Laufenbergs Laester-Lexikon
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Stichwortverzeichnis


Kapitalismus
Nur Dummköpfe meinen, K. sei das Gegenteil von Sozialismus. Sie haben noch nie von dem Zwillingspaar Privat-K. und Staats-K. gehört, deren gemeinsames Kennzeichen das Bestreben ist, mit so wenig Aufwand wie möglich soviel Gewinn wie möglich zu erzielen. Der Unterschied zwischen Staats-K. und Privat-K. liegt einerseits in der Motivation der Menschen zur Leistung und andererseits im wirtschaftlichen Erfolg. Während der Privat-K. zur Leistungssteigerung auf finanzielle Anreize setzt, ködert der Staats-K. seine Leute mit Orden und Urkunden und kleinen Vorteilen bei der Verteilung knapper Güter wie Wohnung oder Reisen. Der plumpe Reiz des generellen Tauschmittels Geld hat sich stets als wirksamer erwiesen als die direkter auf menschliches Grundstreben ausgerichteten Streicheleinheiten. Damit war der wirtschaftliche Erfolg des Privat-K. und Mißerfolg des Staats-K. programmiert (vgl. Ichkitzel, Durchgangsinteressen). 

Kardinaltugenden
In der Antike die 4 Haupttugenden Weisheit, Tapferkeit, Besonnenheit und Gerechtigkeit. Was damals noch als eine Aufforderung an Herrscher gelten konnte, wurde im 17. Jahrhundert umgebogen zu Gerechtigkeit und den typischen Untertanentugenden Fleiß, Gehorsam und Demut. Kein Problem, denn schon immer hat, wer was werden wollte, sich  weder an das eine Rezept noch an das andere gehalten (vgl. Machiavelli, Moral, Platon, Politiker).

Katze
die K. gehört zu den ältesten Hausgenossen des Menschen. Und doch hat sie es bis heute nicht für nötig gefunden, mehr als Miau zu uns zu sagen. Wenn das nicht alles sagt - über uns (vgl. Anpassung, Bescheidenheit).

Kauflust
Wer die besten Jahrzehnte seines Lebens damit vertut, für fremde Interessen zu schuften, darf sich mit dem verdienten Geld Freude kaufen. Wenn es auch nur die Freude am Kaufen selbst ist, weil man weiß, dass es doch weitgehend Schund ist, was man für sein Geld bekommt (vgl. Bescheidenheit, Frustkauf, Mehrwerttheorie).

Kehlkopf
Normalerweise bloß der untere Anhang des Kopfes, doch bei Sängern und Politikern meist das einzige, das man vom Kopf wahrnehmen kann (vgl. Spezialistentum).

Kinderarmut
Die in den modernen Wohlstandsgesellschaften herrschende K. meint Armut an Kindern und hat ihre Ursache nicht darin, daß die Reichen nicht kinderlieb wären, sondern darin, daß es zuwenig Arme gibt, denn die lieben es seit jeher, kinderreich zu sein (vgl. Homosexualität, Kindergeld, Wohlstand).

Kinderreichtum
Die Last der Nachwuchsaufzucht mit der Lust der weichen Teilchen gekoppelt zu haben, das war die List der Natur, mit der sie den Erhalt der Art gesichert hat. Wo das noch nicht durchschaut wird, erübrigt sich Kindergeld, im anderen Falle erst recht (vgl. Sex, Wohlstand).

Kindesmißbrauch
Unsinniger Begriff, weil es das Gegenteil, den Kindesgebrauch, nicht gibt. Gemeint ist Machtmißbrauch gegenüber Kindern. Besonders verwerflich wegen der unfairen Ausnutzung von Abhängigkeit bzw. Überlegenheit, vor allem aber wegen der Wirkungen auf das weitere Leben des betroffenen Kindes (vgl. Desillusionierung, Familie, Päderastie, Trauma).

