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Die Berechnung des Glücks – Das Leben des Hermann Heinrich Gossen

Die Berechnung des Glücks – Das Leben des Hermann Heinrich Gossen

von Walter Laufenberg

Verlag

Salon LiteraturVerlag, 2012

Umfang

320 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag

Preis

16,90 €

Review

Ein Mann sucht sein ganzes Leben nach einer wissenschaftlich berechenbaren und philosophisch unterlegten Formel für das Genießen und Glücklichwerden. Was zunächst verrückt und weltfremd anmutet, gelingt: Er findet die Formel – und wird doch selbst nicht glücklich. Aber sein Wissen wurde uns überliefert, gegen seinen Willen. Hier ist es.

Der Name des Mannes hat bisher nur Eingeweihten etwas gesagt: Hermann Heinrich Gossen. Für viele Forscher ist er einer der bedeutendsten Denker, die je gelebt haben, auf einer Stufe stehend mit Nikolaus Kopernikus. Dies ist seine höchst unordentliche Lebensgeschichte.

Ein Roman von beschwingter Lebenslust, ungestillter Neugier und einem tief verwurzelten Streben nach Glück.

Leserkommentare

Für die Lektüre des Romans “Die Berechnung des Glücks” braucht man etwas mehr Zeit, aber es lohnt sich. Ein kapitaler Hirsch! Beinahe ein philosophisches Lehrbuch über das Glück im allgemeinen und die Liebe als Apercu. Und ein unterhaltsam geschriebener Bildungsroman, der gleich nach Goethes “Wilhelm Meister” rangiert. “Die Berechnung des Glücks” gehört in die Reihe unserer nationalen Geschichtsbücher.
Professor Joachim Müller, Berlin und Merzhausen, 25. Mai 2012

Hier der Anfang des Buches als Leseprobe

Der Mann, um den es hier geht, fährt mit
der Postkutsche und großen Hoffnungen
nach Berlin, wo er aber lädiert ankommt.
Dem entsprechend ist, wie er zurückblickt.

Landstraße, also öder Strich durchs Gelände, grauer Schotter zwischen Erfurt und Weimar, rechts ein Graben und links ein Graben, dahinter Felder, Wiesen, Buschland, auch mal ein Waldstück, und darauf ein Unfall, durch den sie zusammen kamen. Armand und Arthur. Der Student aus Bonn war gerade in die Erinnerung an den Roman „Die Leiden des jungen Werther“ abgetaucht. Schon ein paar Jahre her, dass er das Buch gelesen hatte, und noch viel mehr Jahre war es her, dass die jungen Leute so überdehnt sehnsüchtig liebten und sich kleideten wie Werther und so in Tränen ausbrachen und so dramatisch mit ihrem Leben Schluss machten. Was ist ein Leben ohne Liebe wert? Nichts. Also Schuss und aus.

Du, Gossen? Was willst du von mir? – Ach nein, das fragst du mich? – Kann ich dir sagen. Ich will herausfinden, wie du dazu gekommen bist, ein Buch zu schreiben, das man als das Lehrbuch des Genießens bezeichnen könnte.

Das sei verlorene Liebesmühe, meinst du? Weil du selbst das richtige Genießen nicht geschafft hast. – Egal, für mich bist du eine wichtige Entdeckung bei meiner Suche nach der Formel für das Glück.

Ach ja? – Nun, wenn das wahr ist und du die Formel für das Glück kennst, dann werde ich sie dir entlocken. Darauf kannst du dich verlassen. Aber jetzt lass mich bitte weiterschreiben.

Dass mich Werthers unglückliche Liebe damals so gepackt hatte, überlegte der Student in der Postkutsche, das ist eigentlich unverständlich. Eine völlig übertriebene Reaktion. Obwohl – eine Liebe, die nicht zum Erfolg führt, muss eine höllische Qual sein. Erst recht, wenn die Umworbene dann einen anderen heiratet. Blöde Kuh. Aber sich dafür zu erschießen, nein, das könnte mir nicht passieren. Dafür ist das Leben doch zu schön.

