Laufenbergs Laester-Lexikon
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Stichwortverzeichnis


Fachleute
F. sind bloß brauchbar, wenn sie ordentlich in ihren Fächern abgelegt sind, bei Bedarf einfach aufzuziehen. Andernfalls sind sie nur im Weg (vgl. Fachidioten, Wissenschaft).

Fachliteratur
Die F. zeichnet sich in erster Linie durch das sprachliche Unvermögen ihrer Autoren aus. Was dazu führt, daß man stets mehrere Fachbücher über dasselbe Wissensgebiet zu Rate ziehen muß, wenn man eine bestimmte Frage fachlich und umfassend beantwortet haben will. Im Extrem gilt das für die Computerliteratur, bei der Autoren und Verleger in dem Ehrgeiz wetteifern, Fragen offenzulassen. Dementsprechend imponierend wächst der Umfang der Computerliteratur in den Buchhandlungen. Was von Statistikern zur Untermauerung der Behauptung herangezogen wird, daß der Computer das Buch nicht verdrängt (vgl. Fachidiot, Computer). 

Fakir
Ein islamischer oder hinduistischer Asket, der sich zum Zwecke der Konzentration auf Gott und der Befreiung von aller Sinnlichkeit härteste Selbstkasteiungen auferlegt, beispielsweise das Liegen auf dem Nagelbrett oder das Schreiten über glühende Kohlen. Selbst wenn das Gags aus der Trickkiste sind, gut gemeint, denn Show gehört zu allen religiösen Praktiken (vgl. Religion).

Faktenwissen
Nicht zufällig ist das Abfragen von F. in Fernseh-Shows mit hohen Gewinnchancen  so beliebt. Diese Sendungen sind billig zu produzieren, zumal große Gewinne von der Versicherung getragen werden. Und das Publikum genießt die Bloßstellung der Kandidaten und fühlt sich in der irrigen Meinung bestätigt, F. sei schon Bildung (vgl. Bildung, Mumpitz, Urteilsvermögen).

Familie
Traditionell besonders geschätzter Kreis der engsten Verwandtschaft, weil man die nächsten Blutsverwandten als einem selbst ähnlich und deswegen besonders zuverlässig ansah. Doch haben negative Erfahrungen dem Begriff für manche einen so eindeutig negativen Anstrich gegeben, daß man heute schon bei Mafia-Organisationen von der F. spricht (vgl. Nepotismus, Vorurteil). 


 
Feedback
Englische Bezeichnung für Rückwirkung oder Rückkopplung. Typisches Beispiel ist die Chartanalyse bei Aktienkursen. Was an sich eine grafische Spielerei ohne jeden Sinn ist, zeigt in der Praxis Rückwirkungen auf die Aktienkurse, weil so viele Anleger an Chartanalysen glauben (vgl. Meinungsforschung).

 

Illustration:
Guntram Erbe, Hilpoltstein

Fehler
Wehr dich, wenn dir einer an den Kopf wirft: Jeder hat seine F.; denn das ist Quatsch. Ein F. ist eine Abweichung von einer Norm. Da es aber für Menschen keine Normen gibt, darf ich mit Fug und Recht sagen: Ich habe  keine F., allenfalls Eigenarten (vgl. Ich-Instinkt, Persönlichkeit).

Feind
Ein F. ist oft noch wichtiger für das eigene Ich als ein Freund. Das heißt, wer ernsthaft darangeht, seinen F. zu vernichten, setzt das Messer zur Selbstamputation an (vgl. Grundbedürfnisse).

Feindesinfektionsmittel
Ist im Handel erhältlich, ohne Waffenschein. Hat ja auch nichts mit den biologischen Waffen zu tun, die in vielen Ländern entwickelt werden, um im Kriegsfall den Feind durch Krankheit ausschalten zu können und dabei sein teures Kriegsgerät sowie sämtliche Gebäude unzerstört zu erbeuten. Es handelt sich bloß um ein besonders fein arbeitendes Desinfektionsmittel (vgl. Krieg, Politik). 

