Währungsstabilität
Bis zur Jahrtausendwende war die
Stabilität der Deutschen Mark (DM) der Stolz der Bundesrepublik
Deutschland. Und
die Deutsche Bundesbank war der Garant dafür. Doch weil deren
Unabhängigkeit den Politikern Fesseln anlegte, hatten die nichts
Besseres zu tun als
sie zu entmachten und durch eine Europäische Zentralbank zu
ersetzen,
die sich von den Regierungen manipulieren läßt (vgl. Euro, Politiker).
Waffenproduzent
Der W. ist ebenso unverzichtbar für die
Grundversorgung der Menschheit wie der Literaturproduzent und doch
sein genaues Gegenteil: Kriegt dieser extrem viel Geld und einen
schlechten
Ruf, so kriegt jener einen guten Ruf und extrem wenig Geld (vgl. Autor, Grundbedürfnisse).
Wahndelikt
Wahndelikt Da erwürgt ein in
Deutschland lebender muslimischer Gastarbeiter seine 16jährige
Tochter, die einen nichtmuslimischen Freund hat, um seine Familie von
der Schande zu reinigen, wie es Sitte und Tradition von ihm verlangen.
So hat er es daheim gelernt. Deshalb ist der Vater überzeugt,
keinen Mord begangen zu haben, und wundert sich sehr, daß er
dennoch verurteilt wird. Das fehlende Unrechtsbewußtsein konnte
ihn nicht vor dem Kerker bewahren, weil man von ihm erwarten konnte,
daß er nicht nur die Gesetze seiner alten Heimat kennt und
respektiert, sondern erst recht die der neuen. Das zeigt: Die bei uns
lebenden Ausländer benötigen nicht nur Sprachunterricht, es
fehlt ebenso an Unterweisung in Rechtskunde. Auch deshalb sind sie in
unseren Gefängnissen weit überproportional vertreten. Also
eine neue Chance für unsere
vielen arbeitslosen Juristen (vgl. Ausländer).
Wahrheit
Selbst Leute, die noch nie von Epiktet
(50 - ca. 125) gehört haben und von seinem Ausspruch, dass es
nicht
darauf ankommt, wie die Dinge sind, sondern wie sie gesehen werden,
sind
seine gelehrigen Schüler und damit erfolgreich. Epiktet geht es
mit
dieser W. so wie Gossen mit seiner und mir mit meiner: Sie wird nicht
besonders
geschätzt, weil sie scheinbar auf der Hand liegt (vgl.
Binsenweisheit, Gossen,
Ich).
Wahrheitsliebe
Wer von Priestern, Philosophen oder
Politikern die Wahrheit zu hören verlangt, macht sich mit seiner
W. nur lächerlich. Liegt doch auf der Hand, daß die einen
uns so wenig mit der Wahrheit dienen wollen, wie die anderen es
können und die dritten es dürfen (vgl. Astabsägen,
Lippenbekenntnis). |
Illustration:
Guntram Erbe,
Hilpoltstein
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Wehrpflicht
Sich modern gebende Staaten ziehen die
Wehrpflicht einer Berufsarmee vor, weil man sich einbildet, der
Bürger
in Uniform habe ein höheres Ethos als der Berufssoldat. Doch
brauchen
sie bei besonders gefährlichen Einsätzen Freiwillige. Und
erst
recht brauchen sie Wehrdienstverweigerer, weil sie sonst keine billigen
Arbeitskräfte für die sozialen Dienste finden (vgl. Absurdität,
Profi,
Söldner).
Weichbild
Wenn früher vom W. der Stadt die Rede war, sagte das nichts
über die Korpulenz der Bewohner oder die schlechten Augen des
Betrachters. Weich kommt vom lateinischen vicius=Ort, und Bild kommt
von dem altdeutschen Begriff Bill=Recht (wie in Unbill oder in billig).
Gemeint war also das
Gebiet, auf dem die Rechtsordnung einer Stadt galt. Also ein Wort, das
man
besser nicht benutzen sollte (Vgl. Bedeutungswandel).
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Weihnachten
In den sog. christlichen Ländern
das schönste Fest für Kinder und Kaufleute, in allen anderen
Ländern für die Bettenvermieter und Gastronomen. Wer nach dem
Warum fragt,
erfährt: W. ist der Höhepunkt des Jahres, das kurz danach
endet.
Was aber nichts ändert, weil gleich das nächste beginnt (vgl.
Gewohnheit, Religion).
