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Goethe und die Bajadere

Goethe und die Bajadere

von Walter Laufenberg

Umfang

288 Seiten, gebunden

Preis

18,90 €

Review

Das Geheimnis des West-östlichen Diwans”

Goethes Romanze mit Marianne Willemer

Und das sagt dazu der Herbig-Verlag in München:

Goethe? – Nur noch als Stichwortgeber für Festreden brauchbar. So das gängige Vorurteil, Ergebnis der Heroisierung Goethes, die mehr als zweihundert Jahre lang betrieben wurde. Höchste Zeit deshalb, daß der zum Übermenschen Hochstilisierte wieder auf menschliches
Maß zurückgestutzt wird.

Walter Laufenberg, als Erzähler so bekannt für Belesenheit wie Respektlosigkeit, schildert hier seine Annäherung an Goethe. Er sah sich herausgefordert von der geheimnisumwitterten Romanze des alternden Dichters mit der 35 Jahre jüngeren Marianne, der Frau seines
Freundes Willemer. So hat er sich auf die Fährte der beiden Liebenden begeben. Ein abenteuerliches Hin und Her in deutschen Landen. Dabei mußte er zu seiner Überraschung feststellen, daß längst nicht alles so ist, wie man zu lesen, zu hören und zu sehen bekommt.

Laufenbergs Fazit: Selbst bei einem von der Wissenschaft scheinbar total ausgeleuchteten und vermessenen Menschen wie Goethe lohnt ein genaueres Hinschauen, lohnt es vor allem, Mut zum eigenen Urteil zu haben. Für die Leserinnen und Leser bedeutet das: Sie erleben eines der erregendsten und am wenigsten bekannten Liebesabenteuer der Geschichte mit.
Nachempfunden und nacherzählt anhand der Schriften der beiden Liebenden und der Zeugnisse von Zeitgenossen. Nicht nur das Ergebnis der Liebe zwischen Wolfgang und Marianne, nämlich Goethes Buch “West-östlicher Diwan”, auch Laufenbergs Recherche ist ein West-Ost-Erlebnis. Es zeigt Goethe als immer noch wirksame Klammer, die die beiden sich gerade wiedervereinigenden Teile Deutschlands verbindet.

Laufenbergs locker-witziger, gelegentlich leicht ironisierender Erzählton wird auch Leser begeistern, die gemeinhin weder für den Olympier noch für Liebesromane Interesse aufbringen.

Martin Neubauer in seinem Buch “Frühere Verhältnisse – Geschichte und Geschichtsbewusstsein im Roman der Jahrtausendwende”, Wien 2007

Walter Laufenbergs “Goethe und die Bajadere” (1993) scheut nicht davor zurück, Goethes Liebe zu Marianne Willemer vordergründig zu aktualisieren – eine filmreife Love-Story, eine ostdeutsche-westdeutsche, allein aus dem Grund, weil sie sich zwischen Frankfurt und Weimar abspielt. Laufenberg operiert ähnlich wie die Biographien eines Kühn oder Rolf Schneider: Die Annäherung an den Gegenstand der Beschreibung erfolgt von der Gegenwart aus, in Form einer Reise – in diesem Fall durch die sich auflösende DDR zwischen August 1989 und März 1990. Mitgeliefert werden Beschreibungen all der Sonderbarkeiten, die das Land für den aus dem Westen Kommenden zu bieten hat. Gegenstand des Buches ist neben der Zeitbeschreibung auch die Methode selbst, nach der die Vergangenheit arrangiert wird – mit dem Anspruch, bestehende Forschungslücken zu schließen. Dazwischen eingestreut sind fiktionale Signale: die Anrede des Lesers ebenso wie Einblicke in Gedankengänge oder die Aufzeichnung der Gespräche zwischen Marianne und Goethe …

Und hier als Leseprobe der Anfang von “Goethe und die Bajadere”

Ein exotisch schriller Vogellaut, viel zu laut für die nachtverwöhnten Ohren. Und schon ist er voll da, der Minister Goethe. Pardon, nicht nur Minister, auch der berühmte Autor so bekannter Werke wie “Werther” und “Faust”. Und “Götz von Berlichingen” nicht zu vergessen. Der Dichter, der uns den meistzitierten Ausspruch der Literaturgeschichte geschenkt hat, er sitzt schon hellwach im Bett.
Womit sich das ominöse Zitat für den Augenblick erledigt hat.

