Schubart

Christian Friedrich Daniel Schubart
Portrait eines ungewöhnlichen Menschen

Schubarts Geburtshaus in Obersontheim

Schubarts Geburtshaus in Obersontheim

So viele Vornamen wie er hatte, so viele Talente hatte er. Was schön und schlimm zugleich sein kann. Ob er sich als Dichter oder als Journalist oder als Musiker an seine Zeitgenossen wandte, man hörte ihm gern zu. Weil er so innig gefühlvoll und so rotzfrech war, so überschwenglich begeistert wie freigeistig. Ein Mann, der in kein Kostüm paßte, der immer und überall aus der Rolle fiel.
Geboren wurde er am 24. März des Jahres 1739 im schwäbischen Obersontheim, einem braun-weißen Fachwerknest.
Als Sohn eines Pfarrvikars, der schon im Jahr drauf ins nahe Aalen versetzt wurde. Dort, in der freien Reichsstadt, heute durch das AA im Autokennzeichen besonders ausgezeichnet, verlebte Schubart seine Kindheit und den Großteil seiner Jugendjahre.

Das Wohnhaus der Familie Schubart in Aalen

Das Wohnhaus der Familie Schubart in Aalen

In dieser Stadt„, so schrieb er später, „die verkannt wie die redliche Einfalt schon viele Jahrhunderte im Kochertale genügsame Bürger nährt – Bürger von altdeutscher Sitte, bieder, geschäftig, wild und stark wie die Eichen, Verächter des Auslands, trotzige Verteidiger ihres Kittels, ihrer Misthaufen und ihrer donnernden Mundart – wurde ich erzogen.“ Schon mit acht Jahren spielte er besser Klavier als sein Vater. Er begann zu komponieren und zu dichten. Der Junge war so auffallend intelligent wie wild. Beinahe hätte er mit der herumliegenden Pistole seines Großvaters seinen Bruder erschossen. Aus Verzweiflung wollte er sich selbst umbringen, konnte gerade noch von einem Fremden gerettet werden.

Nicht als Fahrschüler, sondern als Internatsschüler besuchte er dann in Nördlingen das Lyzeum und anschließend in Nürnberg das Gymnasium „Zum Heiligen Geist“, was ihn nicht entsprechend geprägt hat. In Nürnberg kritisierte er den schlechten Unterricht, bekam er einen Blick für den besonderen Reiz der Mädchen und fiel er durch sein musikalisches Können auf. Aber auch durch anderes, etwa durch seine Begeisterung für den Preußenkönig Friedrich den Großen. Den schon relativ aufgeklärten Monarchen feierte er in seinen ersten Liedern. Dafür wäre er um ein Haar von einem empörten österreichischen Soldaten abgestochen worden, hätte den nicht ein beherzter Nürnberger k.o. geschlagen. Dabei hatte der junge Dichter Recht gehabt: Immerhin hatte der Preußenkönig als erster eine Humanisierung des Strafvollzugs eingeführt, vor allem die Folter abgeschafft. Preußen war der fortschrittlichste deutsche Staat. Anschließend hat CFD, wenn ich ihn einmal etwas moderner benamsen darf, in Jena studieren wollen. Was? Natürlich Theologie. Wie sein Vater. Er kam aber nur bis Erlangen. Kriegswirren und eine lustige Studentengesellschaft hatten ihn aufgehalten. So begann er in Erlangen sein Theologiestudium, doch mit wenig Begeisterung. Lieber durchstreifte er die Kneipen und spielte mit Bravour Klavier, tanzte durch die Nächte und ritt durchs Land. Und trank wie ein alter Fuhrmann. Er führte das Leben eines jungen Wilden. Da fand er Freundschaften, die ihm Einblicke in allerlei fremde Lebensverhältnisse boten, sonst aber auch nichts. Weil er seine Schulden nicht zurückzahlen konnte, kam er für vier Wochen in den Karzer. „Dieses war der erste Streich, doch der zweite kommt sogleich„, möchte man Wilhelm Busch zitieren. Wenn die Sache nicht so ernst wäre. Als CFD vor lauter Schulden, dazu auch noch krank, nicht mehr ein noch aus wußte, riefen seine Eltern ihn nachhause zurück. Das Studium blieb ohne Abschluß.
Geld verdienen, brav sein!

