Säuberung, ethnische
Der Begriff der e. S. ist so zynisch, wie
es manchmal unvermeidlich zu sein scheint, verfeindete Ethnien räumlich
zu trennen: Separierung. So beispielsweise geschehen, als 1947 zur Vermeidung
eines Bürgerkriegs der indische Subkontinent in Indien und Pakistan
aufgeteilt wurde, was gewaltige Wanderungsbewegungen in beiden Richtungen
notwendig machte. Doch waren dabei genau wie Ende des 20. Jahrhunderts
im zerbrechenden Jugoslawien in Wahrheit nicht die ethnischen Unterschiede
der Explosivstoff, sondern die religiösen, (Indien: Hindus, Pakistan:
Muslime, Jugoslawien: Serbisch orthodoxe Christen, Römisch katholische
Christen und Muslime). Und auch diese Unterschiede mußten erst von
fanatischen und machtgierigen Religionsführern zur Zündung gebracht
werden. Daß die Religionsgemeinschaften trotzdem staatlich gefördert
werden, ist so zynisch wie überflüssig (vgl. Fanatismus, Religion).
Schattenwirtschaft
Der Bereich der Wirtschaft, in dem keine
Steuern und Sozialabgaben anfallen, weil ohne schriftliche Rechnung bar
gezahlt wird, ist in allen schlecht regierten Ländern ein Wachstumssektor.
In Deutschland liegt sein Anteil an der insgesamt geleisteten Arbeit schon
bei über 16 %. Typische Branchen sind das Baugewerbe, das Handwerk,
die Gastronomie und der Privathaushalt. Eine ungezügelte Steuer- und
Sozialpolitik gilt als die wirksamste Förderung der S., was Politikern
aber nicht klarzumachen ist, weil sie nur immer mehr Geld einnehmen wollen
(vgl. Arbeitslosigkeit,
Politik).
Schauspieler
S. sind Menschen, deren Besonderheit ist, daß sie ihre Mitmenschen
perfekt nachäffen können. Sie deshalb als dressierte Affen zu
bezeichnen geht aber etwas zu weit. Immerhin gehört zu ihrem Job einiges
an Beobachtungsgabe und sehr viel Zeit vor dem Spiegel. Außerdem müssen
sie gut auswendig hersagen können, was andere ihnen vorgeschrieben haben.
Daß die S. damit in modernen Gesellschaften zu Leitfiguren aufsteigen
konnten, ist nur mit der Überlegenheit von Affen gegenüber Schafen
zu erklären. Um die Verhältnisse auf menschliches Maß zurechtzustutzen,
müßte an den Mehrwert der Kreativität erinnert werden. Der
Kreative ist der Dramenschreiber bzw. Drehbuchautor, der S. aber ist bloß
der Verwerter fremder Kreativität. Sie stehen zueinander wie der Komponist
zum Pianisten, wie der Koch zum Kellner (vgl. Ärsche,
Kreativität,
Massengesellschaft, Showgeschäft). |
Illustration:
Guntram Erbe, Hilpoltstein |
Schere
Eine S. ist ein Instrument, das - wenn es auseinanderklafft -
sehr gefährlich ist. So die Vermögensentwicklung in der bundesdeutschen
Gesellschaft: Die Reichen werden Jahr für Jahr reicher, die Armen ärmer.
Wen kümmert's? Nur die Statistiker. Einmal im Jahr veröffentlichen
sie im Statistischen Jahrbuch der Bundesrepublik Deutschland die peinlichen
Zahlen. Immer mehr Millionäre und Milliardäre mit immer größeren
Privatvermögen, gleichzeitig immer mehr Habenichtse, die auf die Sozialhilfe
angewiesen sind. Die Mitte schwindet langsam, aber sicher. Das wird, damit
sich niemand daran verletzt, in schlichten grauen Zahlen präsentiert,
gut versteckt im unsäglichen Zahlengestrüpp dieses Buches, das
die Armen ohnehin nie in die Hand kriegen. Dafür ist es viel zu teuer
(vgl. Sozialstaat, Volksverdummung). |
Illustration:
Guntram Erbe, Hilpoltstein |
Schlager
Populäres Lied, das attraktiv ist durch
eine ungewöhnlich getextete und intonierte Zeile, die nervtötend
wiederholt wird, während mit dem übrigen Text die dämlichsten
Vorstellungen und Vorurteile der Leute bestätigt werden (vgl. Volksverdummung).
