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Favoritin zweier Herren

Favoritin zweier Herren

von Walter Laufenberg

Auf der Website von Amazon können Sie weitere Details nachlesen.

ISBN

978-3-939321-27-9

Kategorie

Historischer Roman

Umfang

456 Seiten, gebundene Ausgabe mit Karte, Verzeichnis aller historischen Persönlichkeiten und mehrfarbigem Schutzumschlag

Verlag

SALON Literatur VERLAG, München 2010

Preis

23,50 €

Review

Der Autor auf der Leipziger Buchmesse 2010

Der Autor auf der Leipziger Buchmesse 2010 (Foto: Dirk Becker, Linden)

Favoritin zweier Herren (Buchumschlag)

Favoritin zweier Herren (Buchumschlag)

Kann ein historischer Roman ein Kommentar zum Heute sein? Ja, er kann. Die „Favoritin zweier Herren“ schockiert als Parallele zum aktuellen Desaster der katholischen Kirche. Dem deutschen Papst Benedikt XVI. brechen Geld, Mitglieder und Priesternachwuchs weg. Auch Ende des 18. Jahrhunderts war überraschend ein gebildeter, integrer Deutscher zum Oberhaupt gewählt worden, weil man einen brauchte, der das Licht ausmacht. Und zwar als Großmeister des 700 Jahre alten souveränen Militärordens der Malteser. Das war der Freiherr Ferdinand von Hompesch. Das Buch schildert das prächtig-dekadente Leben in Valletta, der Hauptstadt des Sklavenhalter- und Korsaren-Staates, bis zu der Vertreibung der Gotteskrieger von der Insel durch Napoleon Bonaparte.


Der Verlag schreibt dazu:

Malta 1798. Napoleons Flotte vor den Bastionen von Valletta, stärkste Festung ihrer Zeit. Er ist entschlossen, dem souveränen Militärorden der Malteser den Garaus zu machen.
Seit 1530 sitzt der aus Palästina und von Rhodos vertriebene Ritterorden auf Malta, als Verteidiger des Christentums gegen den Islam. Doch nun greifen wie mit Krakenarmen die Ideen der Französischen Revolution nach ihm. Noch hofft der deutsche Großmeister des Ordens, Ferdinand von Hompesch, ein Mann von Charakter, auf die Hilfe des Admirals der britischen Flotte, Horatio Nelson. Daneben sucht Hompesch Unterstützung bei der freigelassenen Sklavin Eylem, der ehemaligen Favoritin seines Gegners, des osmanischen Sultans Selim III. Sie ist bei einem tollkühnen Piratenüberfall dem märchenhaften Glanz des Topkapi-Serail in Stambul entrissen worden. Jetzt dient sie dem Großmeister in dessen schwieriger Situation. Selbst als Spionin und mit den Waffen einer Frau steht die kluge Mittlerin zwischen den Kulturen ihrem Herrn bei und setzt ihr Leben für ihn ein, als Napoleon zuschlägt.

Ein historischer Roman, wie er sein muss: Spannend und unterhaltsam und dabei höchst informativ. Das Leben in der letzten Glanzzeit höfi scher Pracht opulent geschildert aufgrund genauer Kenntnis der Örtlichkeiten sowie der Sitten und Gebräuche in Valletta und Istanbul, den beiden Zentren des Jahrhunderte langen Kampfes Christentum gegen Islam. Weitestgehend authentisches Geschehen mit dem historischen Personal. Ein fesselnder Roman und gleichzeitig ein klärender Beitrag zu der aktuellen Diskussion über den Zusammenstoß der Kulturen. Die in faszinierenden Bildern geschilderte Historie des Johanniter-Malteser-Ordens, von seinen Anfängen in der Zeit des ersten Kreuzzuges über die Zwischenstation Rhodos mit der Entwicklung zur Seemacht bis zu seiner Vertreibung von der Insel Malta durch Napoleon Bonaparte im Jahre 1798. Ein wichtiges Stück Geschichte, das bisher so noch nicht dargestellt wurde.


www.histo-couch.de schreibt: Bei der Lektüre dieses Romans stellt man als Leser fest, dass die damalige Auseinandersetzung auch heute nichts an ihrer Brisanz verloren hat und dass es sehr viele Parallelen zwischen damals und heute gibt … Auch über die Französische Revolution, ihr Gedankengut und Napoleons Machtbestrebungen erfährt man einiges, ebenso wie über das Leben im Topkapi-Serail, den märchenhaften Sultanspalast in Istanbul. Insgesamt ist es ein interessanter und lehrreicher Ausflug in eine bislang wenig beachtete Epoche … der wird dieses Buch genießen können und mit einem ungewöhnlichen und sehr interessanten Roman belohnt werden, der definitiv nicht in der Masse der historischen Romane untergeht.


