Die früheren Besprechungen

 

 

Die Schöne ist gekommen

Roberto Zacco: „Ich, Nofretete“. Roman. Deutscher Taschenbuch-Verlag, München 1999, 478 Seiten, 28,- DM, 204 öS.

Dieser zweite Roman des Mailänder Medizindozenten und Hobby-Archäologen Roberto Zacco ist ein weiteres Beispiel für den grundlegenden Wandel, der sich in der Belletristik abzeichnet. Nach den Jahrzehnten unerträglich larmoyanter Ichergüsse scheinbar begnadeter Dichter treten heute Autoren auf, für die Schreibtalent und Fabulierlust bloß Sine-qua-non-Qualität haben, die darüber hinaus aber ihre imponierende Bildung und ihre in anderen Berufen erworbene Lebensklugheit einbringen. So wird Romane-Lesen wieder zu einem Erlebnis.

In diesem Falle geht es um eine neue Art von historischem Roman. Einem Historiengemälde, das nicht mehr der Weltflucht dient, dem Kneifen vor den Alltagsproblemen. Das vielmehr die Jedermannsprobleme in einen größeren Rahmen stellt. Das ist beste spannend geschriebene Unterhaltung, weil sie nicht Zeitvertreib ist, sondern sinnvolle Zeitinvestition.

Es geht um eine Biografie Nofretetes, der Gattin Amenophis IV., der sich selbst den Namen Echnaton gab, als er mit dem Sonnengott Aton den Monotheismus in Ägypten einführte. Das Buch ist in der Ichform geschrieben, weil es das geheime Tagebuch der Nofretete zu sein vorgibt. Damit hat der Autor sich der Möglichkeit begeben, Vergleiche mit späterer oder heutiger Zeit anzustellen. Wenn er beispielsweise zeigt, wie selbst die Lichtgestalt Nofretete sich zu ungesetzlichem Handeln gezwungen sieht, im übergeordneten Interesse des Staates, so muß er das leider unkommentiert lassen. Dafür hat der Autor sich der Aufgabe stellen müssen, sehr tief in die jeweilige Seelenlage seiner Protagonistin einzudringen. Diese Aufgabe hat er in einer Weise bewältigt, daß man bei der Lektüre unwillkürlich noch einmal auf dem Buchumschlag nachschaut: Ist das nicht doch von einer Frau geschrieben?

Im Gespräch Nofretetes mit der Königinmutter Teje verrät der Autor seinen literarischen Anspruch. Bei Teje komme alles zur Sprache, heißt es in der Aufzeichnung der Nofretete,  „eingehend widmen wir uns aber nur den Themen, die eine umfassende Dimension besitzen.“ Und läßt Teje dann erklären, was sie mit umfassender Dimension meint: „Was vor tausend Jahren Gültigkeit hatte und noch heute und in tausend Jahren gleichermaßen gültig sein wird. Das meine ich. Was für uns wichtig ist und gleichermaßen für die Keftiu, die Hethiter und auch für die Menschen im Land Kusch oder Punt. Das meine ich.“

Nur dadurch ist zu erklären, warum ein Roman über Menschen, die vor beinahe 3 ½ tausend Jahren im fernen Ägypten wieder zu Staub wurden, über dieses längst bekannte und uns schon so oft begegnete Personal aus der 18. der 30 Dynastien Alt-Ägyptens, so fasziniert. Es geht nicht nur um Nofretete, um Echnaton, um Amenhotep und Haremhab, um Thutmosis und Tutanchamun. Es geht um uns. Es geht um die Schwierigkeiten menschlichen Zusammenlebens, um den ewigen religiösen Wahnsinn und um die genauso ewigen Rivalitäten zwischen den Priesterschaften, es geht um Mißbrauch der Macht, um den „bösen Zauber“, der in Begriffen wie Frieden, Freiheit, Gerechtigkeit und Glück liegt. Es geht um das ewig Unausweichliche, nämlich die Dummheit und den Tod. Es geht um Idealismus, um Treue und nicht zuletzt um Liebe.

Dem Autor gelingt es, mit Nofretete eine Frauenfigur aufzubauen, die in ihrer Reifung wie in ihrem Altern überzeugt, eine liebebedürftige Frau, die sich hinzugeben versteht und zu nehmen weiß, was sie braucht. Eine Frau von ergreifend königlicher Haltung, die aber auch nicht davor zurückschreckt, ihre gerade erst ausgepeitschte Sklavin hingebungsvoll zu lieben oder einen wildfremden Soldaten im Hinterstübchen einer Kneipe zu vernaschen.

Das Buch entspricht dem Leben des Menschen: Das Aufwärts begeistert, das Abwärts erschreckt. Die Leser durch beide Gefühle waten zu lassen ist so unvermeidlich wie richtig. Denn immer gehört das andere zum einen, wenn nicht ein früher Tod den Zusammenhang verbirgt, was wir dann fälschlich als besondere Tragik empfinden.  Dabei liegt die wahre Tragik meist im sinnlosen Altwerden.

Dem Autor gelingt es,  selbst die Demontage der strahlenden Königin zu einem besonderen Leseerlebnis werden zu lassen, indem er auch dabei noch grundsätzliche Erkenntnisse aufleuchten läßt. Und wann wäre Erkenntnis jemals bedeutender denn als Trost im Alter, im Abstieg. Als das Es-besser-Wissen, wenn der Vorhang fällt. Am Ende dieser nicht unnötig breit angelegten Erzählung angekommen, ist der Leser klüger als zuvor. Und das kann man längst nicht bei jedem Buch konstatieren. Und das liegt nicht nur an den Kartenskizzen und dem Anhang mit Erklärungen zur Zeitrechnung und einem ausführlichen Glossar zu Personen-, Sach- und Ortsnamen. Das liegt daran, daß dieser Roberto Zacco schreiben kann und was zu sagen hat. 

(Walter Laufenberg in: www.netzine.de) 

 

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Splendid Isolation?

(Pál Bodor: Die Schweizer Villa. Aus dem Ungarischen übersetzt von Dorothea Koriath, Argumentum-Verlag, Budapest 1999, 309 Seiten, ISBN 963 446 123 9)

 „Wonach stinkt es hier so?“ Das ist der Anfang eines Romans, bei dem es um die schleichende Nazifizierung der Siebenbürger Sachsen geht, der sich eine ebenso schleichende Etablierung des Kommunismus entgegenstemmt. Also ein unbedingt programmatisch gemeinter Satz.

Was zunächst kurios wirkt, nämlich die ausführliche Beschreibung eines alten Bestatters, das erweist sich später als ein geschickter literarischer Kunstgriff. Der alte Herr mit seinen sonderbar endgültigen Ansichten wird zum Sympathieträger. Das gesamte Buch liest sich dadurch unwillkürlich aus der Endzeitperspektive dieses Bestatters. Die geschilderten Ereignisse, die sich in Siebenbürgen vor der Folie von Hitlers Machtergreifung sowie dem Aufstieg und Fall des Dritten Reichs abspielen, bekommen auf diese Weise eine andere Dimension, weit über das Vorurteil „provinziell“ erhaben. Als stünde vor allem Geschehen ein tiefschwarzes Sackgassenschild. Das ist die Schilderung der jüngeren Vergangenheit sub specie aeternitatis.

Das deutschstämmige Ehepaar Binder bewohnt mit seiner kleinen Tochter die Räume eines ehemaligen Bestattungsunternehmens in der Bukarester Innenstadt. Herr Binder hat Karriere in der Industrie gemacht, ist als Niederlassungsleiter größer geworden als er selbst sich sieht. Als er sich zur Ruhe setzt und mit seiner kleinen Familie in eine schöne Siebenbürger Provinzstadt umzieht, kann seine Frau endlich ihren Traum von einer Villa im schweizer Stil am Hang verwirklichen.

Gegenläufig zu dieser positiven Entwicklung im Privatbereich ist das Geschehen auf der politischen Bühne. Der Nationalsozialismus wirft deutliche Schlagschatten auf das Leben in Siebenbürgen. Das Ehepaar Binder glaubt,  in seiner schönen Villa in einer Art Splendid isolation die bösen Zeiten aussitzen zu können. Doch hat Binders Nachfolger in der Leitung der Firma, ein strammer und beinahe allmächtiger Nazi, ein Auge auf die noch recht jugendfrische Frau Binder geworfen. Die weist seine Annäherungsversuche vornehm ab. Aber um ihren Mann, ihre Tochter und ihre Villa zu retten, muß Frau Binder schließlich doch der ultimativen Forderung nachgeben und sich dem brutalen Verehrer in einer einsamen Jagdhütte ausliefern.

Der in Rumänien geborene Autor, der in Ungarn lebt, weiß Dinge zu verklammern, die zusammengehören. Nur konsequent, daß dieses Buch, 1981 in Rumänien veröffentlicht, dann 1985 in Ungarn neu aufgelegt, 1999 in einer deutschsprachigen Ausgabe erschienen ist. Es geht um das Deutschtum im Ausland, um die Siebenbürger Sachsen und die Banater Schwaben, und es geht um Rumänien mit seinen weiteren Minderheiten, den Ungarn, den Juden und den damals noch so genannten Zigeunern. Die ausführliche Schilderung des Zusammenlebens dieser unterschiedlichen Volksgruppen, ihrer Schwierigkeiten miteinander und der Beispiele von gruppenübergreifender Solidarität ist eine Ergänzung der Geschichtskenntnisse, die dem deutschen Leser guttut. Packend mitzuerleben, wie brave, gutmeinende, unpolitische Menschen in die Zwickmühle geraten.

Wie sie sich nicht raushalten können und nicht mitmachen wollen und doch auf die eine oder die andere Seite gezwungen werden, wobei sie Rollen spielen müssen, die ihnen absolut nicht auf den Leib geschrieben sind.

Der Autor scheut sich nicht, den Prototyp des kaltschnäuzigen Nationalsozialisten, der als Repräsentant eines großen deutschen Industrieunternehmens den König der Tiere spielt, durch seine Rhetorik zu zeichnen. Daß dabei eine Aufzählung aller Argumente gegen den überproportionalen jüdischen Einfluß entsteht, nimmt er in Kauf. Und er vermeidet es, dem einfach Beispiele von überlegenem Humanismus entgegenzusetzen. Auch die als human gezeichneten Figuren dieses Romans sind schlichte Egoisten, sind schwach und fehlbar, insgesamt dem Existenzdruck dieser Jahre nicht gewachsen. Wer untergeht, der geht nicht aufgrund eigener Schuld unter, wer überlebt, der kann sich das nicht als Verdienst anrechnen. Die Menschen dieses Romans wachsen in Rollen hinein, denen sie ausgeliefert sind wie die Protagonisten des klassischen griechischen Schauspiels.

Dabei ist die Schilderung dieser Figuren ein literarisches Schatzkästchen. Ein Porträt so gekonnt gezeichnet, so reizvoll serviert wie das andere. Insgesamt ein großer Gesellschaftsroman. Wobei sich der Autor noch einen interessanten Trick erlaubt. Ein Zeitungsschreiber, zunächst als eine mehr verwirrte als überlegene Feder gezeigt, übernimmt plötzlich die Rolle des Autors, reflektiert über das weitere Geschehen und das weitere Schicksal der Figuren. Das zunächst gradlinig geschriebene Buch kommt ins Schlingern und endet in Traumvisionen. Daß es den Leser damit sitzenläßt, ohne ihm den erwarteten ordentlichen Schluß zu bieten, ist jedoch sicher kein Versehen, sondern nur folgerichtig. Aus dem sich abzeichnenden Ende des Zweiten Weltkrieges ergab sich für die Menschen in Rumänien wie in allen Ostblockländern kein ordentlicher Schluß. Im Gegenteil. Und gerade das macht diesen Roman so lesenswert.

(Walter Laufenberg in: www.netzine.de)

 

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Lohn der Ängste

(Marcel Reich-Ranicki: „Mein Leben“. Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1999, gebunden 566 Seiten  49,80 DM,  363 ÖS, 46,- sFr)

Vorweg bemerkt: Ich bin sowenig ein Kritiker, wie Marcel Reich-Ranicki ein Erzähler ist. Wir haben die Rollen getauscht. Das erscheint mir legitim, weil wir einiges gemeinsam haben. Beispielsweise, daß auch ich nur zweieinhalb Bände Karl May gelesen habe und daß ich zuhause auf die Schiller-Gesamtausgabe als beinahe einzige Literatur angewiesen war, die ich in noch kindlicher Begeisterung und wohl auch mit entsprechendem Unverstand gelesen habe. Und auch ich lese wie er sehr langsam usw. Soviel zu unseren Gemeinsamkeiten. 

Das Buch des Kritikers, dessen meist treffsichere Urteile die deutsche Larmoyanzliteratur der letzten Jahrzehnte kanalisiert haben, endet selbst in Larmoyanz. Da werden Fassbinders Müllstück, der Historikerstreit und Walsers Rede ausführlich beweint. Das ist schade. Aber ist es ein Wunder? Als Jude hat man kein Verständnis für die weitverbreiteten Vorbehalte gegenüber der jüdischen Vorherrschaft im Kulturbetrieb. Schon die leisesten Klagerufe nichtjüdischer Mitbürger, die sich zurückgesetzt fühlen, werden einem prompt zu Trompetenstößen, die zum Kampf rufen. Wozu man aber am Ende der autobiografischen Großleistung zu müde ist. So behilft man sich mit Weinen.

Am Anfang des Buches ist der Autor noch kämpferisch eingestellt. Unübertrefflich die schallende Ohrfeige, die er seinen deutschen Lesern mit dem scheinbaren Pflichtprogramm verabreicht. Nämlich mit der Penetranz, mit der er sein Deutschtum und seine Begeisterung für die deutsche Kultur betont. Und mittels der gleichen Penetranz, mit der er darauf herumreitet, daß er mit der jüdischen Religion nichts zu tun hat noch jemals hatte.

Das ist gekonnt. Und es wirkt um so stärker, als der Autor ja davon ausgehen konnte, daß sein Buch nahezu einhellige Begeisterung bei den Kritikerkollegen hervorrufen würde. Schon aufgrund des allgemeinen schlechten Gewissens, der Gewohnheit des Überkompensierens und nicht zuletzt aufgrund der Stellung des Autors als Opinion-leader in Sachen Literatur. 

Gelegentlich outet er sich aber auch als ein jüdischer Rassist, nämlich wo er sich als den letzten Mohikaner bezeichnet, weil alle anderen großen Kritiker umgebracht oder ins Exil getrieben worden seien. Da wird der unvoreingenomme Leser mit der Nase auf die Frage gestoßen: Ja, können das denn nur die Juden? Ein Ausrutscher. Peinlich, aber auch verständlich. Unsere Konzentriertheit auf das Ich führt immer wieder zu Sichtfeldverengungen.

Die ausführlich dargestellte Deutschtumbewunderung wird mit einem Überraschungstrick zur großen Schelte: Der vergleichsweise harmlose Rohrstock eines Lehrers muß herhalten, um gleich zum Konzentrationslager und zum generellen Urteil „deutsche Barbarei“ überzuleiten. Danach ist immer von „den Deutschen“ die Rede, wenn die Angst der im Getto Eingeschlossenen geschildert wird. Nicht ganz fair, fließt dem Autor selbst doch das Geständnis ein, daß die Litauer und Letten, die Ukrainer, die Österreicher und die Polen die schlimmsten Peiniger waren. Was man auch schon in anderen Berichten gelesen hat. Und mehrfach bringt er Hinweise auf den besonderen Judenhaß der Polen, schließlich sogar den Ausspruch seiner polnischen Retter, daß er niemals sagen solle, daß sie bei ihnen Unterschlupf gefunden hätten: „Ich kenne dieses Volk. Es würde uns nie verzeihen, daß wir zwei Juden gerettet haben.“ Der Autor, in dessen Person sich Deutschtum und Polentum vereinigen, ist der berufene Vertreter einer Sehweise, die  Einseitigkeit überwinden kann.

Soviel zur Blickverengung und zur Prügeltechnik des Autors. Wenden wir uns jetzt der Handlung des Buches zu. Dabei stößt man sofort auf das generelle Problem mit Autobiografien: Das Buch müßte eigentlich als Titelbild die Pfeife von Magritte zeigen, unter der der Warnhinweis steht: „Ceci n’est pas une pipe.“ Das muß auch für ein Buch gelten, das „Mein Leben“ heißt. Weil es das Gran Salz ist , das der Leser erst einmal schlucken muß. Danach kann er das Buch mit Genuß lesen.

Er erfährt: Der Autor ist in Berlin in einem großbürgerlichen Haus aufgewachsen. Den Wohlstand verdankte die Familie dem Großvater, der ein tüchtiger Geschäftsmann war. In Berlin hat der Autor noch in der Nazizeit das Abitur gemacht, dann aber wurde er deportiert. Das war unmittelbar vor der sogenannten Reichskristallnacht. Mit welch ruhiger Distanziertheit der Autor diesen ersten Schock erzählt, ist erstaunlich, obwohl Ausdruck der Altersweisheit, die man in einer Autobiografie erwarten darf. Der Achtzehnjährige fand Aufnahme bei Verwandten in Polen. Also zunächst gerettet, aber ohne jede Berufschance.

Wie man in Polen hin- und hergerissen war zwischen Kriegsfurcht und Zuversicht, das ist in einer beklemmenden Art geschildert. Und erweist sich doch bald als ein bloßes Vorspiel. Der Leser erlebt mit, wie ein friedliches Land besetzt wird, er spürt die allmähliche Einschnürung, die ihn in der Grenzsituation Getto auf das bloße Überlebenwollen zurückwirft. Wie Erich Kästner ins „Spiel“ gebracht wird, auch spätere Begegnungen mit ihm geschildert werden, das ist ergreifend. Genau wie die Erinnerung an große Musikerlebnisse. Diese Intermezzi machen dem Leser klar: Plötzlich ist die Beschäftigung mit Kunst eine Kuriosität, der alltägliche Tod rundum die Realität.

Und selbst das wird noch zur relativ schönen Vergangenheit, als im Sommer und Herbst des Jahres 1942 die Selektionen beginnen , mit deren Hilfe das Getto geräumt werden soll. Die Schilderung dieser höchsten Not, mit all den Gerüchten und falschen Hoffnungen, mit der atemberaubenden Angst und dem stillen Heldentum ist erschütternd. Hier zeigt sich die Überlegenheit der Darstellung eines Einzelschicksals gegenüber allen sachlichen Berichten über diese Greueltaten und Opferzahlen. Der Autor, zeitlebens ein Leser, ist plötzlich zu einem Altmeister im Erzählen mutiert. Wie er Überraschungen serviert, wie er Spannungen aufrechterhält, das Entsetzen einsetzt, das zitternde Ich kleinwerden läßt, das ist überwältigend. Dahinein sogar noch die erste Begegnung mit seiner späteren Frau zu bringen, dann auch die improvisierte Eheschließung, weil sie das einzige Mittel war, sie vor dem Tod in der Gaskammer zu bewahren, großartig. Wer diese Gettoerlebnisse lesen kann, ohne nasse Augen zu bekommen, der hat kein Herz.

Dem Autor gelingt kurz vor Ausbruch des Warschauer Aufstands zusammen mit seiner jungen Frau im letzten Moment die Flucht aus der Kolonne, die zum Abtransport ins Vernichtungslager bestimmt ist. Cliff-hanging-effect, und doch absolut glaubwürdig. Die beiden werden von Polen ausgeplündert, und sie werden von Polen versteckt. Bis zum Ende des Krieges. Sie hungern und zittern und halten aus. Ziemlich genau die Hälfte des Buches nimmt die Schilderung der Ängste ein.

Die zweite Hälfte bringt den Lohn der Ängste, den unaufhaltsamen Aufstieg des Autors zum Literatur-Großkritiker Westdeutschlands. Daß er, der Habenichts ohne Zeugnisse und Titel, sich mit den Pressechefs , den Herausgebern und Chefredakteuren, zusammensetzen kann, daß er sie im Gespräch von seinen überlegenen Kenntnissen überzeugen kann, wird als selbstverständlich dargestellt. Der Charme des Autors muß auf die Vorzimmerhexen überwältigend gewirkt haben. So kann der Autor seinen Lesern als Früchte seiner imponierenden Karriere ein Fülle von Einzelporträts renommierter Autoren bieten. Die Autobiografie wandelt sich zum Literaturlexikon. Der genretypische, besonders interessante Nebeneffekt.

Wer nun erwartet, aus diesen Schilderungen auch etwas über die geheimen Kriterien der Literaturbeurteilung zu erfahren, mit denen der Autor zum maßgeblichen Kritiker geworden ist, wird enttäuscht. Der Meister läßt sich nicht in die Karten schauen. Er bleibt beim abschließenden Diktum: Ein gutes Buch, ein schlechtes Buch, ein guter Autor, ein schlechter Autor. Entgegenkommen genug, daß er gelegentlich noch Attribute wie unterhaltsam bzw. talentiert verrät.

Am Anfang Penetranz, am Ende Larmoyanz, nun ja, aber dazwischen ein Buch, das einen nicht in Ruhe läßt. Es hat all das, was der Autor von den Büchern verlangt, die er zu rezensieren pflegt. Es ist nicht langweilig, sondern höchst unterhaltsam und sogar informativ, es ist glaubhaft, in sich stimmig und nachempfindbar geschildert, es enthält eine zarte Liebesgeschichte, die so vorsichtig angedeutet bleibt wie ihre gelegentlichen Gefährdungen, und das alles ist aus der Perspektive eines gebildeten erwachsenen Menschen geschrieben. Dem möchte ich noch ein Kriterium hinzufügen, auf das ich großen Wert lege: Das Buch wirkt bewußtseinserweiternd, das heißt es läßt den Leser nicht als denselben Menschen zurück, der er vor der Lektüre war. Qintessenz: Unbedingt empfehlenswert! 

(Walter Laufenberg in: www.netzine.de)

 

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Liebe mal drei

(Anja Klabunde: Magda Goebbels – Annäherung an ein Leben, Verlag C. Bertelsmann, München 1999)

 Immer dasselbe bei der Lektüre einer Biographie – man begegnet mindestens zwei Personen, die man noch nicht gekannt hat. Dem Menschen, der das Buch geschrieben hat, und dem Menschen, über den es geschrieben wurde. So gut wie immer ist die Person, die in einer Biographie beschrieben wird, wichtiger und interessanter als die Person, die ihr Leben beschreibt.

Bei einem „Objekt“ wie Magda Goebbels ist das kein Wunder. Schon auf dem Umschlagfoto erscheint sie als eine kalte, berechnende, fordernde Schönheit, die erschreckt. Auch wenn man abzieht, was an ihr Zeittyp sein mag, dieses Scharfgeschnittene der deutschen Möchtegern-Vamps der dreißiger Jahre, alle ein wenig nach Marlene Dietrich geraten, bei Magda Goebbels erstaunt, daß sie von Hitler als die erste Frau im Staate bezeichnet wurde. Was ihr ungeheuer imponiert hat. Was sie auch auf ihre Rolle festgenagelt hat, was sie schließlich umgebracht hat. Doch halt, so weit sind wir noch nicht.

Diese Magda, die aus kleinsten Verhältnissen kam, uneheliches Kind einer  sitzengelassenen einfachen Frau aus dem Volke, mit einem jüdischen Stiefvater, der sich beider rührend besorgt angenommen hat, diese Frau hat nacheinander drei Männer an sich gebunden, die zu den größten im Lande zählten. Zunächst wird sie die Freundin und vermutlich auch etwas mehr als die Freundin von Victor Chaim Arlosoroff, einem der fanatischsten Zionisten. Anschließend wird sie die Ehefrau des Großindustriellen Günther Quandt, einem kompromißlosen Mister Moneymaker. Nach der Scheidung von ihm wird sie die Geliebte und schließlich auch die Ehefrau von Joseph Goebbels, dem teuflisch-ruchlosen Propagandisten des Nationalsozialismus. Sie wird mit ihm, der sie zunächst anbetet, dann immer unverschämter betrügt, zunächst sehr glücklich und schon bald zutiefst unglücklich. Und sie findet trotz reichlichem Konsum von Alkohol und Nikotin keinen Trost für ihr verpfuschtes Leben, handelt sich nur diverse Krankheiten ein.

Ein jüdicher Aktivist, ein Geldmann und ein Judenhasser, man fragt sich, wie eine Frau ein derartig heterogenes Sortiment von Partnern verkraften konnte. Alle drei Männer, nicht allein der letzte, dieser durch eine Kindheitserkrankung hinkende Joseph Goebbels, alle drei waren irgendwie behindert. Durch die kompromißlose Einseitigkeit, in der sie lebten. Alle drei waren Besessene, und das war es offenbar, was sie für die junge Magda attraktiv machte. Sie waren Männer, die an die Spitze wollten. Und deshalb einer wie der andere der richtige Partner. Denn das geht aus dieser Biographie deutlich hervor: Diese junge Frau hatte keinerlei weiterführende Interessen und hatte auch für Ideologien und höhere Werte nichts übrig. Sie hatte nur den einen Wunsch, sich in die feine Gesellschaft hinaufzuschwingen, die große Dame zu sein. Was ihr auch gelungen ist.

Dieses Buch bietet eine dreifache Liebesgeschichte. Dreifach Authentisches, auf zeitgeschichtlichem Hintergrund und mit Personen von Rang und Namen. Mit einem Tragödienausklang, wie man ihn sich effektvoller nicht ausdenken könnte. Ein sechsfacher Kindermord vor dem Doppelselbstmord. Das ist Lesefutter der besten Art. Aber auch Anlaß zur Nachdenklichkeit. Die Autorin vermeidet zwar jede Grundsätzlichkeit, jedes „Gründeln“, doch gibt ihr Buch über die privaten Bezüge hinaus wenigstens ansatzweise Einblicke in erstaunliche Zusammenhänge, die hinter den Ereignissen stehen.

So etwa, wenn die Autorin anklingen läßt, wie Magda mit den sie verehrenden Nazigrößen Goebbels und Hitler das Gefühl des Auserwähltseins teilt. Ist das doch als Motiv hinter dem Judenhaß der Nationalsozialisten noch kaum in Betracht gezogen worden, dieses Gefühl, daß die Juden mit ihrem Auserwähltheitsanspruch  Konkurrenten sind, die man ausschalten muß. Da kommt ein Ehrgeiz der Naziclique in den Blick, der sehr tiefe Wurzeln hat, viel tiefer reichend als die bloß provisorisch fundierte Rassentheorie, die offiziell vorgeschoben wurde.

Ein weiteres Motiv ist aus diesem Buch herauszuhören, das normalerweise nicht als Erklärung für den nationalsozialistischen Wahnsinn angeführt wird, nämlich der traditionelle deutsche Geniekult. Da wundert man sich nur immer, daß so was wie der Entschluß zur Judenvernichtung im Lande Goethes, Beethovens und Dürers passieren konnte. Und versteht nicht, daß man nicht sagen muß: Trotz Goethe und Co., sondern wegen. Für Magda Goebbels sind diese unübertroffenen Redner und Menschenmanipulierer Hitler und Goebbels Genies, die man verehren muß und für die andere Gesetze gelten als für Normalmenschen.

Diese blonde Schönheit mit den kalten Augen, diese Magda Goebbels, die im Endkampf um Berlin im Führerbunker mit ihrem Mann und ihren sechs kleinen Kindern in den Tod geht, mit anschließender Verbrennung, um nichts zu hinterlassen, sie hinterläßt Leser, die zutiefst betroffen und nachdenklich geworden sind. Was ja nicht das schlechteste Ergebnis der Lektüre eines Buches ist. Und den Sohn Harald Quandt aus der ersten Ehe, bei Kriegsende in britischer Gefangenschaft,  hat sie uns hinterlassen, den „Dagobert Duck“, der zu einem der prägenden Geldmänner der Bundesrepublik  Deutschland werden sollte.

Die Autorin macht in ihrem Vorwort aus den besonderen Schwierigkeiten, mit denen sie bei der Arbeit an diesem Buch zu kämpfen hatte, keinen Hehl. Gab es doch bereits eine Biographie der Magda Goebbels. Im Jahre 1978 in München erschienen, geschrieben von Hans-Otto Meissner, der damals noch Zugang zu Personen und Unterlagen hatte, die heute nicht mehr greifbar sind. Doch traute die Autorin sich offenbar zu, als Frau einen anderen, intensiveren Bezug zu der Frau mit dem dramatischen Schicksal zu haben, und vielleicht auch aus dem größeren Abstand einen klareren Blick.

So entstand das Buch, das sich im Untertitel bescheiden als „Annäherung an ein Leben“ vorstellt. Es ist das ein Mixtum compositum, das streckenweise ein sehr intimes Lebensbild bietet, immer mal wieder unterbrochen von  beinahe lyrisch klingenden Situationsschilderungen, die dem Buch wohl etwas Romanhaft-Anheimelndes geben sollen, und das alles aufgehängt an Kurzerklärungen der Autorin zu den historischen Ereignissen. Wie die Autorin die politischen und gesellschaftlichen, auch die wirtschaftlichen Entwicklungen beschreibt, das macht deutlich, daß sie sich an eine jüngere Zielgruppe wendet, der das alles nicht geläufig ist. Sicher einem bestehenden Bedarf entsprechend. Schließlich gibt die Autorin dem Ehrgeiz nach, eine ganze Entwicklungsgeschichte des Dritten Reiches zu schreiben, alles fokussiert auf die Familie Goebbels.

Die Autorin hat sich bemüht, dem Ganzen einen wissenschaftlichen Anstrich zu geben. Mit zwei Registern und einem Literaturverzeichnis sowie dem Vorwort. Und mit einem Epilog, der aber bloß eine überflüssige Wiederholung ist oder ein Werbetext oder eine Art Summary. Dazu ist das Buch übersät mit Zahlen von Fußnoten, die im Anhang nachzuschlagen sind. Was schon lästig genug ist. Was aber noch störender wirkt, wenn die Fußnoten nicht nur Fundstellen angeben, sondern ausführlichere Erklärungen enthalten, die in den Text hineingehört hätten. Womit klargestellt ist: Wir haben es hier weder mit einem dichterischen Werk zu tun noch mit einem wissenschaftlichen. Vielmehr mit einem journalistischen. Aber mit einem ernstzunehmenden Beitrag zur jüngeren Geschichte, dessen Lektüre unbedingt lohnend ist.

(Walter Laufenberg in: www.netzine.de)

 

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Tödliche Schönheit

(John Erskine: Ich, Helena von Troja, Roman. Verlag Matthes & Seitz, München 1998)

Nein, es handelt sich nicht um eine Autobiografie der schönen Helena, nicht einmal um eine fiktive, wie der deutsche Titel suggeriert. Der englische Originaltitel trifft es besser: The Private Life of  Helen of Troy. Genau genommen handelt es sich nicht einmal um einen Roman. Weil außer auf den letzten paar Seiten jegliche Handlung fehlt. Es ist das ein Buch aus lauter Dialogen, das mehr einem Schauspiel gleicht als einem Roman. Es erfordert somit die Geduld und besondere Aufmerksamkeit eines erfahrenen Libretto- oder Drehbuchlesers. Der Freund schlicht unterhaltender Erzählungen wird damit überfordert.

Das Buch führt seine Leser nach Sparta, in die Residenz von Menelaos, einem der Helden der Schlacht um Troja. Und dem Hauptbetroffenen, weil Helena seine Frau ist. Längst schon Vergangenheit sind die Kämpfe um die Stadt, in die der junge Paris die schöne Helena gebracht hatte. Wie sehr gegen ihren Willen entführt oder aber mit dem jungen Schönling durchgebrannt, das bleibt eine offene Frage. Jedenfalls ist Troja gründlich zerstört worden, seine Einwohner wurden nicht geschont. Paris wurde erschlagen, genau wie sein greiser Vater Priamos. Und seine Schwester Kassandra wurde zur Sklavin gemacht. Nur Helena, für deren Bestrafung Tausende tapferer Männer und braver Frauen und Kinder ihr Leben lassen mußten, ist nichts passiert. Als der verlassene Ehemann Menelaos im Endkampf, das blutige Schwert in der Hand, rachelüstern, Helena endlich im brennenden Troja entdeckt hatte, entblößte sie mit schlichter Gebärde ihren Busen, um den tödlichen Stich entgegenzunehmen. Und sah den Wütenden dabei an. Und wunderte sich nicht, daß Menelaos das Schwert wegsteckte und sie an die Hand und mit nachhause nahm. Als die wiedergewonnene Herrin seines Hauses.

Das ist das Stichwort für John Erskine, den im Jahre 1951 verstorbenen New Yorker Literaturprofessor und Romancier. Hier hat der Kenner der Antike und gnadenlose Spötter seinen Auftritt. Denn am heimischen Hof des Menelaos kann man das Verhalten des Fürsten nicht verstehen. Dieses haltlose Weib gehörte erschlagen, meint man. Stellvertretend für diese Volksmeinung steht bei Erskine der Türhüter Eteoneus. Er ist der abgeklärte Alte, der die Höhen und Tiefen des Daseins durchlebt hat. Kein stur kafkaesker Türhüter. Im Gegenteil ein sehr gewandter und dabei stets ironisch kommentierender Türhüter. Es ist dem Leser schnell klar, daß dieser desillusionierte Menschenkenner das höchstpersönliche Sprachrohr des Autors ist. Man könnte ihn auch als den modernen Stellvertreter des Chors im antiken Theater interpretieren.

Die schöne Helena, zwar in der Gesellschaft schief angesehen, wächst schnell in eine neue Rolle hinein. In die der überlegenen Herrin. Geht es doch sofort um andere Probleme. Die Tochter Hermione macht Sorgen. Weil sie eine heimliche Liebschaft mit Orest führt, dem Sohn eines anderen großen griechischen Heerführers namens Agamemnon und seiner Frau Klytemnestra. Daß Agamemnon so zufällig der Bruder von Menelaos ist  wie Klytemnestra die Schwester von Helena, macht die Sache nicht einfacher. Pflegen Verwandte doch gemeinhin nicht viel voneinander zu halten. Hinzu kommt, daß dieser Orest nicht bereit war, mit in den Kampf um Troja zu ziehen, also als Feigling verschrieen ist. Und dann hat seine Mutter auch noch während der kriegsbedingten Abwesenheit seines Vaters ein Verhältnis mit einem anderen Mann angefangen, mit Ägisth, und das ganz unverhüllt. Agamemnon kommt nach verzögerter Heimreise zurück. Und es gibt Mord und Totschlag.

