Walter Laufenberg:
Der Hund von Treblinka

Roman


SALON Literatur VERLAG, München 2008, 230 S., gebunden, Preis 22,50 €,  ISBN 978-3-939321-16-3

Walter 2008
Der Autor auf der Leipziger Buchmesse 2008
Foto: Brigitte Gutmann, Kappelrodeck.


Walter Laufenberg:

"Zugegeben, der Hund von Treblinka erlangte eine traurige Berühmtheit und hat eigentlich nicht verdient, auf den Altar der Literatur gehoben zu werden. Doch obwohl authentisch - auch das Foto auf dem Buchtitel - geht es hier um den Hund nur in einem Rückblick. Es geht vor allem um uns Menschen, konkret dreht sich alles um Frieder Fries und seine fanatische Mutter. Denn dieses Buch ist ein großer Entwicklungsroman, so spannend wie aufschlußreich."


Und das schreibt der Verlag darüber:

Eine Frau mit sehr ungewöhnlicher Auffassung von Liebe. In einem Akt unglaublicher Gemeinheit zerstört sie nicht nur die gutbürgerliche Familienidylle, sondern auch das Leben ihres Sohnes. Dass sie am Ende einen Sieg davonträgt, der keinem Menschen mehr nützt, ist ihre persönliche Tragik.

Diese wahre Geschichte stellt der Autor ohne Rücksicht auf noch lebende Beteiligte in einem fesselnden Roman dar. Wie der betrogene Sohn später Soll und Haben seines Lebens aufrechnet, das macht dieses Buch gleichzeitig zu einem Zeitgemälde westdeutscher Verhältnisse vom Zweiten Weltkrieg bis zum Ende des 20. Jahrhunderts.

In den Laufenberg-Büchern dreht es sich immer um die Grundfrage: Warum tun die Menschen, was sie tun? So auch hier, wo zur Beantwortung dieser Frage eine Folge von Liebesbeziehungen geschildert wird, zutiefst ergreifend und aufschlussreich.

 

Spannend erzähltes Familienepos
Der Mannheimer Autor Walter Laufenberg fesselt mit "Der Hund von Treblinka"
Wenn ein Sohn erfahren muss, dass die eigene Mutter eine skrupellose Nationalsozialistin war, dann bleibt von glücklichen Kindheitstagen nicht viel, dann schlägt zärtliche Liebe in abgrundtiefen Hass um. Wie das Wissen um die eigene Geschichte, eine Familienidylle, die vor der Kulisse der NS-Zeit zerbrach, das Leben eines Menschen zerstören kann, damit beschäftigt sich Walter Laufenberg in seinem neuesten Roman "Der Hund von Treblinka".
Frieder Fries' Familiengeschichte ist traurig und ungeheuerlich zugleich: Als er, bereits in mittleren Jahren, von seiner Frau Brigitte die Wahrheit über seine im Nationalsozialismus engagierte Mutter und den schon in den ersten Kriegsjahren verschwundenen Vater erfährt, gerät für ihn die Welt aus den Fugen ...
Mit "Der Hund von Treblinka" ist Walter Laufenberg, dessen Buchveröffentlichungen vom Zeitroman und satirischen Lexikon über den Thriller bis hin zum historischen Roman reichen, darunter zuletzt "Die Frauen des Malers" (2007), "Hotel Pfälzer Hof" (2006) oder "Stolz und Sturm" (2005), ein spannend erzähltes Familienepos gelungen, das man so schnell nicht aus der Hand legt.
Elke Seiler im "Mannheimer Morgen" vom 6. 6. 2008



Der Anfang des Romans als Leseprobe

1.
Anamnese eins

Das früheste Bild, es flimmert um den Globus, der im Arbeitszimmer seines Vaters stand. Der große bunte Ball war in einen eisernen Halbkreisring eingeklemmt und sollte die Erde sein. Der Vater konnte ihn drehen. Dann quietschte es. Nie hatte er herausgefunden, ob sein Vater dieses Quietschen machte oder die dicke Kugel.  

