Kurz und gut

Die Kurz-Kurzgeschichte

Die Droge Wort ist wiederzuentdecken. Und zwar in der halluzinogenen Erscheinungsform, in der bewußtseinserweiternden. Denn das Wort von heute ist zur Leerformel verkommen. Das Wort, das sich uns tagtäglich aufdrängt, ist eine taube Nuss, ist destilliertes Wasser, ist total gedimmtes Licht – ist schon weitgehend vom Codewort zum Kotwort mutiert. Weil es zuviel von Politikern in den Mund genommen wird, zu eifrig von Journalisten auf Zeitungsformat zusammengepresst.

Das Wort als Droge gilt es wiederzuentdecken. Aber wo? So wenig die bewußtseinserweiternden Drogen mit der Drogerie zu tun haben, so wenig hat das bewußtseinserweiternde Wort mit den Institutionen zu tun, die viele Worte machen, die das große Wort führen, die Worte besetzen und sich mit Worten bekämpfen.
Zur Droge wird das Wort erst in der Literatur. Ein Satz, der nicht ohne weiteres umkehrbar ist; dafür gibt es viel zuviel an moderner Literatur, die einen unbeeindruckt bleiben läßt. Dennoch gilt: Das Dorado des Wortes ist die Literatur. Da kann es goldglänzend auftreten und feuerspeiend, donnergrollend und händchenhaltend, suggestiv und umwerfend. Wie es euch gefällt. Die wirkkräftigen Worte von gestern sind meist Verse. Sie sind Worte, so perfekt formuliert, so eingängig, daß sie einmal gelernt als eine eiserne Reserve durchs Leben begleiten. Kriegsgefangene haben oft davon berichtet, daß ihnen einige wenige alte Verse, die sie sich immer wieder vorgesagt haben, geholfen haben zu überleben. Die moderne Literatur bildet solche Worte nicht mehr, nicht nur, weil sie den Reim, die Merkhilfe, weitgehend überwunden hat, sie ist auch zu wortreich geworden, um noch Wortkräfte zu entfalten.

Halluzinogen, bewußtseinserweiternd können heute Kurztexte wirken, aber nur, wenn sie mehr sind als die Komprimierung zur schlichten Pillenform erwarten läßt, wenn sie nach mehr schmecken als nach nützlichen Pharmaka oder gesunden Gerichten, wenn sie high machen statt müde, satt und zufrieden. Das ist die Chance der Kurz-Kurzgeschichte, zugleich auch schon ein wesentlicher Bestandteil ihrer Definition. Die Kurz-Kurzgeschichte sieht die Welt wie durchs Fernglas: Ein winziger Ausschnitt bekommt Größe, bekommt Bedeutung; oder die Welt wird auf ungewohnte Weise distanziert gesehen, als hätte man das Glas falschherum angesetzt. Aber sobald man das Fernglas vom Auge nimmt, steht man wieder der ganzen Welt gegenüber. Doch von dem Blick durchs Glas bleibt nicht nur die Erinnerung – an eine andere Welt, es bleibt ein verändertes Bewußtsein.

Die Kurz-Kurzgeschichte, so sehr sie äußerlich literarischen Formen wie der Metapher, der Parabel oder der Inhaltsangabe gleichen mag, der Fabel, dem Storyboard, dem Trailer, der Anekdote oder dem Witz, dem bloßen Gesprächsfetzen als Notiz, sie ist doch viel mehr. Sie bringt auf einer Seite, wofür ein Roman Hunderte von Seiten braucht. Sie ist bei aller Kürze eine komplette Erzählung, ist eine runde Story, weil auch alles vom Autor Weggelassene im Bewußtsein des Lesers aktiviert wird. Sie hält sich nicht mit einer Disposition auf, sondern steigt einfach irgendwo ein, sie führt in klassischer Manier zu einem Clou und endet – in allem wie die Kurzgeschichte – abrupt, zum Weiterdenken auffordernd.

Ist die Kurzgeschichte eine Ballettszene, ist die Kurz-Kurzgeschichte die einzelne, einsame Pirouette. Eine Geschichte, die – kaum begonnen – schon zuende ist und dennoch voller Spannung, voller Anstöße zur Erweiterung des Bewußtseins und – im wahren Wortsinn – nachdenklich machend. Vielleicht auch quälend. Oder alarmierend. Oder wie ein plötzlicher Ausrutscher auf vereistem Gehweg wirkend.
Das wesentliche Gestaltungsmittel, so banal das klingen mag, ist für die Kurz-Kurzgeschichte ihre Kürze. Und die braucht sie nicht etwa nur zur Vermeidung von Redundanz. Geschenkt. Schon gar nicht geht es um Rücksicht auf die abgelenkten und stets unter Zeitdruck stehenden Zeitgenossen. Es geht um eine beinahe zenbuddhistisch anmutende äußerste Konzentriertheit, beim Autor wie beim Leser.
Nun bedeutet für den Autor Kürze bekanntlich nicht Erleichterung der Arbeit, sondern Erschwerung. Denn in einem kurzen Text bekommt jedes einzelne Wort im Verhältnis zum Gesamten ein nur noch in Kilogramm vorstellbares Gewicht, genauso jede einzelne Auslassung, jede Andeutung, jede Redefigur, jede geweckte Assoziation. In der Kurz-Kurzgeschichte werden die Bedeutungen noch potenziert. Hier geht es schon bei jeder Silbe um Zentnergewichte, genau wie bei allem Ausgesparten, und es ist viel mehr ausgespart als bei der Kurzgeschichte. Und doch soll die Kurz-Kurzgeschichte die Leichtigkeit einer Pirouette zeigen, den Spitzentanz vorführen, der zu spontanem Applaus verleitet.

So sicher Drogengenuß für den Nichtkenner zum bad trip führt, so sicher läßt die Pirouette den Tanzunerfahrenen auf die Nase fallen. Deshalb ist die Kurz-Kurzgeschichte nur als das Ergebnis einer sehr langen Bemühung um das Wort möglich. Sie ist das Spitzenprodukt einer ausgeschriebenen Feder. Wer so extrem verdichtet erzählen kann, daß eine lesenswerte Kurz-Kurzgeschichte entsteht, der ist ein Dichter.

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