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Jud Süß

 

(Jud Süß, D 1940, 98 Minuten, Regie: Veit Harlan, Drehbuch: Veit Harlan und Eberhard Wolfgang Möller nach einem ersten Entwurf von Ludwig Metzger, unter Verwendung von Motiven der gleichnamigen Novelle von Wilhelm Hauff)

 

Ein Spielfilm, der im Auftrag des Reichspropagandaministers Joseph Goebbels gedreht wurde und, weil er als antisemitischer Hetzfilm eingestuft wird, seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs in Deutschland nicht aufgeführt werden darf, wohl aber in Österreich und der Schweiz. In Deutschland ist eine Aufführung dieses sogenannten Vorbehaltsfilms nur erlaubt, wenn sie in geschlossener Veranstaltung mit fachlicher Kommentierung stattfindet. So jetzt (im Jahre 2008!) geschehen im Haus der Geschichte Baden-Württemberg in Stuttgart, wo eine Filmhistorikerin uns Filmenthusiasten, die sich einige Monate vorher namentlich und mit voller Adresse anmelden mussten (gläserne Kinobesucher), vor der Aufführung und hinterher ausführliche Erläuterungen zum Film bot. Sonderbar, solche Restriktionen habe ich bei Shakespeares „Kaufmann von Venedig“, der einen Juden mindestens ebenso drastisch zeichnet, noch nie erlebt. In Stuttgart musste der mündige Bürger es hinnehmen, dass er nur als ein Höriger akzeptiert wird. Und auch das musste er hinnehmen: Der uns angeblich in Originalversion gezeigte Film war um 8 Minuten gekürzt. Was weggefallen war, wurde nicht gesagt.

Dafür erfuhr man immerhin, dass in den zwölf Jahren des Dritten Reichs in Deutschland über 1.000 Spielfilme produziert wurden, von denen nur gut 150 als Propaganda- oder Hetzfilme anzusehen sind. Die wichtigsten antisemitischen Hetzfilme waren neben „Jud Süß“ die im selben Jahr hergestellten Filme „Der ewige Jude“ und „Die Rothschilds“ sowie die schon ein Jahr zuvor gedrehte Komödie „Robert und Bertram“. Die deutsche Filmwirtschaft hatte damals eine erstaunlich hohe Produktivität entwickelt, obwohl sie zunächst einen gewaltigen Aderlass zu überstehen hatte, nämlich die Auswanderung bzw. Vertreibung der meisten und renommiertesten Filmschaffenden. Denn bevor die Nationalsozialisten strenge neue Reglementierungen sowie die Reichsfilmkammer schufen, die nur noch Nichtjuden zum Zuge kommen ließen, waren gut 40 % aller Drehbuchautoren Juden, fast 50 % aller Regisseure ebenfalls, und sogar 86 % aller Produktionsfirmen waren in jüdischen Händen.

Der Film behauptet in einem vorangesetzten Textdia, es handle sich um historische Tatsachen. Was nur insoweit wahr ist, als es die Hauptfigur, diesen jüdischen „Finanzienrath“ Joseph Süß Oppenheimer gegeben hat, der 1698 in Heidelberg geboren wurde, als Hofjude in Stuttgart zum Finanzier und engsten Berater des Herzogs Karl Alexander von Württemberg aufstieg und nach dessen frühem Tod wegen der rücksichtslosen Ausbeutung der Bürger verurteilt und 1738 hingerichtet wurde.

Damit ist auch schon der Inhalt des Films skizziert, wenn man sich noch eine Liebesstory des Juden mit einer Christin dazudenkt, die zur Vergewaltigung und zum Gang der Verzweifelten ins Wasser führt. Die Frau wurde von Kristina Söderbaum gespielt, der Ehefrau Veit Harlans, die im Dritten Reich als Reichswasserleiche bespöttelt wurde, weil ihr Mann ihre Rollen mehrfach so feucht enden ließ.

         Die historische Figur Joseph Süß Oppenheimer wurde in der Literatur derart phantasievoll drapiert, dass es heute schwierig ist, Fakten und Fiktion zu unterscheiden. Selbst der vom Haus der Geschichte Baden-Württemberg herausgegebene Katalog zu Film und Begleitausstellung „Jud Süß“ gibt wortreich wenig Aufklärung, schon gar nicht zu der Frage, ob der Hofjude sich an christlichen Frauen vergriffen hat oder nicht. Stattdessen erfährt man, dass es in Stuttgart einen kleinen und wenig ansehnlichen Platz gibt, der nach Joseph Süß Oppenheimer benannt wurde.