Im Urteil der Leser:

Wer jemals die Insel Malta besuchen will und Interesse an Geschichte hat, der sollte zuerst Laufenbergs Buch „Favoritin zweier Herren“ lesen, denn er wird dann mit verstehenden Augen die Insel erforschen und erfahren. Ein spannender Roman, der trefflich recherchiert ist und packend den Werdegang des Malteser-Ordens darlegt. Hier wird Geschichte lustvoll genossen, und man erfährt beiläufig, dass ein deutscher Adeliger dort unten als letzter die Lichter gelöscht hat. Spannend-erotisch-bildend.
Werner Maar, Heppenheim 10. 1. 12

Den spannenden Malta-Roman “Favoritin zweier Herren” habe ich mit Genuss gelesen. Imponierend, was an Kenntnissen dahinter steckt. Jetzt liest meine Frau das Buch und ist so begeistert dabei, dass sie kaum noch ansprechbar ist.
RA Gerold Kolle, Mannheim 5. 10. 2011

Den Roman “Favoritin zweier Herren” habe ich im Krankenhaus gelesen und darüber ganz vergessen, wo ich war. Ich konnte einfach nicht aufhören mit Lesen, so fesselte mich diese Geschichte.
Elise Teßmer, Edingen 6. September 2010

Die Geschichte des Malteserordens dient als Rahmen des Romans, in dem der Autor einen nachhaltigen Eindruck vom Ringen um den Glauben vermittelt und diesen auf den Zentralbegriff des Sinns zurückführt.
Das ist es doch, was uns von den Tieren unterscheidet, dass wir wissen, wir müssen sterben. Das ist unsere Überlegenheit und zugleich unser Fluch, weil dieses Wissen uns zwingt, nach einem Sinn unseres Daseins zu suchen. Diesen Sinn muss die Religion uns geben. Dabei ist es gleich, welcher Religion wir uns hilfesuchend in die Arme werfen. Ganz gleich, ob das eine der großen Weltreligionen ist oder eine der zu Unrecht von uns verachteten Naturreligionen. Das alles bleibt sich gleich.
Gleichzeitig erfahren wir, wie relativ die drei Schlagwörter der Französischen Revolution zu bewerten sind.
„…Denn für uns Republikaner gibt es bloß einen Glaubenssatz, und der heißt: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit.“
„Ach, – dummes Gerede“, setzt der Großmeister sein Tässchen etwas zu hart scheppernd auf die Untertasse. Plötzlich wieder sehr munter fährt er fort: „Ich nenne das dummes Gerede, sind diese willkürlich aus dem Korb schön klingender Begriffe herausgepickten drei Rosinen doch nicht geeignet, eine generelle Handlungsanweisung für den Menschen abzugeben. Alle drei gehören sie zwar zu unserem christlich geprägten Menschenbild, aber nur als drei unter vielen Aspekten, unter denen wir uns als Kinder Gottes betrachten. Doch diese drei Begriffe als die höchste Dreiheit darzustellen, ist Unsinn, denn dafür ist diese Dreiheit in sich zu widersprüchlich.“