Der Vater hatte von der Sonne erzählt, um die sich die Erde dreht. Aber die Sonne hatte er nicht. Deshalb blieb das unverständlich. Erst später, viele Umrundungen der Sonne später, wurde der Globus ihm zur Frage: „Wieso ist das die Erde, was ich hier mit der Hand drehen kann, wo ich doch auf der Erde stehe?“ Da half auch nicht, dass der Vater immer wieder auf eine bestimmte Stelle deutete und sagte: „Da, das ist Deutschland. Und da stehst du.“ Der Finger mit den schwarzen Härchen drauf und dem großen Fingernagel war so dick, dass von Deutschland nicht mehr viel zu erkennen blieb. Und von ihm selbst war überhaupt nichts zu sehen.

Das Komische an seinem Vater war, dass man nie wusste: Macht er wieder einen seiner Späße oder ist es ihm Ernst? Und bei seiner Mutter wusste er nicht: Wann hatte sie ihn das erste Mal so angefasst? Mit zitternder Hand. Wie hätte er sich an das allererste Mal erinnern können, so selbstverständlich wie die Mutter ihn von Anfang an überall berühren musste. Aber wann ihm aufgefallen war, wie sonderbar sie ihn festhielt, daran erinnerte er sich. Es war an einem Badetag gewesen, und das war bei ihnen immer der Samstag. Im Badezimmer, jetzt sah er es wieder vor sich, war das kleine Fenster oben hoch über dem Klo geschlossen, das Fenster mit dem undurchsichtigen Glas, das sonst immer offenstand. Das war ihm aufgefallen, weil er den Himmel nicht mehr sehen konnte. Der Wasserstrahl prasselte aus dem etwas zu kurzen Rohr mit dem breiten Ausguss in die Wanne, und die Luft in dem engen Raum war dampfig feucht. Es war Tag, doch das Licht in der milchweißen Kugel unter der Decke war an. Das viel zu grelle Licht, das ihn quälte, wenn er nachts aufs Klosett musste.

Seine Mutter hatte ihn schon im Schlafzimmer ausgezogen und ihm dann einen leichten Klaps auf den Hintern gegeben: „Abmarsch ins Bad, mein Prinz!“
Er war vor ihr hergelaufen und schnell in die Wanne geklettert. Zu schnell, denn das Wasser war viel zu heiß. Er schrie auf und platschte schnell wieder auf den Linoleumboden zurück. Seine Mutter nahm ihn in die Arme und streichelte ihn, fuhr ihm mit ihren weichen Händen besänftigend den ganzen Körper entlang, dabei war er doch nur mit den Füßen ins zu heiße Wasser gekommen. Sie legte eine Hand, leicht gewölbt wie eine Schale, zwischen seine Beine und jammerte, sie sei schuld, sie hätte besser aufpassen müssen.

Er stand da, mit nassen Füßen in einer kleinen Pfütze, und allmählich wurde ihm kalt, obwohl er sich eng an seine Mutter drückte. Sie war genauso nackt wie er. Immer war sie nackt, wenn sie ihn badete. „Damit ich mir nicht die Kleider nass mache“, hat sie später einmal gesagt, als er sie danach fragte. Damals wollte er zu schnell wieder in die Wanne. Aber seine Mutter ließ ihn nicht. „Warte noch!“ Sie nahm seinen Kleinen in die Hand wie einen Griff zum Festhalten. Und so sehr er zappelte, sie hielt ihn tatsächlich daran fest. Mit der anderen Hand legte sie am Gasbadeofen den Hebel um, der kaltes Wasser in die Wanne laufen ließ. Diese große blanke Klinke unter dem Wasserbehälter, an dem das Bild mit den drei Hasen war. An diesem Hebel, das hatte die Mutter ihm eingeschärft, dürfe er nie herumspielen. Überhaupt sei der Gasbadeofen höllisch gefährlich, nichts für Kinderhände. Nur in dünnem Strahl ließ die Mutter kaltes Wasser einlaufen und prüfte dabei mit der freien Hand im Wasser die Temperatur. Immer noch ließ sie ihn nicht los. Sie griff sogar noch fester zu, und ihre Hand zitterte. Zitterte stark. Das fiel ihm auf. So ein Zittern hatte er bei seiner Mutter noch nicht erlebt. Sie sah ihn dabei an, als ob sie auf etwas wartete. Aber da war nichts zu erwarten. Noch nicht.