Schlaraffia
Hoher Anspruch, tiefer Schlaf, so der berühmte
Werbespruch eines deutschen Matratzenherstellers, der die Parodie der uralten
und in vielen Kulturen nachweisbaren Vorstellung von einem Idealland (Paradies,
Goldenes Zeitalter) als Schlaraffenland (= Faulenzerland) zu seinem Markennamen
gemacht hat. Ebenso, aber damit nicht zu verwechseln, die im Jahre 1859
in Prag gegründete und heute weltweit verbreitete deutschsprachige Herrengesellschaft,
die sich der Pflege von Freundschaft, Kunst und Humor verschrieben hat.
Weil dabei der Freundschaft zuliebe die interessantesten Themen, nämlich
Politik, Frauen und Religion, tabu sind, bedarf es zum Genuß der dargebotenen
Kunst manchmal eines besonderen Humors (vgl. Ideal, Wirklichkeit, Trotzdem).
Schnecke
Für ihre
Verhältnisse ist sie ein sehr schnelles Tier. Versuch doch mal, dein
Haus in derselben Geschwindigkeit von einem Platz zum anderen und wieder
zurück zu tragen. Nur warum die S. das tut, darfst du dich nicht fragen,
sonst sagst du Schwesterlein zu ihr (vgl. Post, Sinn).
Schöne
Es gibt das S. und die S., letztere sogar auch in der Mehrzahl als die
S.n. Doch lohnt nicht, danach zu suchen und sich dafür zu verbiegen.
Sieht man sich an allem S.n doch viel zu schnell satt (vgl. Gossen, Schönheit).
Schöne,
das
Die Erfahrung lehrt: Alles Schöne endet in Tränen. Und wer so
clever ist, sich d. Sch. besonders bewusst zu machen, während er es
erlebt, um damit die späteren Tränen auszugleichen, der legt sich
selbst herein. Denn je intensiver d. Sch. erlebt wurde, umso reicher und
salziger fließen später die Tränen (vgl. Kontoführung).
Schönheit
Schön zu sein ist meist
erfreulich und kann als ein Lebenskapital eingesetzt werden, weil es einem
in der Beurteilung durch die Mitmenschen Pluspunkte einbringt. Dabei beruht
körperliche S. nur zum kleinsten Teil auf eigenem Verdienst. Zudem
ist sie gleich zweifach gefährdet. Sie unterliegt dem Wechselspiel
der Schönheitsideale, und sie greift sich schnell ab. Nur bei Klamotten,
Mobiliar und Autos ist durch den forcierten Modellwechsel noch schneller
„der Lack ab“. Vermutlich sind uns diese Dinge deshalb so lieb, weil sie
unsere S. als relativ langlebig erscheinen lassen (vgl. Vorurteil, Leistung,
Persönlichkeit).
Schuldenmacherei
Entweder Zeichen echter Armut oder typische Kleine-Leute-Unsitte.
Führt so oder so zu Ansehensverlust. Anders die unternehmerische S.,
sie führt zu hohem Renommee mit Ehrendoktor und Ehrenprofessur und
vielen Orden. Staatliche S. dagegen, die sogenannte Defizitpolitik, führt
zu nichts außer zur Wiederwahl der verantwortlichen Politiker (vgl.
Politiker, Prominenz, Volksverdummung).
Schuluniform
Bei uns leider aus der Mode gekommener, dabei
dringend nötiger Schutz unserer Kinder und Jugendlichen vor dem werbegesteuerten
für die Eltern ruinösen Wettbewerb um den Besitz der modischen
Markenklamotten (vgl. Markenbewußtsein).
Schwanz
Bei vielen Tierarten eine Verlängerung
des Rückgrats, die zur Unterstützung der Fortbewegung, als Fliegenwedel
oder bei der Drohhaltung eingesetzt wird. Beim Menschen nur noch rudimentär
vorhanden (Steißbein). Was von Emanzen gern als S. bezeichnet wird,
ist kein S., weil zu keinem der genannten Zwecke geeignet (vgl. Wortsetzungsmacht).
Schwanzwort
Nichts Pornografisches, nur was Abgeschliffenes.