Diese Einsicht ist auf den Dialog zurückzuführen, den der Großmeister des Ordens, Ferdinand von Hompesch, kurz vor der Übergabe der Insel an Napoleon mit der „Favoritin“ führt.
Diese wird in einem zweiten Handlungsstrang mit der Geschichte der Familie Dupont aus Marseille verwoben, aus der sie letztendlich stammt.
Die Favoritin ist die Liebende zweier Herren auf Malta, sie ist der Angelpunkt eines immer emanzipierter werdenden Denkens, das vom islamischen Standpunkt die Glaubensfrage beurteilt und doch langsam auf eine Toleranz zusteuert.
Sie ist nicht nur die Liebende, sondern auch die Fragestellerin, Zuhörerin, Spötterin, die Dialogpartnerin, die manchmal auch eine den Dialog steuernde Funktion wahrnimmt.
Die Akteure werden historisch gut nachempfunden dargestellt, ihre Sprache der Zeit angemessen. Das Verweben von verschiedenen Handlungsebenen ist die eigentliche Kunst Laufenbergs. Ob dieses immer nahtlos gelingt, muss der Leser beurteilen. Das Happy End, das Sichwiederfinden von Vater und Tochter Dupont, wirkt aber etwas romantisch.
Im Großen und Ganzen ein gelungener historischer Roman, in dem die Favoritin ihrer Doppelrolle als Liebende und kompetente Gesprächspartnerin voll gerecht wird. Die Geschichte des Malteserordens kann man so auf dramatische Weise hautnah erfahren. Mit kritischen Reflexionen über das Thema Religion und Toleranz; nicht zufällig wird Nathan, der Weise, im Roman erwähnt.
Lesenswert, anspruchsvoll, informativ. Ein Buch, das den Leser verführen kann.
Dr. Hartmut Brie, Müllheim im Juli 2010 unter www.fda-lv-bw.de


Hier als Leseprobe der Anfang des Buches:

Prolog

Wo die sagenhafte Antike, das dunkle Mittelalter und die noch täppich junge Neuzeit wild aufeinander einschlugen, da gab es einen schrägen Klang. Er tönte von dem Felsklotz zu uns herüber, der im Mittelmeer zwischen Sizilien und der nordafrikanischen Küste liegt und fast dreihundert Jahre lang den souveränen Ordensstaat Malta trug. Schauplatz der dramatischen Ereignisse in den letzten beiden Jahren dieses wehrhaften Ordensstaates, nämlich 1797 und 1798, die hier geschildert werden, ist die Hauptstadt Valletta, die stärkste Festung ihrer Zeit. Dort herrschte unter seinem Großmeister der in Jerusalem gegründete, doch bald aus Palästina und dann auch von der Insel Rhodos vertriebene und nach Malta ausgewichene Johanniterorden, der sich inzwischen Malteserorden nannte. Die aus vielen europäischen Ländern stammenden adligen Mönchsritter mit dem silbernen achtspitzigen Kreuz auf dem schwarzen Rittermantel stellten die allererste europäische Vereinigung dar. Im Kampf der Kulturen verstand der Orden sich als Schutzschild des christlichen Europas gegen die Ausbreitung des Islams. Da trat Napoleon Bonaparte auf den Plan, der neue starke Mann Frankreichs, den Anderes und angeblich viel Größeres als das christliche Europa interessierte. Dabei war ihm dieser vorgestrige Ritterorden auf Malta, auf diesem kleinen Felsbrocken im Mittelmeer, von dem aus man die West-Ost-Passage kontrollieren konnte, einfach nur im Weg.

Erstes Kapitel

Mai anno domini 1794 – Dschumada el ula 1209 – Floréal/Prairial 2

Verflucht sei er, der Wind, der plötzlich schlapp macht und sich davonschleicht und dabei die übergroße Galeone vergisst, der er so treu gedient hatte! Der stolze Dreimaster mit zwei Decks voll reichem Schnitzwerk, bunt beflaggt, eben noch in voller Fahrt unterwegs von Stambul nach Rhodos, jetzt achtlos auf der weiten Wasserfläche liegen gelassen wie ein verlorener Handschuh. Das ist es, was jeder Seemann fürchtet: Der Stillstand der Luft. Da hilft kein Starren zum Himmel hinauf, ob nicht doch eine Wolke kommt. Auch nicht der nass gemachte und in die Luft gehaltene Finger. Alles vergebens. Die „Sultana“, mit 64 Kanonen bestückt, ist zu verwöhnt zum geduldigen Abwarten und zu schwerfällig, sich mit eigener Kraft weiterzubewegen. Statt von kräftigen Ruderern bewegt, denn dafür ist die “Sultana“ viel zu groß, wird sie nur von dreihundert Wünschen bedrängt, die Segel sollten sich wieder aufblähen, die Bugwellen sollten erneut hochgehen, die helle Spur hinter dem Heck sollte sich schnell verlängern. Aber was sind Wünsche in der Weite des Ozeans. Und gerade in diesem Augenblick der Unbeweglichkeit erscheint eine fremde Galeere am Horizont, die sich schnell nähert, statt achtungsvoll Abstand von dem Koloss zu halten. Was ungewöhnlich ist. Mit den vielen heftig bewegten Rudern an beiden Seiten des schlanken Rumpfs sieht das Boot aus wie ein Rieseninsekt, das leichtfüßig übers Wasser läuft.

