaue Insel. Wenigstens für kurze Zeit im Sommer. Das übrige Jahr hindurch mausert sich die schwarz-weiße Insel zur grünen Insel. Die Lupinien wuchern durchs Land, daß es eine wahre Lust ist. Sie sind von Alaska eingeschleppt worden und vermehren sich rapide, so gut gefällt ihnen die neue Heimat. Sie sind gut für den Boden, verrät mir der ehemalige Bauernverbandsboß, weil sie Nitrate aufnehmen und umwandeln. Was zunächst eine Vergewaltigung des Grases ist, das kommt diesem nachher doch wieder zugute, weil es einen besseren Boden vorfindet. Dann wächst es wieder, allen Lupinien zum Trotz. Und zur Freude der Schafe. Die fressen auch gern Lupinien, müssen aber mit Zäunen daran gehindert werden, weil die Lupinien für sie ein leichtes Gift darstellen. Sie sind also auch nicht viel anders als wir, die Schafe.

Vor 30 Jahren noch war die Schafhaltung das große Geschäft. Farmen mit mehr als 1000 Tieren entstanden. Doch der Massenexport des Fleisches brachte nur kurze Zeit was ein. Dann wurde der Transport des Billigprodukts zu teuer. Und die Konkurrenz Neuseeland eroberte den Weltmarkt. Da schalteten die isländischen Schafhalter um. Die einen wechselten die Schafe gegen Touristen ein, indem sie die Ställe zu Hotelzimmern umbauten, die anderen machten ihre Wiesen zu Golfplätzen, einige stylten ihr Schaffleisch zu einer besonders teuren Marke hoch, was sogar funktionierte. Dennoch sind die Schafhalter insgesamt arme Schlucker, meint der Verbandsfunktionär.

Wer hat dich, du schöner Wald, aufgebaut so hoch dort droben, so können wir daheim singen. Hier singt man besonders gern. Beispielsweise in einem Örtchen wie Dalvik mit seinen gerade zweitausend Einwohnern, gibt es gleich vier Gesangvereine. Aber sie können allenfalls singen: Wer hat dich, du schöner Berg, aufgebaut so hoch dort droben. Doch das käme ihnen nicht als Frage über die Lippen. Sie kennen die Entstehungsgeschichte ihrer Insel.

Auch Island soll in frühester Zeit üppig bewaldet gewesen sein. Kaum noch vorstellbar, wenn man heute über die Insel streunt. Die Wikinger hatten mit Hege und Pflege nichts im Sinn. Hausbau und Schiffbau und Öfen haben dem Wald keine Chance gelassen. Und die modernen Grünenthusiasten bringen mit ihren Birken-, Tannen-, Lärchen- und Kiefernsetzlingen nur mickrige Wäldchen zustande. Aber wozu auch Wald? Wenn hier die Sonne scheint, sucht man nicht den Schatten, sondern zieht sich aus.

Bergketten, Scheibchen für Scheibchen aufeinandergelegt, immer höher. Wobei jedes nächsthöhere Scheibchen ein wenig kleiner ausgefallen ist. So gigantisch akkurat. Als wollte man diese kleine menschliche Bemühtheit der Stufenpyramide von Gizeh zur Lächerlichkeit werden lassen.

An der Südküste auf einmal diese Felsformationen voller Höhlen. Daß man den eilig dahinrollenden Wagen anhalten möchte, um einmal bei ihnen anzuklopfen, bei den Trollen und Elfen, die dort ihre Traumwohnungen gefunden haben.

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Immer wieder anders geformte Bergmassive, wenn ich die nächste Kurve genommen habe. Dort hängt Regen vor den Hängen, der sie in weiße Milch taucht. Jetzt grinst mich ein Riesenunterkiefer an, mit etlichen ausgefallenen Zähnen und mit ein paar fauligen Zahnstummeln. Dann auf einmal hohe Feinschotterhänge, die wie die bodenlangen Kleider von Felsprinzessinnen neben der Straße stehen, in ihren vornehm gedeckten Farben Ehrfurcht heichend. Ja, alle Achtung. Nicht auszudenken, wenn dort droben ein Stein ins Rollen kommt und auf der mehrere hundert Meter langen Schräge in Rage gerät. Nur schnell weg! Und die alten Kuppelberge begrüßen, denen das Überallgras längst über den Kopf gewachsen ist.

Das schwarze Schaf, für uns immer nur in der Einzahl vorkommend, hier sehe ich es immer wieder. Und auffallend ist, daß die hellen Schafe nichts gegen schwarze Schafe in ihrer Gesellschaft haben. Sie sind eben helle Schafe. - Da haben wir es wieder: Reisen bildet.

Doch eine Islandreise ist ein sauteures Unternehmen. Und man fragt sich: Wieso eigentlich das eine und das andere? Und findet hierauf und darauf keine befriedigende Antwort. Bis man sich damit tröstet: Diese Reisen zu dem echten Mond, die ja auch schon angeboten werden, von den Amerikanern wie von den Russen, kosten noch viel mehr.

Paris am 31. Oktober 2005

Mit Friedrich Hebbels Gedicht unterwegs: "Dies ist ein Herbsttag, wie ich keinen sah."

 
Die totale Desorientiertheit, früher zeichnete man sie mit dem Bild: Die rechte Hand weiß nicht, was die linke Hand tut. Jetzt weiß ich: Die moderne Großstadt ist solch ein mißglückter Körper, dessen einzelne Glieder sich verselbständigt haben und tun, was sie wollen. Ergebnis einer Wochenendvisite in Paris. 

Eiffelturm Wir waren den lieben langen Sonnentag herumgebummelt und hatten nur bedauert, daß der Tag kein Sonntag war, sondern ein Montag und daß montags alle Museen geschlossen sind. Alle bis auf das Centre Pompidou. Waren mit der Metro dorthin gefahren und hatten vor der mehrere hundert Meter langen Schlange am Eingang kapituliert und lieber die Schenke gegenüber aufgesucht. Weiterwandern und weiterfahren und bei Notre-Dame das gleiche Erlebnis. Auch gut. Ohnehin zu schön der Tag für den Ausstieg ins Museum oder in die Kirche. Doch dann ebenfalls lange Schlangen am Eiffelturm.  Also weitergegangen mit der Zeile im Kopf: „Dies ist ein Herbsttag, wie ich keinen sah.“ Trotzdem bald wieder eingekehrt, in ein Bistro, in ein Café, weil die Straßen, die Metro-Bahnhöfe überschwemmt waren von lustwandelnden, dahin und dorthin drängelnden und alles digitalisierenden Menschen, zwischen denen man sich kaum vorwärts bewegen konnte. Toute la ville auf den Beinen. metro


Also den Blick nach oben und feststellen: Eine Stadt, die nicht von den Engländern und Amerikanern plattgebombt wurde, hat auch ihre Reize. Verständlich, daß die überfüllten Ausflugsboote auf der Seine fast ganz aus Glas sind, schwimmenden Gewächshäusern im Herbst gleich.

Am Abend dann das verabredete Treffen mit den Pariser Freunden und ein gemeinsames großes Festessen im Saal des ehemals recht prächtigen Stadthotels La Muette im 16. Arrondissement, nahe beim Bois de Boulogne. Und das Staunen über die abendlich Leere des Restaurants, über die Straßen ohne Menschen und fast ohne Autos. Komische Leute, die Pariser, nicht gesagt, aber gedacht. Haben sie doch morgen einen Feiertag, genau wie wir. Und ist es doch immer noch sommerlich warm. „Die Luft ist mild, als atmete man kaum.“ Hatte man doch dasselbe Carré am Abend zuvor noch in quirliger Überfüllung erlebt. Da hatte man nicht einmal mehr die typische Pariser Hundepißstruktur auf den Trottoirs erkennen können. „Und dennoch fallen raschelnd, fern und nah, die schönsten Früchte ab von jedem Baum.“

An der noch schlaftrunkenen Rue de Passy - kaum Autoverkehr, schnarchsanfte Frühe -  fertigmachen zur Heimfahrt am Allerheiligenmorgen. „O stört sie nicht, die Feier der Natur!“ Während die alten Damen des Quartiers zuverlässig umherschleichen und ihre Hündchen zum Entwässern und Entschlacken ausführen, - „Dies ist die Lese, die sie selber hält.“ - laden wir unser Reisegepäck in die Wagen. Da hören wir einen Schuß, schauen uns erstaunt an und schütteln ungläubig den Kopf. „Denn heute löst sich von den Zweigen nur, was vor dem milden Strahl der Sonne fällt.“
An den überreich schnörkelverzierten Fassaden der bis zu zehn Stockwerke hohen Wohnpaläste aus der Zeit der vorletzten Jahrhundertwende öffnet sich kein einziges Fenster. Also Abfahrt. Die Stimme der Führerin des Navigationssystems ist so freundlich neutral wie immer. 
Allerheiligenmorgen
Doch die Neuigkeiten aus Paris sind schneller als wir. Endlich daheim angekommen, sehen wir in den Fernsehnachrichten die grellen Bilder von Straßenschlachten mit  brennenden Polizeiwagen, sehen Feuerwehren und Notärzte im Einsatz, wo hohe Flammen aufzucken und Qualm bemüht ist, sich besänftigend über alles zu legen. Und hören: Die Ausschreitungen dehnen sich immer weiter aus. In den Vororten wurden Hunderte Brände gelegt, Polizeistationen angegriffen, es gab erste Fälle von Plünderungen, einige hundert Festnahmen, viele Verletzte. Ausgelöst wurden die Unruhen der nordafrikanischen, meist jugendlichen Immigranten in den Sozialbausiedlungen, durchweg arbeits- und chancenlos und drogenabhängig, durch den Tod von zwei Jugendlichen, die auf der Flucht vor der Polizei über zwei Mauern geklettert und in den tödlichen Stromschlag eines Zwanzigtausend-Volt-Transformators gesprungen waren. Sitzen da in unseren Fernsehsesseln und hören mit ungläubigem Erstaunen: Das begann in unserem Herbstlied-Paris, nicht weit von unserem Hotel entfernt, gleich nördlich vom Bois de Boulogne, in Clichy-sous-Bois, und ergreift jetzt immer weitere Teile des Elendsgürtels um Paris, liebevoll die Banlieue genannt. Und hören den martialisch aufgerüsteten Polizisten sagen: „Das ist Krieg.“ – An diesem Herbsttag, wie ich keinen sah.

 
 

Auch ich in Romania

Bukarest wurde einst als das Paris des Ostens gefeiert. Solche Sprüche machen skeptisch. Doch dann durch die Innenstadt zu fahren und rechts und links Bauwerke zu sehen, die wie die ehrwürdig ergrauten Großeltern moderner Prächtigkeit dastehen, stumm, reglos und runzelig, mit vielen Altersflecken. Die Würde des Alters, die Achtung fordert - und ein freundliches Hinwegsehen über die Blessuren, die ein langes Leben nun mal mit sich bringt. Statt dessen sich bemühen, es einzeln zu bestaunen, was so ungewöhnlich ist. Da den Fassadenschmuck mit Blendarkaden, mit schnörkeligen Balkons und Balustraden, dort das Prachtportal mit hochgewölbtem Glasvordach, unter dem die Equipagen anhielten, hier die Türmchen und kühnen Spitzen und dann die Karyatiden mit ihren schweren Säulenlasten. Zugegeben, manche Bleideckung mag inzwischen mehr imposant als dicht sein, gähnen doch manche Fensterhöhlen in den obersten Geschossen, wo einst die Domestiken wohnten, mir scheibenlos ihren Moderatem entgegen. Was mich schaudern läßt. Selbst schuld, sage ich mir. Warum auch muß ich hundert Jahre zu spät kommen?
Das Haus der Presse, ein hochaufragendes Zuckerbäckerwerk, das einen Vergleich mit der Lomonossow-Universität in Moskau herausfordert. Und das mitten in der Stadt breitgetretene königliche Schloß, das jetzt Museum ist, wollte Versailles spielen. Wahrhaftig, der Palast des Diktators Nicolae Ceausescu (Bild links) ist nicht das einzige Beispiel für den Hang der Rumänen zur Gigantomanie. Nach dem Pentagon in Washington das zweitgrößte Gebäude der Welt, das war die Ambition. Aber von dem großen Aufmarschplatz aus auf die Vorderfront gesehen, muß ich feststellen: Im drittletzten der ungezählten Obergeschosse sind etliche Fensterscheiben durch Pappe ersetzt.

Warum nur kommt mir hier in Bukarest immer wieder Bagdad in den Sinn? Weil ich wieder in so einer Beton-Bettenburg im 10. Stock wohne und auf die provisorischen Behausungen des Personals im abgetrennten Hof hinabschaue? Oder weil ich weit über die Stadt hinwegsehen kann, die jedoch hier im Nordbezirk nicht die imposanten Bauten zeigt wie im Zentrum. Dort drüben Wohnhochhäuser. Die waren in Bagdad mit besonderem Pfiff gestaltet, von international bekannten Architekten entworfen. Hier sind sie leicht farblich aufgefrischte Sozialismusscheußlichkeiten. Und andere Großbauten sind hier nicht pompöse Ministerien, sondern plattgedrückte Kommerzwarzen à la Markthalle und Auslieferungslager. Und doch alles wie in Bagdad, so weiträumig, daß man nicht einfach um den Block gehen kann. Bummel ich trotzdem mal ein wenig herum, dann sehe ich wieder überall die bewaffneten Uniformierten. In Bagdad sollten sie mit ihren Kalaschnikows vor angreifenden Amerikanern schützen. Was sie natürlich nicht konnten. Hier sollen die Männer von den Sicherheitsdiensten mit ihren schweren Revolvern, dem Tarnanzug mit keck aufgesetztem Schütze-Arsch-Schiffchen und Turnschuhen an den Füßen gegen andere Räuber schützen, gegen kleinformatigere. Was sie hoffentlich schaffen.