Die berühmtesten der zahlreichen literarischen Bearbeitungen des Stoffes sind die schon 1827 erschienene Novelle „Jud Süß“ von Wilhelm Hauff (1802-1827), von der einige wenige Motive im Film wiederzufinden sind, sowie der außerordentlich erfolgreiche, erst 1925 erschienene historische Roman „Jud Süß“ des assimilierten Juden Lion Feuchtwanger (1884-1958), der allerdings für den Film keinerlei Verwendung fand. Ihnen vorausgegangen waren kritische Bemerkungen über einen Finanzrat, der Ehrenstellen verkauft und auch als Kuppler für seinen Herrscher gedient habe, aber nicht mit Namen genannt wurde. Diese Hinweise fanden sich in dem Drama „Die Räuber“ (Erstaufführung 1782) von Friedrich von Schiller (1759-1805). Sie wurden von seinen Zeitgenossen als Charakterisierungen des Juden Süß Oppenheimer verstanden.

Das Drehbuch dieses Films hat seine eigene vielsagende Geschichte. Ludwig Metzger hatte schon in den 1920er Jahren ein Drehbuch „Jud Süß“ geschrieben, das sich stark auf die Novelle von Wilhelm Hauff bezog, die durchaus mitfühlend gegenüber den Juden geschrieben ist. Dieses Drehbuch reichte er bei Goebbels ein. Durch dessen Bearbeiter Eberhard Wolfgang Möller verschwand aber fast alles, was auf Wilhelm Hauff zurückging. Der Regisseur Veit Harlan ging dann ebenfalls sehr eigenmächtig mit dem Möllerschen Drehbuch um, das ihm in weiten Teilen nicht genügte. Dazu nahm er Meyers Konversationslexikon zur Hilfe, wie er in seinen Memoiren zugab. Das ist umso erstaunlicher, als dieses Lexikon kommentierend über die Kritik schrieb, die sich der Finanzdirektor Süß zugezogen hatte: „Obwohl S. nur den Willen seines Herrn ausführte und dabei durch viele Staatsbeamte unterstützt wurde.“ Außerdem benutzte Veit Harlan die durchaus sachliche Darstellung des Hoffaktors Süß aus dem Buch „Die großen Diebe“ von Alfred Semerau und Paul Gerhard Zeidler, 1927 erschienen. Aber er zog auf Anraten von Joseph Goebbels als weitere Information auch das Pamphlet „Von den Juden und ihren Lügen“ von Martin Luther heran.

Im Film wird der Jude Süß als absolut gewissenlos und raffgierig dargestellt, der das Land in wirtschaftliche Schwierigkeiten treibt und schließlich auch noch eine nichtjüdische Frau vergewaltigt. Für diese Rassenschande wird er gehenkt, und zwar nach einem „Reichsstrafgesetzbuch“, das es zu jener Zeit noch nicht gegeben hat, das vielmehr erst den damals erlassenen Gesetzen der Nationalsozialisten zum Schutz des arischen Blutes entspricht. Die Filmemacher sind wohl davon ausgegangen, dass diese Geschichtsklitterung den Zuschauern nicht auffällt. Merkwürdigerweise haben sie auch darüber hinweggesehen, dass der Jude Süß von Fall zu Fall nur durch die unsinnig verschwenderischen Wünsche des Herzogs Karl Alexander nach Schmuck für seine Frau, nach einer eigenen Oper, einem eigenen Ballett und einer Ehrengarde sowie nach mehr Soldaten zu der das Volk auspressenden Raffgier getrieben wurde. Man vertraute offenbar darauf, dass die Zuschauer auch dieses nur indirekte Schuldigwerden nicht erkennen würden. Und eine Chance zur Generalisierung ihrer Vorwürfe haben die Produzenten erstaunlicherweise nicht wahrgenommen: Die jüdischen Hoffaktoren waren in vielen mitteleuropäischen Residenzen des 16. bis 18. Jahrhunderts die eigentlichen Machthaber, weil sie die Mittel hatten, die Verschwendungen und Kriege der Fürsten zu finanzieren. So hätte man beispielsweise als Parallele den anderen berühmt-berüchtigten Hofjuden erwähnen können, nämlich Veitel H. Ephraim (1703-1773), der dem preußischen König durch immer weiter vorangetriebene kriminelle Münzverschlechterung zu den nötigen Mitteln für seine Kriege verhalf und als sein wichtigster Mann in dem prächtigen Ephraim-Palais residieren durfte, das wiederaufgebaut heute ein Schmuckstück Berlins ist.

