2. Essays:

Sprechen wir über Sprache

Die_Markenmänner

Englische Version: Trade_Mark_Men

Kurz und gut 

Der X-Ray-Stil in der Literatur

Kommt bald das erste Fernsehspiel?

Shanty 
 


 

Sprechen wir über Sprache

 
 

Die Beurteilung von Literatur, viel bestöhnt, ist nicht so schwierig, wenn man einmal vom Inhalt des Geschriebenen absieht. Denn der ist eine Sache des Geschmacks und der Markttendenz und des persönlichen Betroffenseins, also beliebig. Dagegen gibt es für die Beurteilung der Sprache, in der ein Text abgefasst ist, klare Kategorien. Zunächst einmal ist zu unterscheiden nach Wissenschaftssprache, Behördendeutsch, Berufsjargon, Fachchinesisch, Journalistensprache, Dichtersprache, Werbesprache, Kindermund und so weiter bis hin zur Fäkalsprache. Lassen wir die Extrem- und Randsprachen einmal beiseite - die sprechen für sich selbst - und betrachten nur die beiden Mittelpositionen, dann geht es um die Unterscheidung der Journalistensprache von der Dichter- und Schriftstellersprache.

Der Unterschied dieser beiden Sprachen ist an einem einzigen, eindeutigen Kriterium festzumachen: Der gute Journalist hat massenweise vorgefertigte Klischeeausdrücke und Redensarten in seinem Musterkoffer, mit denen er seinen Text spickt wie eine Rehkeule – eben in der Art dieses Satzes. Er erfreut seine Leser damit, dass er ihnen etwas bietet, wozu sie sagen können: Ja, so hätte ich das auch ausgedrückt. Der gute Dichter oder Schriftsteller dagegen scheut vorgefertigte Klischeeausdrücke – nein, natürlich nicht wie die Pest – und sucht sie möglichst durch eigene Formulierungen zu ersetzen. Er erfreut seine Leser damit, dass er ihnen den Seufzer abnötigt: Nein, wirklich, so schön hätte ich das niemals sagen können.

So diese beiden Sprachen in Reinkultur. Dass es auch Vermischungen gibt, macht die Textbeurteilung allerdings manchmal etwas komplizierter. Doch generell gilt die Faustformel: Der gute Journalist weiß mit vielen Klischees zu jonglieren, der gute Schriftsteller weiß sie zu vermeiden und durch eigene Ausdrücke zu ersetzen, durch Formulierungen, die möglichst neu sind, dabei aber weder belanglos noch überhochmetzt oder kitschig. Zugegeben, die Klischees zu vermeiden, ist gar nicht so einfach, weil wir den Kopf randvoll haben von vorgefertigten Formulierungen – ein Satz, der selbst schon wieder zwei Klischees enthält. Pardon. Immer besonders reizvoll ist wegen dieser Fülle an Vorgefertigtem die kleine Abwandlung, die mal schon fast dichterisch klingen kann, mal journalistisch bleibt. Letzteres müsste man wohl von dem hier fälligen Satz sagen: Wes der Kopf voll ist, des läuft der Füller über.

Bezeichnet man die Sprachklischees als abgegriffenes Sprachmaterial, wird noch klarer, was gemeint ist, wenn es auch manch einen schmerzt. Das Abgegriffene ist vertraut und deshalb handlicher, es lässt sich nicht nur schneller darreichen, es lässt sich auch schneller erfassen. Schon deshalb ist diese Second-Hand-Sprache die richtige Sprache für den Journalisten, zu dessen Wesen es gehört, unter Zeitdruck arbeiten zu müssen, wie für den eiligen Zeitungsüberflieger, Funk- und Fernsehberieselten. Der Schriftsteller dagegen muss sich selbst vor jedem Satz, der sich ihm aufdrängt, zurückhalten und fragen: Wie kann ich das sachlich, aber klischeefrei und dabei noch schöner ausdrücken? Schon das Wort Ausdruck ist ja ein Klischee. Es ist zum Verrücktwerden. Ein hundertprozentig klischeefreies Schreiben ist nicht mehr möglich. Denn unser Sprachschatz ist derart überschwemmt von wunderschön plastischen Begriffen und so überzeugend passenden Bildern, dass man sie nur mit größter Mühe umschiffen kann – als Schriftsteller hätte ich sagen müssen: dass man sie nur mit größter Mühe vermeiden kann. Oder ich hätte einen neuen Begriff kreieren müssen, etwa: dass man auf den anderen Bürgersteig ausweichen muss. ;-)

Schlecht, ja. Aber wie gut oder schlecht solche selbstgebildeten Ersatzausdrücke der Dichtersprache sind, ob wunderbar passend, neue Fenster öffnend, maßgebend, wohltuend oder überzogen, zu schrill und schlicht daneben, das erweist sich erst viel später. Sprachschöpfung arbeitet immer ins Dunkle hinein. Das ist ein Zeugungsakt, bei dem man länger als bloß neun Monate lang darauf gespannt ist, was herauskommt. Eine neue Formulierung erweist sich erst dann als ein guter Wurf, wenn die neu geschaffenen Ausdrücke von anderen aufgegriffen und so häufig verwendet werden, dass sie selbst schon wieder zu Klischees werden. Das heißt: Das Klischee von heute ist meist nur der besonders gute, der treffende dichterische Ausdruck von gestern.  

Journalist und Dichter – was der eine sucht, lässt der andere achtlos liegen, was der eine gebraucht, ist für den anderen nicht brauchbar, weil bereits verbraucht. So glücklich liegen die Dinge. Bildlich ausgedrückt: Journalisten verhökern altehrwürdige Antiquitäten, Dichter sind dabei, die Antiquitäten von übermorgen zu fertigen. Und nur weil das so ist, weil es in Sachen Sprache diesen fundamentalen Unterschied gibt, nur deshalb können sie nebeneinander bestehen, die beiden gegensätzlichen Ambitionen der so gegensätzlichen Schreibertypen. Ob es geschickt war, sie in einer Gewerkschaft zusammenzuschließen, darf man allerdings bezweifeln. Der Buchmarkt jedoch verträgt sie beide nebeneinander. Der Journalist schreibt Sachbücher, der Dichter Belletristik. Und wenn der Journalist einmal hingeht und ebenfalls Belletristik produziert, dann helfen wir uns mit der Feinabstimmung: U statt E.

Problematisch wird es nur, wenn Journalisten die Werke von Dichtern beurteilen sollen, und in die Verlegenheit geraten sie fast täglich. Denn die meisten Kritiker sind keine Schriftsteller sondern Journalisten. Das macht die Sache so schön süß-sauer, denn die Journalisten als Kritiker der Dichtersprache haben immer gleich tausend schöne Floskeln auf der Hand, die ihnen allesamt wie Trümpfe vorkommen. Doch beschleicht sie manchmal das vage Gefühl, dass das so nicht sein kann. Sie kommen zwar nicht darauf, wo der Unterschied zwischen ihnen und ihrem Opfer liegt, aber sie lassen sich doch oft von dem zu Rezensierenden soweit bestimmen, dass sie plötzlich wie Dichter zu formulieren anheben. Das Ergebnis dieses Annäherungsversuchs nennt man Journalistenpoesie. Es lässt eine Buchbesprechung sich so aufblähen, dass sie mit dem Buch kaum noch zu tun hat, aber schön ist wie ein Ballonstart an einem Sonnensommermorgen: Up, up and away! Der Journalist freut sich, der Dichter ärgert sich, und der Leser, Hörer oder Fernsehzuschauer fragt sich verdutzt: Was soll das?

Das Ergebnis des falschen Umgangs mit der Sprache kann halt  nichts anderes sein als Sprachlosigkeit. Nur deshalb sprechen wir ja über Sprache.



Die Markenmänner

 
Was unterscheidet Männermodemagazine von Waffenmagazinen? Nichts, sie haben beide nur die eine Aufgabe: einschüchtern. Ob es nun die Schießprügel sind, die so erschreckend aussehen, oder ob es die Männer sind, für die der Herr sie angeblich wachsen ließ. Der Effekt ist derselbe. Nur mit zitternder Feder wage ich zu berichten, was ich gesehen habe: Männer, sage ich Ihnen, Männer, einer wie der andere. Sozusagen prototypische Männlichkeit in Großserie, geliefert auf dem besten Kunstdruckpapier der Männermodemagazine.