„Bei Allah, die Galeere hält direkt auf uns zu. Das ist ja lächerlich.“ Der osmanische Schiffskommandant hält sich den Bauch, der vor Lachen wackelt. Er steht mit seinen führenden Offizieren  am Bug seines Schiffes und schaut durch sein Perspektiv. „Jetzt zieht die Galeere am Hauptmast eine Flagge auf.“ Und nach einer kurzen Pause, weil er warten muss, bis ein Lüftchen das Tuch ausbreitet: „Das ist ja die Flagge mit dem Malteserkreuz. Das ist doch nicht zu glauben. Der Kleine will was von uns.“ Immer noch lachend gesagt.

Doch als er unter den Offizieren, die ihn umringen, eine gewisse Unruhe bemerkt, immerhin lebt man in einem ständigen Seekrieg mit den Malteserrittern, und dieser Krieg ist verlustreich, bellt der osmanische Schiffsführer die Anweisung über das Deck: „Alle Mann auf ihre Posten, mehr Segel setzen und die Kanonenluken öffnen!“ Dabei kann er es selbst noch nicht glauben, dass diese herrliche Lustfahrt mit seinem schmucken Prunkschiff von einem Feind gestört werden könnte. So ein mickriger Gegner gegen das Flaggschiff des Sultans. Und das in türkischen Gewässern.

„Verrückt“, schüttelt er verächtlich den von einem hohen Turban mit zwei Pfauenfedern geschmückten Kopf. „Was kann dieser Wasserfloh, der auf uns zu hält, anderes wollen als seinen Untergang?“

Während noch in Hast weitere Segel gesetzt werden und die Mannschaft an die Kanonen und Pulverfässer rennt, schätzt der Kommandant, das Perspektiv am Auge, die Geschwindigkeit und Fahrtrichtung der maltesischen Galeere ab.

„Sie kommt schnell näher, offenbar ohne Furcht vor unseren Kanonen. Aha, deshalb. Jetzt zieht sie auch noch die weiße Parlamentärfahne auf. Der Kapitän will also mit uns verhandeln. Was kann er wohl von uns wollen? Was kann so einer uns bieten?“ Er bleibt mit seinen Unterführern am Bug stehen, auf die Reling gestützt, um sich anzuhören, was der Kommandant der Galeere ihm zu sagen hat. Immer noch mit lachendem Gesicht, weil er sich schon fast schämt für seinen Befehl zu Vorsichtsmaßnahmen. Kann man doch über diese Vertrauensseligkeit des Gegners, der einfach immer noch näher an die 64 Kanonen herankommt, nur lachen.

„Weiter darauf zu halten!“ Für den Kapitän der maltesischen Galeere gibt es nichts als: „Weiter darauf zu halten!“ Für die Bedenken des Steuermanns neben ihm: „Aber die Galeone ist zehnmal stärker als wir“, hat er nur die lässig hingezischte Bemerkung übrig: „Mehr als zwanzigmal stärker ist sie. Dennoch. Den fetten Ochsen holen wir uns. Das ist die beste Prise, die wir uns wünschen können.“ Dabei denkt er an den Handstreich gegen die Osmanen, den einer seiner Vorgänger geschafft hat. Gastineau de Limoges hieß der Galeerenkapitän, und das war im Jahre 1507, als dieser tollkühne Ritter mit einer einzigen Galeere das vielbewunderte Flaggschiff der osmanischen Flotte, die große Karake mit dem stolzen Namen „Königin der Meere“, gestellt und geentert und als Prise in seinen Heimathafen gebracht hat. Das Beispiel macht ihm klar: Ich brauche nur möglichst nah heranzufahren. Man nimmt mich nicht ernst, also bin ich nicht in Gefahr. Als zusätzliche Sicherung die Täuschung mit der Parlamentärfahne. Ich muss nur auf Rufweite sein und mit dem Gegner ins Gespräch kommen. Beide Hände als Trichter vor dem Mund ein paar Unverschämtheiten von hier nach dort und von dort natürlich genauso zurück. Dann wird die gesamte Schiffsführung des gigantischen Gegners vorne an der Reling stehen und sich über uns wundern und amüsieren. Und wenn ich dann großmäulig verlange, dass man sich ergeben soll, wird mir ein großes Gelächter antworten. Deshalb: „Weiter darauf zu halten!“