Da passierte es. Ob man nun sagt, das Schicksal habe bei dieser Begegnung auf der Landstraße seine Hand im Spiel gehabt, oder nicht, ist unerheblich. Tatsächlich kamen sie bloß durch eine Achtlosigkeit zusammen. Armand und Arthur. Eine besonders tief ausgefahrene Rille in der alten Piste aus großen Steinplatten, in die sie hineingerutscht waren. Das hatte genügt. Und das in Goethes eigenem Land, durchfuhr es Armand, der sich behutsam seinen rechten Fußknöchel massierte. Ein Schock für den heimlichen Verehrer des Dichterfürsten. Geradezu unglaublich. Wusste man doch: Diese Straße war lange Zeit in sehr gutem Zustand gehalten worden. Dafür hatte der Geheimrat Johann Wolfgang von Goethe gesorgt, als er noch im Auftrag seines Freundes, des Herzogs Carl August von Weimar, eine Aufgabe nach der anderen übernommen hatte. Und auch mehrere nebeneinander. Wer ist man denn. Bis er für beinahe alles zuständig war. Wer viel kann, muss viel tun. Pardon, heute sagt man: Synergieeffekte nutzen. Für den Straßenausbau verantwortlich wie für die Herzogliche Bibliothek, für die Feuerwehr und die Rekrutenaushebung, daneben natürlich auch noch für die Theaterleitung und für die Lieferung neuer Stücke, ganz abgesehen davon, dass er der wichtigste Unterhalter am Hof war. Wenn er auch beim Essen nicht an der Fürstentafel sitzen durfte, sondern an einem Nebentisch seinen Platz hatte, weil ihm der Adelstitel fehlte. Auf den musste er viel zu lange warten. Armer Goethe!

Doch an diesem Septembertag des Jahres 1831 wartete der alte Geheimrat in seinem pompösen Haus am Frauenplan in Weimar, längst von einem Amt nach dem anderen entbunden und vom Kaiser mit dem begehrten Adelspartikel, dem großartigen kleinen Wörtchen von geschmückt, nur noch ungeduldig auf die Auslieferung des letzten Bandes seiner vierzigbändigen Gesammelten Werke. Kondensat eines übervollen und glücklich geschafften Lebens. Höchstwahrscheinlich war Goethe mit keinem noch so schnell vorbeihuschenden Gedanken bei dem neuerdings so miserablen Zustand der Straßen im Herzogtum. Viel eher ist anzunehmen, dass der hoch geehrte Dichter sich in dem Moment überflüssig und wie von den Göttern vergessen vorgekommen sein muss, da sein Lebenswerk abgeschlossen war, gedruckt und in prächtigen Bänden zusammengefasst, mit den aufgeprägten und mit Gold eingelegten Ziffern 1 – 40 versehen. Triumph und Niederlage in einem. Ist es doch nicht einfach, sich mit der aus allen Stunden eines jeden neuen Tages unaufhaltsam stur heraustropfenden Erkenntnis abzufinden: Jetzt geht es nicht mehr um mich.

Um dich, das sei viel schlimmer, sei es überhaupt noch nie gegangen, klagst du? Kein Mensch mache sich was aus dir, meinst du? – Ja, wenn du hier einfach hereinpolterst und dich ungefragt zu Wort meldest, nicht als steinerner Gast dastehst, stumm, sondern als virtueller, und mir dazwischen redest, wie soll ich mich dann ernsthaft mit dir beschäftigen? Ich muss dir leider sagen: Du störst.

Aber du meinst, du bist noch viel schlechter dran als der verehrte Herr von Goethe? – Genug, genug, Armand, du kannst dich beruhigen. Hier geht es ja um dich. Nur – auf welche Art ich mich um dich bemühe, um dein Überleben und Nachleben und um deine Meinung vom richtigen Genießen, das musst du mir überlassen.

Einverstanden, sagst du? – Wenn das nicht etwas vorschnell ist. Aber auch verständlich, sind wir doch immer sofort dafür, wenn unser Ich gefüttert oder gehätschelt werden soll.