Klassentreffen
Regelmäßige K. sind so was wie das Spiel „Die Reise nach Jerusalem“. Immer weniger Mitspieler, und jeder, sogar der in der Schule immer der erste sein wollte, hat jetzt den Ehrgeiz, der letzte zu sein (vgl. Alter, Wettstreit).

Klon
Während man in Deutschland noch darüber streitet, ob es klonen oder klonieren heißt, wird es anderswo bereits mit menschlichen Embryos gemacht. Getreu der Devise: Was machbar ist, muß gemacht werden. Und der deutsche Ethikrat diskutiert über die Formulierungen eines Grußwortes zur bevorstehenden Geburt des neuen Menschen (vgl. Frankenstein, Genmanipulation, Homunkulus, Klonen, Nietzsche, Wissenschaft).

Klonen
Aus einem Lebewesen auf gentechnische Weise ein exakt gleiches zweites zu machen, d. h. es zu k., steht beim Menschen noch aus. Das Problem liegt nicht in der Gentechnik, sondern in unserem Ichbewußtsein. Wenn dieses bisher absolut individuelle Bewußtsein doppelt vorhanden ist, wird es zwischen Ichbewußtsein und Wirbewußtsein eine dritte, neue Qualität geben, womit sich unserer Streitlust ganz neue Dimensionen öffnen (vgl. Ich, Klon).

Klugheit
Ein jeder dünkt sich mit den ein, zwei Dutzend Erkenntnissen, die er irgendwoher hat, der Klügste. Die anderen haben allenfalls andere Fachkenntnisse, weil sie ja einen anderen Beruf haben, – oder aber sie haben schrecklich verquere Ansichten (vgl. Bildung, Selbstbewußtsein).

Körpergeruch
Der individuelle K. war seit eh und je ein persönliches Erkennungszeichen wie Augen- und Haarfarbe oder Stimme. Und genau wie diese ein sexueller Reiz. Doch dann kam die Waschmittel- und Parfümindustrie mit ihrem Stinkkram und hat uns zu austauschbaren Langweilern gemacht (vgl. Körperkultur, Reiz).

Körperkultur
Ein Gespenst geht um in Europa, die K., natürlich aus den USA importiert. Was vor 500 Jahren in der Renaissance eine Rückbesinnung auf das Ideal des Schön-und-gut-Seins (Kalokagathie) der Klassik war, ist jetzt bloße Oberfläche. Denn die moderne Evolution des Körperlichen geht Hand in Hand mit der Devolution des Geistigen. Also der typische Fall einer Revolution: Die Verluste wiegen die Gewinne auf. Die heute zu beobachtenden Symptome der K. sind: Fitnessstudios florieren, während Goetheinstitute dichtmachen, Bodybuilding wird nicht mehr nur belächelt, für Designerkleidung werden schon Kinder zu Kriminellen, Männerköpfe unter Frisierhauben sind nicht mehr ungewöhnlich, Modellathleten umgeben sich mit Parfumwolken, Sportler und Schauspieler sind die neuen Heroen, Tätowierung genau wie Piercing, die sogen. Körperkunst, ist aus dem Ghetto der Eingeborenen und Seeleute in die bürgerliche Gesellschaft übergeschwappt, der Analphabetismus wächst, die Körpersprache muß immer mehr die schwindenden schriftlichen und mündlichen Ausdrucksmöglichkeiten ersetzen. Die neue Renaissance greift also nicht auf die Klassik zurück, sondern viel weiter - nämlich auf die Steinzeit (vgl.: Bildung, Karriere, Moderne, Kindskopf).

