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Die Sünderin. Wien 1683

Die Sünderin. Wien 1683

von Walter Laufenberg

Umfang

297 Seiten, HC, SU

ISBN

978-3-947404-04-9

Preis

18,90 EUR

Review

Das sagt der Verlag über dieses Buch:

1683 – die Türken vor Wien. Allah ante portas! So viele Verstöße gegen ihren Glauben die Menschen in Wien sich genehmigen, es erschreckt sie doch die Vorstellung vom Untergang des christlichen Abendlandes. Ein verzweifelter Abwehrkampf entbrennt. Denn das übermächtige Heer der Osmanen ist kurz davor, das Tor nach Europa weit aufzustoßen.

Die Wende bringt schließlich eine junge Nonne, die zur Strafe für eine anstößige Art der Selbstkasteiung zu einem selbstmörderischen Einsatz gezwungen wird. „Die Sünderin“ Judith soll nach dem Vorbild der biblischen Judith den feindlichen Heerführer Kara Mustafa bezirzen und ihm auf seiner Bettstatt mit seinem eigenen Säbel den Kopf abschlagen. Judith gelingt es tatsächlich, das Verlangen des Heerführers zu wecken, doch vereitelt dessen türkische Lieblingsfrau den Auftragsmord, indem sie sich gegen die Konkurrentin wehrt. Über dem Vergnügen, das dieser Wettstreit ihm bietet, bemerkt Kara Mustafa zu spät die anrückende polnische Entsatzarmee und kann nur noch überstürzt mit seinem Heer abziehen, was ihn das Leben kosten wird.

Wie bei dem Autor Walter Laufenberg üblich, dient die Historie zur Spiegelung der aktuellen Verhältnisse: Der Zusammenprall von muslimischer und christlicher Welt, damals wie heute nicht bloß ein „Clash of Civilizations“, sondern die Zerreißprobe für zwei absolut gegensätzliche und in der Praxis schon stark abgenutzte Moralsysteme.

297 Seiten, HC, SU, ISBN 978-3-947404-04-9
Preis: 18,90 EUR

Zum historischen Hintergrund:

Der Sultan, die erwähnten Könige sowie die Ratsherren Wiens sind authentisch, ebenso die Anführer der sich bekämpfenden Seiten, nämlich der Großwesir Kara Mustafa und der Kommandant der Festung Wien, Reichsgraf Ernst Rüdiger von Starhemberg. Die Schilderungen des Überfalls auf Perchtoldsdorf und der Arbeit in den Pestbaracken auf der Insel Spittelau sowie des zwei Monate langen Kampfes um Wien basieren auf Recherchen vor Ort, Unterlagen aus Wiener Museen und dem Tagebuch des osmanischen Zeremonienmeisters.

Das sagt die Presse:

Kloster der Versuchung
Dass Walter Laufenberg in seinem jüngsten Roman „Die Sünderin. Wien 1683“ zwei Titelthemen nebeneinander setzt, hat natürlich mit den Geschichten zu tun, die er erzählt. Zum einen geht es um das Waisenkind Judith, das Nonne werden will, damit es versorgt ist. Zum anderen spielen die Kämpfe der Osmanen, die 1683 vor den Toren Wiens stehen, eine Rolle. Aus solchen Ideen lässt sich durchaus eine anziehende Story gestalten. Wenn diese dann noch mit Sex- und Machtspielen verwoben wird, ist das tatsächlich verkaufsversprechend. Laufenberg lässt sich darauf ein. Und hätten sich bei der Vorstellung von weiblicher Lust seine Männer-fantasien nicht gänzlich entfesselt, könnte man dieser Rezeptur auch zustimmen.
Äbtissin schmiedet tödliche Pläne.
Sicher nicht wegen der aktuellen Debatte um Frauenfeindlichkeit tut es manchen Lesern und besonders Leserinnen nicht gut, wenn sie von absurdem und blasphemischem Sex lesen. Zudem sei dem Autor gesagt, dass die Wollust, zu der die Hingabe mangels Männern von Frau zu Frau gehört, bei einer heterosexuellen Frau so wie beschrieben kaum denkbar ist. Doch in besagtem Kloster der „Barmherzigen Bräute Christi“ geht es eben heiß her. Der Beichtvater hält sich nicht ans Beichtgeheimnis, die Äbtissin treibt es munter und schmiedet todbringende Pläne.
Das ist harter Tobak. Aber der Aufhänger für Laufenbergs Geschichte. Und seine immer leidenschaftlich gestimmte Judith trägt sie. Nun soll die sündige Nonne dem Heerführer der Osmanen, dem Großwesir Kara Mustafa, zugeführt werden und ihm nach der Liebesnacht den Kopf abhauen, wie einst die alttestamentarische Judith dem assyrischen Feldherrn Holofernes. Wer letztendlich den Kampf um Wien gewinnt, wissen wir aus den Geschichtsbüchern. Laufenberg hält daran auch fest. Freilich löst der Mannheimer Autor die Wende mit einer Überraschung auf. Das und seine gefällige Schreibkunst machen den Roman durchaus spannend. Allem anderen zum Trotz.
© Helga Köbler-Stählin in: Mannheimer Morgen, Samstag, 12.05.2018

