Machiavelli
Niccolo M., 1469-1527. Florentiner Schriftsteller und
Jurist, dessen
bedeutendstes Werk, "Der Fürst", erst fünf Jahre nach seinem
Tode
gedruckt wurde. M., bis heute deswegen als Oberteufel verschrien, hatte
erkannt,
daß die Menschen immer und überall gleich sind und daß
es nicht das Gute und das Böse gibt, sondern nur taugliche und
untaugliche Mittel beim Kampf um die Macht. M. hat konsequenterweise im
ersten Ratgeberbuch der Neuzeit beschrieben, wie ein Mensch sich
freimachen muß von ethischen Normen, wenn er Herrscher werden
oder bleiben will. Da das Buch nur von
den Herrschenden, nie aber von den Beherrschten gelesen wurde und wird,
können die Politiker auch heute noch sich die Moralmaske vorbinden
- und dahinter versteckt tun, was sie wollen (vgl. Macht, Politiker,
Grundstreben). |
Illustration:
Guntram Erbe, Hilpoltstein |
Männerbünde
Auch gern Herrengesellschaften genannt.
Vereinigungen mit unterschiedlichen Zielen, bei denen der Hauptzweck
nie genannt wird, nämlich die wenigstens zeitweilige Erholung des
Mannes von der Frau
– und umgekehrt. Bei zu langem und zu engem Zusammenleben entwickeln M.
schnell eine Ersatzkonstellation zur heterosexuellen Partnerschaft, die
aber Behelf bleibt (vgl. Ehe, Homosexualität).
Magersucht
Eine neue Kinderkrankheit. Der Beweis
dafür, daß Fernsehen, Illustrierte und Girlie-Zeitschriften
krank machen
(vgl. Autorität, Mode).
Malerei,
abstrakte
In den allermeisten Fällen die
schamlose Ausnutzung des Umstandes, daß Kunstbetrachter und
Finanziers keine
Kriterien kennen für die Unterscheidung zwischen einer
gefälligen
Beliebigkeit des Farbverbrauchs und dem mit seherischer Sicherheit
getanen
Schritt ins Übermorgen der Kunst (vgl. Lebenskünstler,
Scharlatanerie).
Malerei, naive
Als die Avantgarde sie anregend fand und
deswegen Sammler sich für sie erwärmten, verloren die naiven
Maler schnell alle Naivität und machten ihre Primitiv-Masche
genauso raffiniert
zum Geschäft, wie die gelernten Maler ihre Raffiniert-Masche
dem naiven Publikum verkauften (vgl. Marktgesetze).
Malteser
1. Angehöriger des ehemaligen
souveränen Ordens der Ritter vom Hospital des hl. Johannes in
Jerusalem sowie seiner Nachfolgeorganisationen. 2. Dänischer
Aquavit, d.h. ein mit Kümmel gewürzter Kornbranntwein, sehr
scharf, eiskalt zu genießen.
3. Die Zwerghundrasse Bichon maltais, überhaupt nicht scharf, nur
gelegentlich heiß. 4. Bürger der Mittelmeerinsel Malta und
ihrer beiden Nachbarinseln, mehr sauer als scharf und in heißer
Wut, weil neuere Forschungen festgestellt haben, daß die alte
Saga von der Landung des Apostels Paulus auf Malta Quatsch ist. Paulus
ist auf einer Romreise als Schiffbrüchiger auf die Insel
Kephallenia verschlagen worden. Der Wegfall dieses einen Touristen ist
für die M. ein herber Verlust, weil sie seitdem keine
Pilgerreisenden mehr ausnehmen können (vgl. Glauben,
Kommerz, Tourist).
Markenbewußtsein
Die
Industrie hat es mit großem Werbeaufwand geschafft, für
viele Waren in den Köpfen der Verbraucher ein M. zu etablieren.