Helene Schubart geb. Bühler

Helene Schubart geb. Bühler

Beim Vater in Aalen und bei den Pfarrern der Nachbarorte mußte er sich als Hilfsprediger nützlich machen, um seine Schulden abzuarbeiten. Doch schon im nächsten Jahr bekam er aufgrund seiner unübersehbaren Intelligenz eine Hofmeisterstelle in Geislingen, d.h. er wurde Lehrer. „Meine Schule sah einem Stalle ähnlicher als einem Erziehungshause für Christenkinder. Über hundert Schüler, roh und wild wie unbändige Stiere, wurden mir auf die Seele gebunden. Ein Schulmeister? O behüt’s Gott! Lieber bei Wasser und Brot ins Zuchthaus als sein Lebtag menschliche Säu hüten!“ Schon im Jahr drauf, da war er gerade fünfundzwanzig, heiratete CFD in Geislingen Helene, ein braves, biederes Mädchen, Tochter des Oberzollers Bühler. Da sah alles noch nach einer normalen Karriere aus.
Doch bei dem jungen Schubart lief nichts normal ab. Die Beengtheit in der Ehe wurde ihm schon bald genauso unerträglich wie die Armseligkeit der häuslichen Verhältnisse. Bei seinem Minigehalt war aber nicht mehr drin. Seine Frau war treu und fleißig und ordentlich und was es so alles an guten, alten Untertanentugenden gab. Nur reich war sie leider nicht, nicht einmal geistreich. Und aufregend schon gar nicht. So stürzte CFD sich in seine literarischen und musikalischen Arbeiten und, wenn ihm das nicht genügte, in wilde Sauforgien. Und dabei entstanden einige Werke, die ihn überlebt haben. Daß er für eine Ode auf den Tod Kaiser Franz I. sogar das kaiserliche Dichterdiplom bekam, sei hier aus reiner Bosheit erwähnt. Es paßt zu Schubarts lebenslangem Kampf gegen Potentatenwillkür wie die Faust aufs Auge. (Bitte einen Moment Geduld. Die Fortsetzung folgt sogleich)

Das schöne Leben leben

Richtig aufwärts ging es mit CFD, als er nach Ludwigsburg berufen wurde. Als Organist und Musikdirektor. Fünf Jahre zuvor hatte Herzog Carl Eugen von Württemberg seine Residenz von Stuttgart nach Ludwigsburg verlegt. Der Herrscher über nicht einmal 600 000 Seelen leistete sich von deren Arbeitskraft einen der prächtigsten Höfe Europas. Das war das richtige Pflaster für Schubart. Denn in Ludwigsburg herrschte die reine Genußsucht. Man begeisterte sich für den witzigen Musikus mit der poetischen Ader und spendete ihm reichlich Applaus. Was ihm natürlich gefiel. Die 63 Wirtshäuser der Stadt waren ihm bald gut bekannt. Mit seinen Klavierschülerinnen verband ihn mehr als die Liebe zur Musik. Das war endlich ein Leben, wie er es sich gewünscht hatte.

Die Residenz Ludwigsburg 1770

Die Residenz Ludwigsburg 1770

In der Ludwigsburger literarisch-wissenschaftlichen Lesegesellschaft „Die Literaturfreunde“ saß er neben dem Vater Friedrich Schillers, neben Christoph Ludwig Kerner und vielen anderen Geistesgrößen der Stadt. Er fand auch Eingang in die sogenannten vornehmen Kreise und fühlte sich dort schnell so wohl, daß er den Leuten vor den Kopf sagte, was er von ihnen hielt, nämlich nichts. Pech. Für seine satirischen Anmerkungen hatten die vornehmen Ludwigsburger keine Antennen. Überhaupt diese ganze unbändige und sich an keine Ordnung haltende Art dieses Mannes, fing die Mäkelei schon bald an.