Casino Palace in Bukarest, ein Traum von einem Stadtpalais. Mit einem First Class Restaurant und der Spielbank. Statt der stattlichen Croupiers fast nur junge Mädchen beim American Roulette, mit uniform superkurzen Röckchen. Lange Beine als Aufforderung: Faites votre jeu! Kein elegantes Publikum, sondern knorzige junge Moneymaker, die immer neue Fächer von Hundertdollarscheinen auf den Tisch werfen, mit betont unwirscher Gebärde, und dafür Türme von Chips in ihrer Farbe zugeschoben bekommen. Sie setzen bei jedem Spiel immer nur häufchenweise und gleich acht- bis zehnfach übers Feld verteilt auf Plein und Cheval und Carré und fluchen, wenn die falsche Zahl kommt und machen eine Pause an der Bar, um sich darüber hinwegzutrösten, daß sie kein Glück haben. Dabei fehlt es ihnen nicht an Glück, sondern nur an Verstand. Wie kann man nur so blöd gegen sich selbst spielen?

Museum der Rumänischen Literatur. Meine Führerin mit dem klangvollen Namen Luminita, ein kleine Frau mit großen Augen, kann bei jeder nächsten Berühmtheit aus den frühen Jahrhunderten der Literatur des Landes wieder noch größere Augen machen. Vor lauter Bewunderung, vielleicht aber auch vor lauter Bemühung, dem Fremden, der so interessiert wie unwissend ist, den richtigen Eindruck von ihren Zelebritäten zu vermitteln. Dabei klebe ich an der lästigen Frage fest: Was bleibt von dem Leben der Leute, die vor Jahrhunderten Literatur geschaffen haben? Literatur, ja, im Antiquariat noch zu finden. Im übrigen nur ein paar Notizhefte, Briefe, Bildchen von glücklichen Stunden im Kreis von Freunden, ein paar Möbelstücke und Reisemitbringsel, mal ein Hut, mal ein Degen, mal das Schreibzeug.

Mit dem Bus durch die Schluchten der Ausfallstraßen. Das hohe Grauragende rechts und links. Verkommen, abgeblättert, mit schmalen Balkons, die meist zugeglast sind und blind auf die Straße hinabsehen, wo die hektischen Blechkistchen ihnen das bunte Leben vorspielen. Die gleichförmig schmalen Metallrahmen der Fenster lassen die Mietskasernen einheitlich vergittert erscheinen. Kaum zu glauben, daß in diesen Tristessemetastasen Menschen leben. Doch da sehe ich eine Frau am offenen Fenster, mit ihrer Zigarette und dem Fernblick des Feierabends. Und da wie dort hängt Wäsche, bemüht, schneller trocken als abgasschwarz zu werden. Da hopst im achten Obergeschoß ein kleiner Junge auf dem offenen Balkon herum und trommelt mit beiden Fäustchen auf die Steinbrüstung, als gäbe er den Takt vor für die Weiterentwicklung der Menschenablage zur Wohnung. Recht so, auf ihm ruht ja alle Hoffnung.

Eine Dreiviertelstunde braucht der Bus, um aus der Innenstadt aufs offene Land zu kommen, wo er endlich frei durchatmen kann. Oder ist das nur der höher geschaltete Gang, den ich höre. Rundum Land, das wie durch einen Zaubertrick hinter den letzten Graufassaden ausgebreitet wird. Brachland da und Sonnenblumenfeld hier. Land for Sale, sagt ein Schild zu diesem Nichts und Beinahe-Nichts. Überlandleitungen, die schneller als wir in die Weite entfliehen. Dann Maisfelder und immer mal wieder ein kleines Wäldchen. Und wieder Sonnenblumenfelder. Alles nur, um die Leere zu kaschieren, murmele ich vor mich hin. Ich bin versucht, Leere mit tausend E zu sprechen. Doch da sammelt eine junge Frau mit buntem Kopftuch ihre braunen Kühe ein. Und jetzt fährt eine Bauernfamilie auf dem Pferdefuhrwerk in den Abend, auf holprigem Feldweg, parallel zu unserer Autobahn. Tatsächlich, eine richtige Autobahn, das verehrte graue Band, das sich in der Ferne im Grau des Nachthimmels verliert.

Curtea de Arges, das Städtchen am Fuß der Karpaten, ist für mich eine Uralt-Kathedrale in einem verwunschenen Park, dessen Bäume gregorianische Choräle rauschen. Und plötzlich ein Pope vor mir,  mit einer mächtigen Stimme, als Verbindungsglied zwischen Himmel und Erde absolut überzeugend, der die Besucher moderatorenmäßig gekonnt begrüßt und bewillkommnet und dann erklärt und erklärt und erklärt. Ich starre auf die erhaben herausgemeißelten Schriften an der Kirchenfront, vor der wir stehen, und kann doch nichts entziffern. So daß ich froh bin, endlich dem Regen und der doppelten Wörterflut entfliehen zu können, mich in das geschmückte Gotteshaus hineinschleichend. Das war einmal die Hauptstadt der Walachei, habe ich noch im Ohr, da sehe ich die jungen Burschen in weißen Hemden und schwarzen Anzügen, deren Gesang durch den hohen Kuppelbau und hinaus in die Lautsprecher des Parks wabert. Wie sie den Blicken und dem Fotoklicken der Besucher standhalten, so ungeheuer ernst, so konzentriert. Und wie sie singen: seelenerschütternd. Theologiestudenten. Wie überall im Ostblock haben die Kirchenoberen den Kommunisten die Klinke zu den Seelen aus der Hand genommen, sobald die sich verabschiedeten oder verabschiedet wurden. Und alte Frauen kommen und gehen, küssen inniglich das Gnadenbild und können gar nicht mehr aufhören, sich zu bekreuzigen. Doch dann im Bus ist die Welt wieder in Ordnung. Nur noch 2 km bis zu Dr. Oetker, verkündet ein großes Schild.

Bei der Fahrt durch die Walachei, wo immer mal wieder ein Straßendorf für mich paradiert, werde ich zum staunenden Zeugen eines Zaunwettbewerbs. Die Aussage ist klar: Ein Haus ist erst ein Heim für den Walachen, wenn es von dem Rechteck eines Zauns umfriedet ist. Und an der Straßenfront muß der Zaun noch individuell gestaltet sein, in Material, Form und Farbe einer schöner als der andere. Manche Häuser jedoch machen nicht mit. Die haben sich eingekastelt in schlichte Bretterzäune, fugenlos und mannshoch. Da zeigen sich antagonistische Gefühle. Die Angst vor Räubern ist das eine, der Stolz des kleinen gerne großen Grundbesitzers ist das andere, was zum Rechteck ums Haus führt.  

Mangalia, ein Badehosenort wie Dutzende andere an den südlichen Meeresküsten. Aber so modern: Kreisverkehr nach Kreisverkehr, Hotel vor, hinter, an und neben Hotel. Und ein Laden noch improvisierter, noch saisonaler als der andere. Was die Passanten in ihrer locker-legeren bis halbwegs ledigen Aufmachung nicht stört, die was von dem plastikglänzenden, glasglitzernden und flittrigen Angebot brauchen können oder aus lauter Langeweile beäugen, begehren, betatschen und in der Landeswährung Lei mit Hunderttausenderscheinen bezahlen.

Nein, kein Vogelzwitschern im Neptun-Resort und auch kein Wellenplätschern. Nur das Haßgebell der wilden Hunde. Wo die sich balgen, hält sich kaum eine Blume, nur das Ensemble aus weggeworfenen Flaschen und leeren Kartons und allerlei anderem Unrat ziert das bißchen Grün unter den ratlos dastehenden Bäumen. Man muß besonders energisch auftreten, um sich die Kläffer vom Leib zu halten, rät man mir. Und ich kann mir nicht einmal zum Trost sagen: Nachts schlafen die Hunde doch.

Constanta, stolz auf seinen über 160jährigen Bahnhof. Da wird an unseren Zug von Süden ein Zug von Norden angekoppelt, um den Zug nach Westen lohnend zu machen. Raus aus dem Dreck, der die Bahnstrecke viel zu lange begleitet. Dann durchs Weinland den Kanal entlang, der die Donau mit dem Schwarzen Meer verbindet. Von Sträflingen gebaut, von denen viele zu Tode kamen. Das tote Ende des langen Darms, der sich quer durch Europa legt, vom hungrigen Mund Rotterdam über den Rhein, den Main, den Rhein-Main-Donau-Kanal und die Donau hierher schlingernd. Constanta, die Gleichbleibende, hat die Stadt was mit der anderen Gleichbleibenden, mit Konstanz, gemeinsam? Ja, schon möglich, daß mir hier auch Wasser vom Rhein bei Konstanz begegnet. Ein Schiff aber niemals. Habe ich doch überhaupt nur einen einzigen Kahn auf dem Donaukanal gesehen. Er trug Sand übers Wasser, Sand von da nach dort, fragt mich nur nicht nach dem Ort.

Eine Zugstunde nördlich von Bukarest endet das flache Land. Wie ein die Welt aussperrender  Riegel liegen die Karpaten vor mir. Der Intercity geht sie munter an. Und auf einmal werden die Häuser putzig. Immer mal wieder das Obergeschoß aus Holz. Der reißende Gebirgsbach neben mir dürfte ein kalter Gruß sein. Schon glaube ich, in Tirol zu sein. Da empfängt mich der Bahnhof von Sinaia mit seiner verspielt-gefälteten Architektur. Liebevolle Einstimmung der hochgeschätzten Gäste der gehobenen Klassen auf ihren Erholungsaufenthalt in der Bergwelt. Die mit einem Klettersteig gleich gegenüber vom Bahnhof beginnt und mich mit zwei Kabinenbahnen ruck-zuck auf 2100 m Höhe bringt. Welch eine Luft im Vergleich zu der in Bukarest.
Die Attraktion von Sinaia ist deutsch, ist aber nicht das Hotel Deutschland und auch nicht das Restaurant Marlene Dietrich, sondern das königliche Schloß Peles. Ein Stück süddeutscher Neoromantik im Stil der Burg Hechingen in Baden-Württemberg. Der dort aufgewachsene Prinz Karl von Hohenzollern-Sigmaringen hat es sich bauen lassen, nachdem die rumänischen Bojaren ihn im Jahr 1881 zu ihrem König Carol I. gemacht hatten. Blaublütiges deutsches Exportgut wie schon fünfzig Jahre vor ihm der Bayernprinz, der als König Otto I. von Griechenland fungierte. Ceaucescu gefiel das romantische Nest so gut, daß er es als Nobelherberge für seine Staatsgäste nutzte. Heute ist es Museum. Beim Gang durch den Park mit den vielen Skulpturen fällt mir auf, daß nicht nur der Baustil typisch deutsch ist, auch die vielen Verbotsschilder sind es. - Na, wenn hier alles deutsch ist, hätte ich auch gleich zuhause bleiben können.


Türkei - Rückkehr ins Paradies

Zugegeben, die Nationalfarben der Türkei sind nicht Blau-Braun-Grün. Aber warum sollte ich sie nicht neu festlegen. Neu wie ich hier bin, in den Hügeln hinter der Ägäischen Küste: unter dem unentwegt blauen Himmel, auf der braunverkrusteten Erde und zwischen dem ängstlich sich hinduckenden Grün. Habe ein paar Vormittagsschritte hinaus nicht unterlassen können. Jetzt habe ich alles schnell von mir geworfen: die Kappe so durchgeschwitzt wie mein Hemd. Und habe mich an den Tisch geflüchtet. Zu meinem Laptop. Die Hände müssen über der Tastatur in Schwebe bleiben. Denn wenn ich sie einen Moment auf der Tischplatte ablege, Kunststoff-Furnier, bilden sie kleine Pfützen.

Mir ist, als wären die Bewohner der verstreut in der weiten Mulde vor mir liegenden Häuser und Siedlungen sämtlich an ihrem Laptop. Die Leute von Gümüşlük, ebenso geräuschlos aus dem Leben verschwunden wie ich. Ihren Gedanken und Gefühlen hingegeben, ausgeliefert. Auf der Straße, die sich drüben quer durch meinen Blick zieht, keine Bewegung, nichts. An den halbfertigen Häusern da genau wie dort bewegt sich kein einziger Bauarbeiter. Auf den Minaretten der beiden Moscheen kein Muezzin. Die schwarze Kuh einsam im Rechteck des Mäuerchens aus aufgehäuften Feldsteinen, starr auf demselben Fleck, wie vor einer halben Stunde. Die Windmühle auf dem Bergkamm hat ihre Flügel längst abgelegt. Und die Schüsseln auf den Flachdächern, da und dort und überall, doch so schräg gekippt wie sie dastehen, können sie nur leer sein. Wahrhaftig, nicht einmal das immerwährende Wispern in der Telefonleitung, die parallel zur Straße die Masten verbindet, ist zu hören. Nur weil ich zu weit weg bin? Oder haben die Leute sich nichts mehr zu sagen an diesem heißen Oktober-Mittag?

Gerade gegenüber, vielleicht fünf Kilometer weit weg, hockt eine weiße Feriensiedlung am Hang, ein Haus wie das andere, in vier Reihen übereinander gestaffelt. Beim morgendlichen Appell und dem Kommando Augen rechts! schauen sie alle zur See hinunter und fühlen sich ferienmäßig. Rührt euch! Der Bauunternehmer hat nur wenige Büsche entfernen müssen, um dem Hang seinen weißglühenden Brandstempel aufdrücken zu können: „Glück im rechten Winkel.“ Mit offizieller behördlicher Genehmigung. Dennoch schaut der Hügel verletzt drein, und die anderen rundum würden am liebsten ihre graubraunen Häupter schütteln, können aber nur ausdruckslos vor sich hin starren: Wer weiß, was uns noch blüht.

