Walter Laufenberg:
SarkophagRoman
BOOKSPOT VERLAG 2008, Hardcover 360 Seiten, € 16,80. ISBN 978-3-937357-29-4
Der Verlag schreibt:
Sarkophag, der neue Thriller von Walter Laufenberg, verwebt gekonnt historische Tatsachen und Streitfragen mit spannender Fiktion rund um den legendären Malteserorden.
Der Autor bei einer Lesung in Wien-Brigittenau am 17. April 2008
(Foto: VHS Wien - Brigittenau)
Als Leseprobe hier das erste Kapitel des Romans „Sarkophag“
1.
So verloren, dieser grau-beige Felsklotz im Meer zwischen Sizilien und der nordafrikanischen Küste, so klein auch, dass man meinen könnte, die Sonne brauchte nur einen einzigen Strahl auf ihn zu richten, um ihn zu erwärmen. Und der Fels, von gewaltigen Festungswerken gekrönt, nimmt die Hitze gern auf und speichert sie bis in die Nacht hinein, wenn sich die Menschen längst in ihre Behausungen zurückgezogen haben. Wo sie die Sicherheit genießen - Stein auf Stein um sich herum aufgeschichtet - oder einfach alles verschlafen. Ohne sich um die zu kümmern, die den tiefschwarzen Schatten der Nacht für ihre dunkelsten Absichten nutzen. Und auch für die allerschönsten.
Ganz offensichtlich enttäuscht war sie und einfach nicht mehr bereit, auch nur einen Schritt weiter zu gehen. Mehr widerborstig als müde lehnte sie sich in der dunklen Nische der Johanneskathedrale von Valletta an einen steinernen Ritter, der seit Jahrhunderten auf seinem Sarkophag ruhte. Auf dem Rücken lag der gepanzerte Mann, die Arme über dem Leib verschränkt, die Beine mit den Beinschienen und den spitzen Schuhen brav nebeneinander, so Vertrauen erweckend, dass Iris nichts dabei fand, ihn mit dem neugierigen Lichtstrahl ihrer kleinen Stablampe von oben bis unten abzutasten. Auch die stolze Schamkapsel besonders in den Blick zu nehmen. Den steinernen Ritter störte ihre Vertraulichkeit nicht. Er schwieg das Schweigen der Ewigkeit.
Dass er stillhält, das kann es ja wohl nicht sein, was ihn für Iris so anziehend macht, überlegte Edward, der ein paar Schritte weiter gegangen war und sich jetzt nach ihr umgewandt hatte. Hand in Hand waren sie umhergeschlendert, nachdem die Kirche geschlossen worden und alle Lichter ausgegangen waren. Sie beide allein in dem riesigen Raum, durch dessen farblose ovale Fenster hoch oben im Tonnengewölbe, nur hin und wieder eine schwache Helle dringen konnte. Denn schnell ziehende schwere Wolken ließen die Halbmondnacht immer wieder in völlige Finsternis versinken. Wie zwei Kinder, die sich verlaufen hatten, so verloren in der Weite des Kirchenraums waren sie dahin geschlichen, über die bunt bebilderten Grabplatten, die den Boden schmückten, Grab an Grab, wie Schulter an Schulter und wie Kopf an Fuß. Nur dem Licht der kleinen Lampe in ihrer Hand folgend, waren sie immer weiter gegangen, auf dem schier endlos erscheinenden marmornen Teppich der Toten. Dabei war sie beinahe ängstlich auf die Bilder mit Gerippen und Sensenmann und Totenkopf und Stundenglas und frommen Sprüchen getreten, viel behutsamer als er, der zeigte, dass er sich hier auskannte. Erst als die beiden bei einem plötzlichen Aufleuchten des Mondes direkt vor sich die beinahe mannshohen Kerzen auf dem Altar gesehen hatten, waren sie in eine Seitenkapelle ausgewichen. Weil die dünnen leichenblassen Riesenkerzen ohne Flammen sie wie eine Gattersäge bedrohten.
