Laufenbergs Laester-Lexikon
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Stichwortverzeichnis


Nachdenken
N. ist die Form des Engagements, an die am wenigsten gedacht ist, wenn gefordert wird, die Köpfe der Nation sollten sich engagieren. Gedacht ist dabei mehr ans Kopf-Hinhalten als ans Denken (vgl. Ignoranz).

Nachdenklichkeit
Der in der bildenden Kunst lange Zeit beliebte schiefgeneigte Kopf, in die Hand gestützt, wird heute nicht mehr dargestellt. Das signalisiert uns: Die N. ist out. Was vermutlich an der verhängnisvollen Vorsilbe „Nach“ liegt. Gilt doch in unserer Zeit nur noch das „Vor“, das „Über“, das „Neu“, das „Super“. Obgleich auch all diese Präfixe sich durchaus sinnvoll mit dem Schwanzwort „Denklichkeit“ zusammenschweißen ließen, ist noch niemand auf den Gedanken gekommen, diese Wortbildungen zu propagieren. Leider propagiert außer mir auch niemand die N.; dabei wäre sie dringend nötig. Doch uns fehlt der Platz für N., denn das „Nach“ des Genusses ist für uns wieder der Genuß, das „Nach“ der Arbeit wieder Arbeit, das „Nach“ des Leidens weiteres Leiden, das „Nach“ des Lebens das Nichts. So daß das Leben selbst mangels N. zum Nichts wird (vgl. Bewußtsein, Leben). 

Nachhaltigkeit
Das Schlagwort des Tages. Es bedeutet, daß Entscheidungen stets mit Blick auf ihre langfristigen Folgen gefällt werden sollen. Nur scheinbar der Stein der Weisen. Weiß doch jedes Kind: Wenn es einen Stein in den Dorfteich wirft, wirkt der nicht nur in der zeitlichen Dimension weiter, sondern auch in der räumlichen. Neuestes Beispiel für N.: Die von Millionen Frauen massenhaft geschluckten Anti-Baby-Pillen mit ihrer Hormon- Überdosierung sorgen über das stetig fliessende Wässerchen der Damen, die Abwässersammler und die Trinkwasseraufbereitung zuverlässig dafür, daß wir immer weniger Kinder kriegen, weil wir Männer mit dem hormonhaltigen Leitungswasser zeugungsunfähig gemacht werden (vgl. Geschwätz, Kindergeld, Nachdenklichkeit, Spätfolgen).

Nachkommenschaft
Schon bei den alten Israeliten und den alten Griechen, den Begründern unserer westlichen Leitkulturen, war eine zahlreiche N. der allgemeine Wunschtraum. Und das nicht nur wegen der billigeren Arbeitskraft der Familienmitglieder, sondern um sich im Andenken der Nachgeborenen ein Fortleben und ein Stückchen Unsterblichkeit zu sichern. Das heißt, man war kinderlieb aus Eigenliebe. Lange Zeit auch bei uns. In der modernen Gesellschaft aber ist man viel weniger kinderlieb, weil sie den Kindern keine Zeit und Gelegenheit mehr läßt, ihre Eltern und deren Vorfahren zu rühmen. So wird unsere N. immer kleiner, und das trotz des wachsenden Kindergeldes (vgl. Ich, Muttertier, Vatertier). 


 
 
Nachrichten
Die N. in Presse, Funk und Fernsehen bringen eine kleine den Redakteuren wichtig erscheinende Auswahl von dem, was passiert ist, abgeschrieben von der etwas größeren Auswahl, die N.-Agenturen als wichtig gebracht haben, zusammengestellt aus der Menge der Meldungen, die bei den Agenturen von Leuten eingereicht wurden, die gerade diese Meldungen für wichtig hielten. Faustformel: Was dieses dreifache Durchsieben nach Wichtigkeit überstanden hat, kann man sich getrost schenken. Weil wichtig sich längst nicht immer mit richtig deckt und meist mit aktuell verwechselt wurde (vgl. Aktualität).