Du bleibst bei deinem mutigen Wort: Einverstanden? Du nickst. – Damit bist du mir ausgeliefert, vor allem meiner mir selbst ein wenig fragwürdigen Sympathie für dich. Aber auch meinem Mitgefühl, das nicht immer bei Fuß bleibt, wie ein braves Hündchen. Das viel zu gern herumstreunt. Denn mir geht es, ehrlich gesagt, nicht nur um dein Ich. Mir geht es auch um meins.

Du sagst: Trotzdem! – Das klingt gut, du wirst schon sehen, was du davon hast.

Gerade erst Mitte September vorbei, und doch schon mehr ferne Erinnerung an den warmen Sommer, als dass man ihn noch fühlen könnte. Im Land des Großdichters Goethe müsste man den Wetterbericht wohl so formulieren: Die Sonne machte nur zaghafte Versuche, sich gegen die dräuenden Regenwolken und den Sturm durchzusetzen. Jedes Mal von einem heißen Ja aus vielen tausend Seufzern begrüßt. Und doch, obwohl mit großen Augen willkommen geheißen, schnell wieder in den Wolkenkulissen verschwunden. Das Gefühl krallte sich an der Sonne fest, wollte sich noch nicht in den Herbst und Winter hinüberführen lassen. Lieber Helligkeit und Wärme und sanfte Lüfte. Jetzt, jetzt sofort müsste wieder richtig Sommer sein, müsste man sich wieder an den warmen Busen der Sonne schmiegen können. So blieb das Fühlen störrisch hinter den davon flatternden Kalenderblättern zurück. Und hinter dem Herbstlaub, das sie zuverlässig zuzudecken begann und so weiter.
Gut möglich, dass sich der Kutscher von der ärgerlichen Eile des Kalenders hatte hinreißen lassen, als er mit seiner voll besetzten Postkutsche ein Quentchen zu schnell und zu unaufmerksam unterwegs war, nach Osten, gen Weimar. Vielleicht voller Überdruss und Trotz, weil er wusste, dass er mit dieser Fuhre dem Sommer den Rücken gekehrt und sich dem Winter zugewandt hatte. In Berlin, dem Ziel der Reise, würde es noch kälter sein, dort würde ihn noch unwirtlicheres Wetter empfangen. So muss der Mann auf dem Bock gedacht und gefühlt haben, als er für einen Moment die Zügel auf die Lederdecke legte, die Schoß und Beine abdeckte, und sich die Hände warm rieb. Und dabei die tiefe Rille in der Straße übersah. Gleich darauf lag er mit seiner schmucken Postuniform, in der er so hölzern stolz aufzutreten pflegte, im nassen Kraut des Straßengrabens. Aber das Posthorn hing noch an seinem Hals, und die Zügel hielt er wieder fest in den Händen. Instinktiv zugegriffen, als der Wagen wankte, die Lederriemen noch im Fallen stramm gestrafft gehalten, damit die beiden Pferde nicht durchgehen könnten. War ja nicht das erste Mal, dass er so einen Sturz erlebte. Mit schnellem Blick übersah der Kutscher die Situation. Nein, diesmal war kein Rad gebrochen, auch nicht eine Achse. Glück gehabt. Der Wagen hatte sich nur plötzlich viel zu weit zur Seite geneigt, wie ein tückischer Esel, der seine Last abzuschütteln weiß. Das hatte den Kutscher samt seinen Reisenden in den Straßengraben geworfen. Das übliche Reiserisiko.