Und das sagen Leser:

Gestern und vorgestern habe ich mir Deine „Sünderin“ reingezogen und ihren vollen Unterhaltungswert genossen. Großen Glückwunsch! Es scheint mir allerdings sehr wichtig zu sein, dass wir die standesgemäße Verfilmung noch erleben. Du hast Ja wohl von Deinem bunten Vorleben her noch die geeigneten Verbíndungen zur Filmwelt. Es wird wohl ohnehin höchste Zeit, dass allmählich Deine Romane in Rasierstuhl-Haltung genossen werden können. Da die alte Ulmerin Hildegard Knef als Sünderin nicht mehr verfügbar ist, könnte ich mir Heike Makatsch oder Veronika Ferres gut in diesen Rollen vorstellen. Iris Berben vielleicht als die Oberin?
Prof. Dr. Horst Krämer, Ulm 5. 10. 2018

Sünderin! Was für ein Wort, und wie schnell relativiert es sich! Ob nun von der Drecksschwester, die das Klo reinigt, von Kunigunde, der Äbtissin auf Abwegen, oder von einer Novizin aus reicher Familie gesprochen wird! Welch dunkle Geheimnisse darf man vermuten, wenn ein seniler Priester Rochus dem Stadtkommandanten Ernst Rüdiger von Starhemberg im Kloster die Beichte abnimmt? Walter Laufenberg offenbart gnadenlos Schein und Sein seiner Protagonisten und hält ihnen, beinahe an die spätmittelalterlichen Realsatiren von Sebastian Brant erinnernd, einen Spiegel vors Gesicht. Genüsslich schildert er das frivole Verhalten derer, die zusammen mit der Äbtissin splitternackt in die gleiche Badewanne steigen, um mit ihr dort in enger Umarmung ein üppiges Liebesmahl und auch anderes scheinbar sündenfrei zu genießen. Dann wieder drängt es den Autor, die innige Liebe der Drecksschwester Teresa zu ihrem Heiland zu dokumentieren, der Titelheldin des Romans. Teresa wird Nonne und von der Äbtissin mit einem neuen Namen in die Welt geschickt, der ihr künftiges, nahezu biblisches Schicksal in Flammenschrift an die Wand schreibt: Judith soll sie heißen. Die Sehnsucht nach ihrem Jesus verführt die kaum zwanzigjährige, zauberhaft erblühte junge Frau dazu, immer wieder den Mann auf dem Kreuz von der Wand zu holen, das Kreuz auf ihrem Venushügel neu zu errichten und unter wollüstigem Stöhnen dort tief einzugraben. Die Oberin – vielmehr ihr Hündchen – erschnüffelt den Missbrauch des Kruzifixes. Sie ist empört ob des Übermaßes an Sündhaftigkeit und wartet nur auf den günstigsten Augenblick, dieses gotteslästerliche Verhalten durch Verhängung einer ihr und dem Kloster besonders nützlichen Bestrafung zu ahnden.