Diese wuchtigen Kinnladen, diese herrisch-wilden Nasen, entschlossen-geschlossenen Münder, die hintergründig tiefliegenden Augen. Und dann der heldenhafte Liebreiz der Nasolabialfalte im Streiflicht. Oder das Schattenfeld unter dem streng-arischen Backenknochen. Überhaupt, diese gewaltigen Wangen. Warum wirken die so wahnsinnig? - Klar, weil sie in ihrem perfekten Feinschliff die Dreieinigkeit von Mann, Frau und Kind manifestieren, im männlichen Faltenwurf, in weiblicher Unbehaartheit und in der makellosen Glätte eines Kleinkinderpopos. Jetzt weiß ich endlich, was after shave meint.

Doch mit so trivialen Dingen umgibt sich der Mann-o-Mann von heute nicht. Daß er der Typ der Zeit ist, zeigt er vor allem durch seinen Zeitmesser. Rolex-Submariner, garantiert wasserdicht bis 300 Meter. Okay, okay, noch tiefer kann ein Mann ja gar nicht sinken, der was auf sich hält. Oder darf's vielleicht eine Piaget sein? Oder eine Wempe? Oder eine Bulgari oder, oder, oder? Und die Uhren, für die er kein Handgelenk mehr frei hat, packt er einfach in einen Koffer von Louis Vuitton. In seinem Initialenkoffer trägt der Dreieinigkeitsmann außer Armbanduhren auch noch die Duft- und Pflegelinie von Gainsboro mit sich herum. Oder Lagerfeld-Parfums. Aber keine Pampers, von wegen Kleinkinderpopoglätte der Wangen. Mit im Koffer hat der Mann die abonnierte Welt oder Welt am Sonntag. Und ein großer Zottelhund an der Leine versucht vergeblich, ihn von seinem Standpunkt fortzubewegen. Auf seinem Standpunkt steht der Mann. Natürlich in italienischen Schuhen. Wenn er nicht gerade aus einem deutschen Astralauto steigt oder mit seiner Segelyacht losturnt.

Die Herren auf den ganzseitigen Fotos haben klangvolle Namen. Sie heißen Redaeli oder Gucci oder einfach Boss, auch Windsor oder Bagutta oder Kenzo. So steh's drunter und drüber. Manche auch haben Namen, die weniger nach Motorsport klingen, mehr nach Kollege in einer gemischt-nationalen Baukolonne: Ralph Lauren, Toni Gard, Gianfranco Ferre, Claude Montana, Brian Scott oder Franco Ziche ... Das sind Männer, sage ich Ihnen, männer geh's nicht mehr. Einer wie der andere eine Neuauflage von Rock Hudson. Einfach großartig. Nur daß jeder so böse dreinschaut, so trostlos verdrossen, das Mannsbild, so total fertig mit jedweder Lebensfreude. Als ob sie alle Aids hätten.

Nun, ich weiß, daß manche Berufe sehr stressig sind. Und auch sehr desillusionierend. Aber bei meinen Bemühungen, den Gesichtern dieser Problematiker ihre Profession abzugucken, bin ich jämmerlich gescheitert. Natürlich weiß ich, daß diese freudlosen Männer nicht zu einer gemischt-nationalen Baukolonne gehören, dafür sind sie viel zu ambitiös in ihrem Outfit. Soviel Markttransparenz im Blick habe ich schon. Aber was sind diese todunglücklichen Typen denn für Leute? Sind sie vielleicht Wissenschaftler, die schwer an der Verantwortung für ihre Genmanipulationen zu tragen haben? Nein, dafür wirken sie zu unterbelichtet. Ich hoffe, die internationalen Spitzenfo-tografen, die sie aufgenommen haben, nehmen auch das richtig auf. Vielleicht sind sie Manager, von Termin zu Termin gehetzt? Nein, auch das nicht, dafür sind sie einfach zu schön. Weiß doch jeder, daß Arbeit häßlich macht. Sind sie eventuell Offiziere in Zivil, Fregattenkapitäne und Oberstleutnants verkleidet? Davon will ich nichts hören, damit mir nicht das Vertrauen in unsere schimmernde Wehr zerstört wird durch die hoffnungslose Verlorenheit in den Gesichtern dieser Männer. Ich werde es wohl nicht ergründen, was für Männer das sind. Ich nehme sie halt so, wie sie sind, als Männer wie du und ich - nur anders. Aber als braver Bürger kann ich nur hoffen, daß so was Gefährliches wie diese Männer auf ewig und allezeit in den Magazinen bleibt - genau wie die Schießprügel.


 

Trade Mark Men

         What differentiates men’s magazines from gun magazines? Nothing!  They both have just one purpose: Intimidation. Whether talking about firearms that look so terrifying, or about the men for whom apparently the Lord allowed them to be forged. The effect is the same. Only with a quivering quill do I dare report on what I have seen: Men, I tell you, men, one like the next. Rather prototypical masculinity in mass production, delivered on the finest paper of men’s fashion magazines.

         These powerful jawbones, these masterfully wild noses, resolutely closed mouths, the profoundly deeply set eyes. And then the heroic charm of the nasolabial wrinkle in the floodlight. Or the shadowy field under the strong, Aryan cheekbones. Really, these powerful cheeks. Why do they have such a maddening effect? Of course! Because they manifest in their polished perfection the trinity of man, woman and child: Manly creases, feminine hairlessness and the immaculate smoothness of a small child’s bottom. Now I know what “After Shave” means.

Still, the man-o-man of today does not surround himself with such trivial things. We see he is the man of the hour, obvious from his timepiece. Rolex Submariner, guaranteed watertight to 300 meters. Okay, okay, man can never sink any deeper if he believes in himself. Or perhaps it could also be a Piaget? Or a Wempe? Or a Bulgari or, or, or? And the watches for which he no longer has a wrist free he simply packs away in a case by Louis Vuitton. In his initialled case the trinity man carries around with him, in addition to wristwatches, the scent and care products by Gainsboro. Or Lagerfeld perfumes. But no Pampers because of the small-child’s-bottom smoothness of the cheeks. Included in the case, the man has the subscribed “Welt” or “Welt am Sonntag”. And a large shaggy dog on a line is trying in vain to move him away from his standing point. The man is standing on his standpoint. Naturally in Italian shoes. If he is not just climbing out of a German astral automobile or jumping on his sailing yacht.

The men in the full page photos have full sounding names. They are called Redaeli or Gucci or simply Boss, also Windsor or Bagutta or Kenzo.  So named underneath and upside down. Many also have names which sound less like motor sport and more like fellow workers in a mixed national construction crew: Ralf Lauren, Toni Gard, Gianfranco Ferre, Claude Montana, Brian Scott or Franco Ziche… Those are men, I tell you, more manly is not possible. One like the other a new reprint of Rock Hudson. Simply magnificent. It’s just that each is looking so angry, so cheerlessly annoyed, that picture of a man, totally finished of any joy in life. As though they all had Aids.

Now I know that many occupations are very stressful. And also very disillusioning. But in my efforts to study the faces of these ambiguous examples of their profession, I have failed miserable. Naturally I know that these joyless men do not belong to a mixed national construction crew; they are too aspiring in their outfit. I already have that much trade mark transparency in my outlook.  But then what kind of people are these deathly unhappy dudes? Are they perhaps scientists who carry the heavy burden of their gene manipulations?  No, for that they are too underexposed. I hope that the international top photographers who have taken these pictures will take that correctly, too. Perhaps they are managers, chasing from one appointment to the next? No, also not. For that they are simply too handsome. Everybody knows that work makes you ugly. Are they maybe officers in civilian, frigate captains and first lieutenants in disguise? Of that I do not want to know anything, so I don’t lose trust in our shiny weapons through the hopeless forlornness in the faces of these men. I most likely will not fathom what kind of men they are. I will take them as they are, as men like you or I –  just different. But as a good citizen I can only hope that something as dangerous as these men remain eternally and for all time in the magazines – just like the firearms.

 



Kurz und gut - Die Kurz-Kurzgeschichte
 

Die Droge Wort ist wiederzuentdecken. Und zwar in der halluzinogenen Erscheinungsform, in der bewußtseinserweiternden. Denn das Wort von heute ist zur Leerformel verkommen. Das Wort, das sich uns tagtäglich aufdrängt, ist eine taube Nuss, ist destilliertes Wasser, ist total gedimmtes Licht – ist schon weitgehend vom Codewort zum Kotwort mutiert. Weil es zuviel von Politikern in den Mund genommen wird, zu eifrig von Journalisten auf Zeitungsformat zusammengepresst.