Als er sich mühsam aufrappelte, genau wie die beiden Damen und Mann für Mann seine übrigen Passagiere neben ihm, hielt auf der ansonsten völlig unbelebten Straße eine kleine Kutsche an, die aus der Gegenrichtung kam. Ein offener Landauer, mit Decken notdürftig zugehängt. Auf dem Bock saß einer, der ein Herr sein musste, mit dem grauen Haar, das unter dem vornehmen steifen Hut hervorquoll und in einen üppigen Backenbart überging, und dem langen schwarzen Mantel über dem dunklen Beinkleid und den eleganten ebenfalls schwarzen blanken Lederschuhen. Der Kopf eines weißen Pudels erschien zwischen den Vorhängen, neugierig äugend, warum es nicht weiterginge. Dem Kutscher im Straßengraben blieb nicht viel Zeit, den anderen und sein Gefährt zu betrachten, weil der mit energischem Kurbeldrehen die Bremse festgezogen hatte, schnell vom Bock gestiegen war und schon auf ihn zukam. Ob er behilflich sein könne, fragte er. Doch stand der Postkutscher bereits wieder recht sicher auf den Beinen und war bemüht, die Pferde zu beruhigen. Und schon waren seine Reisenden dabei, in gemeinsamer Anstrengung die Kutsche ein Stückchen voranzudrücken, um das Rad aus der tiefen Rille zu holen. Dann ging es darum, die verstreuten Gepäckstück einzusammeln und wieder auf das Dach der Kutsche zu hieven und dort festzubinden. Da war dem Kutscher jede helfende Hand willkommen. Das kannten seine Fahrgäste, offenbar sämtlich erfahrene Reisende. Nur ein junger Mann hockte noch im Graben und rieb sich mit schmerzverzerrtem Gesicht den rechten Fußknöchel.

Der vornehme Fremde ging vor dem Verletzten in die Hocke und betastete seinen Fuß, stellte mit beruhigenden Worten fest, dass keine äußere Verletzung zu erkennen sei, drehte und zog an dem Fuß und war sich dann sicher: „Nicht gebrochen, lediglich eine Stauchung.“ Damit kenne er sich aus, sagte er. „Aus eigener leidvoller Erfahrung.“ Dabei nahm er seinen weißen Seidenschal vom Hals und wickelte ihn als feste Bandage um Fuß und Wade des jungen Mannes. Wie weit er es noch habe, wollte er dann wissen. Doch als er hörte, der junge Mann sei Student, im Frühjahr fertig geworden mit seinem Studium in Bonn und nun auf dem Weg nach Berlin, um sich dort für das Wintersemester einschreiben zu lassen, konnte er ein Erschrecken nicht verbergen. Er hatte nur ein Kopfschütteln übrig für die Erklärung des Studenten, er habe eigentlich schon im Sommersemester dort sein wollen, habe aber erst noch seinem alten Vater und seiner alten Mutter und den beiden jüngeren Schwestern bei der Bewirtschaftung ihres Gutes in Muffendorf bei Bonn behilflich sein müssen, einer Aufgabe, die sie ohne ihn leider nur mehr schlecht als recht schafften. Das mit mehr Stolz in der Stimme gesagt, als in der Situation erforderlich war. Vermutlich aber gerade wegen dieser Situation, verletzt und verdreckt neben der Straße im nassen Gras, so verständlich.
Der Fremde zögerte eine Weile, bis er mit der Erklärung überraschte, er komme geradewegs aus Berlin, von dort geflohen, weil die Cholera die Leute dahinraffe, als hätte die Hölle ihre Pforten geöffnet und sämtliche elftausend Teufel auf die Menschheit losgelassen, um sie zu vernichten. Das mit einem solchen Schreckgesicht vorgebracht, dass es dem vor ihm hockenden Studenten ein Lächeln entlockte. Eine Reaktion, die der freundliche Helfer offensichtlich nicht erwartet hatte, sich auch nicht erklären konnte. Er nahm sofort wieder die Haltung eines distinguierten Herrn ein, als er aufsprang, sich förmlich vorstellte und dabei seinen steifen Hut zog, wie es sich gehörte: „Professor Arthur Schopenhauer.“
„Angenehm“, war die ebenso förmliche Antwort, allerdings ohne das obligate Aufspringen. „Armand, eh – nein, Hermann Heinrich Gossen.“
„Angenehm.“
Als der Herr sich schon zum Gehen umgewandt hatte, konnte der Student ihm noch schnell ein „Danke, Menschenfreund!“ hinterher rufen. Was den Fremden wie ein Messerstich in den Rücken eine hastige Kehrtwendung machen ließ. „Nein.“ Und die hastig nachgereichte Erklärung, das sei er nicht, wohlgemerkt, er sei kein Menschenfreund, nein, alles andere als das. „Ein Mensch ja, nolens volens“, rief er, „aber ganz und gar kein Menschenfreund. Ich doch nicht!“
Und auf die erstaunte Frage, ihm hinterher gerufen, wieso er dann, als ein vornehmer Herr und Professor, sich so freundlich zu ihm, dem unbekannten Studenten, herabgelassen und sich um seine Verletzung gekümmert habe, erklärte der Fremde, bereits beim Aufsteigen auf den Bock seiner kleinen Kutsche, deren Bremse er eilig losdrehte, mit lauter Stimme:
„Ich gehorche damit bloß dem Moralischen Gesetz, das ich aufgestellt habe: Verletze niemanden und hilf jedem, soweit du kannst!“
Heute würde sich mit so einem Fall ein Rechtsanwalt beschäftigen, damals genügte ein Philosoph. Von dem nun bloß noch ein aufmunterndes Schnalzen mit der Zunge zu hören war, und schon enteilte der Landauer dem verwunderten Blick des Studenten, der mit Schmerzen und etwas Mühe als letzter in die Postkutsche kletterte.

