Walter Laufenberg
Perkeo - Der ZWERG von HEIDELBERG
Historischer Roman


verlag regionalkultur, Heidelberg et altera 2008, 224 Seiten, broschiert, 12.90 €,  ISBN 978-3-89735-539-2
Der Verlag Regionalkultur schreibt im Klappentext: "Das war der Zwerg Perkeo im Heidelberger Schloß, an Wuchse klein und winzig, an Durste riesengroß. Man schalt ihn einen Narren, er dachte: Liebe Leut, wärt ihr wie ich doch alle feuchtfröhlich und gescheut!" So verewigte Joseph Victor von Scheffel den Zwerg Perkeo, der als einziger Hofnarr in deutschen Landen Lexikonformat erreicht hat, in einem Trinklied. Walter Laufenberg schildert in seinem Roman das Leben des prachtliebenden Barockfürsten Carl Philipp in den Residenzen Innsbruck, Neuburg an der Donau, Schwetzingen und Mannheim.Vor allem aber läßt er das Heidelberger Schloß, den Sitz des Kurfürsten bei Rhein, in seiner glanzvollsten Epoche wieder erstehen.


Im MANNHEIMER MORGEN vom 23. September 2008 schreibt Marlene Bainczyk unter dem Titel:
Trinkfeste regionale Geschichte

Autor Walter Laufenberg ist eine Art Hans Dampf in allen Gassen: Der Jurist und promovierte Sozialwissenschaftler lebte unter anderem in Köln, Saarbrücken, Berlin, Bonn, Aachen und Oldenburg, bevor es ihn in die Rhein-Neckar-Region verschlug. Und auch hier residierte er bereits in Heidelberg, Speyer und Mannheim. Aus seiner Heidelberger Zeit stammt der Historische Roman "Perkeo - Der Zwerg von Heidelberg" über den Hofnarren des Kurfürsten Carl Philipp. Das Buch war nach seinem Erscheinen 1990 lange vergriffen und ist nun als Taschenbuch neu aufgelegt worden.
Perkeo hat es für seinen Berufsstand zu großer Berühmtheit gebracht: Man kennt ihn in der Region bis heute, nicht nur als Wächter des Großen Fasses auf dem Heidelberger Schloss, auch in einem Trinklied ist er von Joseph Victor von Scheffel verewigt worden: "Das war der Zwerg Perkeo im Heidelberger Schloss, an Wuchse klein und winzig, an Durste riesengroß."
Seine Trinkfreudigkeit ist tatsächlich legendär, und ihr beeindruckendes Ausmaß brachte ihm neben seiner geringen Körpergröße die Aufmerksamkeit des Kurfürsten ein. Glaubt man Laufenberg, so war es aber seine Intelligenz, die ihm die langjährige Freundschaft des Monarchen sicherte und ihn zu seinem ehrlichen Berater machte. Schließlich war es sein Privileg, ohne Rücksicht auf Verlsute frei zu äußern, was ihn auf der Zunge lag. Auch unangenehme Wahrheiten.
Walter Laufenberg hat sich auf die Suche gemacht und nicht nur einiges über Perkeo herausgefunden, sondern auch die Kurpfalz in einer glanzvollen Zeit porträtiert. Hier wird sie wieder zum Leben erweckt, und der historisch interessierte Leser kann sich erzählen lassen, wofür er sonst schwere und staubige Geschichtsbücher wälzen müsste.


