Kommt bald das erste Fernsehspiel?

Eine Pro-Vokation

Geben wir es doch zu: Unser Gerede vom Original-Fernsehspiel gleicht immer noch der Bewunderung für des Kaisers neue Kleider. Genau besehen ist da nichts. Das sogenannte Fernsehspiel ist entweder ein Spielfilm oder ein Theaterstück, egal ob gefilmt oder aufgezeichnet. Und selbst drei hintereinander an einem Abend, ohne Pausen aneinandergereiht, machen noch lange kein Fernsehspiel, sondern nur die Zuschauer meschugge. Ein Fernsehspiel als eigene Kunstform des Fernsehens, das gibt es auch gut sechzig Jahre nach der TV-Geburt noch nicht. An dem Geständnis führt kein Weg vorbei. Das Fernsehen ist nackt.

Nun könnte man sich fragen: Muß es denn unbedingt ein Fernsehspiel geben, wenn es auch ohne geht? – Die Frage führt in die Irre. Denn eine künstlerische Gattung wird bekanntlich nicht geschaffen. Sie entsteht ganz von selbst, sobald sie als künstlerische Herausforderung empfunden wird und die Bedingungen dazu gegeben sind. Von diesem Podest aus kann man sagen: Es sieht so aus, als ob das Fernsehspiel als eigenständige Kunstform des Mediums Fernsehen jetzt vor der Tür stehe. Gehen wir diesem Adventsgefühl einmal nüchtern schlußfolgernd nach.

Aus der Entwicklung des Hörfunks kann der Trost bezogen werden: So was dauert. Bis man die spezifische Spielform des Radios erkannt und verwirklicht hat, nämlich das Hörspiel, vergingen viele Jahre. In Deutschland wie auch in England und Frankreich wurden die ersten Original-Hörspiele erst 1924 produziert. Und das, obwohl es schon seit dem Ersten Weltkrieg richtige Rundfunkprogramme gab und obwohl schon 1912 in London die erste Funkausstellung der Welt stattgefunden hatte. Das Wort hatte im Radio zunächst nur Bedeutung bei der Lesung literarischer Werke, als Vortrag, Nachricht und Ansage. Heute ist das Hörspiel als eigene Kunstgattung anerkannt und selbstverständlich. Es konnte sich etablieren, als man die spezifischen Möglichkeiten des Hörfunks erkannte. Das Hörspiel, so lautet heute die Definition, ist Imagination und entsteht durch Sendung, es wird erst wirklich mit Hilfe der Mikrofone und der Beteiligung des Zuhörers, der sich selbst die Bilder zu den Texten schafft. Das Hörspiel kann nicht anders produziert werden, ohne völlig umgearbeitet zu werden und damit etwas anderes zu sein. Deshalb ist das Hörspiel als eigenständige Kunstform sogar für viele renommierte Autoren reizvoll geworden.

Längst ist uns selbstverständlich: Das Hörspiel lebt vom Überwinden der Zeitdimension. Es ist geradezu ein Spiel mit der Kategorie Zeit, deren unterschiedlicher Einsatz die Ebenen der Handlung ergibt. Die Gleichzeitigkeit und die Durchdringung von Gegenwärtigem und Vergangenem mit Erträumtem und Erwartetem, das ergibt die „Hörbühne“ im Einzelbewußtsein. Das Hörspiel hat damit seine eigene Bühne gefunden und sich zur jüngsten selbständigen Kunstgattung epischer Art entwickelt. Klar, daß es sich auch weiterentwickelt hat, über Stationen wie Neues Hörspiel und Original-Hörspiel und Audioart, und sich weiterentwickeln wird.

Eine ähnliche Sternstunde gab es beim Fernsehen noch nicht, wenn man nicht Videoart als die Kunstform des Fernsehens bezeichnen will, dieses Spielen der Video-Freaks mit Licht und Farben und ihren speziellen Effekten. Was Ende der 70 Jahre des vergangenen Jahrhunderts an elektronischen Spielen für den Bildschirm aufkam, das waren schon eher Fernsehspiele als die in der Funkillustrierten ausgedruckten. Nur hatten sie das Pech, daß der Begriff Fernsehspiel schon besetzt war, wenn auch nur von einem Hochstapler-Fernsehspiel. Das heißt: Ein Fernsehspiel wird dem Hörspiel den Rang als jüngste Kunstgattung epischer Art erst streitig machen können, wenn es seine spezifische „Bühne“ entdeckt hat. Für deren Bestimmung kann vorab festgestellt werden: das Fernsehen und damit auch das Fernsehspiel ist sehr stark von materiellen Voraussetzungen abhängig, im Gegensatz zu dem beinahe immateriell entstehenden Hörspiel.