Fast scheint es, als ob der gehässigen Intention des Auftraggebers Joseph Goebbels kleine Widerstände entgegengebracht worden wären. So könnte man zumindest die überwiegend sympathische Darstellung des Juden Süß durch den Schauspieler Ferdinand Marian sehen, für die es in den Kinosälen zuweilen spontanen Applaus gegeben haben soll. So auch könnte man es deuten, dass der eigentliche Fiesling des Films nicht der Jude, sondern der kindisch von seinen Wünschen besessene Lüstling Karl Alexander ist. Der Film „Jud Süß“ ist somit auch als Absolutismus-Kritik zu verstehen, was gegen die Devise verstieß: Ein Volk, ein Führer. Erst recht kann man eine sublime Widerstandshandlung darin sehen, dass die Juden, die von Werner Krauß gespielten wie auch die echten, in diesem Film nicht mit den abscheulichen Physiognomien ausgestattet sind, wie sie permanent in dem Hetzblatt „Der Stürmer“ von Julius Streicher gezeigt wurden. Werner Krauß hatte die mehrfach von Goebbels geforderten falschen Nasen abgelehnt, weil sie seine Mimik zu sehr beeinträchtigen würden.

  Der Auftraggeber Joseph Goebbels war trotz allem mit dem in nur drei Monaten Drehzeit produzierten Film sehr zufrieden. Er hatte persönlich dafür gesorgt, dass der beinahe versöhnliche Schluss des Films – der zum Tode verurteilte Jude Süß ergibt sich in stoischer Haltung in sein Schicksal – durch einen Schluss ersetzt wurde, in dem der Verurteilte um sein Leben fleht und sogar noch Geld anbietet, um sich freizukaufen. Selbst um den Schnitt kümmerte sich der Propagandaminister noch. Hinterher sorgte er dann dafür, dass der Film von rund zwanzig Millionen Menschen in Deutschland und in den besetzten Gebieten gesehen wurde. Mit einem Einspielergebnis von 6,2 Millionen Mark wurde er einer der größten kommerziellen Filmerfolge der Kriegszeit. Im Zusammenspiel mit Heinrich Himmler hatte Goebbels es auch ermöglicht, den Film allen SS- und Polizei-Einheiten, nicht zuletzt den Wachmannschaften der Konzentrationslager vorzuführen. Damit sollte jedes schlechte Gewissen bei der grausamen Behandlung jüdischer Menschen ausgeschaltet werden.

In etlichen juristischen Bewertungen dieser Tendenz bei Verfahren nach dem Krieg gegen den Regisseur Veit Harlan und die Hauptdarsteller Ferdinand Marian (als Süß) und Werner Krauß (fünf verschiedene Juden darstellend) sowie Heinrich George (als der Herzog) haben die Angeklagten sich als Nicht- Antisemiten und als von Goebbels mit unwiderstehlicher Gewalt zu dieser Mitwirkung gepresst dargestellt, was sie nur mehr oder weniger glaubhaft machen konnten. Letztlich aber konnte den Filmemachern nicht vorgeworfen werden, dass sie mit ihrer Arbeit eine Schuld an den Verbrechen der Nationalsozialisten auf sich geladen hätten, weil eine  Kausalität nicht mit Sicherheit nachgewiesen werden konnte. Erst viel später wurde bekannt, dass der Vorsitzende Richter des Veit-Harlan-Verfahrens am Landgericht Hamburg ein ehemaliger Nationalsozialist war. Mehr als Verhaftungen und Anklagen und anschließendes Berufsverbot sowie 5.000 Mark Geldstrafe für Werner Krauß ist den Darstellern des „Jud Süß“-Films nicht widerfahren, nur Heinrich George kam in das von den Sowjets geleitete Internierungslager Sachsenhausen, das ehemalige KZ, wo er 1946 bei einer Operation starb.