Goethe dachte an diesem Morgen – es war Samstag, der 23. September des Jahres 1815 – weder an einen Kaiser noch an Krieg. Er dachte nur an eine Frau. An Marianne. Die Devise “Make love, not war” könnte glatt von Goethe sein. Nur daß man in seiner Zeit noch
nicht vom Liebe-”Machen” sprach. Damals war ja alles Zwischengeschlechtliche noch idealistisch überhöht, deshalb aber nicht
weniger erregend, nicht weniger verrückt und in jedem einzelnen Fall nicht weniger deutungsbedürftig als heute, wie wir sehen werden.

Die Frau, die Goethes ersten Gedanken knistern ließ, Marianne, war die junge Ehefrau eines alten Freundes, des Frankfurter Bankiers Johann Jakob Willemer. Goethe selbst hatte seinem Freund geraten, Marianne zu heiraten. Und hatte dann doch gleich sein Spielchen
mit ihr begonnen. Oder hatte nicht in Wahrheit sie das Spiel eröffnet? Jedenfalls war viel mehr daraus gerworden als eine Spielerei. Irgendwie kam der Begriff Liebe auf. Und nun war Goethe gerade ausgestiegen aus dem Liebesroulette, weil ihm der Einsatz zu hoch wurde. Sie hatte ihr Leben gesetzt, er hätte sein setzen müssen. Schluß, aus – und nichts wie weg! Nun glaubte er sich gerettet, nur
noch mit der schönen Erinnerung beschäftigt und damit, ein Buch daraus zu machen. Er sollte sich noch wundern.

Ein Blick auf die Taschenuhr, die auf dem Nachttisch liegt. Gerade erst sechs und schon so hell. Das wird wieder ein Morgen, so herrlich wie der gestrige, freut er sich. Soll er nur. Auch ich in Heidelberg, sagt er sich. Nicht zum ersten Mal. Und auch nicht zum letzten
Mal, hoffe ich. In diesem von allen Göttern gesegneten Landstrich mit seiner südlichen Sonne, in den ich mich hineinfallen
lassen möchte, verloren im vollen Menschenlelben.

Ja, wenn man wieder als der unbekannte Maler Jean Philippe Möller leben könnte, wie damals in Rom, als er vor der viel zu anstrengenden Hofdame Charlotte von Stein davongelauben war. Der Ahnherr aller modernen Aussteiger will mal wieder. Er denkt an Faustina, seine kleine römische Geliebte. Und uns bleibt nichts, als viel, sehr viel Verständnis zu haben. Hab ich. Und weil ich mir so
gut vorstellen kann, wie die Erinnerung an Faustina den alten Herrn begeistert, kann ich auch gleich für ihn formulieren:

Wenn man das noch einmal machen könnte, so einen Austausch des Lebens mit allem, was dieses dreiste Tauschgeschäft an Nebengewinn abwirft: Ungebundenheit, keine Verantwortung, tausend neue Möglichkeiten voller Übermut ergriffen, ohne lange zu fragen erlebt, erlebt ohne jedes Zaudern, ohne Erwägung dieser und jener Umstände, ohne alle Rücksichten, alle Vorsicht, ohne Reue auch, einfach gelebt, wenn man das noch einmal könnte, nur ein einziges Mal noch. Jedoch ich bin der Großherzoglich Sachsen-Weimarische Wirkliche Geheime Rat und Staatsminister Johann Wolfgang von Goethe, ja geadelt sogar, mußte einfach sein, und verheiratet zudem, mußte ebenfalls sein, aber auch geliebt und begehrt von einer gerade Dreißigjährigen: Marianne,
neunzehn Jahre jünger als meine Frau, meine Christiane.