Diese schauerlichen Eindrücke und dazu diese Dunkelheit, das kann eine Frau schon in ein Stimmungstief fallen lassen, sagte Edward sich. Deshalb hat sie sich von meiner Hand losgerissen. Und was vielleicht noch schwerwiegender ist: Zu der Schwärze der Nacht kommt der intensive Geruch nach Weihrauch, der die Luft des Kirchenraums geschwängert hat. Ein Duft, der für sie ungewohnt sein dürfte, weil sie ja nicht gläubig ist. Liebevoll machte er sich alles an Verständnis klar, was ihm einfiel. Nur an die monotone Aufzählung von Namen und Jahreszahlen, die er ihr bei dem Rundgang geboten hatte, in Kastellanmanier fast dreihundert Jahre Herrlichkeit des souveränen Militärordens der Malteser im Schnelldurchgang serviert, der Fürst und der Großprior, der Freiherr und der Großmeister, er kannte sich ja bestens aus, an diese Zumutung dachte er nicht. Und auch nicht daran, dass er ihr eigentlich ein gemütliches Eckchen versprochen hatte.
Ihre Finger spielten lustlos in den Augenhöhlen des steinernen Totenkopfs, dessen Helmvisier hochgeschoben war, als sie missmutig sagte: „Also ich weiß nicht, Edward, wir hätten uns vielleicht doch nicht gerade hier verstecken sollen. Es gibt sicher schönere Liebesnester.“
In dem Moment gab der Ritter nach, senkte sich geräuschlos in den Sarkophag, an dem sie lehnte, und verschwand mit dem schweren marmornen Kasten im Boden. Dabei riss er die Kriminalassistentin Iris Schwarzkopf aus Köln mit in die Tiefe.
Edward tastete sich vorsichtig zwei Schritte näher an das Loch heran, aus dem eine Staubwolke zu ihm hoch wehte. „Iris, kannst du mich hören?“, rief er. „Iris, wo bist du?“
Und als Antwort drang es dumpf aus der dunklen Gruft an sein Ohr: „Ich bin bei den Toten.“
„Um Gottes willen, was ist passiert?“, schrie er.
„Nichts“, kam es von unten herauf.
„Bist du verletzt?“
„Nein, ich bin weich gefallen. Auf einen drauf gefallen. Auf einen der Toten.“ Doch dann ein schriller Schrei, nachdem ihre kleine Stablampe aufgeflackert war: „Ich habe Blut an den Händen!“
„Was? Du blutest? Wo?“
„Aber nein, das ist ja gar nicht mein Blut. Das ist von dem Toten.“ Und dann ein schon fast hysterischer Schrei: „Iiih, der ist ja noch warm!“
Edward Green ballte die Fäuste und aktivierte alles an pflichtgemäßem Verantwortungsgefühl, das er hatte. Ich muss ihr helfen. Ich bin ihr Sprachlehrer. Und schließlich habe ich sie hergebracht, um ihr die ehemalige Konventskirche der Malteserritter zu zeigen, also muss ich sie auch aus dem Loch da herausholen.
„To be or not to be, that is the question“, entfuhr ihm einer seiner üblichen Sprüche. Dabei schaute er sich suchend um. Und er sah, was er brauchte. Hastig riß er ein Absperrseil los, das in schweren Messingringen an Ständern quer durch den Kirchenraum gespannt war, wohl um den täglichen Andrang der Touristen zu regulieren. Das dicke Seil um die nächste Säule geschlungen und verknotet, und schon konnte er sich in die Gruft hinab abseilen. Er hatte sich nicht bemüht, Lärm zu vermeiden. Keine Zeit für so was. Einige der Ständer waren scheppernd umgefallen und hatten die hohen Gewölbe laut widerhallen lassen. Macht nichts, hatte er sich gesagt. Es ist ja Nacht und kein Mensch in der Nähe. Als Edward wieder festen Boden unter den Füßen hatte, sah er als erstes die Stablampe daliegen, zwischen dem Sarkophag und einer nackten männlichen Leiche mit grauem Bart.