Mit der Folge, daß die Leute stolz darauf sind, als wandelnde
Litfaßsäulen für Markenklamotten Werbung treiben zu
dürfen. Was besonders verhängnisvoll bei Kindern und
Jugendlichen ist, die sich aus ihrer altersbedingten Unsicherheit
heraus strikt weigern, anderes als die bekannten Markenartikel zu
besitzen. Was die Eltern vielfach in finanzielle Schwierigkeiten
bringt, die Kinder selbst oft kriminell werden läßt. Hinter
dem verhängnisvollen M. steht die Vorstellung, daß die
Markenartikel stets besser sind als No-Name-Artikel, was scheinbar
schon der höhere Preis beweist. Die
wirtschaftlichen Zusammenhänge werden vom Verbraucher nicht
durchschaut. Doch nimmt er gern die zum Glück immer öfter
gebotenen Gelegenheiten wahr, Imitationen der Markenartikel zu kaufen,
die wesentlich billiger angeboten werden (sog. Markenpiraterie). Diese
illegalen Nachahmungen bilden ein gesundes Korrektiv zum M., wo sich
ein Produkt nur durch Oberflächendifferenzierung und Preis von
Konkurrenzprodukten abhebt, nicht aber durch seine tatsächliche
Einmaligkeit (vgl. Werbung, Hohlkopf,
Mode).
Massenmedien
Als M. empfinden sich Presse, Funk und
Fernsehen. Sie sind, wenn auch nur inoffiziell, die vierte Gewalt im
modernen Staat. Ihre kostspielige Allgegenwärtigkeit rechtfertigen
sie mit dem Informationsauftrag, den sie angeblich irgendwoher haben.
Daß sie mindestens ebensoviel zur Desinformation beitragen wie
zur Information, ist eine Tatsache, die
man nicht publik machen kann, weil die M. sie nicht verbreiten. Dabei
boten
sie erst kürzlich als Beispiel für Desinformation die
Einhelligkeit, mit der sie uns ein vorgezogenes Jahrtausendende
aufschwätzten (vgl. Millennium, Zeitrechnung,
Journaille).
Medien
Presse, Funk und Fernsehen werden als M.
bezeichnet. Soweit sie privat gegründet wurden, um mittels Werbung
Geld zu machen, tragen sie diese herabsetzende Bezeichnung als
bloße Mittel zum Zweck ganz zu recht. Ebenso, wenn sie nicht
Werbegelder absahnen, sondern Ideen breittreten sollen
(Tendenzbetriebe). Nicht mit M. zu verwechseln und deshalb ernst zu
nehmen sind manche Bücher, Schauspiele und Filme (Kommerz, Kultur, Massenmedien, Netzine).
Mehrheit
Die
M. ist das A und O der Demokratie. Doch weil sie immer eine Minderheit
entstehen läßt, bis hin zu beinahe gleicher Stärke,
deren künstlich aufgegeilte Meinung, Absicht, Wunschvorstellung
nach der Abstimmung unter den Tisch fällt, ist sie mehr O als A.
Außerdem wird die M. im Bewußtsein der Bürger zu einer
Pseudo-Alleskönnerin, die beispielsweise von Staats wegen
Mitbürger töten lassen oder ein Jahrtausend auf 999 Jahre
verkürzen kann. Fazit: Das demokratische Prinzip M. neigt dazu,
aus der Spur zu laufen, so daß bald keine Spur von
Rationalität oder Ethik mehr zu erkennen ist (vgl. Demokratie,
Todesstrafe,
Zeitrechnung).
Mehrwerttheorie
Nach der Pleite des Weltkommunismus mit der
Marxschen M. und dem globalen Machtantritt eines Totalkapitalismus
muß die M. in neuer Definition lauten: Was man für Geld
kriegen kann, ist mehr auch nicht wert (vgl. Lebenskunst).
Meinung
Die M. wird immer wichtiger genommen. Dabei
fragt niemand danach, wieviel Verstand hinter ihr steht. Die westlichen
Gesellschaften entwickeln sich, je mehr Informationen vermischt mit
Kommentaren, also Meinungen, wir schlucken, um so schneller zu reinen
Stammtischgesellschaften. Eine
Folge des demokratischen Prinzips. Sagt das Votum der Wähler doch
bloß, von wem sie eine bessere M. haben, aber nicht, wer
tatsächlich besser ist. Deshalb lieben die Politker die
M.sforschung, die sie gern als etwas Ernstzunehmendes hinstellen.