Ja, was denn? Gelbe Blumen, dicht überm Boden, leuchten mir wie Minisonnenblumen ins Fenster hinein, Und eine Jungakazie winkt mir übermütig zu, dagegen bleiben die Krüppelkiefern und die kleinen Eichen bei einem bedächtigen Nicken als Gruß. Damit ich ihnen nicht die ersten kleinen Zapfen raube oder die Eicheln oder die prallen lila Galläpfel. Zurückhaltung ist bei Fremden immer angebracht, eine uralte Weisheit.

Eine Vision habe er gehabt, erzählt Ahmed beim roten Wein. Die Vorstellung vom wiederhergestellten Paradies. Also im absoluten Abseits ein großes Stück Land gekauft, am Nordhang, deshalb billig. Und darauf eine Siedlung gesetzt, die sich deutlich von all den Siedlungen unterscheidet, die auf die Süd- und Westhänge der Hügel ringsum gebaut wurden und immer noch weiter sich vermehren. Diese gewaltsam aufgerissenen Mäuler der Berge, mit den unheimlich vielen Zahnreihen übereinander, strahlend weiß gebleckt. Ein Zahn wie der andere und nichts dazwischen, das stören könnte. Furchteinflößend, wie die Berge die Gebisse zeigen. Dabei ist das nur gestapelte Wochenendseligkeit, aufgereihtes Urlaubsglück mit Fernsicht und Fernsehen. Für bescheidene Reiche.

Dagegen die Häuschen, die er gebaut hat, mit der Hilfe einer Bank, eines Architekten und vieler Jugendlicher, die als Freiwillige hier monatelang ihre überschüssigen Kräfte und ihre Abenteuerlust ausgelebt haben, unbescheidene Arme, diese Häuschen aus dunkel gestrichenen Holzplatten, blechgedeckt, sie stehen herum, als hätten sie sich im Gebüsch verlaufen, und sind wie gewünscht schon weitgehend zugewachsen. Weil die Vision vom Paradies grün war und bunt blühend, natürlich und alternativ und friedlich und positiv und wie all diese Begriffe sich uns aufdrängen.

Nun sitze ich da, zwischen Türken, deren Sprache ich nicht verstehe, und rund sechshundert Arten von liebevoll in den steinigen Boden gesteckten und allzeit mühsam getränkten Pflanzen sowie fünfzig verschiedenen Vogelarten, zwischen Schmetterlingen, Libellen und vielerlei Insekten, Fischen und Fröschen auch und allerlei huschenden Abkömmlingen der Urechsen en miniature. Glückliche Menschen zwischen glücklichen Tieren und glücklichen Pflanzen, weil kein Kunstdünger eingesetzt wird und kein Gift. Wie heißt es doch in der märchenhaften Schilderung vom Reich des Friedenskönigs in der Bibel: „Dann wird der Wolf beim Lamm zu Gast sein, der Panther neben dem Ziegenböckchen liegen; gemeinsam wachsen Kalb und Löwenjunges auf, ein kleiner Junge kann sie hüten.“

Zwar habe ich den Frühgesang der Vögel noch nicht ein einziges Mal gehört. Dafür bin ich am Abend zwischen acht und elf, wenn die Leute im Dorf drüben vor dem Fernseher sitzen, Ohrenzeuge der intensiven Unterhaltung ihrer Hunde. Von der ich ebenfalls nichts verstehe, dabei muß es um Wichtiges gehen, so lautstark und heftig Rede auf Widerrede folgt. Ein paar Insekten haben mir schon ihr Markenzeichen aufgedrückt. Das müssen freche Eindringlinge von außerhalb des Paradieses gewesen sein. Dort unten auf der von rabiat wehrhaften Kakteen und Agaven umfriedeten graudürren Weide stehen ein paar braungescheckte Kühe, die zwischen der Unmenge ihrer Kothaufen nach einzelnen Grashalmen suchen. Nur selten reicht die Energiezufuhr zu einem mürrischen Muh. Doch ein Esel schreit seinen Protest gegen die Fußfessel wortstark wehmütig zu mir hinauf.

Oder auch nicht zu mir. Weil ich hier im Garten Eden ein Fremdkörper bin, um es einmal modern auszudrücken. Die Tiere und Pflanzen rundum, sie haben ja nur das Überleben und Sichvermehren im Sinn, wie paradiesisch, während ich herumlaufe oder dasitze oder auf meinem Bett liege und das Ratata-Ratata in meinem Kopf niemals stoppen kann. Das unterscheidet mich von all den glücklichen Pflanzen und Tieren rundum. Denken, denken, denken. Ob das die Sünde war, die uns Menschen aus dem Paradies vertrieben hat? - Dann will ich nie mehr dorthin zurück. 



Kein Irisches Tagebuch
 

Dasselbe Gefühl wie auf Rhodos und Gotland: Diese Insel hat eine Größe, die einem das Insulare zur immer wieder neu bemühten Meerumschlungen-Eigenart werden läßt. Äußerst mühsam, weil beim stundenlangen Herumlaufen und tagelangen Herumfahren völlig unglaubhaft. Auch bewegen sich die Leute hier nicht anders als Festlandmenschen. Nur daß sie anders sprechen. Und daß sie besonders gern schreiben, worauf sie nicht wenig stolz sind. Wie auf ihre Geschichte. Dabei war doch nur immer das Erleiden von Eroberung und Unterdrückung zu beschreiben. Erst kamen die Wikinger, dann die Normannen und schließlich die Engländer. Aber das ist bei anderen Inselbewohnern nicht anders. Die können auf noch viel phantastischere Blutsmischungen verweisen. Wenn ich nur an Malta denke oder an Sizilien.
Landschaft ist hier die Generation für Generation mit schmutzigen Händen vollzogene Trennung von Fels und Erde. Die Steine aus den Feldern aufgelesen und zu ihrer Umrandung aufgehäuft oder auch voller Hoffnung zu Katen und Kirchen aufgeschichtet und fronend zu Trutzburgen hochgetürmt. Und daneben Kriegsdienst geleistet und gleichzeitig die Felder bestellt und abgehungert, immer wieder neue Kreuze aufgestellt.

Alles Einstellungssache. Gras, wenn es hingemäht daliegt, entfaltet einen Duft, für den wir uns begeistern können. Menschen, hier in früheren Jahrhunderten genauso großzügig hingemäht, und welche Landschaft hätte nicht ihr berühmtes Schlachtfeld, haben einen Duft entfaltet, für den sich außer den Siegern niemand begeistern konnte.

Anders als Mallorca, das sich mit dem zu Dumpingpreisen angelockten Badepöbel Verstopfung und zig andere Leiden eingehandelt hat, kann Irland auf ein ausgesucht gutes Besuchervolk verweisen. Literatur- und Musik-Enthusiasten, daneben Aktiv-Urlauber wie Golfer, Reiter, Angler, Radfahrer, Wanderer und Hobbykapitäne. Denen kann man die durchweg überzogenen Preise zumuten.

Bewunderswert, wie geschickt die Iren ihre vormalige Armut vermarkten. Die Literatur trieft von Armeleuteschweiß und Tränen der Verzweiflung. Was es dem Besucher leichter macht, sein Geld auszugeben. Forciert doch stets der Kontrast erst den rechten Feriengenuß. Insofern ist Irland für uns Mitteleuropäer das allernächste der beliebten Entwicklungsländer, bei denen wir uns auf der Armutsfolie besonders prächtig abheben.

In Irland liebt man es, alles mit Häuschen vollzustellen, die reihenweise gleich aussehen. Putzigkeit von der Stange, an frischgeteerten Nebenstraßen aufgereiht. Sich als Bewohner die eigene Hausnummer einprägen zu müssen, um nachhause zu finden, wird als eine gute Gedächtnisübung geschätzt. Doch die Vielfalt des Lebens, daran fehlt es nicht, sie wird aus der Schüssel auf dem Dach ins Einheitsnest geschüttet. Sogar außerhalb der Ortschaften, auf der grünen Wiese stehen Häuser aus dem Katalog wie in Amerika, eins so neu und perfekt wie das andere. Da freut man sich über jedes altirische Bauernhaus, langgezogen und mit überkragendem Dach vorn wie hinten und mit den schmalhohen Giebelwänden an den Seiten, kamingekrönt. Alles aus grauem Felsstein, wie aus dem Boden herausgewachsen.

Alles ist konsequent zweisprachig ausgeschildert. Mit der Erhaltung der gälischen Sprache machen sie ernst, so scheint es. Weil die Regierung weiß: Sprache ist Kultur. Ein Volk, das seine Sprache aufgibt, gibt seine Kultur und damit sich selbst auf. Natürlich ist dieses Bemühen um die eigene Sprache in erster Linie gegen den Besatzerstaat England gerichtet. Doch führt es immerhin dazu, daß man überrascht ist, wenn man einen Ort findet, der nicht zweisprachig benannt ist, sondern nur gälisch: Dun Laoghaire. Und was lieben wir mehr als Überraschungen, wir Touristen?

Ein 700 Jahre lang unterjochtes Volk, das seinen Stolz nicht verloren hat, wohl aber seine Sprache. Und das heißt: fast alles. Machen wir uns doch nichts vor: Die doppelten Bezeichnungen auf den Verkehrsschildern sind nicht mehr als Feigenblätter. Und daß die Iren sich dabei noch sagen lassen müssen, sie hätten dafür eine Weltsprache bekommen, also ein großartiges Tauschgeschäft gemacht, das ist typisch irisches Mißgeschick..

Über die Insel fahren mit vier verschiedenen Straßenkarten auf dem Schoß. Denn die Landschaft ist so leer, daß den über die Weiden stiefelnden Kartographen manche Siedlungen gar nicht aufgefallen sind. In jeder Karte stehen und fehlen andere Ortsnamen an unserer Straße.  Je nachdem,  wie schnell die Blätter auf dem Schoß gemischt werden, ein Spiel mit verdeckten Karten. Dabei dreist Gas geben und die Kunst genießen, gleichzeitig da und dort und nirgends zu sein.

Überall im Land frisch geteerte schmale Straßen, obwohl so breit wie nur eben möglich, den buschigen Hecken noch auf die Füße geteert, damit zwei Lastwagen sich aneinander vorbeischieben können. Aber was heißt hier Hecken? Das sind gewaltig hohe grüne Mauern, von speziellen Mähmaschinen glatt rasiert und leicht ausgekehlt wie die Mauern einer Bobbahn. Und wo die Bäume, die in den grünen Mauern stecken, über uns die Hände zusammenschlagen vor lauter Freude über das viele Grün, fahren wir durch vegetabile Tunnels ohne Notbeleuchtung und Entlüftungsschächte. Immer brav links bleiben und auf den Gegenverkehr achten, der zischend an uns vorbeifährt, während wir die Fenster hochgehen lassen, damit die Hecke uns nicht um die Ohren schlägt.

Ja, Irland ist das Land der Mauern. Zwischen den Überallweiden und gelegentlichen Feldern die grauen Mauern aus aufgelesenen Felssteinen, als enges Korsett der Straßen die grünen Mauern aus dichtverheddertem Buschwerk und ums Haus herum die weißen oder bunten Mauern, die das Home zum heimeligen Castle machen sollen.

Die vielen kleinen Hinweisschilder an einem einzigen Pfahl an der Straßenkreuzung  erzwingen ein anderes Verkehrsverhalten. Zumal wenn die Hinweise hinter der Kreuzung stehen statt vor ihr. Man fährt in die Kreuzung hinein und hält an und studiert die Beschilderung und entdeckt endlich, daß das gesuchte Schild durch ein anderes verdeckt wurde, und kann endlich den Blinker betätigen und den Weg freimachen für die anderen, die geduldig gewartet haben.

Immer wieder wundere ich mich, daß die Wasserhähne vertauscht montiert wurden, das kalte Wasser links und das heiße rechts. Was nicht so unangenehm ist, wie wenn viel zu heißes Wasser aus dem Hahn mit dem blauen Ring kommt. Mit solchen Überraschungen soll einem wohl bewußt gemacht werden, wie schön es zuhause ist, wo man alles kennt. Ein typisches Auswandererland hat seine eigene Art der Heimeligkeit-Verherrlichung.

In Griechenland und in Spanien wollen sie einem im Restaurant gleich nach dem letzten Bissen einen Kaffee verkaufen. Kein Gedanke daran, daß man dem Magen ein wenig Zeit lassen sollte zum Verdauen, ehe man das Blut aufpeitscht, damit es das müde Gehirn wachrüttelt. Die Iren treten noch kürzer. Sie wollen einem schon zum Essen den Kaffee servieren.

Die Gedanken sind frei, sage ich mir. Und denke dreist an die Korrelation zwischen Armut und Kinderreichtum, die hier eine weitere Korrelation zum Katholizismus aufweist, was auf das Thema Bildung verweist und auf die Ungerechtigkeit, mit der die Natur die Menschen mit Intelligenz ausstattet. Und ich lenke mich ab, indem ich mir klarmache, daß Korrelation noch lange nicht Kausalität bedeutet.
Sonnenuntergang in Dingle. Die Elemente sind im Clinch, als wären Thor und Freya sich nicht einig. Wolken wehen den Kampf kaschierend um die Bergkuppen, und die Sonne rollt wehmütig den Kamm entlang, lugt da und dort durch den weißen Vorhang. Ein rotmüdes Abendgesicht, wie sie hinterm Gehügel ins Bett geht, wie hinter einem Paravent. Und ich stehe da, wechsel die Farbe und bleibe ganz ohne zurück, muß mich mit der Nacht zufrieden geben.