Beim Regenschirm oder der Eisenbahn genügen uns die Schwänze:
Schirm und Bahn. Aber auch, wo nur noch der Kopf übrig ist (Auto, Info),
handelt es sich um ein S., und sogar wo die Mitte weggefallen ist (vgl. Zeitung).
Schwarzsehen
Sagte der Jung-Businesser: „Bei mir gibt
es kein S. mehr. Ich habe meinen Fernseher verschenkt. Ohnehin keine Zeit
für den Quatsch.“ Ja, wenn das Leben so einfach wäre (vgl. Läster-Lexikon).
Schweinepriester
Ein kameradschaftlich hänselnder, oft
auch beleidigender Titel für eine männliche Person, deren Einstellung
oder Handlung man ablehnt. Im Deutschen muß ja immer das Schwein herhalten,
wenn etwas als schlecht, schmutzig oder verachtenswert bezeichnet werden
soll. Is es e Wunder? Wo wir doch so viel Ähnlichkeit mit dem Schwein
und es zum Fressen gern haben (vgl. Oxymoron, Schimpfwort).
Schweizer
Der typische S. ist Waffenproduzent, Hotelier, Papstbewacher und
Rot-Kreuz-Helfer in einer Person und genießt nur ungern die Früchte
der weltgrößten Hehlerei von Raubgeldern. Was ihm zu seinem
kleinen Glück noch fehlt, das wäre, daß man ihn über
die Vergabe der Nobelpreise abstimmen läßt, natürlich basisdemokratisch
(vgl. Scheinheiligkeit, Verallgemeinerung). |
Illustration:
Jules Stauber,
Schwaig bei Nürnberg |
Sehnsucht
Im landläufigen Sinne einfach das Verlangen
nach was, das Geschmackssache bleibt. Nur wer das Wort genauer betrachtet,
kann verstehen, daß es sich um die Sucht handelt, ein Sehnen zu genießen.
Wenn das Ersehnte endlich eintritt, wird das für den Ex-Sehnsüchtigen
eine Entziehungskur, die ihn prompt an Entzugserscheinungen leiden läßt
(vgl. Drogen, Enttäuschung, Genuß,Sucht).
Selbstbefriedigung
Die S. ist unter allen Liebestechniken die einzig wahre, weil
sie die Liebe an und für sich verkörpert. Leider hat sie den Nachteil,
nicht kommunikativ zu sein. Selbst wenn sie versucht, diesen Nachteil zu
überwinden, indem sie andere an ihrem Glück teilhaben läßt,
wird sie nicht in Schlagern besungen, sondern als Exhibitionismus kriminalisiert
(vgl.: Liebe,
Ungerechtigkeit).
Selbstbetrug
Der S. ist eine noch nicht als Krankheit kanonisierte Form des
geistigen Gespaltenseins. Man macht sich wider besseres Wissen vor, etwas
sei so, wie man es gern hätte. Viele Menschen brauchen das so nötig
wie Essen und Trinken und sind glücklich damit. Andere haben ihre
Schwierigkeiten mit dem S., weil sie entweder zu dumm sind, sich zu betrügen,
oder nicht dumm genug, sich betrügen zu lassen (vgl.: Grundbedürfnisse,
Realitätsverlust,
Bescheidenheit).
Selbstbewußtsein
Das S. ist primär das,
was den Menschen vom Tier unterscheidet. Sekundär wird es auch gern
eingesetzt, um sich von anderen Menschen zu unterscheiden, wobei es in
Kontrast geraten kann zur vorhandenen Bildung. Ist das S. stärker
entwickelt als die Bildung, ist es zum Lachen, umgekehrt ist es zum Weinen
(vgl.: Bildung,
Hemmung, Hohlkopf).
Selbstlosigkeit
Seine S. kann, wer was für sein Ich
tun will, gar nicht oft genug vortäuschen, behaupten oder sich in
der Öffentlichkeit attestieren lassen. Und wie einfach ist dieses
Spielchen. Nur großzügig und demonstrativ auf etwas verzichten,
wonach alle Welt giert, von dem man selbst aber zufällig mehr als genug
hat. Ob das nun Geld oder Bekanntheit ist, Zeit oder Einfluß oder
Stellung oder Sex oder oder oder. Die schmerzlose Selbstbeschränkung.
