Unordnung und frühes Leid

(Unordnung und frühes Leid, BRD 1976, 80 Minuten, Drehbuch und Regie: Franz Seitz, nach der gleichnamigen Erzählung von Thomas Mann)

Franz Seitz hatte offensichtlich große Schwierigkeiten, aus der im Jahre 1925 in der Zeitschrift „Die Neue Rundschau“ publizierten kleinen Gelegenheitsarbeit Thomas Manns (1875-1955), einen abendfüllenden Kinofilm zu machen. Er hat sie nicht gemeistert. Da half auch nicht der Kunstgriff, ein Vorspiel zu bringen, das sich auf die viel früher geschriebene Erzählung „Tonio Kröger“ bezieht und sich frechweg dort bedient. Schuljungen, die sich auf dem Nachhauseweg in der Sprache Thomas Manns unterhalten, das klingt so gestelzt, daß es eine Farce ist. Als Beleg für Unordnung oder frühes Leid ein Fehlgriff.

Ebenfalls falsch war der Einfall, mit Einschüben von Wochenschau-Szenen in Schwarz-Weiß die Unordnung der Zeit kurz nach dem Ersten Weltkrieg zu belegen. Ein Schokoladenkuchen mit Sardellengarnierung.

Um beim Bild zu bleiben: Die Nachkriegs-Unordnung, die bis in die gutbürgerlichen Kreise hinein reichte, wurde eindrucksvoller dargestellt durch die Wirsing-Koteletts, die auf den Tisch kamen, und der Flammeri aus einem Puddingpulver, das nach Seife schmeckte. Ebenso die einfallsreiche Schummelei, um an Eier zu kommen. Direkte Übernahmen aus der Erzählung. Zum Glück wahrgenommen. Was Thomas Mann an weiteren Belegen für die zerrütteten Zeiten bringt, war zum Teil für die filmische Darstellung zu sublim, so die improvisierte Kleidung der Gäste und die abgewetzten Teppiche, oder zu erklärungsbedürftig, wie die defekte Waschschüssel.

Unordnung aber auch im Innern des Geschichtsprofessors, also der beherrschenden Figur des Films. Der Erzähler wollte den Mann zerrissen zwischen den Zeiten zeigen, der als Historiker der Vergangenheit liebevoll anhängt, in seinem Alltag aber die Irritationen der Gegenwart als störend ablehnt, weil diese Erscheinungen noch nicht erledigt, also noch nicht klar eingeordnet sind. Womit der Professor auf Verständnis und ein mitleidiges Lächeln des Kinobesuchers stoßen mag.

Der Widerwille, der sich in der Brust des Professors gegenüber einem besonders attraktiven und begabten Gast, einem Studenten, entwickelt, als er ihn heimlich mit seinem nicht karrierebewußten Sohn Bert vergleicht, ist ein weiterer Aspekt der Unordnung. Der Film verzichtet auf diese Innenschau, versucht statt dessen das Gefühl durch eine frei erfundene zusätzliche Szene zu verdeutlichen: Dieser junge Gast hat eine Veröffentlichung des Professors aus der Kriegszeit entdeckt, die er jetzt zu einer vergleichenden Darstellung benutzen will, obwohl der Professor diese Schrift als abgetan bezeichnet. Damit wird das leise Neidgefühl des Professors zur Angst vor Verfolgung verfälscht.

Doch gibt es in seiner Gefühlswelt noch eine weitere Unordnung, und die ist problematischer. Thomas Mann beschreibt sie als eine besonders heftige Liebe zu seinem Töchterchen Eleonore, die er in ihrer kindlichen Zartheit als ein Gegenstück zur Historie sieht und deshalb in verschlungenen Überlegungen sogar mit dem Tod gleichsetzt. Mann’sches Um-die-Ecke-Denken. Das ist filmisch nicht dargestellt. So wurde die deutlich demonstrierte Liebe des Vaters zu einer simplen Affenliebe. Unglaubhaft zudem durch die falsche Auswahl und die falsche Aufmachung des Kindes: Ein beinahe altes Gesicht, schmallippig und erschreckend, unter einer Damenfrisur.

Daß die Kleine sich zuletzt dem attraktiven und vom Vater beneideten Studenten zuwendet, der aus bloßer Freundlichkeit ein Tänzchen mit ihr imitiert hatte, ist verständlich. Wie sie dann, gewaltsam ins Bett gebracht, hemmungslos weint und sich von niemandem trösten läßt, nicht einmal von ihrem Über-Liebhaber, dem Vater, ist genauso verständlich. Doch kommt der Student, um seiner Tanzpartnerin gute Nacht zu sagen, und schon ist alles wieder gut. Da fühlt der Kinobesucher sich mit der Erkenntnis auf den Arm genommen: Das also ist das frühe Leid. Und er sagt sich – weniger dichterisch als der Erzähler: Na, wenn schon, das hat sie morgen vergessen.

(Walter Laufenberg in: www.netzine.de)

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