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So schön war die Insel

So schön war die Insel

von Walter Laufenberg

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ISBN

3-928254-01-4

Kategorie

Tatsachenroman

Umfang

323 Seiten, Leinen gebunden

Verlag

Oberbaumverlag Berlin 2000

Preis

21,47 €

Vergriffen. Einzelne verlagsfrische Exemplare noch über den Autor zu beziehen, für 17,- E

Review

Der Roman einer Staatskanzlei. Ein Buch, das die kuriose Situation West-Berlins, teilweise auch Ost-Berlins, in den letzten Jahren vor dem Fall der Mauer schildert. Der Roman einer Idylle, der inzwischen immer mehr Menschen nachtrauern.

Der uralte literarische Stoff “Orpheus in der Unterwelt” erfährt hier seine moderne Metamorphose, wird zur Realsatire: Dem Dr. Orpheus Schmitt, einem Möchtegem-Dichter, kündigt seine Frau die Liebe auf und zwingt ihn damit, sich endlich eine feste Stelle zu suchen. Er findet sie in einer fernen und ihm fremden Welt. Denn es öffnen sich ihm die Pforten des Rathauses Schöneberg. Dort, in der Regierungszentrale des Landes Berlin, ist der Platz, wo er sich bewähren muß, um seine Frau wiederzugewinnen.

Schmitt erlebt eine Staatskanzlei, in der es nur selten um konkrete Inhalte geht. Imagekampagnen sollen eine besondere Bedeutung West-Berlins herausstellen, die es nicht hat. Alte Einigungsformeln werden nachgebetet, an die längst keiner mehr glaubt. Die Wirkung der PR-Arbeit auf die Parteizentrale in Bonn ist wichtiger als der Überzeugungseffekt für die Bürger. Und zu hoher Blutdruck ist in. Schmitt lernt schnell. Und er genießt das Leben auf der Insel der Seligen, mitten im roten Meer des Sozialismus. Als seine Frau den Kontakt zu dem Insulaner wiederaufnimmt, weil er gutes Geld verdient, also ein brauchbarer Mensch zu werden scheint, verdirbt er sich alles durch den Blick zurück auf das, was er einmal war. Die Strafe ist fürchterlich.

Ungewöhnlich ist das Zustandekommen dieses Tatsachenromans: Um dem ewigen Vorwurf, die deutschen Autoren erlebten nichts, die Spitze zu nehmen, hat der Schriftsteller Walter Laufenberg sich Anfang der Achtziger Jahre in Berlin in die Pflicht nehmen lassen. Als der Werbe- und Public-Relations-Direktor des Regierenden Bürgermeisters Richard von Weizsäcker. Und das als Parteiloser.

Jetzt, nachdem von Weizsäcker aus der aktiven Politik ausgeschieden ist, kann Laufenberg diese authentische Schilderung des Lebens und Treibens in einer bundesdeutschen Regierungszentrale veröffentlichen. Als einen Roman, der das fast schon vergessene Berlin mit Mauer wiederbelebt, die geteilte ehemalige Hauptstadt. Ein gesamtdeutscher Roman. Und nicht nur eine große Wallraffiade, vielmehr ein moderner Gesellschaftsroman, höchst informativ und zum Lachen – für den, der da noch lachen kann.

Besprechung in „Der Schlaraffia Zeyttungen“ vom 17. April 2000:

Wie jedes ordentliche Buch hat auch dieses einen „roten Faden“. Walter Laufenberg entschied sich für die Nasen der handelnden „Insulaner“, die ein treffliches Sortierkriterium, bisweilen gar ein frappierendes Psychogramm ihrer Träger liefern. Ansonsten folgt dieser im Wortsinne „Tatsachenroman“ weniger der Nase als der altgriechischen Sage von Orpheus und Eurydike, die hier eine realsatirische Metamorphose erfährt. Dem Dr. Orpheus Schmitt „mit Doppeltee“ – im Selbstverständnis schriftstellernder Lebenskünstler – kündigt seine Frau Beate die Liebe auf und zwingt ihn so in eine feste Stelle auf der „Insel“: dem Berlin in den Jahren vor dem Fall der Mauer.

Unversehens findet er sich mitten im Machtzentrum des Stadtstaates wieder, in dem Provinzialität aus allen Nüstern dampft. Kaum ist Orpheus mit Direktortitel und –salär etabliert, nistet sich Beate-Eurydike wieder in seinem nun materiell abgesicherten neuen Leben ein. Ohne begreifen zu wollen oder zu können, daß eben diese Verwandlung in einen „brauchbaren“, aber unfreien Menschen seine künstlerische Substanz zerstört. Als Orpheus den eigentlich verbotenen Blick zurück wagt und sich gegen die Domestizierung auflehnt, entschwindet Beate wieder in den Hades spießbürgerlichen Sicherheitsstrebens und läßt ihn erneut sitzen.

Den leicht identifizierbaren damaligen Politstrategen Berlins hält das amüsant geschriebene Buch einen Spiegel vor – es ist aber auch ein scharf sezierendes Tagebuch der Ausbeutung des Bürgers durch Politik und Bürokratie wie des „dressierten“ Mannes durch die Frau. So bietet es ungeteiltes Lesevergnügen, zumal der Autor bei aller Sprachgewalt nie jene selbstironische Distanz verliert, mit der er den unmerklich mit dem Autor-Ego verflochtenen Erzähler beobachten und handeln läßt. (Dr. Franz Janssen)