Nach einer ihm endlos erscheinenden Reise am dreizehnten Tag doch endlich das Stadttor von Berlin passiert. Durchgerüttelt und steifgesessen, auch frierend, weil er in den Poststationen mit ihrem Lärm zu wenig geschlafen hatte, das unterschied ihn nicht von seinen Reisegenossen, nur die Pferde waren immer frisch, atmete er doch erleichtert auf: Endlich in Berlin angekommen. Was heute ein Fünf-Stunden-Sprung von einer Stadt zur anderen ist, das hatte ihn fast zwei Wochen lang zum Stillsitzen gezwungen und zum Ertragen fremder Menschen, ihrer banalen Gespräche und ihrem Schniefen, Husten, Niesen, Furzen. Und das nur, weil er es seinem Vater nicht hatte zumuten wollen, den viel höheren Fahrpreis für die bequemere Schnellpost zu zahlen, die neuerdings über die Landstraßen raste.
Zwar mit einigen Befürchtungen wegen der von dem freundlichen fremden Professor erwähnten Cholera, aber mit trotzigem Dennoch im Sinn, was blieb ihm auch anderes übrig, suchte Hermann Heinrich Gossen gleich das Haus der Witwe Eusebius auf, die ihm von einem Kommilitonen in Bonn empfohlen worden war. Bei ihr gebe es immer ein freies Zimmer, hatte der ihm versichert, weil es bei ihr aus- und eingehe, wie in einem Bienenhaus. Armand, bei dem Namen, mit dem er zuhause gerufen wurde, war er in der Bonner Universität geblieben, hatte diese Empfehlung zwar nicht gerade positiv gefunden, doch stammte der Studienfreund aus Berlin, also musste sein Hinweis eine echte Hilfe sein. Insiderwissen: Die Witwe Eusebius habe eine riesengroße Wohnung gleich im Zentrum der Stadt, am Gendarmenmarkt, über den am Abend die hübschesten Ladenmädchen flanierten. Zudem liege ihr Etablissement in unmittelbarer Nähe zu den beliebtesten Cafés und besten Wirtshäusern, hatte der Freund ihm vorgeschwärmt. Ihr Mann sei ein hoher Offizier der preußischen Armee gewesen, längst verstorben, natürlich friedlich im Bett und an einem Leberschaden, wie sich das für einen tüchtigen Offizier gehörte, aber viel zu früh abgegangen, um seiner Frau eine ordentliche Rente zu hinterlassen, weshalb sie nun die Zimmer ihrer zu großen Wohnung einzeln vermieten müsse.
Ein prächtiges dreigeschossiges Haus, ein massiver Steinbau, stellte Gossen fest. Ähnlich den Patriziervillen in Bonn, die für einen Studenten nur das Kellergeschoss übrig haben. So eine unterirdische Behausung hier aber bitte nicht! Da kam die Witwe Eusebius dem Neuankömmling auch schon bis unter den Türsturz entgegen und empfing den jungen Mann mit dem weißen Seidenschal am Bein mit einer Herzlichkeit, als kehre ein blessierter Held aus dem Krieg heim, blass und hochdekoriert. Zwar war sie in ihrer Haltung und Aufmachung ganz die Offiziersgattin, kerzengerade und akkurat hochgeschlossen und mit offiziellem Lächeln, nicht zu breit, nicht zu geschäftstüchtig, doch wie sie sich besorgt um seine Verletzung kümmerte, das tat dem Studiosus aus Bonn gut. Fast bedauerte er, dass er kein blutdurchtränktes Beinkleid zeigen konnte, keinen Wundbrand, auch kein gebrochenes Glied, bei dem ein zersplitterter Knochen sich schräg durch die Haut drückte. Die resolute Witwe wies das hinter ihr stehende Hausmädchen an, sein kleines Gepäck in das Zimmer zu tragen, das gerade frei geworden war, und half dann selbst mit kräftigem Griff dem vorsichtig Humpelnden die Treppe in die Beletage hinauf. Dort nahm sie ihm den weißen Verband ab, um nach der Verletzung zu sehen, bewunderte dann aber mangels einer sichtbaren Wunde nur wortreich die Qualität des Seidenschals und bot sich sofort an, das gute Stück sorgsam waschen und bügeln zu lassen.
Hier wird man nach dem beurteilt, was man am Leib hat, verstand Gossen. Das ist wohl typisch Hauptstadt, bemühte er sich um eine Erklärung dieses Phänomens. Ja, hier kommen mehr Fremde zusammen als anderswo, und an irgendwas muss man sich doch orientieren, wenn man nicht auf Räuber und Scharlatane hereinfallen will. Also achtet man auf die Kleidung. Gut zu wissen. Womit ich, stellte er zufrieden fest, kaum in der Kapitale angekommen, schon eine erste Lebensweisheit gelernt habe.