Kollateralschäden
Im Golfkrieg (1990/91) aufgekommener euphemistischer Begriff, der die Vernichtung von Leben und Sachwerten, die nicht Kriegsziele waren, als unvermeidlichen Nebeneffekt entschuldigen sollte. Damit wollte man sich verstecken hinter dem Unterschied zwischen den strafrechtlichen Begriffen Dolus eventualis = bedingter Vorsatz  (billigend in Kauf genommen) und Dolus directus = bestimmter Vorsatz  (mit Absicht), die jedoch, was verschwiegen wurde, beide vorsätzliches Handeln bezeichnen. Also: Schuldig! (vgl. Euphemismus, Krieg, Völkerrecht).

Kompetenz
K. ist das weniger bekannte Gegenteil von Inkompetenz und muß sich im Alltag ständig gegen diese zur Wehr setzen. Auf  K. vertraut beispielsweise, wer sich anhört, was die katholischen Bischöfe in Sachen Schwangerschaftsabbruch zu sagen haben. Denn weil diese Männer im Rock in ihrem natürlichen Tatendrang nicht durch die Einehe eingeengt sind, kann man davon ausgehen, daß sie viel mehr Erfahrungen mit ungewollten Schwangerschaften gemacht haben als der Normalmann. Bei wem derlei Erfahrungen jedoch schon zu viele Jahrzehnte zurückliegen, wie möglicherweise bei ihrem Oberhirten, dem Papst, kann jegliche Erinnerung daran verblaßt sein. Was aber noch nicht unbedingt zur Inkompetenz führt. Nur daß die K. dann auf einem anderen Gebiet liegt. Der Papst ist als Vorsitzender des Vereins Katholische Kirche zuständig für das weitere Wachstum dieses Vereins, der in weltweiter Konkurrenz zu ähnlichen Beglückungsvereinen steht. Aus dieser Interessenlage heraus ist es ein Zeichen von K., wenn er seinen Mitgliedern jegliche Vermehrungs-Verhinderung verbietet (vgl. Promiskuität, Scheinheiligkeit).

Konjunktion
Die deutsche Sprache wird immer kurzatmiger, und die Sprecher oder Schreiber wirken immer mehr behindert, weil: die Leute fangen nach dem Wörtchen weil neuerdings meist einen neuen Hauptsatz an. Zu diesem Hilfsmittel greifen sie, weil sie weder als Sprecher oder Schreiber noch als Zuhörer oder Leser die Konzentration aufzubringen vermögen, die eine perfekte Satzkonstruktion mit dem Verb am Ende von ihnen verlangt. Diese Flachköpfe sollten besser die K. denn statt weil benutzen, denn die verträgt das amerikanisch-armselige Wörteraufreihen ohne Schaden (vgl. Sprache).

Konnotationen
K. sind Bedeutungen, die ein Wort neben seinem eigentlichen Begriffsinhalt hat. Dabei ist oft die Geschichte kreativ tätig geworden, beispielsweise bei Dachau. Gedichte bestehen vor allem aus K., gelegentlich – das macht das Sprechen so gefährlich – führen K. sogar zum Gegenteil des Begriffsinhalts (vgl. Arbeitslosigkeit, Verantwortung). 

Konversion
Abgesehen von seinen bekannten Bedeutungen Nr. 1 bis 7 (siehe Duden) ist K. ein Zauberwort wie das von den Schwertern, die zu Pflugscharen umgeschmiedet werden sollen. Aber weil Waffen auf dem Weltmarkt immer noch bessere Preise erzielen als zivile Gebrauchsgüter, hat die K. der Kriegsproduktion kaum Chancen auf Realisierung in größerem Maßstab (vgl. Waffenproduzent).

Konvertit
Warum ist uns der K., der politische wie der religiöse, stets so unangenehm? Nicht eigentlich wegen des Fanatismus‘, mit dem er in der neuen Richtung dahinzurasen pflegt. Eher wegen seiner Ignoranz gegenüber der Alltagserfahrung, daß alles seine Vorteile wie Nachteile hat und daß es die Wahrheit, genau wie die Freiheit, immer nur teilweise gibt (vgl. Wahrheit, Freiheit).