Das Wort als Droge gilt es wiederzuentdecken. Aber wo? So wenig die bewußtseinserweiternden Drogen mit der Drogerie zu tun haben, so wenig hat das bewußtseinserweiternde Wort mit den Institutionen zu tun, die viele Worte machen, die das große Wort führen, die Worte besetzen und sich mit Worten bekämpfen.
Zur Droge wird das Wort erst in der Literatur. Ein Satz, der nicht ohne weiteres umkehrbar ist; dafür gibt es viel zuviel an moderner Literatur, die einen unbeeindruckt bleiben läßt. Dennoch gilt: Das Dorado des Wortes ist die Literatur. Da kann es goldglänzend auftreten und feuerspeiend, donnergrollend und händchenhaltend, suggestiv und umwerfend. Wie es euch gefällt. Die wirkkräftigen Worte von gestern sind meist Verse. Sie sind Worte, so perfekt formuliert, so eingängig, daß sie einmal gelernt als eine eiserne Reserve durchs Leben begleiten. Kriegsgefangene haben oft davon berichtet, daß ihnen einige wenige alte Verse, die sie sich immer wieder vorgesagt haben, geholfen haben zu überleben. Die moderne Literatur bildet solche Worte nicht mehr, nicht nur, weil sie den Reim, die Merkhilfe, weitgehend überwunden hat, sie ist auch zu wortreich geworden, um noch Wortkräfte zu entfalten.

Halluzinogen, bewußtseinserweiternd können heute Kurztexte wirken, aber nur, wenn sie mehr sind als die Komprimierung zur schlichten Pillenform erwarten läßt, wenn sie nach mehr schmecken als nach nützlichen Pharmaka oder gesunden Gerichten, wenn sie high machen statt müde, satt und zufrieden. Das ist die Chance der Kurz-Kurzgeschichte, zugleich auch schon ein wesentlicher Bestandteil ihrer Definition. Die Kurz-Kurzgeschichte sieht die Welt wie durchs Fernglas: Ein winziger Ausschnitt bekommt Größe, bekommt Bedeutung; oder die Welt wird auf ungewohnte Weise distanziert gesehen, als hätte man das Glas falschherum angesetzt. Aber sobald man das Fernglas vom Auge nimmt, steht man wieder der ganzen Welt gegenüber. Doch von dem Blick durchs Glas bleibt nicht nur die Erinnerung – an eine andere Welt, es bleibt ein verändertes Bewußtsein.

Die Kurz-Kurzgeschichte, so sehr sie äußerlich literarischen Formen wie der Metapher, der Parabel oder der Inhaltsangabe gleichen mag, der Fabel, dem Storyboard, dem Trailer, der Anekdote oder dem Witz, dem bloßen Gesprächsfetzen als Notiz, sie ist doch viel mehr. Sie bringt auf  einer Seite, wofür ein Roman Hunderte von Seiten braucht. Sie ist bei aller Kürze eine komplette Erzählung, ist eine runde Story, weil auch alles vom Autor Weggelassene im Bewußtsein des Lesers aktiviert wird. Sie hält sich nicht mit einer Disposition auf, sondern steigt einfach irgendwo ein, sie führt in klassischer Manier zu einem Clou und endet - in allem wie die Kurzgeschichte - abrupt, zum Weiterdenken auffordernd.

Ist die Kurzgeschichte eine Ballettszene, ist die Kurz-Kurzgeschichte die einzelne, einsame Pirouette. Eine Geschichte, die – kaum begonnen – schon zuende ist und dennoch voller Spannung, voller Anstöße zur Erweiterung des Bewußtseins und – im wahren Wortsinn – nachdenklich machend. Vielleicht auch quälend. Oder alarmierend. Oder wie ein plötzlicher Ausrutscher auf vereistem Gehweg wirkend.
Das wesentliche Gestaltungsmittel, so banal das klingen mag, ist für die Kurz-Kurzgeschichte ihre Kürze. Und die braucht sie nicht etwa nur zur Vermeidung von Redundanz. Geschenkt. Schon gar nicht geht es um Rücksicht auf die abgelenkten und stets unter Zeitdruck stehenden Zeitgenossen. Es geht um eine beinahe zenbuddhistisch anmutende äußerste Konzentriertheit, beim Autor wie beim Leser.
Nun bedeutet für den Autor Kürze bekanntlich nicht Erleichterung der Arbeit, sondern Erschwerung. Denn in einem kurzen Text bekommt jedes einzelne Wort im Verhältnis zum Gesamten ein nur noch in Kilogramm vorstellbares Gewicht, genauso jede einzelne Auslassung, jede Andeutung, jede Redefigur, jede geweckte Assoziation. In der Kurz-Kurzgeschichte werden die Bedeutungen noch potenziert. Hier geht es schon bei jeder Silbe um Zentnergewichte, genau wie bei allem Ausgesparten, und es ist viel mehr ausgespart als bei der Kurzgeschichte. Und doch soll die Kurz-Kurzgeschichte die Leichtigkeit einer Pirouette zeigen, den Spitzentanz vorführen, der zu spontanem Applaus verleitet.

So sicher Drogengenuß für den Nichtkenner zum bad trip führt, so sicher läßt die Pirouette den Tanzunerfahrenen auf die Nase fallen. Deshalb ist die Kurz-Kurzgeschichte nur als das Ergebnis einer sehr langen Bemühung um das Wort möglich. Sie ist das Spitzenprodukt einer ausgeschriebenen Feder. Wer so extrem verdichtet erzählen kann, daß eine lesenswerte Kurz-Kurzgeschichte entsteht, der ist ein Dichter.


 

Der X-Ray-Stil in der Literatur
 

Am 8. November 1895 entdeckte der aus dem Bergischen Land stammende Physiker Wilhelm Conrad Röntgen eine neue Art von Strahlen, die er X-Strahlen nannte. Es sind das die heute nach ihm benannten Röntgenstrahlen, international unter der Bezeichnung X-Ray bekannt. In der Physik wie in der Medizin lernte man ihre aufregende Besonderheit schätzen, nämlich die "Durchdringungsfähigkeit". Die Röntgenuntersuchung , das sogenannte "bildgebende" Verfahren, wurde schnell Standard.

Was hat das nun mit Literatur zu tun? Scheinbar nichts. Denn der Röntgenstil, auch X-Ray-Stil genannt, ist bisher ausschließlich für die Malerei ein Begriff. Dort bezeichnet er die simultane Darstellung von Äußerem und Innerem, nämlich der Umrißform eines Körpers und seiner Wirbelsäule sowie wichtiger innerer Organe. Dabei geht es um Tierbilder und um Menschendarstellungen. Dieser doppeldarstellende X-Ray-Stil tritt vor allem in Rindenbildern und in den nordaustralischen Felsbildern der Aborigenes auf.

Es ist an der Zeit, den Begriff X-Ray-Stil auch auf literarische Werke anzuwenden, nämlich auf den Roman. Ist dessen Kennzeichen doch die Simultaneität der Darstellung von äußeren Umrißformen einer Gesellschaft oder einer Epoche mit der Darstellung von einzelnen Menschen in ihrer Auseinandersetzung mit dieser Gesellschaft oder Epoche. Also Aufblick und Durchblick in einem: Der Roman durchleuchtet unsere Gesellschaft beziehungsweise unsere Zeit und unser Leben in ihr. Um in der Röntgensprache zu bleiben: Die "Durchdringungsfähigkeit" des Romans macht seine Bedeutung als "bildgebendes" literarisches Untersuchungsverfahren aus.