Und das Erhoffte geschieht: Die Führer des osmanischen Dreimasters bleiben an der Reling versammelt und lachen über den Wasserfloh, der sich ihnen auf Rufweite genähert hat. Und was ruft der Galeerenkapitän zu den Führern des Kolosses hinüber?

„Ich fordere euch hiermit auf, euch zu ergeben!“

„Ich verstehe nicht. Noch einmal!“ ruft der Osmane zurück, die Hand hinterm Ohr.

„Ja, Moment wir sind noch zu weit weg.“

„Dann kommt doch näher, wenn ihr den Mut habt!“

Und die Galeere schiebt sich weiter an den großen Dreimaster heran, näher und näher.

„Also, was wollt ihr?“ Der Türke brüllt es lachend zu seinem Gegner hinüber.

„Ich fordere euch hiermit auf, euch zu ergeben!“ Der Kommandant der Galeere hat mit ernstem Gesicht geantwortet und mit fester Betonung, Wort für Wort.

Ein heftig losprustendes Gelächter antwortet ihm. Sowas Verrücktes haben sie noch nie gehört. Die Türken können sich kaum halten vor Lachen. Was dem Kommandanten der Galeere sehr gefällt. Die türkischen Schiffsführer haben offenbar nie davon gehört, was der großen Karake des Sultans damals zum Schicksal geworden war, nämlich das Lachen über den Feind und die plötzlich abgegebene Salve aus den vier kleinen Kanonen der Galeere. Damals hatte das Boot der Malteser sich über dem albernen Palaver unbemerkt in die richtige Schussposition gebracht. Dann hatte auf einen Schlag eine Salve sämtliche Befehlsberechtigten des osmanischen Flaggschiffs niedergestreckt. Plötzlich war da niemand mehr auf dem stolzen Schiff, der den Befehl zum Schießen geben konnte. Und als die Mannschaft sah, dass die Kanonen des Gegners neu geladen wurden, während ihre Führer sich in ihrem Blut wälzten, gaben die verängstigten Männer das Zeichen der Aufgabe und boten den Ordensrittern, die ihr Prachtschiff enterten, keinerlei Widerstand. Das war vor gut 250 Jahren, überlegt der Befehlshaber der Galeere. Davon haben die türkischen Schiffsführer zum Glück nie gehört. Zwar steht das mit Sicherheit in den Annalen der türkischen Flotte. Aber darüber haben selbst die gelehrtesten Turbane geschwiegen, weil es so blamabel war. Das ist der Nachteil, wenn man Geschichte nicht lebendig hält. Denn auch die Geschichte kann sich wiederholen.

Also wiederholt er den Befehl an seinen Steuermann: „Darauf zu halten!“ Gleichzeitig gibt er seinem Richtkanonier ein heimliches Zeichen, wohin er zu schießen hat. Und durch den Trichter der beiden vor den Mund gehaltenen Hände ruft er dem türkischen Kommandanten zu: „Ihr seid verloren. Ergebt euch!“

 „Ha, ich habe 64 Kanonen. Damit mache ich euch zu Fischfutter“, ruft der osmanische Kommandant zu dem dreisten Führer der Galeere hinüber. Doch genau  in dem Augenblick gibt der das Zeichen, die Salve loskrachen zu lassen. Fischfutter bleibt das letzte Wort des stolzen Schiffsführers mit den zwei Pfauenfedern am Turban. Dann tut er seinen letzten röchelnden Atemzug. Und mit ihm sterben, von der wohlgezielten Salve auf die Schiffsplanken geworfen, seine wichtigsten Leute. Die verängstigten türkischen Seeleute hissen daraufhin das weiße Tuch der Aufgabe. Und die Männer der Galeere klettern an Bord der „Sultana“.

