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Die Triangel

Die Triangel

von Walter Laufenberg

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Titel

Die Triangel

Umfang

271 Seiten, HC, SU

ISBN

978-3-947404-13-1

Preis

18,90 Euro

Review

Inhaltsangabe

Ein deutscher Professor, der sich sicher ist, die Fragen von heute beantworten zu können, ein amerikanischer Fotograf, der alles nur mit den Augen des Künstlers sieht, dazwischen eine Berliner Reporterin, die mit einer New-York-Reportage die Chance ihres Lebens bekommt – und beinahe das Leben verliert. Sie finden sich auf einmal in einer ungewöhnlichen Ménage à trois wieder. … Hier wird den Leuten das Einkaufen zum Vergnügen gemacht. Werbung ringsum, bei Tag und bei Nacht. Und alles geöffnet rund um die Uhr. Dudelmusik quäkt aus allen Ecken, stimmt einen um auf unernst, auf leichtfertig und großzügig. Da sind einem die Rolltreppen im Kaufhaus schon fast zu langsam … … Die Monogamie ist die Institution zur Verkürzung der sexuellen Reizperiode zwischen zwei Menschen. Zwei schmale Schultern breit die Kluft zwischen uns. Aber letztlich unüberbrückbar, weil jeder vor sich hin denkt, als gäbe es den anderen nicht …

Der Anfang als Leseprobe

1.