Nun ist es wahrhaftig nichts Neues, eher schon Common sense, daß jede Gesellschaft, jede Zeit darauf angewiesen ist, eine Literatur zu entwickeln, die sie kritisch durchleuchtet, weil alles Herumdoktern an den gesellschaftlichen Verhältnissen ohne vorhergehende sichere Diagnose Pfuscherei ist. Bei der Betrachtung der deutschsprachigen Literatur der letzten fünfzig Jahre können wir beruhigt feststellen, daß die österreichische Gesellschaft eine vielfältige Röntgen-Literatur hat, ebenfalls die schweizer Gesellschaft. Und erst recht gilt das für die Gesellschaft der ehemaligen DDR. Weniger zufrieden kann man dagegen mit der literarischen Röntgenuntersuchung der bundesdeutschen Gesellschaft sein. Das fing zwar gut an mit Wolfgang Koeppens "Tauben im Gras" und "Das Treibhaus", doch nachher ließ man kaum noch Gesellschaftsdurchleuchtendes kommen außer einem Siegfried Lenz nach dem anderen Siegfried Lenz, einem Günter Grass nach dem anderen Günter Grass. Den erstgenannten Autor hat man schnell vergessen, den zweiten schluckt man ohne Beschwerden, und dem dritten nimmt man es einfach krumm, daß er sich kritisch zur Zeit äußert.

Man muß leider feststellen: Die bei weitem größte der noch bis vor wenigen Jahren insgesamt vier existierenden deutschsprachigen Gesellschaften, nämlich die BRD-Gesellschaft, ist literarisch am wenigsten durchleuchtet worden. Oder richtiger gesagt: Die Versuche zu ihrer literarischen Durchleuchtung sind fast alle erfolglos geblieben. Das hat verschiedene Gründe. Dabei spielt eine Rolle, daß wir Deutschen schon immer eine besondere Affinität zu Ausländischem zeigen; darauf hat unser Kulturbetrieb sich eingestellt. Dabei spielt aber auch eine Rolle, daß die Schweizer und die Österreicher ihre gutausgebauten Literatur-Förderungs-Systeme im krassen Gegensatz zu bundesdeutschen Usancen so gut wie ausschließlich Autoren ihrer eigenen Nationalität zugutekommen lassen; so die überraschende Aussage der Statistiken. Dabei spielt ferner eine Rolle, daß die DDR-Autoren schon vor dem Fall der Mauer in der Bundesrepublik einen zweiten Markt hatten, während bundesrepublikanische Autoren nicht auf den DDR-Markt kamen. Und schließlich spielt die Hauptrolle, daß wir Bundesrepublikaner uns nur zu gern auf alle DDR-Literatur gestürzt haben, die mit ihren kleinen Dosen Marginalkritik an den dortigen Verhältnissen uns und eine überlegene Qualität unserer gesellschaftlichen Verhältnisse zu bestätigen schien.

Der letzte Satz müßte korrekterweise im Präsens gebracht werden. Denn auch mehr als 10 Jahre nach der Wiedervereinigung hat sich an der Vorherrschaft der DDR-Literatur bei uns nichts geändert. Die DDR-Autoren können weiterhin von der Schilderung der DDR-Verhältnisse, jetzt im Rückblick gebracht, zehren, weil der bundesdeutsche Kulturapparat sich an sie gewöhnt hat. Ihre Namen wie die der Schweizer und Österreicher sind unseren Kultur-Apparatschiks geläufig, sie fallen ihnen stets zuerst ein, all den bundesdeutschen Stipendiengebern, Preisverteilern, Redakteuren und Rezensenten, Veranstaltern von Lesungen, Buchhändlern, Buchhandelsvertretern, Lektoren und Verlegern. Sie haben sich daran gewöhnt und finden es so angenehm, daß die schweizer Autoren volltönend die Schweiz kritisieren, die österreichischen Autoren Österreich, die DDR-Autoren die ehemalige DDR - und kaum jemand an unseren eigenen Verhältnissen herummäkelt. Denn sie alle gehören ja zu den wichtigen Trägern dieser bundesdeutschen Gesellschaft, zu dem, was man vor einigen Jahrzehnten das Establishment nannte.

Zum Begriff des Establishments gehört nun aber, daß es nur an Selbsterhaltung interessiert ist, nicht jedoch an kritischer Durchleuchtung. Darüber kann auch der immer wieder theatralisch servierte Seufzer nicht hinwegtäuschen, man warte händeringend auf den großen deutschen Gegenwartsroman. Die danach schreien sind seine eigentlichen Verhinderer. Tatsache ist, daß bei den Menschen und Institutionen, die bei uns die Kulturszene steuern, nicht der Wunsch besteht, sich und die ganze bundesdeutsche Gesellschaft kritisch in Frage gestellt zu sehen. Es gibt einfach keinen Bedarf an Durchleuchtung, damit auch keine Chance für den bundesdeutschen X-Ray-Stil. Wozu denn auch? Es gibt ja genügend kritische Literatur zu anderen Gesellschaften, die man importieren, propagieren und preisen kann. So leben wir weiter in einem der erfolgreichsten modernen Staaten und leisten uns den geschmäcklerischen Luxus, mit Scheuklappen und Oropax herumzulaufen: Nur nicht daran rühren, daß auch unsere Gesellschaft voller Probleme steckt.
 
 

Kommt bald das erste Fernsehspiel?

Eine Pro-Vokation

Geben wir es doch zu: Unser Gerede vom Original-Fernsehspiel gleicht immer noch der Bewunderung für des Kaisers neue Kleider. Genau besehen ist da nichts. Das sogenannte Fernsehspiel ist entweder ein Spielfilm oder ein Theaterstück, egal ob gefilmt oder aufgezeichnet. Und selbst drei hintereinander an einem Abend, ohne Pausen aneinandergereiht, machen noch lange kein Fernsehspiel, sondern nur die Zuschauer meschugge. Ein Fernsehspiel als eigene Kunstform des Fernsehens, das gibt es auch gut sechzig Jahre nach der TV-Geburt noch nicht. An dem Geständnis führt kein Weg vorbei. Das Fernsehen ist nackt.

Nun könnte man sich fragen: Muß es denn unbedingt ein Fernsehspiel geben, wenn es auch ohne geht? – Die Frage führt in die Irre. Denn eine künstlerische Gattung wird bekanntlich nicht geschaffen. Sie entsteht ganz von selbst, sobald sie als künstlerische Herausforderung empfunden wird und die Bedingungen dazu gegeben sind. Von diesem Podest aus kann man sagen: Es sieht so aus, als ob das Fernsehspiel als eigenständige Kunstform des Mediums Fernsehen jetzt vor der Tür stehe. Gehen wir diesem Adventsgefühl einmal nüchtern schlußfolgernd nach.

Aus der Entwicklung des Hörfunks kann der Trost bezogen werden: So was dauert. Bis man die spezifische Spielform des Radios erkannt und verwirklicht hat,  nämlich das Hörspiel, vergingen viele Jahre. In Deutschland wie auch in England und Frankreich wurden die ersten Original-Hörspiele erst 1924 produziert. Und das, obwohl es schon seit dem Ersten Weltkrieg richtige Rundfunkprogramme gab und obwohl schon 1912 in London die erste Funkausstellung der Welt stattgefunden hatte. Das Wort hatte im Radio zunächst nur Bedeutung bei der Lesung literarischer Werke, als Vortrag, Nachricht und Ansage. Heute ist das Hörspiel als eigene Kunstgattung anerkannt und selbstverständlich. Es konnte sich etablieren, als man die spezifischen Möglichkeiten des Hörfunks erkannte. Das Hörspiel, so lautet heute die Definition, ist Imagination und entsteht durch Sendung, es wird erst wirklich mit Hilfe der Mikrofone und der Beteiligung des Zuhörers, der sich selbst die Bilder zu den Texten schafft. Das Hörspiel kann nicht anders produziert werden, ohne völlig umgearbeitet zu werden und damit etwas anderes zu sein. Deshalb ist das Hörspiel als eigenständige Kunstform sogar für viele renommierte Autoren reizvoll geworden.

Längst ist uns selbstverständlich: Das Hörspiel lebt vom Überwinden der Zeitdimension. Es ist geradezu ein Spiel mit der Kategorie Zeit, deren unterschiedlicher Einsatz die Ebenen der Handlung ergibt. Die Gleichzeitigkeit und die Durchdringung von Gegenwärtigem und Vergangenem mit Erträumtem und Erwartetem, das ergibt die „Hörbühne" im Einzelbewußtsein. Das Hörspiel hat damit seine eigene Bühne gefunden und sich zur jüngsten selbständigen Kunstgattung epischer Art entwickelt. Klar, daß es sich auch weiterentwickelt hat, über Stationen wie Neues Hörspiel und Original-Hörspiel und Audioart, und sich weiterentwickeln wird.