(Walter Laufenberg in: www.netzine.de)




Wir Wunderkinder

 

(Wir Wunderkinder, D 1958, 107 Minuten, Regie: Kurt Hoffmann, Liedertexte: Günter Neumann, Musik: Franz Grothe, Drehbuch: Heinz Pauck nach dem 1957 erschienenen gleichnamigen Roman von Hugo Hartung)

 

Fräuleinwunder und Wirtschaftswunder, das waren die Blechorden, die den Westdeutschen nach dem verlorenen Zweiten Weltkrieg angeheftet wurden. Diese Stehauf-Männchen galten dem Ausland als Wunderkinder, dabei waren sie nicht wenig stolz auf ihre hart erarbeitete Aufbauleistung und auf den Vater des Wirtschaftswunders, den Professor und Wirtschaftsminister Ludwig Ehrhard, der sie mit einer neuen Währung aus dem Sumpf gezogen hatte.

 
Hugo Hartung (1902 – 1972) hat wie in seinem erfolgreichsten und mehrfach verfilmten Buch „Ich denke oft an Piroschka“ (1954) auch hier Elemente seiner Autobiografie eingebracht. War er selbst doch ein Opfer des Dritten Reichs. Ab 1936 hatte er Schreibverbot und fristete sein Dasein in innerer Emigration als Dramaturg an kleineren Bühnen.

 
Der in der jungen Bundesrepublik Deutschland sofort Furore machende und auch schon bald international ausgezeichnete Film „Wir Wunderkinder“ betrachtete den Aufschwung der Nachkriegszeit mit ironischer Distanz, indem er in einem schnellen Überblick die Geschichte der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts skizzierte. Damit zeigte der Film, wie es zum Ab und Auf und Ab und wieder Auf in Deutschland gekommen war. Selbstverständlich sind auch ein paar rührende Liebesgeschichten eingewebt. Doch werden Krieg und Bombenterror sowie Judenverfolgung nur in homöopathischer Dosierung geboten.

 
Der gewaltige Tidenhub der Jahrhunderthälfte wird dargestellt an dem Schicksal eines Mannes, der als Junge noch den starren Prunk des Kaiserreiches erlebt hat, dann das Desaster der Weltwirtschaftskrise übersteht, dem lautstarken Auftreten des Nationalsozialismus sehr distanziert gegenübertritt, die Kriegszeit mit Mühe und viel Glück übersteht und danach den Verlockungen der Nachkriegszeit widersteht, die den Gewissenlosen die Türen zu ganz großen Karrieren öffnete.

 
Für diese Spezies von skrupellosen Mitmenschen steht als der Gegenspieler des Guten der Böse, so simpel ist hier die Schwarz-Weiß-Zeichnung. Dieser böse Zeitgenosse ist ein ehemaliger Schulkamerad, der es zu einer höheren Funktion in der Partei bringt, aber nach dem Ende des Nationalsozialismus nicht etwa am Boden ist, sondern als Schwarzhändler gute Geschäfte macht und sich sehr schnell zum einflussreichen Wirtschaftsführer mausert.

 
Die große gestalterische Idee des Films ist, das Ganze ins Kintopp-Milieu zurückzuverlegen und von einem Erzähler sowie einem Klavierspieler im Halbdunkel vor der Kinoleinwand begleiten zu lassen. So wird der Streifen zum Kommentarfilm, in einer pfiffigen Weise getextet und von bissigen Liedern begleitet. Womit die deutsche Geschichte zum Kabaretterlebnis wird. Damit erleidet diese Darstellung das Schicksal, das jede Kabarettaufführung trifft: Was als drastische Kritik von Möchtegern-Weltverbesserern gemeint war, wird zur amüsanten Abendunterhaltung. So unbefriedigend das ist, die meisten Menschen geben sich damit zufrieden. Und bei „Wir Wunderkinder“ ist es nicht nur die Belustigung, die uns einlullt, es ist darüber hinaus auch die Quintessenz des Films, die sich einem aufdrängt und dazu einlädt, die Hände in den Schoß zu legen und sich zu sagen: Du kannst es noch so gut meinen, den skrupellosen Opportunisten gehört die Welt.

