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Der gemalte Tod

Der gemalte Tod

von Walter Laufenberg

Umfang:

232 Seiten

ISBN:

978-3-939321-32-3

Verlag:

SALONLiteraturVERLAG München
1. Auflage 2011

Preis:

€ 15,50

Review

Der Autor liest aus "Der gemalte Tod" auf der Leipziger Buchmesse im März 2011 (Foto: Brigitte Gutmann)

Der Autor liest aus “Der gemalte Tod” auf der Leipziger Buchmesse im März 2011 (Foto: Brigitte Gutmann)

Dazu schreibt der Verlag:

Am Eyjafjord im hohen Norden Islands hat der Autor in einem unscheinbaren Holzkirchlein das bunte Altarbild entdeckt, das Auslöser eines grässlichen Verbrechens wurde. Erschien doch im Jahre 1850 ein fremder junger Maler bei dem Pfarrer von Svalbard, der in diesen letzten Ort der bewohnten Welt strafversetzt worden war. Der junge Maler versprach zu malen, was der Pfarrer schmerzlich vermisste, nämlich ein Altarbild für seine kahle Kirche. Damit kam das Unheil in Gang.

Der Roman, alles andere als ein frommes Buch, lässt Island als den Tummelplatz vieler Gottheiten deutlich werden. Und die Leser sind mittendrin in dem Gerangel. Zeigt sich der Glaube der Isländer doch in einem so nirgendwo in der westlichen Welt anzutreffenden Nebeneinander. Da lebt noch die Naturreligion, in der die Gnome, Huldren, Elfen, Feen, Wichte und Trolle eine genau so große Rolle spielen wie die nordische Mythologie mit Thor, Odin, Freya, Ägir und den Nornen. Dem übergestülpt zeigen sich die heftig zerstrittenen christlichen Glaubensrichtungen. Und zu allem Überfluss verrät sich noch der in dem bunten Altarbild versteckte geheime Judaskult. Metaphysische Angebote wie aus dem Katalog. Und das gilt bis heute. Die Menschen nehmen sich von dem und von dem, was ihnen gerade gefällt. Doch kann das tödlich sein.

DER ROMAN IM LESERURTEIL:

Was Ihren Roman angeht, so habe ich ihn an einem Stück gelesen, fand die Natur, das Klima, die Menschen und ihre Lebensweise sehr eindringlich dargestellt. Sehr bildlich vor allem. Das Buch könnte eine wunderbare Vorlage für einen Islandfilm sein, vor allem wegen der grandiosen unwirtlichen Natur und den verschiedenen Personen, die alle auf ihre Art Charaktere sind. Dazu die phantastischen Elemente. Wegen der gleichfalls bildhaften und doch schlichten Sprache und dem Humor des Erzählers, der ja eine gewisse Distanz zu dem Erzählten hat, könnte ich mir den “Gemalten Tod” auch sehr gut als Hörbuch vorstellen. Also für mich ist es ein Text, den ich wunderbar visualisieren kann und den ich, so glaube ich, auch gut über das Ohr aufnehmen könnte. Vermutlich haben Sie bei Lesungen die Erfahrung gemacht, dass die Texte gut ankommen.
Prof. Dr. Helga Abret, Orange/Frankreich 24. 1. 2012

DER ANFANG ALS LESEPROBE:

1.