Aus Spanien kommend, wo sogar Kühe in der Stierkampfarena gegen Jungtoreros losgehen mußten, um als potentielle Stiermütter auf die nötige Aggresivität getestet zu werden, wandere ich in Irland über die Weiden, zwischen den Ochsen hindurch, denen nicht nur alle Aggressivität genommen wurde, denen man sogar die Hörner weggesägt hat. Was sollen sie auch damit? Wo das Gras so üppig steht, brauchen sie nur ihre lange Zunge, zum Rupfen, Rupfen, Rupfen. Und hinten lassen sie es gleichzeitig – in Farbe und Konsistenz verändert – rausfallen. So unbeteiligt tuend wie Hundebesitzer, die wegschauen, wenn ihr Liebling auf den Bürgersteig macht. Als wäre es verboten, die Weide zu düngen. Wie erbärmlich der Anblick des schwarzen Ochsen auf dem Hügel, wie er in strammer Osborne-Haltung vor dem Abendhimmel steht. Und keinen Blick hat für die Kühe, die mit ihm die Weide teilen. Weil man die Eier aus dem Nest geraubt hat. Flach wie eine leere Wärmflasche hängt der Beutel da, und aus dem Quast unterm Bauch schaut nie ein spitzer Glutblick hervor. Da kann ihm die schwarzweiß gescheckte Kuh noch so herausfordernd das Hinterteil zuwenden.
 
Dingle hat was Besonderes zu bieten. Seit Taucher im Jahre 1984 in der Bucht vor dem Städtchen einem Delphin begegnet sind, hat der Ort eine Attraktivität, die in allen Reiseführern erwähnt wird, den Delphin Fungie. Und täglich fahren die Touristen, die längst nach Zigtausenden zählen, mit kleinen offenen Motorschiffen in die Bucht hinaus. Für 17,50 DM auf Delphinjagd gehen, eine Stunde Jagdfieber erleben. Das Tier kommt zuverlässig, sobald es die Motorgeräusche hört, und zeigt sich gern dem Publikum, wird versprochen. Und wenn es mal nicht kommen sollte, ist die Fahrt kostenlos. Der Gehilfe des Bootsführers schaut mit Scheinwerferaugen übers Wasser und deutet mit der Hand mal nach rechts, mal nach links, wo sich aus der Welle ein Sprungkörper löst. Und alles drängt sich mit Ah und Oh an Backbord zusammen, gleich danach an Steuerbord, die Kamera gezückt. Das sind fast immer kleine Pocket-Kameras. Die Zeit der professionell geschulterten Videokameras auf starken Männerschultern ist also schon vorbei. Und selbst die Leute mit den einäugigen Spiegelreflexboliden haben nicht mehr die langen Telerohre drauf, dem Mann als schwarzer Lustschlauch vor dem Bauch wippend, daß er aussieht, wie ein vor Erregung auf die Hinterhand gestiegener Zentaur. Das Boot kreuzt hin und her, immer wieder von Luftsprüngen des Delphins begleitet. Ein zweites und drittes Boot, dann sogar ein viertes und fünftes. Das Objekt der Begierde wird eingekreist, von allen Seiten schußbereit anvisiert. Doch es führt die Überlegenheit des Tauchers vor, ist immer wieder woanders, immer wieder zu überraschend, um einen guten Schnappschuß abzugeben. Trotzdem, das Knipskistchen wegstecken kann man erst, wenn man sich klargemacht hat, daß das glatte schwarz-graue Wesen aus Kunststoff ist, von einem der Bootsführer heimlich funkgesteuert und natürlich gesponsert von der Firma Fuji.

An der Schnellstraße von Castleisland nach Limerick gesehen: Die Café-Bar, die sich mit etlichen Flaggen schmückte. Natürlich die irische Flagge und natürlich keine britische Flagge, aber die schweizer Flagge – und die deutsche Flagge in der schon etwas überlagerten Fassung mit dem DDR-Symbol drauf. So schnelles Changieren der Geschichte kennt der Ire halt nicht.

Das ist Irland. Wenn der Genießer beim heftigen Hantieren mit Messer und Gabel an dem Haufen Fish and Chips auf seinem Teller zu seiner Tischnachbarin sagt – natürlich mit vollem Mund und nach etlichen Whiskeys: „Jetzt fühle ich mich als ein besonders glückliches Zwischenglied der unendlichen Nahrungskette."

Wer will es den Iren verdenken, daß sie so unmäßig saufen. Sind sie doch jahrhundertelang mit den Kochkünsten ihrer britischen Herren malträtiert worden. Da kann man nur darauf ausweichen, sich flüssig zu ernähren.

Junge Frauen mit nackten Armen überraschen durch die beiden Impfmale, die sie auf dem Oberarm tragen. Ja, richtig, diese Pieksereien gab es bei uns auch einmal. Gegen diese und jene Krankheit. Vor langer, langer Zeit. Hier sind offenbar bis vor wenigen Jahren noch solche Impfungen vorgeschrieben gewesen, vermutlich die eine gegen die Gefahren des Protestantismus und die andere gegen die drohende allgemeine Verweltlichung.

Die jungen Mädchen rundum. Längst sind sie nicht mehr alle rothaarig und sommersprossig. Dafür sorgt die Kosmetikindustrie. Sobald die Sonne scheint, sehen sie in Irland nicht anders aus als an südlichen Küsten. Und gehen genauso unter Palmen daher. Ihre Brüste präsentieren sie, als wären sie Fangeisen, bei jedem Schritt wie zuschnappend. Dafür werden die nackten Arme nur sparsam bewegt, die babyglatten Achseln kaum mal gezeigt, es sei denn ein Gegenüber, das sich schon ums Kinn herum rasiert, sei zu beeindrucken. Und die Füße schieben sich scheinbar ziellos dahin, wie es im weltweiten Fernsehdorf gerade en vogue ist.

Kinder, Kinder, wo man hinschaut. Ich muß die Füße so vorsichtig setzen, um nicht draufzutreten, wie bei uns daheim wegen der Hundescheiße. Doch während an vielen Gebäuden und Straßen die großen Schilder stehen mit den 12 goldenen Sternen auf blauem Grund, die verraten, wer das alles finanziert, sucht man solche Hinweise bei den Kindern vergebens. Und fragt sich: Sind das die Arbeitslosen von morgen, wenn der üppige Geldsegen der Europäischen Union Vergangenheit ist, weil das Füllhorn über den neuen Ländern im Osten ausgeschüttet wird?

Die Begonien, die mich tiefer durchatmen lassen, weil ich ihren Anblick aus meiner Kindheit kenne, als sie in Bayern die Balkons schmückten, sie sind für mich dieselben Blumen, obwohl sie so niewiederholbar sind wie das Wasser des Liffey, das ich gestern gesehen habe. Weshalb ich den heutigen Fluß zu kennen glaube.

Die größten Gebäude sind immer noch die Kirchen, doch die schönsten Häuser sind traditionell die Kneipen. So einladend bemalt und mit Blumen geschmückt. Und daß das Buffet hinterm Tresen mit dem Mann in Hemdsärmeln aussieht wie ein Altar-Retabel, ist sicher kein Zufall. Der hier die Guinness-Messe liest, der Wirt, ist der Seelsorger der feuchten Seite des Ortes.
 
An guten Abenden in der Woche ist der typische Dubliner Pub ein wohlgefüllter Raum für die Erprobung der Stimmstärke. So friedlich und geduldig sie im Straßenverkehr sind, hier brüllt jeder Ire  jeden Iren an, so laut er kann. Und die Irinnen schrillen aus voller Brust dazwischen, daß es eine Lust ist. Zum Glück versteht man nicht, was sie sich gegenseitig an den Kopf werfen. Der Wirt verriet mir hinterher, man habe darüber gesprochen, wie schön der Abend sei. Und ich verstand: Ein allzulange unterdrücktes Volk berauscht sich an der eigenen Lautstärke.

So intensiv-katholisch wie man hier ist, die Sonn- und Feiertage werden nicht mit dem Puri-Fanatismus arbeitsfrei gehalten, wie bei uns daheim. Hier öffnen viele Läden, wenn man es als Deutscher nicht erwartet. Und das Tourismus-Center Dublins ist in einer wunderschönen Kirche untergebracht. Immer Mensch bleiben!

Burlington-Hotel, Dublin. Der Speisesaal wie die Bar, beide in wagnerianisch bombastischer Üppigkeit gestaltet, nur wie zu zwei verschiedenen Akten derselben Oper. Und die Musik ist britisch kongenial. Zum Davonlaufen. Doch die Amerikaner, die dieses Hotel vor allem füllen, können nicht davonlaufen. Dafür sind sie viel zu alt, gehbehindert und massig. Sie sind in Irland auf der Suche nach ihren Roots, wie sie voller Stolz sagen. Müssen verdammt dicke Wurzeln sein, denn die Kolosse von Arkansas genau wie die Venusse von Villendorf, die Vertreterinnen des aktuellen amerikanischen Schönheitsideals, stehen einem auf Schritt und Tritt im Weg. Sind sie vielleicht nur hier, um die Iren davon abzuhalten, ebenfalls auszuwandern?

Die Musik in Irland ist ein Kapitel für sich. Wenn auch für manch einen wegen ihrer hektischen Eintönigkeit kaum auszuhalten. Trotz oder wegen ihrer Verwandtschaft mit bayerischer Schrammelmusik. Dabei hätte man allen Anlaß, über die Beständigkeit des keltischen Erbes zu staunen. Aber wenn sie dann noch von britischer Feiermusik abgelöst wird, von diesem kakophon aufgehäuften Bombast aus Pompösität und all den versammelten Instrumenten, die auch mal drankommen wollen, kann ich nur fliehen. – Doch ich werde wiederkommen. Versprochen.


Der London-Test
 

Elf Tage in London, und du kannst deine Ohren wegschmeißen. Für Umweltschutz hatten die Engländer ja noch nie viel übrig, aber beim Umweltschaden Nr. 1, dem Lärm, sind sie Spitze. Und das nicht nur, in der Aufführung von „Phantom der Oper". Viel Lärm um nichts, um gar nichts. Und weil dem überforderten Mister Webber keine einzige einprägsame Melodie mehr eingefallen ist, nicht einmal das Summ-Vergnügen auf dem Heimweg, wie bei „Hair" oder „Westside Story" oder „My Fair Lady"....

Fast möchte ich sagen: London ist die europäische Hauptstadt der Kids. Deshalb natürlich auch die Kapitale des Lärms und des Drecks. Trotzdem eine Stadt, die man erlebt haben muß. Nicht auf allen Straßen und Parkflächen Kot und Köter, wie bei uns. Nur Plastik und Pappe und Papier. Das läßt immerhin die Schuhe sauber bleiben. So konnte ich leider nicht die Dienste eines Schuhputzers in Anspruch nehmen. Ja, sogar so was Exotisches gibt es hier.

Klar, Thema 1 bei einem Englandbesuch ist immer das Essen. Ich will mich nicht beklagen, wußte ich doch Bescheid. Zum genußreichen Essen hat London seine China Town. In den  englischen Restaurants dagegen findet man kaum was Ordentliches, dafür aber Toiletten von geradezu mediterraner Natürlichkeit. Londoner Lokale werben mit einem neuen Sonderservice: Changing babies. Wunderbar, wo sonst hat man die Gelegenheit, seinen Schreihals loszuwerden und ihn gegen ein ruhigeres Kind einzutauschen. Im Ernst, diese typisch britischen Etablissements sind ein Thema für sich. Ein Pub fällt in der grauen Häuserreihe auf, wie das Tor zum Paradies einem auffallen muß. Holzverkleidet die Wand, braun oder schwedischrot, große Fenster mit alter Verglasung und alles überwuchert von bunten Balkonblumenwülsten und schwerhängenden Blumenkübeln. Aber kaum drin im Paradies, findet man alles etwas zu schmuddelig und viel zu laut. Dabei ist es oft gar nicht einfach hineinzukommen. Im Eingang stehen imposante schwarze Kerle, in schwarz gekleidet, gefährlich aussehend wie Gorillas, die jeden einzelnen abschätzig betrachten und entscheiden, ob sie ihn reinlassen oder heimschicken. Vor der Disco machen sie auch – bitte Arme hochnehmen! - peinlich genaue Leibesvisitationen und durchwühlen jedes Handtäschchen.

Die Söhne Afrikas sind heute in der britischen Hauptstadt die Herren über das Freizeitvergnügen. Dafür kutschiert der korrekt gekleidete Engländer mit der Dienstmütze auf dem Kopf die asiatische Familie im Rolls Royce durch die Stadt. Britannia rules the waves? Wie sich die Zeiten ändern. Auch das vielgerühmte Völkergemisch Englands. Die Kolonialgeschichte hat wie alles Avers und Revers. Übrigens hatte ich sehr schnell heraus: In England erkennt man die deutschen Touristen daran, daß sie Brille tragen. Damit haben sie den Briten einiges voraus, denn deren staatliche Gesundheitsbehörde ist knapp bei Kasse und denkt gar nicht daran, jedem ein, zwei, drei Brillen aufzudrängen.

Beim Blick aus dem Fenster im 7. Stock des Hotels am Piccadilly Circus die bange Frage auf den Lippen: Geht es nicht weiter aufwärts mit Great Britain? Zwar imponierend im Morgenlicht Lord Nelson, der Säulenheilige des Landes, wie er erstaunt das Riesenrad auf dem jenseitigen Ufer der Themse anstarrt. Und auch die ausgefransten Türme des Parlamentsgebäudes machen Eindruck, wie sie mit etlichen Kuppeln und einer Handvoll halbhoher Hochhäuser wetteifern. Aber auf die pleiteplatte Zeltkonstruktion des Dome schaut Nelson vermutlich nur mit dem kaputten Auge. Da bin ich ganz anders.  Soweit ich auch den Blick schweifen lasse, ich sehe nur sechs Baukräne. Da hatte ich ja in Heidelberg beim Blick vom Schloßberg über die Altstadt mehr gezählt.