Bei konsequentem Weiterbohren ergeben sich als zusätzliche Kriterien für das Fernsehspiel ein paar Überraschungen: Die ganze Imagination des Fernsehens verrät sich nämlich schon in der sehr treffend gewählten Bezeichnung „Fernsehen“. In die Ferne sehen, das heißt etwas sehen, was außerhalb meines Gesichtskreises geschieht. Ein Dabeisein, wo ich nicht bin. Das ist einer der archetypischen Träume der Menschheit, vergleichbar dem Traum vom Fliegen. Das Verhaftetsein an der Erde und das Dortsein, wo man gerade ist, das sind natürliche Beschränkungen des Menschen, die trotz seines hochentwickelten Werkzeuggebrauchs Jahrtausende lang unüberwindbar schienen – nur im Märchen aufhebbar. Das Hörspiel hat die Überwindung unserer Bindung an die Zeit gebracht. Ein erster großer Erfolg. Weniger bedeutsam ist beim Hörspiel die Überwindung der räumlichen Bindung. Denn das Dabeisein am anderen Ort ist beim Hörfunk noch nicht so unmittelbar, so eindringlich, wie es das beim Fernsehen ist – oder sein könnte.

Als ersten Schritt hin zu diesem Dabeisein am anderen Ort darf man schon das Theaterstück deuten. Insofern als es den Zuschauer packt und ihn miteinbezieht in die Handlung, kann es für ihn die Kategorien von Raum und Zeit überwinden. Darin liegt ein starker Reiz des Theaters, keinesfalls aber sein Wesen. Im Grunde will es ja nicht die perfekte Traumwelt schaffen, es will nicht die Identität des Schauspielers mit der dargestellten Person suggerieren. Es benutzt nur Schauspieler, die quasi immer noch hinter Masken spielen wie im Alten Griechenland, um eine Parabel auszumalen. Dem Zuschauer bleibt bewußt, daß ihm nur etwas vorgespielt wird. Dabei ist die Aussage des Stückes wesentlicher als die Entrückung.

Die große Illusion will und kann das Theater niemals aufbauen, auch nicht mit noch so aufwendiger Bühnentechnik und Ausstattung, nicht einmal mit Richard Wagners Gesamtkunstwerk. Die große Illusion ist Sache des Kinofilms. Sein Erfolg beruht nicht zuletzt darauf, daß er die Traumwelt perfektioniert. Der Spielfilm schafft es, den Zuschauer in eine andere Zeit und eine andere Umwelt hinüber zu transportieren. Der aufmerksame Zuschauer ist im Kino nur noch körperlich anwesend, bewußtseinsmäßig und gefühlsmäßig ist er entführt. Filme sind somit konservierte und projezierte Träume der Menschheit. Der Film ist schon die scheinbare Verwirklichung dieser archetypischen Träume. Weil er sich sehr schnell darüber klar geworden ist, was seine Stärke gegenüber dem Theater ist. Er hat die Illusion weit über das dem Theater Mögliche hinaus gesteigert. Die Traumfabrik Hollywood war das Ergebnis dieses Kraftakts. Leider kam für den Stummfilm ein viel zu frühes Ende durch den scheinbar attraktiveren Tonfilm. Der Stummfilm war noch in seinen Anfängen, war erst Theaterspiel aus dem schalltoten Winkel betrachtet und mit nach draußen verlegter Bühne. Aber die konsequente Weiterentwicklung zum pantomimischen Stummfilm, der alle Zwischentitel überflüssig macht, stand noch aus, als er schon starb. Kindergrab, deshalb für uns Heutige so ergreifend, wenn man mal einen Stummfilm zu sehen bekommt.