 Illustration:
 Vangelis Pavlidis, Rhodos

Nachruhm
N. hat nur Wert, wenn man ihn vorwegnehmend genießt (vgl. Lebenskunst).

Name
N. ist Schall und Rauch. Ja - aber gibt es etwas Wichtigeres als Schall und Rauch? (vgl. Ich).

Namenstag
Die alte Sitte, seinen N. zu feiern, d.h. den Tag, an dem der Vorname im Heiligenkalender steht, ist trotz der eifrigen Mund-zu-Mund-Beatmung durch den Blumenhandel gestorben. Jahrhundertelang durften die Protestanten den Geburtstag feiern, die Katholiken aber mußten statt dessen den N. feiern. Die Leute sollten an den Heiligen denken, dessen Namen sie tragen, nicht an sich. Und sollten sich ihn zum Vorbild nehmen. Damit waren sie überfordert. So wechselten die Katholiken einfach zu der protestantischen Sitte über, den Geburtstag zu feiern. Dabei hatten die katholischen Theologen den N. schon zum Geburtstag umfunktioniert. Sie propagierten diesen Tag, an dem der Heilige gestorben war, als den Tag, an dem er für den Himmel geboren wurde (vgl. Ich, Volksverdummung).

Nase
Kein anderer Körperteil ist so sehr Ergebnis individueller Handarbeit wie die N., weswegen sie die deutlichsten Hinweise auf die Persönlichkeit ihres Trägers gibt, speziell auf seine mehr oder minder ausgeprägte Dummheit. Während Männer durch die N.-Deformation männlicher auszusehen scheinen, werden Frauen über ihre N.n alt. Ein Naseologe mit aufregend spezieller Menschenkenntnis steht im Mittelpunkt eines Romans (vgl. "So schön war die Insel“).

Nasenbohren
Weitverbreitetes Freizeitvergnügen, das mit immer wieder neuen Erfolgserlebnissen ein individuelles Glück bietet, obwohl der Ertrag unbrauchbar ist, die wenigsten nehmen ihn als Kaugummiersatz. In den unterschiedlichen Methoden des Bohrens kann sich die persönliche Eigenart austoben, schon nach wenigen Jahren erkennbar an der speziellen Deformiertheit der Nase, die zur Himmelfahrts-, Entenschnabel-, Segel-, Spalt-, Pultdach-, Victory- oder Doppelhutzelnase geworden ist (vgl. Intelligenz, Nase, Schönheit).

Nation
Die N. ist weit mehr als Nationalisten daraus machen, nämlich Geschichts- und Kulturgemeinschaft von Menschen. Nicht unbedingt deckungsgleich mit der Sprachgemeinschaft, schon gar nicht mit den zufällig entstandenen Staaten. Genauso wie Nationalität nicht kongruent ist mit Staatsangehörigkeit. Die Unterscheidung, ob z.B. jemand Deutscher ist oder nur die deutsche Staatsangehörigkeit hat, ist für viele, besonders für Politiker zu hoch. Bei der immer wieder auftretenden Tendenz, N. und Nationalstaat zur Deckung zu bringen, handelt es sich um bloße Verbrämung entweder für Eroberungspolitik oder für sogen. ethnische Säuberung (vgl. Einbürgerung, Staatsangehörigkeit). 

Nationalhymne
So was wie „das kleine Schwarze“ eines Staates. Wirkt feierlich, obwohl schon ein bißchen abgetragen, verdeckt aber alle Blößen. Besteht aus Text und Musik, wobei die Musik durch Ohrwurmqualität besticht. Der Text hat meist mehrere Strophen, damit man den wechselnden Zeitläuften entsprechend immer das Genehme herausstellen kann (z. B. die dritte Strophe in der BRD) und nicht in die Verlegenheit kommt, nur sprachlos mitsummen zu können, wie die Russen nach der Abschaffung des Sowjetsystems (vgl. Massenunterhaltung).