Getreu der Erkenntnis des altgriechischen Philosophen Epiktet: Es geht
nicht darum, wie etwas ist, sondern was man davon hält (vgl. Meinungsforschung,
Politik,
Wahrheit ).
Meinungsforschung
In den modernen Instituten
für M. sind Meinungsforscher so wissenschaftlich tätig wie
Theologen,
Astrologen, Graphologen und andere Vertreter von Grenzwissenschaften.
Das
heißt, sie wissen, daß sie mit unhaltbaren Daten hantieren,
trösten sich und ihre Gläubigen aber mit Toleranzgrenzen, die
sie längst überschritten haben, mißachten
großzügig
alle Rückkoppelungseffekte, tarnen ihre Abhängigkeit vom
Auftraggeberinteresse
und verdienen damit gutes Geld. Denn die Medien, die Industrie und die
Politiker
geben hemmungslos riesige Summen für dieses wichtigtuerische Lesen
aus dem Kaffeesatz aus. Die Ergebnisse der M. werden von den
Auftraggebern,
weil sie so teuer sind, mit dem Etikett „streng geheim“ versehen statt
mit
dem: „Kalter Kaffee“ (vgl. Showgeschäft,
Glaube).
Meinungsfreiheit
Das Recht der freien
Meinungsäußerung haben wir in der Bundesrepublik Deutschland
schon lange, die Möglichkeit der freien
Meinungsäußerung aber schon lange nicht mehr. Denn in den
Medien entscheiden Leute, die an Parteiprogramme gebunden sind. Was
nicht dem aktuellen Parteiinteresse entspricht, bleibt
unveröffentlicht. Im Moment gibt es nur eine einzige Nische der
M., das ist das Internet.
Doch die Bemühungen um eine Einschränkung der M. auch im
Internet
sind bereits weltweit angelaufen. Deshalb ist es fraglich, ob Sie
dieses
nichtkonforme Lexikon noch lange lesen können (vgl. Parteien,
Volksverdummung).
Mensch
Der M. ist eine geringfügig
weiterentwickelte Spezies der Hominiden (= Menschenaffen), eingeteilt
in eine männliche und eine weibliche Variante. Der männliche
M. ist ein Spritzbedürfnis auf Beinen, der weibliche M. ein
genauso ambulanter Juckreiz. Nur in den seltenen Fällen der
Ausbildung eines höheren Bewußtseins
unterscheidet der M. sich so deutlich von den Hominiden, daß man
glauben
könnte, er sei kein Affe mehr (vgl. Bewußtsein). |
Illustration:
Guntram Erbe,
Hilpoltstein |
Menschenbeurteilung
Im Unterschied zu Qualitäten wie
Schönheit oder Fitness oder Reichtum, auch Ignoranz,
Brutalität und sogar Charakter lassen sich die Qualitäten
Bildung, Klugheit, Können nur von
oben nach unten beurteilen, vom Mehr zum Weniger hin gesehen, niemals
umgekehrt (vgl. Sehfehler, Hybris).
Menschenverachtung
Mit
Brehms Tierleben im Kopf und zeitunggeschwärzten Fingern sehe ich
die ach so menschliche M. am deutlichsten darin manifestiert, daß
wir Menschen einander nicht fressen, wenn wir einander geschlachtet
haben (vgl.: Brutalität, Humanität).
Menschlichkeit
Unter
M. versteht man üblicherweise etwas Positives. Sie wird
kontrastiert durch Ausdrücke für Negatives wie
Unmenschlichkeit oder Bestialität. Dabei ist die Wertung auf den
Kopf gestellt. Seit man weiß, daß kein Tier so grausam sein
kann wie der Mensch, können die Begriffe Unmenschlichkeit und
Bestialität nur noch
positiv gesehen werden, als Gegensätze zu dem schrecklichsten
aller
schrecklichen Negativbegriffe, nämlich der M. Doch bleibt der
Sprachgebrauch
bei dem überkommenen Wertungsunsinn. Zu unserer M. gehört
halt
auch, daß wir uns nicht negativ sehen können (vgl.:
Ichkitzel,
Wertung).