Hollywood ging nicht nur durch den Einbruch des Fernsehens in die Knie, sondern vor allem durch den ausufernden Starkult, der mit der totalen Illusion unvereinbar ist, weil der bekannte Star durch jede Verkleidung hindurchscheint. Ein John Wayne wird immer noch als der Sheriff empfunden, wenn er auch zur Abwechslung mal den Bankräuber spielt. Der Blick auf die archetypischen Wünsche der Menschheit zeigt, daß dieser Fehler unverzeihlich ist, weil er die Imaginationskraft des Films untergräbt. Aber Hollywoods Niedergang und endloses Dahinsiechen ist ein anderes Thema. Festzuhalten ist, daß es etwas gibt, was auch der Spielfilm nicht überwinden kann, nämlich einen Rest von Distanz zum Zuschauer, der schon dadurch unvermeidbar ist, daß nur eine Konserve vorgeführt wird.

Und was ist mit dem Fernsehen? Während der Spielfilm noch gebunden ist ans Referieren, ans Konservieren von etwas Veranstaltetem, ist das Fernsehen durch die Unmittelbarkeit überlegen. Oder richtiger: es könnte überlegen sein. Das Leben, das der Kinofilm nur als Illusion zu bieten vermag, kann das Fernsehen als gegenwärtige Tatsache bringen. Das ist die stärkste Verwirklichung des Menscheitstraumes von den Flügeln, die über Raum und Zeit hinwegtragen. Und weil die Fernsehmacher sich ihren Vorteil gegenüber den Kinofilmern natürlich zunutze machen wollen, werden sie eines Tages dahinterkommen, konsequent die Gleichzeitigkeit von Geschehen und Sehen herauszustellen, d. h. die Live-Vermittlung eines Ereignisses, das anderswo stattfindet. Deshalb ist die Live-Sendung nicht etwa nur ein netter Gag, der das Programm belebt – so heute immer noch gesehen -, sondern sie ist das eigentliche Wesensmerkmal des Fernsehens. In der Live-Sendung erst liegt die ganze Imaginationskraft des Mediums Fernsehen.

In dem Zusammenhang eine Bemerkung zu der so heftig propagierten Regionalisierung des Fernsehens: Daß es in jeder Landesecke dabeisein soll, ist ja nur richtig, daß ich als Zuschauer aber bestimmte Programme nicht sehen kann, nur weil ich gerade in der falschen Landesecke sitze, ist die Sünde wider den Heiligen Geist der Fernsehens. Das Stichwort Regionalisierung haben die Zuschauer deshalb längst gegen das Stichwort Satellitenfernsehen ausgetauscht, wo sie die Möglichkeit dazu hatten. Es gibt ja Städte, die wegen der angeblichen Verschandelung des Stadtbildes die Anbringung von Satellitenschüsseln verbieten.

Bleiben wir beim Thema Live-Sendung. Das direkt ausgestrahlte Fernsehen kann nicht mehr länger als das schlechtere Fernsehen abgetan werden, nur weil es an Perfektionsmängeln leidet oder zu leiden scheint. Längst ist doch klar: Richtiges Fernsehen, das ist Fußballweltmeisterschaft oder Olympische Spiele oder Spiel ohne Grenzen oder auch die bisher einmalige Global-Reportage eines einzigen Augenblicks als Gemeinschafts-Live-Sendung von Fernsehstationen rund um den Erdball. Das erste weltweite Live-Erlebnis der Menschheit, das Fernseherlebnis überhaupt, war die Krönung Elizabeths II. im Jahre 1953. Richtiges Fernsehen, das war auch ein so eindringliches Live-Geschehen wie die Landung des ersten Menschen auf dem Mond im Jahre 1969. Dagegen sind alle Spielchen aus der Konserve hinter dem Mond. Sie sind simples Heimkino und nichts anderes. Und sie werden auch nicht dadurch etwas anderes, daß die Stücke speziell für das Fernsehen geschrieben und produziert wurden. Mit diesem heute noch gängigen Kriterium für den Begriff Original-Fernsehspiel wird lediglich gewissen Postulaten der Programmplanung und der besonderen Bildschirmdarstellung Rechnung getragen – mehr Großaufnahmen statt Totalen, nichts zum Nachdenken, weil dafür keine Zeit bleibt, und weniger Aufwand, weil das Budget kleiner ist. Das ist nichts, was das Wesen des Fernsehspiels ausmachen könnte. Wenn zwischen Kinofilm und Fernsehen ein Wesensunterschied besteht, und das ist eine Frage der Weite der Definition, dann muß das faktisch Unterschiedliche als Kriterium herangezogen werden. Und das ist nun einmal der himmelweite Unterschied zwischen Nacherleben und Dabeisein. Fernsehen, das ist Live-Erlebnis. Und was wir heute als Fernsehen bezeichnen, ist fast alles noch die Vorstufe zum eigentlichen Fernsehen.