In DER SCHLARAFFIA ZEYTTUNGEN, Ausgabe September 2008, schreibt Rt. Aerik (267) unter dem Titel:
Der Zwerg und das Riesenfass

Es gibt Bücher, die kann man schon nach der dritten Seite nicht mehr aus der Hand legen - dieses gehört dazu. Es ist die ebenso phantasievolle wie historisch sorgsam recherchierte Geschichte des zwergwüchsigen Südtiroler Knopfmachers Clemens, der als jemals einziger Hofnarr in deutschen Landen Lexikonformat erreichte. Joseph Victor von Scheffel, unser E.S. Gaudeamus, setzte ihm in seinem Trinklied ein Denkmal: "Das war der Zwerg Perkeo im Heidelberger Schloss, an Wuchse klein und winzig, an Durste riesengroß. Man schalt ihn einen Narren, er dachte: Liebe Leut', wärt ihr wie ich doch alle feuchtfröhlich und gescheut!"
Rt. Fex (53) - profan Walter Laufenberg - folgt in seiner höchst amüsanten Romanbiografie den verschlungenen Lebenspfaden des Hofnarren und Wächters des "Großen Fasses" an der Seite des prachtliebenden Barockfürsten Carl Philipp in den Residenzen Innsbruck, Neuburg an der Dona, Schwetzingen und Mannheim. Dabei lässt er aus den Ruinen vor unserem geistigen Auge das Heidelberger Schloss, den Sitz des Kurfürsten bei Rhein, in seiner glanzvollsten Epoche wiedererstehen. Was Perkeo an Körpergröße fehlte, machte er an Trinkfestigkeit wett. Damit begann auch die ungewöhnliche Partnerschaft der beiden ungleichen Männer, denn er trank bei einer Wette den Pfalzgrafen in seinem Innsbrucker Schloss glatt unter den Tisch. Fortan war er über lange Jahre Hofnarr, "Lustiger Rat", Spaßmacher und politischer Berater in einer Person, dem Rücksichtnahme und diplomatisches Taktieren fremd waren. Sein Ende war tragisch: Als der alternde Kurfürst nicht mehr die schützende Hand über Perkeo hielt, war er der rachsüchtigen Höflingskamarilla schutzlos ausgeliefert. Dass Walter Laufenberg nicht nur ein witziger Erzähler, sondern auch ein Meister unserer Muttersprache ist, wissen alle Schlaraffen, die schon in dieser DSZ-Rubrik mit einem seiner Bücher bekannt geworden sind.



Hier das erste Kapitel des Buches als
Leseprobe:

Perkeo als Wächter des Großen Fasses

 
Da steht er und wacht er beim Großen Fass: Perkeo. Wenn er nicht

gerade seinen Rausch ausschläft oder sich einen antrinkt. Oder mit

festen Schritten den Steinboden abklopft. Als ob er dem Bodenlosen

auf der Spur wäre mit seinen kleinen harten Schuhen, dem

Unergründlichen, der Überallhohlheit. Zack, zack, dröhnt es in den

Gewölben wider, wie er daherstolziert. Mit hartem Tritt, in der Art

der Kleinen, deren zu kurz geratene Beine sich kein bisschen Lässigkeit

leisten. Zack, zack.

 

Ein Zwerg zwar, doch ein Großer am Hofe. Prächtig aufgeputzt

mit Schärpe, Schlüssel und Großkreuz eines kurfürstlichen Kammerherrn

und Ritters, mit Perücke, feuerrot, und mit seinem Drei-Liter-

Humpen in der Hand, dem Zeichen seiner Überlegenheit. Der

Wächter des Großen Fasses. In Habachtstellung. Wobei es weniger

darum geht aufzupassen, dass sich kein Unbefugter bedient – es ist

Wein genug da, und der Kurfürst ist so großzügig, wie man es nur

sein kann. Wie er selbst seinen Adamsapfel feucht hält, mit gewaltigem

Schlucken Tag und Nacht, so gönnt er es auch seinem ganzen Hofstaat.