Metapher
Eine Sprachfigur, die als verkürzter
Vergleich bezeichnet wird. Um abstrakte Phänomene greifbar werden
zu lassen,
sind wir auf den Umweg über konkrete Erfahrungen angewiesen.
Für
Journalisten sind M.n das tägliche Brot. Je mehr in einem Artikel
verwendet
werden, um so besser. Für Dichter sind sie abgegriffene Klischees
und
ein Horror, weil sie sich der Weiterentwicklung der Sprache
verschrieben
haben (Daß beide Arten von Schreibern trotzdem in einer einzigen
Gewerkschaft
organisiert sind, beruht auf Gedankenlosigkeit). Durch neugeschaffene
M.n
wird ein Text reizvoll, jedoch unverständlich für Leser,
denen
der Bildungshintergrund fehlt, aus dem die Vergleiche bezogen wurden.
Das
macht es nahezu unmöglich, Dichtung als Kunstwerke für
jedermann
zu schaffen (vgl. Sprache).
Millennium
Ein M. ist ein Zeitraum von 1000 Jahren,
also ein Jahrtausend. Das erste M. nach der Zeitenwende dauerte vom
Jahre 1 bis zum Jahre 1000 einschließlich. Das zweite M. dauert
vom Jahre 1001
bis zum Jahre 2000 einschließlich, endet also am 31. 12. 2000.
Daß Presse, Buchverlage, Politiker und Reiseunternehmer unser M.
um ein volles Jahr kürzten und das Jahrtausendende schon am 31.
12. 1999 feiern wollten, beruhte teils auf Schwachsinn, teils auf
kommerzorientierter Ignoranz. Nie hatten wir mehr Grund zum Lachen als
Sylvester 1999. Wem aber dann das Lachen im Laufe des Jahres 2000
vergangen ist, für den nahm damit das zweite Jahrtausend ein
böses Ende (vgl. Zeitrechnung,
Kommerz).
Minderheit
Einer M. anzugehören, kann heute in den
westlichen Gesellschaften aufgrund der von der öffentlichen
Meinung gewährten Opferprämie eine besondere Chance
darstellen, andererseits aber auch einen unauslöschlichen Makel.
Auf der positiven Seite der Messlatte stehen die Juden an erster
Stelle, weit vor den Behinderten und Gastarbeitern. Am anderen Ende
rangieren Latinos, Schwarze, Indianer und
Zigeuner weit vor den australischen Aborigines (vgl. Vorurteil).

Minus
Das M.-Zeichen ist von erschreckend geringer Haltbarkeit,
weil es schon mit einem kurzen senkrechten Strich in sein Gegenteil
verkehrt
werden kann. Es wird fälschlich oft in Internetadressen genannt
statt des Bindestrichs, weil kürzer
auszusprechen. Dafür rächt es sich auf sinnentstellende Art,
denn ein Laufenberg
minus Mannheim bleibt ein Laufenberg von 1,80 m und 90 kg (vgl.
Gedankenlosigkeit, Sprache).
Mission
Das Gläubige-Machen durch Aussendung
von Missionaren. Eine geschickte Verlegenheitslösung der
christlichen Kirchen, die in Entwicklungsländern missionieren,
weil man ihnen in den entwickelten Ländern die kalte Schulter
zeigt. Nachdem Papst Johannes Paul II. das Schuldbekenntnis der
katholischen Kirche abgelegt hat, müßte eigentlich alle
christliche Missionierung eingestellt werden, weil sonst weiterhin
religiöse Traditionen von Eingeborenen verletzt würden (vgl.
Lippenbekenntnis).