Das alles wird vom Autor nicht erzählt, sondern in wunderschönen Dialogen serviert. Voller Ironie und geschickt gelenkter Selbstentlarvung der Sprechenden. Ein Meisterstück der Personenzeichnung durch die jeweilige Ausdrucksweise. Dieses Buch der Dialoge zeigt, daß man auf den ganzen erzählerischen Bombast verzichten kann, weil er doch nur redundant ist. Im Klappentext wird der Autor mit dem Ausspruch zitiert: „Ich benütze Zänkereien und Auseinandersetzungen nicht nur dazu, Helenas Charakter zu zeichnen und sie in Gegensatz zu jenem ihres Ehemannes zu setzen, sondern auch um den tiefen, und wie mir scheinen will, allgemein gültigen Unterschied zwischen Mann und Frau aufzuzeigen.“

Tatsächlich stehen die Personen dieses Buches für typische Eigenschaften und Handlungsweisen der Menschen. Insofern hat Erskine aus den Figuren der Antike das Personal einer modernen Soap Opera geformt. Die Frauen, ob Klytemnestra oder Hermione oder die Nachbarsfrauen erscheinen als die zickigen Wesen, die in amerikanischen Familienserien dominant sind, und die Männer mit den großen Namen Menelaos und Agamemnon sind die zum lächerlichen Daddy heruntergekommenen amerikanischen Männer. Nur eine steht über allen: Helena. Ihre Schönheit ist zeitlos und macht jeden Mann schon beim ersten Blick zu ihrem Opfer. 

Mit diesem Buch hat die amerikanische Literaturschwemme ausnahmsweise einmal nicht nur unterhaltsamen Ramsch auf den deutschen Markt gebracht. Schade nur, daß die Übersetzung an immer wieder spürbaren Deutsch-Defiziten leidet. Und noch mehr bedauerlich, daß der Verlag es nicht für nötig gehalten hat, das Buch zu lektorieren. So hoppelt der Leser über ein Stoppelfeld von Fehlern – und erlebt die schöne Helena wie beim Drachensteigenlassen.

(Walter Laufenberg in: www.netzine.de)

 

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Ziegel streichen

Botho Strauß: „Das Partikular

Verlag Carl Hanser, München und Wien 2000, geb. 220 Seiten

34,- DM / 248,- öS / 32,80 sFr,   ISBN 3-446-19886-5

Kein Buch zum Schmökern, keine Urlaubslektüre, ganz sicher kein Buch für jedermann. Wenn überhaupt ein Buch. Wenn nicht eher die Materialsammlung zu einem Buch, das zu schreiben der Autor großzügig unterlassen hat. Botho Strauß setzt das fort, was er schon in „Paare, Passanten“, dem 1981 erschienenen Buch mit Skizzen und Kurzessays, vorgeführt hatte: Er dekliniert unser Deutsch neu, um wieder Bücher zu ermöglichen, die mehr sind als gebundene Zeitungen, kondensiertes Moderatorengerede oder simpel transferierter amerikanischer Sprachramsch.

„Das Partikular“zeigt den Autor bei dem verzweifelten Bemühen, eine neue Sprache zu finden. Dabei ist er antizyklisch tätig. Denn während wir täglich überschüttet werden mit inhaltsarmem Satzreichtum, bietet er Sätze, die Stück für Stück ein Erlebnis sind. Für den, der ein feines Sensorium für Sprache ausgebildet hat.

Ein erregendes Abenteuer, dem Autor zusehen zu dürfen beim Ziegelstreichen, beim Kästchenbinden und Lehmbacken. Wie er Bausteine entstehen läßt in einem Formenreichtum, einer Feinporigkeit, einer so ungewöhnlichen Glasur, daß es eine Lust ist. Da sieht man darüber hinweg, daß der Autor keine Lust hat, aus diesen Ziegeln ein Gebäude zu errichten, daß er sich damit begnügt, Fundamente zu legen, kühn akzentuierte Ecken hochzuziehen, Prachtportale mit vorgesetzten Prellsteinen anzudeuten, Erker abzustützen, mit Risaliten zu dräuen und immer wieder Fenster auszusparen, mehr Fenster als Mauerstücke stehen.

Dabei erweisen sich diese scheinbar amorphen Straußsteine als durchaus brauchbar zum Bauen. Zumindest für den Baumeister, der es sich leisten kann, auf die traditionellen Hilfsmittel Richtschnur und Bleilot zu verzichten, sind sie ein tragendes Material, versprechen sie architektonische Prächtigkeit und Funktionalität.

Was zunächst aussieht, als hätte der Autor lediglich seinen Zettelkasten ausgekippt, formt sich beim aufmerksamen Lesen unterderhand zu Geschichten aus Gelegenheitsbeobachtungen, vorüberwehenden Gedanken, aus Erinnerungen, Andeutungen, Wiederaufgreifen und geduldigem Abschmecken der Sprache. Da gibt es wunderschöne Short-Shorts innerhalb der Kurzgeschichten. Da gibt es überraschende Kürzest-Essays. Und manchmal gibt es auch Anklänge an literarische Vorbilder. Beispielsweise findet der Leser sich plötzlich auf der Galerie wieder. Wo es so unübersehbar kafkaesk wird, nennt der Autor seine Figur auch Franz K.

Es geht in diesen Quasi-Geschichten um Gefühle, vor allem immer wieder um Liebe oder das, was die Leute für Liebe halten. Und es geht um die Mühen der Verständigung untereinander und das Wegstecken des unausweichlichen Nichtverstehens.

Der Autor zeigt sich bestechend sprachmächtig. Er führt vor, was noch alles an ungehobenen Schätzen in unserer Sprache zu finden ist. Wenn das auch hin und wieder schiefgeht, in Kitsch abgleitet. So beispielsweise in der Sentenz: „Sie … umarmt ihn, preßt ihren milden Trikot-Leib an den festen Jungensbauch …“

Nebbich. Wer sich so rigoros bemüht, die äußersten Grenzen unserer Sprache zu erkunden und das Terrain der Sprachlust zu vergrößern, hat ein paar versehentliche Grenzüberschreitungen gut. Und auch den Tick mit den aus dem Fremdwörterlexikon geklaubten Exotenbegriffen, den absolut ungebräuchlichen, kann man diesem Autor nachsehen. Schafft Botho Strauß doch das Wesentliche, nämlich den Leser dahinzubringen, daß er, den täglichen Niedergang der deutschen Sprache vor Augen, sich wieder für sein Idiom begeistert.

(Walter Laufenberg in: www.netzine.de)

 

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Die hohe Schule des Verpackens

(Alessandro Baricco: Seide, Roman, Taschenbuch Serie Piper Nr. 2822,

München und Zürich 1999, 132 Seiten, DM 14.90,  ISBN 3-492-22822-4)

Mach dir ein paar schöne Stunden, lies die „Seide“, ist man versucht zu sagen. Denn wenn überhaupt ein Buch den Wettstreit mit dem Kino gewinnen kann, dann dieser kleine Roman, der genaugenommen bloß eine Erzählung ist, Lesestoff für gerade nur zwei Stunden.

Ein südfranzösischer Seidenhändler namens Hervé Joncour erreicht erst nach einer monatelangen Tour sein Ziel, nämlich das noch unbekannte Japan, und es gelingt ihm, dort heimlich die Seidenraupen zu kaufen, die man daheim braucht. Im Haus seines geheimnisvollen japanischen Lieferanten begegnen ihm aber auch Blicke einer jungen Frau, die ihn nicht mehr loslassen. Dabei kommt er gern zu seiner Frau Hélène zurück. Dieser Hervé Joncour ist nicht nur ein Mann ohne Adjektive. Er ist die Unentschlossenheit in Person. Er wird mehr gelebt als er selbst lebt. Was Baricco schön plastisch ausdrückt mit den Worten: „Er war übrigens einer jener Menschen, die dem eigenen Leben gern beiwohnen, während sie jegliches Bestreben, es zu leben, für unangebracht halten.“

Der 1958 in Turin geborene Autor präsentiert mit „Seide“ eine Art Wirtschaftsroman, der anders als die klassischen Vertreter dieses Genres nicht möglichst viel Sachbuchwissen in Handlung umsetzt, wie es beispielsweise Karl Aloys Schenzinger vorgemacht hat und viele Schulfunksendungen nachgemacht haben. Hier werden vielmehr die Sachzwänge des Wirtschaftslebens als selbstverständliche Folie benutzt, auf der sich das Leben seiner Romanfiguren abzeichnet.

Und so, wie dieses Buch also nicht eigentlich ein Wirtschaftsroman ist, ist es auch kein historischer Roman, obwohl die Handlung Mitte des 19. Jahrhunderts spielt. Zwangsläufig. Denn es geht um japanische Seidenraupen, die außer Landes geschmuggelt werden müssen, weil die Selbstisolation Japans gerade erst in diesen Jahren aufgebrochen wird.

Also ein Japanerlebnis. Doch gleich ist die nächste Distanzierung nötig: Das ist kein Japan-Reisebericht und keine Madame-Butterfly-Romanze. Die exotische Kulisse war einfach nur unvermeidlich, um die Konstellation einer Liebesgeschichte zu zeichnen, die sich von dem üblichen deutlich abhebt.

Womit man endlich beim Wesen dieses Buches ist. Es geht um das Hero-und-Leander-Thema. Es geht um zwei Königskinder, die nicht zueinander kommen konnten, es geht um des Meeres und der Liebe Wellen. Das ewige Thema diesmal in hauchzarter Seidenverpackung, die völlig durchsichtig zu sein scheint und doch so geschickt verhüllt. Das erinnert an die japanische Kunst des Verpackens mit ihren erstaunlichen Überraschungen. Hier ist dem Autor Adäquates gelungen. Denn diese Geschichte kann von jedem goutiert werden, egal ob als unterhaltsam spannende Love-story gelesen oder als ein kleines Sprachkunstwerk entdeckt, das man sich selbst vorliest und dabei Satz für Satz auf der Zunge zergehen läßt.

Baricco bringt seine Geschichte in einer so knappen Darstellung, einer so feinfühligen Sprache, daß man streckenweise an Rilkes „Cornett“ erinnert ist. Nur sind bei ihm die Männer jeglicher Großartigkeit entkleidet, und die Frauen sind die wahren Helden auf dem ewigen Kriegsschauplatz Liebe. Heroinen, die ihre Orden nicht offen tragen. Was den besonderen Reiz dieses Büchleins ausmacht.

(Walter Laufenberg in: www.netzine.de)

 

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Der Cocktail des Tages

(Peter Dempf: Das Geheimnis des Hieronymus Bosch, Roman, Eichborn-Verlag, Frankfurt/Main 1999, gebunden 404 Seiten, DM 39,80)

Ganz klar, das ist nicht die Art Literatur, die im Literarischen Quartett besprochen wird. Nicht dieses Gefühlige, Doppelbödige für den Salon. Was hier an Gefühlen geboten wird, ist Folterschmerz und Todesangst, und das Doppelbödige ist eher ein bodenloser Sumpf, in dem der Autor herumstochert.

Hier macht einer den Versuch, einen Reißer auf höherem Niveau anzusiedeln, wie es Umberto Eco mit seinem Roman „Der Name der Rose“ vorgemacht hat. Ein durchaus ernstzunehmender Versuch. Wenn man auch auf den ersten hundert Seiten der Meinung sein könnte, das Experiment sei in die triviale Thriller-Ecke weggerutscht. Bei dennoch fortgesetzter Lektüre stellt man fest: Das Buch hat mehr zu bieten als bloße Spannung. Denn auch ohne die auf den Markt schielende, etwas aufgesetzt wirkende Suche nach versteckten Zeichen ist der hier gebotene genauere Blick auf eines der geheimnisvollsten Gemälde der abendländischen Kunst lohnend.

Es geht um Boschs Triptychon „Der Garten der Lüste“, auf das der Autor im Madrider Prado-Museum einen fanatischen Pater mit Säure losgehen läßt. Bei den anschließenden Restaurierungsarbeiten erweist sich das Bild als so vielschichtig, nicht nur im Farbauftrag, sondern vor allem in der Thematik, wie der Attentäter und eine ihn angeblich betreuende Psychologin undurchsichtig und hintergründig erscheinen.

Das Ringen um den Erhalt des Gemäldes wird ergänzt von einer beinahe verrückt wirkenden Suche nach geheimen Botschaften unter der Oberfläche des Bildes, die durch die Säure freigelegt worden sein sollen. Und es wird kontrastiert durch die ausführliche Schilderung seiner Entstehung. Womit die Leser in das brabantische s’Hertogenbosch vom Anfang des 16. Jahrhunderts entführt werden. Dort kämpft die Heilige Inquisition, vertreten durch den Dominikanerorden, gegen das patrizische Stadtregiment um die Vorherrschaft. Ringsum brennen Unschuldige auf den Scheiterhaufen, und das stumpfsinnige Volk weiß nicht, wem es mehr vertrauen soll, den gefürchteten Dominikanern oder den hochnäsigen Ratsherren.

Die Verknüpfung des Damals mit dem Heute wird durch sechsmaligen Zeitwechsel hergestellt. In einer harten Schnittechnik, die nur ansatzweise versucht, die umfangreiche historische Schilderung einer der Gegenwartsfiguren in den Mund zu legen. Der Autor sieht da kein Glaubwürdigkeitsproblem. Wie er auch kein Problem damit hat, daß in schwierigen Situationen stets eine der schon eingeführten Personen als deus ex machina auftritt und den Helden rettet. Das ist eine so selbstverständliche Verwendung tradierter Erzählformen, daß es schwer wird, diesen Thriller als literarisch anspruchsvoll einzustufen. Trotz aller berechtigten Vorbehalte gegen die Unterscheidung von E- und U-Literatur, hier ist sie hilfreich: Dieser Roman ist ein Beispiel besonders guter Unterhaltungsliteratur.

Diesen Befund bestärkt auch die Betrachtung der Sprache, in der hier erzählt wird. Zwar korrekt und flüssig und leichtverständlich, bleibt sie doch stets journalistisch. So daß man überrascht aufmerkt, wenn einem auf Seite 210 der erste dichterisch ambitionierte Satz entgegentritt: „Die Nacht hatte die Gassen mit Dunkelheit gefüllt wie ein Glas mit Braunbier.“

Dabei erweist sich der Autor als kenntnisreich, was das spätmittelalterliche Leben betrifft. Und was er an Deutungsmöglichkeiten für den seit Jahrhunderten irritierenden „Garten der Lüste“ bringt, ist imponierend. Spitzfindige Erklärungen, die sich von den gängigen Interpretationen der Kunsthistoriker abheben. Da wird allerschönste Geistesakrobatik geboten. Das Triptychon wandelt sich vom dreiflügeligen Altaraufsatz zum reinen Ketzerstück. Die christliche Religion wird als Männerregime entlarvt und von den Darstellungen der Überlegenheit des Weiblichen in den Hintergrund gedrängt. Da kommen Geheimbund und Zahlenmystik, Apokalyptisches und esoterische Sternzeichenkunde, Zukunftsängste, Albträume und Frauenpower zu ihrem Recht. Ja, es sieht so aus, als hätte Hieronymus Bosch sein Bild zu einem Cocktail aus gerade den Ingredienzien zusammengemixt, von denen er gewußt hat, daß sie den Menschen vom Ende des zwanzigsten Jahrhunderts so gut schmecken.

(Walter Laufenberg in: www.netzine.de)

 

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Ein Hosianna auf Johanna

(Emmanuel Rhoides, Die Päpstin Johanna von Ingelheim, Roman, Aufbau Taschenbuch Verlag, Berlin 2000, 252 Seiten, 16,90 DM)

Ein Vergnügen sogar noch für den, dem diese Johannastory nicht mehr neu ist. Weil das Buch so überlegen witzig daherkommt. Und für den Rezensenten eine Irritation, weil er selbst ein Autor ist, der in ähnlicher Tonalität historische Romane schreibt und hier einem Mann begegnen, den er als sein Vorbild bezeichnen könnte – wenn er ihn nur früher gekannt hätte.

Der griechische Kultur- und speziell Literatur-Kritiker Emmanuel Rhoides lebte im gerade erst von der Türkenherrschaft befreiten Griechenland von 1836 bis 1904. Als Student fand er in Berliner Bibliotheken ein paar Hinweise auf eine Johanna in Männerkleidung, die im 9. Jahrhundert als Papst Johannes VIII. den Stuhl des hl. Petrus erklommen und zwei Jahre gehalten habe, dann aber bei einer Prozession durch eine Geburt auf offener Straße als Fehlbesetzung entdeckt und zu ihrem Glück gleichzeitig gestorben sei. Ein Desaster, das im 13. Jahrhundert erstmalig in den Papstchroniken beschrieben und dann durch die Jahrhunderte immer wieder kolportiert wurde, bis heute jedoch weder beweisbar noch widerlegbar.

Aus diesen spärlichen Angaben machte der junge Rhoides einen Roman, den man als einen großen Entwicklungsroman bezeichnen könnte. Formt er doch das Bild einer Frau, die aus kleinsten Verhältnissen kam und sich allen Widerständen zum Trotz zur Gelehrten und zu einer imponierenden Herrscherfigur entwickelte. Vielleicht das erste großartige Bild der sogenannten neuen Frau, die selbstbewußt genug ist, sich zu nehmen, was sie braucht, und die Schwächen der Männer schamlos auszunutzen, um sie von ihren angemaßten Thronen zu verdrängen.

So weit, so up to date. Doch daß man beim Lesen immer wieder laut loslacht, das liegt an einer anderen Qualität dieses Buches, nämlich an seinem aufklärerischen Geist und der scharfen Ironie, mit der es einem die scheinbar heiligsten Dinge serviert. Kein Wunder, daß es bei seinem ersten Erscheinen im Jahre 1866 einen Skandal auslöste, daß die griechische Kirche das Buch verbieten ließ und den frechen Autor exkommunizierte. Was wunschgemäß dazu führte, daß diese Mittelalterstudie ein Bestseller wurde, sehr schnell in fast alle europäischen Sprachen übersetzt.

Daß ein Verlag jetzt eine neue Ausgabe dieses Erfolgsbuches vorlegt, ist verdienstvoll. Gerade in einer Zeit der Wohlstandslangeweile und des Gefühls der Sinnlosigkeit, da diverse Religionssysteme sich in einen neuen Fundamentalismus hineinsteigern. Dieses kluge Buch mußte wieder auf den Markt gebracht werden. Wenn auch der Verlag mit diesem Titel ganz offensichtlich an die momentane Mittelaltermode und schon vorhandene Päpstin-Romane andockt. Da hat sich wohl einer gesagt: Die Leser werden es schon selbst merken, daß es hier um mehr geht als um eine der üblichen blutrünstigen Mittelalterschmonzetten. Ist doch schon auf den ersten Blick erkennbar: So gut wie keine Dialoge, mit denen geschickte Schreiberlinge heute die Seiten füllen. Dafür 18 Seiten mit Anmerkungen. Und ein sehr gescheites Nachwort von einer Überarbeiterin.

Der Autor kennt sich in dem Wust der Heiligenlegenden und Pseudochroniken aus. Und wie er daraus fromme Beispiele zitiert oder frevlerische Vergleiche knüpft, das ist eine so vergnügliche Lektüre, daß beispielsweise ein IBKA (Internationaler Bund der Konfessionslosen und Atheisten e.V.) das Buch zu seinem Lieblingsbuch erküren müßte!

(Walter Laufenberg in: www.netzine.de)

 

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Der Bürger als Flaneur

(Sándor Márai, Bekenntnisse eines Bürgers, aus dem Ungarischen von Hans Skirecki, herausgegeben von Siegfried Heinrichs, Oberbaumverlag Berlin 1996, gebunden 430 Seiten 58,- DM und Piper-Taschenbuch September 2000, DM 19,90)

Plötzlich spricht man von ihm. Was die Frage aufwirft, ob man ihn jetzt anläßlich seines hundertsten Geburtstages trotz oder wegen seiner „unordentlichen“ Lebensführung zur Ehre der literarischen Altäre erhoben hat. Oder weshalb sonst?

Sàndor Márai, 1900 im ungarischen Kaschau in einen großbürgerlichen Juristenhaushalt hineingeboren und im Jahre 1989 im kalifornischen San Diego durch Freitod gestorben, hat nach Studienzeiten in Budapest, Leipzig, Frankfurt am Main, Berlin und Paris das unruhige und allzu oft armselige Leben eines Flaneurs geführt. Zwei Semester Jura hatten ihm genügt, und auch in der Philosophie und Journalistik suchte er keine durchgehende Aufklärung oder sogar eine Berufsvorbereitung. Einen Brotberuf auszuüben war für ihn eine Unmöglichkeit; lieber hungerte er.

Ein feinsinniger Herumtreiber und Nachfahre altösterreichischer Kaffeehausliteraten zeigt sich in diesem nicht nur nach Seiten starken Buch, dem Bericht über die ersten 34 Jahre des 20. Jahrhunderts. Ein erstaunlich, ja bestürzend scharfer Beobachter seiner Umwelt, seiner Zeitgenossen. Oder ist das nur der Eindruck des Lesers? Immerhin treten diese Erinnerungen nicht als ein Tagebuch auf. Sie sind in großem zeitlichem Abstand niedergeschrieben worden und faszinieren gerade deswegen durch die Fülle an erinnerten Einzelheiten und durch die Überlegenheit der Einordnung, Zuordnung, Deutung.

Geradezu programmatisch klingt es, wenn Márai schreibt: „ …in Zeiten, wenn die Menschheit ohne großen, gemeinsamen Mythos auskommen muß, ist die Miniatur-Weltgeschichte einer Familie ein besonders wichtiger Erlebnisquell. Jede Familie hat ihren Olymp und ihren Hades.“

Die so betont persönlichen Erinnerungen haben zweifellos ihren Wert für die Kulturgeschichte. Darüber hinaus aber auch für die heutigen Leser – und das ist hier der wichtigere Aspekt. Leser dieses Berichts lernen die Unbedeutendheiten des Alltags in ihrer Bedeutung zu schätzen. Durch die eingestreuten allgemeinen Bemerkungen des Autors, die seine Lebenserfahrung bündeln, werden scheinbare Banalitäten beinahe zu selbst gemachten Erfahrungen. Das ist schon mehr als ein Feuilleton, das ist Literatur. Was der Autor zur elterlichen Wohnung, zu den Dienstboten, der Bibliothek, zu den kuriosen Verwandten bemerkt, das ist von zeitübergreifender Bedeutung. Daß in seine Deutung des Familienlebens der Begriff Klassenkampf eingeflossen ist, muß als zeitbedingte Verengung des Begriffs hingenommen werden. Genauso die später bei den Schilderungen des Lebens in Berlin oder in Paris und Budapest mehrfach angesprochenen Neurosen. Jede Zeit hat ihre Lieblingswörter.

Wer eine Erklärung für den ungewöhnlichen Lebenslauf dieses Mannes sucht, kann ihn in den Hinweisen des Autors auf seine Stellung in der Geschwisterfolge finden. Der verhätschelte Liebling der Familie, der im Alter von sechs Jahren seinen Knacks abbekam, weil er durch ein Schwesterchen  vom ersten Rang verdrängt wurde. Wichtig ist solch eine Erklärung nicht. Wichtig ist nur, was dieser fanatische Beobachter seiner Mitmenschen über das Leben zu sagen hat. Und wie er es selbst relativiert: „Im Leben geschehen keine großen Dinge.“

Konsequent schreibt er nur über kleine Dinge, das aber so, daß man sich kaum noch davon losreißen kann. Weil das alles so erfrischend ehrlich daherkommt. Auch der Bericht über sein begeistertes Mitmachen in einer Jugendbande, die von einem Jungen geführt wurde, der so faszinierend wie ungebildet war. Was den Autor einen Seitenblick auf das Faszinosum Hitler tun läßt. Unvoreingenommen auch das Beeindrucktsein von Mussolini oder wenn der Autor über seine Entbubung spricht. Genauso undramatisch und aseptisch gebracht wie die Eingeständnisse seiner erotischen, auch homoerotischen Kontakte und wie seine egomane Treulosigkeit gegenüber Frauen, die für ihn alles tun. Dabei immer wieder seine überraschenden Kurzkommentare, die oft von erschreckender Aktualität sind. So, wenn er über die 20er Jahre schreibt: „Die Homosexualität war erst nur eine Mode, später eine Seuche.“

Gegen Ende seines Berichts lamentiert der Autor wortreich über die Fron des Feuilletonschreibens. Hier deutet sich schon der große Bruch an, nämlich der 1948 unausweichlich gewordene Gang ins Exil. Er fühlte sich isoliert zwischen links und rechts, den beiden politischen Kraftfeldern, denen er sich nicht ausliefern wollte. Auch damit ist Márais von bleibender Aktualität, werden ernsthafte westdeutsche Autoren doch seit Jahrzehnten in dieser Isolierung verschlissen.

Wenn Márai sich dann endlich dazu durchgerungen hat, die Zeitungsschreiberei als etwas Zweitrangiges zu sehen, wenn er sich zum Bücherschreiben aufrafft, geht der Bericht zuende mit den Feststellungen: „Die Klasse, in die hinein ich geboren wurde, vermengt sich mit den aufstrebenden Klassen; ihr Kulturniveau ist in den letzten zwanzig Jahren erschreckend gesunken, die Ansprüche des zivilisierten Menschen sind im Aussterben begriffen … den Durchschnittsgeschmack, die Vergnügungen und die Bedürfnisse der Massen dieser Zeit verachte ich, ihre Moral erweckt bei mir Zweifel, den Technik- und Rekordehrgeiz, der die Massen nahezu restlos zufriedenstellt, halte ich für verhängnisvoll … ich will davon bis zum letzten Augenblick, solange man mich den Buchstaben niederschreiben läßt, zeugen: daß es eine Zeit gab und einige Generationen, die den Sieg des Verstandes über die Triebe verkündeten und an die Widerstandskraft des Geistes glaubten, der die Todessehnsucht zu zügeln vermag.“

Wer dem Autor bis hierher gefolgt ist, wird das Verlangen spüren, auch eine Kostprobe seiner rund zwanzig Romane zu nehmen. Neu auf dem Markt sind die beiden kleinen Romane „Die Glut“ und „Das Vermächtnis der Eszter“, bei Piper im Hardcover-Programm. Doch wer Sándor Márai richtig kennenlernen will, kommt nicht um die zwei Bände „Land, Land“ herum, im Frühjahr 2000 erschienen bei Oberbaum, dem Wiederentdecker Márais, ganz abgesehen von den fünf Bänden Tagebücher, die zum Jahresende 2000 ebenfalls im Berliner Oberbaumverlag vorliegen sollen.

(Walter Laufenberg in: www.netzine.de)

 

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Auf zur Oasensuche!

(Jean Paul: Ideen-Gewimmel,

hrsg. von Thomas Wirtz und Kurt Wölfel, Deutscher Taschenbuch-Verlag, München Oktober 2000, 302 Seiten, 24,50 DM)

Nicht daß es bei diesem Autor an einem gewichtigen Werk fehlte. Der Schriftsteller Johann Paul Friedrich Richter, der sich kurz Jean Paul nannte und wohl der erste deutsche Profiautor war, hat mit seinen großen Romanen einen beinahe unendlichen Lesekosmos auf- und ausgebaut, der mit so sonderbaren Titeln daherkommt wie: „Leben des vergnügten Schulmeisterlein Maria Wutz in Auenthal“ und „Hesperus oder 45 Hundsposttage“ und „Blumen-, Frucht- und Dornenstücke oder Ehestand, Tod und Hochzeit des Armenadvokaten F. St. Siebenkäs“ und „Titan“ und „Der Komet oder Nikolaus Marggraf“.

Doch als der wortgewaltige Biedermeierautor im Jahre 1825 als gerade erst Zweiundsechzigjähriger in seinem geliebten Bayreuth – vor allem des guten Bieres wegen geliebt – starb, da hinterließ er uns ein Megakonvolut von rund 40.000 Seiten unveröffentlichter Notizen. Neben beinahe fünfzigjähriger Lesearbeit angehäuft, alles in dem immer wieder eingestandenen letzten Interesse,  sich unsterblich zu machen. Aus diesem Fundus bringt das Taschenbuch mit dem passenden Titel „Ideen-Gewimmel“ eine erste kleine Auswahl, gut sechzehnhundert Notate, mühsam in zwei Dutzend Kategorien unterteilt. 

Man sollte einfach hineingreifen in dieses volle Menschenleben, das zu Schrift geworden ist. Nirgends ist Leben schöner als in einer schönen Formulierung. Deshalb hier einige Beispiele: „Fällt dir bei einer Versteigerung die Allgemeine Deutsche Bibliothek in die Hände, so reiße heimlich einige Seiten heraus. Du lieferst eine neue um zwei Seiten verbesserte Auflage“ oder „Wer übersetzt werden kann, verdient nicht übersetzt zu werden“ oder „Die literarische Unsterblichkeit hat das Schöne, daß wie bei Mumien der Mensch nicht bloß unverwest sondern auch wohlriechend wird“ oder „Schöne Geister sind selten schöne Seelen“ oder „Auch der Urin gibt einen Regenbogen“ oder „Es gibt ja weniger Köpfe als Hälse“ oder „Die Europäischen Nationen haben eine gemeinschaftliche Sprache in den – Zahlen“ oder „Unsterblichkeit ist Leben in einem Gedächtnis, das selber stirbt – man lebt von einem Vergessenden zum andern“ oder „Ich kenne nur ein Ich, dies ist Gott – das übrige sind Hunde. Wir sollten uns ordentlich des Ichs, das er uns geschenkt, schämen, wenn wir es nicht zu dem besten Zweck opfern. Das Tier hat keines“ oder „Sehnsucht der Bäume und aller Wesen, Menschen zu werden.“

Schon an diesen wenigen Exemplaren kann man die Eigenart dieser Notizen erkennen. Das sind keine ausgearbeiteten Aphorismen. Hier tritt kein Montaigne auf. Nicht einmal ansatzweise sind diese Einfälle bearbeitet, wie etwa bei Lichtenberg in seinen Sudelbüchern. Jean Paul hinterließ uns Rohprodukte, die nicht für uns bestimmt, sondern allein als Arbeitsunterlagen für ihn selbst gedacht waren. Das hier erstmals der Öffentlichkeit präsentierte Ideen-Gewimmel vereinigt Gedankensplitter des Alltags, zu Tinte geronnene Assoziationen, zum Nachreifen eingelagerte Früchte. Das ist auf Halde genommenes Brennmaterial, in die Scheune verbrachtes Winterfutter. So disparat aufbewahrt wie gefunden. Insgesamt nicht mehr und nicht weniger als das Material, aus dem Jean Paul seine Bücher formte.

Die Herausgeber dieses Bändchens bieten in einem aufschlußreichen editorischen Anhang einen Einblick in das Arbeitszimmer und die Arbeitsweise des Autors, der keine eigene Bibliothek angesammelt hatte, sondern in lebenslanger Arbeit einen Riesenfundus an Exzerpten aus Büchern der unterschiedlichsten Art aufgebaut hat. Der Dreischritt von Exzerpieren, Vergleichen und Notieren war das eigentliche Leben Jean Pauls. Wie die Trinität von Schreibtisch, Kanapee und Bier sein Hochstand war, von dem aus er die Welt betrachtete und kommentierte. Seine Exzerptesammlung in 110 durchnumerierten Bänden, jetzt in der Preußischen Staatsbibliothek Berlin aufbewahrt, ist eine Leistung dieses Schreibmaniaks, die nicht zufällig an Arno Schmidts Zettelkasten erinnert. Ist Schmidt doch nicht der einzige moderne Autor, der sich freimütig zu Jean Paul als einem seiner großen Vorbilder bekannt hat.

Die eigenartige Arbeitsweise Jean Pauls läßt erst verständlich werden, was an seinen großen Romanen so eigenartig ist, so köstlich. Dieses ständige Sich-Selbst-Unterbrechen, dieses permanente Überstreuseln der Handlung mit Einfällen, Vergleichen, Ablenkungen. Innerhalb der Satzkonstruktion oder auch in Fußnoten serviert. Das verlangt nach Lesern, die sich mit Muße und Aufmerksamkeit dem Genießen von Sprache hingeben. Man kann das natürlich auch kritischer ausdrücken, wie Theodor Fontane es getan hat, als er über Jean Pauls Roman „Dr. Katzenbergers Badereise“ urteilte: „Sieben Achtel ist Quatsch, das achte Achtel aber hält nicht nur schadlos, sondern gibt noch einen erheblichen Überschuß. Sahara, aber welche Oasen darin!“

Doch soll hier nicht Fontane das letzte Wort haben, auch nicht der Rezensent, sondern Jean Paul selbst. In „Ideen-Gewimmel“ heißt es auf Seite 46: „Man lasse einen Menschen eine Rezension machen: so kennt man ihn.“ 

(Walter Laufenberg in: www.netzine.de)

 

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Worttrunken

(António Lobo Antunes: Die Rückkehr der Karavellen. Roman, aus dem Portugiesischen von Maralde Meyer-Minnemann, Luchterhand Literaturverlag, München 2000, 286 Seiten, DM 38.00, SFR 36.80, OES 277.00)

Wollen die Südländer uns mit Gewalt eine neue Literatur aufdrängen? Nachdem vor Jahrzehnten die Franzosen uns mit einer intensiv gegenständlichen Literatur vor den Kopf gestoßen haben, kaum zu lesende Schilderungen, wie ein Besuch in der Asservatenkammer des Amtsgerichts, kam der Spanier Javier Marías mit einer neuen Umständlichkeit der Beschreibung, die jetzt noch gesteigert wird von dem Portugiesen Lobo Antunes. Kaum Lesbares, anstrengend wie die glücklose Suche nach dem Eingang des Amtsgerichts. Bleibt zu hoffen, daß bald eine ebenso intensiv  erlebnisreiche Literatur kommt. Dann könnte man sich auf die Begegnung mit dem Richter Adam freuen – und all das, was vorher war, als Scherbenhaufen hinter sich lassen.

„Die Rückkehr der Karavellen“, ist das überhaupt ein Roman? Offensichtlich ist das erste Kapitel des Buches, wie heute im Blick auf die überbeschäftigten Lektoren und Kritiker üblich, nachträglich mit besonderer Mühe und kühler Nadel gestichelt, gestrickt, gestickt, gehäkelt und gepätschwörkt worden, alles zusammen und bis zur Unkenntlichkeit ineinander verwoben. Also vorgesetzte Dekoration, damit man nur noch jubeln kann.