Das war sie, die Katastrophe. – Dabei hatten sie ihr Miteinander so gut geregelt. Jeder konnte sagen, was er wollte. Aber keiner hatte das Sagen.
Sie hatten das Unmögliche zur alltäglichen Wirklichkeit gemacht. Aus drei mach eins. Was Bernhard gegenüber Fremden so zu erklären pflegte: Wie sich unser Verhältnis zueinander deklinieren lässt, das hat etwas von grammatikalischer Naturgesetzlichkeit. Damit machte er jeden Gesprächspartner erst einmal stumm und sehr nachdenklich. So konnte er ungestört weiterreden. Seine Lieblingsbeschäftigung.
Irgendwann waren sie zusammen von Berlin nach Heidelberg gezogen. What else, hatte Chris gesagt, amerikanisch pragmatisch, als Bernhard die Stadt ins Gespräch gebracht hatte. Und hatte dann noch ergänzt: Heidelberg ist ein Stück Amerika. Damit war für ihn jede weitere Überlegung als überflüssig abgetan. Annette hatte sich sofort damit einverstanden erklärt, weil ihre Begeisterung für Berlin so schnell verwelkt war, wie die Stadt mit Beginn des neuen Jahrhunderts, des 21., aufblühte. Sich aufblähte, hatte sie das genannt. Damit war Berlin erledigt. Alles andere konnte nur besser sein. Für Bernhard war Heidelberg sowieso das Größte, weil dort die altehrwürdigste Universität auf deutschem Boden beheimatet war, wie er sich ausgedrückt hatte, ungewöhnlich emphatisch. Er wusste, da wäre er als emeritierter Professor garantiert nie ohne passende Gesprächspartner.
Die drei hatten sich vor gut siebzehn Jahren, wann immer sie über das Ungewöhnliche gesprochen hatten, in der Überzeugung zusammengefunden: Es muss möglich sein. Und sie hatten es möglich gemacht. Selbst wenn sie im Berliner Alltagswind einmal aus dem Gleichschritt kamen, waren sie sich schnell wieder einig und sicher: Wir schaffen auch das Morgen. Deshalb konnten sie sich nicht vorstellen, bereits auf der Abrisskante des Paradieses zu balancieren.
Im Heidelberger Stadtteil Neuenheim hatten sie eine geräumige Altbauwohnung mit Balkon gefunden. Zwar ohne Lift, aber das war für sie kein Nachteil, da im ersten Obergeschoss. In der Beletage, hatte Annette sprachkundig festgestellt. Fünf große Zimmer, das hieß: für jeden ein eigenes Arbeitszimmer, wenn auch keiner von ihnen mehr für Geld arbeiten musste. Was Arbeitszimmer genannt wurde, das waren die drei Privaträume. Für die drei Computer und die drei Grand Lits. Aber auch für die drei Sammlungen der als wichtig bezeichneten und damit geadelten Bücher beziehungsweise Bilder und Zeitschriftensammlungen.
Ein gemeinsames Schlafzimmer hatten sie sich gespart. Kein Paarlauf mehr mit Partnerwechsel. Vorbei mit der Atemlosigkeit, sie waren – ohne es zu bemerken – in die Schlussrunde Freundschaft eingebogen.
Die an viele Fremde gewöhnte Stadt Heidelberg war für das etwas ungewöhnlich wirkende Triumvirat ideal. Und auch die Wohnung. Von der Küche aus, inzwischen das heimische Zentrum, ging man direkt ins Esszimmer. Am anderen Ende des breiten Flurs lockte die private Telekapelle, das Wohnzimmer mit der unvermeidlichen Wohnlandschaft in weichem Leder, das heißt einer Couch unterm Fenster und drei bequemen Sesseln, die – Schulter an Schulter – den Fernseher anstarrten. Ja, sie sahen noch gern fern statt nah. Der extra-große Fernsehbildschirm war ihnen angenehmer als der winzige Bildschirm des Smartphones. Natürlich hatten die drei auch drei Smartys, wie sie die Flachhandys nannten, aber sie benutzen sie nur selten. Meist lagen sie ausgeschaltet im Abseits. Man will sich doch nicht ständig wie am Nasenring geführt fühlen, hatte Annette diese Ignoranz gerechtfertigt. Bernhard hatte als Erklärung für die Handy-Abstinenz auf sein fortgeschrittenes Alter verwiesen. Das ist also auch ein Fortschritt, hatte Chris dazu bemerkt. Für ihn hatte die deutsche Sprache immer noch etwas Kurioses.
Das Zimmer für die gemeinsamen Abende beim Abschalten, wie sie das Einlegen und Starten einer Diskette mit einem alten Spielfilm nannten, erlaubte zum Luftschnappen auch den Austritt auf den Balkon. Von dort aus konnten sie auf die beiden Wagen schauen, die sie in der Straße geparkt hatten, Bernhards alten Mercedes und Chris’ nicht ganz so alten BMW. Auf einen dritten Wagen hatten sie einmütig verzichtet, nachdem Bernhard festgestellt hatte: Die beiden Wagen sind zusammen für zehn Personen zugelassen. Das dürfte für uns drei genügen, in welcher Formation auch immer wir glauben, uns automobil bewegen zu müssen, als Dreierkonvolut, als Zweierkonvolut oder als Solitär.
Der Alltag ihrer Ménage à trois, wie Annette ihr Verhältnis so oft wie möglich nannte, weil sie das renommierte Französische Gymnasium in Berlin besucht hatte, war optimal organisiert. Viel freie Zeit. Und alle Betätigungsmöglichkeiten waren ordentlich angetreten, wie in Rabatten eingeteilt, von zierlichen Hecken begrenzt, mit Eckpunkten und Durchblicken, mit Perspektiven und Ruheplätzen. Der Tag als ein englischer Park. Alles intensiv durchdacht und aus Erfahrung gut gemacht. Wenn auch hin und wieder da und dort Kräuter aus dem Boden geschossen waren, die nicht sein sollten. Wildwuchs in den Blumenbeeten und vor sich hin rostendes Laub. Denn das hatten die drei nicht bedacht: Wenn die Geißel der Hormone in die Ecke gestellt ist, zunächst noch aus Rücksicht, bald aber aus Gewohnheit und Bequemlichkeit, dann muss Alltagskleinkram dafür herhalten, ein wenig Wind in die reglos aus den Fenstern starrenden Gardinen zu leiten.