Missionarsstellung
Die kirchlichen Wünschen entsprechende
Stellung beim Geschlechtsverkehr, so genannt, weil von Eingeborenen mit
Verwunderung bei Missionaren beobachtet. Die Frau nimmt auf dem
Rücken liegend passiv hin, was der über ihr agierende Mann
ihr gibt. Damit soll der Unterschied zwischen menschlichem und
tierischem Geschlechtsverkehr ebenso demonstriert werden wie der
zwischen zivilisiertem und barbarischem. Wem das in der Situation
wichtig ist, bitte sehr (vgl. Coitus bourgeois, Gossen).
Mithras
Der Mithras-Kult der alten Perser war noch
im alten Rom weit verbreitet, ist dann aber ausgestorben und zum
Museumsstück geworden. Für mich die Beste aller Religionen,
weil sie beweist, daß auch der größte religiöse
Unsinn irgendwann ein Ende haben kann, aller Dummheit der Menschen zum
Trotz (vgl. Ignoranz, Religion).
Mitteilungsbedürfnis
Das M., aktiv wie passiv, gehört zum
Menschen. Wo es ausgewogen auftritt, handelt es sich um einen
geselligen Typ. Übertrieben passives M. füllt den Kopf,
übertrieben aktives M. soll die Leere im Kopf verdecken (vgl. Bewußtsein,Hohlkopf).
Illustration: Jules
Stauber, Schwaig
Mobbing
Das systematische Fertigmachen eines
Arbeitskollegen oder Familienangehörigen, bis er sich mit der
Rolle des Hackhuhns
abfindet oder abhaut. Der Ausdruck kommt von Mob = Pöbel, was sich
jedoch nicht auf den passiven Teil bezieht, sondern auf den aktiven
(vgl.
Selbstdarstellung).
Mobilität
Ein moderner Wert an sich, bei dem die
Fragen nach dem Weshalb und Wozu ersetzt wurden durch die Fragen nach
dem Wann
und Wohin. So wird M. mit dem Leben identisch, für das uns diese
Substitution längst selbstverständlich ist (vgl. Mode, Sinn,Tourismus).
Modebewußt
Die dreist auf positiv gewendete
Charakterisierung eines Menschen, der dem Modediktat ausgeliefert ist
und sich dabei auch
noch großartig vorkommt. Der Gegensatz zu überlegen (vgl.
Autonomie, Kommerz, Persönlichkeit).
Moderator
M. ist unter den Studierenden von heute laut
Statistik der am häufigsten genannte Berufswunsch. Dafür wird
als Begründung genannt: Man wird berühmt wie Hauser und
Kienzle
oder die Feldbusch, und dabei braucht man nicht einmal selbst zu
schreiben,
was man vorträgt. Das besorgen zum Glück andere. Denn das
Schreiben, das ist sehr schwer (vgl. Bildungsnotstand,
Hohlkopf,
Showgeschäft).
Modern
Du kannst dich noch so m. geben, du kannst
doch das M. nicht vermeiden. Denn der Unterschied liegt nicht allein in
der Betonung dieses Wortes. Es meint einmal einen Zustand und einmal
ein Geschehen, und dagegen bist du machtlos (vgl. Zukunftsperspektive).
Moderne
In der Malerei ist die M. stets in Gefahr,
in bloße Dekoration abzugleiten, wie in der Musik in
Geräusch.
Nicht so die M. in der Dichtung. Selbst wo sie völlig auf
Sinnvermittlung
verzichtet (sogen. Konkrete Poesie) bleibt sie geschrieben immerhin
noch
Grafik und vorgelesen Gesang – also Malerei bzw. Musik (vgl.
Avantgarde, Kitsch).
Modernität
Was auch immer einer glaubt, sagen zu
müssen, er braucht es nur noch ein bißchen englischer
auszudrücken,
um in zu sein (vgl. Albernheit,
Anglizismen).
Modetorheiten
Es gab eine Zeit, da lief man mit
Perücke herum, obwohl man keinen Haarersatz brauchte. Dann kam die
Zeit, da lief man mit Spazierstock herum, obwohl man nicht auf eine
Gehhilfe angewiesen war. Und jetzt leben wir in der Zeit, da läuft
man mit Brille herum, obwohl die meisten Brillenträger keine
Sehhilfe benötigten. Sie ist ihnen nur von einem geldgierigen
Augenarzt aufgeschwätzt worden, der ihnen nicht verraten hat, dass
sie bloß die erschlaffte Augenmuskulatur zu trainieren brauchten.
