Hannah Arendt

(Hannah Arendt, Deutschland/Luxemburg/Israel 2012, 113 Minuten, Drehbuch: Pamela Katz und Margarethe von Trotta, Regie: Margarethe von Trotta)

Der Filmtitel suggeriert, man bekomme die Biografie der deutsch-amerikanischen Publizistin und Hochschullehrerin geboten. Was zum Glück aber nicht versucht wird, weil das Ergebnis das Filmformat sprengen oder in seichter Oberflächlichkeit dahinplätschern würde. Stattdessen bringt der Film nur eine einzelne Episode aus dem ungewöhnlich facettenreichen Leben dieser Frau. Hannah Arendt will als Reporterin dabei sein, wenn dem ehemaligen SS-Obersturmbannführer Adolf Eichmann, den der israelische Geheimdienst Mossad 1960 in Argentinien aufgespürt und gekidnappt hat, in Jerusalem der Prozess gemacht wird. Was reizt sie daran? Sie ist wie Eichmann in Deutschland geboren und aufgewachsen, sie ist sogar derselbe Jahrgang 1906,  aber sie ist Jüdin, gehört also zu der Volksgruppe, für deren Transport in die Konzentrationslager der Referatsleiter im Reichssicherheitshauptamt Eichmann zuständig war.

Die 1933 aus Deutschland emigrierte Hannah Arendt hat sich als Publizistin schon einen Namen gemacht, vor allem mit dem 1951 erschienenen Buch „Elemente und Ursprünge totalitärer Herrschaft“. So wagt es die Zeitschrift „The New Yorker“, sie als Prozessbeobachterin nach Jerusalem zu schicken, wo sie von April bis Juni 1961, das sind immerhin drei von den sieben Monaten Prozessdauer, mitbekommt, wie der Gefangene im Glaskasten, vom Ankläger und von den Richtern in die Enge getrieben, immer artig aufsteht, wenn er antwortet, obwohl von einem lästigen Schnupfen geplagt. Wie der Mann in seiner steifen Beamtensprache immer wieder beteuert, dass er keinen Menschen umgebracht habe, sondern lediglich als kleines Rädchen im Getriebe bei der Organisation der Transporte dienstlichen Befehlen gehorcht habe, wie es seine Pflicht war, weil er Gehorsam geschworen hatte. Dabei entsteht der Eindruck, dass man Eichmann nicht einmal als einen Antisemiten bezeichnen kann. Er hat offensichtlich nichts gegen Juden, weil er nicht darüber nachgedacht hat, warum die Menschen ins KZ transportiert werden, und auch nicht darüber, was sie dort erwartet. Er ist der reine Bürokrat, der an seinem Platz tut, was seine Pflicht ist.

Die Unverhältnismäßigkeit dieses Kampfes einer geballten Staatsmacht gegen den einzelnen Staatsdiener eines anderen, untergegangenen Staates macht die Reporterin aus New York mehr als nachdenklich. Sie kann darüber keine simple Gerichtsreportage schreiben. Ihr Bericht über den Eichmannprozess wird eine philosophische Abhandlung, die unter dem Titel „A report of the banality of evil“ (Ein Bericht von der Banalität des Bösen) veröffentlicht wird, zunächst als Zeitschriftenartikel, später auch als Buch unter dem Titel „Eichmann in Jerusalem – Ein Bericht von der Banalität des Bösen“. Hannah Arendt lehnt es allerdings ab, sich Philosophin zu nennen oder sich als Philosophin bezeichnen zu lassen. Zwar hat sie Philosophie studiert, unter anderem bei Karl Jaspers, Edmund Husserl und Martin Heidegger. Doch beharrt sie darauf, Politikwissenschaftlerin zu sein.

Schon der im Titel des Berichts verwendete Begriff Banalität bringt ihr viel Kritik ein, weil man ihn missverstehen will und kann. Erst recht anstößig findet man ihre Feststellung, Eichmann habe überhaupt keine Motive zum Töten gehabt. Ihre Meinung, sein Vergehen sei, nicht bedacht zu haben, was er tut und zu was es dient, stößt auf völliges Unverständnis, obwohl sie betont, dafür sei Eichmann mit Recht hingerichtet worden.