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Illustration:
Guntram Erbe, Hilpoltstein |
Weihnachtsbaum
Erst haben die christlichen Kirchen ihn
vereinnahmt, dann die Koofmichs. Manch einen bringt es auf die Palme,
daß
für den einen wie den anderen Kult jedes Jahr so viele junge
Tannen
und Fichten abgeholzt werden. Dabei ist es mit ihnen wie mit Soldaten
und
Hähnchen: Man zieht sie nur für den frühen Tod auf (vgl.
Sinn).
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Weltwunder
Im Altertum nannte man die folgenden sieben
Bau- und Kunstwerke Weltwunder: Die ägyptischen Pyramiden, die
Hängenden Gärten in Babylon, der Tempel der Artemis zu
Ephesus, das Kultbild des Olympischen Zeus von Phidias, das Mausoleum
von Halikarnassos, der
Koloß von Rhodos und der Leuchtturm auf der Insel Pharos. Bis auf
das älteste, die Pyramiden, sind sie längst verschwunden. Und
Dutzende von achten Weltwundern hat man kreiert. Vergebens. Heute
wundert
man sich nicht mehr, schon gar nicht bewundert man. Die bedeutendsten
Werke unserer Zeit sind uns nur noch Fragezeichen (vgl. Atomenergie,
Digitalisierung, Genmanipulation, Spaceshuttle).
Werbung
Für manche Menschenbeglücker ist W. ein rotes
Tuch. Dabei
gehört W. zur Marktwirtschaft wie das Wasser zum
Händewaschen. Wer
das eine gutfindet, muß auch das andere gutfinden. Denn nur
selten ist
der völlige Verzicht erfolgversprechend, andererseits ist der
übermäßige Einsatz noch keine Garantie für einen
Erfolg. Die W. verdankt den
Künsten so viel, wie die Künstler der W. verdanken. Was dazu
führt, daß die Werbung oft besser ist als das beworbene
Produkt
und sogar als das redaktionelle Umfeld, in das sie eingebettet ist wie
die Made in den Speck (vgl. Dummheit,
Kommerz) |
Illustration:
Vangelis Pavlidis, Rhodos |
Wermutstropfen
Ein W., der einem ins Weinglas fällt,
macht noch den besten Jahrgang bitter. Eine Umschreibung für die
Tatsache, daß jeder Freude ein bißchen Leid beigemengt
ist.
Die gelegentlich zu hörende
Verballhornung zu Wehmutstropfen macht aus der Lebenserfahrung eine
Sentimentalität (vgl. Volksmund, Weisheit).
Werte
Früher kämpfte man für
Führer, Volk und Vaterland, heute kämpft man für die W.,
die als das
Tafelsilber der Gesellschaft gesehen werden. Daß diese W. meist
mit
den speziellen Interessen irgendwelcher Gesellschaftsgruppen
verwechselt
werden, ist zwar verständlich, nimmt der Begeisterung für sie
aber einiges an Glaubwürdigkeit (vgl. Demokratie,
Freiheit,
Marktwirtschaft, Wertewandel).
Wertewandel
Im antiken Griechenland, unserer ehemaligen
Leitkultur, galt: Der Mensch ist das Maß aller Dinge. Im heutigen
Griechenland gilt: Lautstärke ist das Maß aller Dinge – und
das
Muß, nämlich Lautstärke in jeglicher Form der
Unterhaltung
und erst recht im Straßenverkehr (vgl. Leitkultur,
Musik, Verallgemeinerung,
Werte).
Wetter
Das
Wetter ist das Lieblingsthema von Leuten, die nichts zu sagen
wissen, weil man dazu sagen kann, was man will – es ändert doch
nichts.
Konsequenterweise sind die W.-Berichte zu den wichtigsten Sendungen
aller
Fernsehanstalten geworden, billig zu produzieren und vom Publikum so
dankbar
angenommen wie die Kuhscheiße von der Kuhweide (vgl. Fernsehen,
Verblödung).
Wetter,
schlechtes
Die Küchenphilosophie sagt: Es gibt kein schl. W., es gibt nur
schlechte Bekleidung. Bei allem Respekt für diese aus der Praxis
statt schaumgeborene Philosophie, es wäre das sehr schade. Birgt
das schl. W. doch eine wunderbare Bestätigung des Prinzips
Hoffnung in
sich, nämlich die Gewissheit, dass es besser wird (vgl. Hoffnung,
Volksmund).
Widmung
Wenn ein Autor für einen Leser
eine Widmung in sein Buch schreibt, eröffnet er damit ein
Lotteriespiel, das erst nach Jahrzehnten ein Antiquar entscheidet. Je
nachdem, wie bekannt der Name des Autors geworden ist, aus welchen
Gründen auch immer,
hebt der Antiquar in seinem Katalog den Preis an mit dem Hinweis „Mit
Autorenwidmung“ oder er senkt den Preis mit dem Hinweis „Vorsatzblatt
beschrieben“ (vgl. Relativität).