Eine provisorische Klammer hält das Werk zusammen. Da heißt es am Anfang des zweiten Kapitels: „Es war einmal ein Mann namens Luis …“, was durch sehr seltene Nennung des Mannes namens Luis bis ins letzte Kapitel transportiert wird, wo es heißt: „Der Mann namens Luis …“.  Diese Figur wird am Ende als ein Schriftsteller, ja, als der Autor selbst entlarvt. Dazwischen steht der Leser immer wieder vor der Frage, um wen es gerade geht. Mal um einen anderen Mann, mal um eine Frau. Eine Verwirrung, die noch dadurch gesteigert wird, daß der Autor sich ein ständiges Hin und Her zwischen den Personalpronomen erlaubt. Was gerade noch „er“ war, ist gleich darauf “ich“ oder „wir“, und mit dem Wechsel zu „ihr“ und „mir“ wird die Sache auch nicht klarer. Camouflage als Methode.

Daß man auch fünfzehn Zeilen mit einem einzigen Satz füllen kann, ist nichts Neues. Aber was im Portugiesischen noch Spaß macht, die klassisch-lateinische Treppenstruktur des Satzes, aufwärts und abwärts, das läßt sich im Deutschen mit dem weit nach hinten verschobenen Verb nicht entsprechend genießen. Um nicht zu sagen: Es ist das eine Zumutung. Diese Elefantiasissätze hätten bei der Übertragung ins Deutsche aufgedröselt werden müssen. Dazu kommt, daß der Autor sich einen besonderen Gag für alles Gedachte und die wörtliche Rede ausgedacht hat: Ohne Doppelpunkt und Anführungszeichen, einfach mitten im ohnehin überlangen Satz das erste Wort des Einschubs mit einem Großbuchstaben anfangen lassen. Das wirkt modern. Wer da was übersieht, hat selbst Schuld.

Und das bei einer Wortflut, die über den Leser hereinbricht, wie allenfalls von Fritz von Herzmanovsky-Orlando oder Johannes Fischart her geläufig. Der Autor läßt den Leser sich im Rosennetz verfangen, während er sich in einer gargantuesken Formulierlust austobt, die trunken macht. Dabei ist „Die Rückkehr der Karavellen“ durchaus nicht ein Suffprodukt, wie man bei oberflächlicher Betrachtung meinen könnte. Vielmehr sind die Sätze dieses Buches Resultate feinster Empfänglichkeit für allerlei Nuancen in den Farben, den Gerüchen, den Tönen, den Gesten und der Dekoration von Menschen und ihrem Drumherum. Impressionistische Wortkonstrukte, die weniger zum Sinntransportieren dienen als zum sinnlichen Überwältigen. Eine Sprache wie Musik, wie das Donnergetöse einer unermüdlichen Big-Band, die sich nicht dazu herablassen kann, auch einmal zum Largo oder gar Pianissimo überzuwechseln. Auf die Bedürfnisse der Leser nimmt dieses Buch hochmütig keinerlei Rücksicht.

Damit über alledem nicht der Inhalt verlorengehe: Das Buch schildert die überstürzte Heimkehr der aus ihren verlorenen Kolonien vertriebenen Portugiesen und ihre doppelte Fremdheit in der altneuen Heimat. Nach der sogenannten Nelkenrevolution von 1974 in Portugal und den Aufständen in Angola, Mocambique und Guinea-Bissau werden mittellose Füchtlinge in solchen Mengen an die Ufer des Tejo gespült, daß dort jede ordentliche Verwaltung zusammenbricht. So landen die Nachfahren der Heroen portugiesischer Geschichte, die „retornados“, die Zurückgekehrten, als unwillkommene Habenichtse in der Konkurrenz der Habenichtse auf dem untersten Gesellschaftsniveau. Da sind ihnen nicht nur die früher Zurückgekommenen und die Daheimgebliebenen überlegen, da fahren ihnen auch noch die beutebeladenen Karavellen über die Füße, und da machen die Namen der Großkopfeten kopflos.

Für eine Gesellschaft wie die portugiesische, die so gerne noch den imperialen Atem der Großmacht atmen möchte, sicher eine adäquate Darstellung der Verwobenheit von Gestern und Heute. Zugleich eine wohl notwendige Entmystifizierung des dort immer noch gehätschelten Nationalismus. Notwendig, wenn die Diagnose des Autors stimmt, der einmal über sein Land gesagt hat, es liege auf dem halben Weg zwischen Wirklichem und Phantastischem.

Fazit: Das ist keine unterhaltsame Lektüre. Das ist ein kunstvoll gemachtes Buch für Leute, die der Sprachgewalt des Autors standhalten, die Sprachkunst goutieren können.

(Walter Laufenberg in: www.netzine.de)

 

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Schwarzer Experimentalfilm

(Benjamin von Stuckrad-Barre: Blackbox. Erzählungen. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2000, Taschenbuch 350 Seiten, 19,90 DM)

Weil Günter Grass 1999 den Literatur-Nobelpreis bekommen hat, gibt es in den nächsten zwanzig Jahren für keinen gestandenen deutschen Autor mehr auch nur die geringste Chance, diesen Preis zu bekommen. Das wissen die Verleger, die allesamt auf den Nobelschub spekulieren. Also werden jetzt in Deutschland um so konsequenter nur ausländische Autoren veröffentlicht, bestenfalls wirft man sich noch auf deutsche Debütanten.

Wenn Benjamin von Stuckrad-Barre mit der „Blackbox“ auch kein Debüt mehr gibt, immerhin hat er neben anderem schon den Roman „Soloalbum“ veröffentlicht, so wird der Mann Jahrgang 1975 offenbar doch als Zukunftsinvestition gesehen. Und das durchaus zu recht.

Seine „Blackbox“ enthält acht Erzählungen, die so unterschiedlich sind wie Segelflugzeug, Bomber, Düsenjet, Großraumtransporter, Hubschrauber, Sportmaschine, Aufklärer und Schulflugzeug und nur gemeinsam haben, daß sie fliegen. Diese Gemeinsamkeit betont der Autor mit Begriffen als Überschriften, die jedem bekannt sind, der mit dem Computer arbeitet. Eine Klammer, die sich nicht gerade als zwingend erweist, immerhin dem Buch einen modernen Touch gibt. Der Verlag hat noch eins draufgesetzt mit der ungewöhnlichen Umschlaggestaltung und mit ein paar Schwarz-Weiß-Illustrationen und winzigen Flugzeugvignetten, die Daumenkino spielen.

Das sind Gags, zugegeben. Aber sie machen zumindest neugierig darauf, was sich hinter ihnen verbirgt. Da findet man mal eine Erzählung, die ein gelungenes Spiel mit den Texten der Computerprogramme treibt. Diese Funktionstexte werden zu Kommentaren und Anweisungen bei einem gemeinschaftlichen Drogen-Trip. Mal kommt eine Erzählung mit dem Gestus eines alten Schriftstellers daher, der seinen Protagonisten immer nur als den jungen Mann bezeichnet und dessen Ausstiegserlebnisse mit sanfter Ironie und pseudotiefschürfenden Lebensweisheiten serviert. Mal wird mit entnervend ausführlichem Gebrabbel das Aufgesetzte des Showgeschäfts karikiert, und das so, daß wer zufällig die Szenerien kennt, dem Autor nur bescheinigen kann: Die Sprechweisen sind perfekt getroffen. Es ist, als sollte das Unerträgliche mit Unerträglichem ausgetrieben werden. Mal geht es um die unstillbare Freßlust eines Menschen, die mit ungestoppt enzyklopädischer Geschwätzigkeit entlarvt wird. Mal wird genau so entlarvend der Begriff der Wohngemeinschaft ausgehöhlt.

Und so weiter. Immer wieder andere Sprechweisen, immer wieder andere Katastrophen. Kein Zweifel, der Autor ist ein genauer Beobachter und höchst aufmerksamer Zuhörer seiner Mitmenschen, und er jongliert mit einem reichen Sprachschatz, hält dabei immer drei Bälle gleichzeitig in der Luft. Wie er aus erschreckend milieugefärbten Sprechblasen schreckliche Typen entstehen läßt, das ist gekonnt. Und deshalb steht der Leser da wie beim Experimentalfilm: Man freut sich auf  den großen Kinofilm, das runde Werk, in dem solche Experimente die Handlung tragen.

(Walter Laufenberg in: www.netzine.lde)

 

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Die Verwandlung

(Hartmut Lange: Eine andere Form des Glücks, Roman, Diogenes-Verlag, Zürich 1999, 129 Seiten, gebunden DM/sFr 32,90, öS 240,-)

Wer so gern die kleine Prosaform wählt, die Novelle oder die Erzählung, der will seinen Lesern nicht das große eskapistische Leseerlebnis bieten, der ist der Mann der Rippenstöße. Und die fallen bei Hartmut Lange sehr unterschiedlich aus. Hat er beispielsweise noch in seiner 1986 erschienenen Novelle „Das Konzert“ dieser Welt eine komplette Gegenwelt, die der Toten, gegenübergestellt, so kommt er in „Eine andere Form des Glücks“ mit sehr viel weniger Aufwand daher. Auf den ersten Blick bloß eine Alltagsgeschichte zwischen zwei Freunden.

Die das an sich alltägliche Geschehen so doppelbödig wie bodenlos werden läßt, ist eine moderne Femme fatale. Eine junge Frau, die auf Männer wirkt, aber wohl auch heimlich Drogen nimmt. Die sich herumtreibt und zu deren Bekanntenkreis rabiate Typen zählen. Diese Frau fasziniert ausgerechnet die beiden Männer, die das genaue Gegenteil zu ihr sind. Ein renommierter Statiker und ein Prominentenzahnarzt, Männer, die die Vita activa verkörpern. Im Beruf höchst erfolgreich, bis sie in den Bannkreis dieses weiblichen Faszinosums geraten und total verändert werden. Der Autor braucht kaum einen Pinselstrich, um diese Frau zu zeichnen. Und er braucht auch hinter den Titel „Eine andere Form des Glücks“ kein Fragezeichen zu setzen. Das alles überläßt er seinen Lesern. – Ein Meisterstück an Schlichtheit.

Doch packt der Autor in diese Geschichte derart viel an Irritationen, daß man als Rezensent zunächst einmal Abstand nehmen und nüchtern analysieren muß:

Vordergründig haben wir es hier mit einer Erzählung über die Schwierigkeiten der Kommunikation unter Menschen zu tun. Da gibt es Äußerungen, die nicht getan werden, und Worte, die nicht verstanden werden, immer wieder Fragen, die nicht gestellt werden, und dazu Notizen, die geheimnisvoll bleiben, Tagebuchaufzeichnungen, die in die Mülltonne geworfen werden, Schrift, die unleserlich ist, Adressen, die nicht stimmen., und Fotos, auf denen so gut wie nichts zu sehen ist.

Dazu paßt die besondere Technik des Nebeneinanders von Sprache und Mentalreservation. Lange setzt in dieser Erzählung weit mehr in Anführungszeichen, was beinahe gesagt worden wäre, als er sagen läßt. Eine geschickte Methode, den Leser in ein Gefühl der Überlegenheit einzulullen. Der Effekt ist, daß man an Franz Kafka erinnert wird. Die scheinbar schlichte Erzählweise, hinter der sich Abgründe auftun.

Darüber hinaus – auf die Gefahr hin, mehr hineinzudeuten als beabsichtigt ist: Hartmut Lange scheint die Erzählung, das älteste aller Kommunikationsmittel, regelrecht vorzuführen. Als Versager. In einer Zeit, die die hohe Kunst des nichtssagenden Vielredens pflegt, nicht nur in der Politik, sondern auch in der Werbung und in der Presse, zeigt ein Literat auf literarische Weise, wohin sich das Geraune des Geschichtenerzählers am Stadttor wie das Gewisper der Oma am Kinderbett verflüchtigt hat: in die Verlegenheit des funktionalen Textes. Mit der Konsequenz, wie es im letzten Absatz des Buches über zwei seiner Hauptfiguren heißt, die „plötzlich voller Sorge waren, daß sie in Zukunft nachts nicht würden schlafen können …“ 

(Walter Laufenberg in: www.netzine.de)

 

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Da siehst Du alt aus

(Maarten ‘t Hart: Die Netzflickerin, Roman, übersetzt von Marianne Holberg, Piper-Taschenbuch, München 2000, 441 Seiten, 19,90 DM)

Die schon recht volle Schublade Bildungsroman noch weiter aufgefüllt? Ja, aber dabei mit einer geschickten Wendung aus dem Schicksal eines einzelnen einen Gesellschaftsroman entstehen lassen. Womit es überdeutlich ausgesprochen wird: Bildung, das ist heute keine Angelegenheit des einzelnen mehr, das ist das Problem der Gesellschaft.

So kann man es zunächst mit wachsendem Vergnügen lesen, wie der Protagonist Simon Minderhout im Jahre 1914 die Welt betritt, in einem unbedeutenden holländischen Nest. Wie er aufwächst, also sein Leben in den berühmten wachsenden Ringen lebt, die sich über die Dinge ziehen. Weil ein Onkel ihn als Nachfolger für seine Apotheke ausgeguckt hat, wächst er über sein Umfeld hinaus, darf er studieren, wird er Apotheker. Dabei bleibt er der gute Junge von nebenan. Seine Erlebnisse sind so belanglos wie die seiner Altersgenossen, seine ersten tastenden Erfahrungen mit Mädchen erst recht.

Dann kommt der Zweite Weltkrieg, das heißt im kleinstädtischen Nahbereich: deutsche Besatzer, Einschränkung der Bewegungsfreiheit und Nachbarn, die über Nacht verschwinden, schließlich auch Bombenangriffe. Eine fremde junge Frau, die Netzflickerin,  erbettelt sich von ihm größere Mengen an Medikamenten. Für ihn ist klar, daß sie damit eine Widerstandsgruppe untertützt. Er gibt, was gebraucht wird, und er nimmt die Unbekannte, als sie sich ihm hingibt. Doch mehr Engagement erwartet man von ihm nicht. Im Gegenteil, als er sich auf die Fährte der jungen Frau begibt, die ihn durch ihr helles Lachen und ihr Singen so stark berührt hat, wie keine zuvor, kommt er der Widerstandsgruppe in die Quere und wird von unbekannten jungen Männern zusammengeschlagen.

So schön das alles erzählt wird, hin und wieder aufgelockert durch ein kleines Wetter-Stimmungsbild und durch eine kleine Lebensweisheit, die der kauzige alte Vater des Protagonisten beisteuert, man ist als Leser doch froh über die großen Zeitsprünge, mit denen der Autor über die Jahrzehnte hinweghilft. Wer kann es schon ertragen, dauernd mit ihm von der einen Straße zur anderen zu gehen, aus der X-Gasse auf den Y-Platz hinaus zu treten, an diesem Wasserlauf entlang zu spazieren und über jene Wiese zu streunen. Denn der Autor überschätzt den Reiz des Lokalkolorits, das sich allein von den fremden Namen nährt.

Doch plötzlich, fast Zweidrittel des Buches hat man schon hinter sich gebracht, wird aus der Hinterwäldleridylle ein Schock. Da steht ein Vorwurf in der Zeitung, der dem ehemaligen Apotheker fast fünfzig Jahre nach Kriegsende das Leben zur Hölle macht. Der 80-Jährige mit Blutdruckproblemen wird von Presseleuten belauert und verfolgt und Stück für Stück mit Einzelheiten aus seinem früheren Leben konfrontiert. Hier zeigt sich der Autor als ein Meister der Darstellung des Perfiden. Wie er Verdrehungen zu scheinbaren Belegen für die Verdächtigungen werden läßt, wie er positive Bemerkungen und Hilfeleistungen zu Vorwerfbarem mutieren läßt, wie er sämtliche Varianten der Dummheit der Leute triumphieren läßt, das ist ein subtilerer Genuß als ein Krimi ihn bieten kann.

Der Autor spielt mit den Medien und beweist seinen Lesern, daß sie ihnen total ausgeliefert sind. Während natürlich immer noch alle Sympathie des Lesers bei der Hauptfigur Simon Minderhout ist, zerpflücken die Medien, die der Leser für wichtig zu halten gelernt hat, nämlich Zeitungen und Fernsehen, den Gegenstand seiner Zuneigung mit scheinbarer Leichtigkeit. Und so überzeugend, daß sogar die ehemalige Geliebte nicht mehr an ihn glauben kann. Das tut weh. Nicht zufällig kommt einem nach der Lektüre dieses Buches der für das Theater geprägte Begriff der moralischen Anstalt in den Sinn.

(Walter Laufenberg in: www.netzine.de)

 

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Bericht aus Absurdistan

(Joachim Zelter: Die Würde des Lügens. Ithaka-Verlag Stuttgart 2000, 224 Seiten, ISBN 3-933545-06-4)

In einem Nachwort ist das Ganze als ein Fund von besprochenen Tonbändern in eine immerhin mögliche Wirklichkeit gerückt. Überflüssigerweise. Denn wer soweit gelesen hat, der hat sich längst damit abgefunden, daß der Ich-Erzähler, der junge Herr von und zu Witzleben, ihm viel vorflunkert. Der hat Spaß daran gefunden, wie dieser Junge alle Bildungsschranken leichtfüßig überspringt, wie er als Doktorand der Philosophie auftritt, obwohl er nie schreiben und lesen gelernt hat, und wie er Radio und Fernsehen ersetzt.

Der Erzähler und seine in ihren angeblich angeheirateten Adels-Namen verliebte Großmutter werden überm Lügen und Sich-Selbst-Was-Vormachen zu vollplastischen Figuren, die der Leser mit wachsender Toleranz  begleitet, streckenweise sogar mit Begeisterung. So bei ihrem Auftritt in der vierklassigen Grundschule, wo sie allmählich die Schulleitung übernehmen.

Als ob sie dem Autor zugerufen hätten, die diversen Bildungseinrichtungen und Medien: Und führe uns ad absurdum! Satire muß immer wieder nach einem neuen Hebel suchen, und hier ist ein Hebel angesetzt worden, der noch nicht abgegriffen ist. Das spricht für den Autor. Und so mancher wie nebenbei gesagte Satz mit doppeltem Schliff auch. Eine gepflegte und geschickt eingesetzte Sprache, genauso deutlich abgesetzt von der Zeitungssprache wie vom Klischeewust der Unterhaltungsliteratur. Also ein Buch mit Anspruch, konsequenterweise vom Verlag auch anspruchsvoll aufgemacht.

Das Lektorat hätte jedoch einiges an Redundanz eliminieren sollen. Wo wenig erzählt wird, muß es Schlag auf Schlag kommen. Und wer ein Werk größer anlegt, größer als eine kurze Erzählung, der Klappentext spricht sogar von einem Roman, der sollte seine Leser nicht damit überfordern, daß er großzügig auf den Spannungsbogen verzichtet. Denn ein Leser, der sagt, er lege keinen Wert auf Spannung, er suche kein Vergnügen, er wolle überhaupt nicht unterhalten werden, – der lügt.

(Dr. Walter Laufenberg, Februar 2001 in www.netzine.de)

 

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Decodiert

(Kressmann Taylor: Adressat Unbekannt. Aus dem Amerikanischen von Dorothee Böhm, 6. Auflage, Verlag Hoffmann und Campe, Hamburg 2000, 69 Seiten, gebunden 20,- DM, 146,- öS)

Selbstverständlich, ein Buch soll zu denken geben. Aber so wie dieses schmale Werk? Irritierend ist schon, daß die Geschichte erstmals 1938 in einer New Yorker Zeitschrift veröffentlicht wurde, 1939 dann auch erstmals als Büchlein. Beide Male mit großem Erfolg. Wohlgemerkt, das war die Zeit, als die USA sich gegen die Aufnahme von Juden aus Nazi-Deutschland abgeschottet hatten. Das heißt, die Geschichte entsprach der damals herrschenden Stimmung in der Bevölkerung. Und das nicht nur in den USA, sondern auch in vielen europäischen Ländern.

Es handelt sich um den fingierten Briefwechsel zwischen zwei Männern, die enge Freunde und Geschäftspartner sind. Ein amerikanischer Jude und ein Deutscher. Sie haben bisher in San Francisco gemeinsam eine gutgehende Kunstgalerie betrieben. Kurz vor Hitlers Machtübernahme ist der Deutsche mit seiner Familie nach Deutschland heimgekehrt und hat sich in München niedergelassen. Der Partner führt das Geschäft allein und mit weiter wachsendem Erfolg fort.

Wie im Schrittempo der hin- und hergehenden Briefe die Entwicklung in Deutschland voranschreitet, wird aus den brieftypischen allgemeinen Bemerkungen deutlich. Aus der innigen Freundschaft wird eine Entfremdung, als der deutsche Partner sich für Hitler als den Retter des deutschen Volkes erwärmt.

Der Knoten wird damit geschürzt, daß die Schwester des jüdischen Partners, die einmal eine Liebesaffäre mit dem deutschen Partner hatte, in Deutschland als Schauspielerin ein Engagement findet. Als Jüdin erkannt und vom Pöbel verfolgt, flieht sie zu dem ehemaligen Liebhaber. Doch der lehnt es aus Angst um seine Stellung und um seine Familie ab, die überraschend auftretende Besucherin zu verstecken, weil SA-Männer schon durch das Parktor gelaufen kommen. Die junge Schauspielerin wird auf seinem Grundstück erschlagen.

Überraschend, welche Wendung die Autorin dieser Geschichte gegeben hat. Der Partner in San Francisco ist natürlich zutiefst betroffen. Seine Rache kommt so prompt wie infam. Und im ersten Moment sagt man sich, wenn man das Büchlein zuschlägt: Geschieht dem feigen deutschen Partner recht.

Bleibt nur zu hoffen, daß der Erfolg der Geschichte auf solch schlichtem Gerechtigkeitsempfinden der Leserschaft beruht und nicht auf etwas ganz anderem. Entpuppt sich die Erzählung bei genauerem Hinsehen doch als ein antisemitisches Pamphlet. Schon die Zeichnung der beiden Charaktere ist auffällig unterschiedlich. In München der ernsthafte Mann, der sich für seine Familie und für die Rückkehr seines Volkes zu einer neuen Reputation einsetzt, dabei allerdings Hitler als Lichtgestalt total überschätzt. In San Francisco der Mann, der seinen Spaß daran hat, reichen alten Frauen Monstrositäten als große Kunst aufzuschwätzen und zu total überzogenen Preisen zu verkaufen.

Der eine macht sich schuldig, indem er aus Angst und Rücksicht auf seine Familie in einer unerwartet gefährlichen Situation der Schwester des Partners nicht hilft, der andere macht sich schuldig, indem er den ehemaligen Partner wohlüberlegt und durch mehrfache Aktionen auf perfide Weise ans Messer liefert. Juristen wissen, daß ein Unterlassen einem Handeln gleichwertig sein kann. Im Volksempfinden wird das ganz sicher anders gewertet: der Deutsche hat doch nichts Böses getan. Juristen würden hier zudem von einem gravierenden Unterschied in der kriminellen Energie sprechen. Und den erkennt auch der normale Leser: da kommt der amerikanische Jude schlecht weg.

Zudem: Was soll die unkommentiert dastehende Bemerkung auf Seite 10, wo es in dem Brief des jüdischen Händlers heißt: „Außerdem trauen sie (nämlich: die alten jüdischen Matronen) wahrscheinlich niemals ganz einem anderen Juden.“

Daß ein so eindeutig antisemitisches Werk heute schon wieder in einem seriösen deutschen Verlag erscheinen kann, muß zu denken geben.

(Walter Laufenberg in: www.netzine.de)

  

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Lutz Rathenow: Sisyphos. Erzählungen, Berlin-Verlag, 4. Auflage 2000, 160 Seiten kartoniert, 26,- DM)

Ein gut gewählter Buchtitel ist ein wichtiger Kommentar zum Buch. So in diesem Falle. Wer kennt ihn nicht, den Sisyphos der griechischen Mythologie, den verschlagenen König von Korinth, der es fertiggebracht hatte, sogar Thanatos, den Tod, zu überlisten und in Fesseln zu legen, und dafür von den Göttern mit ewiger Zwangsarbeit bestraft wurde. Einen schweren Felsbrocken hatte er einen Hang hinaufzuwälzen, immer und immer wieder, wohl wissend, daß der Stein sofort wieder den Hang hinabrollen würde, wenn er das Werk beinahe geschafft hätte.

Unter den gut zwei Dutzend Kurz-Erzählungen, die das Buch enthält, steht die Titel-Geschichte ungewöhnlicherweise nicht am Anfang. Nicht nötig. Auch so wird dem Leser schnell klar, für was der schwere Stein des Sisyphos steht: Für das Bewußtsein, mit dem wir uns tagein tagaus abmühen und das uns doch immer wieder entgleitet.

Das Bewußtsein als unsere Strafe? Ein Gedanke eines Dichters würdig. Und es ist vielleicht kein Zufall, daß ausgerechnet einer der Autoren aus der ehemaligen DDR diesen Gedanken ventiliert. Damit ist dieses Buch mehr als nur das übliche Nachhaken, das Noch-Einmal-Aufwärmen des vertrauten DDR-Milieus. Dort, wo das Bewußtsein offiziell stets suspekt war, mußte es auch einem Autor fragwürdig werden. Nur daß der Autor anders fragt als die Staatssicherheit. Daß er nicht nach Linientreue, nach dem Bekenntnis zu den Grundpositionen des Staates fragt, sondern nach Sicherheit angesichts der Sprunghaftigkeit des Bewußtseins, nach der Verhütbarkeit von Kopfkatastrophen, nach der wahren Wirklichkeit hinter dem Schwebezustand der vielen Wirklichkeiten und Unwirklichkeiten, nach der Möglichkeit, mit diesem nicht in den Griff zu kriegenden Bewußtsein zu leben: “Den Kopf in beiden Händen. Die Fingerspitzen an den Schläfen.“

Um diese Fragen dreht es sich in den kurzen Geschichten des 1952 in Jena geborenen und seit 1978 als Erzähler, Lyriker und Dramatiker in Ostberlin arbeitenden Lebensbeschreibers Lutz Rathenow. Immer wieder das vergebliche Sich-Abrackern, ob er dazu die Albträume der Schulzeit bemüht oder einen Drogentrip, ob er die verbotene West-Musik oder das West-Fernsehen oder eine Flaschenpost oder simple Vorurteile als Anlässe zu Irritationen aufzeigt.

Es gibt Leute, die sagen: Die griechischen Götter, sie leben immer noch. Ich sage: Zumindest die Probleme, mit denen sie sich selbst genau wie die Menschen konfrontiert sahen, sind unsterblich. Dieses Buch, alles andere als schlichte Unterhaltungslektüre, beweist es.

(Walter Laufenberg in: www.netzine.de)

 

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Erledigt

(Joseph H. H. Weiler: Der Fall Steinmann, aus dem Englischen von Michael Cochu, Piper-Taschenbuch, München 2000, 140 Seiten, DM 15,90)

Der in Südafrika geborene, in den USA und Italien lehrende Rechtsprofessor überrascht mit seiner ersten außerfachlichen Buchveröffentlichung. Er selbst nennt sein Büchlein mehrfach Bericht, der Verlag hat Roman aufs Titelblatt geschrieben, wohl weil das der verkaufsträchtigere Begriff ist.

Es geht um zwei am selben Tag in derselben Klinik in Bremen geborene Jungen, die unzertrennliche Freunde, Musterschüler und Studienkollegen werden. Der eine stammt aus kleinbürgerlichem, der andere aus großbürgerlichem Hause. Und sie treffen in England die Frau, die sie beide begeistert. Alle drei Bildungsheroen der Superklasse. Aber was wie der Ausgangspunkt zu einem Lore-Roman aussieht, ist die Ideal-Disposition, die an den Zeitläuften, hier vertreten durch das Dritte Reich, zerbrechen muß. Denn der eine der beiden ist Jude, und die Frau heiratet einen von beiden, und der andere kann weder für ihn noch für sie was tun.

Der Autor ist also kein Literat. Dennoch könnte sein Produkt Literatur sein. Das wäre zu untersuchen. Was als erstes auffällt, ist die Pfiffigkeit des Juristen und eine gewisse bildungsmäßige Überlegenheit. Was ja nicht unbedingt die Kennzeichen unserer Literaten sind. Zur Struktur des Buches: Nach dem vorgezogenen Ende als Auftakt ein schnell und geschickt aufgebauter Spannungsbogen. Es geht um die überraschend beantragte vorzeitige Emeritierung des einen der beiden Freunde die mit dem schlimmen Schicksal des anderen Freundes zu tun haben muß. Das bleibt eine offene Frage bis zum letzten Satz des Buches. Gekonnt die Cliff-hanging-effects an den Kapitelenden. Dazu immer mal wieder die direkte Leser-Ansprache und überlegen ironische Urteile wie: „Man befand sich noch in der Mitte der sechziger Jahre, und der politische Spaß hatte noch nicht angefangen.“

Sehr schön der Kunstgriff, immer wieder bis zu vier verschiedene Ebenen miteinander zu verschränken, was höchst reizvolle Effekte abgibt, wenn es auch vom Leser höchste Aufmerksamkeit verlangt. Die erste Ebene ist die gerade geschilderte Handlung, die zweite die Auseinandersetzung darüber mit der Frau des Autors,  Cleo, immer in Klammern gesetzt, die dritte das Gespräch mit dem Leser, nur am Anrede-Sie zu erkennen, die vierte Ebene ist der gelegentliche Hinweis auf einen bekannten Film, der genau dieses Thema oder diese Typen gebracht hat. Diese ungewöhnliche Machart gibt der Erzählung eine handschriftliche Note, man möchte fast sagen: eine schwungvolle.

Nur leicht störend wirkt der Hang des Autors zum Überzufälligen. Das war zwar ein beliebtes Kennzeichen des Romans im 19. Jahrhundert, das zu Feststellungen geführt hat wie „Das ist ja wie im Roman“ oder „Wie es im Buche steht“. So was stößt  jedoch dem heutigen, nicht mehr so leichtgläubigen Leser eher sauer auf. Dagegen ist die Neigung zum Kryptischen, die vor allem am Ende den Leser betroffen und mit nur schwach fundierten Vermutungen beladen dastehen läßt, ein durchaus modernes Stilmittel.

Kein Zweifel, „Der Fall Steinmann“ ist Literatur. Daß die immer wieder eingestreuten Versuche, etwas Wetter-Stimmung zu vermitteln, zu betont nach vermeintlich dichterischem Wortmaterial grapschen, kann man als gutgemeint durchgehen lassen. Es ist für das Buch unerheblich.

Abschließend noch ein Wort zum Buch als Verlagsprodukt: Es ist als beinahe fehlerfreies Druckwerk ohne die störende sogenannte reformierte Rechtschreibung ein Lesegenuß. Nur schade, daß der Verlag nicht den Mut gehabt hat, für den changierenden englischen Originaltitel „Removed“ statt des belanglosen Titels einen entsprechend changierenden deutschen Begriff zu wählen, beispielsweise „Erledigt“.

(Walter Laufenberg in: www.netzine.de)

 

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Des widerspenstigen Bewußtseins Zähmung

(Carlo Fruttero und Franco Lucentini: Der Palio der toten Reiter, Roman, aus dem Italienischen von Burkhart Kroeber, Piper-Taschenbuch, 200 Seiten, 12,- DM, 88 ÖS, München 2001)

Die beiden Altmeister des gehobenen Unterhaltungsgenres haben sich an ein literarisches Experiment gewagt und es geschafft, daraus einen so spannenden wie nachdenklich stimmenden Roman zu machen. Da gibt es in Siena (und nur dort) ein uraltes Reiterfest als Wettkampf der einzelnen Stadtteile gegeneinander, genannt Palio. Dieses kulturhistorisch interessante und heute touristisch lukrative Schauspiel wollten die Autoren schildern. Das war ganz klar der Ausgangspunkt. Und schon denkt man an Goethe und seinen Versuch, „Das Römische Karneval“ zu beschreiben. Was dem Ur-Altmeister leider zu einer langweiligen Aufreihung von Typen geraten, also mißlungen ist.

Fruttero und Lucentini gehen anders vor. Sie lassen ein reichlich verspießertes italienisches Anwaltsehepaar auf einer Besuchsreise in die Toskana in ein schreckliches Unwetter geraten (nicht neu als Hebel für einen Bühnenwechsel) und sich durch ein falsches Abbiegen plötzlich bei Siena in einem abgelegenen, aber höchst noblen Landsitz unter lauter irritierend geheimnisvollen Fremden wiederfinden. Sie werden so gastfreundlich empfangen und bewirtet und untergebracht, daß sie drei Tage nicht den Absprung schaffen, dabei aber die ganze Aufregung vor dem anstehenden großen Reiterfest in Siena mitbekommen. Plötzlich ist auch noch ein Toter unter ihnen, und es beginnen die polizeilichen Vernehmungen (auch nicht neu als Irreführung des Lesers). Und irgendwann ist man auch ein ungeduldig wartender Zuschauer des Reiterfestes.

Was ist nun das Besondere an der Darstellung von Fruttero und Lucentini? Die Autoren haben die lineare Erzählweise auf eine Weise gebrochen, daß man als Leser ständig von Fragezeichen umringt ist und weiter und weiter lesen muß, um endlich Klarheit zu bekommen. Das beginnt auf der zweiten Seite mit der Bemerkung der Autoren über den Anwalt im Auto: „Nie hätte er sich träumen lassen, daß er und seine Frau Valeria jemals so tief da hineingezogen werden könnten. Wie tief genau und wodurch eigentlich, ist ihm auch jetzt noch nicht klar. Aber er hat Anhaltspunkte, starke Verdachtsmomente.“

Da hört man schon den ironischen Unterton, mit dem die Autoren die Krimielemente belegen. Dafür gibt es weitere Beispiele: Sie leisten es sich, die Tatsache, daß ein Mord passiert ist, erst zu bringen, als das halbe Buch schon gelesen ist. Die polizeilichen Vernehmungen werden erwähnt, aber nicht vorgeführt. Hier ermittelt statt dessen ein Anwalt auf Privatreise in einer Art, die keine Ermittlung ist. Mit seinen köstlich grübelnden Versuchen, prozentuale Wahrscheinlichkeiten abzuhaken, lassen die Autoren ihren Protagonisten sich selbst genauso einwickeln wie die Leser.