 
Trotzdem ein Blick auf die Besonderheit der Sprache dieses Streifens: Text und Bild der Kommentare sind so synchron geschnitten, dass die Bildhaftigkeit der Sprache unübersehbar wird. Da werden der Zylinder immer mehr, nämlich in den Händen von Spalierstehenden und in den großkalibrigen Autos, und da geht einem der Hut hoch. Als am Ende der Wirtschaftskapitän versehentlich in einen wegen Reparaturarbeiten leeren Fahrstuhlschacht stürzt, resümiert der Kintopp-Kommentator: „ … ist verschieden. Aber Verschiedene seines Schlages leben weiter. So viele Fahrstühle können ja auch gar nicht repariert werden.“ Das war eine Gagmethode, die mit ihrer Direktheit Satz für Satz überraschte, die dem heutigen Betrachter des Films aber auch die Zeitgebundenheit der Sprache ins Bewusstsein bringt. Derart platt Wort und Bild in Übereinstimmung zu bringen, das wäre heute nicht mehr möglich. Hat doch zwischenzeitlich eine andere Variante der Sprachgags, die mit AKW-Nee und ähnlicher Scheinpoesie daherkam, unser Gehör empfindlicher gemacht. Sprache wurde zur Waffe im politischen Kampf. Bis auch das nicht mehr genügte, weil es nichts bewegte, und die Sprachbeherrscher die Schreibmaschine gegen die Maschinenpistole eintauschten. Doch das war das Deutschland der 68er und nicht mehr das des alten Hugo Hartung und seines Films über den wunderbaren Aufstieg.

 
(Walter Laufenberg in: www.netzine.de)

 

 

 
Die Heiden von Kummerow und ihre lustigen Streiche

 
 

(Die Heiden von Kummerow und ihre lustigen Streiche, BRD/DDR 1967, 90 Minuten, Regie: Werner Jacobs, Drehbuch: Johanna Sibelius und Eberhard Keindorff nach dem gleichnamigen Roman von Ehm Welk)

 
 

Der erste Eindruck ist: Hier wird mir so was serviert wie Emil und die Detektive. Was prompt auf die richtige Fährte führt, die geht nämlich zum Schicksal des Autors. Da zeigt sich, dass Erich Kästner durchaus Ähnlichkeit hat mit Ehm Welk. Beide hatten unter politischem Druck einen Weg gefunden, der vor dem Verstummen bewahrte. Beides interessante Varianten der inneren Emigration.

 
Dazu muss ein Blick auf die Biografie des Autors geworfen werden. Ehm – eigentlich Emil – Welk, 1884 in der Uckermark geboren und 1966 in Bad Doberan gestorben, war Journalist und hat sich ursprünglich mit Dramen einen Namen gemacht. Durch Kritik an Goebbels kam er vorübergehend in das Konzentrationslager Oranienburg und hatte anschließend nur eine eingeschränkte Schreiberlaubnis. So entstand im Jahre 1937 das humoristische Volksstück „Die Heiden von Kummerow und ihre lustigen Streiche“ als erster Teil einer Trilogie. Dass darin die positive Figur der sozialistisch denkende Bauer war, dessen Junge Klassenbester wurde, und dass die unsympathische Figur der Müller war, der als Unternehmer beim Ankauf des Getreides die Dörfler betrog, das übersahen die Nazis. Ein aufgesetztes Scheinthema, nämlich altes heidnisches Brauchtum, gegen das der Pfarrer vergeblich ankämpft, konnte von der eigentlichen Thematik ablenken. Das Ursprüngliche, das Völkische setzt sich gegen die Kirche durch. Das gefiel den Machthabern.

 
In der das Dritte Reich ablösenden DDR war die eindeutig sozialistische Tendenz natürlich ein Pluspunkt des Autors. Das brachte ihm Orden und andere Ehren, auch den Professortitel ein. Und sogar zu Briefmarkenehren ist er gekommen. Als dann die Idee aufkam, einen ost-westlichen Gemeinschaftsfilm zu drehen, übersahen die westdeutschen Filmemacher und renommierten Schauspieler genau wie die Nazis die sozialistische Tendenz. Man fiel ein zweites Mal auf den heidnischen Mummenschanz herein. Nur so konnte es zu der erstaunlichen BRD-DDR-Gemeinschaftsproduktion kommen, sechs Jahre nach dem Mauerbau in Berlin. Den Triumph konnte der Autor aber nicht mehr genießen. Im Jahr vor der Premiere des Films starb er.