„Die Kehle durchgeschnitten“, erschauerte er. Beim hellen Schein der Lampe erkannte er dann: Eine verdammt enge Höhle, aber ohne Iris und ohne einen Ausgang. Er fasste sich an den Kopf, als wollte er sich vergewissern, dass er wach war. Wie kann Iris verschwunden sein? Vergebens sein immer wiederholtes Rufen: „Wo bist du? Iris, wo bist du?“
Ein zögerndes Tasten nach der Leiche. Angewidert. Muss aber sein, muss sein, überwand er sich. Tatsächlich, noch nicht kalt. Dann der schnelle Griff nach der Stablampe, wie ein Ertrinkender nach einem Strohhalm greift. Edward ließ den Lichtstrahl die Wände entlang gleiten. Rundum helle Marmorplatten, glatt und abweisend. Und doch müssen diese Wände wenigstens drei Menschen durchgelassen haben, widersprach er seinen Augen. Die Wände haben Iris durchgelassen und den Ermordeten und auch den Mörder. Das heißt, Iris ist jetzt wohl die Gefangene des Mörders. Ein Gedanke, der ihn elektrisierte, aber nicht erschreckte, sondern beflügelte. Ich muss sie aus seiner Gewalt befreien, gab Edward sich den Befehl. Und er ging gleich ans Werk. Mit der freien Hand streichelte er über die Spalten an den Wänden, um eine Unebenheit zu finden, wo die Marmorplatten aneinander stießen.
„Bitte, bitte eine Kerbe, in die ich mich einkrallen kann“, flüsterte er beschwörend, „bitte einen Wulst, den ich verschieben muss, um die geheime Tür zu öffnen.“ Doch da hatten offenbar gute Handwerker gearbeitet. Die Wände der Gruft waren makellos glatt gefugt. Also mit den Fingerknöcheln ein leises Klopfen, systematisch von rechts nach links und von oben nach unten. Weiter, immer weiter.
Und plötzlich, als er schon alle Hoffnung aufgeben wollte, schob sich eine Tür vor ihm auf. Den Nerv getroffen, jubelte es in ihm, als er das Licht seiner Lampe in den dunklen Gang fallen ließ, der sich da auftat und in den er nun ohne Zögern hineinlief, dem geradeaus gerichteten Lichtstrahl hinterher, wie von ihm mitgerissen.
Edward kam nicht weit. Einen in Knöchelhöhe quergespannten Draht hatte er übersehen und war lang hingeschlagen. Und als er sich aufrappeln wollte, stand ein riesiger Mensch mit schwarzem Vollbart dicht vor ihm, ein Mann in einem weiten schwarzen Mantel, der einen schweren Revolver auf ihn richtete. Halb verborgen hinter ihm konnte er Iris erkennen, deren beide Hände der Riese mit der linken Hand festhielt. Edward durchfuhr ein Schreck, der ihn lähmte. Ich muss was tun, schrie es in ihm. Ich muss, ich muss! Aber ich kann nichts tun, sagten seine Glieder, die so fremd an ihm hingen, wie nicht zu ihm gehörend. Nichts, nichts kann ich tun.
„Neugier muss bestraft werden“, herrschte der Bärtige ihn mit kräftiger Bass-Stimme an. „Und die Strafe heißt: Tod.“
„Nein, nein!“, riss Edward sich aus seiner Starre. Und verlegte sich auch schon aufs Argumentieren: „Hier geht es doch überhaupt nicht um Neugier, nein, wirklich nicht.“
Was sonst konnte er tun als mit dem Kerl sprechen? Völlig wehrlos, wie er da auf dem Boden lag, ohne jede Waffe. Nur die Taschenlampe noch fest in der Hand. „Hier geht es um Liebe. Und um Verantwortung“, japste er. Und trieb sich selbst an: Weiter reden, weiter reden! „Schließlich war ich derjenige, der die Idee hatte, die Nacht in der Kathedrale zu verbringen. Eine Liebesnacht, harmlos, blöde Idee auch, ja, aber völlig harmlos. Wirklich. Also geben Sie mir meine Begleiterin wieder und lassen Sie uns raus. Bitte! Bitte! Dann werden wir alles als einen schlechten Traum auffassen und sofort vergessen. Ja, einfach alles vergessen. Versprochen, fest versprochen!“
Doch die Waffe des Bärtigen zielte weiter auf Edward. „Wer an Träume glaubt, ist ein Dummkopf. Und wer Leuten vertraut, die an Träume glauben, erst recht“, dröhnte der Bass des Riesen. „Deshalb bleibt es dabei: Tod den Neugierigen!“ Dabei entsicherte er seine Waffe. Das bedrohliche Knacken des Revolverhahns war in dem engen Tunnel nicht zu überhören. Das ist das Ende, durchzuckte es Edward. Dass ich so enden muss, hier unter all den toten Brüdern. Ein Jammer.