Sexuelles wird immer wieder kühn angezündet und doch gleich gelöscht (ob die Altmeister wirklich schon alles vergessen haben?). Das mittelalterliche Spiel wird nur unter der Hand geschildert, weil es scheinbar um viel Tolleres geht (was dann aber nicht kommt). Auch diese beiden Themen werden ironisiert. Wobei den Autoren so köstliche Formulierungen einfallen wie diese: „Daunenweich gepolsterte Blicke, schlagsahnesüßes Lächeln, ein Winke-Winke mit zartem Händchen aus einem Fenster, ein Erschauern, ein libellenzart vibrierendes Hin und Her, ein Entschweben Seite an Seite, praktisch ohne Bodenberührung, hin zu den Treibhäusern und den Pferdeställen, dazu ein Gewisper und Getuschel, was ich für dich empfinde, was du für mich empfindest, genießen wir den Augenblick oder doch lieber nicht.“

Und weil die Autoren eine hohe Meinung von hoher Literatur haben, setzen sie gleich noch eins drauf und machen das ganze Buch zu einem Spiel mit Klischees und mit ihrer Entlarvung, womit es schon fast zu einer Farce auf das Fernsehen, vor allem die Werbefilme, wird. Eigentlich ein anderes Thema und hier ein bißchen aufgesetzt wirkend. Da zeigt sich, wie leicht es ist, mehr als die platte Schilderung eines Volksfestes zu bringen, aber wie schwer es ist, dabei mehr als spannende Unterhaltung zu produzieren, nämlich Literatur. Es gibt beim edlen Wettstreit halt nicht nur Fehlstarts, es gibt auch ein Über-das-Ziel-Hinausschießen.

(Walter Laufenberg in: www.netzine.de)

 

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Mit der besonderen Duftnote

(Jacques Berndorf: Eifel-Müll, Krimi, Grafit-Verlag, Dortmund 2000, 285 Seiten, 17,80 DM)

Wenn man als Literat, der selbst schon literarische Kriminalromane veröffentlicht hat („Hitlers Double“ und „Sylvesterfeuerwerk“), einen Krimi in die Hand nimmt, um ihn zu rezensieren, und das auch nur, weil der Autor in der FAZ mal sehr gelobt worden ist, dann liest man ihn besonders aufmerksam. Und es interessiert einen nicht nur die Frage aller Fragen: Wer war der Täter?

Bei einem Krimi mit Regionalbezug reizt natürlich, daß er die Region schildert. Das beschränkt sich hier allerdings auf ein unablässiges Namedropping – nie hätte ich gedacht, daß es so viele Ortsnamen in der Eifel gibt – und auf gelegentliche Hinweise auf Regenwetter. Im übrigen kommen Hundefreunde und Katzenliebhaber auf ihre Kosten, von den Eiflern selbst hört man weniger. Wo sie auftreten, sind sie meist tumb und brav.

Über das moderne Müllproblem und die Geschäftemacher bringt der Autor auf Seite 104 einmal eine Bemerkung, die Nachdenklichkeit verrät. Auf den Seiten 127 ff aber serviert er dann seitenlang sachbuchmäßig, was er über Müll erfahren hat. Was an Thomas Mann erinnert, der ebenfalls gern über Dinge schrieb, von denen er keine Ahnung hatte, der aber die Informationen, die er einem fachkundigen Freund abgeluchst hatte, geschickter einzubauen verstand. Das gilt auch für die Stelle, an der die Hauptfigur einen Psychologen anruft, um ruck-zuck eine Erklärung für das merkwürdige Verhalten einer Verdächtigen parat zu haben: Narzißtische Abtretung. Womit Hauptperson und Autor sich zufrieden geben. Im Unterschied zu mir, dem Rezensenten.

Die Sprache des Buches ist journalistisch, das heißt hier wird völlig anspruchslos mit Sprachklischees gearbeitet. Was sich durchgehend so anhört: Es „befand“ sich da eine Streuobstwiese, und das Kaminfeuer „verbreitete“ Behaglichkeit … Noch schlimmer wird es, wenn der Autor witzig zu sein versucht: „Sie fuhr ein Uraltauto der Marke ‚Maria hilf und Josef schieb nach‘, es war ein Renault von Anno Tobak, was durchaus für die Marke spricht.“

Dieser Krimi ist leider einer von der Sorte, in der es einzig und allein um die Frage geht, wer der Täter war. Eine Frage, die eine ganze Mordkommission und die um die Hauptfigur, einen Journalisten, sich bildende Gruppe von Privatfahndern tage- und nächtelang so beschäftigt, daß kaum noch jemand an Schlaf denkt. Was mir unverständlich blieb, waren mir doch sowohl die beiden Mordopfer als auch all die möglichen Täter weitgehend Unbekannte geblieben. Ich muß zugeben, daß ich nach 260 Seiten voller Hin- und Her-Raserei, Telefonate und farbloser Dialoge gern darauf verzichtet habe, auch noch die letzten zwei Dutzend Seiten des Buches zu lesen. Hatte ich doch längst entdeckt, was mir an dem Buch am meisten gefiel: sein intensiver Holzgeruch. Ein Leseerlebnis, fast wie in einem Sägewerk in Bayern. 

(Walter Laufenberg in: www.netzine.de)

 

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Ein Kompendium mißglückter Kommunikation

(Peter Stamm: Ungefähre Landschaft, Roman, Arche-Verlag, Zürich u. Hamburg, gebunden, 189 Seiten, 36,- DM, 18,41 Euro)

Schon der Schauplatz ist ungewöhnlich. Das Fischerdorf in Nordnorwegen, in dem die junge Zollbeamtin Kathrine lebt, als gottverlassen zu bezeichnen, wäre treffend, es aber auch weltabgelegen zu nennen, wäre falsch. Dafür kommunizieren die Bewohner schon zu selbstverständlich mit E-mails, sie haben sogar eine Webcamera, die in Permanenz das Geschehen bzw. Nichtgeschehen auf dem Hauptplatz in die Welt hinaus schickt, und es gibt außer der Fischfabrik auch die Ein-Mann-Plauder- und Dudelfunkstation sowie die einlaufenden russischen Fangschiffe.

Und die Protagonistin? Kathrine hat schon zwei Ehen hinter sich, hat ihre Mutter, ein Söhnchen und eine E-mail-Bekanntschaft, die stets irgendwo in Europa unterwegs ist. Und sie hat die berühmte große Leere in sich. Sie stellt aber nicht die Sinnfrage, dafür ist sie zu realistisch, sie läßt sich einfach nur gehen, ihren jeweiligen Gefühlen ausgeliefert. Und der Leser ist mehr als sie selbst gespannt, wie es weitergeht.

So ist natürlich keine Überlegung dahinter, als Kathrine nach der ausführlich geschilderten seelischen Pattsituation im ersten Drittel des Buches überraschend in die Welt aufbricht. Ihr belangloses Leben kommt mittels der Hurtigroute, deren Linienschiffe in dem Fischernest anlegen, in Fahrt, wird aber nicht so hurtig, wie der Leser erwartet, als es nach Paris geht. Und führt viel zu schnell an den Ausgangspunkt zurück.

Der schweizer Autor hat sich an die ungewöhnliche Aufgabe herangewagt, die Belanglosigkeit des Lebens zu schildern. Was ungleich schwieriger ist als die Schilderung irgendwelcher Ereignisse, die man als toll, als aufregend, als groß hinstellen kann. Hier gibt es auch nicht die herrlichen Dialoge, bei denen man über die unerhörte Schlagfertigkeit der Beteiligten staunt. Hier erlebt man bloß eine junge Frau, die ihre Pflicht tut, daneben aber auch ihren sexuellen Bedürfnissen nachgehen will, und diverse Männer, die großartiger tun als sie sind und sich beinahe in die Hose machen, wenn eine Frau was von ihnen will. Das ist die mediokre Normalität. Und das nicht nur in Nordnorwegen.

Wer von der Lektüre eines Romans aufregende Aufschlüsse über fremde Welten erwartet, wird hier schlecht bedient. Und auch wer verlangt, daß man nach der Lektüre ein anderer Mensch ist als vorher, ist enttäuscht. So was bietet das Buch nicht, so was war ganz sicher auch nicht die Absicht des Autors. Der wollte ein kleines Kabinettstück moderner Literatur präsentieren, bloß mit dem Reiz der Fremdheit, dafür aber in unprätentiöser, tadellos gepflegter Sprache und ohne alles Abgleiten in Kitsch oder Konvention. Und das ist ihm gelungen. Nur sehr selten hebt er sich über dieses Konzept hinaus. Dann kommt schon mal eine besonders schöne Formulierung wie: Sie erzählten immer dieselben Geschichten, redeten ohne Unterbrechung und waren doch schweigsam wie die Landschaft. Oder: Sie streunte durch ihre Erinnerungen.

Daß aus solch einem unauffälligen kleinen Roman ein Erfolg wird, ist trotzdem erstaunlich. Dabei spielt sicherlich mit eine Rolle, daß die Schweiz ihren Autoren mit einer ganzen Reihe von großzügigen Fördermaßnahmen so weit entgegenkommt, wie der Autor seinen Zeitgenossen mit der durchgehenden Beschränkung auf die kurzen Sätze, die von der Boulevardpresse her geläufig sind.

(Walter Laufenberg in: www.netzine.de)

 

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Masturbation en masse

(Michel Houellebecq, Ausweitung der Kampfzone, Roman, Rowohlt-Taschenbuch, 170 Seiten, Reinbek 2000)

Das in Frankreich bereits 1994 erschienene Buch heute zu lesen, heißt sich klarwerden über das, was heutige Debütantenliteratur zu bieten hat. Der junge Autor, ein Informatiker des Jahrgangs 1958, wurde von der Presse begeistert gefeiert. Denn scheinbar brachte er einen neuen Ton in die Literatur.

Tatsächlich meint man bei der Lektüre des schmalen Romans im ersten Teil, mit dem Bewußtsein und dem Begriffsarsenal des Informatikers einen neuen Zugang zur Erklärung der Welt geboten zu bekommen. Die Vorstellung, daß jedes menschliche Zusammenwirken sich auf einen Austausch von Informationen beschränkt, scheint plausibel. Damit nimmt der Informatiker den Ex-Kathedra-Platz ein, den bisher die Soziologen mit ihrem Begriff der Interaktion besetzt halten, zumindest seit den 60er Jahren. Und moderner als der überkommene psychologisierende Roman in der Dostojewskij-Nachfolge ist so was allemal. Doch kommt nach dem mutigen Postulat leider nichts, was einem neue Fenster öffnet. Der Autor versucht sich an einem Büroroman, wie es andere vor ihm und nach ihm genauso gut gemacht haben. Und die Versuche, mit sexuellen Direktheiten Glanzlichter zu setzen, wirken mehr primitiv als witzig.

Im zweiten Teil schildert der Autor viel zu ausführlich seine Gefühle und Gefühlchen, damit doch wieder den psychologisierenden Roman nachäffend.  Und besonders pfiffige Lösungen für die angesprochenen Probleme bietet er auch nicht. Es läuft alles nur immer aufs Masturbieren hinaus oder auf Mord und Selbstmord. Auch im dritten Teil des Buches. Zumindest aber darf man sich an einigen grundsätzlichen Äußerungen erfreuen: „Ich liebe diese Welt nicht. Ich liebe sie ganz entschieden nicht. Die Gesellschaft, in der ich lebe, widert mich an; die Werbung geht mir auf die Nerven; die Informatik finde ich zum Kotzen. Meine ganze Arbeit als Informatiker besteht darin, die Grundlagen, Vergleichsmöglichkeiten und Kriterien rationaler Entscheidung zu vervielfachen. Das hat überhaupt keinen Sinn. Offen gestanden, das ist sogar eher negativ; eine sinnlose Behinderung für die Neuronen. Dieser Welt mangelt es an allem, außer an zusätzlicher Information.“

Damit ist der eine positive Ansatz futsch. Und den anderen, den überkommenen, läßt er auch hintenrunter fallen, wenn er über die Psychoanalytiker schreibt: „Unter dem Deckmantel der Ich-Stärkung betreiben die Analytiker in Wirklichkeit eine skandalöse Zerstörung des menschlichen Wesens. Unschuld, Großzügigkeit, Reinheit … das alles wird zwischen ihren groben Händen bald zerrieben. Die überbezahlten, eitlen und dummen Psychoanalytiker vernichten bei ihren so genannten Patienten ein für alle Mal jede geistige und körperliche Liebesfähigkeit; sie verhalten sich in der Tat wie die leibhaftigen Feinde der Menschheit.“

Schöne Passagen sind in diesem Buch zu finden, ja, so das Gespräch mit dem alten Studienkollegen, der Priester geworden ist. Auch die Erklärung, daß Liebe nur bei alten Ehepaaren wirklich werden kann, ist so ein Lichtblick. Im übrigen aber geht es nur immer ums sinnlose Herumhängen, um unsinnige Arbeit und ums Masturbieren.

Und das hat das Buch mit der deutschen Debütantenliteratur gemeinsam, für die Verleger und Kritiker sich im Moment so begeistern. Wenn man daraus den Schluß ziehen soll, daß es sich bei den in den 50er und 60er Jahren Geborenen mal wieder um eine lost generation handelt, muß ich die Jungautoren enttäuschen. Für mich ist das, was sie zu Papier bringen, eher Sublimat einer supersaturate generation – und deshalb overestimated. Es ist das unvermeidliche Dilemma der Literatur, daß geschriebene Sätze etwas sagen müssen. Der Charme des nichtssagenden Vielsagens sollte den Politikern überlassen bleiben.

(Walter Laufenberg in: www.netzine.de)

  

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Die Hohe Schule des Genießens

(Mario Vargas Llosa: Die geheimen Aufzeichnungen des Don Rigoberto, Roman, aus dem Spanischen von Elke Wehr, Diana-Taschenbuch, 429 Seiten, München 2001, 17,60 DM, 9,00 Euro)

Eine Wohltat, ein Buch lesen zu dürfen, das nicht bloß Debüttantenschweiß bietet, wie heute meist üblich, sondern Kunst. Das Werk eines literarischen Altmeisters, eines hochgebildeten und lebenserfahrenen Mannes. Der Peruaner Vargas Llosa, der sich vor einigen Jahren seinem Land sogar als Präsident zur Verfügung stellen wollte, was zum Glück nicht geklappt hat, ist ein Erzähler, der seinen Lesern einiges abverlangt. Und das nicht nur, weil er noch Sätze mit Nebensätzen schreibt. Er läßt die Leser an einem Seiltanz teilnehmen, bei dem sie zwischen Phantasie und Wirklichkeit schweben, zwischen aktuellem Erleben und Erinnerung, zwischen Gesagtem und Gedachtem, ja zwischen Handlung und eingestreuten Essays, wobei es mal um den Begriff Herdenmensch geht, mal um Eunuchen und Kastraten, mal um Fetischismus oder um Sport. Eine so gewagte wie raffinierte Konstruktion, die weit über die Kategorie „Erotische Literatur“ hinausreicht. Ein en passant gebrachtes Urteil des Autors über einen Roman von Patricia Highsmith könnte eine Charakterisierung seines eigenen Romans sein: „ … mit täuschender Einfachheit konstruiert, hinter der sich ein dramatischer Subtext abzeichnet: der erbarmungslose Kampf zwischen Wirklichkeit und Wunsch, diesen verfeindeten Geschwistern, und die unüberwindbaren Abgründe, die sie trennen, außer im wundersamen Areal des menschlichen Geistes.“

Mit diesem Buch hat der Autor das seltene Kunststück fertiggebracht, einem Erfolgsbuch etwas folgen zu lassen, was mehr als ein zweiter Aufguß ist. Sein 1989 in deutscher Übersetzung erschienener Roman „Lob der Stiefmutter“ faszinierte durch die Darstellung des so lustvollen wie schwierigen Verhältnisses zwischen einem extrem phantasievollen reiferen Ästheten, seiner attraktiven junggebliebenen zweiten Frau und dem irritierend überspannten, verfrüht pubertierenden Sohn des Mannes.

Was dort zur Katastrophe führte, findet nun seine Fortsetzung, ohne daß der Roman sich als solche vorstellt. Er ist seinem Vorläufer weit überlegen und absolut selbständig. Auch hier wieder die Triade der ungewöhnlichen Hauptfiguren, auch wieder die Parallele zur Malerei. Doch jetzt wird aus der kunstvollen Bildbetrachtung ein subtiler Roman im Roman. Und neben die Spiegelung des Lebens in der bildenden Kunst tritt die in der Literatur. Der Ehemann und Vater entpuppt sich als ein vielseitig gebildeter, höchst kultivierter Mensch, der sowohl geistig wie gemütsmäßig so intensiv zu genießen weiß wie auf der körperlichen Ebene. Daß auf der Ebene des Bewußtseins kein Gleichklang der Partner vorgeführt wird, die Frau vielmehr das süße, nur seinen Gefühlen hingegebene Dummchen bleibt, muß man bei einem erotischen Roman wohl hinnehmen. Es entspricht vermutlich der bei der Leserschaft vorherrschenden Meinung, gehört also zum Erfolgskonzept.

Bei aller Überästhetisierung des Körperlichen, die als Manie des häßlichen Don Rigoberto vorgeführt wird, wie hier die Sprache noch bei der dreistesten Direktheit niemals obszön wird, daran könnte sich die deutsche Literatur, gerade auch die der Feministinnen, ein Vorbild nehmen. Man darf sich also schon genüßlich die Lippen lecken, in Vorfreude auf das dritte Buch, das dieser merkwürdigen Personentrias gewidmet sein wird – und das mit Sicherheit kommt, weil alle Fragen offen sind.

(Walter Laufenberg in: www.netzine.de)

 

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Erinnerungsarbeit

(Siegfried Lenz: Arnes Nachlaß, Roman, dtv, München 2001, 207 Seiten, 16,50 DM, 8,50 Euro)

Die Geschichte ist schnell erzählt: Ein Hamburger Junge namens Hans räumt die Hinterlassenschaft eines Jungen namens Arne weg, mit dem er zwei Jahre lang die Dachkammer geteilt und sich gut verstanden hat. Arne war als einziger gerettet worden, als sein Vater seine Familie und sich umbrachte, und war in die Familie des Jugendfreundes seines Vaters aufgenommen worden. Der ungewöhnlich feinfühlige und intelligente Arne hat sich stets bemüht, zu sein wie seine Altersgenossen, um von ihnen akzeptiert zu werden. Als ihm das nicht gelang, ist er allein auf die Elbe hinausgefahren und verschwunden – er konnte nicht schwimmen.

Aus dieser Konstellation hat Siegfried Lenz ein intensives Leseerlebnis werden lassen, indem er Arnes schwierigen Weg ausschließlich in der Erinnerung von Hans aufscheinen läßt, ausgelöst jeweils von einer der kleinen, an sich recht wertlosen Habseligkeiten des Jungen, die er wegpackt, wobei ihm wieder einfällt, wie Arne in ihren Besitz gekommen ist.

Das Ergebnis könnte man generalisierend als das Porträt des Künstlers als junger Mann in seiner schnöden Umgebung deuten. Dazu würde passen, daß nur immer das Leben dieses hypersensiblen Menschen im Fokus steht, daß nur er plastisch wird, während alle anderen als bloß zweidimensionale Figuren auf Statistenrollen verwiesen werden. Egal, ob man sich zu dieser Deutung entschließt oder zu einer anderen, sich vielleicht sogar zu der versteigt, die der Verlag auf der Buchrückseite vorschlägt, wo von den unterschwelligen Ängsten und Hoffnungen unserer Zeit die Rede ist. Das Besondere an diesem Buch ist nicht sein Inhalt, sondern seine Machart.

Schon der Titel: So schlicht er daherkommt, so raffiniert ist er. Setzt er doch gleich den Spannungsbogen. Was beim Krimi der Tote auf der ersten Seite ist, das hat Lenz hier mit einer Nasenlänge Vorsprung übertroffen. Und der Anfang: Bereits im ersten Absatz ist das Problem umfassend skizziert. Da muß man weiterlesen. Dann der Schauplatz: Die Abwrackwerft an einem abgelegenen Seitenarm des Hamburger Hafens. Dort wird parallel zur Aufräumaktion in der Dachkammer ausgeschlachtet und erledigt. Orte der Endgültigkeit für Material und Mensch. Dazu die Sprache: Der besondere Reiz der Seemannsbegriffe, die der Autor ganz selbstverständlich und ohne jeden Ansatz einer Erklärung über seinen Text gestreuselt hat. Womit die Sondersprache den Eindruck einer Sondersituation verstärkt, in der unser Protagonist sich eigentlich hätte zuhause fühlen müssen, weil schon sein Vater Kapitän und Schiffseigner war. Und der Schluß: Wenn man sich den allerletzten Satz, leider verkorkst und zu penetrant, wegdenkt: So klar abschließend und dabei doch so offen – as you like it -, wie ein Schluß nur sein kann. Schließlich die Erzählweise: Der Akteur und Erzähler Hans wechselt beim Wegräumen von Arnes Sachen immer wieder vom narrativen Er zum vertraulichen Du, wenn er den Verschwundenen direkt anspricht. Das ergibt eine suggestive Verbundenheit, aus der man sich als Leser kaum lösen kann.

Daß der Verlag diese Geschichte als Roman bezeichnet, ist natürlich unpassend. Dafür ist sie mit nur einer einzigen ausgearbeiteten Person zu schlicht strukturiert, außerdem konsequent einsträngig. Doch bei der Bezeichnung Roman spielen Verkaufsgesichtspunkte eine Rolle. Man darf wohl annehmen, daß Siegfried Lenz, der oft genug gezeigt hat, daß er weiß, was Romane sind, dem abschließenden Urteil zustimmen würde: Eine  perfekt gemachte, runde Erzählung. 

(Walter Laufenberg in: www.netzine.de)

 

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Farbenfrohe Kulissenmalerei

Gisbert Haefs: Roma – Der erste Tod des Marc Aurel. Roman, Diana-Verlag München 2002, 496 Seiten, geb. 21.95 €

Keine Angst, selbst ein Marc Aurel stirbt nicht mehrmals. Der Untertitel meint: Der Beinahe-Tod des Marc Aurel, was wohl nur aus Marketing-Gründen etwas anders ausgedrückt wird.

Im ersten Kapitel werden die Hauptfiguren des Buches vorgestellt. Der Leser weiß bloß noch nicht, daß sie diesen Rang einnehmen. Er sieht zunächst nur Dreck und Kot und Blut, ist eingetunkt in das Leben der kleinen Leute im alten Rom, wird eingestimmt in ein großes Schwelgen im realistischen Beschreiben. Im zweiten Kapitel ein Nonsens-Gespräch im Turm, reizvoll, weil es an den Anfang des Ulysses von James Joyce erinnert. Dann kommen betont witzige Dialoge zwischen zwei Wächtern, die Jugendfreunde sind, Dialoge, wie man sie aus Krimiserien kennt, in denen die beiden Ermittler als absolut cool und überlegen präsentiert werden. Im vierten Kapitel wird es richtig poetisch, und am Ende dieses Kapitels, auf Seite 142, erkennt der Leser, um was es geht. Das siebte Kapitel bringt ein authentisches Stück aus der Zeit der Christenverfolgung. Im elften Kapitel ist man plötzlich in einem geheimnisvollen Bücherhort gelandet, als wäre man im Namen der Rose unterwegs. Ein Höhepunkt ist zweifellos im achten Kapitel die Schilderung einer Suche in der Cloaca Maxima, die sehr eindrucksvoll mit dem unterirdischen Reich des Charon verglichen wird und im Leser unwillkürlich die Zithertöne vom Dritten Mann anklingen läßt. Die letzten vier von den fünfzehn Kapiteln des Buches widmen sich den Fragen und Teilantworten, die zur Verhinderung und Aufklärung des geplanten Verbrechens führen. Was so verwirrend ist, weil es nicht nur die pfiffig ausgedachte große Verschwörung gibt, sondern daneben eine Vielzahl von weiteren Verbrechern und Verbrechen unterschiedlichen Kalibers.

Gekonnt. Das ist bestes Lesefutter für Krimifreunde. Alles in tadellosem Deutsch serviert und vom Verlag liebevoll aufgemacht mit Karten und Lesebändchen. Für Tiefgang sorgen Marc-Aurel-Zitate vor jedem Kapitelanfang. Durch die überwältigende Fülle von römischen Namen und Ortsangaben sowie das benutzte umfangreiche römische Inventar – bis hin zu garum, dem römischen Maggi – eine Entführung in eine andere Zeit und Welt, der man nicht entrinnen kann. Auch nicht will. Die Sprache macht keine störenden Klimmzüge, auch kommt der Autor seinen Lesern nicht mit Aussagen, die ihn über die Sache hinausheben sollen. Er wollte offensichtlich einen spannenden Krimi für ein möglichst großes Publikum schreiben, und das ist ihm gelungen.

Geschichte und Geschichten – was in der deutschen Sprache so nahe beieinander liegt, hat zu unterschiedlichen Arten der Vermischung geführt. Deshalb soll dieser Roman aus dem alten Rom zum Anlaß genommen werden, sich zu fragen, was überhaupt ein historischer Roman ist. Ist die Scheidung des Genres in zwei Hauptgruppen doch allzu auffällig:

Die eine Hauptgruppe, und zu der gehört „Roma“, versetzt den Leser ins Früher, indem sie ihn total einpackt und entführt in eine fremde Atmosphäre, was bis zu den Geräuschen und Gerüchen des Ortes und dem Alltagsgerede der Leute geht. So bemüht realistisch das alles gebracht wird, die geschilderte Handlung ist fiktiv. Die Historie ist nur die Folie, vor der das Geschehen inszeniert wird. Von den Vorläufern Goethe, Herder und Walter Scott abgesehen sind typische Vertreter dieser Gattung Erfolgsromane wie „Ekkehard“ von Victor v. Scheffel, „Quo Vadis?“ von Henryk Sienkiewicz oder „Die letzten Tage von Pompeji“ von Edward George Bulwer-Lytton. Solche Romane sind Lesestoff, der die Leser in andere Welten versetzt. Gleichgültig, ob man das ein harmloses Vergnügen nennt oder Förderung des Eskapismus, es kommt bei den Lesern gut an, ist also zweifellos ein Erfolgsrezept für Autoren. Der Dichter ist der Kulissenmaler, der das übliche menschliche Handeln vor einem ungewohnten Hintergrund verfremdet zeigt und damit das Allzubekannte wieder interessant macht. 

Die andere Hauptgruppe von historischen Romanen nimmt einen höheren Standpunkt ein, von dem aus das Geschehen betrachtet wird. Der Autor wird erkennbar in seinem Anspruch, nicht bloß Lesestoff zu bringen, sondern Welterklärung. Und schon sind die handelnden Hauptfiguren nicht mehr das Wichtigste. Atmosphärisches wird nur angedeutet, in den Vordergrund schieben sich historische Ereignisse und grundsätzliche Aussagen. Es geht um Authentisches aus der Historie oder der Mythologie, was in den frühesten Zeiten ja beinahe dasselbe ist. Die Fiktion tritt zurück zugunsten von Faktenvermittlung. Und die dient zu grundsätzlichen Aussagen. Typische Vertreter dieser Gattung – von Homer, Dante und Vergil nicht zu reden – sind Romane wie „Die Ahnen“ von Gustav Freytag, „Ich, Helena von Troja“ von John Erskine oder „Ich, Nofretete“ von Roberto Zacco. Der Dichter tritt hier als Bänkelsänger auf, der mit seinem Zeigestock die kleinen Tafelbilder der Historie berührt und seinen ausführlichen Kommentar dazu gibt.

Wenn von zwei Hauptgruppen die Rede ist, dann muß auch ein Blick auf die mögliche Überwindung der Alternative geworfen werden. Ein schönes Beispiel dafür ist Stefan Heyms „König-David-Bericht“. Wiederum das Eintauchen in die Tunke des Atmosphärischen und die fiktive Handlung, die im Vordergrund steht. Und doch erweist sich das Athentische, hier das hebräische Buch der Könige, als die wahre Hauptsache. Und in der grundsätzlichen Aussage des Buches, die weit über das Erzählte hinausgeht, zeigt sich der Autor als ein Satiriker von Format.

Egal, ob man sich als Autor für die eine oder die andere Gattung von historischen Romanen entscheidet oder ob einem die Überwindung der Alternative gelingt, man kommt nicht um die Tatsache herum, daß man ein Mensch von heute ist und für Menschen von heute schreibt. Letztes Kriterium für den Wert eines historischen Romans ist deshalb die Frage, die jeder Leser für sich selbst beantworten muß, wenn er das Buch gelesen hat: Was habe ich nun davon?

(Walter Laufenberg in: www.netzine.de)

 

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Gast aus Absurdistan

(Günter Kunert: Erwachsenenspiele, Erinnerungen, 2. Auflage München 2001, dtv-Taschenbuch, 447 Seiten, 10 €)

Autobiografien werden geschrieben, um das eigene Bild in der Öffentlichkeit zurechtzurücken; deshalb weiß man nie, ob das Geschriebene wahr ist. Besser dran ist der Leser bei dem Ausgelassenen; das kann nicht gelogen sein. Diese Faustformel für den Gebrauch von Autobiografien fällt einem ein, wenn man liest, wie mühelos der 1929 geborene Autor nach dem Zweiten Weltkrieg Eingang in den Kulturbetrieb Berlins gefunden hat. Ein junger Mann von noch nicht einmal zwanzig Jahren, ein Namenloser mit kriegsbedingt nur provisorischer Schulbildung und bloß ein paar Semestern Kunsthochschule wird sofort zum ständigen Mitarbeiter der Ostberliner Satirezeitschrift „Ulenspiegel“. Und wird genauso selbstverständlich von dem allgewaltigen Kulturpapst Johannes R. Becher freundlich empfangen und von dem Starautor Bert Brecht umarmt. Und kein Wort über den besonderen Bonus, den er wegen seiner Herkunft aus einer jüdischen Familie hat. Was er übrigens mit vielen DDR-Autoren gemeinsam hat, die im Osten reüssierten und schließlich sogar im Westen berühmt wurden, als die Marginalkritik der DDR-Autoren an ihrem System im Westen als willkommene Bestätigung des besseren Systems goutiert wurde. Kalter Krieg auf literarischer Ebene.

Um die Ehrlichkeit seiner Lebensbeschreibung zu unterstreichen, bietet der Autor diverse Eingeständnisse von dummen Fehlern, die er gemacht hat, so beim Autofahren, bei der Reise nach Bulgarien oder beim Hauskauf. Als ob der Leser erwarte, daß einer etwas dämlich sein müßte, um als Dichter glaubhaft zu sein. Seine clevere Frau aus Westberlin gleicht die Fehlleistungen zum Glück immer wieder aus.

Schweigend geht der Autor darüber hinweg, wieso er als ein vielbelesener Mensch sich überhaupt einmal für den Kommunismus begeistern konnte. Hatte er tatsächlich  noch nichts von Karl R. Popper gelesen? Und kein Wort darüber, wieso er mit seiner Frau von Westberlin nach Ostberlin umgezogen ist, als längst für jedermann deutlich war, daß die DDR als Möchtegern-Staat bloß eine Lachnummer war. Da kann er bei der ausführlichen Schilderung seiner jahrzehntelangen negativen Erfahrungen in Absurdistan zwar auf ein historisches Interesse des Lesers hoffen, kaum aber auf sein Mitleid. Der Autor war halt doch nicht so dumm, wie er erscheinen möchte, denn er hat cool die Chance wahrgenommen, auf beiden deutschen Buchmärkten zu publizieren und aufzutreten, da wie dort mit dem gewissen Hautgout des Wildes aus fernen Jagdgründen. Kunert gehörte unter den 17 Millionen Eingesperrten zu den wenigen Privilegierten, die auch ins westliche Ausland reisen durften, sogar in die USA. Er war einer, der Einnahmen in diversen Währungen hatte. So ließ sich trotz allem Alltagsärger leben. Kein Wunder, daß er erst im Jahre 1979 „rieberjemacht“ hat.

Besonders reizvoll ist das Spiel mit jiddischen Sprachbrocken am Anfang des Buches. Besonders aufschlußreich später das Nebeneinander von Alltagsschilderungen des Autors und den Spitzelberichten aus den Stasi-Akten der Gauck-Behörde. Für die Historie bietet das Buch eine Fülle von Namen Prominenter mit ihren sie charakterisierenden Kurzauftritten. Unvergeßlich beispielsweise die Selbst-Demaskierung des Philosophen Herbert Marcuse. Oder liegt das nur daran, daß einem der Namensvetter Ludwig Marcuse schon immer wichtiger war?

Eines muß man dem Autor Günter Kunert lassen: Er ist ein Causeur von Format, was er schon in seinen Büchern „Die Beerdigung findet in aller Stille statt“ (1968) und „Tagträume in Berlin und andernorts“ (1972) und diversen weiteren Veröffentlichungen bewiesen hatte. Deshalb werden selbst Leser, die den Katzentick der Kunerts nicht teilen, ihren Spaß an diesem Lebensbericht eines kritischen Zeitgenossen haben. Daß darin nur der kleinere Teil Deutschlands gezeichnet wird, das Reich der roten Zaunkönige, ist ja nichts Ungewöhnliches. Das ist seit Jahrzehnten unser Lesefutter. Die westdeutschen Verlage hatten sich darauf gestürzt, weil es viel leichter war, den Lesern das Bild eines dahinsiechenden Kuriosums zu verkaufen als die nicht so offen auf der Hand liegende Problematik eines florierenden Gemeinwesens, das sich einem stupenden Wohlstandsrausch hingegeben hatte. Wenn uns diese Thematik auch hätte wichtiger sein müssen, weil sie uns selbst betraf.

(Walter Laufenberg in: www.netzine.de)

 

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Zwerg im Großformat

(David Madsen: Der Zwerg, der Papst und die Heiligkeit, Roman, aus dem Englischen von Norbert Stöbe, Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2002, 382 Seiten, 10 €)

Da beginnt im Jahre 1518 Peppe, der gräßlich verwachsene Hofzwerg und Kammerherr seiner Heiligkeit Papst Leo X.., heimlich mit der Niederschrift seiner Lebensgeschichte, was ihm unter der Hand zu einem Porträt der Hure Rom in den glanzvollen Zeiten der Renaissance gerät. Kot und Blut und Tränen, Samen und Urin, damit mischt er die Farben an, bis sie das zeitgerechte Kolorit ergeben. Ein lustvoll und hemmungslos drastisch ausgemaltes Stück Historie, das seinen besonderen Reiz daher bezieht, daß es Kirchengeschichte und Sittengeschichte zugleich ist. Schon schockierend, wie die hohe Zeit Raffaels, Michelangelos und Leonardo da Vincis in diesem Buch zuletzt in einem Furioso implodiert, das den Menschen auf die Stufe der Bestie zurückwirft.