Die drei hatten großen Wert darauf gelegt, eine Wohnung zu finden, von deren Balkon aus sie den freien Blick auf das Heidelberger Schloss genießen können. Mit der Forderung hatten sie den Immobilienmakler fast zur Verzweiflung gebracht, aber auch zu einem besonders lukrativen Abschluss, und sich selbst zum Reihum-Schulterklopfen. Geschafft, geschafft, geschafft.
Ihre Heidelberger Wohnsituation war perfekt. Das Schloss dort droben war für sie eine Jagdtrophäe. Mal im Mittagslicht, mal im Frühdunst, immer mal wieder aufglühend in der Abendsonne oder wie verglühend bei dem großen Feuerwerk, das alljährlich zelebriert wurde. Große Geschichte im Blick. Stets anders, und doch immer dieselbe imposante Ruine. Wunderbar, sagten sie. Und mit einem Kopfwegdrehen war die Sache erledigt. Die drei merkten nicht, dass sie schon bald keinen Blick mehr für das Schloss hatten. Standen sie schließlich doch nicht einmal mehr aus den Fernsehsesseln auf, um auf den Balkon hinaus zu treten, wenn sie das Krachen der Feuerwerkskörper hörten. Und Heidelberg feuerwerkte gern. Was man hat, das hat man, basta.
Ein harmonisches Verhältnis bedeutet auch Gleichklang in der Ignoranz. Schwierig wurde es nur auf Reisen. Und auf dieses Vergnügen wollten sie selbst im Alter nicht verzichten. Reisen bildet. Sie sollten sich noch wundern.
Annette hatte ihre Ansprüche an das Leben so formuliert: Wenn ihr beiden euch dafür schon zu alt fühlt, ich bin noch nicht alt. Achtundfünfzig ist doch kein Alter. Ich will noch was von der Welt sehen.
Was Chris zu der Äußerung zwang, auch seine Sechsundsechzig seien kein Alter. Und Bernhard wollte seine Einundsiebzig Jahre erst recht nicht als Alter bezeichnet hören. Immer diese diskriminierenden Begriffe, schimpfte er.
Also reisen. Was sonst? Jedes Jahr eine große Reise, das heißt, für drei Wochen ein Fetzchen Welt vom Globus gepickt, das Fetzchen, auf das man sich mühsam, aber fair geeinigt hat. Das wird aufgesucht, wird intensiv beäugt und kritisch kommentiert. Ob sich auf dem Globus dadurch etwas ändert oder nicht, das war für die drei keine Frage.
Diesmal war das Sich-Einigen so abgelaufen: Bernhard wollte gern nach Malta. In die früheste Ursprünglichkeit des Menschen, die sich in Staunen erregenden Bauwerken niedergeschlagen hat, die heute noch existieren und besichtigt werden können. Quasi eine Zeitreise, so schwärmte er. Mehr als viertausend Jahre zurück.
Das war für Chris ein zu großer Sprung. Er schlug vor, mal wieder nach New York zu fliegen. Seine lapidare Begründung: Keine viertausend Jahre. Bloß acht Stunden.
Was Annettes als albernes Heimweh abtat. Ihr Traumziel war Israel. Weil das Land in der Zeitung so oft genannt werde und sie noch nie im Land der Bibel war.
Immerhin hast du den Ausdruck Heiliges Land vermieden. Das war gut, meinte Bernhard dazu. Ergänzend erwähnte er, dass er zwar schon zweimal an Tagungen und Rundreisen in Israel teilgenommen habe, jedoch sei er nicht abgeneigt, den Israelis eine dritte Chance zu geben. Fügte aber gleich als Warnung an, er habe sich bei den früheren Besuchen schon einige Flecken auf sein lupenreines Israelbild geholt.
Chris war mit dem Reiseziel Israel einverstanden, weil er bei einem früheren Israelbesuch nur Fotomotive gesehen hatte. Vom Leben der Menschen habe ich überhaupt nichts mitgekriegt. Von diesen sonderbaren Leuten, die sich immer im Krieg fühlen. Zudem ist Israel doch unser Zögling, um den wir Amerikaner uns intensiv kümmern müssen.
Annette fiel das Bild ein, das man sich in der bundesdeutschen Presse von dem Verhältnis USA – Israel machte: Ja, ihr gehört zusammen. Israel ist der buschige Schwanz des großen Hundes Amerika.
Und Bernhard ergänzte den alten Witz: Aber dieser Hund wedelt nicht mit dem Schwanz, sondern der Schwanz wedelt mit dem Hund.
Chris wandte sich abrupt zur Tür und sagte: Ich gehe gerade mal nach meinem Wagen schauen. Ich glaube, ich habe das Licht angelassen.

Trotzdem fliegen die drei am Sonntag, dem 26. November 2017, nach Israel. Schon im Frankfurter Flughafen wird eindrucksvoll unterstrichen, dass es ins Heilige Land geht. Polizisten mit Maschinenpistolen am Check-In von El Al, der israelischen Fluggesellschaft. Die hochgerüsteten Beschützer dann auch noch in dem Warteraum, der so abgelegen ist, dass jeder Terrorist schon erschöpft sein muss, wenn er den langen Fußweg dorthin geschafft hat. Die Wartenden sehen neben dem Flieger, dessen Kabine für die neuen Fluggäste sauber gemacht wird, ein gepanzertes Polizeifahrzeug stehen. Dafür muss man bei einem Ausflug ins Heilige Land Verständnis aufbringen, so erklärt Bernhard seinen beiden Begleitern in professoralem Stil die Situation. Ist doch alles, was als heilig gilt, selbstverständlich Streitobjekt. Weil das Heilige, egal um welches Heilige es gerade geht, generell keine Konkurrenz durch Andersheiliges dulden kann. Ist es doch stets allein selig machend. Das macht in vielen Ländern die Friedhöfe groß und immer noch größer, unsere Welt jedoch leider nicht ein bisschen friedlicher.