Wie kam es zu dieser Entwicklungsstörung bei unserem Lieblingskind Fernsehen? – Daß die Fernsehpraxis immer noch vom Trend zur Konserve bestimmt wird, ist eigentlich nur Ausfluß der guten Absicht, dem Publikum das Beste zu bieten. Auch die monatelang vorproduzierte Sylvesterbelustigung. Die Nervosität von Regisseur, Aufnahmeteam und Darstellern wird eliminiert, dabei allerdings leider auch die Lebendigkeit der Darstellung. Zugegeben, Terminschwierigkeiten sind durch Vorproduktion besser zu überbrücken. Zudem schreckte anfangs noch die recht schwerfällige Elektronikausrüstung von Live-Experimenten ab. Dann standen vor allem die riesigen Magnetaufzeichnungseinrichtungen der Funkhäuser der Live-Sendung im Weg, mußten sie doch benutzt werden, um sich zu amortisieren. Als das Fernsehen heranwuchs, waren die Filmkameras ausgereifter als die elektronischen Kameras. Doch die immer umständlich bleibende Filmbearbeitung einerseits und die neuesten handlichen Videokameras andererseits verwandelten den Vorsprung der Filmkamera in einen Rückstand. Einen Rückschlag für das Live-Erlebnis brachte das Privat-Fernsehen mit seiner noch direkteren Abhängigkeit von Sponsor-Firmen. Da wurde das Risiko einer Live-Sendung unkalkulierbar. Kein Wunder deshalb, daß die Klage über die Ignoranz gegenüber der Live-Sendung nicht nur auf das bundesdeutsche Fernsehen zutrifft, sondern auch und erst recht auf das Fernsehen unserer „Leit-Kultur“ in den USA.

Live allein reicht aber nicht aus, um das Besondere des Fernsehens herauszustellen. Daneben muß ein weiterer wesentlicher Unterschied zum Spielfilm und Theater genannt werden: Der Zuschauer wird zuhause angesprochen, nicht herausgehoben aus seiner häuslichen Sphäre, nicht durch einen festlichen Raum und besondere Kleidung oder durch die Gemeinsamkeit mit vielen fremden Menschen im abgedunkelten Saal auf ein besonderes Erlebnis eingestimmt. Das Fernsehen, das mit der Alltäglichkeit und den banalen Ablenkungen daheim zurechtkommen muß, kann sich seine eigene „Bühne“ nur schaffen, indem es eine Brücke baut vom Studio oder Übertragungswagen hin zur Wohnstube, die damit in das Spiel eingebaut wird. Denn so wirkt das Dabeisein am stärksten. Und erste Ansätze dazu gibt es ja schon seit Jahrzehnten. Längst ist man dazu übergegangen, den Zuschauer zum Mitmachen aufzufordern, so schon damals beim „Goldenen Schuß“ und noch heute bei den ungelösten Kriminalfällen. Der Zuschauer war bzw. ist begeistert, daß er mitschießen und mitverhaften darf. Frühe – positive – Beispiele für diese Methode des Involvierens gibt es inzwischen reichlich, und doch bleiben sie immer noch die Ausnahmen.

Was ist denn das Besondere an dieser Aufforderungsmasche? Der Kinofilm hat den Ehrgeiz, den Kinogänger völlig zu entrücken. Das bedeutet, daß er den Antagonismus der beiden Situationen aufhebt, nämlich den der persönlichen Situation des Zuschauers – im Kinosaal – und seiner Filmsituation – mit Napoleon auf dem Schlachtfeld von Waterloo. Das Vergessen der persönlichen Situation wird beim Fernsehen viel seltener erreicht, und das Fernsehspiel wird seinen Ehrgeiz auch nicht darauf ausrichten. Es wird im Gegenteil absichtlich den Antagonismus des gleichzeitigen Hierseins und Dortseins pflegen, indem es den Zuschauer in seiner persönlichen Sphäre aktiviert. Denn dadurch erst spürt er deutlich, daß er sehen kann, wo er nicht ist, daß er also fern sieht. Diese Aktivierung des Zuschauers wird mehr sein – und auch etwas ganz anderes – als der bekannte Gag, die Zuschauer aufzufordern, anzurufen oder als Zeichen ihrer Zustimmung einmal alle verfügbaren Lichtquellen einzuschalten. Das ist noch primitive Erfolgsmessung, nicht anders als der höhere Wasserverbrauch unmittelbar nachdem man die Leute in ihre Betten entläßt.