Christian Friedrich Schubart

Christian Friedrich Schubart

Dazu kam, daß der neue Stadtmusikus ein Verhältnis mit einer aus seiner Heimatstadt Aalen stammenden Ludwigsburgerin hatte, und das nicht gerade heimlich. Diese Barbara Streicher hielt er sich, wie ein Fürst sich seine Mätresse hält. Schubarts Frau Helene war empört und zog mit Söhnchen und Töchterchen und Handarbeitskörbchen aus der gemeinsamen Wohnung aus. Ein Eklat. Der Organist und Musikdirektor kam für kurze Zeit in Haft. „Dieses war der zweite Streich, doch der dritte kommt sogleich.“ Danach versöhnte CFD sich mit seiner frommen Helene und führte zunächst wieder so was wie eine ordentliche Ehe. Doch konnte er sich nicht zurückhalten mit seinen satirischen Gedichten.
Aus der Bahn geworfen

Bei einem protestantischen Kirchenmann war das alles selbst für die lebensfrohen Ludwigsburger zuviel. Deshalb waren sie froh, als Schubart nach nicht einmal ganz vier Jahren vom Herzog die Kündigung bekam und des Landes verwiesen wurde. Der Stadtmusikus ließ seine Frau ohne Einnahmen zuhause sitzen und verschwand. Leider ohne ihr zu sagen, wohin. Er wußte es ja selbst nicht. Die arme Helene machte sich mit den Kindern auf den Heimweg und mußte noch glücklich sein, daß ihre Eltern in Geislingen sie wieder aufnahmen. Mit Entlassung und Ausweisung fing für CFD eine Zeit des Herumirrens an. In etlichen süddeutschen Städten bemühte er sich, wieder Fuß zu fassen. Vergebens. So versuchte er sein Glück in Mannheim. Der Pfälzer Kurfürst Karl Theodor galt als ein gescheiter Mann, den Künsten und Wissenschaften zugetan. Und tatsächlich, mit seinem Esprit und seiner Musikalität konnte Schubart den Fürsten schnell gewinnen. Doch nicht das Maul halten. So war er schneller als gedacht wieder auf der Straße. Weil er sich über die Mannheimer Akademie lustig gemacht hatte. Auf nach München! Dort gefiel es ihm so gut, daß er schon drauf und dran war, zum Katholizismus überzutreten. Was für ein lustiges Leben war doch das Leben eines Katholiken. Das Sündigen gehörte zum Leben wie das Reingewaschenwerden. Doch machte CFD sich noch gerade rechtzeitig klar, daß in den Köpfen der so frommen wie lebensfrohen Bayern eine Menge Aberglauben herumspukt. Und mit Deutsch als Muttersprache, mußte er feststellen, konnte man in Bayern nicht einmal in den vornehmen Kreisen etwas anfangen. In München eine Stelle zu finden, erwies sich als unmöglich. Man hatte sich über ihn erkundigt. Also machte Schubart sich auf den Weg nach Stockholm. Die Stadt lag weit genug weg von den Schauplätzen seiner Abenteuer, zudem in einem modernen Staat. Da müßte man leben können. Der Auswanderer kam aber nur bis Augsburg. Da war gerade „Das Schwäbische Journal“, das der Buchhändler Conrad Heinrich Stage herausgegeben hatte, eingegangen. Und es sollte etwas Neues gegründet werden.

Endlich eine Aufgabe

Das war die Herausforderung für Schubart. Der richtige Mann im richtigen Moment am richtigen Platz. So entstand im Jahre 1774 die DEUTSCHE CHRONIK. Das war ein zweimal wöchentlich erscheinendes Achtseitenblatt, das so gut wie ausschließlich von ihm selbst geschrieben wurde. Recht spät, mit fündunddreißig Jahren, hatte CFD endlich gefunden, was er brauchte. Eine Plattform, von der aus er die aufgeschlossenen und gebildeten Köpfe Deutschlands erreichen konnte. Er schrieb über alles, was ihm auffiel und einfiel, was er las und hörte. Aus gut zwei Dutzend Gazetten versorgte er sich mit Nachrichten und Anregungen. Er schrieb im Stehen, Sitzen und Liegen, an seinem Schreibpult und im Bett, am Küchentisch und auf dem Lokus. Und am liebsten in den Kneipen Augburgs. Bald kannte man den Mann, der nachdenklich in seiner Ecke saß, seine Tonpfeife schmauchte und immer abwechselnd nach dem Glas und dem Stift griff oder die nächste Folge seines Journals einem Famulus in die Feder diktierte. Er bekämpfte die alte Unart der Deutschen, alles Ausländische für besser zu halten als das Eigene. Wie man heute englisch lispelt, wenn man seinem Geschwätz mehr Bedeutung geben will, so näselte man damals französisch. Besonderen Wert legte Schubart deshalb auf ein gutes Deutsch. Weil man mit dieser noch so formenreichen Sprache die kompliziertesten Sachverhalte deutlich machen kann. Er konnte witzeln, daß die Begriffe „deutsch“ und „deutlich“ denselben Wortstamm hätten. Und seine Leser verstanden, was gemeint war.