„Salve, ja, das ist der Gruß des Malteserritters für seine Feinde“, jubelt der Galeerenkapitän, „selbst wenn es nur vier kleine Geschütze sind, die diese Salve schießen können.“

Damit konnte die Schöne nicht rechnen, als sie den Sultan bedrängt hatte, ihr einmal eine Seereise zu bieten. „Immer so gern in Eurer Nähe, gütigster Herr, und immer am allerliebsten in Eurem Bett“, hatte sie mit gespitztem Mäulchen geflötet, „doch solltet Ihr mir einmal erlauben, wieder die Luft der offenen See zu atmen, die ich seit langem so vermisse. Umso lieber bin ich dann wieder im Serail zu Eurer jederzeitigen Verfügung.“

Sultan Selim III. hatte sich gnädig gezeigt. Einerseits, weil seine Favoritin für ihn unwiderstehlich war. Andererseits, weil er ein moderner Herrscher war, der sich über das strenge Gesetz hinwegsetzte, dass eine Frau, die zu seinem Harem gehörte, niemals mehr in die Welt hinaus dürfte, die jenseits der hohen Mauern des Serails lag. „Meiner Favoritin muss ich wohl nachgeben, wenn es sich um ihren Herzenswunsch handelt“, hatte er sich schließlich zu der ungewöhnlichen Großzügigkeit verleiten lassen.

„Mein Herzenswunsch ist stets das Zusammensein mit Euch, Herr“, hatte sie geantwortet, mit viel gekonntem Wimpernklimpern, „aber mein zweitstärkstes Sehnen geht hinaus auf die weite See, die dem Blick keine Grenzen setzt außer der Linie des Horizonts.“

„Ja, wenn es mehr nicht ist“, hatte daraufhin der Sultan gesagt und den Befehl zu einer Lustfahrt gen Süden gegeben, die allerdings nur ausnahmsweise stattfinden sollte und bei der er selbst leider nicht mit dabei sein könnte. „Die Staatsgeschäfte, immer diese leidigen Staatsgeschäfte.“ Seine Favoritin, so gab er Anweisung, sollte dabei voll verschleiert sein und unter dem besonderen Schutz des Obereunuchen und zweier weiterer Eunuchen stehen, die stets an ihrer Seite zu bleiben hätten. Zudem befahl er, ihr auch noch drei Sklavinnen als Dienerinnen mitzugeben. Drei müssen es sein, immer drei, hatte der Herrscher des großen Osmanischen Reiches sich gesagt. Weil drei Menschen sich niemals einig sind. Immer schließen sich zwei enger zusammen, so dass der dritte sich ausgeschlossen fühlt. Deshalb können sich drei Menschen nie zu einer Schurkerei zusammentun. Sultan Selim III. war stolz auf seine Menschenkenntnis, der er blind vertraute. Damit regierte er sein Land, damit würde er auch auf hoher See seine Favoritin an der Leine halten.

Als das gekaperte türkische Prunkschiff unter maltesischem Befehl mit im Wasser nachschleifender Osmanenflagge in den Großen Hafen von Valletta einfährt, wird es vom Jubel der ganzen Stadt empfangen. Die den Hafeneingang beschützenden starken Bastionen St. Elmo und Ricasoli schießen ihm einen Salut entgegen. Der tollkühne Kapitän der Galeere wird vom Großmeister Emmanuel de Rohan-Polduc persönlich am Kai mit den Worten begrüßt: „Du hast das Meisterstück von 1507 noch einmal vollbracht, Bruder, damit hast du der Welt gezeigt, dass die Beschäftigung mit der Geschichte wichtig ist. Weil Geschichte sich wiederholen kann, wenn man nichts aus ihr gelernt hat.“