Nach dem Motto: An und für sich darf der Mensch nicht denken (vgl.
Scheinheiligkeit).
Selbstmord
Richtige Bezeichnung Selbsttötung oder Suizid, denn S. gibt
es nicht, weil Mord eine Tötung aus niedrigen Beweggründen ist,
was man von dem freiwilligen Schlußmachen nicht sagen kann, außer
beim S.-Attentat (vgl. Ideologie, Todesverachtung).
Senioren
Da glaubt man, einen positiv klingenden
Begriff für die Alten gefunden zu haben, und läßt sich
allerlei Gutgemeintes für sie einfallen: Kulturprogramme und spezielle
Reisen für S., Schwimmstunden oder Computerkurse für S. und dergleichen
mehr, bis hin zu Seniorenresidenzen und ganzen Seniorensiedlungen. Und kein
Mensch wagt es auszusprechen, daß diese Fürsorglichkeit nichts
anderes ist als der endgültige Ausschluß der S. aus der Gesellschaft
der Normalbürger, zu der sie viel lieber noch gehören würden
(vgl. Entsorgung, Ignoranz, Selektion). |
Illustration:
Jules Stauber,
Schwaig |
Service
Der S. ist und bleibt in Deutschland ein
Fremdwort. Scheinbar, weil das Dienen nicht zum neuen Herrenmenschengefühl
paßt. Deshalb wird trotz hoher Arbeitslosigkeit immer mehr S. abgebaut
und durch Automaten sowie Selbstbedienung ersetzt. Das geht von der Bank
bis zur Tankstelle, von der Autofabrik und dem Restaurant bis zum Lebensmittelladen
und der Stadtreinigung. Nur die Bestatter gestatten noch keine Selbsthilfe
(vgl. Fehlsteuerung, Politiker).
Sex
Menschen, die nur bis „sex“ zählen können,
sind arm dran. Denn ihr Lustpotential entspricht dem der Tiere, denen die
über das Geschlechtliche hinausgehende Lust an Kunst und Erkenntnis,
an Helfen und heiligmäßigem Leben, an Macht und Moneten für
immer versagt bleibt, weil diese Lüste über das Bewußtsein
und nicht einfach über den Juckreiz erzeugt werden (vgl. Mensch).
Sexbesessenheit
Im Unterschied zur Erotik ist die S. das Fixiertsein auf den Genuss
eines simplen Juckreizes. Die auf Fortpflanzung bedachte Natur gab Männern
und Frauen dazu jeweils eine Vorrichtung, die sie zu Frauen bzw. Männern
hintreibt (sogen. Komplementarität von Mann und Frau), aber nicht von
ihnen abhängig macht, weil sie auch autark nutzbar ist (Onanie, Masturbation).
Schwule Männer und manche Frauen wissen dieses Normalprogramm zu steigern,
indem sie zur Lustgewinnung gleich zwei bis drei Juckreizeinrichtungen aktivieren
(vgl. Erotik, Homosexualität, Mode, Unbescheidenheit).
Showgeschäft
S. ist der heute gängige Oberbegriff für alles Geldmachen
mit Nichtgeldwertem. Dabei wird die objektive Geringwertigkeit des Tuns
aufgewogen durch ein Mehr an falschem Glanz und falschem Pathos, durch intensiviertes
Schönreden und unverhältnismäßig gute Bezahlung der
Akteure. In letzter Zeit erobert das S. sogar Bereiche, die früher
sein genaues Gegenteil waren (vgl.: Pathos, Literaturkritik, Geld). |
Illustration:
Vangelis Pavlidis,
Rhodos |
Sicherheitsabstand
Wer auf einen anderen Wagen auffährt,
kriegt vom Richter was zu hören über den S., der einzuhalten
war. Die Faustformel dafür heißt: Abstand in Metern gleich halbe
Geschwindigkeit in Kilometern oder so ähnlich oder vielleicht doppelte?
Egal. Als ob das auf unseren überfüllten Straßen und Autobahnen
nicht längst Illusion wäre. Die Faustformel dafür, Herr Richter,
heißt: Das Recht hinkt immer hinter der Wirklichkeit her. Denn wer vor
sich eine Lücke läßt, die größer ist als ein Pkw
lang, lädt damit Lückenspringer ein, sich vor ihn zu setzen. Wenn
er den vorgeschriebenen S. einhalten wollte, würde er mehr an Bremsklötzen
verschleißen als Sprit verbrauchen und am besten gleich den Rückwärtsgang
einlegen (vgl. Recht).
