Zahn
Zum archaischen Lächeln riß man
nicht das Maul auf. In der ganzen Antike zeigte man sich nicht die Zähne.
Und das blieb so bis zur Neuzeit. Aus gutem Grund. Erst die Amerikaner,
in der Zahnprothetik Spitze, haben uns beigebracht, daß das Gebißblecken,
das Zeigen der falschen Zähne - weiß, weißer, am weißesten
- bei wieherndem Lachen ein Ausdruck von Natürlichkeit und Freundlichkeit
ist (vgl. Zähnefletschen).
Zahnspange
Modernes Folterinstrument, von den Zahnärzten massenhaft eingesetzt,
weil sie das Einheitsgesicht fördert und gutes Geld einbringt. Wer
soll da noch ein Gedicht auf das eine vorwitzige Zähnchen seiner Freundin
machen? (vgl. Gesichtsverlust).
Zappen
Wer sich ans Z. gewöhnt hat, an diesen
autonomen Fernsehgenuss in Kotzbrockenform, muß ein Liebhaber getäuschter
Hoffnungen sein und ein Feind des Urteils: Zappenduster (vgl. Halbheiten).
Zeilenschinder
Abwertende Bezeichnung für Journalisten,
weil sie sich oft Zeilen abpressen müssen, um der festen Vorgabe (Zeilenzahl,
Seitenzahl, Sekunden oder Minuten) zu entsprechen. Denn das zu füllende
Layout oder Sendeformat nimmt keine Rücksicht darauf, daß auch
mal Windstille herrscht (vgl. Journaille, Zeitung).
Zeit
Jeder hat seine Z. Und diese Z. ist die härteste der sieben
Fesseln des Menschen. Viel schwerer zu knacken als die Fessel Ort und die
Fesseln Geldmangel, Krankheit, Übelgelauntheit, Dummheit und Ichbedürfnisse
(vgl. Ich). |
Illustration:
Guntram Erbe, Hilpoltstein |
Zeitrechnung
Unser Kalender rechnet nach
dem Dezimalsystem (Zehnersystem), d.h. mit den zehn Zahlzeichen 1 bis 10.
Ein Dezennium geht deshalb immer vom Beginn des Jahres mit der 1 am Ende
bis zum Ende des Jahres mit der Null am Ende. Genauso werden die Jahrhunderte
gezählt. Das sogen. Säkularjahr ist das ein Jahrhundert beschließende
Jahr mit einem ganzen Hundert in der Bezeichnung, jetzt also das Jahr 2000
(Zwanzighundert). Das 20. Jahrhundert hat am 1.1.1901 um Null Uhr begonnen
und endet am 31. 12. 2000 um 24 Uhr. Erst danach beginnt ein neues Jahrhundert
und gleichzeitig ein neues Jahrtausend. Diese Kalenderregelung ist eindeutig
und unbestritten. In der Praxis jedoch steht Bildung gegen Gefühl und
Ungeduld. Und das bloße Gefühl, das Jahr 2000 habe schon das
neue Jahrhundert und Jahrtausend beginnen lassen, setzt sich offenbar in
der Öffentlichkeit durch. Das ist beste demokratische Tradition: Eine
Mehrheit kann alles, sogar ein Jahrtausend auf 999 Jahre schrumpfen
lassen. Das paßt zu uns Schrumpfköpfen (vgl. Bildung, Journaille, Millennium).
Zeitroman
Die behelfsmäßige Bezeichnung für das Gegenstück
zum historischen Roman. Sie deutet an, dass der Autor im Z. zu Problemen
seiner Zeit Stellung nimmt. Was gleichzeitig bedeutet: Der Z. hat nur seine
Zeit. Denn anschließend ist er bloß noch als Kommentar zur Historie
interessant, wird also beinahe zu einem historischen Roman (vgl. Roman, historischer).
Zeitung
Ein Schrumpfwort, erst attraktiv geworden durch
das Vergessen des Mittelteils: verschwend (vgl. Journaille, Schwanzwort).
Zeitungsabonnent
Der Z. sagt, daß er seiner Zeitung treu
bleibe, weil sie seinen Grundeinstellungen entspricht. Kein Gedanke daran,
daß er seine Grundeinstellungen aus der täglichen Lektüre
dieser Zeitung bezogen hat (vgl. Meinung, Rückkopplung).
Zensur
Die Z. ist in modernen Staaten abgeschafft,
der Zensor kein Beruf mehr. Seine Funktion wird von Presseämtern wahrgenommen,
die darauf achten, daß mißliebige Leute totgeschwiegen werden
(vgl. Massenmedien,
Meinungsfreiheit).
Zentralverwaltungswirtschaft
Das Gegenstück zu freier Marktwirtschaft
und trotz immer neuer Fünfjahrespläne und üppig wachsender
Bürokratie zum Scheitern verurteilt, wie sich in sämtlichen sozialistischen
Ländern gezeigt hat. Seitdem wird diesem Popanz nur noch in Brüssel
gehuldigt (vgl. Europäische
Union, Ignoranz, Unbelehrbarkeit).