Ist es denn so abwegig, den Zuschauer mitmachen zu lassen? Schließlich hat er bereits heute viele Möglichkeiten, den persönlichen Eindruck von der Sendung zu verändern. Zumindest kann er Lautstärke und Helligkeit, Farbton und Kontrast manipulieren. Er kann auch die Raumbeleuchtung variieren, er kann den Bildschirm aus anderen Perspektiven betrachten – wer hat nicht schon versucht, einer Darstellerin von oben in den tiefen Ausschnitt zu schauen, und dabei etwas entdeckt, das ihn stutzig machte. Der Zuschauer kann zum Umschalten und zum Einsatz irgendwelcher Requisiten – nicht nur des Telefons – aufgefordert werden. Ein frühes Beispiel für mündige Mitwirkung mündiger Bürger bot das Professoren-Hearing bei der Mondlandungsreportage, das stundenlang von den fragenden Zuschauern per Telefon, Telex und Telegramm gesteuert wurde. Da haben einmal die Zuschauer die Sendung gemacht, nicht die Leute im Studio. Das ZDF bot vor Jahren auf einer Funkausstellung eine Rückkoppelungsmöglichkeit an, als ein kleines Appetithäppchen. Eine „Quasselbox“, in der nach Herzenslust Dampf abgelassen werden konnte. Ein Beschwerdebuch also, das aber schon durch seine Jux-Bezeichnung entschärft wurde.

Sie wurde also schon ausprobiert, aber noch nicht eigentlich eingeführt, die Mitwirkung des Publikums durch Kommentierung des Gesehenen. Auch durch Einspeisung eigener Video- oder Film-Produktionen, oder durch eine Aktivität, die den einzelnen vom Fernsehsessel löst, ihn aus dem Zimmer lockt. Es sieht so aus, als könnte das Fernsehspiel, das demnächst geboren wird, als eine Art Heim-Happening mittels Bildschirm bezeichnet werden.

Das wäre mehr als bloße Spielerei. Es wäre ein notwendiges Korrelat, nämlich die teilweise Aufhebung der Einbahnstraße, die Fernsehen bisher immer noch ist. Immer vom großen Mund und der großen Geste hin zu dem kleinen Ohr und Auge des Konsumenten. Ist doch alles, was diese Einbahnstraße kaschieren soll, bisher heiße Luft geblieben. Wir haben große Worte, erhabene Begriffe produziert, mehr nicht. Interaktive Kommunikations-Systeme heißt eins unserer Lieblingsschlagworte, Dialogmedien ein anderes. Diese Begriffe sind leider immer noch größer als die dahinterstehende Wirklichkeit. Denn die hieß zunächst Btx und fand unter Ausschluß der Öffentlichkeit statt. Erst mit dem Internet sind hier neue Chancen eröffnet worden. Die Tele-Spiele zeigen, was alles möglich ist. Bei der Umstellung vom analogen auf das digitale Fernsehen durch die neuen privaten Kabelnetzbetreiber werden demnächst Fernsehen, Internet und Telefon ein und dasselbe Netz benutzen. Dann braucht nur noch das totale Zusammenspiel von Fernsehen und Internet zu erfolgen, aus zwei getrennten Kästen muß einer werden, und wir können erstmals von der Aufhebung der Einbahnstraße sprechen. Erstmals auch hat dann die Massenkommunikation den Namen Kommunikation verdient.

Zurück zu der Frage: Muß denn überhaupt aus dem Fernsehen eine neue Kunstform entstehen? – Die Antwort heißt: Ja. Das Fernsehen von heute ist Scheinleben, ist bloßer Lebensersatz. Wem ist das nicht längst klar? Das Dilemma aber ist, daß das Scheinleben nicht allein auf dem Bildschirm stattfindet, sondern vor allem davor. Und deshalb muß so, wie unser Sein zum Schein umgekrempelt wurde, der überholte Schein zu einem neuen Sein umgekrempelt werden – durch das demnächst kommende Fernsehspiel, live und interaktiv. Und in ungeahnter Weise attraktiv, weil in ihm Konsumentenrolle und Akteurrolle zusammenfallen.

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