 
Die Handlung ist schnell erzählt. Ein abgerissen auftretender und schweigsamer Kuhhirte kommt jedes Frühjahr ins Dorf und verschwindet im Herbst wieder. Und niemand was weiß was von ihm. Der Müller hasst ihn und will ihn aus dem Dorf vertreiben. Aber die Kinder lieben ihn. Und selbst der allmächtige Pfarrer kann sich mit seiner Anwesenheit abfinden. Zudem gibt es im Dorf die unbestimmte Erinnerung an eine Untat, die dem Müller angelastet wird. Es kommt, wie es in einem humoristischen Volksstück kommen muss: Der reiche Müller wird schließlich in Handschellen abgeführt, und der arme, vertriebene Kuhhirte ins Dorf zurückgeholt.

 
Der Pfarrer ist schon so was wie eine Vorahnung von Don Camillo. Doch der Superintendent in der Schulszene ähnelt den Lehrern in der Feuerzangenbowle, die Streiche der Kinder erinnern an Max und Moritz, die Frauen des Dorfes sind noch unterwürfig brav, wie im 19. Jahrhundert, der Dorfpolizist ist ignorant und trägt im Einsatz auch auf dem Fahrrad eine Pickelhaube. Alles in allem ein schön nostalgisches Stück Unterhaltung mit einer ideologischen Befrachtung, die heute keinen Menschen mehr stört. Deshalb ist der so ungewöhnlich zustande gekommene Film immer mal wieder im Abendprogramm des Fernsehens zu sehen. Dass selbst eine Ideologie so belanglos werden kann wie beispielsweise Schnurkeramik, ist eine Erkenntnis, die sich mit genügend Bier oder Wein und Knabberzeug gut ertragen lässt.

 
(Walter Laufenberg in: www.netzine.de)





Die Band von Nebenan

 

Filmbild - Die Band von Nebenan(Bikur Hatizmoret, Israel/F 2007, 85 Minuten, Drehbuch und Regie: Eran Kolirin)

 
Dem Film ist ein Spruch vorangestellt, der offensichtlich widerlegt werden will – und auch wird:

Es war einmal eine verlorene Kapelle in der Wüste. Kaum jemand erinnert sich an diese Geschichte. So wichtig war sie nicht.

 
Das Acht-Mann-Orchester der Polizei von Alexandria macht einen Besuch in Israel, um bei der Eröffnung eines Kulturzentrums aufzuspielen. Durch ein Missverständnis lassen sich die Ägypter aber per Bus in ein völlig abseits gelegenes Wüstennest fahren, wo die Uniformierten mit ihren Rollköfferchen und Instrumentenkästen sehr deplaziert wirken. In diesem Ort gibt es kein Kulturzentrum, auch kein Hotel und eine nächste Busabfahrt erst am folgenden Tag. Eine Imbisswirtin und ihre Freunde bringen die versprengte Gruppe bei sich unter. So gehemmt, wie die ausländischen Großstädter im Abseits auftreten, und wie die einheimischen Kleinststädter auf die sonderbaren Besucher reagieren, es kommt allmählich doch zu menschlichen Begegnungen, die mehr als komisch sind und sogar unter die Haut gehen. Das ist Völkerverständigung auf die lähmend langsame und dabei skurrile Art.

 
Vordergründig lehrt dieser Film seine Betrachter, dass die korrekte und bescheidene Zurückhaltung des Orchesterchefs und Dirigenten zwar ehrenhaft ist, aber auch lebensuntüchtig wirkt und einen nicht weiterbringt. Dies vor allem bei der so freundlich entgegenkommenden Wirtin, die sich ganz offensichtlich für ihn begeistert. Andererseits wird die absolut nicht korrekte Art des jungen Trompeters, der stets den Mädchen nachguckt und die Irrfahrt verursacht hat und in einer köstlichen Scharade einem gehemmten jungen Israeli beibringt, wie man eine Freundin erobert, zum Fingerzeig in die Zukunft: Leben und leben lassen!

 
Ein Film voll von kleinen Anspielungen, die ein genaues Hinsehen erfordern, eine Feldstudie der dezentesten zwischenmenschlichen Aktionen, gefördert durch knappe Beispiele überwiegend klassischer arabischer Musik. Und das im Kleine-Leute-Milieu und in einer Landschaft, die fast immer nur aus einer Asphaltstraße besteht, aus der eine endlose Reihe von Peitschenlaternen herausgewachsen ist. Ein Low-Budget-Streifen, der einen trotzdem voll zufriedenstellt.