Unmittelbar vor dem Ausschiffen sondert der Bordkaplan, den die neuen Befehlshaber Padre missionario nannten, die wenigen Gefangenen von den anderen ab, die sich schon unterwegs seiner Überredungskraft gebeugt und bereiterklärt haben, zum Christentum überzutreten. Damit verliert die Favoritin zwei von ihren drei Dienerinnen. Für die beiden ist die Aussicht, durch die Bekehrung zum Christentum schon bald ihre Freiheit wiederzuerlangen, stärker als das Gefühl der Zugehörigkeit zu ihrer Herrin. Nur die dritte, Gül, bleibt standhaft im Glauben und an der Seite ihrer Herrin, obwohl die Favoritin des Sultans im Moment der Ankunft auf Malta ihren Rang und ihre Macht verloren hat. Nun ist auch sie eine Sklavin, wie ihre Sklavin Gül und wie alle anderen Gefangenen von der „Sultana“. Nach maltesischem Recht ist ein Sklave eine Sache, voll der Verfügungsgewalt seines Eigentümers unterworfen. Kaum an Land gebracht, findet eine weitere Selektion statt, bei der die rund dreihundert Gefangenen nach ihren Namen und Funktionen sowie nach ihrer körperlichen Tüchtigkeit separiert werden. Angehörige potenter und einflussreicher türkischer Familien können auf eine kurze Gefangenschaft hoffen, weil der Orden sie gegen ein hohes Lösegeld zurückgeben oder aber gegen wichtige maltesische Gefangene austauschen wird. Das übliche Geschäft. Dafür steht der Orden in intensivem Kontakt mit den bedeutendsten Sklavenhändlern in Tunis, Tripolis und Algier. Die Schiffe mit der Parlamentärfahne fahren regelmäßig zwischen Malta und diesen Häfen der Barbareskenstaaten hin und her. Das Geschäft mit den Sklaven blüht.

Die kräftigsten der gefangenen Männer werden der maltesischen Flotte zugeteilt und als Galeerensklaven an die Ruderbänke gekettet, die ihnen nun Arbeitsplatz und Schlafstätte zugleich sind. Die meisten jungen Frauen und Mädchen werden von einzelnen Rittern als persönliche Bedienung aufgekauft. Alle anderen Gefangenen kommen auf den allgemeinen Sklavenmarkt von Malta. Natürlich haben die Großmeister stets ein generelles Vorrecht zum Zugreifen, und das übt der Großmeister im Falle der schönen Gefangenen mit den feinen Umgangsformen und der vornehmen Kleidung, die als ihren Namen Eylem angegeben hat, auch aus.

„Die Schönste gehört mir“, hat er seinem persönlichen Sekretär gesagt, den er zu dem Aufstellplatz der Gefangenen geschickt hat. So kommt die gerade 19-jährige Favoritin des osmanischen Sultans Selim III. als persönliche Dienerin seines Erzfeindes in den Großmeisterpalast von Valletta. Sie weiß, dass der Sultan sich nicht um ihren Freikauf bemühen wird. Eine Haremsdame, die in die Hände eines anderen Mannes geraten ist, und dann auch noch eines Ungläubigen, ist für ihn ohne jeden Wert. Dafür wird der Sultan keinen Finger rühren und kein Geldstück opfern. Er wird sich einfach mit einer anderen trösten, die er zu seiner Favoritin macht. Er hat ja mehr als genug Frauen in seinem Harem. Deshalb bleibt der schönen Eylem nur, sich in der neuen Situation so gut einzurichten wie möglich. Und das macht ihr keine Schwierigkeiten. Ist eine kluge Frau doch niemals die Sklavin eines bedeutenden Mannes, vielmehr seine heimliche Herrin, selbst wenn sie vor ihm zu knien hat.

Eylem kniet nicht vor dem Großmeister, nein, das verlangt die Hofsitte in Valletta nicht von einer Sklavin, anders als das Hofzeremoniell des Sultans in Stambul. Aber sie hat zu schweigen und zu gehorchen und immer dienstbereit dazustehen. Sie hat keine Wünsche zu haben und keinen eigenen Willen. Sie muss antworten, wenn sie gefragt wird, und verschwinden, wenn man sie rauswinkt. Für Eylem, die verwöhnte Favoritin des Sultans, ist das alles ein völlig ungewohntes Verhalten. Ein Bruch mit dem, was sie noch vor kurzem war, so total, dass sie manchmal meint, sie sei nicht mehr derselbe Mensch, sondern irgendwie ausgetauscht. Dann rebelliert in ihr der Stolz der schönen Frau, die weiß, dass sie ein wundervoller Anblick und begehrenswert ist. Besonders, wenn der alte Großmeister sie so mit Herablassung behandelt und mal hierhin, mal dorthin schickt und dabei keinen Blick zuviel auf sie wirft. Aber sie ist bei allem Stolz doch demütig und gehorsam. Mein Herr und Gebieter ist ein alter Mann, macht sie sich klar. Und ich habe es ja gut bei ihm.