Eine ähnliche Sternstunde gab es beim Fernsehen noch nicht, wenn man nicht Videoart als die Kunstform des Fernsehens bezeichnen will, dieses Spielen der Video-Freaks mit Licht und Farben und ihren speziellen Effekten. Was Ende der 70 Jahre des vergangenen Jahrhunderts an elektronischen Spielen für den Bildschirm aufkam, das waren schon eher Fernsehspiele als die in der Funkillustrierten ausgedruckten. Nur hatten sie das Pech, daß der Begriff Fernsehspiel schon besetzt war, wenn auch nur von einem Hochstapler-Fernsehspiel. Das heißt: Ein Fernsehspiel wird dem Hörspiel den Rang als jüngste Kunstgattung epischer Art erst streitig machen können, wenn es seine spezifische „Bühne" entdeckt hat. Für deren Bestimmung kann vorab festgestellt werden: das Fernsehen und damit auch das Fernsehspiel ist sehr stark von materiellen Voraussetzungen abhängig, im Gegensatz zu dem beinahe immateriell entstehenden Hörspiel.

Bei konsequentem Weiterbohren ergeben sich als zusätzliche Kriterien für das Fernsehspiel ein paar Überraschungen: Die ganze Imagination des Fernsehens verrät sich nämlich schon in der sehr treffend gewählten Bezeichnung „Fernsehen". In die Ferne sehen, das heißt etwas sehen, was außerhalb meines Gesichtskreises geschieht. Ein Dabeisein, wo ich nicht bin. Das ist einer der archetypischen Träume der Menschheit, vergleichbar dem Traum vom Fliegen. Das Verhaftetsein an der Erde und das Dortsein, wo man gerade ist, das sind natürliche Beschränkungen des Menschen, die trotz seines hochentwickelten Werkzeuggebrauchs Jahrtausende lang unüberwindbar schienen – nur im Märchen aufhebbar. Das Hörspiel hat die Überwindung unserer Bindung an die Zeit gebracht. Ein erster großer Erfolg. Weniger bedeutsam ist beim Hörspiel die Überwindung der räumlichen Bindung. Denn das Dabeisein am anderen Ort ist beim Hörfunk noch nicht so unmittelbar, so eindringlich, wie es das beim Fernsehen ist - oder sein könnte.

Als ersten Schritt hin zu diesem Dabeisein am anderen Ort darf man schon das Theaterstück deuten. Insofern als es den Zuschauer packt und ihn miteinbezieht in die Handlung, kann es für ihn die Kategorien von Raum und Zeit überwinden. Darin liegt ein starker Reiz des Theaters, keinesfalls aber sein Wesen. Im Grunde will es ja nicht die perfekte Traumwelt schaffen, es will nicht die Identität des Schauspielers mit der dargestellten Person suggerieren. Es benutzt nur Schauspieler, die quasi immer noch hinter Masken spielen wie im Alten Griechenland, um eine Parabel auszumalen. Dem Zuschauer bleibt bewußt, daß ihm nur etwas vorgespielt wird. Dabei ist die Aussage des Stückes wesentlicher als die Entrückung.

Die große Illusion will und kann das Theater niemals aufbauen, auch nicht mit noch so aufwendiger Bühnentechnik und Ausstattung, nicht einmal mit Richard Wagners Gesamtkunstwerk. Die große Illusion ist Sache des Kinofilms. Sein Erfolg beruht nicht zuletzt darauf, daß er die Traumwelt perfektioniert. Der Spielfilm schafft es, den Zuschauer in eine andere Zeit und eine andere Umwelt hinüber zu transportieren. Der aufmerksame Zuschauer ist im Kino nur noch körperlich anwesend, bewußtseinsmäßig und gefühlsmäßig ist er entführt. Filme sind somit konservierte und projezierte Träume der Menschheit. Der Film ist schon die scheinbare Verwirklichung dieser archetypischen Träume. Weil er sich sehr schnell darüber klar geworden ist, was seine Stärke gegenüber dem Theater ist. Er hat die Illusion weit über das dem Theater Mögliche hinaus gesteigert. Die Traumfabrik Hollywood war das Ergebnis dieses Kraftakts. Leider kam für den Stummfilm ein viel zu frühes Ende durch den scheinbar attraktiveren Tonfilm. Der Stummfilm war noch in seinen Anfängen, war erst Theaterspiel aus dem schalltoten Winkel betrachtet und mit nach draußen verlegter Bühne. Aber die konsequente Weiterentwicklung zum pantomimischen Stummfilm, der alle Zwischentitel überflüssig macht, stand noch aus, als er schon starb. Kindergrab, deshalb für uns Heutige so ergreifend, wenn man mal einen Stummfilm zu sehen bekommt.

Hollywood ging nicht nur durch den Einbruch des Fernsehens in die Knie, sondern vor allem durch den ausufernden Starkult, der mit der totalen Illusion unvereinbar ist, weil der bekannte Star durch jede Verkleidung hindurchscheint. Ein John Wayne wird immer noch als der Sheriff empfunden, wenn er auch zur Abwechslung mal den Bankräuber spielt. Der Blick auf die archetypischen Wünsche der Menschheit zeigt, daß dieser Fehler unverzeihlich ist, weil er die Imaginationskraft des Films untergräbt. Aber Hollywoods Niedergang und endloses Dahinsiechen ist ein anderes Thema.  Festzuhalten ist, daß es etwas gibt, was auch der Spielfilm nicht überwinden kann, nämlich einen Rest von Distanz zum Zuschauer, der schon dadurch unvermeidbar ist, daß nur eine Konserve vorgeführt wird.

Und was ist mit dem Fernsehen? Während der Spielfilm noch gebunden ist ans Referieren, ans Konservieren von etwas Veranstaltetem, ist das Fernsehen durch die Unmittelbarkeit überlegen. Oder richtiger: es könnte überlegen sein. Das Leben, das der Kinofilm nur als Illusion zu bieten vermag, kann das Fernsehen als gegenwärtige Tatsache bringen. Das ist die stärkste Verwirklichung des Menscheitstraumes von den Flügeln, die über Raum und Zeit hinwegtragen. Und weil die Fernsehmacher sich ihren Vorteil gegenüber den Kinofilmern natürlich zunutze machen wollen, werden sie eines Tages dahinterkommen, konsequent die Gleichzeitigkeit von Geschehen und Sehen herauszustellen, d. h. die Live-Vermittlung eines Ereignisses, das anderswo stattfindet. Deshalb ist die Live-Sendung nicht etwa nur ein netter Gag, der das Programm belebt - so heute immer noch gesehen -, sondern sie ist das eigentliche Wesensmerkmal des Fernsehens. In der Live-Sendung erst liegt die ganze Imaginationskraft des Mediums Fernsehen.

In dem Zusammenhang eine Bemerkung zu der so heftig propagierten Regionalisierung des Fernsehens: Daß es in jeder Landesecke dabeisein soll, ist ja nur richtig, daß ich als Zuschauer aber bestimmte Programme nicht sehen kann, nur weil ich gerade in der falschen Landesecke sitze, ist die Sünde wider den Heiligen Geist der Fernsehens. Das Stichwort Regionalisierung haben die Zuschauer deshalb längst gegen das Stichwort Satellitenfernsehen ausgetauscht, wo sie die Möglichkeit dazu hatten. Es gibt ja Städte, die wegen der angeblichen Verschandelung des Stadtbildes die Anbringung von Satellitenschüsseln verbieten.