Wichtiger ist, dass immer wieder Wein ins Fass hinein kommt – und

nichts anderes als Wein. Kein Wasser und kein Unrat. Was man da

alles hört aus dem Serail des Sultans in Stambul: Dass die riesigen

kupfernen Weinkaraffen feste Deckel tragen, die mit schweren

Vorhängeschlössern gesichert sind, während der Hahn unterm Bauch

der Kanne einfach auf- und zugedreht wird. Weil man nicht den

durstigen Dieb fürchtet, sondern den Mörder, der den Wein mit Gift

versetzt, Eine schreckliche Vorstellung. Zum Glück weit, weit weg im

fernen Orient, denkt Perkeo. Am Hof  zu Heidelberg schleichen keine

Giftmischer herum, spricht er sich beruhigend zu. Und weiß doch,

dass er da nicht mehr so sicher sein kann. Nein, nein, überredet er

sich, du brauchst nichts zu befürchten.

Der Kellermeister vor seinem Fass. Der kleinste Mann am Hofe

vor dem größten jemals gebauten Holzfass, in dem Wein gelagert

wurde. Was für ein Größenverhältnis! Und doch ist es nicht seine

Körpergröße von gerade einem Meter zehn, die Perkeo so nachdenklich

macht. Draußen wird es überdeutlich; Anfang Mai, Frühlingszeit.

Doch der Zwerg im düstern Fassbau fühlt eher den Herbst. In diesem

Jahr 1728 ist das Große Fass erstmals wieder voll, nachdem es jahrelang

trockengestanden hatte. »Nicht mehr dicht, zu alt, unbrauchbar

geworden«, flüstert Perkeo vor sich hin. Und schüttelt energisch den

Kopf. Nein, nein, nein. Äußerlich zwar noch in Ordnung, aber als

Weinbehältnis nicht mehr brauchbar – so hatte das Fass dagestanden,

bis Kurfürst Carl Philipp den Befehl zur Generalüberholung gegeben

hatte. Das war im Vorjahr. Und nun hatten sie es mit pfälzischem

Landwein gefüllt und am 1. Mai, mit der Namenstagsfeier des

Kurfürsten, neu eingeweiht. In einem herrlichen Besäufnis auf dem

Rücken des Großen Fasses, das geduldig dalag wie ein Elefant, der

sich beladen lässt.

Es ist nicht der Kater nach dem Saufen, der Perkeo sein verschmitztes

Lächeln gestohlen hat. Nein, damit hat er keine Last. Sein

Organismus wehrt sich nicht gegen den Wein, er braucht ihn. Und

er bekommt ihn, regelmäßig und unmäßig. Perkeo ist dabei zu verstehen,

was sein neues Amt als Wächter des Großen Fasses bedeutet.

»Die letzte Ehre, die mir mein Kurfürst erwiesen hat«, murmelt er.

Der neue große Schlüssel, den Carl Philipp mir überreicht hat, war

sein Abschiedsgeschenk, überlegt er. Wir haben getrunken und gelacht

und uns vor Lust auf die Schenkel geschlagen, Weil alles noch

einmal so war, wie früher, Und dann ist er abgereist, hinüber in sein

Sommerschloss Schwetzingen, das immer größer, immer prächtiger

wird. Und ich hier vor dem Großen Fass, abgestellt, eingelagert – und

wie übrig geblieben von einer wunderschönen jahrelangen Feier, »Wie

bin ich nur hierhin geraten?«

Armer Perkeo, das ist nicht die Frage. Besser, du würdest dich

fragen; »Wie lange noch werde ich hier meine Ruhe haben? Wie

schnell werden sie kommen, meine Feinde, und unbarmherzig Rache

nehmen?«

 

Denn zur selben Stunde versammelte sich im Apothekerturm eine

kleine Gruppe von Hofleuten, um über den Zwerg Perkeo einen

Urteilsspruch zu fällen. Eine sonderbar gemischte Gesellschaft war

es, die sich da in den untersten Gewölben des Apothekerturms

zusammensetzte. Der Oberfalkenmeister des Kurfürsten, Graf Thurn

und Taxis, seine schöne Schwester Violanta Theresia, der Jesuitenpater

Nikolaus Staudacher, der Hofdichter Giorgio Maria Rapparini und

der Apotheker, einfach »Dottore« genannt. Er war von allen wohl die

unheimlichste Figur. Ein Gesicht wie ein geschnitzter Teufel. Gerade

so, als ernährte er sich von den nach geheimen Rezepten gemixten

Tinkturen, Pillen und Salben, die er in seiner Offizin bereithielt. In

dieser von Flaschen, Phiolen und merkwürdig verbogenen Glasröhren

vollgestellten Höhle hauste der Mann Tag und Nacht wie ein böser

Geist. Aber als einer, von dem man sich Hilfe erhoffte, wenn es einem

schlecht ging.

