Jargon
Was die Franzosen als unverständliches
Gemurmel bezeichnen – die Sprache bestimmter sozialer Schichten oder einer
wissenschaftlichen Disziplin - , kann so wertvoll wie gefährlich sein.
Wer den J. einer Gruppe beherrscht, kann sich schon allein damit als dazugehörend
einschleichen, wer ihn nicht beherrscht, verrät sich als nicht dazugehörend
(vgl. Bildung,
Bluff). |
Illustration: Guntram Erbe,
Hilpoltstein |
Jeder
Immer daran denken und trotzdem die Nerven
behalten: J. ist für sich selbst der Mittelpunkt des gesamten Universums.
Nichts Wichtigeres gibt es für ihn als ihn selbst (vgl. Warnung).
Jerusalem
Die Stadt wird oft als Welthauptstadt des
Monotheismus bezeichnet. Dabei wird dort mindestens fünf verschiedenen
Gottesvorstellungen gehuldigt, von dem Gott Mammon mal ganz abgesehen (vgl.
Monotheismus).
Jesus
Der weltweit bekannteste Jude. Nach jüdischer
Deutung der uneheliche Sohn einer Jüdin und eines römischen Besatzungssoldaten,
als Unruhestifter hingerichtet. Nach christlicher Deutung der von einer
Jungfrau geborene Sohn Gottes und Gründer ihrer Religion und Kirche,
schuldlos am Kreuze gestorben, jedoch nach drei Tagen auferstanden und
in den Himmel aufgefahren. Auch nach muslimischer Deutung von einer Jungfrau
geboren, aber als der Geist Gottes, der letzte in der langen Reihe der Propheten
vor dem Propheten Mohammed. Alles möglich, obwohl man nicht weiß,
ob es diesen J. überhaupt gegeben hat. Gibt es doch keinen einzigen
außerbiblichen Hinweis auf seine Existenz. So ist man aufs Glauben
angewiesen. Natürlich hat die phantastischste der drei Deutungen weltweit
die meisten Anhänger gefunden (vgl. Glauben,Religiosität).
Journaille
Das vom franz. Wort für „Tag“ abgeleitete Fremdwort J. dient
als Sammelbezeichnung für alles, was sich mit den Ereignissen des Tages
beschäftigt und von Journalisten gemacht wird, also die gesamte Presse
und weite Bereiche von Funk und Fernsehen. Das Wort J. hat einen mehr negativen
als positiven Klang. Es erkennt zwar die atemlose Bemühung um die
Aktualität an, geißelt aber die zwangsläufige Oberflächlichkeit
und Fehlerhaftigkeit dieser Dienstleistung, die den Zeitgenossen trotzdem
unverzichtbar erscheint (vgl. Bildung, Journalist,
Kommerz).
Juckreiz
Für wen die Liebe ein bloßer Juckreiz
ist, der hat viele Möglichkeiten, sie voller Lust zu empfinden. Unser
Nervensystem ist so allumfassend, daß wir sogar das Jucken am Ellbogen
oder an der kleinen Zehe als Lust empfinden können – wenn wir nur bescheiden
genug sind (vgl. Liebe,
Lust).
Jugendlichkeit
Ein modernes, von den Medien absichtsvoll
unterstütztes Vorurteil ist, J. sei etwas Positives. In Wahrheit ist
J. die bloße Möglichkeit, ein Mensch zu werden; dagegen ist
die Erfahrung des Alters eine Wirklichkeit. Leuten, die ihre J. überbetonen,
sagt man: Mach dir nichts draus, das gibt sich (vgl. Dummheit).
Jugendlichkeitswahn
Was bei Lehrern anfing, die sich den
Schulkindern anbiederten, indem sie sich spätpubertär gaben,
hat in Mode und Sport bereits zu mancher Kindesmißhandlung geführt.
Jetzt hat der J. den Literaturbetrieb erreicht. Jung, jünger am jüngsten
sind literarische Kriterien geworden. Dabei weiß jeder: Der Mensch
wird dumm geboren und ist ein Leben lang gezwungen, mühsam dazuzulernen.
Doch nur das Nobelpreiskomitee in Stockholm kennt noch die echte Bewertungsskala
für Schriftsteller: alt, älter, am gescheitesten (vgl. Literaturkritik,
Rezensent). |
Illustration:
Guntram Erbe,
Hilpoltstein
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Jugendstil
Beim Wechsel vom 19. zum 20. Jahrhundert aufgekommene
Kunstrichtung mit der Betonung floraler oder geometrischer Elemente, die
ein neues Lebensgefühl ausdrückte: Natürlichkeit im Denken
und Handeln, in der Kleidung und im Wohnen (von Germanenkult,
Reformkost und Wandervogelbewegung bis zur Nacktkörperkultur und Bauernromantisierung).
Die erste Entartung, nämlich Arierwahn und Blut-und-Boden-Kult, haben
wir überwunden, die zweite erleben wir gerade (vgl. Jugendlichkeitswahn, Körperkultur).
Jung
J. sein heißt heute, modische Ansprüche
zu haben, was das Styling der diversen unvermeidlichen Prothesen betrifft,
geschmäcklerisch vor allem bei Zahnersatz, Brille, Haarteil, Auto,
Rückenstütze, Gesundheitsmatratze, Fernsehsessel, Hörgerät
und Luftpolsterschuh, und sich noch sehr zu langweilen beim Warten auf die
Verrentung (vgl. Prothetik).
Jungfrauengeburt
Soll Jesus passiert sein. In vielen Kulturen gibt es für einzelne
Spitzentypen die Vorstellung einer Geburt ohne vorhergehende geschlechtliche
Zeugung, so bei den Pharaonen angenommen, auch bei Buddha sowie Dionysos,
der Pallas Athene und der Aphrodite und vielen anderen in anderen Mythologien
sowie bei Alexander dem Großen. Das macht outstanding, wie die Werbesprache
diese Deklarierung eines Produkts nennt. Ist zwar kaum zu glauben, aber
nicht ganz unwahrscheinlich, weil es die J. bei etwa 40 Arten von Wirbeltieren
gibt. Dazu gehört sogar das größte Landreptil, der indonesische
Komdo-Drache. Was unsere Chromosomen-Vorstellung total verwirrt: In Jungfernzeugung
brüten die Weibchen auch männliche Sprößlinge aus,
obwohl die doch völlig überflüssig sind. Mach dir nichts draus,
Mann (vgl. Emanzipation, Macho).
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