Der Autor führt die saturierte römische Kirche vor, die gerade mehr als genug Ärger mit dem frechen deutschen Mönchlein Martin Luther hat und sich nun plötzlich konfrontiert sieht mit einer uralten, schon ausgerottet geglaubten Häresie, dem Gnostizismus. Er läßt seine Leser Schrittchen für Schrittchen und doch unaufdringlich in das Wissen dieser Geheimlehre eindringen. Daß die Grundthese, die Welt sei nicht von Gott geschaffen sondern von Satan, von Seite zu Seite überzeugender wirkt, ist ein schönes Beispiel von selffulfilling prophecy. Daran, aber nicht daran allein, wird deutlich: Dieser Autor steht auf einem soliden Bildungsfundament. Wohltuend, weil das leider nicht unbedingt zu den Charakteristika der Autoren gehört, die man in Deutschland hochjubelt. Dadurch kann der Autor darauf verzichten, mit dem üblichen belanglosen Alltagsparlando für Glaubwürdigkeit zu sorgen – und den Leser zu nerven.

Dennoch erweist sich das Buch als ein Stück veritabler Aktionsliteratur, die zum Literaturerlebnis wird. Denn der Zwerg gerät zweimal an einen Meister, dem er imponiert. Das ist einmal der Meister einer herumreisenden Monstrositätenschau und einmal der Meister der Gnostik und Gegenspieler des Inquisitors. Eine reizvolle Parallelaktion. In beiden ausführlich geschilderten Sonder-Situationen, im Panoptikum wie unter den Sektierern, gewinnt der Zwerg eine ungeahnte Größe. Womit sich nachträglich rechtfertigt, daß er in diesem Roman der Chronist seiner Zeit ist.

Wenn auch Mut dazu gehört, dem Leser seitenlang die verworrenen politischen Verhältnisse in Italien um 1500 zu präsentieren (da hätte das Lektorat der britischen Originalfassung ein wenig resoluter rangehen sollen), das Spiel mit den beiden Zeitebenen, das der schreibende Zwerg treibt – damals war ich …, jetzt bin ich … – erklärt vieles und relativiert alles und erfüllt damit als literarische r Kunstgriff seinen Zweck.

Alles so spannend erzählt wie ein Krimi. Und ist doch viel mehr als ein Krimi.  So gekonnt, wie hier Masken heruntergerissen werden, während eine rätselhafte Geschichte  aufgeblättert wird, versetzt mit uraltem Geheimwissen und dem Blick hinter die Kulissen religiöser Scheinheiligkeit, das ist nur mit der Meisterschaft eines Umberto Eco zu vergleichen. Bloß schade, daß es nicht einen so griffigen Titel wie „Der Name der Rose“ trägt. Bekanntlich ist der Titel schon der halbe Erfolg. Zugegeben, der Originaltitel in Übersetzung hätte „Memoiren eines gnostischen Zwerges“ gelautet, wäre also auch nicht viel besser gewesen. Aber wenn man sich auch den Titel kaum merken kann, den Autor sollte man sich merken, weil vermutlich bald sein zweiter Roman „The Confessions of a Flesh-Eater“ in einer deutschen Ausgabe erscheinen wird.

(Walter Laufenberg in: www.netzine.de)

 

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Aber immer ein armes Schwein

(Henning Boëtius: Schönheit der Verwilderung, Roman, 288 Seiten, btb-Taschenbuch, München 2002, 10 €)

Ein Roman über das so kurze wie wilde Leben des schlesischen Dichters Johann Christian Günther (1695 – 1723). Ein Buch, das der Autor eine fiktive Biografie nennt, weil es so wenige belegbare Fakten aus dem Leben der beschriebenen Person gibt.

Was empfindet ein Rezensent, der selbst Biografien geschrieben hat, bei der Lektüre dieses Romans? Zunächst freut er sich mit dem Autor, der es um so leichter hat mit seiner Beschreibung, je weniger über das Objekt seiner Beschreibung bekannt ist. Freie Bahn der Phantasie. Dann aber bedenkt er die besondere Schwierigkeit, die darin liegt, das Leben eines Dichters fast nur aus seiner Dichtung zu erkennen. Und das bei einem Lyriker der Barockzeit, der in einer Form geschrieben hat, die man heute nur schwer goutieren kann, zudem hauptsächlich Gelegenheitsgedichte, also sogenannte Casuallyrik.

Wie Henning Boëtius diese Aufgabe gemeistert hat, ist beeindruckend. Er hat einem Poeten, dem seine Zeitgenossen es nicht leicht gemacht haben und den die Nachwelt vergessen hat, ein höchst poetisches Denkmal gesetzt, und das in einer wunderbar eingängigen, ja spannenden Prosa. Ein Sprachkunstwerk für Genießer.

Der Leser freundet sich mit einem jungen Mann an, der über den Anfang eines Medizinstudiums nicht hinausgekommen ist, weil ihm seine brillante poetische Begabung ein Bein gestellt hat, was ihm ein Lotterleben voller Sichbesaufen, Pfeiferauchen, Hungern und Lieben und Kranksein und um Freitische und mäzenatische Hilfe Betteln eingebracht hat, aber nie Geld, nie offizielle Anerkennung und keine bürgerliche Sicherheit. Der Held lärmend fröhlicher Saufgelage, der Schwarm der Weiber aller Altersklassen, das Genie des trefflichen Gelegenheitsgedichtes, aber immer ein armes Schwein. Also ein schlesischer Villon oder Bellman.

Der nicht gerade griffige Titel des Buches ist ein Zitat und daher berechtigt. Zwar bleibt die Schönheit dieses Dichterlebens weitgehend ausgespart, weil sie ihren Niederschlag in rund 600 archivierten Gedichten mit etwa 45 000 Versen gefunden hat, die für uns Heutige nicht nur wegen ihrer schieren Unmenge ein Buch mit sieben Siegeln darstellen. Doch die Verwilderung eines großen Talents wird eindrucksvoll geschildert. Der viel zu früh jämmerlich verendete Dichter Johann Christian Günther hat in Henning Boëtius einen echten Freund gefunden – und findet weitere in jedem Leser dieser Biografie.

(Walter Laufenberg in: www.netzine.de)

 

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Umstürzlerisches

(Uwe Timm: Der Mann auf dem Hochrad, Roman, dtv München 2002, 203 Seiten, 9,- Euro, 16,50 CHF)

Daß der Verlag kein Hochrad auf den Titel dieses Buches gebracht hat, kann nur im ersten Augenblick irritieren. Dann akzeptiert man diese Unterlassung, weil der Autor so intensiv bemüht ist, einem die Konstruktion des Hochrades zu erklären. Ein Musterbeispiel fürs rein verbale Anschaulichmachen. Gut, daß der Verlag darauf verzichtet hat, das Hochrad abzubilden. Denn damit wäre er auf die Parabel hereingefallen.

Das Hochrad, dieses Kuriosum wäre keiner literarischen Erwähnung wert, hätte sich in ihm nicht eine Besonderheit der menschlichen Psyche gezeigt: Wir lieben es, aus dem Einfachen das Großartige zu machen. Daraus entstand beispielsweise das Hochrad, auf dem sich Menschen hoch zu Roß zeigen konnten. Oder hochtrabend. Wenn auch nur ein paar Jahre lang, ein Interregnum des Hochmuts zwischen der Erfindung des Laufrades durch den Freiherrn von Drais und der Entwicklung einer Übersetzung der Tretkraft, die auf den Riesenunterschied von Vorderrad und Hinterrad verzichten konnte. Womit das Hochrad obsolet, das Fahrrad

erfunden war. Das dann auch anderthalb Jahrhundert lang und länger fast unverändert seinen Dienst tat. Erst unserer Zeit fiel es ein, mal wieder etwas Ungewöhnliches aus der Draisine zu machen, das Liegerad. Typisch,

daß wir Heutigen nicht mehr hoch zu Roß daherkommen wollen, sondern in Schlafhaltung. Man denkt – so abenteuerlich der Vergleich auch sein mag ! -unwillkürlich an die Antike, die es vom Zentaur zur Kline gebracht hat, auf der man beim Essen lag.

Kein Wunder, daß der Autor auch irgendwann Max Stirner und sein Buch „Der Einzige und sein Eigentum“ erwähnt. Ist er doch mit dem Hochrad unterwegs, um zu sich selbst zu kommen. Die Aufmachung des Ganzen als eine familiäre Spurensuche ist dabei nur eine geschickte Form der Darstellung. Der längst verstorbene Onkel

Franz und seine mutige Frau Anna wachsen einem überm Lesen, als hätten sie einen adoptiert, ans Herz. Auch eine Methode, die Identifikation des Lesers mit den Protagonisten herzustellen. Das Geschehen dann auch noch in den Kulissen vergangener Herzogsherrlichkeit und der höchst verdächtigen Umtriebigkeit der Arbeiterschaft spielen zu lassen, gibt dem Buch zusätzlich Farbe.

Das Hochradfahren als Parabel, das Stürzen mit dem Hochrad aber erst recht. Der Autor läßt den Leser durch seinen Text fahren wie mit diesem längst überwundenen Gerät, diesem Dinosaurier der Technik. Erst ein langes Anschieben, dann der beherzte Schwung in den hohen Sattel, und erst allmählich löst man sich von dem viel zu verkrampften Griff an den Lenker. Wenn man eingesehen hat: Der Autor erzählt tatsächlich einfach vom Hochradfahren. Erzählt von einer gesamteuropäischen Entwicklung, daneben auch von typisch deutscher

Vereinsmeierei. Dann aber ein Schlagloch und der berüchtigte Kopfsturz. Das Bewußtsein zu verlieren, wäre zu schade. Nur ein paar Denkblessuren. Und dass man plötzlich zeitversetzt erlebt, was früher war oder was später kam. Aus der Fahrt kommen, fallen, sich aufrappeln und wieder aufs Rad Schwingen. Das ist die Methode, das lineare Erzählen in Hochradfahrermanier zu überwinden. Und schließlich Höhepunkt und Ende der majestätischen Fahrt, der artistische! Schwung der Beine über den Lenker, um zum festen Stand auf dem Boden zu kommen, das Rad immer noch mit einer Hand gehalten.

Der Autor schildert in beeindruckend einfachen Worten die Entwicklung des Fahrrades. Um damit auf eine amüsante Weise den Fluch des Menschen zu illustrieren, sein Leben unter der Knute des Ichs, das ihn mit einem Traum beschenkt und ihm damit sein Leben raubt – vom Normalbürgerstandpunkt her gesehen. Das Ergebnis dieser halsbrecherischen Fahrt ist ein kleines, aber feines literarisches Kabinettstück.

(Walter Laufenberg in: www.netzine.de)

 

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Sich ein Denkmal gesetzt

Detlev Meyer: Das Sonnenkind, Roman, Aufbau-Verlag, Berlin 2001, 188 Seiten, 16.50 Euro)

Auch so kann man es machen. Da hat sich ein Berliner Journalist und Autor, 1950 geboren und 1999 gestorben, angesichts seines von unheilbarer Krankheit angekündigten Endes ein Denkmal errichtet, das nichts von der üblichen Resignation und Verquältheit der Moribundenliteratur vorführt. Nein, hier war ein Steinmetz am Werk, dem nur hellster Stein und Sonnenspiegelung und liebevoll lächelndes Ornament gut genug waren.

Daraus ist, aufs Menschlich-Allzumenschliche fokussiert, die Welt einfacher Leute im Abseits des Berliner Bezirks Neukölln als Bild entstanden. Ein Bild, das nur einige Monate um  das Jahr 1960 und etliche Rückblenden zeigt. Ein Schnappschuß aus dem geteilten Berlin noch vor dem Bau der Mauer. Und doch ein Weltpanorama im Kleinen. Weil die Menschen des Hauses Truseweg 2 in ihrem belanglosen Alltag so ungewollt wie unvermeidlich die große Comédie humaine aufführen.

Im Mittelpunkt dieser Welt steht der neunjährige Carsten, offensichtlich das Alter ego des Erzählers. Ein Junge voller Wißbegier und mit soviel Intelligenz und Menschenfreundlichkeit bestückt, daß ihn jeder lieben muß. Ein Sonnenkind. Man ist unwillkürlich an Felix Krull erinnert, an den charmanten kleinen Liftboy, der hier zum Autobiographen avanciert, aus dessen Blickwinkel die Welt so lustig wirkt. Dabei vermeidet der Autor die Ich-Erzählung, bleibt beim Er und respektiert in seiner Erzählung die weitaus größere Bedeutung, die das Leben der Erwachsenen hat, zwischen denen der kleine Gernegroß doch nur immer mit seinen zu vielen Fragen beschäftigt ist, die mit halben Antworten beschieden werden. Und es ist schließlich das Sterben des heißgeliebten Großvaters, eines kleinen Weltmannes, in dem sich das Bild des Lebens rundet. Eine gelungene Projektion.

Technisch reizvoll ist das saloppe Spiel mit den Zeiten, die ohne Ankündigungen und ohne Kapiteleinteilung miteinander verquickt sind, alle im Präsens. Und noch etwas fällt auf: Lebte der Roman des 19. Jahrhunderts von den Diskrepanzen im Zusammenleben der verschiedenen Gesellschaftsschichten, vor allem von den Unvereinbarkeiten zwischen dem Adel und dem Bürgertum, wird dieser kleine Roman bloß noch amüsant belebt durch die Kuriosität der Nobilität, die gleich in mehreren Figuren dieser Kleine-Leute-Geschichte präsentiert wird.

Alles in allem nicht gerade spannend geschrieben, auch nicht aufregend und doch ein Lesevergnügen. Daß so ein Buch auf das Interesse der Leser stößt, liegt in seinem besonderen Vorzug als kleines Zeitdokument. Sich als Autor angesichts seines allzu frühen Endes auf diese unprätentiöse und alles andere als larmoyante Weise ein Denkmal errichtet zu haben, verdient deshalb ohne alle Einschränkung das Urteil: Auch so kann man es machen.

(Walter Laufenberg in: www.netzine.de)

 

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Spiegelglanz

(Arnold Stadler: Ein hinreissender Schrotthändler, Roman, btb-Verlag, München 2001, 220 Seiten, 8 €)

Der Titel täuscht. Nicht der Schrotthändler ist die Hauptfigur. Und nichts mit hinreissend. Der Autor läßt einen frühpensionierten Studienrat in der Ichform mit seinen hin und her springenden Erinnerungen ein ganzes Buch füllen. Nicht genug damit, daß dessen Fach Geschichte war und er promoviert ist. Er ist auch wegen psychischer Probleme in Behandlung. Und er ist unglücklich, weil ihm die Frau weggelaufen ist.

Klar, das ist nicht das ideale Lesefutter für den Strandkorb. Hier wird auf ungewöhnliche Weise Inventur gemacht, und zwar mit dem Vorsatz, Kunst  zu liefern. Das bedeutet, daß die eigentliche Geschichte schnell erzählt ist: Ein Fremder kommt zum Haus des Ich-Erzählers und seiner Frau und fragt, ob man nicht einen Wagen zum Verschrotten habe. Und bleibt gleich da und wird der neue Bettgenosse der Frau. Als er schließlich mit ihr verschwindet, fährt der Erzähler an den Ort seiner Kindheit, wo er die alten und alt gewordenen Bekannten trifft.

Im übrigen wird, weil das in Deutschland als Kennzeichen von Hochliteratur gilt und deshalb zuverlässig mit Fördergeldern und Literaturpreisen honoriert wird, aufs Erzählen weitgehend verzichtet. Der leidige Zwang zur Enthaltsamkeit für jeden deutschen Autor, der sonst Gefahr läuft, als Produzent kommerzieller Literatur abgetan zu werden. Dieser engstirnige Purismus unterscheidet unsere Literatur von der weit erfolgreicheren angelsächsischen.

Konsequenterweise setzt Stadler seinen Lesern statt einer großen Erzählung ein fein ziseliertes endloses Grübeln vor. Wobei der Ich-Erzähler auf eine raffinierte Weise als Hinterwäldler gezeichnet wird, indem er den Lesern umständlich gebaute Sätze und lähmend pastorale Wiederholungen zumutet. Ein Stilmittel, aber gewöhnungsbedürftig. Nur modisch aufgepäppelt mit ein wenig name-dropping: Prominente und Markenwaren.

Keine neue Dreiecksgeschichte. Überhaupt keine Liebesgeschichte. Auch nicht die Schilderung einer großen Ehekrise, wie der Verlag mit dem Rückseitentext suggerieren will. Das wird alles nur andeutungsweise gebracht. Man muß dieses Buch als einen Heimatroman sehen, in dem der Autor seine Kindheitserinnerungen aufarbeitet. Ich erinnere, das ist eine seiner Lieblingsfloskeln. Ein Heimat- und Kindheits-Roman, ja, aber einer, der das gängige Bild dieser Spezies karikiert, sogar das der neueren Varianten. Natürlich keine Verwandtschaft mit Roseggers „Als ich noch der Waldbauernbub war“, aber auch nichts mehr von der Erzählfreude und der wohltuenden Gefühligkeit eines Arno Surminski in „Jokehnen“. In der hier geschilderten Heimat lebt man nicht mehr, man erlebt sie nicht einmal, sie wird vor einem seziert. Wer das akzeptiert und sich mit Geduld durch das Buch arbeitet, wird dafür mit Formulierungen voller Sarkasmus belohnt, die den Autor als einen Meister des Wortes erkennen lassen.

Zum Beweis nur ein paar Beispiele: „Dazu kamen Krankheiten wie Allergien, Schimmelpilz und Elektrosmog, die ich den Privatsendern verdankte.“ Oder: „Die Frauen sind >zwei und zwei< zur Toilette  in der Talstation gegangen und haben von Zeit zu Zeit einander gefragt, wie spät es sei. Und sie haben sich die Zeit von der Kommunionuhr abgelesen.“ Oder: „Meine Mutter trug noch ein Kopftuch, Herr Komponist. Es kleidete sie. Aber Gabi grimassierte befremdet und schämte sich und versuchte immer noch, mich auf den richtigen Erzählweg zu bringen, unterbrach mich mit vornehmen Halbsätzen. Sagte >Euer Landsitz< und >Zirbelholzstube< und >Erbhof<. Meine Wörter waren: Kopftuch, Kirchenchorausflug, Sonderfahrt, Sessellift, Einkehren, Tellerschnitzel, Salamibrot, Stalltürchen, Viehmantel, Hotzenwald.“ Oder: „Meine Frau und ich: das sind zwei Geschichten unter einem Dach, von denen ich nur die eine kenne. Wer kann schon ungestraft zwanzig Jahre >meine Frau< sagen!“ Oder: „Erika, die militante Nichtraucherin, deren Leidensmiene abrufbar und deren Schmerz gespeichert war und schon beim Anblick eines Aschenbechers aktiviert werden konnte, versuchte, den Rauch von sich wegzufuchteln. Auch war sie im Kampf gegen die Pfunde aktiv.“

Dieses Buch ist eine literarische Kostbarkeit, weil es Satire der am schwersten zu verkaufenden Art bietet. Denn seine Spitzen richten sich nicht gegen Die-Da-Oben oder gegen die Kirche oder die Russen oder oder, sondern gegen jeden von uns.  

(Walter Laufenberg in: www.netzine.de)

  

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Die Leiden schafften

(Karel G. van Loon: Passionsfrucht, aus dem Niederländischen von Arne Braun, Roman, Aufbau-Taschenbuch-Verlag, Berlin 2002, 240 Seiten, 7.95 €)

Geradezu lehrbuchhaft perfekt der Anfang, der mit einigen schönen Formulierungen garniert ohne Umstände auf den Knalleffekt von Seite 2 zu führt, zu einem Psycho-Kracher hin, der jedem Mord überlegen ist. Wenn man auch als Leser sicher ist, daß die aufgeworfene Frage erst gegen Ende des Buches beantwortet wird, kann man sich doch nicht mehr von dem Text lösen, von der Ratlosigkeit mitgerissen, die den Icherzähler gepackt hat.

Was der Erzähler und seine neue Partnerin, die ihn heiraten möchte, in der Arztpraxis erfahren, als unumstößliche Tatsache hinnehmen müssen, das stellt nicht nur diese Heirat in Frage, sondern auch sein ganzes bisheriges Leben: Er ist unfruchtbar, und er ist es schon immer gewesen. Dabei hat er einen dreizehnjährigen Sohn. Sehr eindrucksvoll, wie der Autor den Schockzustand beschreibt und ihn abschließend mit einem kurzen Satz auf eine höhere Ebene hebt: „Die Gegenwart steht still, weil unmittelbar hinter ihr die Vergangenheit zerplatzt.“

Es gibt mehrere Personen, die als „Täter“ herhalten könnten. Also die klassische Ausgangsposition für einen Krimi. Doch man glaubt zu sehen, wie der Autor sich lächelnd über diese simplen Konstrukte erhebt, in denen ein Verdächtiger nach dem anderen immer mehr suspekt ist und schließlich die Figur, der man überhaupt keine Aufmerksamkeit geschenkt hat, als der Schuldige entlarvt wird. Schon auf den ersten Seiten gibt es Hinweise, die im Leser einen konkreten Verdacht wecken. Er erntet das schöne Gefühl des Bescheidwissens. Und der Autor läßt ihn damit glücklich sein. Ihm ist offensichtlich anderes wichtiger als derlei Irreführung. Dem Leser sehr bald ebenfalls. Und dafür ist er dem Autor dankbar.

Denn die Story zeigt, daß sie kein Krimi ist, sondern ein Liebesroman. Einer mit allem Drum und Dran, mit lüsternen Weibern und tumben Männern, mit einer Menage a trois und mit viel Unglücklichsein, mit Zärtlichkeit und Suff und Schlägen und viel liebevoller Fürsorge. Doch weil nicht nur Beziehungskisten geöffnet werden, Deckel für Deckel, sondern ganz erstaunliches Sozialverhalten vorgeführt wird, scheint die Geschichte sich zum Familienroman zu entwickeln. Aber schnell löst sie sich auch aus der Umklammerung durch diese Tradition, nämlich wenn der Autor von der Genealogie auf die Gentheorie umsteigt. Und auch den Weg geht man als Leser gerne mit. Liebe im Licht moderner naturwissenschaftlicher Erkenntnisse interpretiert, warum nicht? Irgendwann mußte ja mal einer aufstehen und sagen: Liebe ist mehr als Atemlosigkeit und dieses Ich-liebe-dich-Gestammel.

Karel G. van Loon kommt vom Journalismus her, und das merkt man daran, wie er sich über die ewigen Ängste der Literaten vor dem Thesenroman hinwegsetzt und ungeniert auch Erkenntnisse der Soziobiologie zitiert. Die häufigen Nennungen von bekannten Songs und Interpreten wie auch von Tageszeitungsereignissen sind wohl ebenfalls mit dieser Herkunft zu erklären. Und daß der Autor nichts Wichtiges einfach nur sagt, sondern es als Aktion inszeniert, das verrät den Fernsehmann. So ist ein Buch für Herz und Kopf entstanden, ein so ergreifender wie gescheiter Roman. Die „Passionsfrucht“ gehört für mich zu den besonders schmackhaften Lesefrüchten.

(Walter Laufenberg in: www.netzine.de)

 

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Vierundzwanzigbuchstabenkunstbetriebliches

(Martin Walser: Tod eines Kritikers, Suhrkamp, Frankfurt 2002)

Weiß der Himmel, welcher Teufel Frank Schirrmacher, den Mitherausgeber der Frankfurter Allgemeinen, geritten hat, den ihm zum Vorabdruck angebotenen Roman nicht nur abzulehnen, sondern diese Ablehnung mit harschen Worten gegen den Autor zu begründen und ihm als Offenen Brief entgegenzuschleudern. Tenor: Ein antisemitisches Machwerk, das zum Vorabdruck in unserer Zeitung nicht geeignet ist. Das war eine öffentliche Hinrichtung mit dem Fallbeil. Seitdem ist das neue Walser-Buch in aller Munde, wenn auch nur in den wenigsten Köpfen, weil nur wenige die vorab versandten Leseexemplare und den im Internet stehenden Raubdruck gelesen haben. Jedenfalls arbeiten die Drucker unter Hochdruck.

Ich habe das Buch gelesen, von der ersten bis zur letzten Seite, wie immer sehr langsam und mit hoher Aufmerksamkeit. Und stehe nun vor der Alternative: Hat der Herausgeber der Frankfurter Allgemeinen sich für eine Werbekampagne des Suhrkamp-Verlages instrumentalisieren lassen – dafür spricht die ungewöhnliche Form der Ablehnung eines Veröffentlichungsangebotes als Offener Brief – oder hat er einfach nur etwas nicht gesehen? Nämlich daß dieses Buch überhaupt nichts Antisemitisches enthält, wenn man nicht jede unschön gezeichnete Figur, und davon gibt es in dem Buch etliche, antisemitisch nennen will, was dann aber auf einen selbst zurückfiele. Schließlich ist ein Sprachfehler sowenig etwas typisch Jüdisches wie Großmannssucht oder Geilheit oder Eitelkeit, Besserwisserei und Erfolg. Weder die eine noch die andere Erklärung für Schirrmachers Offenen Brief kann man als ernsthafter Mensch in Betracht ziehen. So what?

Es geht in „Tod eines Kritikers“ um den Literaturbetrieb in Deutschland. Die vier Hauptfiguren des selbstverständlich mit viel Insiderkenntnis geschriebenen Buches sind der Icherzähler Michael Landolf, der Literaturkritiker André Ehrl-König, ein Autor namens Hans Lach und die Verlegergattin Julia Pelz-Pilgrim.

Der Icherzähler hört, daß der Literaturkritiker im Anschluß an eine Feier im Haus seines Verlegers ermordet und der mit ihm befreundete Autor Hans Lach als Mordverdächtiger in Untersuchungshaft genommen worden sei. Weil ihm sein Gefühl sagt, daß sein Freund kein Mörder sein könne, macht der Icherzähler sich daran, Hinweise für den Unschuldsbeweis zu suchen.

Der Plot ist gut erfunden, gestattet die Krimi-Konstruktion dem Autor doch, ja, zwingt sie ihn förmlich, ein Persönlichkeitsprofil nach dem anderen zu zeichnen. Und darin macht ihm nun wirklich keiner was vor. Ob er sich den Ablauf der Party in der Verlegersupervilla von einem Augenzeugen umwerfend komisch schildern läßt oder ob er mit dem Kriminalhauptkommissar zu sprechen versucht, der das verstockte Schweigen des Verhafteten ungeschickt findet, ob mit der Verlegergattin, einer total überdrehten Saturnverehrerin, die den Mord als zwangsläufig akzeptiert, ob mit der in der Klemme sitzenden Geliebten des Mordverdächtigen oder mit dem großen Mentor und Stichwortgeber des Kritikers, ein beinahe kabarettistisches Glanzstück nach dem anderen. Mit dem Nebeneffekt, daß alles immer von fremdem Mund gesagt wird. Was wohl ratsam schien. Der Autor kennt seine Pappenheimer.

Walser beginnt und beendet sein Buch mit der Frage, warum er sich einmischt in ein Geschehen, das auch ohne seine Einmischung schon öffentlich genug geworden zu sein scheine. Und Walser bringt selbst den Fachausdruck für seine Art der Darstellung: Ein Lehrstück über Wahrheit und Lüge im Kulturbetrieb. Denn „die Intellektuellen huren heute mit der Öffentlichkeit genau so wie vorher mit Gott.“ Nur die Verlegergattin sagt noch drastischer, um was es geht: „Dem momentanen Schwindel an die Eier!“

So eindrucksvoll Walser die Formen des Schweigens zu unterscheiden und hörbar, auch spürbar zu machen versteht, man muß ihm dankbar dafür sein, daß er nicht geschwiegen hat. Unser Literaturbetrieb ist ein durch und durch korrupter Zirkus, der uns in der Welt trotz einiger „großer Tiere“ schlecht aussehen läßt. Kein Wunder, daß nur ein verschwindend kleiner Teil der deutschen Literatur in andere Sprachen übersetzt wird – das auch nur mit Hilfe von staatlichen Subventionen – und daß ausländische Literatur ohne Rücksicht auf Qualität en masse unseren Buchmarkt überschwemmen kann. Das Bedürfnis unserer Leser nach Orientierungshilfen ist evident, doch die mehr als nur geistig verschwippschwägerte und interessenversippte Clique der Großkritiker wie auch der Literaturpreis-Juroren gewährt dem Publikum keinen Durchblick auf wirklich gute Literatur.

Deshalb habe ich es mir geschenkt, die Urteile der deutschen Kritikaster über das neue Walser-Buch zu lesen. Mich interessiert nicht, wer zu den Feinden des X und zu den Freunden des Y gehört. Ich weiß, daß dieser Roman als ein Schlüsselroman vielen Zeitgenossen die Maske herunterreißt. Zu sehen, wer wie verzerrt dargestellt wird, ist lustig. Nicht jeder erkennt sämtliche Schattenrisse. Doch jeder kennt den hier gezeichneten Großkritiker, prangt sein Foto doch auf jedem seiner vielen Bücher vorne und hinten. Als eine Person des Zeitgeschehens muß er es hinnehmen, karikiert zu werden. Daß er Jude ist, spielt in Walsers Darstellung mit recht keine Rolle. Doch der Spaß der einen am Ärger der anderen darf immer nur der Zusatznutzen eines Schlüsselromans sein. Deshalb habe ich mir erlaubt, dieses Buch nicht als Dossier, sondern wie jedes andere zu lesen. Mit der Frage, die sich auch ein Schlüsselroman gefallen lassen muß, nämlich wie er vom Handwerklichen her zu bewerten ist und ob er mir als Leser mehr als nur Zeitvertreib und Amüsement bietet.

Ich muß zugeben, daß Martin Walser einen etwas schwierigen Stil schreibt, für Leser, denen die schönen hohen Treppen der lateinischen Satzkonstruktion nicht vertraut sind, sicher gewöhnungsbedürftig. Dafür liefert er eine Menge köstlicher Formulierungen, auch sprachlicher Neuschöpfungen, so daß ich immer wieder den Kugelschreiber zum Unterstreichen in die Hand nehmen mußte. Dieses Sprachvergnügen kann man von einem Altmeister des Schreibens ja auch erwarten. Ich fand zwar die zu ausführlichen Kontrastdarstellungen in Form von Tonbandabschriften der Mani-Ergüsse mehr ermüdend als aufschlußreich, aber zum Glück betrifft das nur ein einziges Kapitel. Die Schlußapotheose mit der Projektion des Geschehens in das Jahr 2084 sehe ich als bewußtseinserweiternde Droge an.

Daß die führenden Köpfe des Literaturbetriebs von dem massiven Tadel, den sie einstecken müssen, ablenken wollen und deshalb lieber von Antisemitismus reden, ist verständlich, sagt aber fast noch mehr über die verkümmerte geistige Verfassung unserer Gesellschaft als das Buch selbst. Für mich ist Walsers „Tod eines Kritikers“ deshalb eine Aufforderung, noch rücksichtloser selbst zu denken und noch weniger von Prominenten zu halten.

(Walter Laufenberg in: www.netzine.de)

 

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Laterna magica

(Antonio Tabucchi: Piazza d’Italia, aus dem Italienischen von Karin Fleischanderl, Roman, Piper-Taschenbuch, München 2002, 188 Seiten, 7,- €)

Bereits 1973 von einem Dreißigjährigen geschrieben und veröffentlicht: Der Erstlingsroman des mittlerweile erfolgreich gewordenen Autors. Was schon einiges erklärt. So die ungewöhnlich ambitionierte Flechtkunst und die besonders feine Ziselierung, typische Frucht langjähriger Sammelarbeit. Auch die aufwendigen Anbauten gehören zum Erstling: ein Anhang und ein vorangesetzter Epilog. Und nicht zuletzt der verfremdende Untertitel: „Eine Geschichte aus dem Volk in drei Akten.“ Erst der Verlag machte daraus – wegen der größeren Verkaufschancen – einen Roman.

Tabucchi schildert Ereignisse von weltgeschichtlicher Bedeutung. Im Focus eines Marktplatzes, der in einem unbedeutenden italienischen Dörfchen gähnt. Am Schicksal einer dort lebenden Familie. Und im eng begrenzten Bewußtsein dieser Leute, die so klein sind, wie ihr Dorf und wie ihr Häuschen. Daneben auch im Tun und Lassen, im Fühlen und Befürchten, im Sagen und Hören, das sie ausfüllt und das sie manchmal für das große Ereignis des Alltags halten, immer aber für Leben, egal ob sie als Anarchisten oder Deserteure leiden, als Partisanen oder Auswanderer und Spätheimkehrer.

Auf dieser Folie scheint der Überdruß am König auf, dessen Jagdaufseher die sich unschuldig fühlenden armen Wilddiebe umbringen. Da erscheinen die roten Genossen und die Schwarzhemden auf der Piazza. Und mit dem zuverlässig kommenden Wechsel der Jahreszeiten wechselt die Kluft der stets etwas zu brutalen Herren, wird zu deutschen Wehrmachtsuniformen und schließlich zu amerikanischen Uniformen und endlich zu republikanischem Zivil.

Der Autor selbst hält sich bei allem Gerede und Gefühle wie Gewühle seiner Figuren meist wohltuend zurück und läßt uns nur kuriose kleine Einzelbilder ihres Lebens sehen, wie in der Laterna magica. Der Sarkasmus mancher schönen Formulierung und die Lapidarität der hingeworfenen Bemerkungen, darin erschöpft sich sein Beitrag weitgehend. Eine Oberaufsicht, die nicht eingreift und nicht dirigiert, nicht einmal kommentiert, so scheint es. Obwohl sie im Hintergrund auf geschickte Weise die Fäden spinnt und verheddert und verknotet – und irgendwann auch entwirrt.

Da kommt Volksglaube und Volksaberglaube ins Spiel, Verbohrtheit und Verstocktheit so gut wie Hilfsbereitschaft und gefährliches Nicht-das-Maul-halten-Können. Das kleine Volk als Hauptdarsteller, das kann ja nur eine Tragödie werden, obwohl geliebt, geheiratet und gezeugt wird.

Die knappen Szenen, prall gefüllt mit der Beschreibung des Lebens in dem Dörfchen Borgo, erinnern mal an Christoph Martin Wielands „Geschichte der Abderiten“, mal an die „Maghrebinischen Geschichten“ eines Gregor von Rezzori. Das vor allem durch den hintersinnigen Spott und die parabelhafte Klugheit, mit der sie immer wieder neu überraschen. Womit sie genauso ein erfrischendes Leseabenteuer bieten, wie diese großen Vorläufer.