 
So amüsiert, wie man als Kinobesucher ist, auf dem Heimweg muss man sich doch zugeben, dass es sich nicht im Geringsten um eine aktuelle Situationsschilderung aus dem Krisengebiet Naher Osten handelte, sondern um ein reines Wunschbild. Kein Wort über die ewigen kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen den Israelis und den Arabern. Gerade nur einmal eine Mütze, die auf ein Bild an der Wand gehängt wird, auf dem – kaum mitzukriegen – ein Panzer oder ein Politiker zu sehen war. Egal ob Panzer oder Politiker, das bleibt sich gleich und ist nichts anderes als die trostlose Realität. Hier in einer mehr als vorsichtigen Dosierung geboten. Denn in einem Reality Movie würden die Uniformen anders aussehen als diese schmucken hellblauen Polizeiuniformen der ägyptischen Musiker, und statt der so gehemmt auftretenden Biedermeier würden fanatische Märtyrer-Aspiranten mit Dynamitgürtel und Jungsoldatinnen mit harten Zigarettengesichtern das Bild bestimmen.


Ohne Umschweife gesagt: Es handelt sich bei dieser so erfreulichen Komödie bei aller Lakonie um ein Werk mit pädagogischer Ausrichtung. Was kein Wunder ist, kommt der Filmemacher Eran Kolirin doch von der Arbeit an TV-Serien her, die ja immer belehrend sind, dem selbstgestellten Auftrag der Fernsehanstalten entsprechend, die sich als Klippschulen der Nation empfinden. Doch die pädagogische Absicht ist kein Negativum. Sie ist eher tröstlich. Sieht doch inzwischen jeder Zeitungsleser, Radio- und Fernsehkonsument klar, dass weder die Politiker Israels noch die der arabischen Länder den Frieden wollen, den sie ständig auf den Lippen haben. Dass es aber in Israel auch aufgeschlossene Bürger gibt, die gegen die eigene Regierung protestieren, das wird viel seltener deutlich. Und dass es dort sogar Leute gibt, die einen Film machen, der zeigt, wie sich die Menschen diesseits und jenseits der Grenzen gleichen, das darf wohl als das Aufflackern einer besseren Zukunft für den Nahen Osten begrüßt werden. 

 
(Walter Laufenberg in: www.netzine.de)




Leergut

Filmbild - Leergut(Vratné Lahve, Tschechien 2007, 103 Minuten, Regie: Jan Sverák, Drehbuch und Hauptdarsteller: Zdenek Sverák, Kamera: Vladimír Smutný)


Filme gibt es, die sich vergeblich damit abmühen, ein großes Buch zu bebildern, und es gibt Filme, die über jedes noch so kleine Buch hinausblühen. Hier geht es um ein Filmkunstwerk von der zweiten Sorte. Die Story ist einfach strukturiert: Ein alter Lehrer in Prag ist es leid, sich von den respektlosen Kindern terrorisieren zu lassen, und lässt sich in den Ruhestand versetzen. Was bei ihm aber nicht Ruhe bedeuten kann, weil er sich dafür viel zu jung fühlt und viel zu gern mit dem Leben beschäftigt ist, mit seinem und mit dem seiner Mitmenschen. Daheim herumzusitzen, wird ihm schnell unerträglich, weil er spürt, dass er in der häuslichen Sphäre seiner Frau nur stört. Und seiner unglücklichen, weil sitzengelassenen Tochter kann er nicht helfen, weil er keinen Zugang zu ihrer frömmelnden Abgehobenheit findet. Auch die Oparolle genügt ihm nicht. Also sucht er sich einen Job. Als Fahrradkurier übersteht er einen Unfall, der ihm zeigt, dass diese Beschäftigung doch nicht nur eine Sache der Einstellung und des guten Orientierungsvermögens ist, wie er gemeint hat, sondern auch der jugendlichen Wendigkeit.
 