Schwerer zu ertragen ist die viele Zeit, die Eylem bleibt, über sich und ihr neues Leben nachzudenken. Die Gedanken, die ihr dabei kommen, legen sich wie schwere Lasten auf ihre schmalen Schultern und hängen wie Steinkugeln an ihren Füßen. Vor allem die Erkenntnis, dass eine Frau immer nur soviel ist, wie der Mann ihr zubilligt, zu dem sie gehört. Soviel, wie er sie hochschätzt, oder aber so wenig, wie er von ihr hält. So ist dieselbe Frau mal die Favoritin, mal die Sklavin. Als ob eine Frau nicht ihr eigenes Ich hätte und ihren eigenen Wert, schimpft sie in sich hinein, ganz egal, wie ein Mann sie ansieht und anspricht. Dann schüttelt sie mißbilligend den Kopf über sich selbst, weil sie diese Worte nur in sich hinein gesprochen hat. Und sie nimmt sich fest vor: Diese Missachtung der Frau werde ich mir nicht lange gefallen lassen. Man wird mich noch kennenlernen! 

Eylem ruft sich immer wieder ins Gedächtnis, wie viele Millionen Mädchen sich wünschen, die Favoritin des Sultans zu werden. Und auch, wie ausdauernd sie sein musste, um die jahrelange gründliche Ausbildung zu überstehen, die in den Palast des Sultans führt. Die sich aber gelohnt hat: Für mich hat der allmächtige Herrscher des Osmanenreiches sich begeistert, ich war es, die ihn auf die Spitze seiner Lustempfindungen gehoben hat, ja, mich hat er allen anderen schönen Frauen vorgezogen, mich hat er mit den schönsten Kleidern und den kostbarsten Kleinodien verwöhnt – und mit seinen liebsten Worten. Wenn das jetzt auch alles nur noch Vergangenheit ist und nie mehr wiederkommen kann, vorbei, vorbei, ich bin doch immer noch dieselbe, ich bleibe die Schönste, die Geschickteste, die der Liebe des Herrschers würdigste Frau.

Mit einer besonderen Würde dient sie, und mit dieser nicht zu überhörenden Würde auch spricht sie, wenn sie dazu aufgefordert wird. Sie formuliert ihre Sätze in einem so feinen Französisch, dass damit die Hofsprache Französisch, die im Großmeisterpalast gesprochen wird, sogar noch veredelt wird. Diese für eine Sklavin ganz unübliche Haltung macht Eindruck, das weiß sie. Und sie weiß auch, dass dieser besonders gute Eindruck sie weiterbringen wird. Ja, das will ich, sagt sie sich immer wieder. Zwar weiß sie nicht so recht, wohin weiter, aber das überlässt sie einfach der Zukunft. Und hat Recht damit.

Tatsächlich hat Eylem schon bald den Status einer Gesellschafterin des Großmeisters erreicht. Das ist schon viel mehr als bloß seine Lieblingssklavin. Denn das heißt, dass sie sich als die Gesellschafterin des Herrschers nicht nur innerhalb der Mauern der Hauptstadt Valletta wie eine Freie unbeaufsichtigt bewegen darf, sondern überall auf Malta und der kleinen Nachbarinsel Gozo. Der alte Großmeister Emmanuel de Rohan-Polduc erweist sich der Schönen gegenüber mangels intimerer Bedürfnisse als ein wirklich großzügiger Herr und Gebieter, worüber mancher Höfling in seiner Nähe den Kopf schüttelt, aber natürlich nichts zu sagen wagt.

(Ende der Leseprobe. Die nachfolgende Werbung ist von mir nicht beeinflussbar, stellt also nicht unbedingt meine Meinung dar)