Ihr Bericht löst einen Sturm der Entrüstung aus. Die Autorin wird überschüttet mit Beschimpfungen und Drohungen. Gute Freunde fallen von ihr ab, und man rät ihr zur Aufgabe ihrer Lehrtätigkeit. Am schwersten hinnehmbar für das amerikanische Publikum ist ihr Kommentar zu der Arbeit der Judenräte, die fast überall eng mit den Nazis und der Polizei zusammengearbeitet haben, auch indem sie Personal- und Vermögenslisten erstellten, mit deren Hilfe die Deportationen durchgeführt und deren Kosten den Deportierten auferlegt wurden. Woraus Hannah Arendt den Schluss zog, das jüdische Establishment (Gemeindevertreter und Leiter der großen jüdischen Organisationen) habe durch die Kooperation mit den Nazis die massenhafte Ermordung der Juden erleichtert. Ohne diese Zusammenarbeit, resümiert sie, hätten ganz sicher nicht so viele Juden ermordet werden können, wie sich an Italien, den Niederlanden und Dänemark gezeigt habe, wo diese Zusammenarbeit nicht zustande gekommen war.

Der Film arbeitet zum Teil mit Original-Filmtakes vom Eichmannprozess. Dabei ist die Auswahl so, dass sie schon Mitleid für Eichmann erregt. Wie man nachher auch Mitleid hat mit der Frau, die wegen ihres Berichts so unfair angegriffen wird. Eine hoch gebildete und ehrgeizige Frau, die plötzlich verteufelt wird. Sie weiß sich dagegen nicht anders zu wehren als mit ausführlichen und schwer zu verstehenden Erklärungen. Dabei betont sie, nur der Wahrheit zu dienen, wie es ihre Pflicht als Wissenschaftlerin sei. Damit steht sie auf einmal genauso da wie der Mann im Glaskasten, der nur seinem Staat diente, wie es seine Pflicht als Beamter war. Diese Doublette für die Betrachter des Films spürbar gemacht zu haben, gleich ob gewollt oder nur zufällig, ist wohl das Hauptverdienst dieses Streifens.

Das menschliche Streben wird in seiner Banalität decouvriert. Mit dem Wort Banalität hat Hannah Arendt einen handlichen Begriff gefunden. Dass er auch auf sie selbst anwendbar ist, hat sie allerdings nicht verstanden. Weil sie nicht die Banalität des menschlichen Grundantriebs gesehen hat. Weil sie nicht solange weitergefragt hat nach dem Grund des Handelns, bis sie hinter der Dienstbeflissenheit Eichmanns das Ich gesehen hat, das nur das Interesse hat, gut dazustehen, wie sie auch hinter ihrem eigenen Berichterstattereifer das Ich hätte sehen können, das nur das Interesse hat, gut dazustehen. Sie hat die vordergründigen Handlungsmotive nicht hinterfragt und deshalb nicht gesehen, dass sie beide ihrem natürlichen Ichbedürfnis folgen, wie alle Menschen. In diesem Falle ging es beiden um den Ausgleich für die unterbrochene Ausbildung, bei Eichmann um den fehlenden Schulabschluss, bei Arendt um die fehlende Habilitation. Doch bleibt das unausgesprochen. Stattdessen hat Hannah Arendt in klassischer Manier einen Schemen aufgebaut, nämlich das Böse, auf das sie alle Schuld abladen kann. Die alten Israeliten haben das mit einem Opfertier gemacht, dem sie alle persönliche Schuld aufluden, um es dann mit einem Messerstich in die Kruppe in die Wüste zu jagen.

Die Floskel von der Banalität des Bösen wurde zu einem geflügelten Wort. Dabei hätte Hannah Arendt aus der Philosophie wissen müssen, dass es weder das Böse noch das Gute gibt, sondern nur irrelevante subjektive Wertungen. Weil jede menschliche Handlung sowohl als böse wie auch als gut gewertet werden kann, je nachdem, auf welcher Seite der von dieser Handlung betroffene Mensch steht. Absolute Werte kann man selbst in den Kreisen der Philosophen nur mit Scheuklappen erkennen.

Erschütternd, die promovierte Philosophin Hannah Arendt am Ende des Films dabei zu ertappen, wie sie meint, sich mit dem Eingeständnis aus der Affäre ziehen zu können, sie habe leider nicht beachtet, dass banal und radikal nicht zusammen gehen. Karl Kraus hätte ihr unsauberes Denken bescheinigt. Ist der Begriff banal doch eine Wertung, die von Außenstehenden über etwas Geschehenes abgegeben wird, radikal dagegen ist eine Eigenschaft, die eine Handlung hat. Da ist also kein Widerspruch. Beides kann sehr wohl zusammenkommen, wie das Beispiel des Kleingärtners zeigt, der auf dem plattierten Weg vor seinem Gartentor die Grashälmchen, die sich zwischen den Platten zeigen, mit der Giftspritze oder dem Lötkolben bekämpft.

Damit wird dieser Film über eine Philosophin, die keine sein wollte, zu einem echten Stück Philosophie: Voll von angestrengtem Denken, das zu nichts führt als zu weiteren Fragen.

(Walter Laufenberg in: www.netzine.de)

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