Kooperation
Der Idealfall der Kooperation ist die Zeugung. In den meisten anderen Fällen wird der Begriff euphemistisch benutzt für Ausnutzung, Ausbeutung, Mißbrauch oder Abhängigkeit, bestenfalls noch Gewohnheit (vgl. Ehe, Kommerz).

Korruption
K. ist ein abwertendes Urteil über ein Verhalten, mit dem sich jemand einen unrechtmäßigen Vorteil verschafft hat. Das Schlimmste an diesem Urteil über Schlimmes ist, daß es das Fehlverhalten, das es anprangert, noch fördert. Denn je mehr ich von K. höre und lese, um so lauter meldet sich der innere Schweinehund in mir mit seiner Ermahnung: Du wirst mit deiner Anständigkeit bald als der letzte Dumme dastehen (vgl. Politiker).

Krankenversicherung
Bald nennt sich jede Krankenkasse Gesundheitskasse, und das ganze System der K. sollen wir Gesundheitsvorsorge nennen. Doch alle Schönfärberei ändert nichts daran, daß die K. todkrank ist. Sie wird immer teurer und immer mehr mißbraucht. Weil niemand zuzugeben wagt: Das Prinzip ist falsch. Wenn ich zum Arzt gehe, mich behandeln lasse, mich bedanke und sage: Rechnung an meine Kasse, dann habe ich mit dem Arzt einen Vertrag zulasten Dritter geschlossen, wie die Juristen das nennen. Solch ein Vertrag zulasten Dritter ist in unserem Rechtssystem generell als sittenwidrig untersagt. Doch bei der K. hat ihr Begründer Bismarck vor gut hundert Jahren geglaubt, das machen zu können. Weil Ärzte zu einem Berufsstand mit besonderem Ethos gehörten, würden sie nicht mehr in Rechnung stellen als sie geleistet hätten. Das hat anfangs funktioniert. Doch heute sind Ärzte Menschen wie du und ich. Da wird immer schamloser abgesahnt. Und weil die Politiker genauso sind, findet sich niemand, der die K. kurieren könnte. Viel leichter, die Beiträge zu erhöhen (vgl. Selbstbedienung, Ethik).


 

Kraus
Karl K. (1874-1936), österreichischer Publizist, war nach Martin Luther der bedeutendste Sprachlehrer der Deutschen. Mit seiner schonungslos vertretenen These, daß die Verlotterung der Sprache Ausdruck der Korrumpiertheit und Unwahrhaftigkeit der Sprecher sei, ist er nach hundert Jahren mehr denn je aktuell. In der von ihm 1899-1936 herausgegebenen satirisch-kritischen Zeitschrift „Die Fackel“, deren alleiniger Autor er ab 1912 war, hat er die Erfahrung von C.F.D. Schubart nachgelebt und mir meine vorgelebt, daß die Mächtigen sich durch einen Kritiker nicht abhalten lassen von ihren Gaunereien (vgl. Netzine).

 Illustration:
 Guntram Erbe,
 Hilpoltstein


 
Kreativität
In allen Schöpfungsgeschichten der Menschheit das gleiche Desaster: Die erstaunliche K. des jeweiligen Schöpfers führte zu Mord und Totschlag. Dennoch wird K. heute irrtümlich als ein Wert an sich gesehen. Dabei gehört K. – außer bei Künstlern – in unseren auf größtmögliche Nutzung der Manpower ausgerichteten Gesellschaften zu der Gruppe der schnöden Brauchbarkeitskriterien (wie Zuverlässigkeit, Pünktlichkeit usw.), ist also nicht mehr als ein Blechorden, den man einem Dummen an die Brust heftet (vgl. Künstler, Relativität).
 Illustration: 
 Vangelis Pavlidis, Rhodos


Kreuz
Als das vierfüßige Urviech Mensch sich zum aufrechten Gang erhoben hat und bald darauf auch noch zur sitzenden Arbeit niedergelassen, hat es sich das Rückgrat zum Kreuz gemacht, an das es zeitlebens genagelt ist (vgl. Evolution).