Bleiben wir beim Thema Live-Sendung. Das direkt ausgestrahlte Fernsehen kann nicht mehr länger als das schlechtere Fernsehen abgetan werden, nur weil es an Perfektionsmängeln leidet oder zu leiden scheint. Längst ist doch klar: Richtiges Fernsehen, das ist Fußballweltmeisterschaft oder Olympische Spiele oder Spiel ohne Grenzen oder auch die bisher einmalige Global-Reportage eines einzigen Augenblicks als Gemeinschafts-Live-Sendung von Fernsehstationen rund um den Erdball. Das erste weltweite Live-Erlebnis der Menschheit, das Fernseherlebnis überhaupt, war die Krönung Elizabeths II. im Jahre 1953. Richtiges Fernsehen, das war auch ein so eindringliches Live-Geschehen wie die Landung des ersten Menschen auf dem Mond im Jahre 1969. Dagegen sind alle Spielchen aus der Konserve hinter dem Mond. Sie sind simples Heimkino und nichts anderes. Und sie werden auch nicht dadurch etwas anderes, daß die Stücke speziell für das Fernsehen geschrieben und produziert wurden. Mit diesem heute noch gängigen Kriterium für den Begriff Original-Fernsehspiel wird lediglich gewissen Postulaten der Programmplanung und der besonderen Bildschirmdarstellung Rechnung getragen – mehr Großaufnahmen statt Totalen, nichts zum Nachdenken, weil dafür keine Zeit bleibt, und weniger Aufwand, weil das Budget kleiner ist. Das ist nichts, was das Wesen des Fernsehspiels ausmachen könnte. Wenn zwischen Kinofilm und Fernsehen ein Wesensunterschied besteht, und das ist eine Frage der Weite der Definition, dann muß das faktisch Unterschiedliche als Kriterium herangezogen werden. Und das ist nun einmal der himmelweite Unterschied zwischen Nacherleben und Dabeisein. Fernsehen, das ist Live-Erlebnis. Und was wir heute als Fernsehen bezeichnen, ist fast alles noch die Vorstufe zum eigentlichen Fernsehen.

Wie kam es zu dieser Entwicklungsstörung bei unserem Lieblingskind Fernsehen? – Daß die Fernsehpraxis immer noch vom Trend zur Konserve bestimmt wird, ist eigentlich nur Ausfluß der guten Absicht, dem Publikum das Beste zu bieten. Auch die monatelang vorproduzierte Sylvesterbelustigung. Die Nervosität von Regisseur, Aufnahmeteam und Darstellern wird eliminiert, dabei allerdings leider auch die Lebendigkeit der Darstellung. Zugegeben, Terminschwierigkeiten sind durch Vorproduktion besser zu überbrücken. Zudem schreckte anfangs noch die recht schwerfällige Elektronikausrüstung von Live-Experimenten ab. Dann standen vor allem die riesigen Magnetaufzeichnungseinrichtungen der Funkhäuser der Live-Sendung im Weg, mußten sie doch benutzt werden, um sich zu amortisieren. Als das Fernsehen heranwuchs, waren die Filmkameras ausgereifter als die elektronischen Kameras. Doch die immer umständlich bleibende Filmbearbeitung einerseits und die neuesten handlichen Videokameras andererseits verwandelten den Vorsprung der Filmkamera in einen Rückstand. Einen Rückschlag für das Live-Erlebnis brachte das Privat-Fernsehen mit seiner noch direkteren Abhängigkeit von Sponsor-Firmen. Da wurde das Risiko einer Live-Sendung unkalkulierbar. Kein Wunder deshalb, daß die Klage über die Ignoranz gegenüber der Live-Sendung nicht nur auf das bundesdeutsche Fernsehen zutrifft, sondern auch und erst recht auf das Fernsehen unserer „Leit-Kultur" in den USA.

Live allein reicht aber nicht aus, um das Besondere des Fernsehens herauszustellen. Daneben muß ein weiterer wesentlicher Unterschied zum Spielfilm und Theater genannt werden: Der Zuschauer wird zuhause angesprochen, nicht herausgehoben aus seiner häuslichen Sphäre, nicht durch einen festlichen Raum und besondere Kleidung oder durch die Gemeinsamkeit mit vielen fremden Menschen im abgedunkelten Saal auf ein besonderes Erlebnis eingestimmt. Das Fernsehen, das mit der Alltäglichkeit und den banalen Ablenkungen daheim zurechtkommen muß, kann sich seine eigene „Bühne" nur schaffen, indem es eine Brücke baut vom Studio oder Übertragungswagen hin zur Wohnstube, die damit in das Spiel eingebaut wird. Denn so wirkt das Dabeisein am stärksten. Und erste Ansätze dazu gibt es ja schon seit Jahrzehnten. Längst ist man dazu übergegangen, den Zuschauer zum Mitmachen aufzufordern, so schon damals beim „Goldenen Schuß" und noch heute bei den ungelösten Kriminalfällen. Der Zuschauer war bzw. ist begeistert, daß er mitschießen und mitverhaften darf. Frühe – positive – Beispiele für diese Methode des Involvierens gibt es inzwischen reichlich, und doch bleiben sie immer noch die Ausnahmen.

Was ist denn das Besondere an dieser Aufforderungsmasche? Der Kinofilm hat den Ehrgeiz, den Kinogänger völlig zu entrücken. Das bedeutet, daß er den Antagonismus der beiden Situationen aufhebt, nämlich den der persönlichen Situation des Zuschauers – im Kinosaal – und seiner Filmsituation – mit Napoleon auf dem Schlachtfeld von Waterloo. Das Vergessen der persönlichen Situation wird beim Fernsehen viel seltener erreicht, und das Fernsehspiel wird seinen Ehrgeiz auch nicht darauf ausrichten. Es wird im Gegenteil absichtlich den Antagonismus des gleichzeitigen Hierseins und Dortseins pflegen, indem es den Zuschauer in seiner persönlichen Sphäre aktiviert. Denn dadurch erst spürt er deutlich, daß er sehen kann, wo er nicht ist, daß er also fern sieht. Diese Aktivierung des Zuschauers wird mehr sein – und auch etwas ganz anderes – als der bekannte Gag, die Zuschauer aufzufordern, anzurufen oder als Zeichen ihrer Zustimmung einmal alle verfügbaren Lichtquellen einzuschalten. Das ist noch primitive Erfolgsmessung, nicht anders als der höhere Wasserverbrauch unmittelbar nachdem man die Leute in ihre Betten entläßt.

Ist es denn so abwegig, den Zuschauer mitmachen zu lassen? Schließlich hat er bereits heute viele Möglichkeiten, den persönlichen Eindruck von der Sendung zu verändern. Zumindest kann er Lautstärke und Helligkeit, Farbton und Kontrast manipulieren. Er kann auch die Raumbeleuchtung variieren, er kann den Bildschirm aus anderen Perspektiven betrachten – wer hat nicht schon versucht, einer Darstellerin von oben in den tiefen Ausschnitt zu schauen, und dabei etwas entdeckt, das ihn stutzig machte. Der Zuschauer kann zum Umschalten und zum Einsatz irgendwelcher Requisiten – nicht nur des Telefons – aufgefordert werden. Ein frühes Beispiel für mündige Mitwirkung mündiger Bürger bot das Professoren-Hearing bei der Mondlandungsreportage, das stundenlang von den fragenden Zuschauern per Telefon, Telex und Telegramm gesteuert wurde. Da haben einmal die Zuschauer die Sendung gemacht, nicht die Leute im Studio. Das ZDF bot vor Jahren auf einer Funkausstellung eine Rückkoppelungsmöglichkeit an, als ein kleines Appetithäppchen. Eine „Quasselbox", in der nach Herzenslust Dampf abgelassen werden konnte. Ein Beschwerdebuch also, das aber schon durch seine Jux-Bezeichnung entschärft wurde.

Sie wurde also schon ausprobiert, aber noch nicht eigentlich eingeführt, die Mitwirkung des Publikums durch Kommentierung des Gesehenen. Auch durch Einspeisung eigener Video- oder Film-Produktionen, oder durch eine Aktivität, die den einzelnen vom Fernsehsessel löst, ihn aus dem Zimmer lockt. Es sieht so aus, als könnte das Fernsehspiel, das demnächst geboren wird, als eine Art Heim-Happening mittels Bildschirm bezeichnet werden.

Das wäre mehr als bloße Spielerei. Es wäre ein notwendiges Korrelat, nämlich die teilweise Aufhebung der Einbahnstraße, die Fernsehen bisher immer noch ist. Immer vom großen Mund und der großen Geste hin zu dem kleinen Ohr und Auge des Konsumenten. Ist doch alles, was diese Einbahnstraße kaschieren soll, bisher heiße Luft geblieben. Wir haben große Worte, erhabene Begriffe produziert, mehr nicht. Interaktive Kommunikations-Systeme heißt eins unserer Lieblingsschlagworte, Dialogmedien ein anderes. Diese Begriffe sind leider immer noch größer als die dahinterstehende Wirklichkeit. Denn die hieß zunächst Btx und fand unter Ausschluß der Öffentlichkeit statt. Erst mit dem Internet sind hier neue Chancen eröffnet worden. Die Tele-Spiele zeigen, was alles möglich ist. Bei der Umstellung vom analogen auf das digitale Fernsehen durch die neuen privaten Kabelnetzbetreiber werden demnächst Fernsehen, Internet und Telefon ein und dasselbe Netz benutzen. Dann braucht nur noch das totale Zusammenspiel von Fernsehen und Internet zu erfolgen, aus zwei getrennten Kästen muß einer werden, und wir können erstmals von der Aufhebung der Einbahnstraße sprechen. Erstmals auch hat dann die Massenkommunikation den Namen Kommunikation verdient.