 
 


 Illustration:
 Guntram Erbe, Hilpoltstein

Fernsehen
Das F. könnte die Erfüllung eines der großen atavistischen Wunschträume der Menschheit sein, nämlich dort dabeizusein, wo man gerade nicht ist. Doch haben die Technik mit ihrer Schwerfälligkeit und unsinnige Perfektionsansprüche die Live-Sendung, das Charakteristikum des Fernsehens, so weit in den Hintergrund gedrängt, daß man das heutige Fernsehen als bloße Miniaturausgabe von Kino und Theater bezeichnen kann. Daß es nach rund sechzig Jahren Bestehen immer noch eine Einbahnstraße vom großen Mund und der großen Geste hin zu dem kleinen Ohr und dem kleinen Auge ist, läßt es in einer Zeit, die auf Interaktivität Wert legt, zur Belanglosigkeit werden (vgl.: Hohlkopf, Depravation). 

Fernseher
Instrument zur Vermeidung realer Begegnungen mit anderen Menschen und ihren meist sehr störenden Eigenarten. Sagten die Staatsführer früher: Jeder soll nach seiner Fasson selig werden, womit die Religion gemeint war, so sagen die Herrschenden heute: Jeder soll mit seinem Bier und Knabberkram vor der Mattscheibe selig werden, bis er völlig aus der Fasson gerät. Hauptsache war und ist: Der Bürger stört die Kreise der Herren nicht (vgl. Ablenkungsmanöver). 

Fiktion
Gegenstück zur Realität. Gelegentlich kann sich F. materialisieren, dann entsteht aus Kunst Kitsch, beispielsweise das Sherlock-Holmes-Haus in der Londoner Baker Street 221 b, das nach den Romanen von Arthur Conan Doyle eingerichtet wurde, oder die Burg Lichtenstein, die dem Roman Wilhelm Hauffs nachgebaut wurde (vgl. Bescheidenheit). 

Filmförderung
Deutschland ist das tollste Filmland. Es fördert aus öffentlichen Händen den neuen deutschen Film mit Kleingeld und prohibitiven Antragsbedingungen, während die deutschen privaten Moneymaker über Abschreibungsfonds Hollywood im großen Maßstab finanzieren, zu Lasten der deutschen Steuereinnahmen und zu Gunsten der amerikanischen Schauspieler, die für ihr Grimassieren und Lispeln Traumgagen kassieren (vgl. Bürokratie, Deppen, Lobby, Schauspieler).

Flagge
Ein fundamentaler Unterschied, der Zeitungsschreibern nicht beizubringen ist: Eine F. ist das Hoheitszeichen eines Staates oder einer sonstigen Gebietskörperschaft. Das einzelne Stück Stoff hat keinen besonderen Wert, sondern ist durch jedes gleichartige Stück Stoff ersetzbar; um so höher aber ist sein Symbolwert, dessen Verletzung durch besondere Strafgesetze geahndet wird. Im Gegensatz dazu ist eine Fahne stets ein Einzelstück von eigenem Wert, nicht ohne weiteres ersetzbar (Vereinsfahne, Regimentsfahne). Weder F. noch Fahne sind die in der Schiffahrt gebräuchlichen sogenannten Signalflaggen und die Alkoholfahne (vgl. Bildungsnotstand, Journaille).

Fleischeslust
Altertümelnder Ausdruck mit reizvollem Doppelsinn für Freuden, die den Menschen Ende des 20. Jahrhunderts vergangen sind (vgl. Verkehrte Welt).

Fotografie
Ein absurdes Verfahren zum Festhalten dessen, was niemals so bleibt wie gerade gesehen, dessen Wirkungen z. T. verheerend sind. So wäre ohne die F. der Massentourismus längst überwunden, weil niemand mehr scharf darauf  wäre, überall herumzureisen, wenn er nicht die Möglichkeit hätte, das im Vorbeisausen Geknipste sich zuhause in Ruhe und mehr oder weniger Unschärfe anzuschauen (vgl. Müll)

Frau
Nur scheinbar die Weichform des Menschen. Mildert zwar jeden harten Aufprall ab, ist aber besonders hart im Arbeiten wie in allem anderen Leiden (vgl. Lustobjekt, Pascha).