Deutsche Chronik

Deutsche Chronik

Die DEUTSCHE CHRONIK florierte. Damals konnte man ja noch mit einigen zigtausend Exemplaren einer Zeitschrift die führenden Köpfe Deutschlands erreichen. Und nicht nur die. Die DEUTSCHE CHRONIK wurde auch in Paris, Amsterdam, London und St. Petersburg gelesen. Schubart artikulierte die Unzufriedenheit der Gebildeten mit den bestehenden Verhältnissen in diesem Deutschland der Despoten und Despötchen, der Zuchtmeister und Zensoren. Er begeisterte sich für den nordamerikanischen Unabhängigkeitskampf, berichtete aus den deutschen und europäischen Ländern, unterstützte die Bestrebungen von Neuerern auf dem Gebiet der Poesie, rezensierte die zeitgenössische deutsche Literatur, lenkte auch den Blick erstmals auf noch unbekannte Literaten seiner weiteren Umgebung, also Deutsch-Südwest, wandte sich entschieden gegen mystizistische Schwärmerei, sprach sich für die Republik aus und gegen Fürstenwillkür, schwärmte für Friedrich den Großen von Preußen und für Joseph II. von Österreich, und das nicht nur, weil diese Herrscher die Pressezensur aufgehoben hatten.

Schubart versuchte sich in einem permanenten Rundumschlag als Aufklärer, der gegen Geistlosigkeit und religiösen Wahn anging, der die Leute von ihrem Glauben an einen berühmten Wunderheiler heilen wollte und den allmächtigen Jesuiten den Kampf ansagte. Alles nach bestem Wissen und Gewissen gebracht, köstlich ironisch und insgesamt so subjektiv, wie es sein mußte – und gar nicht anders sein konnte.

Ärger über Ärger

Das war zuviel für seine Zeit, die Zeit noch vor der Französischen Revolution, wohlgemerkt. Diese Epoche als frühe Neuzeit zu bezeichnen, ist ja reine Schmeichelei. Sie war eher der letzte, parfümierte Dreckrest des finsteren Mittelalters. Die Quittung für Schubarts ungewöhnlich offene Worte kam denn auch umgehend. Gerichtliche Verfolgungen, allerlei Verleumdungen, eingeworfene Fensterscheiben. Aus geselliger Runde heraus wurde er verhaftet. „Dieses war der dritte Streich.“ So daß man sagen könnte: Schubart war gewarnt. Doch seine Freunde erreichten schnell seine Freilassung. Und derlei Stolpersteine beeindruckten den Chronisten nicht. Dann jedoch kam das Verbot der DEUTSCHEN CHRONIK durch den Augsburger Magistrat. Zuletzt auch noch die Ausweisung des lästigen Schreibers. Nicht einmal ein Jahr lang war die Zeitschrift erschienen, da mußte Schubart schon nach Ulm ausweichen, wo er sie weiterhin herausgeben konnte. Zwar war der Jesuitenorden durch päpstliches Dekret aufgelöst worden, aber in Nürnberg hatte er sich in einer besonderen Machtposition gehalten. Dagegen war der einsame Schreiber machtlos.

Glücklich in Ulm

Auch in Ulm gab es Kneipen mit ruhigen Ecken, wo er auf Beobachtungsstation oder in Klausur gehen konnte. In Ulm konnte man sich besser mit dem ungewöhnlichen Mann abfinden. Seine Frau Helene kam mit den Kindern Juliana und Ludwig nach zweijähriger Trennung wieder zu ihm, und alles schien gut zu werden. Mit seiner Zeitschrift erreichte Schubart inzwischen regelmäßig etwa 20 000 Leser. Der Autor fühlte sich in der Stadt und mit seiner Arbeit als Alleinautor der DEUTSCHEN CHRONIK, von deren Erträgen er mit seiner Familie gut leben konnte, so wohl wie noch nie. So schrieb er im Sommer des Jahres 1775 an seinen Bruder Konrad, der in Aalen Stadtschreiber war: „Frische Luft, die majestätische Donau vor meinem Fenster, schöne Buchläden, gute Freunde und *** machen mir das Leben sehr angenehm… Komödien, Operetten, Bälle, Konzerte, Schmausereien, Spazierfahrten wechselten beständig, und meistens war ich dabei.