Wiedergeburt
Wo Armut oder ein gnadenloses Kastensystem
die Perspektivlosigkeit zum Lebensinhalt macht, wie in Indien,
muß man Verständnis für die naive Vorstellung einer W.
haben, bei
unsereinem jedoch kann unsereiner darüber nur den Kopf
schütteln
(vgl. Einbildung, Hoffnung, Surrogat).
Wiedervereinigung
Als das nach dem Zweiten Weltkrieg geteilte
Deutschland 1989 die W. erlebte, hieß das zunächst,
daß der marode sozialistische Ostteil von dem florierenden
privatwirtschaftlichen Westteil geschluckt wurde. Was dem Westteil so
schlecht bekommen ist, daß er zum armen Schlucker wurde und bald
begann, sich selbst immer mehr zu
einem maroden sozialistischen Staat zu entwickeln (vgl. Feedback, Politiker,
Sozialismus).
Willensfreiheit
Unser Strafrecht basiert auf der
Vorstellung, daß wir einen freien Willen haben. Weitgehend nur
Einbildung, wie Biochemiker und Psychologen als Gutachter den Richtern
immer häufiger klarmachen. Was der Freie Wille der Natur wert ist,
zeigt sie daran, daß sie unsere beiden fürs Leben und
Weitergeben des Lebens wichtigsten Muskeln, den Herzmuskel und den
Erektionsmuskel, unserer Willkür entzogen und als unwillentliche
Muskeln eingerichtet hat – als manchmal auch unwillige (vgl. Freiheit,
Schlappschwanz.)
Wissen
W. kann man nicht kaufen. Es
entsteht, wenn man es geschafft hat, Informationen unterschiedlichster
Art so zu verknüpfen, daß sie zu Erkenntnissen führten
(vgl. Denkleistung, Hohlkopf, Information).
Wohlstand
W. ist ein allseits beliebter Zustand, der von Begriffen wie
Häuschen mit Garten, neues Auto, Unterhaltungselektronik, gutes
Essen, teure Klamotten und Reisen ausgefüllt wird und die
Betroffenen ansonsten leer bleiben läßt. Um den W. richtig
genießen zu können, braucht man den Kontrast, also Leute,
die nicht im W. leben. Was das Interesse
an unterentwickelten Ländern weckt. Um beim Wohlstandsgenuß
die Leere im Kopf nicht zu fühlen, füllt man ihn mit Alkohol
oder
macht den Fernseher an (vgl.: Kultur, Hohlkopf,
Entwicklungspolitik, Depravation). |
Illustration:
Guido Junker, Erlangen
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Wohnsitz
In
Deutschland neben dem Namen und dem Geburtsdatum die wichtigste Angabe
zur Identifizierung einer Person, so bescheiden ist die
Bürokratie. Dabei ist jedoch nicht erlaubt, den W. etwa so
anzugeben, obwohl es eindeutig wäre: Ich wohne direkt am
Rheinufer, Stromkilometer 423. Tag und
Nacht fahren die Schiffe vor meinem Fenster rheinauf und rheinab.
Nachts
habe ich meine Freude an den schnellen grünen und den langsamen
roten
Lichtern (vgl. Persönlichkeit)
Wohnungsauflösung
Das ist in bemüht unaufgeregter Ausdrucksweise der moderne Begriff
für die letzte Belästigung, die man sich von einem
verstorbenen Angehörigen gefallen lassen muss. Eine
Unvermeidbarkeit. Immerhin gewinnt man bei diesem Total-Kehraus die
wertvolle Erkenntnis, dass wir uns ein Leben lang nur mit
überflüssigem Kram zu umgeben pflegen. Zum Glück gibt es
heute für die W. die neue Branche der Leichenfledderer, die sogar
mit dem letzten Kram noch ihr Geschäft zu machen versteht (vgl.
Entsorgung, Pietät).
Wortgruppe
Sprachforscher sagen: Rechts und recht
und so fort ist das Gegenteil von links und link und so fort. Trotzdem
soll die Wortgruppenforschung sehr aufschlußreich sein (vgl. Wortsetzungsmacht).
Wortsalat
Wir
haben einen „Staatsminister für Kultur und Medien“. Diese
Aufzählung sagt, daß die Medien etwas anderes sind als
Kultur. Was man ja tagtäglich bestätigt bekommt. Der Titel
einer
Zeitung der IG Medien grenzt sogar die Kunst aus dem Bereich Kultur
aus.