Der Tag kam so scheu über die Stadt, als wollte er lieber Nacht bleiben. Mit unsicherem Dämmerlicht legte er sich auf die Häuser, wie um die Bewohner in Tiefschlaf zu halten statt sie wachzurütteln. Es war zum Augenreiben. Dass die verhuschte Sonne sich kaum einmal sehen ließ, daran war man ja schon gewöhnt, Winterzeit. Aber dass der feine helle Mondhaken der letzten Nächte weggeschmolzen war, im Überalldunkel verloren gegangen, das ließ die Menschen in der Hauptstadt dieses einsamen Felsklotzes im Nordatlantik geduckt in den neuen Morgen hineinwanken, noch mehr niedergedrückt als sonst. Das ließ sie so aussehen, wie sie sich fühlten, schattenlos wie sie waren und von allen Gestirnen verlassen. Dabei den stürmischen Wind, der vom Hafen herauf wehte, im Gesicht, eiskalt. Wie Todeshauch. Widerlich. Jedes Grab wäre eine willkommene Zuflucht. Doch musste man weiter. Jeder Morgen hat sein Ziel, jeder Tag seine Aufgabe, da fragt man nicht nach dem Sinn seiner Anstrengungen.
Dabei ließ der Sturm nicht nach, er verschwand auch nicht bei der Flucht um die nächste Ecke. Selbst in den letzten verwinkelten Gassen gab es keinen Schutz vor dem eisigen Wehen. Es riss den Menschen die Worte wie Eiszapfen vom Mund, die sich wie jeden Morgen begegneten und nicht grüßten, kaum nickten, beide Hände tief in den Taschen verstaut, diesen Allemorgenmenschen, die sich jetzt jedoch die grelle Neuigkeit zuriefen: „Der Bischof ist tot!“
„Was?“
„Ja, erhängt!“
„Ach, Unsinn!“
„Doch, wirklich! Hat sich aufgeknüpft!“
„Unser Bischof doch nicht!“
„Wieso nicht? Richtig so!“
„Ja. Ist doch seine Schuld, dass die Scheiß-Katholiken jetzt wieder so stark werden.“
„Pech gehabt und deshalb Schluss gemacht.“
„Wieso das?“
„Weiß der Himmel warum.“
„Unser Bischof hat sich in seinem Garten aufgehängt“, wusste einer es genauer, wagte es seinem Nachbarn aber nur zuzuraunen. „Habe ihn gesehen, wie er da hing.“
„In seinem Garten?“
„Ja, in der großen Birke, die da steht.“
„Na, und? Das sagt noch nichts. Da ist er oft reingeklettert, hat Birkenreiser geschnitten, als Schmuck für den Altar.“
„Du sagst: Er hing in der Birke?“, fragte ein anderer Nachbar, der dazugekommen war.
„Ja, nein“, gab der zu, der stehengeblieben war. „Er hatte da gehangen, aber der Strick war gerissen, da war er runtergefallen, auf den Rand von dem Brunnen aufgeschlagen, aus dem immer das heiße Wasser hochschießt. Der Bischof war aufgeplatzt, scheußlich anzusehen, wie ihm die Gedärme aus dem Leib hingen.“ Schon standen drei, vier von den vermummten Morgengestalten bei ihm, gleich darauf sechs.
„Das kann ich nicht glauben“, meinte einer.
„Warum nicht? Er ist abgestürzt“, widersprach ein anderer. Ein vornehm Gekleideter. Man kannte ihn. Er war der Apotheker. Ein Mitglied des Kirchenvorstandes. Deshalb konnte er mit einem Bibelzitat glänzen: „Er ist mitten entzweigeborsten und hat all seine Eingeweide ausgeschüttet. Ganz so, wie es in der Apostelgeschichte des Lucas geschrieben steht.“
„Du bist ja verrückt.“
„Nicht so verrückt wie du, ungläubiger Thomas!“
Was auch immer es war, was sich da ereignet hatte hinter dem prächtigen zweigeschossigen Palais des immerhin schon 76-jährigen evangelischen Bischofs Helgi Gudmundsson in der Reykjaviker Laikjágata Nummer 4, an diesem dunklen Januarmorgen des Jahres 1861 oder in der Nacht zuvor, wer könnte das unterscheiden, es wurde sofort zum Stadtgespräch in Reykjavik, der kleinen Hauptstadt Islands. Gerüchte schwirrten um die niedrigen Häuser, die sich jetzt zu ducken schienen, wie die Menschen unter dem Wind. Vermutungen. Hämische Bemerkungen auch. Dazwischen viel Bedauern. Und Erklärungen der abstrusesten Art. Jeder bemühte sich, von den anderen mehr zu erfahren, als die ihm sagen konnten. Da wurden wirre Vorstellungen zu Worten und Gewissheiten, Vergleiche zu Beweisen, Wünsche zu Geschehenem und Tatsachen zu Schemen. Lauter wirr herumgaukelnde Kopfgeburten, die sich wie Rauch verflüchtigten.

Das Geflecht von Wahn und Wirklichkeit dieses düster-stürmischen Januarmorgens zu entwirren und endlich klar auszusprechen, was Wahrheit ist und was nicht, das ist auch rund hundertfünfzig Jahre später noch eine ungelöste Aufgabe. Und eine beinahe unlösbare. – Aber, wenn man genauer hinschaut und aufmerksamer zuhört, wenn man ein Ohr hat für das, was sich hinter dem gesprochenen Wort zu verbergen sucht, ist diese Aufgabe zum Glück nur beinahe unlösbar.

2.