Er sollte bald sicher sein, dass er mit dem Rat des Kommilitonen in Bonn gut bedient worden war. Die Witwe Eusebius kümmerte sich mit rührender Hingabe um ihre vier Gäste, die jeder für sich ein geräumiges Zimmer mit Kamin hatten, wenn sie sich auch das Häuschen mit dem Herzen in der Tür, das auf dem Hof stand, teilen mussten, was oft zu geduldigem Abwarten zwang. Auch das Hausmädchen, ein hübsches junges Weibchen, das einen sonderbaren Dialekt sprach, müsste man sich also teilen, hat Gossen sofort verstanden. Denn mehr als ein einziges Dienstmädchen hielt die Witwe sich nicht. Dafür war das Frühstück, das sie ihren Gästen in dem geräumigen Esszimmer bot, so liebevoll bereitet und so opulent, dass man sich das Mittagessen sparen konnte. Es war deutlich, die Wirtin legte Wert darauf, eine komplette Morgenspeise zu bereiten, mit heißer Milch und Ei im Glas und geröstetem Weißbrot zum Schinken und dreierlei Käse, ein Angebot, das dem bemüht vornehmen Dekor des Salons entsprach. Schmückten doch rundum Gemälde in schwülstigen Goldrahmen den Raum, Ölbilder, die große Schlachtenszenen zeigten, wobei die preußischen Truppen immer wieder siegten. Wand für Wand und Morgen für Morgen. Daneben hingen Dolche und Säbel und einige Wimpel in den preußischen Farben Schwarz und Weiß, die Hochachtung forderten. An seinem ersten Morgen konnte Armand es sich gerade noch versagen, vor diesen Hoheits-Utensilien eine stramme Haltung anzunehmen und sie untertänigst zu grüßen. Wir leben im Frieden, hatte er sich schnell klargemacht, Napoleon ist passé, und wir räkeln uns in der bequemen Sofaecke der deutschen Länder und Ländchen. Und das ist gut so. Sollen die Militaria an den Wänden ruhig zustauben, Hauptsache, das Ei ist frisch und hat die richtige Konsistenz. Und der silberne Salzstreuer ist jeden Tag blank geputzt und neu gefüllt, mit feinem weißem Salz, ein paar Reiskörner dabei, damit es trocken bleibt. Eine Hausfrauenweisheit, die ihn schon bei seiner Mutter überrascht hatte. Jetzt erfreute ihn die Feststellung, dass auch solche Erkenntnis, die auf Erfahrung beruht, sich schon von Ort zu Ort weiter verbreitet hatte, vermutlich weil sie von den Jahresalmanachen und illustrierten Blättern weitergetragen wurde.