Naturbegeisterung
Wenn ich nur die Sägezacken an den einladend winkenden Palmwedeln oder an den vollfleischigen Blättern der Agave sehe, bedrohlich wie Haizähne, weiß ich, welches Gesetz in der Natur gilt: das Gesetz des Stärkeren (vgl. Sentimentalität, Sozialisation, Unnatur).

Naturbeobachtung
Dass die Nase eine wichtige Funktion hat als Vorwärmer der Atemluft, steht außer Zweifel. Das erklärt, weshalb die negroide Nase kurz und platt ist, denn im heißen Klima Afrikas war kein Vorwärmen erforderlich. Das müßte dann aber auch heißen, dass die extrem kurzen Nasen der Asiaten auf eine Vorzeit mit extrem heißem Klima hindeuten (vgl. Klimawechsel, Natur).

Naturgesetze
Manch einer glaubt daran. Dabei weiß man längst: Nach den Gesetzen beispielsweise der Aerodynamik kann die Hummel mit ihrem enormen Gewicht und den kurzen Stummelflügeln nicht fliegen. Doch die Natur schert sich nicht um N. und läßt die Hummeln fliegen, daß es eine Freude ist (vgl. Glauben, Wissenschaft, Zweifel).

Neid
Philosophen wie Sozialwissenschaftler sehen im N. die Triebfeder zu allen zivilisatorischen wie kulturellen Entwicklungen. Der N., dieses zwanghafte Sich-Vergleichen der Menschen, ist also positiv zu bewerten. Und da zum N. stets mindestens zwei Menschen gehören, nämlich der Neider und der Beneidete, sind sie beide positiv zu sehen. So oder so für die Gesellschaft unverzichtbar, kann sich jeder aussuchen, ob er lieber neidvoll oder beneidenswert sein will. Wieviel Lustgewinn man aus dem einen oder anderen Zustand bezieht, ist eine Frage des persönlichen Geschicks (vgl.: Kultur, Lust, Philosophie).

Nett
Ein universal einsetzbares Adjektiv, weil es angenehm kurz, unpolitisch und geschlechtsneutral ist, dabei positiv klingt und nichts sagt, also nicht auf Kritik stoßen kann (vgl. Belanglosigkeit).


 
Netzine
Ein N. (amerik. Abkürzung für internet magazine) gehört genau wie ein Webzine zu der Art von Publikationen, vor denen die scheinbar allmächtigen Machthaber Chinas und ähnlich geführter Länder, in denen die Leute dumm bleiben sollen, sich fürchten (vgl. Meinungsfreiheit, Aufklärung).

Illustration:
Guntram Erbe,
Hilpoltstein

Nibelungentreue
Das 1909 durch Fürst v. Bülow geprägte Schlagwort meinte die unverbrüchliche Bündnistreue zwischen dem Deutschen Reich und Österreich-Ungarn. Was uns in den Ersten Weltkrieg hinabriß. N. bezieht sich etwas schief auf den im mittelhochdeutschen Heldenepos Nibelungenlied geschilderten Gewissenskonflikt des Markgrafen Rüdiger von Bechelaren, der sich im Kampf der Hunnen gegen die Burgunden zwischen seiner familiären Bindung an die Burgunden (= Nibelungen) und seiner Lehnspflicht gegenüber dem Hunnenkönig Etzel entscheiden mußte. Er stand zu dem fremdstämmigen Lehnsherrn und kämpfte gegen seine eigenen Leute. Dieser Abfall von der altgermanischen Sippenbindung war eine Parallele zu der  Entscheidung Kriemhilds, die Treue zu ihrem ermordeten Gatten Siegfried wichtiger zu nehmen als die Blutsbindung und deshalb ihre schuldig gewordenen Brüder umbringen zu lassen. Weil der Vergleich so falsch war wie der Erste Weltkrieg desaströs, ist der Begriff N. nur noch als Warnung vor übertriebener Vasallentreue gebräuchlich (vgl. Geschichtsbewußtsein).