Als hätte vor langen Zeiten Thor, der Donnergott, mit seinem Hammer dem Felsklotz im schäumenden Meer einen gewaltigen Schlag auf den Kopf gegeben, der einen Riesenspalt aufriss, so lag er da, der Eyjafjord. Eine weit klaffende offene Wunde im hohen Norden der Insel Island. Zu beiden Seiten flankiert von diesem regellosen Steingeklumpe, in Wellen sich immer höher aufwerfend, und wo nicht Schnee und Eis alles abdeckte, von einem grünen Flor bedeckt.
In der sich streckenden und dehnenden Winterzeit ließen sich die Eisberge vom arktischen Wind so tief in diese Wunde hineintreiben, wie um die Verletzung zu kühlen, dass die Menschen am Fjord die Fensterchen ihrer Hütten mit Schaffellen verhängten, um das wallende Eis nicht zu sehen. Um nicht verzweifeln zu müssen. Die durchsichtigen Schweinsblasen vor dem Ausguck der Armen genau wie die kleinen Glasscheiben in den Fensterrahmen der Wohlhabenden ließen die lautlos herandrängenden Eisungetüme so erschreckend gewaltig wirken. Wie übermütige Riesentrolle, in weite Eisbärfelle gehüllt, die unbekümmert und unaufhaltsam alles zermalmen, wenn sie an Land tappen.

Dabei – was war das doch schon ohne die Eiskolosse, ohne diese täppischen Trolle für ein hartes Leben am Eyjafjord. In den kurzen Sommern trieben die Fischer ihre Boote mit energischen Ruderschlägen viele Tage und Nächte weit hinaus aufs offene Meer, wenn die Segel sich nicht diensteifrig blähten. War doch kein Verlass auf den Wind, der immer wieder von der falschen Seite kam. Als ob er nicht wüsste, wohin die Boote wollten. Trotzig dagegen ankämpfen. Das gab schwielige Hände. Aber dann, draußen auf der endlosen Wasserweite, da rafften die Männer mit ihren Netzen und starken Armen in Eile zusammen, was das Meer ihnen an Nahrung bot. Denn allein von dem kleinen Garten hinter der Hütte konnte man nicht leben. Die karge Krume, die nach der seltenen Sonne lechzte, sie war mehr Hoffnung als Habe, mehr Trost – eigentlich nur ein Versprechen, das noch nie eingelöst wurde.
Der Sommer floh immer zu schnell vorbei. Schon wieder Winter. Dann standen die Schafe und Kühe in ihren Unterkünften, die aus dicken Torfwänden errichtet waren und doch stabiler wirkten als sie waren. Mit ihrem aus Bruchsteinen und Schwemmholz gefügten und mit Grassoden dick belegten Dach. Diese immer wieder zerbröckelnden Ställe, die stets sofort ausgebessert werden mussten. Im Schnee, der neun Monate alles zudeckte, scharrten nur noch die Pferde draußen. Manchmal auch wagten Hühner sich hinaus, unbelehrbar bemüht, unter dem Überallweiß etwas zum Picken zu finden.

Kaum dass die Fischer von der Fangfahrt heimgekehrt waren, hingen die Fische schon zum Trocknen an den Holzgestellen am Ufer. Hingen da, von eifrigen Händen ausgenommen, um vom Belebten, vom Weichen und wild Beweglichen, ins Unbelebte verwandelt zu werden, ins Harte und Steife. Die Frauen waren zuständig für den Tausch Leben gegen Tod. Wen wunderte das? Die Männer hatten die härteren Hände und stärkeren Arme, aber die Frauen hatten die flinkeren Hände und geschickteren Finger. Deshalb. Und waren sie nicht die Lebensspenderinnen? Gegen diese verquere Logik gab es für die Fische keine Einspruchsmöglichkeit. Nicht mehr das Wasser war nun ihr Element, sondern die Luft. Der Tod ließ sie leicht ertragen, was ihnen völlig unbekannt gewesen war. Als wäre das Ufer festlich beflaggt, so flatterte der Stockfisch im Wind, für die Menschen ein tröstlicher Anblick, wenn die Sonne sich schon wieder viel zu eilig verabschiedet hatte. Dieses Kommen und Gehen von Sommer und Winter, dieses stur gleichmäßige Ein- und Ausatmen der Natur, es bot den Menschen am Eyjafjord den fürs Überleben nötigen Halt, weil es sie zu stets gleichem Tätigsein nötigte. Ein jeder wusste, was er zu tun hatte, Tag für Tag, Woche für Woche, Monat für Monat, Jahr für Jahr, und niemand fragte sich, warum das alles.

(Ende der Leseprobe. Die nachfolgende Werbung ist von mir nicht beeinflussbar, stellt also nicht unbedingt meine Meinung dar)