Frauenforschung
Die sogen. feministische Wissenschaft geht bewußt von typisch weiblichen Bedürfnissen und Sichtweisen aus, um so neue Erkenntnisse zu gewinnen. Daß dabei die Frage aller Fragen laute: Wie sehe ich heute aus? Ist eine noch unbewiesene Behauptung von Macho-Wissenschaftlern (vgl. Emanzipation, Frau, Frauenkunst, Ich).

Frauenhaus
Im Mittelalter selbst in der kleinsten Stadt der gesellige Treffpunkt, an dem edle wie einfache Männer jeglichen Alters sich mit den Hübscherinnen, den sogenannten gemeinen Frauen, vergnügten. Der Begriff Bordell kam erst später auf, ebenso der schlechte Ruf solcher Häuser. Und in der Neuzeit wurde das F. zum Asyl für Frauen, die vor der Gewalttätigkeit ihrer Männer flohen (vgl. Bedeutungswandel, Dekadenz, Zuhälter).

Frauenstimmrecht
Weil nach christlicher Vorstellung die Frau dem Mann zu gehorchen hat, haben die westlichen Demokratien beschämend lange gebraucht, bis sie auch die Frauen als Wähler akzeptierten. Schon Ende des 18. Jahrhunderts begann in England der Aufstand gegen männliche Borniertheit, in den USA wurde das Thema Anfang des 19. Jahrhunderts heiß. Viele Frauen ernteten Prügel und Verhaftungen. Erste Erfolge gab es 1890 in einigen Staaten der USA, in Südaustralien und Neuseeland. Die anderen Staaten folgten zögerlich. In der Schweiz hat das System der direkten Demokratie dafür gesorgt, daß die Frauen erst 1971 stimmberechtigt wurden. Noch länger zeigten sich die Männer in Liechtenstein verstockt, nämlich bis 1984 (vgl. Demokratie, Emanzipation, Suffragetten, Wahlrecht).

Freiheit
Das Wort F. ist soviel mißbraucht worden, wir sind soviel mit F. verarscht worden, daß wir endlich so ehrlich sein sollten uns einzugestehen: F. ist immer nur teilweise. Nicht nur, daß sie ihre Grenzen in der F. der anderen findet, sie ist auch eingeschränkt von tausend Sitten und Gesetzen. Ein prächtiger Ballon, aus dem schon so viel Gas rausgelassen wurde, daß er ganz klein wurde und kaum noch Auftrieb hat. Aber nur dadurch können auch die kleinen Leute ihn erhaschen (vgl. Ideal, Realitätsverlust).
 


Freikörperkultur (FKK) 
 

Was so mutig schien, entpuppte sich als ein übler Reinfall. Denn mit der Aufhebung des Nacktheitstabus verschwand der ganze Reiz des geschickten Hautfreilegens. Und der Versuch, als Ersatz für diesen Verlust die Sonnenbegeisterung und den Natürlichkeitswahn zu kultivieren, geriet zu einem sektiererischen Krampf (vgl. Dummheit, Mode, Sünde).
 


Illustration:
Jürgen Frey, Mannheim

Fremdgehen
Das F. ist so ungeheuer reizvoll, weil uns alles Fremde reizt. Es sollte aber nicht so wichtig genommen werden, weil die Fremdheit bekanntlich sehr schnell der Bekanntheit weicht – mit der üblichen Folge, dem F. (vgl. Treue, Wahn).

Fremdsprache
Recht praktisch für die Verständigung mit Ausländern. Man darf nur nicht glauben, daß die Beherrschung einer F. schon Bildung sei. Eine F. ist ein bloßes Hilfsmittel wie Computer, Führerschein und  Brille. Ob ich aber daneben auch so was wie den Segelschein, den Freischwimmerschein, den Jagdschein und den Pilotenschein brauche, ist mehr als zweifelhaft. Dann hätte ich gleich Dolmetscher werden sollen, d. h. nichts als Zungen im Kopf. Denn wichtig ist, was man zu sagen hat, und nicht, daß man in mehreren Sprachen was sagen kann (vgl. Bildung, Domestikentugend).