Im Visier des Fängers

Doch was da an Interessantem und Nachdenklichem in der DEUTSCHEN CHRONIK stand, mit mehr Temperament als diplomatischer Rücksicht geschrieben, das traf manch einen Einflußreichen an empfindlicher Stelle. Dabei war es, nach heutiger Betrachtungsweise, eher vorsichtig ironisch als aufsässig. Besonders Herzog Carl Eugen von Württemberg konnte den gelegentlichen Spott, den Schubart über ihn und seine Mätresse Franziska ausgegossen hatte, nicht einfach wegstecken.

Franziska von Hohenheim

Franziska von Hohenheim

Herzog Carl Eugen

Herzog Carl Eugen

Die herzogliche Militärakademie hatte Schubart als Sklavenplantage bezeichnet, die Mätresse als Donna Schmergalina. Eigentlich kein Anlaß für die völlig überzogene Reaktion, die darauf erfolgte. Aber dieser Herzog Carl Eugen war ein besonders widerliches Exemplar von einem kleinen Duodezfürsten. Er hat später auch Friedrich Schiller das Leben schwergemacht, bis der Dichter sich schließlich gezwungen sah, sein Land heimlich und unter falschem Namen zu verlassen und sein Glück in Mannheim zu versuchen. Genau wie zuvor Schubart. CFD lebte nicht im Land des Herzogs Carl Eugen von Württemberg. Er hatte das Ulmer Städterecht erworben. Doch dieser üble Typ von einem Fürsten nahm das dumme Gerede vom Landesvater ernst. Er glaubte, der von Gott berufene Erzieher seiner Landeskinder zu sein. Und übersah dabei, daß Schubart kein Kind mehr war und schon gar nicht eines seiner Landeskinder. Er übersah auch, daß gerade er nicht zum Erzieher geeignet war, hatte er sich doch bis dahin nur als Lebemann und gewissenloser Verschwender hervorgetan, als Frauenheld und jähzorniger Wüstling. Seine Mätresse Franziska, ein tumbes Mädchen aus dem Volk, hatte er ihrem Ehemann für sechstausend Gulden und einen Kammerherrntitel abgekauft, zur Scheidung genötigt und dann geadelt. Er selbst lebte damals schon von seiner rechtmäßigen Frau getrennt und führte ein Willkürregiment mit Ämterschacher und Günstlingswirtschaft. Dieser Strolch von einem Fürsten diktierte im Januar 1777 aus Ärger über die Sottisen des Ulmer Chronisten einen Verhaftungsbefehl, in dem stand, er habe schon lange den Entschluß gefaßt, Schubarts „habhaft zu werden, um durch sichere Verwahrung seiner Person die menschliche Gesellschaft von diesem unwürdigen und ansteckenden Gliede zu reinigen.

Da verriet sich also schon der herrscherliche Kammerjägerinstinkt, der viel später, nämlich im Dritten Reich, zur Staatsräson werden sollte. Oder war das nur der Auftakt zu einem pädagogischen Experiment, wie manch einer heute glaubt? Denn Pädagogik war der schräge Tick des 18. Jahrhunderts. Wollte Carl Eugen den Chronisten lediglich bessern? Das Zeug zu einem eisernen Zuchthauspädagogen hatte der Herzog wahrhaftig. Die Frage war aber zunächst: Wie des im Ausland lebenden Schubart habhaft werden? Der gerissene Herzog schickte den Oberamtmann des Klosters Blaubeuren nach Ulm mit dem Auftrag, den verhaßten Schubart nach Blaubeuren, also auf württembergisches Gebiet, zu locken.

Köder und Angelhaken

Schubarts Gefangennahme

Schubarts Gefangennahme

Gesagt, getan. Der miese Lockvogel speiste in Ulm mit seinem Opfer im ersten Haus am Platze und überredete Schubart dabei, mit nach Blaubeuren zu kommen, wo er ihn mit seinem Schwager bekanntmachen wolle. Der Schwager sei Professor und schon lange darauf erpicht, den Herausgeber der DEUTSCHEN CHRONIK persönlich kennenzulernen. Pech hoch zwei: Schubarts Eitelkeit war stärker als seine Vorsicht. So fuhr er im Pferdeschlitten mit nach Blaubeuren und genoß die Fahrt durch die winterliche Landschaft. Warum nicht die Gelegenheit wahrnehmen, wird er sich gesagt haben, in Blaubeuren in den vielgerühmten Blautopf zu schauen, dieses Wunderwerk der Natur. Er erlebte statt dessen sein blaues Wunder. Denn kaum in Blaubeuren angekommen, pflanzten sich drei Offiziere des Herzogs vor ihm auf und nahmen ihn in Arrest. Mannhaft scherzend sagte er zu den adligen Schergen: „Ich hoffe, der Herzog wird mich nicht ungehört verdammen, noch weniger mich im Kerker verfaulen lassen.