Der Unterschied zwischen diesen M. ist: Die ihre Perücke eines
Tages ablegten, konnten sich immer noch gut sehen lassen, und die ihren
Spazierstock wegstellten, konnten immer noch gut gehen, aber die ihre
Brille weglegen, können dann viel weniger gut sehen als an dem
Tag, an dem der Arzt ihnen die Brille verschrieben hat. Weil die
Hinterglasaugen verärgert gesagt haben: Na, dann brauchen wir uns
ja nicht mehr anzustrengen (vgl. Brille,
Kommerz, Mediziner).
Mono
Seitdem kaum noch jemand Griechisch lernt,
setzt sich die Meinung durch, die griechische Vorsilbe M. bedeute
soviel wie schlecht. Hinweise darauf findet man in Begriffen wie
Kohlenmonoxid, das bekanntlich lebensgefährlich giftig ist, oder
Monotheismus, der zu kriegerischer Rechthaberei verführt, oder
Monokultur, die in der Landwirtschaft zur Verödung und
Abhängigkeit führt, oder in dem Urteil monoton, das soviel
wie langweilig meint, oder in der Monogamie, gegen die man nichts sagen
darf (Vgl. Monogamie, Monotheismus, Monotheistisch).
Monogam
M. zu sein ist ein fauler Kompromiss. Denn im Computer-Zeitalter ist
jedem modernen Zeitgenossen klar, dass einerseits Vielmännerei
natürlich wäre, weil die Frau drei Schnittstellen hat, der
Mann aber nur einen Stick, andererseits wäre Vielweiberei die
natürliche Form, weil die Frau zeitweise nicht aktiviert ist, der
Mann aber doch. Das Dilemma ist also, dass Frau und Mann nicht
kompatibel sind und sich deshalb m. behelfen (vgl. Ehe).
Monogamie
Umschreibung für den unaussprechlichen jahrzehntelangen
Ärger, dass man nicht auch mal mit der Frau des Freundes bzw. mit
dem Mann der
Mitarbeiterin ins Bett gehen darf – bis man froh ist, dass man es nicht
muß (vgl. Domestizierung, Gossen, Relativität).
Monokultur
Ein Schimpfwort, erstmals in der
Landwirtschaft als solches erkannt. Jetzt aktuell in Sachen Sprache.
Für die überstürzt zusammenwachsende Welt propagiert die
Unesco den dreisprachigen Menschen, der seine Muttersprache, die
Sprache eines Nachbarlandes und eine Weltsprache beherrscht. Aufwendig,
aber sinnvoll, denn Einsprachigkeit (sprachliche
M.) ist im internationalen Kontakt Sprachlosigkeit und führt zu
Ausgrenzung und Ausnutzung. Gefahr: Bei zweisprachiger (bilingualer)
Kindererziehung kommt es oft zu keiner wirklichen Sicherheit in der
Muttersprache, was bloß eine grenzenlose Quasselbefähigung
bringt (vgl. No-Kultur, Fremdsprache).
Monotheismus
Der M. (= die Eingott-Vorstellung) ist
nicht, wie uns das erste der Zehn Gebote Moses‘ weismachen will, aus
der Eifersucht Gottes entstanden, sondern aus Neid, Mißgunst und
Raffgier, womit
sich die Priesterschaften diverser Götter wechselseitig das Leben
schwergemacht haben. Daß sich aber auch unter der Herrschaft
eines einzigen Gottes Wege finden lassen, auf denen konkurrierende
Priesterschaften um Geld, Macht und Einfluß kämpfen, hatte
Moses nicht bedacht (vgl. Buchreligionen, Reformation, Religion,
Schisma).