Freude
Am Anfang unseres Lebens ist es der Teddybär, der uns Freude macht, am Ende ein Eichhörnchen oder der Hund. Was für ein Leben, wenn dazwischen nichts Gehaltvolleres steht (vgl. Zufriedenheit).


 
Frieden 

Der F. ist ein Phantom, ja, unser Lieblingsphantom. Wir sprechen so gern über ihn, weil er uns so fremd ist. Denn der Mensch ist nun mal kein friedliches Wesen. Was immer einer für sich anstrebt - und wir streben ja ständig nach etwas -, er nützt dazu andere aus, mißbraucht sie schamlos oder beraubt sie oder nimmt es zumindest achselzuckend hin, daß er ihnen oder seiner Gesellschaft oder der Umwelt, der Natur Schaden zufügt. Shalom! (vgl. Ich, Politiker). 


Illustration:
Georg Bischof, Mannheim

Friedensnobelpreis
Einer der fünf  von Alfred Nobel gestifteten Nobelpreise. Meist nur eine  Unterstützung und Ermunterung bei dem Versuch, Frieden zu schaffen, z. B. der F. von 1994 für Shimon Peres, Yitzhak Rabin und Jasir Arafat oder der F. von 2001 für die Vereinten Nationen und ihren Generalsekretär Kofi Annan, statt ein Preis für erfolgreich geschaffenen Frieden, wie der F. von 1978 für Menachem Begin und Anwar as-Sadat. Deshalb hätte auch Jesus von Nazareth den F. bekommen können, wenn er nicht gut 1900 Jahre zu früh auf die Welt gekommen wäre (vgl. Frieden, Nobelpreis).

Frisur
F. ist die Gestaltung des Haarwuschels auf dem Kopf, die den Menschen um so wichtiger ist, 
je weniger sie im Kopf haben (vgl. Körperkultur).

Frust
Eine typische F.-Situation ist, wenn auch eine der angenehmsten, wenn ein Mann an den Knospen einer schönen Weiberbrust saugt, und nichts kommt dabei heraus (vgl. Illusion).

Fundamentalismus
Eine zunächst im Islam, dann auch in seinen Vorläuferreligionen aufgetretene Tendenz zur Radikalisierung des Glaubens. Die Gegenbewegung zu 250 Jahren Aufklärung und der Einsicht, daß alles Leben nicht mehr als ein Blubbern der Materie ist, in höher entwickelten Formen lustgesteuert und beim Menschen sogar weitgehend bewußt, doch generell ohne Sinn und Heilserwartung. Absurderweise wirkt die Art, in der Fundamentalisten mit dem Leben umgehen, mit fremdem und dem eigenen,  wie eine Bestätigung dieses materialistischen Standpunkts (vgl. Religion,Sinn).
 

Fußballweltmeisterschaft
Eine F. ist die bloße Fiktion eines friedlichen Kampfes von Ländern gegeneinander. Trotz der Flaggen und Nationalhymnen ist es völlig gleichgültig, wo ein Spieler geboren wurde, wo er wohnt und für welchen Verein er spielt. Beispielsweise können Spieler von Inter Mailand oder Real Madrid genauso für die Niederlande antreten wie Leute von den Molukken oder Brasilianer. Das ist die endgültige Überwindung des Nationalstaats mit anderen Mitteln. Wer noch nicht heisergebrüllt ist, sollte in Bravorufe ausbrechen. Die zu den Spielen anrückenden Horden von Hooligans dagegen sind noch in der Wolle gefärbte echte Angehörige der einzelnen Länder und deshalb mehr ernstzunehmen als die Spieler (vgl.: Sport, Kommerz). 
 

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Walter Laufenberg