Wie? Von diesen Geschreibselsammlungen hast du überhaupt nichts gehalten? – Ja, ich weiß, hättest du aber sollen, mein lieber Armand. Dann wäre dein Leben anders verlaufen und hätte viel freudvoller geendet. Doch kommt das später. Verdammt, du bringst mich durcheinander. Sei so gut und halt den Mund!

Im quirligen Betrieb an der Universität fand der Neue am nächsten Tag schnell heraus, dass sein Name Armand, den er auf dem Anmeldebogen geschrieben hatte, zu seinem Geburtsdatum 7. September 1810 in Düren, auf ungläubiges Erstaunen und sogar auf Ablehnung stieß. Erst recht sein kompletter Taufname Henri Guillaume Joseph Armand Gossen, den er in der Registratur der Universität angeben musste. Was für empörte Blicke es ihm einbrachte, dass er seinen Namen in perfektem Französisch genannt hatte. Die Berliner hatten offensichtlich die Besetzung durch Napoleons Truppen nicht vergessen. Noch stak dieser demütigende Stachel im Selbstwertgefühl der stolzen Hauptstädter. Für die nasale Feinheit unserer Nachbarsprache haben sie kein Ohr. Das muss ich berücksichtigen. Damit hatte der Neuling schon die nächste Lebensweisheit gelernt. Er musste sich klarmachen: Französisches kommt hier nicht gut an, obwohl doch der König Friedrich der Große Französisch gesprochen und geschrieben hatte. Nun gut, der ist längst irgendwo im Jenseits. Da soll er sprechen, wie er will oder kann. Ich aber muss wohl wieder zu Hermann Heinrich Gossen werden. Ohnehin habe ich den Beinamen Heinrich ja nie in Henri umgeformt. Dabei wäre das genauso berechtigt gewesen wie die Verwandlung von Hermann in Armand, mit der ich bisher immer gut angesehen war. Mit recht. Schließlich bin ich ja in Frankreich geboren und getauft worden. „Armoh Onri“, flüsterte er näselnd vor sich hin, „Armoh Onri. – Wenigstens noch dieses letzte Mal.“

Ja, warum sollte ich verleugnen, wer ich bin und woher ich komme? Mein Vaterhaus stand in der Aachener Straße von Düren, der Stadt am Rande der Eifel, und es hatte die Hausnummer 309. Düren gehörte damals zum französischen Roerdepartement. Wenn auch noch nicht lange, hatten die französischen Truppen das Gebiet doch erst in den Revolutionskriegen von 1792 – 1794 erobert. Ich war immerhin, so klein ich noch war, ein Untertan des französischen Kaisers Napoleon Bonaparte. Wenigstens in den ersten fünf Jahren meines Lebens. Stets munter soll ich gewesen sein, wenn auch bei zarter Gesundheit. Der umsorgte Liebling der Mutter, die neben mir ja noch ihre zwei Töchter hatte. Also eine glückliche Kindheit, wie man so sagt. Bis sich daheim alles von Grund auf änderte.

(Ende der Leseprobe. Die nachfolgende Werbung ist von mir nicht beeinflussbar, stellt also nicht unbedingt meine Meinung dar)