(Walter Laufenberg in: www.netzine.de)

 

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Unglaublich perfekt

(Alex Capus: Léon und Louise, Roman, Verlag Carl Hanser, München 2011, als Taschenbuch dtv München 2012, 315 Seiten, 10.90 Euro)

Alex Capus (gesprochen Kapü), der Sohn eines Franzosen und einer Schweizerin, 1961 in Frankreich geboren, lebt in der Schweiz. Er hat als Journalist in der Schweiz gearbeitet, ehe er sich mit Romanen, Kurzgeschichten und Biografien als Schriftsteller etabliert hat. Diesen Sprung vom Zeitungsschreiber zum Bücherschreiber merkt man dem Roman über ein Dreiecksverhältnis, „Léon und Louise“, noch an.

Ausführliche Beschreibungen von Umständen und Gegenständen, die dann doch keine Rolle spielen, erinnern weniger an eine Wiederbelebung der Kunstgriffe des Nouveau Roman als an den Begriff Zeilenhonorar. Dazu passt eine auffällige Vorliebe für das schmückende Adjektiv. Nur ein Beispiel: „Auf dem Quai sah man keine weißen Sonnenschirmchen, keine rosa Bottinen und keine gleißenden Gamaschen mehr, sondern verhutzelte Möwen, struppige Hunde und eine Horde barfüßiger Buben, die mit einer leeren Dose Fußball spielten.“

Und es gibt Ungenauigkeiten, so dass die „deutschen Soldaten ihre Stiefel schnürten“, was nicht möglich ist und wohl auf einer Verwechslung mit den österreichischen Soldaten beruht, die von den Deutschen scherzhaft „Kamerad Schnürschuh“ genannt wurden. Auch gehört Dresden nicht in die Aufzählung der bereits 1944 von Bombern zerstörten deutschen Großstädte, weil Dresden erstaunlicherweise erst im Februar 1945 zerstört wurde. Und dann die immer mal wieder reingerutschte saloppe Zeitungssprache: „… während in knapp hundert Kilometern Entfernung komplette Jahrgänge junger Männer erschossen, vergast und durch den Fleischwolf gedreht wurden.“

Der kritische Journalist Capus zeigt sich auch in der Definition, die er im Roman für den „Service des Etrangers“ gibt: „Die Abteilung zur Kontrolle von Ausländern und Flüchtlingen hatte weit über die Landesgrenzen hinaus Berühmtheit erlangt als das Ministerium der Schande. Sie bestand aus einer Hundertschaft kleiner Beamter, deren ausschließliche Aufgabe es war, sämtliche Flüchtlinge und Vertriebenen, die im Land der Menschenrecht Zuflucht suchten, zu bespitzeln, zu kontrollieren und zu drangsalieren und ihnen den Weg zur dauerhaften Aufenthaltsbewilligung möglichst schwer zu machen.“

An entscheidenden Stellen geht der Schreiber zudem über offensichtliche Unglaubhaftigkeit hinweg, ohne sich die Mühe einer Unterfütterung zu machen. So, wenn Louise sich nach glücklichen Stunden mit Léon ohne jeden Grund oder Anlass von ihm verabschiedet, was für immer sein soll. Oder wenn der deutsche Besatzungsoffizier den der Arbeitsverweigerung überführten Léon nicht bestraft, im Gegenteil sogar beschenkt, obwohl er nichts von ihm hat. Unglaubwürdig bleibt auch, dass die als gescheit geschilderte Louise den Umfang und das Versteck des gigantischen Goldschatzes ausplaudert, per Brief, der aus Afrika auf unsicherem Weg in das besetzte Paris geschickt wird. Und die deutschen Besatzungssoldaten treten in Paris als Wesen von engelgleicher Freundlichkeit auf, was sich nur damit erklären lässt, dass das Buch für den deutschen Markt geschrieben ist.

Andererseits bietet der Romancier Alex Capus auch überlegen ironische Passagen, die Freude machen, zum Beispiel: „Aber wie überall auf der Welt gab es im vermeintlichen Künstlertreff längst keine Künstler mehr, weil diese vor den allzu Lebenstüchtigen quer über den Platz ins Café du Commerce geflohen waren. Dort saß nun nach dieser Rochade die lokale Bohème Abend für Abend in sicherer Entfernung zur Bourgeoisie, langweilte sich genauso wie diese und litt an der unleugbaren Tatsache, dass auch das Künstlerleben bei Weitem nicht so lustig und abwechslungsreich ist, wie es gerechterweise sein müsste.“

An anderer Stelle heißt es: „Damals hatte er sich die überlebenswichtige Geschmeidigkeit des routinierten Pendlers angeeignet, der in der dichtesten Menschenmenge ohne Drängeln und Rempeln seinen Weg findet und dem Nebenmann stets höflich den Vortritt lässt, ohne dabei zu erkennen zu geben, dass er ihn überhaupt bemerkt hat.“

Die Katastrophe der Besetzung Frankreichs leitet der Autor mit dem Satz ein: „Als die Panzerkolonnen auch bei Sedan die Sperren durchbrachen, setzte in Paris ein allgemeines Rette-sich-wer-kann ein, das angeführt wurde von der Regierung und ihren Generälen und Ministern und den Industriellen, die sich mit den Löhnen der Arbeiter davonmachten, gefolgt von den Parlamentariern und Beamten und Speichelleckern, den Diplomaten und Geschäftsleuten und Arschkriechern sowie den Trümmern der Armee, dann auch der schönen Welt der Journalisten, Künstler und Gelehrten, die sich zum Wohle der Humanität und im Interesse der Zukunft ebenfalls verpflichtet fühlen, mit allen Mitteln und in allerhöchster Priorität ihre eigene Haut zu retten.“

Es handelt sich hier um einen Liebesroman, deshalb darf der Autor auch einmal sehr direkt werden. Im Brief der nach Afrika geflohenen Louise an ihren fernen ehemaligen Geliebten heißt es: „Die Liebe ist doch eine Anmaßung, nicht wahr? Besonders wenn sie schon ein Vierteljahrhundert dauert. Möchte zu gern wissen, was das ist. Eine hormonelle Dysfunktion zwecks Reproduktion, wie die Biologen behaupten? Seelentrost für kleine Mädchen, die ihren Papa nicht heiraten durften? Daseinszweck für Ungläubige? Das alles zusammen, mag sein. Aber auch mehr, das weiß ich.“

Dieses Mehr wird den Lesern nicht mitgeteilt. Das ist also die klassische Aufforderung zum Weiterdenken. Der Autor schildert ein ungewöhnliches Dreiecksverhältnis in noch viel ungewöhnlicherer Zeit, nämlich in zwei Weltkriegen, die er als Folien hinter der Handlung ausbreitet. Dabei vermeidet er alle Deutungen und Aufklärungsversuche oder Hilfetipps für derartige oder ähnliche Problemfälle der Liebe. Er überlässt es stattdessen den Lesern, sich über die Verrücktheit des Lebens zu wundern – und zu amüsieren. Und die Tatsache, dass die Schilderung der sehr ungewöhnlichen Leben von Léon und Louise und Yvonne – die auf die Konkurrentin so klug reagierende Ehefrau gehörte eigentlich mit in den Buchtitel – mit einer Totenfeier begonnen hatte, wird freundlicherweise am Ende nicht noch einmal aufgegriffen. Auch diese Rücksicht auf die Leserpsyche gehört zu der hier vorgeführten perfekten Rezeptur eines Bestsellers: Nicht schwergewichtig, aber scheinbar sehr wichtig, dabei ungewöhnlich orchestriert und selbstverständlich mit Happy End.

(Walter Laufenberg in: www.netzine.de)

 

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Auf der Zunge zergehen lassen

(Adolf Muschg: Das gefangene Lächeln, Erzählung, Suhrkamp-Verlag, Frankfurt/Main 2002, in Leinen gebunden 156 Seiten, 18.90 € / 33,- sFr)

Josef Kummer serviert uns sein Leben. Aber der Ich-Erzähler erzählt nicht, er schreibt seinem Enkel John einen langen Brief, den der erst öffnen und lesen soll, wenn er zwanzig ist. Mit diesem Kunstgriff verrät der Autor, wie er mit den Schwierigkeiten der autobiografischen Darstellung gerungen hat. Mit dem Problem, daß man seine Anfänge, vor allem die kindlichen Eindrücke, Gefühle und Gedanken nicht glaubhaft in der Sprache seiner späten Jahre formulieren kann, weil sie dabei altklug verkrümmt werden. Daß man sie aber erst recht nicht in einer kindgemäßen Sprache bringen kann, will man sich nicht selbst zur Karikatur verkrümmen. Der Umweg Brief löst das Problem zwar nicht, kaschiert es aber, weil ein Briefschreiber immer als ernsthafte Figur empfunden wird, und das sogar, wenn er die albernen Vorstellungen seiner frühen Jahre über das Geschlechtliche referiert.

Der aus einer sektiererisch religiösen schweizer Familie stammende Josef scheitert als Architekturstudent und auch sonst immer wieder, vor allem im Umgang mit Frauen, wird nach Ägypten und in die Türkei verschlagen, dann aber von der richtigen Frau zu ihrem Mann gemacht und ist schließlich im Land der unbegrenzten Möglichkeiten Herr über eine Hotel-Kette. Ein mehr als prallvolles Leben, ein Leben wie im Roman.

Adolf Muschg hat daraus keinen Abenteuerroman gemacht, sondern eine recht knappe Erzählung. Die aber in einer so hochartifiziellen Schreibweise, daß man davon ausgehen kann: Nur wenige Käufer dieses Buches werden es ganz lesen. Zumal der Autor sich nicht dazu herabläßt, mit marktschreierischen Spannungselementen um sich zu werfen. Deutlich – und für einen ernsthaften Autor selbstverständlich, daß es ihm auf anderes als Spannung ankommt. Er formt aus Belanglosem kleine Kunstwerke, die ihren Rahmen sprengen. So beispielsweise am Anfang der Aufbau der Weihnachtskrippe und am Ende die Konfrontation der Katze mit dem Spiegel. Oder wo er den Voyeur sich über den armseligen Exhibitionisten erheben, wo er den enttäuschten Liebhaber zum Mörder werden läßt.

So leicht goutierbar die ersten, recht reichhaltigen Gänge dieses grandiosen Mahls einem erscheinen und so geizig portioniert einem die immer phantastischeren Kreationen der späteren Gänge vorkommen, man muß sich damit abfinden: Josef Kummer serviert uns sein Leben. Die Selbstbefreiung eines Schweizers. Dabei müssen wir es schlucken, daß er hehre Begriffe wie Familienbande und Karriere, Frömmigkeit, Kameradschaft, Freundschaft, Treue und Liebe fragwürdig werden läßt. Und müssen ihm dafür dankbar sein, daß er uns schließlich doch mehr als befriedigt vom Tisch aufstehen läßt, weil wir spüren, daß die Sprache den Hauptgang darstellte, die Sprache, die wir uns Satz für Satz auf der Zunge zergehen lassen durften.

(Walter Laufenberg in: www.netzine.de)

 

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Zirkusreifes Olfaktotum

 (Melvin Jules Bukiet: Fremdes Feuer, aus dem amerikanischen Englisch von Benjamin Schwarz, Luchterhand-Verlag, München 2002, gebunden 480 Seiten, 25,- €; 42,10 sFr)

Die Geburt und aufregende Jugendentwicklung einer neuen Literaturgattung gilt es zu verkünden. Neben die traditionellen Formen des Arztromans und des Heimatromans, des Kriegs- und Abenteuerromans und wie sie alle heißen, die mit der Schablone geschriebenen Erfolgsvarianten des Romans, ist eine neue getreten: der Staatskanzleiroman. Das Zentrum weltlicher Macht, erlebt und beschrieben von einem Dichter. Wahrhaftig eine reizvolle Dissonanz, die zu grundsätzlichen Erkenntnissen führen muß. Deshalb sollte der Staatskanzleiroman, solange er noch nicht über immer denselben Leisten geschlagen wird, es wert sein, daß man sich ernsthaft mit ihm beschäftigt.

Der erste, der einen Roman dieser neuen Gattung hätte schreiben können, war Johann Wolfgang von Goethe. Der Geheime Rat am Hof  des Herzogs Carl August von Sachsen-Weimar-Eisenach. Er hatte von seinem Freund, Förderer und Herrn so viele Funktionen aufgepackt bekommen, daß er wirklich im Mittelpunkt der Macht stand, unter anderem verantwortlich für die Feuerwehr und die Rekrutenaushebung, für das Straßenwesen, die Bibliothek und das Landestheater, für das er nicht nur die richtigen Stücke aufspüren und die richtigen Akteure anheuern, sondern auch selbst die besten Stücke schreiben mußte. Goethe hätte den Roman der Macht schreiben können, hat es aber gelassen. Und wohl nicht nur, weil ihm dazu die Zeit gefehlt hat. Goethe hat aus seiner Situation ein Resümee gezogen, für das er nicht die große Form eines Romans benötigte. Ist von ihm doch der Ausspruch überliefert, daß es ein Unding sei, sich mit den politischen Dingen zu beschäftigen, wenn man sie nicht selbst gestalten kann. 

Die ersten Autoren, die sich dem Staatskanzleiroman gewidmet haben, waren Martin Walser und Manfred Zach. Der eine mit seinem Roman „Finks Krieg“ (Suhrkamp), der andere mit dem Roman „Monrepos oder Die Kälte der Macht“ (Rowohlt). Beide Bücher sind 1996 erschienen und nur cum grano salis als Staatskanzleiromane zu bezeichnen. Sie unterscheiden sich vor allem in der Ausgangsposition. Mit Martin Walser ist ein Dichter an das Thema herangegangen, der aber den Nachteil hatte, daß er nicht auf persönliche Erfahrungen in einer Staatskanzlei zurückgreifen konnte, sondern nur auf haufenweise Akten, die er sich besorgt hatte. Manfred Zach dagegen schrieb aus der persönlichen Erfahrung, die er sich als Redenschreiber eines Ministerpräsidenten erworben hatte, was den Nachteil hatte, daß nicht ein Dichter, sondern ein Journalist sich an der dichterischen Form des Romans versuchte. Tatsächlich als Dichter ins Zentrum der Macht versetzt war der Rezensent, als er 1983 der Werbe- und Public-Relations-Direktor des Regierenden Bürgermeisters von Berlin, Richard von Weizsäcker, wurde. Woraus der Roman „So schön war die Insel“ entstand, 1999 bei Oberbaum in Berlin erschienen (vgl. die Weizsäcker-Stellungnahme vom 2. 5. 2000 in www.netzine.de, Rubrik „Leserreaktionen“).

Zwei Jahre später brachte Bukiet in New York seinen Roman unter dem Titel „Strange Fire“ heraus. Womit der Staatskanzleiroman, kaum geboren, schon unter die Räuber fiel. Pardon, aber wie anders soll man es bezeichnen, wenn ein Autor aus der spektakulären Situation des Dichters im Zentrum der Macht einen Krimi macht?  Bei Bukiet erzählt ein erfundener gescheiterter Dichter von seiner Arbeit als Redenschreiber für einen erfundenen israelischen Ministerpräsidenten. Also Fiktion, wogegen nichts zu sagen ist, wenn sie überzeugend gebracht wird. Für seinen entgleisten Dichter bemüht Bukiet das ganze Arsenal an Attraktivität, das heute en vogue ist. Der Protagonist ist gleich in vierfacher Weise als Randgruppenangehöriger ausgezeichnet, als Behinderter, als Schwuler, als Immigrant und als Jude. Kann man noch mehr für seine Hauptfigur tun? Ja, man kann den blinden Redenschreiber noch als einen Mann von bewunderswerter Formulierkunst hinstellen. Und man kann den blinden Seher außer mit einem deutschen Schäferhund – Klischees zuhauf – auch noch mit einer Nase ausrüsten, die sogar auf Distanz und um vier Ecken herum derart genaue olfaktorische Situationsanalysen und Personenbeschreibungen liefert, daß ihr Träger zum zirkusreifen Olfaktotum reüssiert.

Bukiet ist bemüht, möglichst viel Judentum-Insiderkenntnis zu zeigen, leistet sich auch immer mal wieder die für Juden typische marginale Selbstverspottung, siedelt seine Geschichte geschickterweise in der Gegenwart und vor dem Hintergrund der Auseinandersetzungen zwischen Juden und Palästinensern an, vermeidet es aber, grundsätzlich zu werden, sowohl in der Kritik an den einen wie in der Sympathiebekundung für die anderen. Als Leser wird man soviel durch Jerusalem geführt, wie im Ulysses von James Joyce durch Dublin. Doch was man in Jerusalem erlebt, ist etliche Grade brutaler und genau so viele Grade belangloser als das in Dublin Erlebte. Und die versuchte Dekuvrierung der Macht wird zu einem peinlichen Fall für die Psychiatrie, woran auch die bemühten Parallelen zur Bibel nichts retten können.

Ein Buch, das mit wunderbar geschliffenen Dialogen besticht und mit eindrucksvollen Situationsschilderungen und auch spannend ist, aber leider nichts zu sagen hat. Was für einen Krimi reichen mag, nicht aber für ein Stück Literatur. „Fremdes Feuer“ ist das typische moderne Produkt der USA, wo schon seit Jahrzehnten Schreibenlernen und Schreibenlehren gleich hoch gewertet werden, was zu einer erstaunlichen Schreiberei-Perfektion führt, – die aber nur als kunstgewerblich bezeichnet werden kann, weil es ihr an Nachdenklichkeit, an verarbeiteter Erfahrung, also an Intensität mangelt.

(Walter Laufenberg in: www.netzine.de)

  

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Ein Hauch von Antiamerikanismus

(Jonathan Franzen: Die Korrekturen, aus dem amerikanischen Englisch von Bettina Abarbanell, Roman, Rowohlt-Verlag, Reinbek 2002, 782 Seiten, gebunden 24,90 €)

Ein Familienroman, der statt der üblichen Vertikaldarstellung die Horizontale bedient. Einmal nicht der allwissende Blick durch die Generationen, das  Herumklettern in dem blätterreichen Stammbaum mit Dekadenz oder Kadenz oder beidem im Wechsel, sondern die Betrachtung der quälend langsam fortschreitenden Agonie eines alten Ehepaars im amerikanischen Mittelwesten. Durchschnittsbürger, vorgeführt in ihren unversöhnlichen Auseinandersetzungen untereinander und mit ihren drei erwachsenen Kindern, auf die sie ihre Hoffnungen gesetzt hatten, wie das so üblich ist, und an die sie sich klammern, wie es verständlich ist. Und von denen sie enttäuscht werden, was sie sich nicht eingestehen wollen, als ihre drei Ableger sich trotz ihrer speziellen Talente als Versager entpuppen. Zu schrecklich für den heutigen Normalmenschen, der den Sinn seines Lebens darin sieht, Kinder aufzuziehen.

Das ist von der lähmenden Ausführlichkeit einer endlosen Familienserie im Fernsehen und steht doch in deutlichem Kontrast zur Soap-opera. Denn man vertut dabei nicht sein Leben, man gewinnt es neu. Soviel Zeit man braucht, um dieses Opus maximus zu lesen, soviel Tage man darüber älter wird, ein Leseerlebnis wie ein Verjüngungsbad. Man geht gestärkt daraus hervor, in dem beglückenden Gefühl: Ich lebe noch, und ich habe mich im Griff, und ganz so verrückt wie dort sind die Verhältnisse bei uns noch nicht.

Ob das die Intention des Autors war, mag dahingestellt bleiben. Jedenfalls hatte er die Absicht, der amerikanischen Gesellschaft den Spiegel vorzuhalten. Dafür die sumptuöse Schilderung vom trostlosen Ableben in Sun-city, vom Geldanlagemassenwahn, von der Schußwaffenvernarrtheit, von Arbeitgeberwillkür und korrupten Gewerkschaften, von Rücksichtslosigkeit der Pharmaindustrie und unfairer Konkurrenz unter Wissenschaftlern, von Brutalität im Alltag, von der Psychotherapeutenabhängigkeit, von der Fressgier und Frömmelei, der Promiskuität und Drogensucht und von der Mode der Homosexualität und der Zahnweißmarotte. Ein Rundumschlag, der nur deshalb nicht als Antiamerikanismus abgetan werden kann, weil er von einem in New York lebenden Amerikaner ausgeführt wird. Über aller sarkastischen Kritik an diesen Verhältnissen vergißt der Autor aber nicht, auch einige wenige positive Zeichen zu setzen. Eins heißt gutnachbarschaftliche Hilfe, ein anderes Liebe der Kinder zu ihren Eltern. Der Spiegel, den Franzen seinen Mitbürgern vorhält, hat aber auch einige blinde Stellen. Besonders aufschlußreich, daß es keine Kritik an dem Desinteresse der Presse an allem Ausländischen gibt, kein Hinweis auch auf den allgegenwärtigen jüdischen Einfluß und den Rassismus, vor allem gegenüber den Schwarzen und Latinos. Partielle Blindheit ist wohl die Erklärung dafür, daß es selbst für den aufmerksamsten Amerikaner Zustände gibt, die er nicht als Mißstände erkennen kann.

Dieses Spiegelbild kommt weltweit gut an. Schon sind in rund dreißig Sprachen Übersetzungen erschienen oder in Arbeit. Was sicher nicht nur an einer weltweiten Disponiertheit der Leser zum Antiamerikanismus liegt. Der Erfolg dieses Bestsellers beruht – ausnahmsweise – auf seiner besonderen Qualität. Franzen arbeitet nicht nach dem gängigen Rezept, den Lesern einen komischen Helden zu servieren, über den sie lachen und sich erhaben fühlen können. Er maskiert sein Buch auch nicht als Krimi. Er bedient nicht die westliche Spaß- und Ablenkungskultur. Nein, er scheut sich nicht, seiner Gesellschaft mit eiskaltem Sarkasmus ins wabbelig gewordene Fleisch zu schneiden. Doch ruft er nicht zur Umkehr auf, appelliert nicht an seine Zeitgenossen, wieder zu lesen statt vor der Glotze zu verblöden. Er gibt ihnen einfach ein Buch in die Hand, das so gut ist, daß sie lesen müssen. Ein überzeugendes Beispiel von konstruktiver Kritik.

Man kann gar nicht anders als immer weiter lesen. Denn dieser Roman schäumt über von einem ungeheuren Einfallsreichtum. So manches Thema würde für einen separaten Roman genügend spektakulär sein. Franzen läßt es in nur einem oder zwei Sätzen aufscheinen und verglühen. Ein Feuerwerk von Sternschnuppen am abendländischen Nachthimmel. Mit einer unendlichen Geduld hat der Autor den Leuten aufs Maul geschaut, mit ebensolcher Geduld zeichnet er ihr dummes und dekouvrierendes Gequatsche nach, ihr Aneinander-Vorbei-Reden, ihr absichtsvolles Nichtverstehen. Und immer wieder wunderbar bildhafte Situationsschilderungen. Auch Wetterimpressionen, die eine Wohltat sind bei der Inflation von dämlichen Wetterberichten in Funk- und Fernsehen. Alles in einer Sprache, die – zumindest in der deutschen Ausgabe – Klischees vermeidet und überraschend gute neue Ausdrucksweisen findet. Also ein Buch, das einem nicht die Chance läßt, über einzelne Absätze hinwegzuhasten. Der Genießer liest es Satz für Satz und kommt dabei zu der Überzeugung: Ganz so schlimm kann es um Amerika doch nicht stehen, wenn das Land so ein großartiges Buch hervorbringen kann..

(Walter Laufenberg in: www.netzine.de)

  

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Weltliteratur verlängert

(John Updike: Gertrude und Claudius, Roman, Rowohlt, Reinbek 2001, 240 Seiten)

Die Weiterführung von Werken der Weltliteratur ist bei Autoren beliebt. Und sie kommt dem natürlichen Bedürfnis der Leser entgegen, die wissen möchten: Wie ging es weiter bzw. wie konnte es nur dazu kommen? Für den Autor ist der Vorteil dieser Geschichtenverlängerungen: Er profitiert von dem hohen Bekanntheitsgrad der Titelfiguren und der Klassiker, die über sie geschrieben haben. Der Nachteil ist aber ebenso evident: Die Charaktere sind schon in allen wesentlichen Merkmalen festgelegt. Damit begibt sich der Autor also weitgehend der Möglichkeit, in göttlicher Selbstherrlichkeit Menschen zu erschaffen. Verlängert er die Handlung über das bekannte Ende hinaus, arbeitet er mit vorgefertigten Menschen, bei denen er lediglich die persönliche Weiterentwicklung darstellen kann. Geht er umgekehrt vor und läßt die Handlung früher einsetzen, muß er die Personen so entwickeln, daß sie schließlich das von dem Klassiker her bekannte Anfangsformat erreichen.

Ein Beispiel für die erste Variante ist John Erskines Roman: „Ich, Helena von Troja“, in dem der Autor die von König Menelaos aus dem eroberten Troja

heimgeholte Helena zeigt, die Traumfrau Homers, wie sie die prekäre Ehe einer Femme fatale mit ihrem gehörnten Ehemann fortsetzt und dabei versucht, wieder die Herrin des Haushalts zu werden. Ein Beispiel für die zweite Variante ist John Updikes Roman: „Gertrude und Claudius“, in dem die Vorgeschichte von Shakespeares größter Tragödie „Hamlet“ erzählt wird. In beiden Fällen wenden die Autoren den Kunstgriff an, daß sie nicht die Hauptfiguren des Klassikers in den Mittelpunkt stellen, nicht die „Helden“, sondern die komplizierten Seelen, die sie für eigentlich entscheidend halten.

Updike hat sich nur scheinbar an einem für ihn völlig untypischen historischen Roman versucht. Er setzt uns nicht den soundsovielten Aufguß der Geschichte von dem rätselhaft unentschlossenen Dänenprinzen Hamlet vor. Nur indirekt erklärt er dessen psychische Probleme, indem er ausführlich das schwierige Verhältnis seiner feinsinnigen Mutter zu ihrem grobschlächtigen Ehemann schildert, dann ihren Ehebruch und schließlich Ihre ungeklärte Mitschuld bei der Ermordung ihres Mannes durch dessen Bruder, ihren Liebhaber und neuen Ehemann. Diese Dreiteilung bringt der Autor, indem er zunächst auf die älteste Vorlage zu dem Shakespearedrama zurückgreift, dann auf eine frühe und entstellende deutsche Ausgabe und endlich auf das Drama selbst.

Daß sich dabei die Namen zweimal ändern, stört nicht weiter. Schon eher der krampfhafte Versuch des Autors bzw. seiner Übersetzerin Maria Carlsson, im ersten Teil dem ehrwürdigen Alter der Vorlage mit einem altehrwürdigen Sprachduktus Referenz zu erweisen. Der dritte Teil zeigt sich dem berühmten Drama gegenüber zu hörig, indem er weitgehend auf narrative Substanz verzichtet und den Leser fast nur noch mit bühnenmäßigen Dialogen abspeist, um zu Shakespeares Ausgangssituation zu kommen.

Das Beste an diesem Buch ist der zweite Teil, der auch der umfangreichste ist. Hier arbeitet der moderne Autor auf seine Weise das ewige Thema der Beziehung zwischen Mann und Frau heraus. Da irrlichtern die Personen, da sprüht aus dem Versteckspiel der Gespräche soviel an Mentalreservation, an Aufforderung und Mahnung, daß es ein Vergnügen ist. Da erweist sich Updike als ein Altmeister des Schreibens. Er verzichtet sogar großzügig auf die Hilfsebenen Hofnarr und Totengräber, mit denen Shakespeare gearbeitet hat, und führt mit der Fachsprache. der Falknerei souverän eine neue Gestaltungsebene ein. Wie in dieser geduldig erklärenden Sprache das Werben des weltgewandten Schwagers um die Hingabe der Königin mitklingt und mitschwingt, wie ihre Wehrlosigkeit und ihr Leiden vorhergesagt werden, das ist großartig.

(Walter Laufenberg in: www.netzine.de)

 

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Nebbich

(Leo Rosten: Jiddisch – eine kleine Enzyklopädie, aktualisiert und kommentiert von Lawrence Bush, illustriert von R. O. Blechman, Übersetzung und deutsche Bearbeitung von Lutz-W. Wolff, dtv, München 2002, 638 Seiten, kartoniert 25,- €, 42.10 CHF)

Was für eine Idee! Da hat ein Amerikaner im Jahre 1968 ein kluges Buch über eine Sprache veröffentlicht, das zugleich ein Wörterbuch dieser Sprache ist und ganz nebenbei Köstlichkeiten aus der Literatur dieser Sprache bringt, nicht zuletzt kleine Anekdoten und typisch jiddische Witze. Das alles in einfühlsamer Übersetzung serviert, ein reich bestücktes Buffet, an dem man sich nicht satt essen kann. Und dabei muß man immer wieder die Serviette vom Schoß hochreißen und sich vors Gesicht halten, weil man wiehernd loslacht.

Jiddisch, nicht gleichzusetzen mit jüdisch, hieß noch bis zum Ende des 19. Jahrhunderts Judendeutsch. Um dieses barocke Judendeutsch zu erlernen, hat der 22-jährige Goethe Sprachunterricht genommen. Doch im modernen Israel tut man sich schwer mit dieser Sprache. Und nicht nur dort. Erst kürzlich, als der Rezensent seiner amerikanischen Übersetzerin erzählt hatte, daß er aus dem Jiddischen ins Deutsche übersetzt habe, kam die erstaunte Frage: „Aus dem Jiddischen? Wie kommen Sie auf dieses Arme-Leute-Idiom?“ Ein Vorurteil, das heute in den USA immer noch weit verbreitet ist, dabei hat das amerikanische Englisch genau wie das Deutsche eine Unmenge jiddischer Wörter übernommen. So mußte der Rezensent der Übersetzerin erklären, was ihm dieses Buch jetzt schriftlich bestätigt: Keine andere Sprache ist dem Deutschen näher verwandt als das Jiddische. Ist das doch der petrifizierte Dialekt der Juden, die im frühen Mittelalter im Rheinland gewohnt hatten, vor allem in Worms und Trier, und ihre Sprache mitgenommen haben, als sie wegen der Judenpogrome in der Kreuzzugszeit in die Länder des Ostens ausweichen mußten. Dieser deutsche Dialekt aus der Zeit noch vor der Entstehung des Mittelhochdeutschen, damals tatsächlich eine Arme-Leute-Sprache, wurde angereichert mit hebräischen und slawischen Sprachbrocken, später auch mit englischen, und ist heute weltweit bekannt als der eigentliche Hort jüdischer Lebenserfahrung und Weltanschauung, ist eine Literatursprache, die 1978 sogar mit dem Literaturnobelpreis für Isaac B. Singer geehrt wurde.

Jiddisch wurde die mámeloschn, die Muttersprache der Juden, weil das Hebräische die heilige Sprache war und heute die offizielle Sprache ist. Jahrhunderte lang durften die Mädchen nicht Hebräisch lernen, also wurde in den Familien Jiddisch gesprochen. Is es e Wunder, wenn der jüdische Witz, in dem sich die leidvolle Erfahrung eines immer wieder neu heimatlos gewordenen Volkes äußert, in Jiddisch daherkommt?

Heute, da wir einen weltweiten Verdrängungswettbewerb der großen Sprachen erleben und fast wehrlos zusehen müssen, wie unsere deutsche Sprache von Politikern, Wirtschaftsführern und Werbefuzzis leichtfertig aufgegeben wird zugunsten des Englischen, ist ein Aspekt dieser Jiddisch-Enzyklopädie besonders wertvoll, nämlich der Hinweis darauf, daß die Sprache eines Volkes das Sublimat seiner gesamten Geschichte ist. Daß also eine Nation ihre Geschichte und Kultur aufgibt, wenn ihr der Niederschlag ihrer eigenartigen Geschichte in den Eigenarten ihrer Sprache nichts mehr bedeutet. Nur ein Beispiel für die Überlegenheit des Jiddischen, das wie jede Sprache seine Eigenarten hat: Es gibt im Jiddischen kein Wort für enttäuscht. Was für die Schöpfer und Benutzer dieser Sprache spricht. Sie müssen so realistisch gewesen sein, sich nicht irgendwelchen Täuschungen hinzugeben, aus denen sie herausgerissen, also ent-täuscht werden konnten.

Dieses Buch ist ein Musterbeispiel für die Vermittlung von Information mit hohem Unterhaltungswert. Und mit einigem mehr. Denn auch wer nicht vorhat, Jiddisch zu lernen, lernt bei dieser Lektüre sehr viel, auf jiddische Weise, nebbich.

(Walter Laufenberg in: www.netzine.de)

 

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Was weiß ich wie schön

(Michel de Montaigne: Tagebuch der Reise nach Italien über die Schweiz und Deutschland von 1580 bis 1581, übersetzt, herausgegeben und mit einem Essay versehen von Hans Stilett, mit zeitgenössischen Illustrationen sowie einer Karte, in Ganzleinen mit Lesebändchen, Eichborn-Verlag, Frankfurt a. M. 2002, 434 Seiten, 29.90 €, 52.- SFr)

Der Bonner Kryptologe und Schriftsteller Hans Stilett (Jahrgang 1922) fühlte sich nach seiner Pensionierung jung genug, sich ganz dem Lebenswerk des französischen Juristen, Philosophen und Schriftstellers Michel de Montaigne (1533-1592) zuzuwenden, der sich selbst schon im Alter von 49 Jahren als Greis bezeichnet hat. Ein schönes Beispiel dafür, daß unsere Zeit, die an einem auffälligen Jugendlichkeitswahn leidet, in Wahrheit die Epoche der jungen Alten ist. Das erste Ergebnis dieser deutsch-französischen Liaison war die Übersetzung der „Essais“, die Montaigne in neunjähriger Abgeschiedenheit im Bibliotheksturm seines Schlosses geschrieben hatte. Vor fünf Jahren im selben Verlag erschienen wie jetzt das zweite Hauptwerk Montaignes, der Bericht über die siebzehnmonatige Reise, zu der er gleich nach Abschluß der Arbeiten an den „Essais“ aufgebrochen war.