Der Hohenasperg

Der Hohenasperg

Seine Ahnungen sollten sich als richtig erweisen. Er wurde, wie ein Verbrecher bewacht, vom Pöbel angegafft, in einen Reisewagen verfrachtet. Über Kirchheim/Teck, wo man übernachtete, und Cannstatt wurde der Gefangene nach Asberg gebracht. Über der Stadt erhob sich die gewaltige ehemalige Festung, der Hohenasperg, vor ihm. In seinen Erinnerungen schreibt Schubart: „Schauer fuhr durch mein Gebein, als sich der Asberg vor mir aus seinem blauen Schleier enthüllte… Der Herzog war selbst zugegen und bezeichnete den Kerker, in dem man mich verwahren sollte… Jetzt rasselte die Türe hinter mir zu, und ich war allein – in einem grauen, düstern Felsenloche allein.

Was sich der Herzog da angemaßt hatte, nämlich eine ihn störende Stimme einfach verstummen zu lassen, das war himmelschreiend. Doch niemand im Himmel und kaum einer auf Erden hörte auf den Schrei. Die paar vorsichtigen Eingaben und öffentlichen Erinnerungen, die zugunsten des Gefangenen gemacht wurden, brauchte der Herzog nicht ernstzunehmen. Auch nicht die immer und immer wieder erneuerten Bitten um Freilassung, die Schubarts brave Frau Helene ihm schickte. Siebenmal schaffte sie es im Laufe der Jahre, eine Audienz beim Fürsten zu bekommen. Immer vergebens. Sie wurde nur wortreich vertröstet. Ebenso blieb das Bittgesuch von Schubarts Mutter und seinem Bruder Konrad ohne Resonanz. Und die Gefangenenhilfsorganisation Amnesty International war leider noch nicht gegründet. Rückblickend muß man sagen: In Deutschland herrschten damals noch afrikanisch-asiatisch-nahöstlich-lateinamerikanische Verhältnisse.

Eingekerkert

Schubart war im Kerker und blieb im Kerker, immer in Einzelhaft. Unglaublich, aber wahr: Es gab kein Verhör, es gab keine Anklage, es gab keinen Prozeß und kein Urteil. So gab es keinerlei Möglichkeit für den Staatsgefangenen, sich zu rechtfertigen. Über zehn Jahre lang saß Schubart in dieser Festung. Das erste Jahr in einem unterirdischen Verlies, ohne jede Verbindung nach außen, ohne Nachricht von Frau und Kindern. Danach in einem Gefängnis innerhalb des Befestigungsrings. Erst im zweiten Jahr wurde ihm erstmalig ein Gottesdienstbesuch gestattet. Nach zweieinviertel Jahren durfte er das erste Mal mit Menschen sprechen. Die ersten vier Jahre lang blieb der Gefangene ohne Papier und Schreibzeug. Für einen geistigen Menschen eine besonders harte Tortur. Das einzige Buch, das man ihm gab, war die Bibel. Nach einiger Zeit durfte er neben der Bibel auch das damals vielgerühmte Erbauungs-Buch „Klagen oder Nachtgedanken über Leben, Tod und Unsterblichkeit“ des Engländers Edward Young lesen, später auch andere, pietistische Schriften. All das waren Haftverschärfungen, die sogar für die damalige Zeit ungewöhnlich hart ausfielen. Der herzogliche Kidnapper in Ludwigsburg rechtfertigte sie vor sich selbst mit seinen erzieherischen Absichten und damit, daß er Schubarts Frau eine kleine Rente zukommen ließ und seine beiden Kinder in seine Schulen aufnahm. Das Entgelt für die Schulen ließ sich der Herzog allerdings viel später aus den Einnahmen zurückerstatten, die Schubarts Schriften einbrachten. Durch ein Mauerloch konnte Schubart einem Mithäftling, der schon neunzehn Jahre eingesperrt war und Papier und Stift hatte, seine Lebenserinnerungen diktieren. Dieses Manuskript „Leben und Gesinnungen“ versteckte er nachher unter den Fußbodendielen seiner Zelle, wo es fast vermodert wäre.