Monotheistisch
Die Frage, ob der ägyptische Pharao Echnaton als erster m. fromm
war oder aber der in Ägypten aufgewachsene Hebräer Moses, ist
ungeklärt, weil man nicht sicher weiß, wer von den beiden
später gelebt
und von dem Früheren abgeschrieben hat. Jedenfalls ist die
Eingottvorstellung Echnatons mit seinem Tod gestorben, ohne Schule
gemacht zu haben. Nicht
so glatt ging die Sache ab bei Moses. Seine Eingottvorstellung
führte
zur Entstehung der drei Weltreligionen Judentum, Christentum und Islam.
Nachdenkenswert ist, dass die weiteste Verbreitung das Christentum
fand,
dem die beiden Konkurrenten vorwerfen, mit der göttlichen
Dreifaltigkeit,
dem Marienkult und der Heiligenverehrung nicht mehr streng m. zu sein.
Offenbar
entspricht also ein breiteres Angebot an Popanzen statt einer einzigen
Gottheit
einem urmenschlichen Bedürfnis (vgl. Mono, Monotheismus).
Moral
Der berühmte Kessel Buntes, in dem
humanitäre Forderungen und staatliche Grunddoktrinen mit Resten
religiöser Zumutungen und Fetzen halbverstandener Philosophien
zusammengeworfen wurden. Zum Zwecke des besseren Aussehens auch Ethik
genannt. Nicht kochen und nicht ins Schleudern kommen lassen! (vgl.
Pluraletantum).
Moratorium
Zahlungsaufschub, beispielsweise für
die Frau des Kettenrauchers, die zeitlebens selbst nicht geraucht, nur
kostenlos mitgenossen hat und schließlich an Lungenkrebs stirbt,
also mit ihrem Leben bezahlt (vgl. Treue).
Multikulti
Modische Kurzbezeichnung für das
Kulturgemisch, das in Ländern mit vielen Einwanderern entsteht.
Eindeutig für die gesamte Bevölkerung eine Bereicherung und
eine Erweiterung des
Horizonts. Damit daraus jedoch nicht die totale Desorientierung
erwächst,
vor allem in rechtlicher Hinsicht, muß eine M.-Gesellschaft ihre
Leitkultur betonen. Dieser Zusammenhang ist zwangsläufig, auch
wenn er den Politikern nicht gefällt, weil er in ihren Zankapfel
beißt (vgl. Leitkultur,
Wortsetzungsmacht).
Multimedia
Die
alte Crux, daß Radio und Fernsehen bloße
Einbahnstraßen sind, die das Volk entmündigen, soll durch
die Verknüpfung verschiedener elektronischer Medien des
Hörens, Sehens, Sprechens, Schreibens, Malens und Spielens (Radio,
CD-Player, Fernseher, Videorekorder, Telefon und Computer)
überwunden werden (sogen. Interaktivität). Wenn sich dieser
erst kürzlich begonnene M.-Trend durchsetzt, werden nicht nur neue
geschäftliche Chancen eröffnet. Für den einzelnen bringt
das den Vorteil, daß er seiner Kauflust, seinen Bildungs- und
Ausbildungsinteressen, seinem
Informations- und Spieltrieb, seinen kulturellen und geselligen
Bedürfnissen
und sogar seiner Arbeit (Telearbeit) bequem von zuhause aus nachgehen
kann. Wobei er das Gehen bald ganz verlernen wird (vgl. Stallkaninchen).
Musik
M. wird störend oft empfunden, weil sie mit
Geräusch verbunden, meinte Wilhelm Busch. Error. Musik ist um so
beliebter, je lauter sie ist. Im Zeitalter der Elektronik wird der Homo
sapiens zum bloßen Resonanzkörper. Megalaute Musik, das ist
der Kick für Aussteiger, der Kick, der zur Extase führt.
Musik als die internationale Sprache zu bezeichnen, ist genau so ein
Unsinn. Weil Sprache der Verständigung dient, Musik sie aber
unmöglich macht. Auch unnötig. Denn die da alle im selben
Rhythmus mitschwingen, die verstehen sich ohne Sprache (vgl. Hohlkopf, Sprache). |
Illustration:
Guntram Erbe
Hilpoltstein |
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