Sinn
Über den Sinn des Lebens sind schon ganze Bibliotheken vollgeschrieben
worden. Fast so viele wie über die Liebe. Dabei ist die Sinnfrage mit
einem einzigen Satz beantwortet: Es gibt nichts Sinnloseres als dem Leben
einen Sinn abzuverlangen (vgl. Lebenskunst, Liebe).
Sklaverei
S. ist Einstellungssache. Selbst für
Hochkulturen der Frühzeit wie die griechische und die römische
war es eine Selbstverständlichkeit, daß Menschen ihre Freiheit
oder Unfreiheit durch Geburt erlangten. Für die Amerikaner der frühen
Neuzeit war es einfach eine Notwendigkeit, Afrikaner zu importieren, weil
Arbeitskräfte auf den riesigen Farmen fehlten, nachdem sie die Indianer
weitgehend ausgerottet hatten. Für die Araber, die noch bis ins 20. Jhdt.
hinein einen schwunghaften Handel mit Sklaven trieben, genau wie für
einige geschäftstüchtige Nationen Europas, des vorderen und hinteren
Orients waren Menschen Handelsware wie jede andere. So gesehen konnten da
wie dort keine Schuldgefühle aufkommen. Lauter liebe Leute (vgl. Kommerz,
Kultur,
Selbstbewußtsein).
Smiley
Ein S. oder Emoticon ist eine nichtverbale
Mitteilung mittels einzelner Zeichen, die auf jeder Computertastatur zu
finden sind. Neben dem lächelnden Gesicht :-) gibt es das traurige
Gesicht :-( und noch mehr als 600 andere Zeichenkombinationen. Vorteil:
Man kann auf einfache Art z. B. um Verständnis oder Pardon bitten.
;-) Nachteil: Beide Seiten müssen die Smileys kennen, um ihren Spaß
zu haben (vgl. Kommunikation, Sprache).
SMS
Der Short Message Service ist bei Jugendlichen
der Renner. Brief, Telegramm und Fernschreiben sind längst passé,
sogar Fax, Telefonat und E-mail schon überholt. Die attraktivste Mitteilungsform
hat maximal 160 Zeichen und wird auf dem Minidisplay des Handy angezeigt.
Eine nächste Steigerung ist aber noch möglich, nämlich die
konsequente Beschränkung der Kommunikation auf „Eh“ und „Wauh“ (vgl.
Sprachlosigkeit).
Softy
Männliches Ideal mancher Frauen. Der S. zeichnet sich u.a.
dadurch aus, daß er sich beim Pinkeln hinsetzt, damit kein Spritzerchen
danebengeht und er nicht so macho wirkt (vgl. Bart, Playboy).
Sonderbedarfsergänzungszuweisung
Ein Wort aus dem Gesetz zum Länderfinanzausgleich.
Aber das ist unwichtig. Von Bedeutung ist, daß unsere Sprache auch
solche Wortungetüme verkraftet. Diese Bürokratenwortbildungsexzeßtoleranz
der deutschen Sprache, über die ein Mark Twain sich totlachen konnte,
klingt für mich nach keltischem Erbgut. Heute laufen wir in die Gegenrichtung.
Im Zuge der Amerikanisierung unserer Sprache geht alles aus dem Leim, und
es heißt demnächst Sonder Bedarfs Ergänzungs Zuweisung,
wie es schon Post Paket Dienst heißt. Alles Gewohnheits Sache, wenn
es auch schwer fällt (vgl. Recht Schreib Deform).
Sonnenbräune
Die Hochschätzung der S. ist ein eklatantes Beispiel für
das Time-lag zwischen Aufklärung und Bewußtsein in der modernen
Massengesellschaft. Obwohl seit Jahrzehnten bewiesen ist und immer wieder
darauf hingewiesen wird, daß intensives Sonnenbaden zu Hautkrebs
führt, gilt Braunsein immer noch als Zeichen für Gesundheit.