Er zappelte und zeterte, wollte endlich ins warme Wasser. Da hat seine Mutter hell aufgelacht und ihn losgelassen. „Jetzt wird es nicht mehr zu heiß sein, mein Prinz.“ So zwischen dem Lachen gesagt. Aber das wusste er genau, das war kein Auslachen. Nein, seine Mutter hat ihn nicht ausgelacht. Sie hat für sich selbst gelacht, irgendwie sonderbar, ja, unheimlich, wie sie gelacht hat. Erst viel später wurde ihm das als ein triumphierendes Lachen verständlich.  

Er notierte alles, so gut, wie es ihm wieder einfiel. Wie alt er damals war, das ließ er zunächst weg. Wie sollte er das wissen? Kinder denken nicht an ihr Alter, entschuldigte er sich für seine Unwissenheit, sie denken sowenig an das aktuelle Alter, wie an das spätere. Wenigstens so lange noch nicht, wie es noch nicht darum geht, ob sie alt genug sind, zur Schule zu gehen. Oder ins Kino. Und soweit war er noch lange nicht. Aber sein Vater war schon weg. Eines Tages war er nicht mehr da. Verschwunden, das war das Wort, das er damals kennenlernte.
Verschwunden, das klang für ihn ein bisschen nach Wunder und verwunschen, den Begriffen, die er aus dem Märchenbuch kannte. Mit seinem Vater musste das jedoch ganz was anderes sein. Das hatte er gefühlt. In allen Gesprächen, die Mutter mit den Nachbarn und anderen Leuten führte, hieß es nur immer: „Verschwunden.“ Mit traurigem Blick und mit Achselzucken. Wenn sein Vater zu dem Zeitpunkt nicht mehr da war, überlegte er, dann musste er also schon fünf Jahre alt gewesen sein. Vielleicht auch sechs. Aber noch keine sieben. Noch kein Gedanke an die Schule.

An seinen verschwundenen Vater hatte er kaum eine Erinnerung. Gerade nur an den dicken Finger mit den schwarzen Härchen, der auf Deutschland deutete. Im übrigen wusste er nur, dass der Vater ein großer alter Mann war. Aber welcher Vater ist für seinen kleinen Sohn kein großer alter Mann? Dabei war der Vater gerade erst 46, als er verschwand. Er konnte sich daran erinnern, wie das Nachthemd seines Vaters gerochen hatte. Weil er manchmal auf der Besuchsritze zwischen den zusammengerückten elterlichen Betten liegen durfte. Das lange Hemd seines Vaters hatte so gerochen, wie später sein eigener Schlafanzug roch, wenn er ihn zu spät wechselte. Dieser Geruch nach altem Mann. Ein Geruch, der ihn sehr störte. Wegen der Erinnerung an seinen Vater? Vielleicht, vielleicht auch nicht. Jedenfalls stürzte er dann sofort an den Schrank und holte einen frischen Schlafanzug heraus. Anfangs. Mittlerweile war er damit nicht mehr so genau.

Mehr Erinnerungen an seinen Vater hatte er nicht. Alles andere war nicht intime Erinnerung, sondern banales Wissen, nachgeschobenes, von anderen erworbenes. So, dass er Jurist war, der alte Vater. Dass er eine höhere Position bei der Kreisverwaltung hatte. Hoch angesehen bei allen Leuten. Immer tadellos gekleidet. Mit einem großen schwarzen Schlapphut. Doch, der Hut war noch Erinnerung. Den trug er die halbe Zeit in der Hand, weil er dauernd nach rechts und links grüßen musste, wenn er durch die Straßen ging. Man kannte ihn. So die Erzählungen der Verwandten. Sein Vater soll im Ersten Weltkrieg Soldat gewesen sein und sogar einen Orden bekommen haben. Aber im Zweiten Weltkrieg ist er nicht eingezogen worden, weil er in seinem Beruf zu wichtig war. Unabkömmlich, so hieß es. Aber verschwunden ist er dann doch.