Ein Reisebericht, der an Abenteuerlichkeit nur durch sein eigenes Schicksal übertroffen wird. Das Original ist verschollen, doch eine Abschrift lag fast zweihundert Jahre lang vergessen und halbzerfetzt in einer Truhe auf Schloß Montaigne, ehe sie zufällig entdeckt wurde. Und schon entbrannte ein Streit um die Herausgeberschaft. Wegen ihrer oft degoutanten Schilderungen kam die Abschrift nur entstellt und in gekürzter Form an die Öffentlichkeit. Was als deutsche Übersetzung erschien, ließ erst recht zu wünschen übrig. Der Sprachforscher Hans Stilett hat sich mit seiner kommentierten Neuübersetzung ein zweites Mal um Michel Montaigne und die Literatur verdient gemacht.

Wir erleben einen Montaigne, der nicht mehr mit grundsätzlichen Äußerungen über Gott und die Welt vor uns tritt, sondern auf dem Rücken seines Pferdes und im Badezuber Stellung nimmt zu allem, was ihm an Erwartetem und Unerwartetem begegnet. Er ist mit einigen Begleitern zu einer Reise aufgebrochen, die teils Badereise ist, teils die übliche Grand Tour des Adligen nach Rom und anderen italienischen Städten. Er ist zum Staunen bereit und zum Sichbegeistern aufgelegt, obwohl er immer wieder von seinem Nierenleiden gepeinigt wird, dann und wann auch von heftigen Zahnschmerzen und Verstopfung und oft von Migräne. In den berühmtesten Bädern sucht er Linderung seiner Schmerzen, beschreibt die Unterschiede der Quellen, wieviel er trinkt und wie lange er im Wasser liegt und wieviel Urin er ausscheidet und wie dieser aussieht. Auch über seinen Stuhlgang legt er getreulich Rechenschaft ab. Und immer wieder die Schilderung von heftigen Koliken und die Genugtuung über abgegangene Nierensteine. Dabei voller Skepsis gegenüber den Empfehlungen der Badeärzte und immer bemüht, durch Selbstbeobachtung sein Leiden in den Griff zu bekommen. Darin schon ein moderner Patient. Gleichzeitig zeigt er sich für alles aufgeschlossen, was die bereisten Gegenden bieten, sucht und findet überall etwas zu bewundern und nebenbei den Kontakt zu anspruchsvolleren Gesprächspartnern.

Seine Urteile sind spontan und oft widersprüchlich, aber köstlich. Die lothringische Küche ist besser als die französische, in der Schweiz dauert eine Mahlzeit 3 – 4 Stunden, auch weil man dort weniger hastig ißt als bei ihm daheim. In den deutschen Gasthäusern gibt es eine bessere Küche als auf den französischen Adelshöfen, und er bedauert, keinen Koch zum Anlernen mit auf die Reise genommen zu haben. In Italien fehlen die Vorhänge ums Bett, auch sind die Servietten zu klein oder werden nicht oft genug gewechselt. Wichtig, ißt er doch nach damaliger französischer Sitte mit den Fingern. An den Herbergen in Italien mißfällt ihm besonders, daß die Fenster ohne Rahmen und Scheiben sind, nur hölzerne Schlagläden haben. Und es fehlen ihm die deutschen Federbetten sowie die Kachelöfen, sogar den heimischen Kaminen weit überlegen. In Augsburg fasziniert ihn der besondere Schließmechanismus des doppelten Stadttores. Doch hat er dort keine einzige schöne Frau gesehen. Mehrfach kommt er auch in Italien zu dem Urteil, daß es in der besuchten Stadt keine Schönheiten gibt außer den Kurtisanen. Er selbst ist klein von Statur, hat kaum noch Haare auf dem Kopf  und geht meist am Stock, was seine Ansprüche aber nicht schmälert. Venedig findet er weniger schön als erwartet. Gut ist aber, daß man dort keine Pferde mieten muß, weil man in den engen Gassen nur zu Fuß unterwegs sein kann.

In Rom vermutet er kaum Menschen, die von ihrer Hände Arbeit leben. „Dieses Rom ist ganz Hof und Adel: Jeder nimmt auf seine Weise am klerikalen Nichtstun teil.“ Diese abfällige Bemerkung steht in merkwürdigem Kontrast zu der Bedeutung, die er allem Religiösen beimißt. Der überlegene Spötter, wie er sich in den „Essais“ gezeigt hat, der Fideist, wie er sich selbst bezeichnet, was wir heute in etwa mit dem Begriff Agnostiker umschreiben könnten, er reitet von einer Kirchenbesichtigung zur nächsten, spricht immer gern mit den Klerikern der verschiedenen Konfessionen, bewundert die Jesuiten, geht brav zur Messe. Unübersehbar: Auf dieser Reise ist er allem Grundsätzlichen abhold, hier geht es nur darum, alles, was an Schönem am Wege liegt, wahrzunehmen, sei das Architektur oder ein Gespräch, die Landschaft oder eine besonders raffinierte Wasserkunst, eine alte Inschrift, ein historisches Relikt, ein Ball mit hübsch aufgemachten Bäuerinnen oder ein würziger Klosterlikör.

Was Goethe als Vorbild diente und schon zeigt, was mit diesem literarischen Genre alles möglich ist, stellenweise bereits Großmeister wie Pückler-Muskau und Mark Twain vorwegnimmt, das ist ein höchst informativer und amüsanter Reisebericht. Allerdings, Montaigne ist nicht der Vater des Reiseberichts, da war ihm schon  dreieinhalbtausend Jahre früher die ägyptische Königin Hatschepsut zuvorgekommen. Aber er zeigt sich doch als einer der Väter des modernen Touristen. Er notiert genauso penibel alle Ausgaben, wie es ihm Albrecht Dürer mit dem Tagebuch seiner niederländischen Reise vorgemacht hat, und nennt die Tagesetappen in Meilen, wie es heutige Touristen in Kilometern tun. Anderthalb Tage für Basel, ein paar Tage auch nur für Venedig, und alles gesehen haben müssen. Wenn ihm auch, genau wie später Goethe, der Vorwurf gemacht werden kann, Großartiges übersehen zu haben, was er schildert, ist faszinierend. Und der angefügte Essay des Herausgebers über dieses Reisetagebuch und seinen Autor ist es erst recht.

(Walter Laufenberg in: www.netzine.de)

 

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Was zwischen Menschen abläuft

 (Paula Fox: Was am Ende bleibt, Roman, aus dem amerikanischen Englisch von Sylvia Höfer, Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2002, 202 Seiten, 9,- €)

Vorgezogenes Finale. Das Leben endet nicht erst mit dem Tod, mit den meisten Menschen geht es schon viel früher zuende. Das zeigt die in New York lebende und inzwischen achtzigjährige Autorin an den beiden Hauptfiguren ihres Romans, Sophie und Otto Bentwood, die ebenfalls in New York leben, seit fünfzehn Jahren kinderlos verheiratet sind und sich täglich neu darüber ärgern, daß ihre Mitmenschen allen Dreck einfach auf die Straße werfen, in ihren Lebensäußerungen keinerlei Rücksichten auf ihre Nachbarn nehmen und beinahe jeder für jeden eine Bedrohung darstellt. Eine Situationsschilderung, die absolut passend ist zu den maroden Verhältnissen in New York im Jahre 1970, als das Buch erschienen ist und die Stadt auf einem Tiefpunkt an Verkommenheit angelangt war.

Die Bentwoods gehören zu den Wohlsituierten. Sie wohnen in ihren eigenen vier Wänden, haben einen Mercedes und ein Ferienhaus auf dem Land. Er ist Rechtsanwalt, sie arbeitet gelegentlich als Übersetzerin. Alles bestens, könnte man meinen. Doch dann streiten sie sich darüber, ob man die verwilderte Katze, die vor der Tür herumlungert, füttern soll, und ob der Anwalt recht damit hat, seinen Partner aus der gemeinsamen Kanzlei hinauszuekeln. Also das Zerbrechen von Partnerschaft gleich doppelt gezeigt. Und das natürlich in der typisch amerikanischen Art: Der Mann ist der Blöde, und die Frau ist die Überlegene.

Die Autorin begeistert sich für Psychologie, wie sie seit Dostojewskij im Schwange ist. Man könnte auch sagen, sie versucht sich in Soziologie, indem sie eifrig Interaktionen aufzeichnet. Juristen würden sagen, sie habe wohl von dem geschilderten Anwalt gelernt, daß es im Dialog mehr um die Mentalreservationen, also das Verschwiegene, als um das Gesagte geht. Aber wie auch immer man das alles längst Bekannte fachlich einordnet, die Autorin weiß es auf eine faszinierende Weise zu beschreiben. Da erfreuen einen Formulierungen wie „Er ist träge mit seinem Leben umgegangen“ oder „Sie ist eine Verkörperung irgendeines Prinzips der hirnlosen Energie“ oder „Sie lachte kurz auf, zwei Noten, spitz wie Zinken“ oder „eine bestimmte Art von Eigenliebe, wie sie vielleicht von Armut herrührt, weil man eben nichts anderes zum Lieben hat“ oder „das er mit dem ruhigen, blinden Eifer einer Person beschrieb, die ihre Wahrheiten von der Sonne empfängt“ oder „Sie berührte den Spiegel, Finger auf Spiegelfinger“.

Wer so schreiben kann, darf sich über die Krimiautoren erheben, für die Spannung alles ist. In diesem Roman basiert alle Spannung bloß auf dem Biß der verwilderten Katze und der Frage, wann die in die Hand gebissene Sophie denn nun endlich ihre Tetanusspritze bekommt. Mehr Aufwand ist nicht nötig. Das ist souverän. Wer mehr Nervenkitzel braucht, soll ihn sich anderswo suchen. „Was am Ende bleibt“ ist ein Buch für Sprachgourmets.

(Walter Laufenberg in: www.netzine.de)

 

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  Sprache als Balanceakt

  (Ulla Hahn: Das verborgene Wort, Roman, 623 Seiten, dtv, München 2003, €

  12,50/CHF 21,90)

  Lommer jonn, das sind die ersten und die letzten Worte dieses Romans. Das

  kölsche Laß-uns-gehen als Motto für den Aufbruch eines kleinen Mädchens ins

  Leben einer Jugendlichen und jungen Erwachsenen wie fürs weitere Leben. Wer

  dieses Mundart-Motto falsch versteht als ein Gehen-Lassen, der liegt falsch.

  Denn was er hier zu lesen bekommt, ist eine so überreich wie fein ziselierte

  Sprache äußerster Bewußtheit. Die Kühnheit, mit der Ulla Hahn tradierte Formen

  der Lyrik mit moderner Ausdrucksweise munitioniert hat, beweist sie auch im

  Umgang mit der Allerweltsform Roman. „Das verborgene Wort“ ist ein lyrischer

  Roman, der so mit dem Gegensatz von Hochsprache und Dialekt spielt wie der

  Seiltänzer mit Erdanziehung und Gewichtsverlagerung.

  Inwieweit es sich bei diesem in der Ich-Form geschriebenen Werk um einen

  autobiographischen Roman handelt, bleibt ungesagt. Parallelen sind deutlich,

  aber nicht von tragender Bedeutung. Die Hauptfigur, Hildegard Palm, 1945 in

  Dondorf bei Köln geboren, ist ein Jahr älter als die im Sauerland geborene und

  im Rheinland aufgewachsene Autorin. Es geht ums Menschwerden mittels Literatur

  in einer absolut unliterarischen, ja geistfeindlichen Familie. Dabei ist

  allein der eine der beiden Großväter hilfreich, ein Bilderbuch-Opa, der für

  alles Verständnis hat und oft genug als deus ex machina aktiv werden muß, um

  eine der vielen Kindheitskatastrophen zu verhindern.

  So dick das Buch geworden ist, es besticht durch die Kürze, mit der den

  einzelnen Szenen ein doppelter Boden eingezogen wird, auf immer wieder neue

  Weise, bei der die Phantasie der Protagonistin brilliert. Das ist gekonnt. Die

  lapidare Kürze des umfangreichen Buches macht einem die Lektüre zum Genuß.

  Dabei übersieht man sogar, daß dieser Roman auf einen Spannungsbogen

  verzichtet. Statt der Spannung, dem Primitiv-Elixier des Krimiautors, hier die

  Wort-Äquilibristik, die einen von Seite zu Seite weiterlockt. Beispielsweise

  beim Steinewerfen am Rhein: „Wenn der Großvater in die Knie ging und sie aus

  einer Drehung des Oberkörpers heraus übers Wasser schickte, war jede Berührung

  von Strom und Stein Station auf seiner Reise. Einmal, zweimal, dreimal;

  Kiesberg, Holtschlößchen, Großenfeld; Endstation der Elektrischen, die

  halbstündlich hinter unserem Garten in den Gleisen quietschte. Wollten wir

  weiterreisen, mußten wir weiterzählen. Fünfmal ging es nach Rüpprich zum

  falschen Großvater, dem Stiefvater des Vaters, siebenmal war Schloß Burg.

  Zehnmal war Kölle. Ließ der Großvater einmal wie aus Versehen einen Stein,

  Plumps!, versinken, schrien wir Düsseldörp! Eine glatte Null.“ Weitere

  Beispiele für diese Schnell-Verquickung bietet das Buch zuhauf, etwa bei der

  Überführung des Vergewaltigers, bei der die Protagonistin sich in Sherlock

  Holmes verwandelt: „Hier ist Ihr Bruder über Trudi Kluthe hergefallen. Vorher

  hat er sie betrunken gemacht im ‚Vater Rhein‘. Mit Escorial grün. Und jetzt –

  ich machte eine Pause und nahm zwei Züge aus Sherlock Holmes Meerschaumpfeife

  -, und jetzt kriegt Fräulein Kluthe ein Kind. Von Ihrem Herrn Bruder.“

  Woraufhin Walter, der ältere Bruder, den Missetäter in den Polizeigriff nahm.

  „Genug, schritt ich ein. Sie können Ihren Griff lockern. Aber nicht loslassen.

  Wir sollten jetzt beratschlagen, was zu tun ist. Ich klopfte meine Pfeife auf

  dem Absatz aus.“ Darauf der ältere Bruder: „Heiraten muß er sie! Etwas anderes

  kommt jar nischt in Frage! Jedes Wort Walters in eine richterliche Robe

  gekleidet.“ 

  Nicht nur das Fehlen eines Spannungsbogens übersieht man, sondern auch das

  unausweichliche Dilemma der Unwahrheit von zu genauen Kindheitsschilderungen

  in der Ich-Form. Eine Formulierung wie diese ist nicht glaubhaft: „Eine

  frostige Sonne klammerte sich an einen nebelverhangenen Himmel und warf ihr

  trügerisches und trauriges Licht über die Felder, auf denen noch der Rosenkohl

  stand …“ Einmal abgesehen von dem schiefen Ausdruck – Privileg, Reiz und

  Kennzeichen der Lyrik – „trauriges Licht“ statt „traurig stimmendes Licht“:

  Weder kann das Kind die bildhaft geschilderte Situation so gesehen haben noch

  kann die Erwachsene sie so genau aus der Erinnerung hervorholen. Macht nichts.

  Man läßt sich als Leser nur zu gern verzaubern von der Intensität einer

  Sprache, die heute Seltenheitswert hat.

  (Walter Laufenberg in: www.netzine.de)

 

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  Von der Lust, in einem fremden Tagebuch zu schmökern

  (Henri-Frédéric Amiel: Tag für Tag – Intime Aufzeichnungen, Textauswahl und

  Vorwort von Leo Tolstoi, herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von

  Felix Philipp Ingold, aus dem Französischen von Eleonore Frey, Pendo Verlag,

  Zürich 2003, 310 Seiten, Ganzleinen € 24,90/sFr 48,-)

  Nur 60 Jahre alt ist er geworden, der Genfer Professor für Philosophie (1821 –

  1881). Doch gut die Hälfte seines Lebens hat er in einem Tagebuch

  festgehalten, dem Testament seines Denkens, wie er es genannt hat. Insgesamt

  174 Hefte mit mehr als 17.000 Seiten umfassend. Erst nach dem Tod des Autors

  wurde es auszugsweise veröffentlicht und schnell ein Klassiker der

  Weltliteratur. Bedeutende Köpfe wie Nietzsche und Hofmannsthal haben es

  gelesen. Leo Tolstoi war so angetan von diesen Aufzeichnungen, daß er eine

  Auswahl zusammengestellt hat, die von seiner Tochter Marija ins Russische

  übersetzt wurde und für deren Veröffentlichung Tolstoi persönlich gesorgt hat.

 

  Soviel zur Erfolgsgeschichte des Autors, der im Bewußtsein seiner völligen

  Erfolglosigkeit gestorben war. Wenige Tage vor seinem Ableben notierte er über

  alte Briefe von seiner Hand, die ihm vorgelesen wurden: „So viele

  Versprechungen, um bei einem so mageren Ergebnis zu enden! Das also sind wir!

  Ich werde, wie der Rhein, im Sand mich verlaufen, und es naht die Stunde, da

  mein Rinnsal versickern wird.“

  Wie jeder Tagebuchschreiber hat auch Amiel hin und wieder der Verführung

  nachgegeben, in seiner eigenen Vergangenheit zu blättern. Im Dezember 1866

  schrieb er darüber: „Ich habe mich ein wenig geschämt über so viele Klagen und

  Wehmut. Diese Seiten stellen mein Wesen nur unvollkommen dar, und es sind

  viele Dinge in mir, die ich in ihnen nicht finde. Woran liegt das? Zuerst

  daran, daß die Traurigkeit eher zur Feder greift als die Fröhlichkeit, dann

  auch an den Bedingungen meiner Umgebung; wenn mich nichts herausfordert,

  verfalle ich der Melancholie: auch treten der praktische Mensch, der fröhliche

  Mensch, der Literat in diesen Seiten kaum in Erscheinung. Es fehlen diesem

  Portrait die Gesamtansicht, die Proportionen, das Zentrum; es ist zu sehr aus

  der Nähe gesehen.“ Eine Feststellung, die ebenfalls jeder Tagebuchschreiber

  machen wird, deren negativer Ton aber nicht berechtigt ist.

  Zugegeben, der Philosophieprofessor, der so unspektakulär gelebt hat wie er

  gestorben ist, hat kein philosophisches System aufgebaut und propagiert. Er

  hat keine Schule gegründet. Und er hat die Grundfragen der Menschheit nicht

  beantwortet. Er hat überhaupt mehr Fragen gestellt als Antworten gegeben. Und

  wo er Antworten gewagt hat, da waren das nicht seine eigenen Antworten,

  sondern theologische Aussagen. Denn das war das Besondere an diesem

  unauffälligen Menschen: Er versuchte sich als ein christlicher Philosoph.

  Daher die Begeisterung, die sein Tagebuch bei Leo Tolstoi ausgelöst hatte. Ein

  Philosoph mit einer vorgefaßten Meinung, nämlich der christlichen Vorstellung

  von Gott und von Sünde, ist selbstverständlich in Wahrheit kein Philosoph. Was

  Amiel selbst als sein Problem erkannt hat. Am 30. August 1872 notierte er in

  sein Tagebuch: „Die Philosophie ist die völlige Freiheit des Geistes, das

  heißt die Unabhängigkeit von jedem religiösen, politischen oder sozialen

  Vorurteil. Sie ist zu Beginn weder christlich noch heidnisch, weder

  monarchisch noch individualistisch, sie ist kritisch und unparteiisch; sie

  liebt nur eines: die Wahrheit.“

  Die Auflösung dieses Widerspruchs, seiner Lebensdiskrepanz, sah bei Amiel so

  aus: Er versuchte nicht etwa, die Reinheit der Philosophie gegen die

  besserwisserischen Attacken der Religion zu schützen, er genoß es vielmehr,

  sein religiöses Leben in materiell gesicherten Verhältnissen verbringen zu

  können, weil die Philosophie ihm ein festes monatliches Gehalt einbrachte, und

  das mit einer angenehm geistigen Beschäftigung und hoher Reputation. An dieser

  Stelle kann der Rezensent den Autor Amiel zitieren, der über ein Buch von

  Vacherot geschrieben hatte, was hier paßt: „Aber ich möchte trotz dieses

  Vorbehalts diesem Werk Ehre erweisen, es ist ein schönes Buch, sehr reif und

  sehr ernst.“

 

  Und zur Erfolggeschichte dieses Buches möchte ich eine kleine Tatsache

  hinzufügen: Das ist das erste Buch, das ich rezensiere, ohne es ganz gelesen

  zu haben. Aber nicht etwa, weil es mir nicht gefällt, sondern weil ich mir

  noch einige dieser köstlichen Leseerlebnisse aufsparen will, für die nächsten

  Wochen, für Tage, an denen ich die anregende Nachdenklichkeit und die

  Formulierlust dieses großartigen Schreibers brauche, um mich über die schnöde

  Zeitungslektüre hinwegtrösten zu können. Denn wo Henri-Frédéric Amiel nicht

  gerade über Gott und die Sünde spricht, da kann man überhaupt nicht aufhören

  mit Unterstreichen, da ist das Tagebuchlesen eine Lust – meine Lust für morgen

  und übermorgen.

  (Walter Laufenberg in: www.netzine.de)

 

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Ein fürstliches Sieben-Gänge-Menü

(Peter O. Chotjewitz: Machiavellis letzter Brief, historischer Roman, Europa-Verlag, Hamburg 2003, 448 Seiten, gebunden, € 22,90 (D), € 23,60 (A), SFR 38,60)

Der Jurist und Schriftsteller Peter O. Chotjewitz, Berliner des Jahrgangs 1934, der längere Zeit in Florenz gelebt hat, sich aber auch gern als Enfant terrible der bundesrepublikanischen Literatur stilisierte, schreibt über den Juristen und Schriftsteller Niccolo Machiavelli, der fünfhundert Jahre früher, nämlich von 1469 bis 1527, in Florenz und Umgebung gelebt hat und vor allem wegen seines Buches „Der Fürst“ bis heute als Oberteufel verschrien ist. Machiavelli hatte erkannt, dass die Menschen immer und überall gleich sind und dass es nicht das Gute und das Böse gibt, sondern nur taugliche und untaugliche Mittel beim Kampf um die Macht. Konsequenterweise hat er aus dieser Erkenntnis das erste Ratgeberbuch der Neuzeit gemacht: Il Principe, erst fünf Jahre nach seinem Tode erstmals gedruckt, dann aber schnell ein internationaler Erfolg, schon auf dem ersten Index der verbotenen Bücher der katholischen Kirche, zigfach kommentiert und mit Entgegnungen zugedeckt. Das Buch beschreibt, wie man sich freimachen muß von ethischen Normen, wenn man Herrscher werden oder bleiben will. Da dieser Ratgeber nur immer von den Herrschenden gelesen wurde und wird, selten aber von den Beherrschten, können die Politiker auch heute noch sich die Moralmaske vorbinden und dahinter versteckt tun, was sie wollen.

Das Buch „Der Fürst“ ist nicht das einzige Werk Machiavellis, schon gar nicht sein umfangreichstes, aber doch sein bekanntestes. Chotjewitz weist mehrfach auf etliche andere Werke hin, politische und belletristische, von denen er einige sogar als literarisch wertvoller einschätzt. Als ob es dieses Hinweises noch bedurft hätte. Es geht dem Autor nur noch um Literatur und nicht mehr um Politik, das zeigt der Altachtundsechziger mit diesem neuesten Werk überdeutlich. Zur Hauptfigur macht er einen jungen Dichter namens Christian Weise, der im Jahre 1664 im Auftrag des Herzogs August von Braunschweig-Wolfenbüttel nach Sant’ Andrea bei Florenz reist, um für die berühmte Wolfenbütteler Bibliothek eine Kostbarkeit zu erwerben, von der man über einen Augsburger Agenten erfahren hat. Angeblich will eine Nachfahrin Machiavellis mit Namen Ippolita Machiavelli den letzten Brief ihres berühmt-berüchtigten Vorfahren veräußern.  So beginnt das Buch als witziger Reisebericht, um dann zum spannenden Erlebnisbericht zu werden, als Christian Weise sich bemüht, die ihm präsentierten Blätter zu übersetzen, und schließlich in einem Krimi zu kulminieren, als Ippolita ermordet und Weise der Tat verdächtigt wird. Um den Streifzug durch die literarischen Genres voll zu machen, hängt Chotjewitz dem Ganzen noch ein Nachwort von fast fünfzig Seiten Umfang an, das sachbuchmäßig daherkommt.

So heterogen die in diesem Band vereinigten sieben Hauptkapitel sind, offenbar auch mit großem zeitlichem Abstand entstanden, sie sind doch eine lohnende und erfreuliche Lektüre. Denn der Autor weiß ein Sieben-Gänge-Menü zu bieten, das mit immer neuen Einfällen die Geschmacksnerven reizt. Zeigt er sich zunächst als ein Witzbold, der mit ungezählten literarischen Anspielungen Appetithäppchen bietet, die unter anderem nach Goethe und Grass und Handke und Montaigne oder Caesar schmecken, so serviert er im Hauptgang den Clan der Medici in einer Weise, wie er aus keinem Italienführer erkennbar wird. Und niemand kann übersehen, dass es längst nicht mehr nur um die Medici und Italien geht, wenn es heißt: „Das große Geld kennt keine Grenzen. Das Wohl des Staates trugen sie stets auf den Lippen, und es gibt keinen Oligarchen, der das nicht tut, doch das eigentliche Ziel war die Ausweitung ihrer Macht durch politische Intrigen und kriminelle Machenschaften.“ Da wird das Buch zum aktuellen Kommentar der Tagesschau bzw. Zeitung. Im als Nachwort etikettierten Dessert bringt der Autor die Einordnung des Geschehens in die Weltgeschichte, die zu der Zeit gerade einen Umbruch von noch nie dagewesenem Ausmaß – Kopernikus und Columbus , Luther und Karl V. – vorführt. Als Verdauungshilfe noch ein Praliné mit dem Abführmittel „Vielleicht“ (vielleicht war Weise ja gar nicht in Florenz und vielleicht stammt der Machiavelli-Brief ja aus seiner eigenen Feder). Danach lehnt man sich zurück und sagt: „Danke. Es hat geschmeckt.“

(Walter Laufenberg in: www.netzine.de)

 

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Ende mit Anfang

(Alan Bennett: Cosi fan tutte, eine Geschichte, aus dem Englischen von Brigitte Heinrich, Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2003, 92 Seiten, Ganzleinen € 11,90)

Nein, der vom Verlag gewählte Titel kann nicht zur Deutung herangezogen werden, denn der Originaltitel der kleinen Erzählung hieß 1996: „The Clothes They Stood Up In“. Zwischenzeitlich erschien die Geschichte auch noch unter dem Titel „Alle Jahre wieder“. Schon eher kann der knallrote Ganzleineneinband, den der Verlag diesem Büchlein verpasst hat, als ein Hinweis verstanden werden: Achtung, hier wird mehr geboten als der geringe Umfang und der Verlegenheitstitel erwarten lassen! Diese Aufmachung und der daraus folgende relativ hohe Preis können immerhin interpretiert werden als eine bewusste Kanalisierung der Leserschaft: Eine Erzählung für das gebildete und wohlsituierte Publikum, das schon alles hat – bis auf Nachdenklichkeit.

Zwei typische Vertreter dieser Schicht stellt der Autor uns vor. Ein kinderloses Mittelstandsehepaar im Londoner Norden, dessen Dahindämmern in Richtung Altenheim und Friedhof durch eine Nacht unterbrochen wird, in der die beiden in der Oper sind. Mozarts „Cosi fan tutte“ wird gegeben. Als sie nachhause kommen, ist ihre Wohnung leer, so vollkommen leer, daß es nicht einmal mehr ein Blatt Klopapier gibt. Die beiden übernachten auf dem nackten Fußboden sitzend und gehen dann in den nächsten Tagen daran, die notwendigsten Dinge zu kaufen, vor allem zwei Feldbetten und zwei Klappstühle.

Diese Exposition, so schön sie ist, muß leider als völlig unglaubhaft bezeichnet werden. Ist der Mann doch Rechtsanwalt, weiß also, daß er bloß mit seiner Frau ins Hotel zu ziehen brauchte, um allen Entbehrungen zu entgehen, weil die Hausratversicherung in einem solchen Fall des Totalverlustes auch die Hotelkosten erstatten muß. Aber damit wäre die Geschichte dann zuende, und das wäre schade. Denn die unglaubliche Situation bringt die beiden Protagonisten zu einer durchaus glaubhaften Entwicklung. Wie der Autor diese Entwicklung – und nachfolgende, köstliche Verwicklungen – schildert, das verrät den routinierten Dramatiker. Mach dir ein paar schöne Stunden – lies Bennett.

Der Anwalt ist ein Pedant, der dennoch zu kleinen Betrügereien neigt. Seine Frau ist die still-unterwürfige Dulderin ohne Ansprüche. Sein Ersatzleben findet im Gehör statt, als Permanent-Beschallung mit Mozartmusik. Ihr Nebenleben ist die Erinnerung an das Kind, das sie beinahe gehabt hätte. So existierten sie bis zu dem ominösen Opernabend zwar Bett an Bett, doch auf getrennten Umlaufbahnen ums Leben kreisend. Die allmähliche Aufklärung des unerhörten Ereignisses lasst Polizisten und Psychologen genauso als lächerliche Figuren erscheinen wie Talkmaster und ihre sich schamlos prostituierenden Opfer bzw. Zuträger. Das ist der Rundumschlag eines engagierten Spötters. Das Vergnügen, das die Lektüre damit bereitet, kann allerdings leicht darüber hinwegtäuschen, dass es sich bei dieser lustigen Erzählung um eine Ehetragödie handelt. Eine unblutige, wie sie beim gebildeten und wohlsituierten Publikum der Mittelschicht üblich ist. Daß die Frau schließlich an ihrem Mann vorbei gewachsen ist und über ihn hinaus, ist dabei kein Trost, denn der Satz: „Jetzt kann ich anfangen“, kommt leider zu spät – als Schlußwort der Geschichte.

(Walter Laufenberg in: www.netzine.de)

 

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Erinnerungsarbeit

Siegfried Lenz: Arnes Nachlaß, Roman, dtv, München 2001, 207 Seiten, 16,50 DM, 8,50 Euro)

 Die Geschichte ist schnell erzählt: Ein Hamburger Junge namens Hans räumt die Hinterlassenschaft eines Jungen namens Arne weg, mit dem er zwei Jahre lang die Dachkammer geteilt und sich gut verstanden hat. Arne war als einziger gerettet worden, als sein Vater seine Familie und sich umbrachte, und war in die Familie des Jugendfreundes seines Vaters aufgenommen worden. Der ungewöhnlich feinfühlige und intelligente Arne hat sich stets bemüht, zu sein wie seine Altersgenossen, um von ihnen akzeptiert zu werden. Als ihm das nicht gelang, ist er allein auf die Elbe hinausgefahren und verschwunden – er konnte nicht schwimmen.

Aus dieser Konstellation hat Siegfried Lenz ein intensives Leseerlebnis werden lassen, indem er Arnes schwierigen Weg ausschließlich in der Erinnerung von Hans aufscheinen läßt, ausgelöst jeweils von einer der kleinen, an sich recht wertlosen Habseligkeiten des Jungen, die er wegpackt, wobei ihm wieder einfällt, wie Arne in ihren Besitz gekommen ist.

Das Ergebnis könnte man generalisierend als das Porträt des Künstlers als junger Mann in seiner schnöden Umgebung deuten. Dazu würde passen, daß nur immer das Leben dieses hypersensiblen Menschen im Fokus steht, daß nur er plastisch wird, während alle anderen als bloß zweidimensionale Figuren auf Statistenrollen verwiesen werden. Egal, ob man sich zu dieser Deutung entschließt oder zu einer anderen, sich vielleicht sogar zu der versteigt, die der Verlag auf der Buchrückseite vorschlägt, wo von den unterschwelligen Ängsten und Hoffnungen unserer Zeit die Rede ist. Das Besondere an diesem Buch ist nicht sein Inhalt, sondern seine Machart.

Schon der Titel: So schlicht er daherkommt, so raffiniert ist er. Setzt er doch gleich den Spannungsbogen. Was beim Krimi der Tote auf der ersten Seite ist, das hat Lenz hier mit einer Nasenlänge Vorsprung übertroffen. Und der Anfang: Bereits im ersten Absatz ist das Problem umfassend skizziert. Da muß man weiterlesen. Dann der Schauplatz: Die Abwrackwerft an einem abgelegenen Seitenarm des Hamburger Hafens. Dort wird parallel zur Aufräumaktion in der Dachkammer ausgeschlachtet und erledigt. Orte der Endgültigkeit für Material und Mensch. Dazu die Sprache: Der besondere Reiz der Seemannsbegriffe, die der Autor ganz selbstverständlich und ohne jeden Ansatz einer Erklärung über seinen Text gestreuselt hat. Womit die Sondersprache den Eindruck einer Sondersituation verstärkt, in der unser Protagonist sich eigentlich hätte zuhause fühlen müssen, weil schon sein Vater Kapitän und Schiffseigner war. Und der Schluß: Wenn man sich den allerletzten Satz, leider verkorkst und zu penetrant, wegdenkt: So klar abschließend und dabei doch so offen – as you like it -, wie ein Schluß nur sein kann. Schließlich die Erzählweise: Der Akteur und Erzähler Hans wechselt beim Wegräumen von Arnes Sachen immer wieder vom narrativen Er zum vertraulichen Du, wenn er den Verschwundenen direkt anspricht. Das ergibt eine suggestive Verbundenheit, aus der man sich als Leser kaum lösen kann.

Daß der Verlag diese Geschichte als Roman bezeichnet, ist natürlich unpassend. Dafür ist sie mit nur einer einzigen ausgearbeiteten Person zu schlicht strukturiert, außerdem konsequent einsträngig. Doch bei der Bezeichnung Roman spielen Verkaufsgesichtspunkte eine Rolle. Man darf wohl annehmen, daß Siegfried Lenz, der oft genug gezeigt hat, daß er weiß, was Romane sind, dem abschließenden Urteil zustimmen würde: Eine  perfekt gemachte, runde Erzählung. 