Daß Politiker aller Couleur Wert darauf legen, stets sonnengebräunt
aufzutreten, verrät ihre fatale Abhängigkeit vom Massenbewußtsein
und ihre Distanz zu jeglicher Aufklärung. Und meinen dann noch, damit
sähen sie gut aus (vgl. Politiker, Ignoranz,
Showgeschäft).
Sparstrumpf
Der S. unter der Matratze ist die ultimative
Form der Vermögensanlage für den, der genau so bedient ist von
den rabiaten Zugriffen der Politiker, gleich ob das als Zinsbesteuerung oder
Abgeltungssteuer oder wie auch immer bezeichnet wird, wie von der Falschheit
der Börsengurus und der Bankberater (vgl. Doppelbesteuerung, Spekulant).
Spaßgesellschaft
In unserer S. ist die Schauspielerei zum
wichtigsten aller Berufe geworden. Wer als Politiker, Kongreß-Veranstalter,
Unterhalter, Konzernchef, Gewerkschafter, General oder Leiter einer Talk-Show
kein Schauspieler ist, welkt schnell. Die letzten Großen, die noch
aus ernsthaften Berufen oder wenigstens aus dem Journalismus kamen, verschwinden.
Es bleiben uns die Mimen, die immer genau wissen, wie man das publikumswirksam
serviert, was ihnen arme Lohnschreiber ausgearbeitet haben. Beispielsweise
bei der Harald-Schmidt-Show sollen das durchweg 68 von den 70 Gags eines
Abends sein. Zum Vergleich: Im „Laufenberg NETzine“ ist alles bis auf die
Bilder vom Autor selbst (vgl. Hohlkopf,
Schauspieler).
Spiel
Ob Schach oder Fußball oder Counter-Strike,
wir sprechen vom Spielen, obwohl es um Schlachten geht, die geschlagen werden,
also ums Besiegen von Gegnern. Die Sublimierung mittels Spielregeln ändert
nichts daran, daß wir Menschen nur das Kämpfen kennen (vgl. Egoismus,
Frieden).
Sport
Unter S. läuft alles Tätigwerden, das nicht Arbeit und
nicht Spiel ist. In Maßen ist es gesund und interessiert kein Schwein
– außer die Krankenversicherungen. Im Übermaß ist
es zwar mehr schädlich als gesund, dafür jedoch lukrativ. Aber
nichts gegen S. Hätten wir den S. nicht, über was könnten
die Medien dann noch jubeln, wo sie doch in der gesamten übrigen Berichterstattung
festgelegt sind auf das Gesetz der Journaille: Eine schlechte Nachricht
ist eine gute Nachricht, eine gute Nachricht ist keine Nachricht (vgl.
Geld,
Showgeschäft). |
Illustration:
Jules Stauber,
Schwaig |
Sport treiben
Was den Menschen vom Affen unterscheidet, so heißt
es, sei der Geist. Und ausgerechnet der hat ihn dazu gebracht, Sport zu
treiben. Denn das allein behütet den einfachen Menschen davor, sich
mit inflationärem Masturbieren zu ruinieren (Vgl. Onanie, Sexbesessenheit).
Sprache
Die S. ist dem Menschen gegeben, um seine Gedanken zu verbergen.
So Talleyrand und - sprachlich besser - vor ihm bereits Moliere, Voltaire,
Dante und Plutarch. Der Rückschluß vom reichen Gebrauch der
S. auf Gedankenreichtum ist erfahrungsgemäß nicht zulässig.
S.-Forscher sagen, es gebe so viele S.n, wie es Menschen gibt. Vermutlich
ist deshalb die S. eines Menschen niemals besser als er selbst. In der Beziehung
ist erfahrungsgemäß der Rückschluß zulässig.
Eine Einheits-S. kann es allen Versuchen zum Trotz nicht geben, weil sowohl
das Talent zum Sich-Gedanken-Machen als auch die Schlechtigkeit bei den
Menschen zu unterschiedlich verteilt ist (vgl. Politiker,
Wahrheit,
Körpersprache, Lingua franca,
Verdrängungswettbewerb).
