Spiel mir das Lied vom Tod

(C’era una volta il west, I/USA 1968, 167 Minuten, Regie: Sergio Leone, Drehbuch: Dario Argento, Bernardo Bertolucci, Sergio Donati, Sergio Leone, Musik: Ennio Morricone)

Wenn dieser Italo-Western auch längst als Kultfilm gefeiert wird, verdient er doch einmal eine nüchterne Betrachtung. Wo Bild und Ton so perfekt als berauschende Drogen eingesetzt wurden, bei nervenzerrender Langsamkeit des Geschehens, da verbietet es sich, einfach nur mitzuschwärmen. Man muß sich fragen, was von diesem Epos, das in Brutalität, in herrlichen Landschaftsaufnahmen und in Leinwand füllendem Sterben von einigen Dutzend Männern schwelgt, beim Zuschauer „hängen bleibt“, neben den Großporträts der Stars und der Ohrwurm-Musik. Da ist zunächst der Fremde, der so fremd ist, weil er mit seinem asiatisch wirkenden Poker-Face meist nur wortlos dreinschaut, mit fast geschlossenen Augen, und immer mal wieder mit der Mundharmonika ein klagendes Lied intoniert. Dass er als der Rächer auftritt und stets um einen Sekundenbruchteil schneller zieht und schießt als seine Gegner, macht ihn zum Helden. Und da ist der mit dem gefährlichen Aussehen, der Bandit Cheyenne, ein trickreicher Kämpfer, obwohl auffallend ungebildet. Dabei überrascht er immer wieder damit, dass er noch von traditionellen Moralvorstellungen geleitet wird. Und dann ist da der große starke Mann, der so aussieht, wie ihn sich die kleinen Mädchen erträumen, die hinter seinem überlegenen Grinsen nicht den Schurken erkennen. Er räumt mit Gewalt den Weg frei für den Eisenbahnmagnaten Morton, der ihn beherrscht und gleichzeitig von ihm verachtet wird, weil er als Schwerbehinderter alles nur mit seinem vielen Geld regeln kann statt mit dem Revolver in der Faust. Die fünfte Hauptfigur ist die Schöne aus der Großstadt, die in den wilden Westen kommt, weil sie einen Farmer geheiratet hat, mit dem sie etwas aufbauen will. Doch bei ihrer Ankunft in Sweetwater findet sie ihren Mann und dessen drei Kinder, für die sie die neue Mutter sein wollte, ermordet vor. So steht sie allein da, zudem mittellos und von dem Banditen wie von dem Schurken begehrt. Trotz des Originaltitels, der übersetzt werden könnte mit: „Es war einmal im Westen“, erzählt dieser Film kein altes Märchen, sondern generell Geltendes. Auf kurze Faustformeln gebracht: Der Fremde ist entgegen aller traditionellen Vorurteile nicht immer der Böse. Der mit seinem Bart wild aussehende simple Bandit ist weniger gefährlich als der so schön glattgeschabte skrupellose Schurke. Der Geldmensch bleibt bei aller Unbeweglichkeit unberechenbar und äußerst gefährlich. Und die Schöne muß nicht unbedingt zum Opfer werden, wenn sie sich geschickt genug zeigt, sogar eine Vergewaltigung durch scheinbar begeistertes Mitmachen abzuwenden. Wie gern würden die Zuschauer sehen, dass die Schöne am Ende den heldenhaften Fremden oder den gutmütigen Banditen zum Mann kriegt, doch diesen versöhnlichen Schluß gönnt der Film ihnen nicht. Das würde gegen seine eigentliche Aufgabe verstoßen. Denn mit diesem Film sollte offensichtlich dem seit jeher und bis heute unübersehbaren Zug im Nationalcharakter der Amerikaner ein Denkmal gesetzt werden: der Gewälttätigkeit. Kein Wunder, dass der Film in den USA zunächst ein Flop war, dagegen in Paris sechs Jahre lang ohne Unterbrechung lief. Cineasten deuten das allerdings anders. Sie sagen, es sei eine zu große Zumutung für die Amerikaner gewesen, ausgerechnet den Schauspieler in der Rolle des Schurken zu erleben, den sie bis dahin immer nur als den positiven Helden gesehen hatten. Etwas zu simpel, aber immerhin das Eingeständnis der Blödsinnigkeit des Starrummels.

(Walter Laufenberg in: www.netzine.de)

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