Nobelpreis
Der schwedische Chemiker und Industrielle Alfred Nobel (1833-1896) hat 1863 die Initialzündung und 1867 das Dynamit erfunden. Was ihm ungeheuren Reichtum und der Welt ungeheure Massen an Toten und Verletzten beschert hat. Um seinen Namen reinzuwaschen, hat Nobel bestimmt, daß sein Nachlaß von einer Stiftung verwaltet wird, die seit 1901 jährlich in seinem Namen hochdotierte Preise für herausragende Arbeiten auf den Gebieten Physik, Chemie, Physiologie/Medizin, Literatur und Frieden verleiht (vgl. Friedensnobelpreis, Name).


Nonkonformist
Der N. verachtet die außengesteuerten Mitmenschen, die nur als Herdentiere leben können, und geht seinen eigenen Weg. Die Herdenmenschen (= Normalmenschen, Konformisten) verachten ihn zuerst, dann bewundern sie ihn heimlich. Sobald sich so viele N.en auf demselben Abseitsweg befinden, daß sie einen neuen Trend markieren, entwickelt sich ein Konformitätsdruck dorthin, dem die Masse nur zu gern folgt (vgl. Vorläufer, Nachahmer, Avantgarde).
   Illustration: 
   Walter Hanel, Bergisch Gladbach

Normal
Das Wort n. wird „normalerweise“ falsch angewandt, nämlich wenn man etwas als üblich bezeichnen will. Einen Menschen n. zu nennen ist Quatsch, weil es für Menschen keine Norm gibt. Falls man damit meint, es sei einer wie der Durchschnitt, sollte man ihm das ruhig sagen. Wenn man recht hat, ist er nicht einmal beleidigt (vgl. Menschenbild, Beleidigung, Ichbewußtsein).

Nostradamus
Latinisierter Name des provenzalischen Arztes und Sterndeuters Michel de Notredame (1503-1566), der schon zu seinen Lebzeiten wußte, daß er seinen Tod überleben würde. Und auch wie. Er hinterließ der Nachwelt eine Sammlung von Versen (Centuries), in einem kaum verständlichen Gemisch von Provenzalisch, Altfranzösisch und Latein geschrieben und voll von dunklen Hinweisen auf zukünftige Ereignisse, die so allgemein gehalten sind, daß sie auch heute, morgen und übermorgen noch jeder auf das beziehen kann, was er dem angeblichen Seher als Vorhersage zuschieben will (vgl. Horoskop, Mumpitz).

Nothilfe
Zur N. ist jeder verpflichtet, wenn er mitkriegt, wie jemand attackiert wird. Durch Unterlassen der N. macht er sich strafbar. Dieser hohe Anspruch an das mitmenschliche Ethos des einzelnen ist seit langem in den westlichen Staaten geltendes Recht. Durch zahlreiche Fälle unterlassener N. auf der Ebene staatlichen Handelns war die N. unter Juristen in Frage gestellt. Weil man sich sagte: Wenn Staaten nicht zur N. verpflichtet sind, dann können Einzelpersonen erst recht nicht dazu verpflichtet sein. Doch statt die N.-Verpflichtung des einzelnen abzuschaffen, hat die westliche Völkergemeinschaft jetzt den umgekehrten Weg eingeschlagen. Man fühlt sich erstmals auch als Staat zur N. verpflichtet, wenn ein Staat der Gewalttäter ist. So ist nach dem Verdorren von Völkerbund und UNO mit dem Einschreiten der NATO bei den Attacken Serbiens gegen die Kosovo-Albaner ein Stück neues Völkerrecht etabliert worden. Wenn sich nun im „globalen Dorf Erde“ aus der NATO ein neuer Dorfpolizist und aus dem Haager Gerichtshof ein neues Dorfgericht entwickelt, dann hat sich der serbische Präsident Milosevic so verdient gemacht um die Rechtsentwicklung, daß man ihm ein Denkmal errichten und den Titel verleihen sollte: Entwicklungshelfer des Rechts (vgl. Gangster, Recht).
 

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Walter Laufenberg