Doch die Touristen bringen gutes Geld in die Stadt. Viel zuviel. Zum Ausgleich dafür, daß aus dem Wasserhahn überm winzigen Waschbecken des Vier-Sterne-Hotels, Zimmerpreis 360,- DM die Nacht, kaum Wasser kommt, erfrischt man sich mit einigen kräftigen Bürstenstrichen über die Kopfhaut. Froh, daß die Nacht geschafft ist. Für viel zuviel Geld bei dem recht mäßigen Standard der besseren Hotels in der City liegt man hinter einem Lärmvorhang wie in einem Himmelbett. Und etliche Male in der Nacht hebt hinter dem Vorhang ein helles Klingen an, als öffnete sich der Siebente Himmel. Dabei stört bloß, daß ein dämlicher Autofahrer schon wieder den  permanenten Verkehrsstrom unterbricht und mit wildem Hupen von Dutzenden anderer Autos zur Ordnung gerufen wird. Zwischen Piccadilly Circus, Leicester und Trafalgar Square wohnt offenbar kein Mensch mehr. Anders wäre es nicht möglich, daß Nacht für Nacht minutenlange Hupkonzerte um die Häuserblocks wehen, vor Mitternacht und nach Mitternacht, um eins und um zwei und um drei und um vier. Schon wieder geht's los, diesmal mehr im Stakkato als im Dauerton.

Der Verkehr ist  wie nicht anders zu erwarten megastadtmäßig megaunmäßig. Dabei hat die Londoner Polizei offenbar kein Interesse daran, ihn flüssig zu halten. Läßt sie doch Falschparker nicht gleich abschleppen, um das Hindernis schnellstmöglich zu beseitigen, sondern verpaßt dem Wagen eine schwere gelbe Eisenkralle an einem der Hinterräder und pappt einen Zettel auf die Windschutzscheibe mit einer Warnung vor dem Versuch abzufahren. So ist sichergestellt, daß das Hindernis bleibt, in jedem Fall länger da stehen bleibt als der Fahrer vorhatte, der nun erst einmal die Polizei anrufen und ihr Erscheinen abwarten muß. Das sind so Beobachtungen an der Ampel. Ich mußte ja erst lernen: Kein Fußgänger wartet hier, bis die Ampel grün zeigt. Das ginge überhaupt nicht, weil dabei ein Menschenauflauf entstehen würde, der nicht mehr auf den Bürgersteig paßt.

Für den Fremden sehr angenehm: Die Beschilderung der Straßen ist vorbildlich. Da kommt man mit dem kleinen Reiseführer in der Hand und den gutgemachten Prospekten der Stadtinformation bestens zurecht. Allerdings ist mal die underground angezeigt, mal die tube, und ein anderes Mal die subway. Kein Problem, denkt man. Doch das Schild mit dem Hinweis Hyde Park Corner Subway führte mich nicht wie gewünscht zur U-Bahn, sondern in eine Unterführung. Hier, verstand ich, ist der Subway gemeint und nicht die Subway. Der verfluchte Nachteil, daß das Englische keine unterschiedlichen Artikel kennt. Und dieses sprachliche Krüppelholz soll uns als internationale Wissenschaftssprache dienen.

Man kann natürlich auch bloß zum Einkaufen nach London fliegen. Doch stellt man dann schnell fest: Das Londoner Großkaufhaus Harrods ist ein Gruselkabinett, eine Kreuzung aus Grab des Tut Ench Amun und Taufkapelle im Jugendstil. In das zweite Großkaufhaus der Stadt, das Liberty, braucht man überhaupt nicht reinzugehen, es ist von außen am schönsten. Und das dritte im Bunde, Selfridges, übertrifft sie beide damit, daß es überhaupt nichts bietet, was ablenkt. Wovon? Na, von der innigen Befriedigung, die man empfindet, wenn man soviel sieht, was man nicht brauchen kann. Und was kann man noch brauchen bei dem extrem ungünstigen Wechselkurs? Für uns alles viel zu teuer, weil die Engländer so gescheit waren, sich nicht den Euro-Bären aufbinden zu lassen.

Überall in der stolzen City of London stehen Statuen von Feldmarschällen herum. Die in Stein gemeißelten Lebensdaten der erstaunlich alt gewordenen Herren verraten peinlicherweise, daß sie schon immer in größter Ruhe am Rande des Geschehens gestanden haben, auch damals, als sie ihre Soldaten in den frühen Tod geschickt haben. Horatio Nelson, der Säulenheilige vom Trafalgar Square, hat sein Leben wenigstens in der Schlacht ausgehaucht. Etwas abseits ein Denkmal, das an die Gefallenen des Krieges 1914-19 erinnern soll. Komisch, uns reicht 14/18. Aber das ist wohl typisch britisch: Mehr Krieg fürs Geld.

Selbstverständlich bin ich auch ins Charles-Dickens-Museum gepilgert. Der Vorführdichter Londons, bekanntlich in widerlicher Armut aufgewachsen, dann aber durch seine realistischen Schilderungen dieser Not schnell berühmt und vermögend geworden, er fiel schließlich doch dem Geld zum Opfer. Schon mit 58 Jahren hat ihn der Schlag dahingerafft, weil er immer weiter wie ein Wahnsinniger geschrieben und öffentliche Auftritte absolviert und haufenweise Geld gescheffelt hat, auch als er das längst nicht mehr nötig hatte. Armut prägt halt, sie verfolgt einen durchs ganze Leben und erwischt einen so oder so. Aber immer noch besser, mein lieber Charly, so als so, isn't it.

Immer lohnend ist ein Besuch im Finanzdistrikt. Da sieht man die korrekt gestylten jungen Herren und Damen, wie sie vor einem miesen Lokal Schlange stehen oder aus der Klappschachtel ihren Fast-Food-Fraß äsen. Im Moment sind hellblaue statt der weißen Oberhemden Gesetz. Die Karrierefrauen tragen dunkle Hosenanzüge oder Jackenkleider. Wichtig ist nur, daß es dem Material nichts ausmacht, wenn man auf dem Rand des Denkmals oder auf dem Treppenabsatz sitzt und schon mal ein Pommes-Frites-Schnitzelchen fallen läßt. Der vielgerühmte Neubau von Lloyd's zwischen den Traditionskästen ist ein modernistisch gestaltetes Monstrum aus Weißblechdose und Betonsäulen und so vielen Röhren, als sollten die Geldflüsse visualisiert werden. Nun ja, da heute Fabriken im Grünen den Landschaften schonend angepaßt werden, kann man in der Stadt Bürohochhäuser schonungslos fabrikscheußlich drapieren.

Ein Erlebnis für sich ist das Eintauchen in das alte London, im Tower und im London-Museum. Da kann man schon nachdenklich werden. Denn was den Israeliten die Bundeslade war, das ist den Engländern The Domesday Chest, die Kiste, in der das Buch aufbewahrt wurde, das William der Eroberer hatte niederschreiben lassen. Bezeichnenderweise eine Art Grundbuch, in dem für alle Zeiten festgehalten sein sollte, welche Ländereien wem gehörten. Und dann die überraschende Erkenntnis, daß es auch im römischen Londinium einen Mithrastempel gegeben hat. Und dort ist er so gut nur noch Vergangenheit wie in Ladenburg oder sonstwo. Ist es das, was mich so für den Mithras-Kult einnimmt? Daß er out of works ist? Wahrhaftig ein tröstlicher Gedanke angesichts des erstaunlichen Alters mancher Religion, daß auch solche wahnwitzigen Vorstellungen letztlich nur temporär sind.

Im Britischen Museum die Begegnung mit so sonderbaren Wesen wie Sphinx und Satyr und Centaur. Als ob die Alten schon gewußt hätten, was uns heute immer neu entsetzt, nämlich daß der Übergang zwischen Mensch und Tier ein fließender ist. In diesem Supermuseum passen eine Menge Wächter auf, daß niemand was klaut. Denn damit kennt man sich aus. An vielen Ausstellungsstücken aus dem alten Ägypten oder Griechenland oder Kleinasien stehen sogar die Namen der Leute, die sie dort geklaut haben. Die rührenden Versuche, die Parthenon-Figuren erkennbar und verstehbar zu machen, ohne dabei Lord Elgin ausdrücklich als den Räuber zu deklarieren, der er war, sind ja schön und gut. Aber warum ist es im Zeitalter der Computersimulation noch immer nicht möglich, die diversen Stücke aus London, Paris, Athen, Kopenhagen und sogar Würzburg zu einer Gesamtschau des ursprünglichen Zustands zusammenzuführen? Es muß doch auch so was wie Ganovenehrgeiz geben, wenn es Ganovenehre gibt.

Bei der Fahrt zurück zum Flughafen in der U-Bahn der distinguierte Herr in Dunkelblau, der seine Armbanduhr aufzieht. Fast möchte man ihn samt seiner Uhr mitnehmen, als Souvenir. Halt dich zurück! Statt dessen schnell eine minimalistische Literatur-Erhebung angestellt, in der Piccadilly-Linie der Londoner U-Bahn: An einem Samstag-Mittag im September des Jahres 2000, in einem der mittleren Wagen, in dem 30 der vorhandenen 38 Sitzplätze besetzt sind, haben fünf Reisende ein aufgeschlagenes Buch in der Hand, nur einer eine Zeitung. Wenn das nicht Grund genug ist, demnächst nach England auszuwandern?
 
 

Neun Portionen Portugiesisches

Sintra, nahe der äußersten Westspitze unseres Kontinents, hat für jeden etwas Besonderes zu bieten. Für den Kitschfreund den Penapalast, eine Art Neuschwanstein, nur zu ertragen, weil er den weitesten Ausblick über Land und Meer bietet. Für den historisch Interessierten die Königliche Sommerresidenz mit ihrer imponierenden Küche, und in diesem Stadtpalast für das Auge des Kunstfreundes eine Ansammlung der schönsten Azulejos, die auf der Iberischen Halbinsel zu sehen sind. Für den Naturfreak den Monserratepark, ein ehemaliger Garten Eden, mit seinen leeren Moderbauwerken, in einem Dschungel von wildwuchernden Gewächsen untergetaucht, die ebenso längst vermoderte Gartenfreunde von allen Erdteilen herangeschafft hatten. Und für den, der gesunde Beine und genug Phantasie hat, die Maurenburg im Felsenmeer überm Atlantik. Zwischen den abgeschliffenen Felsklötzen mit ihrer moosigen Tarnung, im tropfnassen Wald wenig mehr als nichts. Dabei war das einer der letzten Stützpunkte der Mauren, als die Ritter der Reconquista dem Islam auf der Iberischen Halbinsel den Garaus machten. Längst verhallt der vielstimmige Hilferuf, der zu dem einen und zu dem anderen Gott aufstieg, längst vergessen das Blut der einen, das sich mit dem Blut der anderen vermischte, wie es hektoliterweise im Gestein versickerte, um vielfach ausgefiltert als Quellwasser im Meer seine Ruhe zu finden.

Porto – reinfahren und verrückt werden. Auto an Auto neben Auto vor und hinter Auto. Bis du nicht mehr weißt, ob du den Vorwärts- oder den Rückwärtsgang reinhauen sollst. Oder einfach aussteigen. Was aber nicht möglich ist, weil kein Platz ist, die Autotür zu öffnen. Und wenn du es doch irgendwann geschafft hast, zu deinem Hotel zu finden, wenn du das Zimmer zu deinem Zimmer machst, mit Jackeabwerfen und Fensteraufreißen, um einen ersten Blick über die Altstadt zu  schicken, dann verstehst du plötzlich: Es  ist ein unschätzbarer Vorteil, wenn Städte mindestens einmal in jedem Jahrhundert durch einen Krieg zerstört werden. Oder durch ein Erdbeben, einen Großbrand. Dann kann mit mehr Verstand neu gebaut werden. Ja, ganze Partien Portos gehören abgerissen, wenn schon keine britischen Bombergeschwader kommen, die Erde stillhält und die feuerpolizeilichen Maßnahmen so effektiv sind. Doch stehst du am Abend auf dem Hauptplatz der Stadt, der Praca da Liberdade, und schaust zu dem stolz illuminierten Rathaus hinauf, dann siehst du rechts und links die flankierenden Patrizierhäuser, so prächtig, so altehrwürdig, daß du nur noch stöhnen kannst: Zum Glück nicht zerstört.

Am Nebentisch im Café Majestic. Das Mädchen von Porto. Mit dem sonderbar ausdrucksstark geschwungenen Mund, so fremd, daß jeder Satz, den sie spricht, ein erregendes Schauspiel wird. Besonders schön beim leichten Lächeln einer Gioconda. Wenn ich nicht wüßte, Mädchen von Porto, daß Dir dieselben Ausdrucksmittel auch zum Schmollen, Schmähen und Mißachten dienen, ich könnte mich in Dich verlieben. In diese kleine Nase, die mich lebhaft annüstert, hat sie doch längst mein Interesse gewittert. In die beiden schwerschwarzen Brauenbögen. Und in die dunklen Augenstrudel darunter, so neugierig wie guterzogen. Ein ständiges Hin und Her zwischen Sehenwollen und Wegsehenmüssen. Ja, fremd zieht fremd an. Mach dir nichts draus, Mädchen von Porto. Die beinah britische Distinguiertheit, wie sie die Männer hier zeigen, die schaffst Du nie.