Das Blatt nennt sich „Kunst et Kultur“. In Bonn ist man so stolz auf
die
Kunst- und Ausstellungshalle der BRD, die bloß aus Versehen nicht
Halle
für Kunst- und andere Ausstellungen heißt. Wir haben ja
schon
immer Schwierigkeiten mit diesen Wort-Kopulationen. Bereits der
Ausdruck
„Land der Dichter und Denker“ war für Dichter ein Tiefschlag.
Jetzt
wird deutlich: Wir müssen das Wort Denker (zu hoher Anspruch) ganz
weglassen.
Dann können wir weiterhin von Äpfeln und Obst sprechen. Aber
nicht
nur Über- und Unterordnung, auch das Nebeneinander der Begriffe
ist
voller Fallgruben. In Köln gibt es eine Fachhochschule des Bundes
für
öffentliche Verwaltung, dabei gibt es den Bund für
öffentliche
Verwaltung überhaupt nicht. Gemeint ist die Bundes-Fachhochschule
für
öffentliche Verwaltung. In unserer Hauptstadt heißt es
Bezirksamt
Kreuzberg von Berlin statt Bezirksamt Berlin-Kreuzberg. Die
Verwertungsgesellschaft
Wort in München hat neben Mitgliedern sogenannte
Wahrnehmungsberechtigte. Damit meint sie die Leute, für die sie
selbst zur Wahrnehmung der Interessen berechtigt ist. Man sollte es
Behörden und ähnlichen Institutionen verbieten, Bezeichnungen
zu kreieren, die nicht vorher durch die Deutsche Akademie für
Sprache und Dichtung in Darmstadt geprüft wurden. Daß der
Name dieser Akademie selbst ein Unsinn ist, weil Dichtung,
sofern es nicht um Klempnerei geht, stets aus Sprache besteht,
sollte
man dabei wohlwollend übersehen (vgl. Analphabetismus).
Illustration:
Vangelis Pavlidis,
Rhodos |
Wortsetzungsmacht
Vor
allem politische und religiöse Gruppierungen, aber auch
Behörden sowie Unternehmen haben es längst heraus,wie man die
W. ergreift. Sie nehmen Begriffe aus dem Allgemeingebrauch, geben ihnen
einen
ihrer Absicht dienenden neuen Sinn und propagieren sie als ihre
Wörter, die von dem Moment an für jeden Gegner als „besetzt“
gelten. Diese
Methode der Meinungsmache ist sogar dann effektiv, wenn es das, was der
Begriff
sagt, gar nicht gibt (z.B. Kulturhauptstadt, Volksgefängnis,
Arbeiterparadies,
Erlösung, Sicherheit). Wir haben uns daran gewöhnt, mit einem
Wust solcher Scheinbegriffe zu leben. Das hat uns der Sieg des
sogenannten
Nominalismus im mittelalterlichen Universalienstreit eingebrockt, bei
dem
die orthodoxe Lehre jedem Begriff eine feststehende Wesentlichkeit
zuordnete,
die nominalistische Lehre die Begriffe aber als bloße Zeichen
sah,
deren Bedeutung von der Meinung der Leute abhänge. Klammheimlich
setzen
die heutigen nominalistischen Strategen der W. darauf, daß in der
Bevölkerung immer noch der (orthodoxe) Glaube herrscht, der
untergeschobene
Sinn sei der dem Wort seit jeher eigene Sinn (vgl. Mehrheit, Werbung,
Mittelalter).
Wünsche
W. zu haben ist der Triumph des Menschen
über das Tier, das nur seine Bedürfnisse hat. Wie gut er mit
seinen Wn. fertig wird, vor allem auch mit der Nichterfüllung,
unterscheidet den kultivierten Menschen vom Auch-Menschen (vgl.
Enttäuschung, Kultur).
Würde
Die W. basiert nach weitverbreiteter, wenn
auch nicht allgemeiner Auffassung auf dem besonderen Wert des Menschen.
Würde man auch dem Tier W. zusprechen, wäre sie nichts
Besonderes mehr. So aber gilt sie als einer der wenigen Pluspunkte des
Menschen innerhalb der Zoologie. Sie muß deshalb durch besondere
Gesetze geschützt werden – nicht gegen Tiere, sondern gegen
Menschen (vgl. Mensch,
Konjunktiv).
Wunder
Ein W. ist etwas, das wider alles Erwarten eintritt. Beispielsweise,
dass sogar aus den Köpfen, die nur Stroh enthalten, irgendwann
Silber herauswächst (vgl. Erfahrung, Graukopf).
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