Krieg
Der K. ist im menschlichen Zusammenleben das Gegenteil von einer  Ausnahmesituation, so vielfältig wie er ausgebildet ist, vom Mobbing und täglichen Kleinkrieg bis hin zum Totalen K. Historiker und andere weisen darauf hin, daß Kriege - wie alles - neben Nachteilen auch Vorteile haben. Denn Kriege schaffen neue Reiche. Leider immer auf Kosten der Armen (vgl.: Menschlichkeit, Mobbing, Trauer, Gehirn, Menschenverachtung). 

 Illustration: 
 Vangelis Pavlidis, Rhodos

Krimi
Der K. ist der Rennwagen der Literatur, aufregend aufgemotzt, aber zu nichts nütze, von einem gefahren, der nichts anderes kann als fahren und nur darauf aus ist, an ein Ziel zu kommen, das kein Ziel ist (vgl. Belanglosigkeit, Heldentum, Nervenkitzel).

Kriminalität
Das Bild vom Räuber Hotzenplotz muß revidiert werden. Die großen Verbrecher kommen statt mit Stiefeln und Augenklappe heute mit Mercedes und Seidenkrawatte daher. Und den Alltag machen die kleinen Verbrecher gefährlich. Kinder und Jugendliche, die für Kleingeld oder begehrte Markenartikel jederzeit bereit sind, die tödlichen Schläge und Tritte einzusetzen, die sie ihren Film- und Fernsehhelden abgeguckt haben. Die Politiker behelfen sich mit Augenklappen, beidseitig (vgl. Politiker, Ignoranz, Umweltkriminalität, Verantwortung).

Krise
Umgangssprachlich was Schlechtes, nämlich eine starke Störung; medizinisch was Gutes, nämlich die dramatische Situation, in der eine Krankheit schnell und vollständig in Genesung übergeht oder die Erlösung vom Leiden bringt. Diese Dreideutigkeit macht alles Krisengerede zu Makulatur (vgl. Sprache).

Kritiker
Kein Lehrberuf. Man wird K., wenn man die Begeisterung für eine Kunstsparte spürt,  mit seiner angeborenen Kreativität aber keine großen Sprünge machen kann. Dann mißbraucht man einfach fremde Kunstfertigkeit als Trampolin, auf dem man seine kleinen Sprünge vorführt (vgl. Hund, Leerberuf). 

Küche, feine
Oberbegriff für alles, womit der Mensch die Banalität seiner Abhängigkeit von Nahrungsaufnahme zu einem Kult macht. Die Verschiedenheit von Land zu Land wird besonders herausgestellt, weil sie marginal ist und früher von der jeweiligen Verfügbarkeit bestimmter Waren abhängig war (vgl. Grundbedürfnisse, Kultur).

Kümmeltürke
So bezeichnete man Ende des 18. Jahrhunderts einen Studenten aus der Gegend von Halle, weil dort viel Kümmel angebaut und die Landschaft scherzhaft Kümmeltürkei genannt wurde; dabei stand das Wort Türkei für Orient, woher Gewürze meist kamen. Als das niemand mehr wußte, wurde das Wort K. zu einem allgemeinen Schimpfwort. Dahinter steckt vermutlich noch ein altes Feindbild: Die osmanischen Türken wurden viele Jahrhunderte lang als die größte Bedrohung für das Abendland angesehen. Wer heute einen Türken K. nennt, ist mehr als das (vgl. Hohlkopf).