 

»Wir dürfen nur flüstern«, sagte der Apotheker, »denn die Wände

des Schlosses haben Ohren, sogar noch hier, tief unten im Turm.«

 

»Wir sollten vielleicht schreiben, was wir meinen«, schlug der

Hofdichter vor. Worüber man aber nur den Kopf schütteln konnte.

 

»Wir können uns mit der Zeichensprache begnügen statt zu

reden – und es kurz machen«, meinte der Oberfalkenmeister und

machte dabei eine energische Handbewegung vor seinem Hals, als

wollte er sich selbst den Kopf abschneiden.

 

»Ach, wir sollten doch lieber beim Flüstern bleiben«, hauchte die

Gräfin erschrocken. Und der Pater nickte eifrig zustimmend. Konnte

es ihm doch gar nicht leise genug zugehen. Möglichst so leise, dass

Gott es überhört. Oder dass man beim Jüngsten Gericht sich damit

verteidigen könnte, man habe nicht nur nichts gesagt, sondern auch

nichts gehört. Und gesehen sowieso nichts, weil es düster war in der

Giftküche des Apothekers.

 

Der Gastgeber eröffnete die Sitzung. Weil er selbst als einziger mit

dem Hofnarren keine Rechnung zu begleichen habe, übernehme er

den Vorsitz, erklärte er. »Quasi als Neutraler.« Und da sich kein

Widerspruch regte, fuhr er fort: »Zunächst – wer hat etwas zur

Verteidigung des Hofnarren vorzubringen?« Die Frage überraschte die

Versammelten. Sie sahen sich empört und mit hasserfüllten Blicken

um. Aber da war niemand zu sehen, der als Verteidiger auftreten

wollte. »Ich stelle fest«, sagte der Apotheker, »das Urteil ist einstimmig

gefällt. Somit bleibt nur noch die Frage des Wie.«

»Verdammt noch mal, das übernehme natürlich ich«, der Oberfalkenmeister

schlug mit der Faust auf den Tisch, dass rundum die

Gläser klirrten. Doch als seine Mitverschworenen die Finger auf die

Lippen legten und ihn mit »Pst, Pst!« zur Ruhe mahnten, setzte er

leise hinzu: »Seine Aufgabe, Dottore, ist es dann nur noch, die Leiche

verschwinden zu lassen. Er hat ja Mittelchen genug in Seinen

Schränken.«

 

»Nun ja«, gab der Apotheker sich skeptisch, »wenn der Tote auch

sehr klein ist, gleich ganz verschwinden lassen, das können ihn meine

Essenzen wohl doch nicht. Einen Aufbewahrungsort müsstet Ihr schon

für ihn finden, Graf. Doch dass er dort sehr schnell verwest und kein

Knöchelchen mehr übrigbleibt, dafür kann ich sorgen.«

 

»Und wenn man nichts mehr von ihm findet, dann ist er vergessen

für alle Zeiten«, begeisterte sich der Poet. Womit die Sitzung im

Apothekerturm beendet wurde, weil man alles Notwendige verabredet

zu haben glaubte. – Glaubte!

 

Derweil denkt der Wächter des Großen Fasses nicht an die Gefahr,

die ihm droht und der er ausgeliefert ist, jetzt, da die schützende Hand

des Kurfürsten nicht mehr über ihm wacht. Perkeo denkt nicht an

morgen und nicht an übermorgen. Er blickt zurück und lässt seine

Gedanken noch einmal sein unordentliches Leben durcheilen.