Sprechen wir über Sprache

Die Beurteilung von Literatur, viel bestöhnt, ist nicht so schwierig, wenn man einmal vom Inhalt des Geschriebenen absieht. Denn der ist eine Sache des Geschmacks und der Markttendenz und des persönlichen Betroffenseins, also beliebig. Dagegen gibt es für die Beurteilung der Sprache, in der ein Text abgefasst ist, klare Kategorien. Zunächst einmal ist zu unterscheiden nach Wissenschaftssprache, Behördendeutsch, Berufsjargon, Fachchinesisch, Journalistensprache, Dichtersprache, Werbesprache, Kindermund und so weiter bis hin zur Fäkalsprache. Lassen wir die Extrem- und Randsprachen einmal beiseite – die sprechen für sich selbst – und betrachten nur die beiden Mittelpositionen, dann geht es um die Unterscheidung der Journalistensprache von der Dichter- und Schriftstellersprache.

Der Unterschied dieser beiden Sprachen ist an einem einzigen, eindeutigen Kriterium festzumachen: Der gute Journalist hat massenweise vorgefertigte Klischeeausdrücke und Redensarten in seinem Musterkoffer, mit denen er seinen Text spickt wie eine Rehkeule – eben in der Art dieses Satzes. Er erfreut seine Leser damit, dass er ihnen etwas bietet, wozu sie sagen können: Ja, so hätte ich das auch ausgedrückt. Der gute Dichter oder Schriftsteller dagegen scheut vorgefertigte Klischeeausdrücke – nein, natürlich nicht wie die Pest – und sucht sie möglichst durch eigene Formulierungen zu ersetzen. Er erfreut seine Leser damit, dass er ihnen den Seufzer abnötigt: Nein, wirklich, so schön hätte ich das niemals sagen können.

So diese beiden Sprachen in Reinkultur. Dass es auch Vermischungen gibt, macht die Textbeurteilung allerdings manchmal etwas komplizierter. Doch generell gilt die Faustformel: Der gute Journalist weiß mit vielen Klischees zu jonglieren, der gute Schriftsteller weiß sie zu vermeiden und durch eigene Ausdrücke zu ersetzen, durch Formulierungen, die möglichst neu sind, dabei aber weder belanglos noch überhochmetzt oder kitschig. Zugegeben, die Klischees zu vermeiden, ist gar nicht so einfach, weil wir den Kopf randvoll haben von vorgefertigten Formulierungen – ein Satz, der selbst schon wieder zwei Klischees enthält. Pardon. Immer besonders reizvoll ist wegen dieser Fülle an Vorgefertigtem die kleine Abwandlung, die mal schon fast dichterisch klingen kann, mal journalistisch bleibt. Letzteres müsste man wohl von dem hier fälligen Satz sagen: Wes der Kopf voll ist, des läuft der Füller über.

Bezeichnet man die Sprachklischees als abgegriffenes Sprachmaterial, wird noch klarer, was gemeint ist, wenn es auch manch einen schmerzt. Das Abgegriffene ist vertraut und deshalb handlicher, es lässt sich nicht nur schneller darreichen, es lässt sich auch schneller erfassen. Schon deshalb ist diese Second-Hand-Sprache die richtige Sprache für den Journalisten, zu dessen Wesen es gehört, unter Zeitdruck arbeiten zu müssen, wie für den eiligen Zeitungsüberflieger, Funk- und Fernsehberieselten. Der Schriftsteller dagegen muss sich selbst vor jedem Satz, der sich ihm aufdrängt, zurückhalten und fragen: Wie kann ich das sachlich, aber klischeefrei und dabei noch schöner ausdrücken? Schon das Wort Ausdruck ist ja ein Klischee. Es ist zum Verrücktwerden. Ein hundertprozentig klischeefreies Schreiben ist nicht mehr möglich. Denn unser Sprachschatz ist derart überschwemmt von wunderschön plastischen Begriffen und so überzeugend passenden Bildern, dass man sie nur mit größter Mühe umschiffen kann – als Schriftsteller hätte ich sagen müssen: dass man sie nur mit größter Mühe vermeiden kann. Oder ich hätte einen neuen Begriff kreieren müssen, etwa: dass man auf den anderen Bürgersteig ausweichen muss. ;-)

Schlecht, ja. Aber wie gut oder schlecht solche selbstgebildeten Ersatzausdrücke der Dichtersprache sind, ob wunderbar passend, neue Fenster öffnend, maßgebend, wohltuend oder überzogen, zu schrill und schlicht daneben, das erweist sich erst viel später. Sprachschöpfung arbeitet immer ins Dunkle hinein. Das ist ein Zeugungsakt, bei dem man länger als bloß neun Monate lang darauf gespannt ist, was herauskommt. Eine neue Formulierung erweist sich erst dann als ein guter Wurf, wenn die neu geschaffenen Ausdrücke von anderen aufgegriffen und so häufig verwendet werden, dass sie selbst schon wieder zu Klischees werden. Das heißt: Das Klischee von heute ist meist nur der besonders gute, der treffende dichterische Ausdruck von gestern.

Journalist und Dichter – was der eine sucht, lässt der andere achtlos liegen, was der eine gebraucht, ist für den anderen nicht brauchbar, weil bereits verbraucht. So glücklich liegen die Dinge. Bildlich ausgedrückt: Journalisten verhökern altehrwürdige Antiquitäten, Dichter sind dabei, die Antiquitäten von übermorgen zu fertigen. Und nur weil das so ist, weil es in Sachen Sprache diesen fundamentalen Unterschied gibt, nur deshalb können sie nebeneinander bestehen, die beiden gegensätzlichen Ambitionen der so gegensätzlichen Schreibertypen. Ob es geschickt war, sie in einer Gewerkschaft zusammenzuschließen, darf man allerdings bezweifeln. Der Buchmarkt jedoch verträgt sie beide nebeneinander. Der Journalist schreibt Sachbücher, der Dichter Belletristik. Und wenn der Journalist einmal hingeht und ebenfalls Belletristik produziert, dann helfen wir uns mit der Feinabstimmung: U statt E.

Problematisch wird es nur, wenn Journalisten die Werke von Dichtern beurteilen sollen, und in die Verlegenheit geraten sie fast täglich. Denn die meisten Kritiker sind keine Schriftsteller sondern Journalisten. Das macht die Sache so schön süß-sauer, denn die Journalisten als Kritiker der Dichtersprache haben immer gleich tausend schöne Floskeln auf der Hand, die ihnen allesamt wie Trümpfe vorkommen. Doch beschleicht sie manchmal das vage Gefühl, dass das so nicht sein kann. Sie kommen zwar nicht darauf, wo der Unterschied zwischen ihnen und ihrem Opfer liegt, aber sie lassen sich doch oft von dem zu Rezensierenden soweit bestimmen, dass sie plötzlich wie Dichter zu formulieren anheben. Das Ergebnis dieses Annäherungsversuchs nennt man Journalistenpoesie. Es lässt eine Buchbesprechung sich so aufblähen, dass sie mit dem Buch kaum noch zu tun hat, aber schön ist wie ein Ballonstart an einem Sonnensommermorgen: Up, up and away! Der Journalist freut sich, der Dichter ärgert sich, und der Leser, Hörer oder Fernsehzuschauer fragt sich verdutzt: Was soll das?

Das Ergebnis des falschen Umgangs mit der Sprache kann halt  nichts anderes sein als Sprachlosigkeit. Nur deshalb sprechen wir ja über Sprache.

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