Die Geschichte vom Sandmännchen, hier in Porto wurde sie als schönes Märchen entlarvt. Weil Barbara vor mir dahinging wie das Sandmännchen, in diesem kurzen, weiten Mäntelchen, die Arme abstehend runterhängend, so ging sie und ging und ging, mal vor, mal neben, mal hinter mir her. Straßauf und straßab, stundenlang. Kann man sie doch nur zu Fuß erkunden, diese von Autos überkochende Stadt. Aber am nächsten Morgen, da rieb ich erstaunt die Augen, rieb und rieb, wie schon lange nicht mehr. Und rieb sie mir aus den Augenwinkeln, die Dreckbrocken, die mir das Herumlaufen in den Straßen Portos eingebracht hatte – nicht das Sandmännchen.

Ich bin verliebt in Lissabons Straßenbahn. Dieses Grazile, diese vornehm tastende Art, wie sie sich bergauf und bergab bewegt. Auf diesen kleinen, extrem eng gesetzten Primaballerinenfüßchen. Stets darauf bedacht, die alten Häuschen nicht zu erschüttern, zwischen denen sie sich tänzelnd ihren Weg sucht. Mag der eine oder andere von einem extrem kurzen Radstand sprechen, vom entsprechend kleinen Wendekreis, was für ein Behelf, wenn es darum geht, Eleganz zu beschreiben. Die Nr. 28, sie ist für mich die Schöne der Stadt. Eine ungekrönte Miss Lissabon. Wie sie sich ständig gegen die Anpöbeleien der Straßenjungen wehren muß. Mit ihrer hellklingenden Stimme ist sie dem Brüllhupen nicht gerade überlegen, nein, aber sie wirkt damit doch so fremd, daß man aufhorcht. Sie kann in jedem Moment sicher sein, daß man sie sieht. Wenn sie sich auf den Weg macht, auf ihren Weg, dem sie längst ihre Spur eingedrückt hat, von rechts nach links und wieder nach rechts über die schmale Gasse mäandrierend, wenn sie sich auf den Weg macht, staunt jeder, der sie noch nicht kennt. Wie sie sich an den dreist nach ihr greifenden Hauskanten und Dachrinnen, Balkons und Erkern vorbeiwindet. Mit leichtem Hüftschwung, mit einer sanften Drehung. Und streift dabei nicht eine einzige Markise. Ihre Bewunderer kommen aus aller Welt. Sie machen sich ganz schmal, drücken sich scheu und rücksichtsvoll an die Hauswände, wenn sie kommt. Und schauen ihr mit großen Augen nach und nehmen sich fest vor: Die muß ich kennenlernen.

Am Samstag war der Platz der Freiheit in Lissabon schwarz von Schwarzen. Sie standen am Vormittag da, und sie standen am Nachmittag da. Und am Abend immer noch. Standen einfach nur herum und unterhielten sich. Und ich überlegte: Vielleicht könnte man ihre Präsenz auf diesem Platz und auf dem benachbarten Rossio als eine Mahnwache deuten. Schwarz auf Grau den Portugiesen vor Augen gehalten: Uns gibt es auch noch. Uns verdankt Ihr Eure frühere Größe, auf die Ihr so stolz seid. Uns auch verdankt Ihr Euren Wohlstand, der sich in den verfallenden Prachtfassaden Eurer Häuser und in der kunstvoll schmucken Pflasterung Eurer Uralt-Bürgersteige zeigt. Daß wir Euch nirgendwo gut genug sind, außer auf dem Bau und als Küchenhilfen, als Zimmermädchen, das soll Euch und den fremden Besuchern endlich auffallen. Nicht in der Hotelrezeption, nicht im Restaurant dürfen wir arbeiten. Kein einziger schwarzer Fleck im Bild. Aber am Samstag auf dem Platz der Freiheit und dem Rossio, da sind wir zu sehen. Und wenn Ihr es auch schafft, einfach über uns hinwegzusehen, die fremden Besucher übersehen uns nicht.

Der Nationalpalast in Mafra, ein Monstrum wie der Escorial in Spanien, ist nur mit Zahlen  zu bezeichnen, will man nicht unhöflich sein und fremden Nationalstolz beleidigen, von portugiesischer Großmannssucht sprechen. Immerhin ein Bauwerk mit 220 Metern Kantenlänge im Quadrat und mit rund 1200 Räumen Inhalt. 50.000 Männer sollen hier zum Frondienst gezwungen worden sein. Doch der Palast hat nie für längere Zeit als Wohnung gedient. Konnte ja auch nicht bewohnt werden, wie dem Besucher schnell klar wird. Ist doch das Lesezimmer einer der allerkleinsten Räume des Gebäudes. Und dann noch viel zu weit weg von der Bibliothek, die mit ihren 30.000 Bänden schon in der Lage gewesen wäre, für einige Jahre die gähnende Leere zu füllen. Wurde nichts draus. So hat das Monstrum nur als Jagdschlößchen dienen dürfen.

Lissabon hat sein attraktives Vorgärtchen Estoril, das ehemals mondäne Bad der Fürsten, später ein Treffpunkt der Spione und jüdischen Flüchtlinge. Heute ist es bloß ein langer Strand zwischen Brandung und Bahnlinie, Hotellerie und Spielcasino. Aber noch rechtzeitig bekam Estoril sein attraktives Vorgärtchen Cascais. Dieses noch maurisch anmutende Städtchen mit seinen eng verwinkelten Gassen voller Geschäfte und Lokale an der Klippenküste ist zwar zum Baden weniger geeignet. Doch hat es ein Vorgärtchen, das alle Parkplatznöte wett macht  Das ist der Park um den Turm von San Sebastian und die Villa Guimaraes. Dort umherspazieren in der Hochzeit der Eukalypten. Wenn sie den Boden vollgestreuselt haben mit ihren Samenkapseln, diesen weißgepuderten Laternchen. Ausgeknipst, düster. Doch da und dort schon aufgesprungen, lassen sie einen Quast von strahlendweißen Härchen aus sich herauswachsen. So sehr ich mich bemühte, ich konnte nicht vermeiden, auf die Laternchen zu treten, benommen von ihrem intensiven Duft.

Fadolokal in Cascais. Erst essen und trinken und lange warten. Doch dann die Musici. Und schon wird die Szene zum Gottesdienst. Der Sänger mit den beiden Gitarristen nicht mehr im Altarraum, sondern in engem Kontakt mit der Gemeinde, wie seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil vorgeschrieben. Schließlich sind wir in einem streng katholischen Land. Ein festlich drapiertes Publikum. Die Oberkörper der meist älteren Damen, reich mit Schmuck behängt, schwingen wonnig mit der Musik, freizügig gezeigter Busenansatz hebt und senkt sich wie bei Flut. Und die Herren, mit buschigen Schnauzbärten über dem Genießermund und dem glattglänzenden Kinn unter der längst viel zu hohen Stirn, sie zeigen das Bild verlorener Kolonialpracht. Wie ihre Lippen stumm mitsingen, die vergangene Größe beklagend. Oder verlorene Liebe und das unbarmherzige Schicksal und was es alles gibt an Sentimentalitäten. Die Gläubigen kennen die Texte und fallen beim Refrain begeistert in den Gesang ein. Das Miteinbinden der Gemeinde, wie das Zweite Vatikanische Konzil das nennt. Letzte Woche ist die Kolonie Macao an China zurückgefallen. Im Fernsehen war die Einholung der portugiesischen Flagge nicht zu übersehen. Die  portugiesische Gitarre, metallisch hart, tiriliert vogelfröhlich, der Sänger trägt sein Lied ernsthaft getragen vor, und die Augen rundum, sie strahlen in Weltschmerz. Die gelegentlichen Zwischentöne erinnern mich an maurische Musik. Aber ich werde mich hüten, das auszusprechen. Der Sänger wie seine Gemeinde, sie würden das weit von sich weisen. So weit, wie sie die Mauren fortgejagt haben.


Der Rhein bei Konstanz

Hier in Konstanz wird er erst, der deutsche Rhein. Hier unter der Fußgänger-Eisenbahn-Straßen-Radfahrer-Brücke wird er von der Spindel genommen, wird aus dem weiten Wassergewirbel des Bodensees der glatte, dünne Faden Rhein gezwirbelt. Lang und länger wird er, unaufhaltsam, ohne Ende: zuverlässig. So taugt er zur Verarbeitung. Zur Arbeit zunächst noch nicht, aber bald. Und schon wird er zu einem warmen Wams für die deutsche Seele.

Der Bodensee, am Rhein statuiert er ein Exempel: ich mache deutsch, was sich mir anvertraut, egal wo es herkommt. Dafür spricht schon meine typisch deutsche Tiefe. Schon gehört, daß sie noch imponierender ist als nur imponierend? Neueste Messungen haben ergeben, daß ich nicht nur 252 Meter tief bin, sondern sogar 254 Meter. Und daraus wird der deutsche Rhein. 

Die Hafeneinfahrt von Konstanz ziert seit dem Frühjahr '93 die Imperia, ein steinern Riesenweib, das auf seinen erhobenen Händen die weltliche und die geistliche Gewalt trägt: Kaiser und Papst. So prächtig das Weib, das sich unermüdlich dreht, um sich von allen Seiten anstaunen zu lassen, so mickrig die beiden Gewalten, so lustig das Arrangement. Der Bildhauer Peter Lenk hat der offiziellen Aufforderung "Denk mal!" das Pathos ausgetrieben und das Mal-Denken zum unterhaltsamen Zeitvertreib gemacht.

Gehen wir dem Bildhauer naßforsch auf den Leim. Denken wir einmal! Das mit den zwei Gewalten war ja bekanntlich das ganze Mittelalter hindurch die bestimmende Alternative. Und wie alles Denken in Alternativen ein Denkfehler. Denn die vielen landesväterlichen Fürstbischöfe, genau wie die Päpste mit ihrem Kirchenstaat, sie waren weltliche und geistliche Macht in einer Person. Und sie hatten den bloß weltlichen Fürsten Entscheidendes voraus: Was der Kaiser ihnen an Macht und Besitz verlieh, das konnte nicht vererbt werden. Es fiel mit ihrem Ableben an den großzügigen Schenker zurück. Deshalb waren die geistlichen Fürsten den Kaisern viel lieber als die weltlichen. Und noch etwas stand für ihre Übermacht gegenüber den nur weltlichen Herren: sie herrschten auch über das Bewußtsein ihrer Untertanen. 

Die weltliche Macht hat ihr Defizit an Internsteuerung erst recht spät erkannt und auszugleichen versucht. Das war dann die Keimzelle des Nationalismus. Mein Reich, mein Vaterland, meine Heimat. Das war was fürs Volk: der Staat bin ich, und das als Spruch für den kleinen Mann. Der Nationalismus kam so gut an, daß er schließlich sogar das ultramontane Abhängigsein der Frommen überwucherte. Auch den Verstand. Auch die guten Sitten. Und die Friedfertigkeit, den Nachbarschaftsgeist. Alles in allem ein Riesenschlamassel. 

Heute alles nur noch altes Gestrüpp, die Zwei-Schwerter-Zeiten sind so definitiv vorbei wie die Nationalismus-Zeiten, wir haben es nur noch mit Restmolästen zu tun. Und Imperia, die klassische Edelverführerin, hebt mit herrscherlicher Geste die Alternative auf: die Hand und die Hand, die Brust und die Brust, der Schenkel und der Schenkel - die Wahrheit liegt immer dazwischen.

Imperia, Luxuskokotte des Konstanzer Konzils, du hast die Alternative aufgehoben, indem du sie alle auf die Knie gezwungen hast. Alle gleich nichtig vor deinem Pantöffelchen. Wie schon lange die weltlichen Herren so während des Konzils die Oberpfaffen. Sie haben ihre Gier und ihr Gold wie ihre Ablässe bei dir abgegeben. Die Konstanzer hatten recht, dir dafür ein Denkmal zu setzen. Herrscherin über die Seelen, den Segen und den See. Deine erhobenen Hände dirigieren. 

Wenn der Sommer vorbei und der Frühherbst ausgeglüht ist, die Ernte eingefahren, dann kommt die eigentliche Zeit des Bodensees. Dann hebt er sich aus seinem Bett. Dann wächst er über sich selbst hinaus: Nebel, Nebel. Noch schwimmen einzelne Schiffe auf dem See, die paar unverzichtbaren Fähren und Fischerboote, die so tun als könnte man das alte Tonnagenverhältnis beibehalten: exakt soviel unter der Wasserlinie und soundsoviel über ihr. Dabei ist sie längst über die Positionslichter, die Flaggen und Wimpel, sogar über die Mastspitzen hinausgewachsen, die Wasserlinie: circa fünfzig Meter über Normal-Null nichts als Nässe. 

Nebelhörner bohren sich durch das Überallweiß, mit ihrem gutturalen Ton so vertrauenerweckend. Doch die Scheinwerfer haben wässrige Augen und sehen nichts als Wasser. Deshalb nur noch halbe Kraft voraus. Alles ist Vorsicht, Umsicht, Rücksicht. Und unter der Brücke fließt es milchig ab. Der Nebelberg kalbt. Da macht er sich klammheimlich davon, der Rhein bei Konstanz.

Alte Ansicht des Konstanzer Hafens mit dem
Konzilsgebäude auf der linken Seite
Und weil die Menschen ihn plötzlich scheuen, das quirlige Geschlecht sich versteckt, macht der See sich auf, sie an Land zu suchen. Die mit dem wackeligen aufrechten Gang. Wabert genauso wackelig die Gassen hinauf, greift um die Straßenlaternen und nach den Lichtreklamen, setzt überall seinen Dimmer an, daß die Lichter ihn nicht stören, ihm nur noch einen stillen Glanz geben. Fremdartig funkelnde Schmuckstücke, so steckt er sich das Gelichter in den Pelz. Der große Verwandler. 