 
Künstler
K. sind diejenigen, die am meisten für ihre Gesellschaft tun und am wenigsten dafür bekommen. Was sie scheitern oder zu Lebenskünstlern werden läßt. Dabei wird das Überleben zu ihrem eigentlichen Kunstwerk. Diese Definition gilt aber nur für die kreativen K., und auch für die nur solange, wie sie noch nicht lediglich eine Masche vermarkten wie Christo oder Uecker. Sie gilt nicht für reproduzierende K. wie Schauspieler und Musiker. Die notorisch schlechte Bezahlung des K.s hat ihre Berechtigung. Weil es dem K. immer nur darum geht, sein Ich rauszuhängen, tut er alles nur für sich selbst. Daß er damit gleichzeitig die kulturelle Entwicklung seiner Gesellschaft vorantreibt, ist das Musterbeispiel für die These, daß geschickt eingesetzter Eigennutz zu Gemeinnutz führen kann. Diesen Nebeneffekt-Gemeinnutz honoriert die Gesellschaft statt mit schnödem Mammon mit Nachruhm in Form von Straßenbenennungen und dgl. sowie nach einer gewissen Schonfrist mit der Enteignung und Vergesellschaftung seines Werkes (vgl.: Gemeinnutz, Eigennutz, Geld, Urheberrechtsschutz).

  Illustration: 
  Egon Könn, Ketsch bei Heidelberg

Kuh
Das wichtigste Haustier des Menschen. Die K. ist der Menschin so ähnlich, daß sie in den verschiedenen Ecken der Welt genauso verschieden behandelt wird wie die Menschin. Für den Argentinier steht das Machogefühl im Vordergrund, weshalb er sie nur gierig verschlingen kann, wenn er sie nicht auf Eis legt und abschiebt. Für den Inder ist sie etwas, womit man nichts anfangen kann. Der Europäer in seinem Gleichmacherwahn zwingt die Kuh, sich zum Allesfresser zu emanzipieren (vgl. Fleischeslust).

Kultivierung
K. ist der bewußte Verstoß gegen das Natürliche. Bestes Beispiel: Die Einehe, die von der Natur nicht vorgesehen ist, wie die allmonatliche Unterbrechung der Empfangsbereitschaft der Frau zeigt, der keine Pause im Sexualtrieb des Mannes entspricht (vgl. Einehe, Rücksicht, Vielweiberei).

Kultur
Es ist genauso einseitig, sein Opernabonnement mit K. gleichzusetzen wie seinen Toilettenbeutel. Andererseits ist es unsinnig, die Kunst aus dem Bereich der K. herauszunehmen, wie es die Leute tun, die von „Kunst und K.“ schwätzen. Die K. ist als Begriff so umfangreich, wie sie beim einzelnen Menschen sparsam in Erscheinung zu treten pflegt. K. ist all das, was nicht mehr Natur, aber auch noch nicht bloße Zivilisation ist (Definition, Kunst, Zivilisation).


Kunstgenuß
Die Künste sind von unterschiedlichem Gewicht. Entsprechend unterschiedlich ist der Kraftakt, der zum K. führt. Anders als Literatur kann man Bilder, Bauwerke, Musik, Tänze, Filme und dergleichen Kunstwerke einfach anschauen oder anhören und so genießen, ohne sich zu verheben. Und wenn man sich ein paar Namen von Künstlern merkt, auch ein paar Kategorien und Geschichtsdaten, kann man sogar den Kenner mimen. Bei Literatur dagegen bringt das bloße Anschauen nichts. Ein Buch kaufen und nicht lesen erst recht nicht. Um bei Literatur einen K. zu haben, muß man mitdenken, nachdenken, weiterdenken – und verstehen ( vgl. Kunstbanause, Bildung).

  Illustration: 
  Simone Schmidt, Mannheim


Kurschatten
Ein Kreislauftonikum, ärztlich empfohlen. Die klitzekleine Nascherei an den tausend Möglichkeiten, auf die man für eine einzige Wirklichkeit verzichtet hat (vgl. Lebenskunst).
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Copyright sowie verantwortlich für Inhalt und Redaktion:
Walter Laufenberg