Das mit dem Ersten und Zweiten Weltkrieg, das hatte ihm schon als Junge imponiert. Das wusste er noch. Auch wusste er, dass er bedauert hatte, im Zweiten Weltkrieg zu leben und nicht im Ersten. Weil der Erste doch immer der Bessere ist. Doch wenn er dann gefragt hatte, wann denn nun endlich der Dritte Weltkrieg kommt, wurden die Erwachsenen böse. „Du bist mal wieder viel zu vorlaut“, hieß es dann. Und: „Ab ins Bett!“

Wenn man ihn so abtat, das traf ihn hart. Dann hat er zwei Tage lang kein Wort mehr gesagt. Er hat sich einfach verweigert. Bis seine Mutter ihn inständig gebeten hat, wieder mit ihr zu reden. Übrigens, fiel ihm ein, hat ihm damals keiner der Erwachsenen erklärt, was das heißt: vorlaut sein. So oft er danach gefragt hatte, sie hatten nur immer dieses stumme Kopfschütteln für ihn übrig. Rückblickend bestätigte er sich, dass sein Warten auf den Dritten Weltkrieg ein schönes Beispiel gewesen wäre für die Berechtigung des Vorlautseins. Und er verstand: Wohl deshalb konnte ich damit nur ein Kopfschütteln hervorrufen.

Ob er seinen Vater vermisst hat? Keine Ahnung. Wie soll ein Kind einen Menschen vermissen, der immer im Amt ist oder in seinem Arbeitszimmer. Bibliothek nannte er das. Die Bibliothek war Vaters ganzer Stolz, wie er später erfahren hat. Der Vater war nicht nur ein guter Jurist, er war auch gebildet. Ein Mensch, der mit Büchern lebte. Dafür hatte er einen eigenen Raum in seinem Haus, der fast immer verschlossen war, egal ob der Vater zuhause war oder im Dienst, wie es daheim hieß. Die Tür war abgeschlossen, damit der Kleine dort keine Unordnung machen oder den Vater stören könnte. Diese Bibliothek war im Obergeschoß. Ein großes Zimmer voller Regale, die mit Büchern vollgestellt waren.

Ja, das Haus war zweigeschossig. Nichts Großartiges, aber immerhin eine freistehende Villa. Das prächtigste Haus in der Straße. Weißgetüncht, mit rotem Ziegeldach und grünen Fensterläden an den Sprossenfenstern. Das Vorgärtchen war durch ein niedriges Mäuerchen und waagerechte Eisenstangen darüber gegen die Straße abgeschirmt. Darauf haben die Kinder gern geturnt. Was sie natürlich nicht durften, weil davon die Farbe der Stangen abging. Und weil sie dabei zuviel Lärm machten und sich leicht verletzen konnten. Möglich auch, dass die Gründe für das Verbot in anderer Reihenfolge vorgebracht wurden.

Neben ihrem schönen Haus standen nur ein paar niedrigere, alte Häuschen. Mit rotem Klinker verkleidet, aber schon recht schäbig, dafür mit großen Gärten drumherum. Gegenüber hatte man einige Blocks mit Mietwohnungen hochgezogen. Die Häuser waren höher als die Villa. Aber schon für ihn als kleinen Jungen galt das nicht. Das gilt nicht, das war damals bei ihnen zuhause der Ausdruck, wenn sie mit irgendwas nicht einverstanden waren. Sie waren die besseren Leute. Da waren sie sich mit denen aus den höheren Mietshäusern und den älteren Häuschen einig. Es gab zwar etliche Jungen, die stärker und älter waren als er, die waren dann besser im Fußballspielen, aber auch nur das. Er war der Prinz, wie für seine Mutter so auch auf der Straße. - Aber vor allem für die Mutter. Sie war für ihn alles. Wie hätte er damals ahnen können, dass sich das Verhältnis zu seiner Mutter so dramatisch entwickeln würde.