Der Wiener Stadtkommandant von Starhemberg, gern gesehen im Kloster, und sie, die Äbtissin, zerbrechen sich bei nächster Gelegenheit eines wiederum sehr nahrhaften und sinnenfrohen Beisammenseins im Badezuber, den Kopf darüber, wie man eine drohende Kriegsgefahr abwehren und Judith dabei einsetzen könne. Kara Mustafa, der berühmte osmanische Feldherr, dem es eigentlich nur um Macht und Geld ging, belagert seit geraumer Zeit die Stadt Wien. Es gelingt ihm, den für uneinnehmbar gehaltenen Festungsgürtel durch Untertunnelungen und Sprengungen Stück für Stück zu zerstören. Nach außen hin propagiert Mustafa die Forderungen des Propheten, Europa zu überrennen und den Glauben an den einzig wahren Gott Allah mit Gewalt durchzusetzen. Im Sinne des Heiligen Vaters in Rom nun möchte die Äbtissin ihren Gott und die von ihr ach so sittsam gelebten Werte des Christentums vor der Türkengefahr retten. Sie schlägt dem nackt dastehenden Stadtkommandanten vor, Judith zur Strafe für ihre Sünden dem türkischen Feldherrn für eine Liebesnacht anzudienen. Man müsse ihr befehlen, ihm erst den Kopf zu verdrehen und diesen dann ihm mit einem Schwertstreich abzuschlagen, genauso, wie in der Bibel die Judith den Holofernes gemeuchelt hat. Judith werde gewiss dabei den Tod finden, aber dem Kloster bliebe so wenigstens eine Wiederaufnahme der gotteslästerlichen Sünderin erspart.
Dem Autor gelingt es, die hier nur angedeuteten Ereignisse atemlos spannend zu erzählen und dies vor dem Hintergrund eines für den Leser aus der Geschichte zurückgeholten, minutiös geschilderten Landschaftspanoramas. Es versteht sich von allein, dass kulturgeschichtliche Epitheta, die zum Verständnis der Handlung so wichtigen Details, die Einrichtung des Klosters, dann die Beschaffenheit der türkischen Zelte, die Kleidung der Nonnen in allen Einzelheiten, der Großwesir im Prunkharnisch und die Aufmachung seiner Lieblingsfrau, ebenso wenig fehlen dürfen wie die dörfliche Beschreibung der Heimat unserer Sünderin.
Frei von irgendwelchen ‚postmodernen‘ Bemühungen, „ein gebildetes Publikum zu amüsieren“ oder „großen Spaß durch frivoles Hantieren mit den Kuriosa aus der kulturhistorischen Krabbelkiste“ zu erzeugen, wie man es gelegentlich bei Nachahmern des großen Umberto Ecco feststellen zu müssen glaubt, sitzt hier jedes Detail originär und unentbehrlich an seinem Ort in dieser stilsicher durchgeführten Realsatire. DIE SÜNDERIN, soviel ist sicher, gehört ab jetzt zu den lesenswerten, großen historischen Romanen gegenwärtiger Schriftstellerei.
Prof. Dr. Jörgen Bracker, Hamburg 18. September 2018

Ich möchte mich für die große Freude bedanken, die Du mir mit dem Buch „Die Sünderin. Wien 1683“ bereitet hast. Es lässt eine Zeit lebendig werden, die in anderer Weise auf die Gegenwart ausstrahlt. Auch das Bild von der Obernonne und dem Priester in der Badewanne finde ich köstlich. Denn die Gespräche sind ja nicht nur lustig, sondern auch tiefsinnig.
Helmut Laux, Bad Schönborn 6.6.18