In dem Moment trat Iris dem Mann so heftig in die Kniekehle, dass er zusammenknickte und ihm der Revolver entfiel. Dabei löste sich ein Schuss, schrecklich laut, und von der Wand fiel Putz herab. Mit einem Hechtsprung erwischte Edward die Waffe, während Iris sich auf den Mann warf, ihm von hinten beide Hände um den Hals legte und mit aller Kraft die Kehle zudrückte. Ihr von der übermenschlichen Anstrengung verzerrtes Gesicht, einfach faszinierend, dachte Edward, der zusah statt einzugreifen. Die wild arbeitenden Pranken des Mannes schafften es nicht, die feinen Hände der Frau, die wie an ihn geschmiedet hinter und über ihm hing, von seiner Kehle zu lösen. Es war, als zöge er mit seinem verzweifelten Zerren an ihren Armen den weißknöchernen Ring um seinen Hals nur immer noch enger zu. Edward beobachtete sprachlos vor Entsetzen den stummen Kampf des ungleichen Paars, den riesigen Kerl, auf den er den Revolver gerichtet hatte, bereit abzudrücken, bevor der Mann den Kampf gewinnen könnte, und die schlanke junge Frau auf ihm, die ihn beherrschte. Erst in dem Augenblick, als der Riese wie ein nur halbvoller Kartoffelsack zusammenfiel und reglos auf dem Boden liegen blieb, ließ Iris ihn los. Die Fingerknöchel schmerzten sie so, dass sie ihre Hände anhauchen musste, um sie wieder zu beleben.
„Der ist tot“, erschrak Edward, indem er aufsprang. „Du hast ihn umgebracht.“ Dabei betrachtete er den Besiegten mit einem Blick voller Mitleid. Jetzt erst fiel ihm wieder ein, was er gesehen hatte, als der Revolvermann ihn bedrohte: Der Riese trug unter dem schwarzen Mantel eine weiße Mönchskutte. „Bist du wahnsinnig, Iris? Du hast einen Mann der Kirche getötet.“
„Unsinn, der Griff tötet nicht, wenn man im Moment des Zusammenbruchs den Gegner sofort loslässt. Dann ist der nur bewusstlos, aber er kommt dann bald wieder zu sich“, widersprach sie. „Deshalb nichts wie weg!“
„Wie du den Riesen geschafft hast, also wirklich – toll.“
„Die vier Druckpunkte am Hals. Nur eisern draufhalten, mit beiden Daumen und Zeigefingern. Kralle machen. Haut den stärksten Mann um. Habe ich in der Grundausbildung der Polizei gelernt.“
„Prima. Wirklich. Und wenn er doch tot ist, auch gut. Besser der Kerl kaputt als wir, denn das Leben ist zu schade zum Verlieren, vor allem wenn man so verliebt ist wie wir“, wollte Edward nun schon wieder zu einem seiner großen Monologe anheben, als Iris ihn rücksichtslos unterbrach: „Nur weg hier! Irgendwo muss ja der Ausgang sein.“
Doch mussten die beiden gleich darauf einsehen: Die den versteckten Eingang in den Gang zur Gruft gebaut hatten, hatten an keinen Ausgang gedacht.
„Scheint tatsächlich keinen Ausgang zu geben?“ Iris schüttelte sich.
„Verständlich“, seufzte Edward, „ist das Grab doch ein Lebensziel ohne Retourbillet.“
„So what?“ Iris stand ratlos da und starrte ihren Sprachlehrer mit irrlichternden Augen an. Aber dem half auch nicht, dass sie ihm auf Englisch kam. Er sah sie nur stumm an und ließ die Arme hängen. Wie ein Tier, das sich in Demutshaltung dem überlegenen Feind ausliefert.