Zigarette
Die Z. ist die Rache der Primitiven Mittel-
und Südamerikas für ihre Unterwerfung und Tötung, weil sie
uns zu Primitiven mit dem gleichen Schicksal macht (vgl. Rauschgift,Sucht).
Zivilisation
Im Deutschen unterscheidet man die bloße
Zivilisation von der Kultur. Beispielsweise ist das Toilettenhäuschen
auf der Baustelle Z., die Zeitung zum Hinternabwischen aber Kultur, - wenn
man Glück hat. Im Angelsächsischen kennt man diese feine Unterscheidung
nicht. Und mit fortschreitender Amerikanisierung schwindet sie auch bei
uns, d.h. wir scheißen auf Kultur und wischen uns den Hintern mit softy
Toilettenpapier ab (vgl. Amerikaner, Kultur).
Zombie
Ein Z. soll ein Mensch sein, der extrem unheimlich
wirkt, weil er schon seine Wiederauferstehung von den Toten feiern konnte,
obwohl der Jüngste Tag noch nicht angebrochen ist. Neben Horror-Autoren
kommen Voodoo-Priester am besten mit Z.s zurecht. Weil sich jedoch der
Rest der Menschheit - bis auf einige Pharmakologen - immer noch mehr dafür
interessiert, wie man aus Lebenden Tote macht, bleibt die Technik des umgekehrten
Vorgangs eine Geheimlehre (vgl. Okkultismus, Krimi, Glaube).
Zoologie
Die Leute, die Z. nicht von Soziologie unterscheiden
können, liegen damit gar nicht so falsch (vgl. Bildung).
Zuchtwahl
„The survival of the fittest“ war die Vorstellung des britischen
Naturforschers Charles Robert Darwin (1809-1882) von der natürlichen
Z. Heute dient sie in ihrer Umkehrung als Trost und Hoffnung für all
jene, die sich über Unverbesserliche ärgern, über Alkoholfahrer,
Raser, Gurtmuffel, Drogendealer, Leichtsinnige und Kopflose jeder Fasson.
Trost im Sinne von: Das wächst sich aus. Jedoch muß die Tatsache,
daß die Dummheit in den vielen Jahrtausenden der Menschheitsgeschichte
nicht ausgestorben ist, zu Zweifeln an der Wahrheit dieses Umkehrschlusses
führen. Was aber nichts gegen die Darwinsche Theorie der natürlichen
Z. sagt, weil eine Aussage nicht dadurch falsch wird, daß ihre Umkehrung
sich als falsch erweist (vgl. Verstand, Philosophie, Wissenschaft).
Zünglein
Das von gedankenlosen Schwätzern immer wieder genannte Z. an
der Waage ist an der Balkenwaage der Zeiger in der Mitte des Balkens, der
die beiden Waagschalen trägt. Steht er senkrecht, weiß man, dass
die Waage im Gleichgewicht ist. Eine andere Bedeutung oder Funktion hat
das Z. nicht. Mit dem dummen Spruch vom Z. ist die eigentlich unbedeutende
Menge gemeint, die genügt, die eine Waagschale mehr zu belasten als
die andere (vgl. Jota, Nonsens).
Zufriedenheit
So positiv Z. klingt, sie hat verheerende Wirkungen, wenn sie
sich in den Köpfen von Künstlern oder Wissenschaftlern einnistet.
Weil sie die Weiterentwicklung der Künste und Wissenschaften verhindert.
Dagegen kann man sie Normalbürgern nicht dringlich genug empfehlen,
genau wie die Bescheidenheit, die Menschenfreundlichkeit, die Emsigkeit und
was es sonst noch alles an Domestikentugenden gibt. Tugenden, die so altehrwürdig
sind, daß sie nicht einmal hier angekratzt werden sollen (vgl. Politiker, Telemeter).
Zwillingsformel
Im Deutschen begegnen wir dieser sprachlichen
Kuriosität auf Schritt und Tritt, der Paarformel, auch Binomial genannt.
Wir verwenden sie nicht aus Jux und Dollerei, sondern zur Verstärkung
(Grund und Boden, mit Stumpf und Stiel, Himmel und Hölle, samt und
sonders), oder um besonders eindrucksvoll aufzuzählen (Pferd und Wagen,
Hopfen und Malz, Samt und Seide, Hinz und Kunz). Dabei stört nicht
einmal, wenn der eine Zwilling längst gestorben ist (Kind und Kegel,
zu Nutz und Frommen, mit Fug und Recht, frank und frei) oder sogar beide
(gang und gäbe, Lug und Trug, Kreti und Pleti). Besonders gern haben
wir eineiige Zwillinge (durch und durch, mehr und mehr, Kopf an Kopf), und
nicht auszurotten sind so unsinnige Paarformeln wie Dichter und Denker oder
Kunst und Kultur, die so ungeniert Ober- und Unterbegriff nebeneinander stellen,
daß Menschen mit Sprachgefühl Rotz und Wasser heulen (vgl. Sprache).
Zynismus
Beim Argumentieren ein Schlag ins Gesicht.
Für den Schläger ist das die höchste Kunst des Überraschungsangriffs,
für den Geschlagenen die größte Gemeinheit (vgl. Überlegenheit).
|