Staatsangehörigkeit
Die S. ist die gesetzliche Festlegung, zu welchem Staat ein Mensch
gehört, wobei diese Angehörigkeit unausgesprochen als eine Art
Eigentum gesehen wird. Das resultiert aus dem historisch gewachsenen und
vielfach belegten Interesse der Staatsführungen an der Steuerkraft,
dem Soldatendienst und der Gebärleistung ihrer Untertanen. Dieses Eigentumsdenken
hat den Nachteil, daß der einzelne Staat Kosten für Konsularhilfe
zu tragen hat, wenn seinen Angehörigen im Ausland ein Übel zustößt.
Was bis zur Erpreßbarkeit des Staates im Falle einer Geiselnahme geht,
weil die Geiselnehmer das Eigentumsdenken des Staates in ihr Kalkül
einbezogen haben. Wegen dieses eigentumsgleichen Charakters der S. ist evident,
daß es eine doppelte S. nicht geben kann. Man gehört entweder
dem einen Staat oder dem anderen. Eine doppelte S. ist ein Widerspruch in
sich, scheint jedoch manchmal unvermeidbar zu sein, auch bestimmten Interessen
von Regierungen zu entsprechen. Die Betroffenen werden dann um so besser Goethes
Ausspruch verstehen: "Zwei Seelen wohnen, ach, in meiner Brust." Die einzig
sinnvolle Weiterentwicklung des S.srechts wäre die Abschaffung jeglicher
S. und die Betrachtung des einzelnen Menschen als Einwohner eines Staates,
kurzzeitig, für länger oder auf Dauer, so wie er Einwohner einer
Stadt ist. Daß man ihm dafür eine Art Kurtaxe abnimmt, ist dann
immer noch möglich (vgl.:Fußballweltmeisterschaft,
Nation,
Politiker,
Einbürgerung).
Staatsführer
S. sitzen, gleich ob durch Wahlen,
durch Gewalt oder durch Geburt an die Spitze gekommen, durchweg länger
auf ihrem Stuhl als ihrem Volk lieb ist. Doch die Seufzer der kleinen Leute,
sie thronten zu hoch überm Leben, hören sie nicht, weil sie zu
tief in ihrem Bunker vergraben sind (vgl. Politiker). |
Illustration:
Walter Hanel,
Bergisch Gladbach |
Stadtentwicklung
S. heißt größere Rasenflächen
zum Hundeauspressen und mehr TV-Schüsseln zum Kinderverwahren (vgl.
Zivilisation).
Stammtischpolitiker
Als S. bezeichnet man Leute, die im Wirtshaus
für die aktuellen Probleme erstaunlich einfache Lösungen verkünden,
und zwar mit viel Stimmaufwand und einem Minimum an Tatsachenkenntnissen,
die ihnen von der staatlichen Propaganda und von Massenmedien verfälscht
geliefert wurden, dazu ohne jede Ahnung von den Grundsätzen des logischen
Denkens. Was nicht weiter schlimm ist, denn die S. haben zum Glück
nicht das Sagen im Staat. Daß jedoch die Staatsführer dieses Stammtischgeschwätz
so aufmerksam registrieren, ist wegen des Feed-Back-Effekts höchst
bedenklich (vgl. Meinungsforschung,
Volksverdummung, Demokratie).
Starallüren
Mit diesem gleichzeitig schmeichelnden und tadelnden Ausdruck
bezeichnet man das bemüht andere Auftreten, mit dem Leute aus dem Showgeschäft
sich von ihren Bewunderern zu unterscheiden suchen. Oft wird es von Normalmenschen
nachgeahmt, die sich für Stars halten. Bei den einen wie bei den anderen
muß man sich jeweils fragen, ob es sich bei den gezeigten S. um Attribute
von Persönlichkeit handelt oder um Substitute. Denn die einen sind
so akzeptabel wie die anderen blamabel (vgl.: Künstler,
Showgeschäft,
Persönlichkeit).
Stein der Weisen
Nie gefunden (vgl. Blaue Blume).
Steiner
Rudolf S. (1861 – 1925) hat das Prinzip „Alles
und Nichts“ in einer Weise perfektioniert, daß seine in mehr als 300
Büchern breitgetretene esoterische Philosophie unter der Bezeichnung
Anthroposophie zur erfolgreichsten Antiwissenschaft der Moderne wurde.