Die Festung Hohenasperg

Die Festung Hohenasperg

Nach etlichen Jahren Haft durfte Schubart gelegentlich auch Besucher empfangen. So kam Friedrich Schiller, auch ein Opfer Carl Eugens, zu ihm in seinen Kerker. Er hatte Schubarts „Geschichte des menschlichen Herzens“ gelesen und als Vorlage zu seinem Dramenerstling „Die Räuber“ benutzt. Erst nach achteinhalb Jahren durften seine Frau und seine Kinder den Gefangenen erstmals besuchen. Der herzogliche Verbrecher wußte aus seiner eigenen Wüstlingspraxis, wie man einen Menschen am effektivsten quält: durch Sexentzug.

Hoffen und verzweifeln

Immer wieder konnte Schubart aus Andeutungen entnehmen, daß er kurz vor seiner Entlassung stehe. Doch immer wieder wurden diese Hoffnungen enttäuscht. Der Höllenhund von Festungskommandant, ein verbitterter ehemaliger Höfling und danach langjähriger Häftling Carl Eugens, mißbrauchte Schubarts Talente, um damit für sich, seine Familie und seine Soldaten etwas Abwechslung ins öde Festungsleben zu bringen. Schubart mußte fürs Soldatentheater schreiben, allerlei Gelegenheitsgedichte produzieren, Musik machen. Die berühmten KZ-Orchester hatten ihre Vorläufer. Der fürstliche Kidnapper selbst beauftragte seinen Gefangenen sogar damit, Huldigungs- und Glückwunschgedichte auf ihn und auf seine Franziska zu dichten, zu Geburtstagen und anderen Festlichkeiten. Und der Dichter dichtete. Was tut man nicht alles, um endlich freigelassen zu werden. Da wurden moderne Formen der Gehirnwäsche schon vorweggenommen. Es sah so aus, als sollte Schubarts Ahnung, daß man ihn im Kerker verfaulen lassen werde, sich bewahrheiten. Ein Zellennachbar, so erfahren wir durch Schubart, saß bereits seit achtundzwanzig Jahren in diesem Verlies. Viele Unglückliche waren schon in diesen Zellen gestorben. Und Schubert fühlte seine Lebenskräfte schwinden, schaffte es nicht mehr, sich selbst Hoffnungen einzureden. Doch was Schubart in seiner Jugend beinahe den Tod gebracht hatte, nämlich ein Loblied auf den Preußenkönig Friedrich den Großen, das rettete ihm schließlich das Leben. Denn als er nach Jahren endlich Papier und Stift bekam, also wieder schreiben konnte, entstanden in dem düsteren Kerker neben Musiktheoretischem nicht nur die schnell berühmt gewordenen Oden über den „Ewigen Juden“ Ahasver und über die „Fürstengruft“ sowie zwei „Kaplieder“, Abschiedsgesänge der von Herzog Carl Eugen an die Holländer verkauften Soldaten.

"Die Forelle" in der Vertonung von Franz Schubert

„Die Forelle“ in der Vertonung von Franz Schubert

Auch das Gedicht „Die Forelle“, von ihm selbst und später von Franz Schubert vertont, stammt aus dem Kerker. Was von uns als fröhliches Lied aufgefaßt wird, ist in Wahrheit eine bittere Klage. Schubart vergleicht seine eigene frühere Situation mit der einer Forelle: fröhlich dahinschwimmend in ihrem Bächlein, wird sie zum Opfer der List und Tücke des Anglers. Schubarts Rettung aber war ein begeisterter Hymnus auf Friedrich den Großen. „Als ich ein Knabe noch war und Friedrichs Tatenruf über den Erdkreis erscholl: da weint‘ ich vor Freude über die Größe des Mannes“, beginnt er. Dieses Lied traf die Stimmung im Lande. Es wurde so bekannt, auch im fernen Berlin ein Bestseller, daß der preußische Hof sich geschmeichelt und entsprechend bemüßigt fühlte, beim Herzog von Württemberg zugunsten des Dichters zu intervenieren. Das endlich führte zu Schubarts Freilassung im Mai 1787.