Zurück zu der Frage: Muß denn überhaupt aus dem Fernsehen eine neue Kunstform entstehen? – Die Antwort heißt: Ja. Das Fernsehen von heute ist Scheinleben, ist bloßer Lebensersatz. Wem ist das nicht längst klar? Das Dilemma aber ist, daß das Scheinleben nicht allein auf dem Bildschirm stattfindet, sondern vor allem davor. Und deshalb muß so, wie unser Sein zum Schein umgekrempelt wurde, der überholte Schein zu einem neuen Sein umgekrempelt werden – durch das demnächst kommende Fernsehspiel, live und interaktiv. Und in ungeahnter Weise attraktiv, weil in ihm Konsumentenrolle und Akteurrolle zusammenfallen.


Shanty

(Festrede, gehalten in Otterndorf an der Elbmündung am 2. April 2006 als Ehrenmitglied des Otterndorfer Shantychors anläßlich des 175.  Geburtstags der Otterndorfer Liedertafel von 1831, heute Otterndorfer Shantychor) Festrede in Otterndorf

Foto: Heidtmann, Niederelbe-Zeitung
Otterndorf     
Kohlezeichnung von Jürgen Schulz:         Otterndorf im Schnee
Das war am Morgen des 1. Mai des Jahres 1995. Da sah ich draußen bei der Tankstelle eine Horde Männer in Fischerhemden und mit roten Tüchern um den Hals und dem Elbsegler auf dem Kopf bei der Arbeit. Sie errichteten einen riesigen Maibaum. Die aufgekrempelten Hemdsärmel zeigten mir imponierend kräftige Arme. Typisch Seemann, verstand ich. Und als der Maibaum dann stand und die Männer sich zum Chor gruppierten und lossangen, da stand ich dahinter und habe leise mitgesungen. Denn die Lieder kannte ich fast alle. Hatte ich doch jahrelang neben meinem Bruder am Klavier gestanden und gesungen, wenn er Volkslieder und Seemannslieder spielte.

Als der Chor eine Pause machte, ging ich zu dem Chorleiter und sagte, daß ich für fünf Monate Otterndorfer Bürger sei, als der neue Stadtschreiber, und deshalb gerne wüßte, ob ich in dem Chor mitsingen dürfte. Der Dirigent ging mit mir zum Vorsitzenden und sagte: „Hier ist einer, der mitsingen will.“ Der Vorsitzende sah mich an und fragte: „Wie heißt du denn?“ Und ich antwortete brav: “Walter Laufenberg.“ „Dann begrüße ich dich als unseren neuen Sangesbruder Walter.“ Und mit kräftigem Handschlag: „Mein Name ist Wolfgang.“ So hatte ich Dieter Kirchner und Wolfgang Zinow kennengelernt. Damit hatte ich gleich einige Dutzend neue Freunde.

Wie ich schnell erfuhr, kamen sie aus allen möglichen Berufen. Sie sangen mit großer Begeisterung Seemannslieder, sahen auch wie Seeleute aus, waren aber keine. Sie waren verkleidete Landratten. Und ruck-zuck bekam auch ich eine Seemannskluft verpaßt und war plötzlich genauso eine verkleidete Landratte. Da habe ich mich gefragt: Was soll das?

Ich war meine fünf Monate lang jeden Mittwoch-Abend bei der Probe und auch bei einigen öffentlichen Auftritten dabei, sogar bei dem großen Wettbewerb der Shantychöre in Cuxhaven, bei dem wir erfolgreich abgeschnitten haben. Ich habe als großer Sänger meinen Beitrag dazu geleistet, weniger von der Stimme her als von meinen Einmeterneunzig. Und als ich dann Anfang September hier ein Stadtschreiberfest veranstaltete, zu dem rund fünfzig Freunde aus allen Ecken Deutschlands kamen, war der Otterndorfer Shantychor mit dabei. Mit seinen Liedern und mit seinem Durst. Und ich war stolz, meinen alten Freunden die neuen Freunde vorstellen zu können und umgekehrt. Eine ganze Reihe von Chormitgliedern hatte ich inzwischen intensiver kennen und schätzen gelernt. Der Otterndorfer Shantychor hat entscheidend dazu beigetragen, daß ich über meinen Sommer im Gartenhaus am Süderwall sagen kann: Das war eine wunderbare Zeit. Das Buch, das ich über meine Stadtschreiberzeit geschrieben habe, hieß „Das Lusthaus“. Es ist pünktlich zu meinem Abschied erschienen, im Niederelbe-Verlag. Darin hatte ich natürlich auch die Otterndorfer Liedertafel von 1831 erwähnt.

Das alles ist jetzt fast 11 Jahre her. Ich hatte also viel Zeit, mir selbst die Frage zu beantworten: Was soll das mit diesen verkleideten Landratten? Und ich bin froh, daß der Otterndorfer Shantychor mir jetzt zu seinem Jubiläum die Gelegenheit gegeben hat, öffentlich zu gestehen, warum ich mich unter den verkleideten Landratten so wohlgefühlt habe.

Die dicke Mappe mit den Liedern, die der Chor mir zum Abschied geschenkt hatte, brachte mich dazu, die Liedertexte einmal aufmerksam zu lesen. Ein Shanty ist ja nicht nur Musik, ein Shanty ist auch ein Stück Literatur. Beispielsweise das Gedicht des Schriftstellers und Literatur-Professors Klaus Groth: „Ik wull, wi weern noch kleen, Jehann.“ Von ihm stammt übrigens auch das unvergeßlich schöne Gedicht: „Lütt Matten de Has.“ Beim Lesen der Shantys, dieser literarischen Spezialitäten, wurde mir klar: Das sind Gedichte, die jeden von uns betreffen.

Sie erinnern uns daran, daß in früheren Zeiten Seeleute beinahe die einzigen waren, die immer mal wieder für längere Zeit in der weiten Welt unterwegs waren. Alle anderen arbeiteten daheim in der Fabrik, der Werkstatt, dem Laden oder auf dem Hof. Heute dagegen ist beinahe jeder zeitweise weg von daheim, ob auf Montage oder in Fortbildung, im Auslandseinsatz, auf Handelsreise oder - wie ich - im Gartenhaus am Süderwall. Seemann oder nicht Seemann, das ist heute eine Sache des Gefühls. Denn in jedem richtigen Mann lebt und singt ein bißchen Seemann immer noch als atavistische Erinnerung mit.

In beinahe jedem Beruf muß man heute irgendwann wildentschlossen sagen: „Leinen los, Schiff ahoi auf großer Fahrt.“ Und immer bitten wir: „Liebes Mädel, laß das Weinen.“ Oder wie der Schriftsteller Bruno Traven in dem Shanty sagt, das er seinem berühmten Roman „Das Totenschiff“ vorangesetzt hat: „Mädel, heul doch nicht so sehr, wart auf mich am Jackson Square im sonn’gen New Orleans.“ Und immer können wir damit protzen: „Wir seh’n die ganze Welt.“ Beim Abschied betonen wir noch, daß wir auch treu sein können: „Wir gehören zusammen, wie der Wind und das Meer.“ Sind wir dann fern der Heimat, gelingt es zunächst noch uns einzureden, daß wir so tolle Kerle sind, für die die Ferne die eigentliche Heimat ist: „Denn die wahre Heimat der Matrosen, das ist der weite Ozean.“ Richtig. Die Erfahrung hat jeder schon gemacht: Erst erlebte und überstandene Abschiede machen uns zu reifen Menschen.