So mancher Mann hält seine Coda für wichtiger als seinen übrigen Korpus, ganz zu schweigen von seinem Verstand. Und den Frauen mag es mit ihrer Codetta ähnlich ergehen. Das legt jedenfalls der Roman „Die Sünderin. Wien 1683“ nahe, in dem der osmanische Kriegstreiber Kara Mustafa Pascha sich entsprechend gerieren muss und dabei zur schusseligen Assistenzfigur einer versündifizierten Nonne herabgestuft wird. Und das alles geschildert mit einer quasi teilnehmenden Süffisanz und noch dazu im großen Rahmen der Türkenkriege, die natürlich keine Religionskriege, sondern Kriege um die Vormachtstellung in Europa waren. Der wahre Gewinner wurde schließlich der Kommerz, der mich gerade in diesem Augenblick dazu verführt, mir einen Espresso zu genehmigen und keinesfalls einen türkischen Kaffee und dann die letzte Seite des Romans ein zweites Mal zu lesen.
Guntram Erbe, Hilpoltstein 28. Februar 2018

Bei Amazon.de von Libelle am 22. Februar 2018:
1683: Die Osmanen stehen vor Wien. Das Christentum wird vom Islam bedroht. Da muss etwas geschehen. Die Äbtissin des Klosters hat eine Idee: Der feindliche Sultan soll durch List und Tücke abgewehrt werden. Sie wählt Judith (!) für die Ausführung ihres Plans aus. Diese soll damit büßen für eine besondere Art der Kasteiung, bei der sie erwischt worden ist, und die im kirchlichen Sinne als Sünde ausgelegt wird.
Der Autor zeigt an den Personen im Kloster-Milieu und im Lager des Sultans die Unsinnigkeit und Verbohrtheit des religiösen Fanatismus auf beiden Seiten. Die beabsichtigte Parallele zu heutigen Ereignissen ist offensichtlich. Der menschenverachtende Krieg der Religionen wird anhand der – zum Teil authentischen Personen – erzählt und damit zu einem Erlebnis gemacht, das etwas ganz anderes ist als die nüchternen Berichte in der Tageszeitung. Unbedingt lesenswert.

Der Anfang als Leseprobe:

Zur Orientierung

So kam es über uns Menschen der westlichen Welt: Unaufhaltsam wie die aufgehende Sonne, und zwar aus dem Vorderen Orient. Deshalb nennen wir diese Weltecke Morgenland. Vor sechstausend Jahren hatte es dort bloß den ewigen Streit von Schafhirten gegeben. Dabei ging es um Grasland und Wasser und möglichst viele Schafe, die man sein eigen nennen durfte. Denn nur wer sich an die Spitze von sehr vielen Schafen stellte, war von Bedeutung.

Irgendwann hatte einer der Schafhirten, ein besonders gerissener Typ, Moses mit Namen, den Einfall, sich durch Anbetung nur eines einzigen Gottes von allen Nachbarn zu unterscheiden. Von da an hielten er und seine Anhänger sich nicht mehr nur für bedeutend, sondern sogar für auserwählt, was nicht gut ankam.

Doch dann kam der Tag, an dem sich, ebenfalls im Vorderen Orient, einer aus ihren Reihen, Jesus hieß er, erdreistete, alles etwas anders zu sehen, vor allem auch Gott. Wofür er mit dem Leben bezahlte, aber im Andenken seiner riesigen Anhängerschaft selbst göttlich und damit unsterblich wurde.

Das gefiel eines Tages einem anderen überhaupt nicht mehr, nämlich Mohammed, der ebenfalls im Vorderen Orient lebte. Der wollte den Vorgänger von seinem hohen Thron herunterholen. Zu dem Zweck propagierte er als Prophet seinen eigenen einzigen Gott und befahl seinen Gefolgsleuten, alle Anhänger anderer Götter zu seinem Gott zu bekehren, notfalls mit Gewalt, und sie zu töten, falls sie sich uneinsichtig zeigten.