Sie schuf sich ein eigenes, zwangloses Schulsystem (Waldorf-Schulen) und
eine übersinnlich-naturnahe Methode der Agrarproduktion (Demeter), daneben
eine hübsche Form der Gymnastik (Eurythmie), eine religiöse Erneuerungsbewegung
(Christengemeinschaft) sowie eine mit magisch-okkulten Techniken angereicherte
Medizin, die auf dem Glauben an die Viergliederung des Menschen in physischen,
Äther-, Astral- und Lichtleib beruht (vgl. Esoterik,
Jugendstil,
Okkultismus, Weltverbesserer).
Sterbehilfe
In den Niederlanden und in Belgien gibt es
sie nun. Aber alle anständigen Bürger in anderen modernen Ländern
wehren sich entschieden dagegen. Zwar lassen sie ihren kranken Hund einschläfern,
um dem Liebling weiteres Leiden zu ersparen. Selbstverständlich. Doch
bei Verwandten zählt das Leiden nicht. Da schreien sie: Pfui, Euthanasie!
(vgl. Tierliebe).
Stierkampf
Ehemals der Triumph des Menschen über
das Tier, das an Kraft, vor allem an offensichtlicher Sexualkraft, überlegen
ist. Heute nur noch ein peinliches öffentliches Abschlachten unter
Ausnutzung der simplen Tatsache, daß der Stier einen viel weiteren Wendekreis
hat als der Mensch - der Vorteil des aufrechten Ganges - und auf ein Flatterfeindbild
festgelegt ist - der Vorteil der überproportionalen Größenentwicklung
des menschlichen Gehirns. Die vielgerühmte Corrida ist kein Duell, sondern
ein Achtkampf, bei dem das letzte der sieben Männlein mit den zu engen
Höschen, der Torero, sich sputen muß, mehr oder weniger geschickt
den tödlichen Stich auszuführen, ehe das vom hoch auf seiner Schindmähre
thronenden Picador und den herumtänzelnden Banderilleros übel zugerichtete
Tier erschöpft vor ihm zusammenbricht und unbesiegt stirbt ( vgl. Unfair). |
Illustration:
Silvia Davi, Luzern
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Stress
Extreme Anspannung. Bei positivem Erleben
(Eustress) als Glück empfunden, bei negativen Erlebnissen (Distress)
als ein Gefühl von Überfordertsein. Negativer Dauer-S. ist ein
Zeichen falscher Lebensführung, aber als Universal-Entschuldigung modisch
geworden, und mancher pappt ihn sich sogar als Orden an die Brust (vgl.
Dummheit).
Substitut
Fremdwort für Ersatz. Im Wirtschaftsleben
Funktionsbezeichnung des Chefstellvertreters. Im übrigen Leben Bezeichnung
für alles, was kein Leben ist, sondern bloß Leben ersetzt, beispielsweise
Fernsehen oder Erlebnisparks à la Walt Disney (vgl. Bescheidenheit).
Subvention
Ein besonders würziges Lüftchen
für den, der eine feine Nase für so was hat. Allen anderen stinkt
das (vgl. Cleverness, Neid).
Sucht
Nach der Definition der Weltgesundheitsorganisation (WHO) ist
ein Stoff (auch Droge genannt) dann ein S.-Mittel, wenn er so in den menschlichen
Organismus integriert wird, daß die Dosis ständig erhöht
werden muß und daß bei Entzug Krankheitssymptome auftreten
(sog. physische Abhängigkeit). Typische S.-Mittel sind z. B. Heroin,
Kokain, Barbiturate und vor allem Alkohol, wenn das auch der Finanzminister
anders sehen möchte. Dagegen sind Stoffe, die nicht zur physischen
Abhängigkeit führen, sondern nur zu einer psychischen (sog. Gewohnheitsmittel),
keine S.-Mittel. Darunter fallen vor allem Haschisch bzw. Marihuana und
Nikotin, was mancher Raucher gern anders sehen möchte. Wenn jedoch
stimmt, was man neuerdings hört, nämlich daß Zigaretten
von den Herstellern heimlich mit Sucht erzeugenden Stoffen angereichert
werden, ist auch die Zigarette unter die echten Suchtmittel einzuordnen.
Doch können auch die bloß zur Gewohnheit führenden Drogen
bei übertriebenem Gebrauch verheerend wirken, wie sich am gewohnheitsmäßigen
Konsum der scheinbar harmlosen Droge Fernsehen zeigt (vgl. Fernsehen, Verblödung,
Vereinte Nationen).
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