Gestalten gehen durchs silbrige Grau, schattenlos wie in der Unterwelt. Schattenspieler oder ihre eigenen Schatten. Kommen als Silhouetten auf dich zu, als wandelnde Scherenschnitte, psaligraphisch feingliedrig, scheingliedrig. Und verschwinden auch so hinter dir, sind schnell nur noch ihre sonderbar gedämpften Stimmen und ihre Schritte, naßschlurfend oder vorsichtig stöckelnd. 

Und du gehst so, wie die Schatten erscheinen und schwinden und wie der Nebel zieht, gehst und gehst und suchst vergebens über den Rand der Glocke hinauszusehen, die der See dir übergestülpt hat. Der Nahbereich, der immer mitläuft, immer etwas anders und doch gleich, die paar Armlängen, auf die deine Umwelt geschrumpft ist. Da packt es dich. Ein Sich-Verwundern erst und ein Amüsiert-Sein. Nur die Augen offenhalten, nicht in den Rhein hinein, nicht in den See tapsen. Dann aber wirst du unruhig, fühlst wie du feststeckst, so eilig du weitergehst. Und plötzlich verstehst du: ich bin eingesperrt. 

Da wird dir die nächste Kneipentür, hastig aufgerissen, zum Eingang ins Paradies. Nebel auch hier. Bierdunst und Zigarettenrauch, fast undurchdringlich. Was für ein Qualm! Warum nur habt ihr den guten Hus verbrannt? Dröhnendes Lachen belohnt noch den ältesten Witz. Denn so verräuchert hier alles ist, so vertraut ist es. Die an der Theke kennst du alle. Sind die Touristen doch längst weg. Der da hat seinen Traktor heute noch nicht angeworfen. Und die dort nicht hinterm Buffet auf dem Ausflugsschiff gestanden. Da der Arbeitslose, dort der Frührentner. 

Pause ist angesagt. Eine Landschaft hat ihre silbern schimmernden Lider geschlossen. Golden läuft das Bier in die Gläser. Und der Rhein schleicht sich davon, als wüßte er zuviel. Über alle und alles. - Ein Fluß läßt einen immer zurück.

Meine kleine Andalusiade

Málaga aus der Parador-Perspektive, das gibt Überblick. Aber es wird auch alles so winzig. Da trifft mich ein Lichtstrahl. Von wo? - Von dort. Ein Fischerboot schiebt sich fanggierig aus dem Hafen, die Fensterscheibe der kleinen Kajüte blinkt hell auf, schickt mit dem ersten flach übers Wasser kriechenden Sonnenstrahl ein Signal zu meinem Balkon auf dem Hausberg hinauf. „Fahr weiter", sage ich. „Was kannst du mir Neues melden?"
Der spanische Frühstückstisch unterscheidet sich deutlich vom deutschen. Nicht Essig und Öl im Ständer. Die beiden kleinen Fläschchen offerieren zwei verschiedene Sorten Olivenöl. Und statt der Pfeffer- und Salz-Streuer im Partnerlook nur ein einsamer Salzstreuer. Als wollte man sich nicht daran erinnern, daß man das Land, wo der Pfeffer wächst, bestens gekannt hat, einstmals.
Quer durch das Nichts, das steinige. Mit seinen grünen Pusteln, die das Land ernähren sollen. Oliven, die Bezwinger der Ödnis, sie liefern aus Kargheit gekelterten Lebenssaft. Je älter, um so mehr Früchte pressen sie aus sich heraus. Wie um in einem verzweifelten Endspurt ihr Überleben zu sichern.

Ronda, wunderschöne Geschlitzte. Kein Wunder, dass in deinen Armen der Stierkampf gezeugt wurde. Die älteste Arena, aber noch frühlingskühl geschlossen. Da kommen Erinnerungen hoch an diese Kleinstadtseligkeit unblutiger Art, Capea genannt. Irgendwo in Nordspanien. Als in der Stierkampfarena das Volk
zusammenlief und bei scheppernder Kampfmusik aus schlechten Lautsprechern den Burschen zuschaute, wie sie sich Jungstieren stellten. Ein Dutzend gleichzeitig im Sandrund. In Jeans und Turnschuhen. Mit der Capa wedeln und den Stier an sich vorbeiführen, wie ein Matador. Applaus. Aber die wichtigste Kampftechnik der Jungen ist der Sprung über die rote Plankenwand. Immer wieder mit einem einzigen Satz hinüber, die Hörner des schnaubenden Tieres nur Zentimeter hinter sich. Und dann erleben müssen, dass der Stier, genauso schlank und behende, einfach hinterherspringt, nachdem er oft genug den Kopf an der Wand angerammt hat. Da heisst es für den Verfolgten sich flach hinschmeißen und toter Mann spielen, damit der Stier brüllend weiterrennt durch die Gasse, sie freiräumt, wie er die Gaffer über die Bande in die Arena scheucht. Und am Nachmittag dann die Tienta. Wenn die Toreroschüler mit der Muleta Jungkühe herausfordern. Die ausgestreckte flache Hand als Espada. Der Kuhtest, um die aggressivsten Muttertiere für die Aufzucht der nächsten Stiergeneration zu finden. Typisch Frau, sagt man, wenn man sieht, wie die wütend gemachten Kühe es vermeiden, mit dem Kopf gegen die Plankenwand zu knallen. Viel zu klug für diesen stiermäßigen Übermut. Kenne ich doch von der Straße. Die aggressive Fahrweise der Caballeros und die defensive Fahrweise der Damas.
Irgendwann kam Tolox, eines der vielgerühmten weißen Dörfer. Am Fuße der Sierra de las Nieves. Auf der einen Seite des Baches zu eng zum Autofahren, kaum zu schaffen das Zurücksetzen, auf der anderen Seite geht es gleich zum Heilbad hinaus. Perfekter Asphalt, flankiert von Uralt-Eukalypten und frequentiert von wankenden Ahasver-Gestalten, fremd und mit Blicken voll unsagbarer Vergangenheit. Der tagtäglich gleiche Auslauf derAlten.

Zurück auf die Autopista. Derselbe Unsinn wie unsere Autobahn. Ein Land verzichtet darauf, sich seinen Besuchern vorzustellen, läßt sie auf eine befremdend kühle Art durchrauschen. Einem Flug übers Land nicht unähnlich. Nichts zu tun haben mit dem Element, durch das man zieht. Ob das Wolken sind oder weite Felder mit dem Doppelstrich der Begrenzungsbäume. Die gelben Blüten der Mimosen so nah und doch so unberührbar wie die Sterne.
Sevilla, was für sonderbare Gefühle machst du mir! In den Bodegas hängen hinter der Theke halbe Schweinehintern, am Huf aufgeknüpft, in der Kathedrale die Schatzkammer mit Knochen von Heiligen, in Silber gefaßt. Da wird man zum Fresser. Falls man nicht längst zum Vegetarier bekehrt wurde.
Straßen voller Pomeranzen. Unbrauchbar. Wollen wir nicht. Und doch: Frischleuchtende Früchte im frühen Frühjahr im satten Grün. Augenweide. Und wie ihr Duft gegen die Autoabgase ankämpft. Ein Ja zu den Pomeranzen. Dem quirligen Leben rundum so klar überlegen, weil sie alle Zustände gleichzeitig auf einem Stamm tragen. Blüten, Unreife und Überreife. Und - nicht zu übersehen - das schon Zermatschte auf dem Pflaster.

Jardines del Alcázar in Sevilla. Von Hof zu Hof gehend, immer weiter zurückversetzt in die höfische Zeit, den Gärtnern in Grün zusehen. Sie beschneiden die Lebensbäume, arglos wie zu allen Zeiten. Göttliches Tun, wie sie Säulen und Torbögen entstehen lassen. Während der Wein vor weißer Wand sich in Arabesken ergeht, die den stolzen maurischen Relikten ihre Lebendigkeit entgegenhalten.  Marmorstufen. Ordentlich gebaut und unverwüstlich. Und doch jede ein anderer Rebus. Wer könnte es als bloßes Hinauf- und Hinabsteigen bezeichnen, wie ich über euch gleite. Seid ihr doch beinahe ewige Sinnbilder des Ungeregelten, der planlosen Beliebigkeit, die aus uns verborgenen Gründen Mutter Natur zum scheinbar fröhlichen Wechselspiel der Linien animiert hat.

Römisches Gräberfeld bei Carmona. Unterirdisch die oberirdische Welt nachgebaut. Ausgemalte Zimmer, einst üppig mit Geschirr und Verpflegung bestückt. Verkehrte Welt. Jetzt über allem die Margeriten und der Klatschmohn, Iris, Klee, Feigenkaktus, Lavendel, Löwenzahn, Stiefmütterchen und wildes Korn. Und der Borretsch. Eßbar. Doch niemand da, der Blumen pflückt, der erntet oder Borretschsalat macht. Zwischen allem Blühen besichtigen wir den Tod.

Die Mezquita in Córdoba. Ein Ehrfurcht gebietender Säulenhain, dessen Boden einst teppichbelegt war, wurde zu einem Sammelsurium von Kirchen und Kapellen umgebaut. Hinweggefegt die Teppiche. Zwischenwände hochgezogen. Da und dort Säulen eingemauert. Das ließ den Hain erstarren. Jetzt legen die Bäume stumm leidend ihre Hauptäste einander wie Arme auf die Schultern. So überdauern sie leblos die Zeit, von uns bewundert wegen: Es war einmal.
Wasserfallartige Regenschüttungen. Im Restaurant in der Altstadt regnet es durch. Die Gäste nehmen es amüsiert hin, rücken in der trockenen Ecke zusammen. Fast schon ein Wunder, daß man ein Taxi kriegt. Raus aus der Altstadt, zum Hotel, das weit draußen liegt. Da wird, was bloß ein kleines Stoßgebet sein sollte - ein Gott sei Dank - zur Litanei. Denn die Frauenstimme der Taxizentrale leiert im stets gleichhohen Ton die Ziele herunter, die gefragt sind, immer mit einer kurzen Pause danach: Santa María - San José - Plaza de Toros - Calle de la Concepcíon - Restaurante Emilio ... Und wir antworten immer brav: Bitte für uns, bitte für uns.

Zwischen Córdoba und Granada nur Oliven. Eine so belanglose Landschaft der Monokultur wie unsere Weinlandschaften daheim. Keine Spazierwege, keine Wanderzeichen oder Bänke an Aussichtspunkten. Die reine Notdurft. Sonnengeplagter Fleiß, in den Kalkböden versickerter Schweiß. Und unsere Straße in vielen Windungen mitten durchs grünbetupfte Einerlei. Makellos grau und glatt und schnell und oberkellnerhaft erhaben über das mühsame Gewerkel links und rechts.

Endlich die in Arabesken prangenden Räume der Alhambra mit ihren Stalaktitendecken. Bunt von Menschenmassen. Also entschlossener Blick nach oben. Mir scheint, hier hat man die genialen Formen Bogen und Kuppel für nicht genial genug gehalten. Hat sich um eine Steigerung bemüht und hat sie geschafft, zumindest optisch: die Auflösung des Bogens und der Kuppel in einer alles überwuchernden Feinstruktur. Als dann die christlichen Herrscher den Palast übernahmen, haben sie wohl mehr Respekt vor dieser optischen Täuschung gehabt als vor dem fremden Glauben. Karl V. ließ natürlich seinen Palast und seine Kirche auf dem Lieblingsplatz der Besiegten errichten. Aber ohne deren Konstrukte zu zerstören. Er hat sie mit seinem Palast, der die Quadratur des Kreises verwirklichte, auszustechen versucht. - Granada, fuer mich der Triumph der Geometrie.

Aus dem Hotel in Granada habe ich eine kleine Seifendose mitgenommen. Perdón. Obwohl nur Plastik. Für mich das stärkste Symbol für die Bedeutung dieses Ortes. Hat hier das Christentum doch nicht nur seinen endgültigen Sieg über den Islam erzielt, hier ist das Abendland besonders gründlich vom Morgenländischen gereinigt worden. War es doch nur konsequent, daß bei der Rekonquista neben den Muslimen auch gleich die Juden mit vertrieben wurden. Bloß die letzte Konsequenz, nämlich die Abschaffung des Christentums, genauso morgenländisch, hat man nicht gezogen. Man ist überhaupt nicht auf den Gedanken gekommen. Verständlich. Die Leute waren ja splitternackt unter den christlichen Schafpelzen. - Halt doch nur Plastik, meine kleine Hotelseifendose.
Nach dem dritten weißen Dorf Schluß mit Oh und Ah. Sind diese so fotogenen Haufen weißgetünchter Behausungen doch nur Zeichen der Armut. Was anderes als die billige Kalkfarbe, aus dem heimischen Kalkstein gewonnen, konnten die kleinen Leute sich halt nicht leisten. Doch die Kirche mittendrin, sie hat immer einen braunen oder beigen Anstrich. Also: Im Dorf bleiben, aber sich absetzen. Ganz abgesehen von dem anderen Machtfaktor. Der Alcázar über allem ist verwitterter Felsstein, wild überwachsen.

Das graue Rasereiband der Küstenstraße verrät dem schnellen Seitenblick hier und da noch die engeren Kurven und die schmalere Fahrbahn der alten Straße. Jetzt Parkplätze. Dabei wird hinter den ersten Hügeln schon die nächste Generation Rasereiband angelegt. Einige Stücke der neuen Autopista sind bereits fertig. Pech für Torremolinos und Marbella, die Schnellstraße ist so schnell, daß wir glatt die Ausfahrten verpaßt haben.
Selbst für die stoffliche Drapierung von Verkehrstoten gibt es eine herrschende Mode. Das in gedecktem Ton gehaltene unifarbene große Tuch wird so über die Leichen auf der Küstenstraße gelegt, daß die Füße und nur diese freibleiben. Damit man immer weiß, was Männlein und Weiblein ist - vielmehr war.
Wie die Städte und Dörfer, so die Hügel über der Küste: vollgebaut mit immer wieder anders hingekringelten Ketten von Einfamilienhäuschen. Alle in hellstem Weiß, wie aus Styropor geschnitten und als Kulisse aufgebaut für den Film: Schöner leben. Immer anders putzig und doch irgendwie alle gleich. Angeboten werden sie in hunderten von Immobilienagenturen gegen Deutsche Mark, Englisches Pfund und Schweizer Franken. Immerhin sind die Preise meist auch in Peseten angegeben, oft bereits in Euro.
Höher als die höchsten Palmen und starrstolzen Agavenständer wachsen an der Sonnenküste Baukräne und Peitschenlaternen. Dafür müssen Eukalypten fallen. Strommasten markieren die neue Küstenlinie, glätten sie, schneiden rigoros die Buchten ab, diesen überflüssigen Touristentand.