So kam es zu dem unvergesslichen Schicksalsjahr 1683, in dem Wien, die befestigte Hauptstadt eines der mächtigsten christlichen Reiche im Abendland, von einem unermesslich großen Heer aus dem Morgenland belagert wurde. Die Angreifer erschienen vor den Toren Wiens unter der grünen Fahne des Propheten Mohammed und dem Befehl des türkischen Heerführers Kara Mustafa. Ein viele Wochen langes gewaltiges Ringen begann, das ungezählte Menschenleben kostete. Doch gelang den Türken die Eroberung der Stadt nicht. Schuld war die Unachtsamkeit des türkischen Befehlshabers im entscheidenden Moment. Im Folgenden wird aufgedeckt, wie es zu Kara Mustafas Fehlverhalten kam und damit zum Stopp des Islams und zur Rettung des heißgeliebten christlichen Abendlandes. Was für die einen ein Riesendesaster war, für die anderen ein Glück. Dabei ist die eine Religion wie die andere und die dritte, nämlich im Leben hinderlich, doch beim Sterben tröstlich und durchweg viel besser als die Mehrzahl ihrer Gläubigen.

1.

Sich ausziehen. Was fällt leichter als diese simple Sekundentat. Dabei ist das jedes Mal die Negierung der großartigsten Bemühungen des Homo sapiens um die Maskierung des Tieres genannt Mensch. Und ist für jeden ein Auslöschen auch all der eigenen Überlegungen und schwierigen Entscheidungen um die richtige Bekleidung. Erst recht ist das auch ein Verrat an einer Kulturentwicklung, die Jahrtausende gebraucht hat und nun in einer Momentaktion ruck-zuck abgetan wird. Wird alles erledigt durch ein einfaches Sich-Ausziehen.
Steht da mitten im Raum und bückt sich tief hinab, damit sie das Habit nicht anheben muss. Oder doch nur ganz soeben. Beim Ausziehen all des Störenden. Nachdem sie mit zitternden Händen schon die Kutte weggehängt und den Rosenkranz abgenommen und auf das Betbänkchen gelegt hat. Wonach sie auch alles andere abgelegt hat, was schamhaft schützt und schirmt und wärmt. Alles. Auch – mit unsicherem Gefühl, als ginge sie über eine schwankende Hängebrücke – Weihel und Wimpel, den Schleier und das Brusttuch, genau wie das Stirnband. Alles weg.
Nein, nur fast alles. Obwohl dieser 4. August des Jahres 1683 ein besonders heißer Tag ist. Denn ganz nackt sein, das ist nicht erlaubt. Deshalb wird das Habit, das bis auf die Füße reichende Unterkleid aus grobem Wollstoff, nicht über den Kopf gezogen und weggelegt. Das Habit bleibt, alles bedeckend. Die Nonne greift mit beiden Händen in ihr Haar, das sie nie zeigen darf, nicht einmal lang wachsen lassen soll. Der schwarze Schopf ist kurz geschnitten, platt gedrückt. Jetzt zupft sie die befreiten Haare auseinander, um zu sehen, wie sie mit Haaren aussieht. Aber da ist nichts, was ihr als Spiegel dienen könnte.
Sie lässt die Hände herunterfallen und geht zu dem Stuhl, dem einzigen Sitzmöbel in der engen Zelle. Auf diesem derbbäuerlichen Stollenstuhl aus unlackiertem Eichenholz hat sie die am äußersten Rand des Klostergartens frisch gepflückten Brennnesseln ausgebreitet. Ein Stuhl wie damals daheim, kommt ihr sofort wieder der Gedanke, den jeder Blick zu dem groben Sitz hinüber auslöst. Der Gedanke an daheim. Störend, Tag für Tag, Monat für Monat, Jahr für Jahr. Irritierend.
Jetzt das Habit mit beiden Händen hinten hochgerafft und sich schnell auf den Stuhl gesetzt. Und nur ein leichtes Zucken im Gesicht, als die Nesseln sich in das nackte Fleisch einbrennen. Als das Blut Alarm schlägt. Dass die Hände unter das Kleid fahren möchten, kratzen, streicheln, alles wegwischen. Die Hände, die sie zum Beten gefaltet vor der Brust hält, krampfhaft zusammengehalten, weißknöchelig aneinandergepresst. Um stark zu sein zum Aushalten. Wie sie sich jetzt leicht anhebt und sich neu niedersetzt, wie sie hin und her ruckelt, die Brennnesseln plattwalzt mit ihren bloßen Schenkeln, mit den nackten Batzen. Wie sie das Becken zurückschiebt, die Beine auseinanderdriften lässt, weiter, immer weiter, sich immer noch tiefer hineindrückt in den Schmerz. In diesen wohligen Schmerz.