Der weite Ozean ist allerdings nur viel Wasser und harte Arbeit. Man sollte sich klarmachen, daß der Ozean nur ein Codewort ist, das für all die Namen steht, die einem schon als Junge was bedeutet haben. „Einmal noch nach Bombay, einmal nach Shanghai, einmal noch nach Rio, einmal nach Hawaii, nach Hawaii. Einmal durch den Suez und durch den Panama.“ Dieses Lied hat der Dichter Hans Leip geschrieben, immerhin Sohn eines Hamburger Seemanns, unvergessen als Autor des Liedes „Lili Marleen“. Er hat die Namen mit dem Duft der großen weiten Welt beschworen, die in den Shantys besungen werden, auch Singapur, Jamaika, Java, Madagaskar, San Franzisko oder Alaska.

Lebt man gerade berufsbedingt in der Fremde und versinkt im Meer von Arbeit, dann denkt man intensiver an die Liebste, die man zurückgelassen hat, und stellt sich vor: „Der Nachtwind singt für sie das Lied vom Glück.“ Was ja auch schon was ist. Oder man ruft in die Weite: „Antje, Antje, hörst du nicht von ferne das Schifferklavier? Antje, Antje, das Lied soll dich grüßen von mir.“ Oder man denkt erst einmal an sich und tröstet sich damit: „The winds have gone over the ocean and brought back my Bonnie to me.“ Wem der Wind zu unzuverlässig ist, der schickt was Lebendiges nachhause: „Falle ich einst zum Raube empörtem Meer, fliegt eine weiße Taube zu dir hierher.“ Der Anspruchsvollere schickt nicht, er empfängt lieber, nach der Devise: nehmen ist seliger als geben: „Kleine, weiße Möwe über Meer und Land, bringst uns einen Gruß vom fernen Elbestrand.“ Und der erfahrene Genießer spricht sich in der Ferne gut zu: „She waits for you!“ Für den simpleren Genießer genügen Hilfsmittel wie Whisky, Rum, Bier, Köm. Doch wenn er es übertreibt, kriegt er zu hören: „What shall we do with the drunken sailor?“ Nur ausnahmsweise geht es um edleres Gesöff, nämlich „In the Quartermaster’s store, there is wine, wine, wine, tonight we feel so fine.“

Doch wem das Genießen der großen Freiheit oder der Ferne überhaupt nicht gelingt, dem bleibt nur, sich immer wieder vorzusagen: „Mann, holl di stief! Mann, holl di stief!“ Oder er macht sich trotzig klar: „Das kann doch einen Seemann nicht erschüttern.“

Nun gibt es natürlich auch unter uns tollen Kerlen welche, die es ausnutzen, einmal von der Leine gelassen zu sein. Nach dem Motto: Freie Fahrt dem Tüchtigen. Die gewinnen und verlieren eine Geliebte nach der anderen und rechtfertigen das mit den Worten: „Das ist die Liebe der Matrosen. Auf die Dauer, lieber Schatz, ist mein Herz kein Ankerplatz. Es blüh’n an allen Küsten Rosen, und für jede gibt es tausendfach Ersatz.“ Immerhin ein renommierter Dichter, der einem diesen Persilschein ausstellt, nämlich der Berliner Schriftsteller und Librettist Robert Gilbert. Doch so ein kleines Liebesspiel unterwegs kann einem den gesamten Fahrplan durcheinander bringen, so daß man seufzt: „Denn wenn es heute Abend wird, fahr ich nicht nach Baltimore.“

Natürlich kann man dabei auch übel hereinfallen und an eine Herumtreiberin geraten, die einen ausnimmt, wie „a roving in Plymouthtown.“

Es gibt ja leider so vieles, das schiefgehen kann. Deshalb ist der Seufzer so berechtigt: „Let me go home, let me go home, I feel so break up, I want to go home.“ Und selbst der Erfolgreiche kennt nur ein Ziel: Nachhause. “Und legt ein Schiff aus Hamburg an, steht er am Kai und spricht: Nimm mich mit, Kapitän, auf die Reise! Nimm mich mit, denn ich kenne jetzt die Welt. Nimm mich mit, Kapitän, auf die Reise! Bis nach Hause, hier, nimm all mein Geld.“ Der bekannte Lyriker Fritz Grasshoff hat dieses rigorose Heimreise-Verlangen in Worte gefaßt. Heimweh gehört zum Fernweh wie Revers und Avers der Münze zusammengehören. Deshalb ist es verständlich, wenn in der Fremde das Lied erklingt: „Die Sonne, der Mond und die Sterne, die sehen wir kommen und geh’n, und träumen in endloser Ferne von Heimat und Wiederseh’n.“

Zugegeben, die Seefahrerromantik ist auf der Strecke geblieben, als die Liegezeiten im Hafen immer kürzer wurden und die Crewmitglieder aus immer mehr Ländern kamen, deren Sprache man nicht versteht. Die Arbeit auf den mit modernster Technik ausgerüsteten Schiffen hat sich grundlegend gewandelt. Der Mann im Mastkorb ist verschwunden, auch der Klabautermann. Die Barentsee ist nuklear verseucht. Das ist die neue Gefahr. Daneben die Kalaschnikow in der Hand von Piraten. Alles nichts zum Besingen.

Deshalb bleibt der Shanty bei der christlichen Seefahrt alter Prägung, bleibt beim Segeln. Der große Bewunderer der Segelschiffahrt war der Schriftsteller Gorch Fock, mit richtigem Namen Johann Kinau. Ihm hat der Schriftsteller und Arzt Traugott Freiherr von Stackelberg ein Denkmal gesetzt mit dem Gorch-Fock-Lied „Die hohen Masten und der schlanke Bug zieh’n immer wieder uns auf See.“ Ein Lied, das in keinem Shanty-Konzert fehlt.

Das heißt, wir bleiben bei der Segelschiffahrt, und wir halten fest am Singen bei der Arbeit. Und das mit Recht. Denn was sich nicht geändert hat, das ist zum einen die Sehnsucht nach der Ferne, zum anderen das schnelle Umschlagen in ihr Gegenteil, das Heimweh. Immer wollen wir ja das andere, das ist so menschlich. Die beiden Seiten der Medaille Sehnsucht, sie heißen Hinaus und Nachhaus. Sie sind es, die dem Shanty geradezu eine typische Struktur geben: In der ersten Strophe das Fernweh, in der zweiten die große Fahrt mit allerlei Erlebnissen und in der dritten das Heimweh, wie in dem Lied „Oh Bootsmann, Bootsmann, sag uns doch, wann gehen wir in See?“

Ist der Abenteurer dann endlich wieder daheim, kommt er seiner Liebsten gern mit der alten Ausrede: „Wenn im fremden Land ein roter Mund mir zugelacht, habe ich an dich, mein Mädel, nur an dich gedacht.“ Wenn er Glück hat, glaubt sie ihm das. Andernfalls könnte es sein, daß sie ihn zum Verzicht auf die nächste große Fahrt drängt. Dann sitzt er bald „auf der alten Rentnerbank am Otterndorfer Hafen“ oder „in der Kneipe am Moor“, wo ihm nur noch bleibt zu singen und zu spielen. „Und der Klang läßt die Männer lauschen.“
 
Diese Männer, die den Klängen lauschen, das sind wir, die als Seeleute verkleideten Landratten genau wie die nicht verkleideten. Denn der Shanty, gleich ob auf Hochdeutsch oder Plattdeutsch oder Englisch gesungen, er faßt ein allgemeines männliches Lebensgefühl in Worte. Der Shanty ist das Lied des Mannes, der allen Bindungen zum Trotz noch nicht total domestiziert ist. Und wenn schon Verkleidung, wenn wir schon in einem Bild darstellen wollen, was unser Leben ist, dann ist der Seemann die passende Parabel. Nicht der Clown, der Harlekin. Viel zu pessimistisch, dieses lachende Gesicht des tieftraurig Wissenden. Auch nicht der Vagabund, viel zu überlegen und zu unbekümmert, zu verantwortungslos. Nein, der Seemann ist die passende Darstellung unseres Lebensgefühls: Arbeiten, zuverlässig arbeiten und singen und einen heben und sich doch immer nach etwas anderem sehnen. Und deshalb ist der Shanty unser Lied, meine Herren. Von den Damen will ich in dem Zusammenhang nicht sprechen, die sind ja ganz anders. Aber wir, wir sind halt so: Immer voller Sehnsucht nach der Ferne, auch arbeitswillig und kameradschaftlich, manchmal auch viel zu durstig, dabei doch immer voller Heimweh. Und gerade deshalb gefallen wir Ihnen, meine Damen. Denn Sie sind ja unsere Heimat.



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