Mehr energisch als behende springt er aus dem Bett. Wie um sich selbst zu unterbrechen. Ich sehe ihn vor mir, wie er den schweren Vorhang vom Fenster zurückreißt und sein Gesicht der Morgensonne bietet, wie ein Geschenk. Die Zelebrität präsentiert sich dem
Himmel. Eine alte Haut, faltig, lose und kratzig, stellt er erschrocken fest, wie er sich mit der Hand durchs Gesicht fährt. Zeit, das Waschwasser bringen und sich rasieren zu lassen. Er klingelt nach seinem Diener, der auch erstaunlich schnell kommt. Es folgt das übliche Zeremoniell des Waschens und Sichscherenlassens, des Ankleidens dann und des Frisiertwerdens. Alles normalerweise schon
lästig genug, heute aber geradezu eine Tortur. Goethe stellt sich schlechtgelaunt und brummig, um nicht sprechen zu müssen,
um auch kein belangloses Gerede an sich herankommen zu lassen. Nur schnell fertig werden! Nur raus! Nicht einmal die Zeit fürs erste Frühstück nimmt er sich. Weil er es nicht mehr abwarten kann, das gastliche Haus der Brüder Boisserée und ihres Freundes Bertram
möglichst unbemerkt zu verlassen, den Berg dort drüben hinaufzustürmen, durch den Garten von Professor Thibaut und weiter hoch auf dem Eselspfad, auf dem einst das Mehl von der Herrenmühle zum Schloß hinauf transportiert wurde. So hatte man ihm erzählt. Doch hat er jetzt keinen Gedanken übrig für schwerbepackte Esel, so beschwingt fühlt er sich. Im Sturmschritt zum Schloßpark hoch, als hätte die Nacht seine sechsundsechzig Jahre auf ein Drittel zusammengestrichen. Er hat es eilig, genau wie gestern morgen. Weil er die Stille des Parks genießen will, das Einsamsein, das Sich-Verlassen-Fühlen auch und das Glücksgefühl, das ihm die Frühsonne auf
seinem Gesicht bietet: Wie sie ihn streichelt. Alles wertvolle Hilfsmittel für die Arbeit an seinem neuen Buch. Kunst ist ja alles mögliche, vor allem aber umgesetzte Stimmungssache – und deshalb meist auch Ergebnis ganz gezielter Stimmungsmache …

Eine Frau gab es im Leben des Großschriftstellers Johann Wolfgang von Goethe – natürlich gab es nicht bloß eine, sondern viele Frauen in seinem Leben – aber eine einzige nur gab es, die ihm in etwa gleichrangig war. Und diese Frau hat ihm das größte Liebeserlebnis seines Lebens geboten. Weil sie ihm viel mehr war als bloß eine Anregung zum Dichten, wie all die andere, die Auslöser, die
Reibflächen, die Zündkerzen … Weil diese eine selbst eine große Künstlerin war, wenn auch leider keine Lebenskünstlerin.

Ich spreche von Marianne Willemer. Mit ihr erlebte der Weimarer Staatsminister Goethe eine filmreife Love-Story, eine ostdeutsch-westdeutsche, was auch damals sehr verschiedene Welten bedeutete. In Heidelberg endete sie. Das harte Ende der Liebesbeziehung von 1814/15, eine der am wenigsten bekannten Goethe-Affären, wird bis heute in der Goethe-Literatur als ein großes Rätsel gehandelt …

Um kurz zusammenzufassen, was feststeht: Goethes große Liebe hieß Marianne Willemer geborene Anna Therese Katharina Jung. Oder auch ganz anders, denn schon ihren Geburtsnamen kann niemand mit Sicherheit nennen. Sie war ein Theaterkind, faszinierend als
Tänzerin und Musikantin. Mit einer fahrenden Schauspielertruppe von ihrer Mutter aus Österreich nach Frankfurt am Main und
auf die Bühne gebracht – und dann als Sechzehnjährige an den Bankier und Geheimrat Johann Jakob Willemer gegen bare Münze verkauft worden. Diesem hergelaufenen Mädchen schreibt Goethe seine schönsten Liebesgedichte. Er verzaubert diese Marianne zu seiner Suleika. Und Marianne läßt sich die Verwandlung nur zu gern gefallen, ist sie doch das Rollenspiel gewohnt. Dabei ist sie
gerade erst zur Ehefrau des Bankiers avanciert, der sie gekauft hatte.

Das ist auch schon alles, was man an Konkretem zu ihrer Herkunft sagen kann. Bis heute ist weder bekannt, wann genau sie geboren wurde und wo, noch wer ihr Vater war. Aber bekannt ist – und auch belegt, daß sie Goethes Liebesgedichte mit eigenen Versen beantwortet hat, die den seinen nicht nachstanden. Die so gut waren, daß Goethe sie ohne jeden Hinweis auf die fremde Feder -
damals gab es ja noch keinen Urheberrechtsschutz – in seine Gedichtsammlung “West-östlicher Diwan” aufgenommen hat. An einigen Stellen etwas verändert, damit aber nicht verbessert, eher im Gegenteil. Was jahrzehntelang verborgen blieb, auch der hohen
Literaturwissenschaft.

Habe ich damit nun schon alles verraten? – Durchaus nicht. Das Eigentlich, das wurde mir bei allen Nachforschungen immer deutlicher, ist noch unausgesprochen und bleibt unserem Spürsinn überlassen, nämlich die Frage, warum diese große Liebe scheiterte. Eine
Frage, auf die sich eine Antwort finden läßt, wie Sie sehen werden, liebe Leserin, lieber Leser. Wenn sich daraus auch prompt die andere Frage ergibt: War der große Liebhaber Goethe vielleicht gar nicht fähig, wirklich zu lieben?