„Urtica“, haucht sie, „liebe Urtica.“ Denn sie weiß Bescheid und liebt, was sie schon so gut kennt: Die Brennhaare der Brennnessel, die Urtica, diese einzelligen, borstenförmigen Haare, deren angeschwollene Basis prall mit Zellsaft gefüllt ist. Für sie schon Bekannte, nur zu gut bekannt. Sie hat sich nicht merken müssen, was Irmingard, die Bibliotheksschwester, ihr weiter vorgelesen hat über diese beliebte Quälpflanze. Auf ihre inständige Bitte hin. Aus dem dicken Pflanzenkundebuch mit dem Titel Unsere hilfreichen Schwestern rundum, das in der Klosterbibliothek steht. Das einmal gehört zu haben, genügt ihr: „Nach oben hin verjüngt sich das Brennhaar stark. Es endet in einem schräg aufgesetzten Köpfchen. Bei Berührung bricht dieser glasartig spröde Teil ab, wodurch das Brennhaar die Form einer Einstechkanüle bekommt, durch die sich beim Eindringen in Haut der unter Druck stehende Zellsaft ins Gewebe ergießt. Die mit brennendem Schmerz verbundene Entzündung wird durch Natriumformiat, Acetylcholin und Histamin verursacht.“ Ihr längst bekannt, nur zu gut bekannt.
„Jesus“, haucht sie, „Jesus, Jesus, für dich, nur für dich tue ich das.“ Sie rutscht auf dem Stollenstuhl hin und her und flüstert ihrem himmlischen Bräutigam ihre Hingebung zu, während sie brennt, brennt bis in die blutstrotzenden Wangen hinauf, bis in das heiße Wasser, das ihr die Augen überschwemmt. „Für dich, Jesus, nur für dich. Für dich tue ich alles. Und wie gerne. Sag mir, wie ich noch mehr für dich tun kann.“
Und starrt ihn unverwandt an, sieht mit Gieraugen zu dem Kruzifix hinauf, das vor ihr an der Wand hängt. Der einzige Schmuck der kahlen Wände, er wird ihr zum Gegenüber. Schwester Theresia fühlt sich plötzlich nicht mehr allein. Ja, trotz strenger Klausur ein Mann mit ihr in diesem engen Raum. Ein fast völlig nackter Mann, reglos und bleich vor der bettweißen Wand. Fast nackt wie sie selbst. Und wie sie sich jetzt erhebt und auf ihn zu schlurft, ist das Brennen, dieses schreckliche Jucken, kaum noch zu ertragen, weil sie sich nicht mehr an dem harten Sitz reiben kann. Doch bleiben die Hände gefaltet wie miteinander verwachsen. Aber wie sie vor ihn hintritt, zu ihm aufschaut, ihn anstarrt, sich ihm entgegenstreckt, näher und näher, jetzt schon viel näher als ihre Augen noch deutlich ausmachen können, da wird der Mann immer größer, der fast völlig nackte Mann, mit diesem lose um die Lenden geworfenen Tuch, der leidende Mann, so bleich und regungslos. Leidend wie sie selbst. Groß und größer wird er. Überlebensgroß vor ihren wässrigen Augen. Dass sie mit beiden Händen zugreifen muss, ihn von der Wand hebt und auf ihr Gesicht drückt. Dass sie sich mit ihm an die Wand presst und dann vor der kahlen Wand zurückweicht, Schrittchen für Schrittchen, bis sie auf einmal auf dem Fußende der harten Liege sitzt. Und sich nach hinten fallen lässt, immer noch im Kuss vereint mit dem Mann in ihren Händen, dem Mann von der Wand. In begehrlich leckenden Küssen mit ihm eins.
„Nein, du darfst nicht begehren, du darfst nicht begehren“, sagt sie sich vor. „Ich habe das dreifache Gelöbnis der Armut, der Keuschheit und des Gehorsams getan. Ich habe gelobt zu verzichten. Ich will nur …