Laufenbergs Laester-Lexikon
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Stichwortverzeichnis


Überalterung
Popanz der Politiker, denen beim Ansteigen des Anteils der Alten einer Gesellschaft  weniger Steuereinnahmen, weniger Wehrpflichtige und weniger Leichtverführbare zur Verfügung stehen. Deshalb dramatisieren sie die Ü. als Gefahr für die Rentensicherung und das Gesundheitswesen. In Zeiten, da Alter noch mit Erfahrung und Überlegenheit gleichgesetzt wurde, war ein Ausdruck wie Ü. unmöglich. Daß er heute in aller Munde ist, beweist, daß die erfolgreiche Steigerung der Lebenserwartung uns nichts bringt – von einzelnen Ausnahmen abgesehen (vgl. Schafsköpfigkeit). 

Überentwicklung
Der Mensch ist das einzige Tier, das mit dem Wissen vom Tod leben muß. Weil das extrem belastend ist, neigt er dazu, sich immer mal wieder wie ein Schwein zu benehmen (vgl. Ratio).

Übermensch
Der Ü. war die Lieblingsvorstellung Friedrich Nietzsches. Der von ihm propagierte Ü. sollte sich in dem Maße vom Menschen unterscheiden, wie der Mensch sich vom Affen unterscheidet. Was sich als nicht realistische Entwicklungsperspektive erwiesen hat. Sind und bleiben wir Menschen doch Wesen, die nur bis eins zählen können. Denn das Ich ist Einzahl - und darüber geht uns bekanntlich nichts (vgl.: Ich, Eigenliebe, Evolution).

 Illustration:
 Guntram Erbe, Hilpoltstein

Übersetzung, literarische
Es gibt immer nur die beinahe genaue Wiedergabe der Vorlage in einer anderen Sprache, weil die Sprachen zu unterschiedlich in ihren Eigenarten und Möglichkeiten sind. Typisches Beispiel für das Manko: Das Drama des Aristophanes, das im Deutschen „Die Vögel“ heißt und im Englischen „The Birds“, heißt mit griechischem Originaltitel „Ornithes“. So bezeichnen die Griechen aber nur eine einzige Gattung der Vögel, nämlich die fluguntauglichen, also erdgebundenen. Deshalb ist schon der Titel dieses antiken Stückes eine Tragödie für sich, die Ü. eine weitere (vgl. Glücksspiel).

Überzufällig
Ausdruck für ein auffälliges Geschehen, das sich weder als naheliegend noch wahrscheinlich noch einfach als zufällig erklären läßt und deshalb manche Menschen dazu bringt, an Gott zu glauben (vgl. Religion, Statistik, Wahrscheinlichkeitsrechnung).

U-Musik
U-M. ist der Sahnetupfer des Alltags, also mit Vorsicht zu genießen. Denn ein Kopf, der sich ständig mit U-M. zudröhnen läßt, ist bald so attraktiv wie ein Bauch, der ständig mit Sahne vollgestopft wird (vgl. Hohlkopf).

Unehrliche
Zu Zeiten der Gotik galten die Wundärzte, Bader genannt, neben den Scharfrichtern, den Sängern, Springern und Schauspielern, damals Gaukler genannt, als die U.n und standen auf der untersten Sprosse der sozialen Leiter (vgl. Ärzte, Schauspieler).


 
 
Unschuld
Ein Mädchen verliert dadurch, daß es sich zur Frau machen läßt, seine U., was wohl heißen soll, daß es nun schuldig ist. Die uns diesen Unsinn eingeredet haben, natürlich in aller Unschuld, kann ich leider nicht mehr fragen: Welchen Verbrechens hat sie sich schuldig gemacht? (vgl. Religion, Dummheit, Initiation).

Illustration:
Vangelis Pavlidis, Rhodos

Unterhaltung
Der Sammelbegriff U. stellt Grundverschiedenes nebeneinander und täuscht damit vor, es sei egal, was man bevorzugt. Die drei heute beliebtesten Formen der U. sind Fernsehen, Musik hören und Bücher lesen. Der Fernseher läßt sich in ein Geschehen hineinziehen, das sein Auge, Ohr und Gemüt füllt und ihn doch abseits sitzen läßt, nicht beteiligt, nicht gefordert, nur scheinbar überlegen, weshalb er die fehlende Aktivität durch Knabbern und Trinken ersetzt. Der Musikhörer ist einseitig auf die Ohren konzentriert, willenlos hingegeben, von Empfindungen durchflutet und ins Nirgendwo entführt, was man auch als Dösen bezeichnen kann. Der Buchleser läuft geduldig mit den Augen an den endlos langen Buchstabenzäunen entlang und schickt dabei seine Phantasie über den Zaun, wo sie sich austoben darf, die schönsten Bilder malen, die tollsten Abenteuer erleben (vgl. Passivität, Aktivität,  Nachdenklichkeit). 

Untertitel
Eine widersprüchliche Bezeichnung, weil der Titel stets über einem Artikel steht, nie unter ihm. Nur wenn der Titel als Offizier so nichtssagend ist, daß er einer Erläuterung bedarf, ist der Unteroffizier U. gefordert. Der ist dann wichtiger als der über ihm – wie so oft im Leben (vgl. Karriere).

Unzucht
Was man bloß als die Negation von Zucht bezeichnet, kommt so schlicht daher, weil alle positiven Begriffe nicht groß, nicht prächtig, nicht schwergewichtig genug wären, um das auszudrücken, was die U. für uns bedeutet. Zudem soll sie durch die offizielle Verurteilung um so mehr private Lust abwerfen. Für die meisten Menschen ist U. der eigentliche Lebensinhalt, weil ihre Substituierung durch künstlerische, philosophische oder religiöse Genüsse zuviel an Bildung voraussetzt (vgl.: Ich-Kitzel, Sozialisierung, Bildung).


Urinstinkt
Mehr als ein Scherzwort. Richtig gesprochen bezeichnet es das peinlichste Manko des Menschen gegenüber den höher entwickelten Tieren, falsch gesprochen ihre peinlichste Gemeinsamkeit (vgl. Evolution, Instinkt).

Urteilsvermögen
Entsteht erst bei der Betrachtung von Fakten und Erfahrungen aus größerer Höhe, weil dort ihre Zusammenhänge sichtbar werden. Das Dilemma des U.s ist, daß selbst der letzte Schwachkopf glaubt, geistige Höhenflüge vorzuführen, sobald er einen Satz mit also beginnt (vgl. Faktenwissen, Erfahrung, Klugheit).
 

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Walter Laufenberg