Endlich frei

Als körperlich und seelisch gebrochener Mann kehrte Schubart nach zehn Jahren und vier Monaten Kerker zu seiner Familie zurück. Herzog Carl Eugen aber setzte seiner Unverfrorenheit von Gottes Gnaden noch eins drauf, indem er den Entlassenen zum Theaterdirektor in Stuttgart machte, mit einem großzügig bemessenen jährlichen Gehalt von 600 Gulden, und ihm erlaubte, die von dem Buchhändler weitergeführte DEUTSCHE CHRONIK wieder selbst herauszugeben. Carl Eugen hatte seinen Hofstaat inzwischen von Ludwigsburg nach Stuttgart zurückverlegt. Das Angebot, den Haftentlassenen in Stuttgart zum Theaterdirektor zu machen, hieß nichts anderes, als daß der Herzog ihn weiterhin unter seiner Aufsicht halten wollte. Damit Schubart sich nicht aus dem Ausland durch neue Sottisen für das geraubte Leben rächen könnte. Und was blieb dem ohne alle Mittel und Verbindungen dastehenden Schubart anderes übrig als die Stelle anzunehmen?

Christian Friedrich Daniel Schubart

Christian Friedrich Daniel Schubart

Doch der von der Isolation geistig verdorrte und aller Hoffnungen beraubte Mann, der sich im Kerker in eine pietistische Frömmelei und diverse Krankheiten geflüchtet hatte, konnte nichts Großes mehr zustandebringen. Nach nur noch knapp viereinhalb Jahren in der Freiheit starb er am 10. Oktober 1791, gerade zweiundfünfzigeinhalb Jahre alt. Auf dem Stuttgarter Hoppenlau-Friedhof wurde er beerdigt.
Fazit

CFD Schubart, der Mann, der nur zehn Jahre älter war als Goethe, war im Gegensatz zu diesem immer ein mutiger Kämpfer gewesen, aber nie ein geschickter Taktiker. Statt sich wie Goethe mit einem Fürsten anzufreunden, hat er sie bekämpft – und dabei den kürzeren gezogen. Sein Feldzug gegen Potentatenwillkür hat ihn auf der Ruhmesleiter bei weitem nicht so hoch steigen lassen wie die Potentatenfreundschaft seinen Zeitgenossen Goethe. Woraus ich die Lehre ziehe: Sage niemals was gegen Fürsten. Mögen sie in den bunten Blättern ruhen in Frieden! Dabei – vor Willkürmaßnahmen à la Carl Eugen sind wir heute sicher. Derartiges hören wir jetzt nur noch aus fernen Ländern. Denn bei uns hat sich ein Rechtsstaat entwickelt. Und das heißt: Wer hier und heute durch unpassende Bemerkungen stört, der wird nicht gleich verhaftet, er wird einfach überhört. Die Presse sagt nicht viel über ihn, bei Einladungen wird er meist vergessen, aus den Schullesebüchern wird er gestrichen, und manche seiner Äußerungen werden gar nicht erst gedruckt. Das heißt: Zensur und Repression sind sublimer geworden, doch das freie Wort ist so unerwünscht wie eh und je. Mit Gutenbergs Erfindung der beweglichen Lettern begann die Befreiung des Wortes. Nur daß es immer noch von einem mutigen Drucker und einem kapitalkräftigen Verleger abhängig war. Radio und Fernsehen brachten nur scheinbar einen Fortschritt. In Wirklichkeit setzten sie noch viel mehr an Aufwand voraus und noch mehr hemmende, ablehnende und vor allem kommerzabhängige Köpfe zwischen das freie Wort und das große Publikum. Erst das Internet bringt die große Freiheit. Kein parteipolitisch festgeklopfter Intendant, kein interessenabhängiges Aufsichtsgremium, kein scheeläugiger Redakteur mehr zwischen dem Autor und seinen Lesern. Ich bin sicher, CFD wäre ins Internet gegangen, wenn es das zu seiner Zeit schon gegeben hätte. Und deshalb ist Schubart jetzt drin im weltweiten Netz, als

Pate und Galionsfigur des „Laufenberg NETzine“.

Und zwar mit dem, was die Devise dieses frühen Aufklärers war:
Der Zweck der Dichtkunst ist nicht, mit Geniezügen zu prahlen, sondern ihre himmlische Kraft zum Besten der Menschheit zu gebrauchen.

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