(Walter Laufenberg in: www.netzine.de)

 

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Schönschreiben schön beschrieben

(Titus Müller: Der Kalligraph des Bischofs, Historischer Roman, Aufbau Taschenbuch Verlag, 2. Auflage, Berlin 2002, 422 Seiten, 9,90 €)

Was ist und wozu dient ein historischer Roman? So könnte man eine alte Frage leicht moduliert neu aufwerfen. Doch trotz des gegenwärtigen Literaturbooms im Genre Historie würden sich keine neuen Antworten anbieten. Es wird stets entweder eine Sternstunde der Menschheit illustriert oder ein Schwarzer Freitag oder eine immer wieder durchscheinende Parallele zur Gegenwart aufgebaut oder aber eine Tür zur Flucht aus eben dieser Gegenwart geöffnet. Mal geht es um Heldenverehrung, mal um Aufstieg und Niedergang von Ideen und Institutionen, mal um das ewig Menschlich-Allzumenschliche, mal um das unabweisbare Schicksal. Oder aber um eine geschickte Mischung von dem und diesem und jenem. Wenn es nicht einfach um die moderne Krimimasche geht, das unausrottbare Übel menschlicher Untaten und ihre Aufdeckung in altem Gemäuer und vergangener Zeit anzusiedeln.

Titus Müller, Student in Berlin, hat seinen Erstlingsroman mit sicherer Hand auf den Platz gestellt, der erfolgversprechend ist: Zwei Heldengestalten, die im 9. Jahrhundert in Oberitalien durch Zufall aufeinandertreffen und, wie sich erst allmählich herausstellt, trotz aller Unterschiede durch ein tragisches Schicksal miteinander verbunden sind: Der Bischof von Turin und sein zugelaufener Schreiber. Dabei geht es um eine religiöse Erweckungsbewegung, die sich zur Bilderstürmerei hinreißen lässt, und es geht um die hohe Kunst der Kalligraphie, die in unserem Zeitalter der Diplom-Legastheniker kaum noch vorstellbar ist. Aber der Autor erwähnt die Sekte erst am Ende seines Nachworts, und er zieht keine Vergleiche mit dem Heute. Er scheint seinen Ken Follett gelesen zu haben: Der perfekt konstruierte Umstieg in eine Vergangenheit als Angebot zum Ausstieg aus der Gegenwart.

Wer das einfach als Förderung des Eskapismus  abtun will, sollte bedenken, dass auch jedes Erlebnis von klassischem Theater schon ein Ausstieg ist, jede Opernaufführung sowieso und ein gut gemachter Film erst recht. Der Alltag verdient es, dass wir ihm hin und wieder die kalte Schulter zeigen. Wer die Zeit dazu hat, kann das mit diesem Buch 422 Seiten lang tun – und mit Genuß. Denn der Autor serviert ihm eine gefällige und korrekte Sprache, vermeidet dabei Sprachexperimente, vermeidet auch die ausführliche Schilderung von Rohheiten oder sexueller Exzesse und bringt stattdessen ganz nebenbei eine behutsam und zart ausgemalte Liebesgeschichte. Das ist gekonnt. 

(Walter Laufenberg in: www.netzine.de)

 

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Das konkrete Verschweigen

(Ror Wolf: Zwei oder drei Jahre später, Siebenundvierzig Ausschweifungen, Frankfurter Verlagsanstalt, Frankfurt/Main 2003, 122 Seiten, Ganzleinen € 17,90)

Ein Mann, ein Geiger, der unbekannt bleiben will, kam eines Tages in die Praxis eines Ohrenarztes in Bitsch. Dort wohnte ein netter, aber etwas ungehobelter ungefähr 40jähriger Mann aus Olm. Zur gleichen Zeit schrieb ein Franzose in Frankreich auf einen Zeitungsrand: „In meinem Schädel klappt es nicht mehr, er muß weg.“ Ich unterlasse es, dem Leser die Fortsetzung der Geschichte zu schildern, bin aber sicher, daß er die richtigen Schlüsse ziehen wird, um sich danach der folgenden Seite zuzuwenden.

So würde es klingen, wenn man aus den Anfangssätzen der ersten sechs Wolfschen Kurztexte und dem Schlußsatz seines siebten einen weiteren Kurztext zusammenbauen würde. Der ohne weiteres in diese Textsammlung passen würde. Es fehlt ihm nur noch eine vielsagend nichtssagende Überschrift à la Ein Olm in Bitsch. Ansonsten enthält er alles, was dieses Buch bringt:

Ein Unmenge von Situationsschilderungen in Kürzestform, aber möglichst konkret, mit der Erwähnung von Orten rund um den Globus und vielen Personennamen, eine ebensolche Unmenge von Handlungsstarts, ohne alle Umschweife gebracht, verbunden durch die Gleichzeitigkeit des nicht Zusammengehörigen und stets mit einer knappen Begründung viel zu früh beendet, als daß man sagen könnte: Es ist etwas erzählt worden.

Der Autor bringt die reine Willkür und das totale Verschweigen, alles ohne Bedeutung und ohne Ausdeutung. Das ist Experimentaltext und erinnert an Raymond Queneaus „Stilübungen“, bewegt sich also auf einem literarischen Feld, das durchaus kein Brachland mehr ist. Ein intermedialer Vergleich bietet sich an mit dem Experimentalfilm, der primär die Funktion hat, neue Möglichkeiten zu erproben, Techniken, die dann den Spielfilm bereichern. Normalerweise kommt der reine Experimentalfilm nicht ins Kino, normalerweise auch kommt der Experimentaltext nicht in Ganzleinen daher.

Bei Ror Wolf dient das Experiment nicht dazu, neue narrative Möglichkeiten auszuloten, sondern die vielen Formen des Berichtens und Erzählens, vom Krimi bis zum Reisebericht, in ihrer Beliebigkeit vorzuführen und durch die Variaton der Erzählverweigerung ad absurdum zu führen. Dabei muß man einräumen, daß der Autor das ganze Arsenal der Ankündigungen und Hinweise, der Zustände und Verhältnisse kennt, die das optimale Lesefutter ausmachen – selbstverständlich. Als hätte er sein Buch so aus den Bestsellerstapeln in der Buchhandlung zusammengebaut, wie der Rezensent den Eingangstext. Das Ergebnis ist eine Persiflage auf Bestsellerautoren, die bloß schön aufregend erzählen, ohne was zu sagen zu haben. Nur schade, daß der Autor, so Recht er mit dem Ins-Zwielicht-Stellen des Gängigen hat, auch nicht mehr zu sagen hat als die persiflierten Werke. Im Gegenteil. Hat sein Buch doch den Reiz der Fernsehserie, in der die Tricks der Zauberkünstler verraten wurden, wobei überraschenderweise die Aufklärung nicht so attraktiv war wie die Vorführung der Kunststücke selbst, wenn man sich auch stets darüber im klaren war: alles nur Illusion.

Doch sei zugegeben: Die siebenundvierzig artistischen Ausschweifungen, bei denen Wolf immer einen oder zwei Bälle in der Luft hat, während er die beiden anderen in den Händen hält, sind durch die Vielfalt der Varianten immer noch amüsanter als das von mir eingangs konstruierte Bespiel, wenigstens für den, der Sprache für mehr als ein bloßes Verständigungsmittel hält.

(Walter Laufenberg in: www.netzine.de)

  

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Eine kleine Erzählung übers Erzählen

(Dai Sijie: Balzac und die kleine chinesische Schneiderin, Roman, aus dem Französischen von Giò Waeckerlin Induni, Piper-Taschenbuch, München 2003, 200 Seiten, € 7,90)

Einen wunderbar zarten Liebesroman zu schreiben, der seine Leser förmlich in sich hineinsaugt und dann überraschend hart endet, das allein ist noch kein Kunststück. Nein, zur Kunst wird das erst durch die Wand, gegen die der Autor die Liebenden anrennen läßt. Hier ist das mal nicht der Widerstand der Eltern, nicht der Standesunterschied, nicht der Konkurrent in der Dreierbeziehung, nicht der schon verheiratete Partner, nicht das zu erwartende Erbe, nicht das widerspenstige Kind, hier sind es die politischen Verhältnisse.

Ende 1967 startete Mao, der Große Vorsitzende im kommunistischen China, die Kampagne „Kulturelle Umerziehung“. Er ließ die Universitäten schließen und Studenten wie Absolventen höherer Schulen aufs Land verfrachten, wo die sogenannten Intellektuellen durch die revolutionären Bauern umerzogen, durch das Leben in primitivster Umgebung und bei härtester körperlicher Arbeit umgeformt werden sollten. Nur eines der vielen schweren Verbrechen des Mao Zedong gegen die Menschlichkeit. In diesem Roman eines chinesischen Intellektuellen, der diese brutale „Umerziehung“ fast vier Jahre lang ertragen mußte und später nach Paris emigrierte, wird also ein Stück neuerer Geschichte zur Momentaufnahme. Dabei bleibt die Historie jedoch nur die Folie, vor der sich die Romanhandlung abspielt, weil die großen Akteure sich nicht um die kleinen Leute kümmern.

Zwei 17 und 18 Jahre alte Schüler, der Erzähler und sein Freund Luo, Söhne von angesehenen Ärzten, werden in ein fernes Bergdorf geschickt, wo sie weitab von jeder Stadt praktisch am Ende der Welt leben. Unter gehässigen Bauern, die sämtlich Analphabeten sind, und auf unbestimmte Zeit einem Dorfvorsteher ausgeliefert, der kein bißchen besser, nur lauter ist. Die Dörfler leben mit ihren und wie ihre Tiere. Nur daß ein Buch das schlimmste aller Übel ist, das hat man den Leuten beigebracht. Jedes Buch außer dem mit den Sprüchen des Großen Vorsitzenden ist in China verboten. Ein Leidensgenosse in einem anderen Dorf in der Nähe hat es jedoch geschafft, heimlich Bücher mitzubringen. Das läßt die beiden Freunde auf allerlei Weise versuchen, in den Besitz dieser Bücher zu kommen. Mit Erfolg.

Die einzige Abwechslung bietet den Dörflern der einmal im Jahr zu ihnen heraufsteigende Schneider mit seiner Nähmaschine auf dem Rücken. Daß der Mann im fernen Kleinstädtchen auch noch eine hübsche Tochter hat, verführt die beiden Freunde zu weiten und waaghalsigen Ausflügen. Das Mädchen zeigt sich fasziniert von den Erzählungen der beiden, dann auch von Balzac, aus dessen Roman sie sich vorlesen läßt. Was die beiden immer enger an sie bindet. Für sich nennen sie das Hilfestellung bei der Kultivierung. Sie wollen einen wertvollen Rohdiamanten zum Brillanten schleifen. Am Ende müssen sie entsetzt erkennen, daß ihnen das gelungen ist.

Eine kleine Erzählung übers Erzählen. Über dieses ewige Grundbedürfnis des Menschen, sich Geschichten erzählen zu lassen, um damit über sein Leben hinauszuschweben. Weil uns jedes Leben zu eng ist, bloß die eine Wirklichkeit angesichts von tausend Möglichkeiten, die uns versagt sind. Ein Bedürfnis, das uns aber weitere Bedürfnisse entwickeln läßt. Gut erzählt, mit ganz neuen Bildern vom Sicheinverleiben von Literatur, dabei in möglichst einfacher Diktion, so wird z.B. der Konjunktiv tunlichst vermieden. Was – neben der Verfilmung – das Buch zum Bestseller gemacht hat. Wobei sicherlich auch geholfen hat, daß dieser Bericht vom Leben im Abseits nicht nur einen exotischen Touch hat, sondern auch der Propagierung des einfacheren Daseins, der bescheideneren Lebensführung entgegenkommt. Die Quintessenz des Buches ist für jeden Literaten eine Freudenbotschaft: Literatur ist wirksam.

(Walter Laufenberg in: www.netzine.de)

 

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 Die Liebe an und für sich

(Siegfried Obermeier: Sappho, Roman, dtv München 2003, 448 Seiten,

€ 10, CHF 17,60)

Das Leben der berühmten Dichterin auf der Insel Lesbos, die von circa 615 bis circa 560 v. u. Z. gelebt hat und die erste von allen griechischen Stämmen gefeierte Poetin in dieser bis dahin den Männern vorbehaltenen Domäne war. Ohne Zweifel die größte Lyrikerin des Altertums, wenn auch von ihrem umfangreichen Werk nur Bruchstücke erhalten sind. Sie stammte aus einem Adelsgeschlecht, heiratete einen Zugezogenen, hatte mit ihm eine Tochter, wurde schon früh Witwe und widmete dann ihr Leben auf der Insel Lesbos neben ihrer Dichtung der Erziehung junger Mädchen, für die sie eine ebenso bewußte und freie Einstellung zur körperlichen Liebe propagierte und einübte, wie sie die jungen Männer der Erziehung durch ihre Mentoren verdankten. War in der Antike eine dichtende Frau schon eine Revolutionärin, so war ihre Art der Schulung von Mädchen erst recht eine Revolution in der griechischen Gesellschaft von stolzen Priapssöhnen, die sich ihre Ehefrauen nur zur Produktion von Knaben hielten, sich bei ihren sexuellen Bedürfnissen aber lieber von Hetären bedienen ließen. Daß diese Hilfestellung der Sappho für ihre Geschlechtsgenossinnen später als unsittlich gebrandmarkt wurde – Phallos galt mehr als Sappho, obwohl man ihren Namen fast als eine verrutschtes Anagramm sehen könnte – und daß heute noch der Ausdruck lesbisch oft als eine Anti-Mann-Haltung gesehen wird, sind Mißdeutungen einer großen Idee und eines großartigen Lebenswerks.

Obermeiers Absicht einer Rehabilitierung der Sappho ist deshalb grundsätzlich gutzuheißen. Ob als Biograph dieser Dichterin der richtige, ist allerdings fraglich. Nach der Lektüre des ersten Drittels seines Buches kommt man zu dem Schluß, daß er dieses Sujet besser einer Frau überlassen hätte, und zwar einer Dichterin, die nicht in dieser routinierten Weise die Seiten füllt wie Obermeier. Schließlich geht es um die feinsten Strömungen im intimen Zusammenspiel von Frauen, bei denen er als Mann immer der Außenstehende bleibt, auf den Behelf des mühsamen Sich-Hineinversetzens angewiesen. Was ihm auch bekannt war. Auf Seite 164 läßt er seine Sappho sagen: „Was willst du hören? Du bist ein Mann und wirst niemals nachempfinden können, was dabei in einer Frau vorgeht.“

Zudem hat der Autor das Buch auch noch als den von Sappho selbst geschriebenen Lebensbericht angelegt, also in der Ich-Form und ihre Tochter als die Adressatin ansprechend. Also noch ein Closed-Shop-Verhältnis, das den Autor ausschließt. Was außerdem den Nachteil hat, daß moderne Ausdrücke des Autors wie Säbelrassler und Pummelchen und Schwanz als unpassend stören und man die zutiefst weibliche Tonalität des Erzählens vermißt, womit die eifrig perpetuierte Behauptung, es handle sich bei der ihr Leben beschreibenden Sappho um eine große Dichterin, unglaubhaft wird.

Zugegeben, Obermeier hat sich im Laufe des Schreibens immer besser in seine Protagonistin hineinversetzt, so daß es der Schilderung allmählich immer öfter gelingt, den Leser zu ergreifen. Dazu hat er sich eine Menge einfallen lassen. Der uns von den Historikern beinahe kahl überreichte Tannenbaum „Sapphos Leben“ wird von ihm reich geschmückt. Mit einem informativen Anhang wird noch eins draufgesetzt, wenn es auch für Leser, die kein Griechisch gelernt haben, lästig sein dürfte, die im Text vorkommenden altgriechischen Ausdrücke jeweils im Anhang nachzuschlagen.

Das Ergebnis dieser Annäherung in bester Absicht ist eine umfangreiche Biographie, die interessant genannt werden darf, weil sie leider nicht literarisch gemacht ist. Trotz der gelegentlich sinnentstellenden reformierten Schreibweise ein gut erzähltes Sachbuch. Was ja generell seine Berechtigung und seinen Wert hat, – aber wenn der Gegenstand ein literarischer ist?

 (Walter Laufenberg in: www.netzine.de)

  

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Was hat Bestand?

 (Christoph Ransmayr: Die letzte Welt,  Roman, Fischer-Taschenbuch,

  1. Auflage 2003, 320 Seiten, € 9,90)

Als dieses Buch erstmals auf den Markt kam, im Jahre 1988, war die Presse so voller Lobeshymnen, daß man der Sache mißtrauen mußte. War hier vielleicht etwas bloß durch geschicktes Marketing hochgepuscht worden?

Ein Werk, das derart hartnäckig die Erkenntnis perpetuiert: Nichts hat Bestand, wie es Ransmayrs „Letzte Welt“ tut, muß sich nach einigen Jahren an dieser Maxime messen lassen. Und – um es gleich zu sagen: Dieses Buch hat so überraschend Bestand wie sein Vorbild und Gegenstand und Spiegelbild: Die „Metamorphosen“ des römischen Dichters Publius Ovidius Naso (43 v.u.Z. bis 17).

Die Geschichte ist eigentlich ganz einfach: Der berühmte und beliebte Dichter Ovid, ein schöngeistiger Playboy der römischen Gesellschaft, wird im Jahre 8 eines Tages durch ein Dekret des Kaisers Augustus in die Verbannung geschickt, und zwar in ein gottverlassenes Nest am Ende der Welt, sprich: das total heruntergekommene Bergwerksstädtchen Tomi an der Schwarzmeerküste. Ohne Anklage, ohne Prozeß, ohne eine Möglichkeit der Verteidigung, ja, ohne jede Begründung. Dort ist er trotz aller Bemühungen um eine Begnadigung neun Jahre später für die Menschheit verloren gegangen. Kein Mensch weiß, wann und wie er gestorben ist und wo er von wem begraben wurde. Soweit die historischen Fakten.

Ransmayr ist nun hingegangen und hat Cotta, einen Freund Ovids, den wir aus anderen Schriften des Römers kennen, sich auf die Reise nach Tomi begeben lassen. Um nach dem Autor und nach einer Abschrift seines wichtigsten Werkes, der „Metamorphosen“ zu fahnden, deren Original er vor seinem Aufbruch in die Verbannung verbrannt haben soll. Dort erlebt Cotta das, was den Inhalt der „Metamorphosen“ ausmacht: Die Gestalten der griechischen Mythologie spiegeln sich in den hoffnungslosen Jammergestalten des Ortes. Die Geschehnisse sind andere, aber das Ergebnis ist das gleiche: Sie verwandeln sich als Opfer der unbarmherzigen Verhältnisse zu Pflanzengeschlinge, Getier und Stein. Also eine Parallelaktion, aber nicht nur das. So schrecklich menschlich, wie die Götter und Heroen sind, diese erstaunliche Besonderheit der griechischen Mythen, noch viel schrecklicher ist die Entmenschlichung des Menschen in der realen Welt, wie sie Ransmayr schildert.

Man ist betroffen. Dabei hätte es nicht einmal des Kunstgriffs bedurft, in die alte Geschichte Modernismen wie Filmprojektor, Dampfschiff, Bus, Bahnsteig und Mikrophon einzuflechten, um darauf aufmerksam zu machen, daß die letzte Welt auch unsere Welt ist. Tomi ist überall und ewig. Keine schöne Lektüre, wahrhaftig nicht. Schön ist nur die Sprache: kunstvoll ohne je gekünstelt zu wirken.

 (Walter Laufenberg in: www.netzine.de)

 

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Für und wider die Natur

(Érik Orsenna: Portrait eines glücklichen Menschen – Der Gärtner von Versailles, aus dem Französischen von Annette Lallemand, dtv München 2004, 144 Seiten, 7.50 Euro)

Ein Porträt des Gartenbaumeisters André Le Nôtre, der von 1613 – 1700 gelebt hat, zufällig geboren und konsequenterweise auch gestorben in der unmittelbaren Nähe des sogenannten Sonnenkönigs Ludwig XIV, der den Ausspruch getan haben soll: „Sie sind ein glücklicher Mensch, Le Nôtre.“

Ein schmales Buch, das da selbstbewußt den Begriff Porträt für sich reklamiert, und das sogar gleich im Titel. Womit wieder einmal ein Beweis dafür geliefert wird, wie unterschiedlich Porträts ausfallen können. Mal das große Geschichtsbild mit herausragender Hauptfigur, mal ein biografischer Roman oder eine Romanbiographie, wobei die Gewichte nur leicht dahin oder dorthin verschoben werden, hier aber eher ein großer Essay. Dem entspricht, daß der Autor in Fußnoten und in einem Materialienanhang die Quellen seines Wissens offenlegt. Seine Leistung ist die geschickte Verknüpfung von fleißig gesammeltem Faktenwissen über Pariser und andere französische Gartenanlagen mit narrativen Einschüben, die ihn als Erzähler verraten.

Érik Orsenna, der 1947 geborene erfolgreiche französische Romancier, zeigt sich hier als ein betont spröder Erzähler. Mit kurzen Sätzen und mit einer unprätentiösen Sprache. So wenn er den oft rabiat gegen die Natur vorgehenden Schöpfer des Parks von Versailles mit den Worten kennzeichnet: „Keine Spur eines Franz von Assisi bei Le Nôtre. Er begrüßt nicht Tag für Tag verzückt die Schöpfung, denn er ist nur an Nachschöpfung interessiert. Er spricht nicht mit den Vögeln, sondern mit Menschenheeren, die seine Komplizen sind bei der Neugestaltung der Welt.“

Den Lesern wird die Gartenkunst als eine von den Königen und Fürsten schon immer hochverehrte Kunst vorgeführt. Der größtmögliche Rahmen der Selbstdarstellung des hohen Herrn. Noch weiter gesteckt, als seine Schneider und Architekten es vermögen. Was ihm zwangsläufig den Gartenbaumeister ans Herz wachsen ließ. Bei Le Nôtre und Ludwig XIV. eine beinahe lebenslange freundschaftliche Verbindung. Daß der Gärtner auch noch länderübergreifend für seinen Fürsten wirkt, weil jeder Herrscher in jedem Land bemüht ist, nicht nur das Schloß, sondern auch den Park von Versailles nachzuahmen, das verstärkt noch seine Bedeutung. Daß Ludwig XIV. um so mehr bemüht war, in anderen Ländern die Paläste und Parks zerstören zu lassen, u.a. in Heidelberg, um seinen Goldrahmen aufzuwerten, erwähnt der Autor nicht. Die kritische Gewichtung hat er sich nicht zur Aufgabe gemacht.

Zum Glück, denn ob er dazu in der Lage wäre, darf mit Fug und Recht bezweifelt werden. Hat er sich doch schon auf der ersten Seite seines Essays zu der Bemerkung hinreißen lassen: „ … aufgeschreckt ob des Wütens Mehmeds III., der am Tag seiner Thronbesteigung neunzehn Brüder und wohl zwanzig seiner Schwestern von Taubstummen erwürgen ließ und damit alle Grenzen überschritt …“ Das ist ein Zeichen von völliger Unkenntnis der Verhältnisse im Reich des Sultans, denn es wurden neben den Brüdern nicht seine Schwestern, sondern seine sämtlichen Lieblingsfrauen, soweit sie schwanger waren, umgebracht. Und es ging nicht um ein Wüten, vielmehr um die emotionslos vollzogene Ausschaltung von möglichen Konkurrenten. Was Gesetz war und sogar von den obersten religiösen Instanzen ausdrücklich als Recht anerkannt, weil es dazu diente, das Land vor schrecklichen Diadochenkämpfen zu bewahren. Das hätte ein Lektorat korrigieren müssen.

Das nur nebenbei bemerkt. Der Autor hatte offenbar nicht beabsichtigt, damit die naheliegende Parallele zu der ebenso emotionslos vollzogenen Beseitigung von Bäumen, Büschen und Blumen durch den gefeierten Gärtner aufzuzeigen. Dabei zeigt er die Gartenkunst als eine Kunst, die sich an den Betrachter verschwendet und viel zu schnell verschwindet, wenn sie ihre Werke nicht ständig hegt und pflegt. Die permanent erforderliche Bemühung kann einen Menschen dennoch glücklich machen, zeigt das Beispiel Le Nôtre, weil sie ja Veränderung der Sinneseindrücke und immer wieder neue Bewunderung hervorruft.

Tiefer geht der Essay, wenn der Autor den Glücklichgepriesenen in der Konfrontation mit einem Konkurrenten und Nachfolger zeigt. Der Gärtner läßt sich seinen Groll nicht anmerken, um nicht das Bild von dem glücklichen Mann zu zerstören, das er seinen Zeitgenossen vorgeführt hat. Die liebevolle Zuneigung seines Königs ist ihm wichtiger als alle Enttäuschung. So wird das Porträt eines glücklichen Menschen schließlich zum Porträt eines glücklicherweise stoisch überlegenen Menschen.

 (Walter Laufenberg in: www.netzine.de)

 

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In die volle Zwölf

Titus Müller, Ruben Wickenhäuser u. a.: Die sieben Häupter, historischer Roman, Aufbau Taschenbuch Verlag, Berlin 2004, 399 Seiten, ISBN

3-7466-2077-5, 10.- €, 18.50 Sfr)

Ein Gemeinschaftswerk, ein Roman über sieben Häupter, in zwölf Köpfen entstanden. Das heißt, um es – in leichter Abwandlung – mit Thomas Mann zu sagen: Schon seine Geburt war ungewöhnlich. Die beiden Herausgeber und Mitautoren dieses Buches hatten vor Jahren die Idee, einen Kreis von deutschsprachigen Profi-Autoren um sich zu versammeln, die historische Romane schreiben. Im Jahre 2002 war es dann soweit: In Berlin wurde der „Autorenkreis historischer Roman QUO VADIS“ (www.akqv.org) gegründet. Diese neue Schriftstellergruppe ist untereinander permanent in engem Kontakt via E-Mail und trifft sich einmal im Jahr an immer wieder anderem Ort zu Diskussionen und Lesungen. Inzwischen ist der Kreis auf mehr als vierzig Autoren angewachsen. Die schon früh aufgekommene, naheliegende Idee einer Mitglieder-Anthologie wurde bei einem Gespräch im Hause des Aufbau-Verlags von dem Lektor Gunnar Cynybulk in eine neue Bahn umgelenkt: „Wie wäre es mit einem Gemeinschaftsroman?“ – Der ist jetzt im Handel.

Keine literarische Gattung ist offener für Experimente als der Roman. Warum sollte der historische Roman da eine Ausnahme machen? Und keine literarische Gattung ist für Autoren und Verleger eine größere Herausforderung als der historische Roman angesichts der begeisterten Aufnahme beim Publikum, wie sie für dieses Genre seit Jahren zu verzeichnen ist. Auch angesichts der Tatsache, daß historische Romane nicht die gleiche Verfallszeit haben wie aktuell zeitkritische Romane, was sich an ihren immer wieder neuen Auflagen zeigt, die sie zu Longsellern machen.

So ließen sich zwölf Profis eine ungefähre Handlung einfallen, die in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts in Norddeutschland spielt. Da geht es um ein Säckchen mit aus Asien eingeschmuggeltem unbekanntem Stoff, den man als Drachensamen bezeichnet, hinter dem etliche gewichtige Herren und auch ein paar kleine Leute her sind und wodurch sie in die sonderbarsten Abenteuer verwickelt werden. Die zwölf Profischreiber legten ein Grobkonzept fest und einigten sich darauf, in welcher Reihenfolge wer sein Zwölftel zu schreiben habe, natürlich stets in Kenntnis des Vorhandenen. Und daraus ist tatsächlich ein homogenes Werk entstanden. Beinahe wie aus einem Guß. Denn Stilunterschiede sind nur schwer festzustellen. Lediglich das 18. Kapitel kommt mit einer deutlich frecheren Ausdrucksweise daher. Fürs Mittelalter ganz sicher berechtigt, wenn sich auch mancher fragen wird, ob Modernismen wie „lahmarschig“ oder „der kleine Freund“ in die Zeit passen. Jedenfalls bringen sie Farbe ins Bild.

Man hat einen Roman in der Hand, der ähnlich wie die zu Zeiten Balzacs üblichen großen Fortsetzungsromane durch den immer wieder neuen Auftrieb fasziniert. Zwangsläufig, weil jeder Schreiber seinen selbsterdachten Handlungshöhepunkt zu zelebrieren bemüht ist. Zudem herrscht, wo jeder auf seine etwa dreißig Seiten festgelegt ist, das Konzentrationsgebot der Kurzgeschichte: Da ist kein Platz für Redundanz, da gibt es keine Absätze oder gar Seiten, die der Leser überschlagen kann. Allerdings bleiben da auch allgemeine Äußerungen des Autors, seien es Sottisen oder Lebensweisheiten oder Anspielungen auf Aktuelles, schon aus Platzmangel weg. Selbst Shakespeares Zwischenakt mit der Betrachtung des Totenkopfs fände in solch einem Gemeinschaftsroman keinen Raum. Ist doch jeder folgende Schreiber noch strenger als sein Vorgänger an das uralte Gesetz gebunden: Ein Apfel, der ins Spiel gebracht wurde, muß auch angebissen werden.

Dieses Zwölferbuch hat Biß, das heißt, es ist spannend von der ersten bis zur letzten Seite. Und in einem kurzen Epilog wird erfreulicherweise die Aufklärung geboten, was historisch belegt ist und was einfühlend ergänzt. Zudem gibt es im Anhang Informationen über die Autoren des Buches sowie über den Autorenkreis QUO VADIS. Positiv zu bewerten ist auch, daß der Verlag seinen Lesern nicht die sinnentstellenden Schreibweisen der sogenannten Rechtschreibreform zumutet, sondern bei der bewährten Rechtschreibung bleibt. Und – soviel ist schon aus dem Aufbau-Verlag zu hören: Da die vielen Vorbestellungen des Buchhandels auf einen großen Erfolg des Buches hindeuten, laufen bereits die Vorbereitungen für einen zweiten derartigen Schuß in die volle Zwölf.

(Walter Laufenberg in: www.netzine.de)

 

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Wohngemeinschaft Palästina

(Amos Oz: Wie man Fanatiker kuriert, Tübinger Poetik-Dozentur 2002, aus dem Englischen von Julia Ziegler, edition suhrkamp, Frankfurt a. M. 2004, 110 Seiten, 8,- Euro)

Drei Abende, an denen der israelische Autor seinen Tübinger Zuhörern die Ergänzung zu dem bot, was sie täglich aus Presse, Funk und Fernsehen erfahren mußten. Am dritten Abend hat Oz sich die Zeit geteilt mit dem befreundeten palästinensischen Schriftsteller Izzat Ghazzawi, der auf seine mehr arabisch blumige Weise den Vortrag ergänzte, nämlich aus leidvoller Erfahrung einen nachdenklich machenden Essay über die Möglichkeiten der Dichtung beisteuerte, den der Verlag glücklicherweise dem Buch eingefügt hat.

Amos Oz ist ein großer Erzähler und ein glasklarer Analytiker und dazu ein mitreißender Propagandist. Er brauchte seinen Zuhörern die Hölle nicht zu schildern, um sie auf den Weg des Heils einzuschwören. Insofern hatte er es leichter als ein Savonarola. Aber wie er diesen Weg beschreibt, das ist im besten Sinne savonarolisch. Wie er seine klare Dissidentenhaltung zu der israelischen Politik in Nebenbemerkungen einfließen läßt, wie er mit persönlichen Erfahrungen seine Analysen illustriert, wie er zur Hilfe bei der Scheidung der beiden Völker aufruft, die sich gegenseitig zu viele Märtyrer schaffen, das ist gekonnt. Und es ist ergreifend, weil man versteht: Hier spricht ein echter Friedensaktivist, kein Romantiker, kein Träumer. Er hält allen Fanatikern seine Kernthese entgegen, „daß es sich im Grunde genommen um eine Auseinandersetzung zwischen Recht und Recht handelt, zwischen zwei sehr vehementen, sehr überzeugenden Ansprüchen auf dasselbe kleine Land. Es ist kein religiöser Krieg, kein Krieg der Kulturen, keine Uneinigkeit zwischen zwei Traditionen, sondern ganz einfach ein Disput über Grundbesitz, darüber, wessen Heimat das Land ist. Und ich denke, hier kann eine Lösung gefunden werden.“

Als ich vor einigen Wochen die Grundthesen dieses Buches in einem Vortrag von Amos Oz beim Ovid-Festival in Mangalia an der rumänischen Schwarzmeerküste hörte, war ich einer von denen, die ihm dafür eine begeisterte Ovation boten. Und ich gestand ihm im anschließenden Gespräch am Kaffeetisch meine Freude darüber, daß er den Ovid-Preis 2004 dafür bekommen hat. 

Bei dieser Meinung bleibe ich auch nach der Lektüre dieses Buches. Obwohl sich die Verhältnisse seit den Tübinger Vorlesungen im Januar 2002 wesentlich geändert haben. Die von Oz propagierte Trennung der palästinensischen Araber und der israelischen Juden war in seiner Vorlesung eine gute Idee. Inzwischen hat der von Scharon gebaute angebliche Schutzzaun mit seiner ungerechten Linienführung das Ziehen einer Grenzlinie zu einem überdimensionierten Problem gemacht. Auch daß nicht daran gedacht ist, zwei nebeneinander liegende Staaten zu etablieren, sondern dem einen Staat nur einen Flickenteppich von im israelischen Besatzungsgebiet eingestreuten Inseln sowie Gaza und etwas Westbank zu gewähren, schlägt den Friedensaktivisten um Oz ins Gesicht. Ebenso der neueste statistische Befund, nach dem die arabischen Palästinenser einen weit höheren Vermehrungsindex haben als die jüdischen Israelis, einen erschreckend viel höheren. Das läßt die von Oz ganz selbstverständlich geäußerte Annahme, daß die Palästinenser den kleineren Teil Palästinas bekommen, schon überholt erscheinen. Sein Vergleich mit der Wohnung, die beide Völker nach der Scheidung gemeinsam bewohnen, einfach dem das eine Zimmer geben und dem das andere, ist vielleicht doch zu schön, um wahr werden zu können.

Schade, daß in Mangalia der Kaffee so schnell ausgetrunken war. Amos Oz ist in seiner so furchtlos kritischen wie freundlich verbindlichen Art ein Mann, mit dem man endlose Gespräche führen möchte. Und auch führen kann – man braucht ja nur seine Bücher zu lesen. Etwa dieses schmale How-to-do-Buch. Es ist hinreißend geschrieben und macht noch mehr nachdenklich als die täglichen Blutberichte in Presse, Funk und Fernsehen. Und es ist höchst verdienstvoll, weil es über die Veränderungen der Zeitläufte hinweg Grundsätzliches zu sagen hat, in einer Epoche, da wir durch Fanatismus in vielerlei Gestalt den Eindruck gewinnen, wieder ins Mittelalter zurückgeworfen zu werden. Ist Amos Oz also doch kein Savonarola, vielleicht eher ein später Aufklärer? Es lohnt sich, das selbst herauszufinden.

(Walter Laufenberg in: www.netzine.de)

 

 

 

 

 

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