Avers und Revers. Eine Fahrt durch das weiße Land bei Almería zeigt die andere Seite der Goldmünze Costa del Sol. Vom Wasser bis in die Hügel hinauf ist jeder Fleck flachen Bodens mit einem Plastik-Gewächshaus besetzt. Endlose Quadratkilometer unter weißer Folie. Da schwitzt das Gemüse, das Obst für halb Europa in der südlichen Sonne, schwitzt so wie die Arbeiter schwitzen, die es betreuen und ernten.
Wenn jetzt der edle Ritter Don Quijote über die schneebedeckten Berge der Sierra Nevada geritten käme, er würde seinem Knappen Sancho Pansa zurufen, er solle sich für den großen Kampf bereitmachen. Weil dort in der Ebene vor dem Meer ein gewaltiges Heer lagert, noch ahnungslos in seinen weißen Zelten schläft, soweit das Auge blicken kann, während die Gerechtigkeit naht. „Wir werden sie ins Meer treiben, das schon den Rachen aufsperrt, um sie zu verschlucken", ruft er Sancho Pansa zu. Doch der überredet ihn, darin zum allerersten Mal erfolgreich, dieses eine Mal von einem Angriff abzusehen: „Nicht nötig, mein Herr und Gebieter, nicht nötig. Seht doch nur, wie das Meer schon dabei ist, sie zu verschlingen, wie es weißschäumend Stufe für Stufe bergan steigt." Lassen wir die beiden weiterziehen. 


Diese östliche Hälfte der Costa del Sol ist keine Gegend für Reisende. Dabei ist die Frage, ob die Plastikkulturen die öde Landschaft zerstören oder beleben, überhaupt nicht die Frage. Was hier unter der weißen Decke gehalten wird, das ist krasses 19. Jahrhundert. Die Ausbeutung der Notlage der Afrikaflüchtlinge, die Nacht für Nacht hier anlanden. Menschen ohne Papiere und ohne Rechte, aber arbeitswillig und an Hitze gewöhnt. Hier an der vielgerühmten Sonnenküste wiederholt sich zu Beginn des 21. Jahrhunderts das Weberelend und die Grausamkeit der Kinderarbeit in den Fabriken und Bergwerken des Frühkapitalismus. Dasselbe in Schwarz.

Nerja, Balcón de Europa. Schöne Aussicht. Aber ein Windtag läßt die Wellen heranrollen in Atlantikmanier. Schaumwalzen, die ganz Afrika heranzuschleppen scheinen. Immer nur rauf auf den Strand. Das Bißchen seichtes Geschäume, das zurückschleicht, spielt keine Rolle. Nur die immer neuen Wellenwalzen siehst du, die den Strand anspringen. Afrika rollt heran. Und in der kleinen Parkanlage sitzen sie schon, zwei Schwarze, die stundenlang ihre flinken Hände auf die Felle ihrer Buschtrommeln knallen lassen.
Doch am Abend Flamenco, der Tanz der tausend Deutungsmöglichkeiten. Weil er aus lauter Andeutungen besteht. Das Geschrei und Protestgetrampel der Frau, die effektvoll ihre Röcke rafft und sich so entrüstet wie einladend abwendet. Dann die Kastagnetten auf den Oberschenkeln klacken läßt. Dazu immer wieder den orientalischen Hüftschwung. Die lüsternen Klappern wandern über den Oberkörper, ungehemmt, über den Hintern und den Rücken. Dazu der Stepptanz des Mannes, der in Machohaltung den Rad schlagenden Pfau macht, vor Erregung zitternd. Mann und Frau tanzen getrennt. Nichts mit Umarmung wie beim Walzer, nichts mit Tango-Harmonie. Hier erlebe ich nur den übergangslosen Ausfall von Ehestreit in Orgasmus und umgekehrt.

Hinter Algeciras, bei Tarifa, wo die Berge sich an die Hand nehmen, um sicherer ins Meer hineinzuwaten, stehen unübersehbare Scharen von Windmühlen. Sie vermehren sich in Spanien mäusemäßig unmäßig. Weil niemand mehr eine Attacke gegen sie reitet. Das hat Miguel de Cervantes den Spaniern abgewöhnt. Die schimpfen zwar noch, doch die Peseten-Millionen der Stromkonzerne für die Bürgermeister und Grundeigentümer lassen aus lahmleerer Landschaft wieder etwas sprießen: modernes Design. Statt dessen Sonnenkollektoren auf die Dächer zu montieren - dazu ist es viel zu heiss. So winken die Windmühlen mit ihren tausend weißen Armen zu den armen Schwarzen in Afrika hinüber. Eine Einladung, die nur zu gern angenommen wird. Die Ertrunkenen zählt niemand, die Geschnappten werden zurückgeschickt, die in der Plastikwelt Untergekommenen werden versteckt und hemmungslos ausgenutzt. Wo zwei Kontinente sich hauteng berühren, muß es ja zu Reibungsverlusten kommen.

Gibraltar, das Kuriosum, das seine strategische Bedeutung längst eingebüßt hat, bietet sich als Einkaufsparadies an, wie Helgoland oder Singapur. Kauft, Leute, kauft! Kauft mehrwertsteuerfrei! Und die kauffreudigen Besucher kommen. Dabei sind die dreißigtausend Menschen, die hier leben und arbeiten, viel sehenswerter als das weltweit immergleiche Warenangebot. Die wackeligen Alten im Straßencafé sind typische Briten, die hier den letzten Sonnenfleck des Imperiums genießen. Die Verkäuferinnen in den Läden sind Spanierinnen. Ihre Chefs sind Inder. Doch an den imposantesten Fassaden immer wieder Messingschilder mit jüdischen Namen als Firmierung. Das verrät dem nicht am Kaufen interessierten Besucher, daß die Spanier die Hoffnung aufgeben können, diese Exklave jemals zurückzubekommen. Im Stadtprospekt wird voller Stolz verraten, daß Gibraltar ein wichtiger Finanzplatz ist. Verstehe. Hier, wo Engländer und Spanier sich um die Herrschaft zanken, herrschen Finanzinteressen, die über den engen Horizont des sich immer noch mühsam vereinigenden Traumlandes Europa weit hinausreichen.



Ziel: Brocken

Zugegeben, was Johann Wolfgang von Goethe, Wilhelm Raabe, Hermann Löns und Heinrich Heine so ausführlich und stimmungsvoll beschrieben haben, die Besteigung des Brockens, des höchsten Berges Norddeutschlands, heute ist das im wahrsten Sinne des Wortes unbeschreiblich. Denn man fährt von Wernigerode mit der Schmalspurbahn, der Größten der Kleinen, wie sie sich stolz nennt, hinauf. Für 22 € hin und zurück. Pauschalpreis, ohne Anspruch auf einen Sitzplatz, wie auf dem nostalgisch kleinen Fahrkärtchen besonders klein aufgedruckt. Also eingeklemmt in eine Hundertschaft beinahe expeditionsmäßig ausgerüsteter Menschen – Wanderstiefel, Rucksäcke,  Sonnen- und Regenschutz, Teleskopstöcke und Ferngläser neben den diversen Kameras, die Aufmachung ist das Ziel - zunächst den Kampf um einen Sitzplatz durchstehen, den alle die verloren haben, die auf der offenen Plattform stehen bleiben müssen, wo der Aufenthalt laut Beschriftung verboten ist.

In Schierke ausgestiegen, um zu Fuß den Rest zu schaffen. Etwa Zweidrittel des Aufstiegs in bequemer Enge hinter sich gebracht, jetzt aber noch gut sechseinhalb Kilometer aufwärts. Mit dem Fahrkärtchen in der Tasche trotzig die Bahn betrogen. Und dabei den Satz bestätigt gefunden: Der Weg ist das Ziel. Denn dieser Marsch durch den Hochwald über die tausend Felsbrocken und freiliegenden Wurzeln war das eigentliche Brockenerlebnis. Und er machte den Namen des Berges verständlich, der ja zunächst Brockenberg geheißen hat. Tatsächlich ein wilder Haufen von abgelagerten Gesteinsbrocken aller Kaliber. Also auf jeden Tritt achten, dass man ja nicht umknickt.
 
Offiziell liegt heute die Romantik der Brockenfahrt in dem Begriff Schmalspurbahn, in dem Schnaufen und gelegentlichen Pfeifen der kleinen schwarzen Lok und ihrem gewaltigen Ausstoß an weißem Qualm, der sich bei besonderen Anstrengungen gern zu kohlendunklen Wolken wandelt. Der Wald nimmt es gelassen hin. Was bleibt ihm anderes übrig? In jeder Kurve hängen die Kameras über, um den eifrigen Ziehkäfer auf frischer Tat zu erwischen. Vielleicht hätte ich einen der Tage wählen sollen, an dem die Brockenbahn mit ihrem historischen Fuhrpark auf den Berg hinaufächzt. Noch eindrucksvollere Bilder. Aber dann wäre ich untergegangen in der Begeisterung der Eisenbahnnostalgiker, denen nicht der Weg das Ziel ist, sondern das Fortbewegungsmittel.
 
Die Brocken – der Brocken. Der Brocken ist geschafft, sobald man die Brocken hinter sich gelassen hat. Die Vorstellung, dass man die sämtlichen über die Hänge des Brockens gestreuselten Brocken wieder hinaufwälzen und oben auftürmen würde, ergibt einen imponierend hohen Berg, beinahe schon alpin. Oben, auf der Tonsur mit ihren paar hässlichen Aufbauten, war das besondere Brockenerlebnis die Erbsensuppe, die es in dem so beschrifteten „Touristensaal“ gab. Die Bezeichnung für das Restaurant so DDR-gefärbt, dass die Suppe noch nicht raststättenmäßig geschmacklos, sondern kleinbürgerlich deftig sein mußte. Und auch war.

Ein bisschen herumstöbern im Brockenmuseum. Den vier Großkopfeten unter den Dichtern, die den Brocken besucht haben, in kleinen Bildchen und Kurztexten an der Wand begegnet, die drei Meter hohe Mauer, die von den russischen Besatzern rund um das Spionagenest auf dem Brocken errichtet worden war, noch in einem bedrohlich lebensgroßen Rest aufgebaut, die Kalaschnikow daneben, Funkgeräte und dergleichen technischer Klimbim von gestern, ein bisschen Fauna und Flora und Wetterkunde, das war’s dann auch schon. Im übrigen kann man sich nicht oft genug dazu gratulieren, einen der ganz wenigen Tage erwischt zu haben, an denen sich ein freier Blick öffnet. An 306 Tagen des Jahres ist der Brocken in Wolken und Nebel versteckt, steht da als generelle Entschuldigung angeschlagen. Und dass es an diesen Tagen für den Zugang zur Aussichtsplattform einen besonderen Schlechtwettertarif von bloß 1 € gibt. Geschenkt, das Wetter war so gut, dass man auf den Ausguck verzichten konnte: noch billiger.

Heinrich Heine schaut von seinem Gedenkstein aus bei jedem Wetter in die Weite, ein feiner Hinweis auf die Vielseitigkeit des Lyrikers und Spötters. Da erinnert man sich: Die Namen der anderen Brocken-Berühmtheiten waren doch schon unten in Wernigerode auf Schritt und Tritt zu lesen. Wenn auch leicht verfremdet. Ein Weg, der bezeichnet ist als Hermann Löns-Weg. Eine Schule, an der groß dran steht: Wilhelm Raabe Schule. Da fragt man sich, wie die Schulkinder jemals richtiges Schreiben lernen sollen. Und unterdrückt das schnell als zu schulmeisterlich. Dazu passte das Frühstück im „Café J. Goethe“. Aha, verstehe. Die amerikanische Mode, den zweiten Vornamen nur abgekürzt aufzuführen, soll hier wohl auf die Spitze getrieben werden. Man will ihn einfach ganz weglassen. Nur dass man nicht weiß: Wolfgang ist der Rufname Goethes gewesen, nicht Johann. Den zweiten Vornamen Johann hat er nur als Zugabe bei der Taufe bekommen, wie es damals üblich war - aus Hochachtung für Johannes den Täufer - vorangesetzt, genau wie bei Johann Joachim Winckelmann und Johann Sebastian Bach und und und.

Rechtzeitig auf dem Bahnsteig stehen und sich in der vordersten Reihe halten, um die Chance auf einen Sitzplatz zu erhöhen. Und dann, kaum den Neuankömmlingen Zeit zum Aussteigen lassend, ellbogeneifrig hineingedrängt und den Hintern besitzergreifend auf den nächstbesten Platz geworfen. Und die Augen geschlossen und versucht, sich an die Schilderungen zu erinnern, die man von Goethe oder Heine gelesen hat. Doch der freundliche Mann auf der Sitzbank gegenüber beklagt die verspätete Abfahrt – die Sportschau verpasst - und fragt, ob man vielleicht gehört habe, ob Michael Schumacher das Formel-1-Rennen gewonnen hat oder nicht, und wie Bayern München gespielt hat. „Nein, bedaure. So was weiß ich nicht.“  



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