In der Leergutannahme eines Supermarkts findet er die Erfüllung seiner Wünsche. Die kleine Flaschen-Durchreiche ist sein Fenster hinaus ins Leben. Er wird zum Freund seiner Kundinnen und Kunden, passt auch einmal auf Hund oder Kleinkind auf, bringt einer Gebrechlichen die Lebensmittel nachhause und streckt sogar aus der eigenen Tasche das Geld vor, bis die Kundin die nächste Rentenzahlung erhält. Ein Mann, der glücklich ist, will auch seine Mitmenschen glücklich machen. So macht er aus seinem Kollegen, einem alten verbitterten Kriegsinvaliden, einen netten und wieder gepflegten Mann und schließlich einen Hochzeiter. Für den jungen Mann am Reißwolf öffnet er eine neue Lebensperspektive. Und auch für seine Tochter fädelt er ein Verhältnis mit einem jungen Lehrer ein. Und gerade das, was offiziell als Kuppelei bezeichnet und schlecht angesehen ist, wird hier zur selbstgewählten Kernaufgabe eines Menschenfreundes. Die erotischen Abenteuer, die er für sich selbst wünscht, beschränken sich nach einer Panne, weil er die Wochentage verwechselt hat, auf schöne Träume.


Die Kontrasthandlung um seine Frau kommt leider etwas zu kurz. Kein Wunder, der Film wurde von zwei Männern – Vater und Sohn – gemacht. Die Ehefrau, der der Ruheständler nichts vormachen kann, die alles besser weiß und ihm so streng wie steif gegenübertritt, wird erst durch einen erwachsenen Nachhilfeschüler für Französisch aus dem zu engen Korsett des gutbürgerlichen Wohlverhaltens befreit. Fällt dann aber auch direkt aus der Rolle. Schließlich ist sie bereit zu einem besonderen gemeinsamen Abenteuer mit ihrem Mann anlässlich ihres vierzigsten Hochzeitstages, nämlich einer Ballonfahrt. Dieser Ausflug endet beinahe tödlich, aber dann doch mit dem Satz: „Wir dürfen noch eine Weile weiterleben.“ Wobei dem Ballon sehr symbolträchtig die Luft ausgeht und dam Zuschauer aufgeht, dass ihm wohl nicht mehr geboten wird als die Aussicht auf ein Weiterleben wie bisher.
 

Der Film, als Komödie bezeichnet, besticht durch die Selbstverständlichkeit, mit der er die Probleme des menschlichen Miteinanders anspricht, und das auf der unspektakulären Ebene der sogenannten Normalmenschen. Das ist nicht das klassische Theater als moralische Anstalt. Hier gibt es nichts Erbauliches, nichts Lehrreiches, aber auch keinen Klamauk. Es gibt keine Problemlösungen als Sonderangebot, nicht einmal einen Helden, dem man nacheifern könnte. Den Zuschauern werden lediglich Alltagsrollen geboten, in denen sie sich wiedererkennen können, ja, müssen. Worüber sie dann lachen dürfen. Für den einen ist das ein Film übers Altern, für den anderen eher ein Film über die Art, wie man Lebenschancen ergreifen kann. So oder so, seine Direktheit gibt diesem Streifen bei aller Lustigkeit eine besondere Wärme, weil man sich betroffen fühlt.

 
Dass dieser Film bei all seiner betonten Einfachheit doch so bezaubernd, so schön und erfreulich und auch erfolgreich ist, das ist vor allem ein Verdienst der Regie und der liebevoll verspielten Kameraführung, die einerseits gern, wenn auch nicht gerade neu, den fahrenden Zug der Zeit zeigt, andererseits mit Großaufnahmen von Kleinem den Horizont des Betrachters weitet und ihn immer mal wieder in verlockende Traumbilder entführt.

(Walter Laufenberg in: www.netzine.de)





Darjeeling Limited

 
Filmbild - Darjeling(The Darjeeling Limited, USA 2007, 105 Minuten, Regie: Wes Anderson, Drehbuch: Wes Anderson, Roman Coppola und Jason Schwartzman)

 
Der westdeutsche Großstadt-Kinosaal war nicht einmal halbvoll, es gab nur hin und wieder einzelne Lacher, sonst keinerlei Reaktion, die auf große Begeisterung schließen ließ. Das durchaus gemischtaltrige Publikum, kaum sehr junge Leute, verließ das Kino schon während der endlosen Schlussmusik und zeigte sich dabei weder erschüttert noch belustigt.

 
Überdeutlich, dass Anderson etwas Ungewöhnliches bieten wollte, die Zuschauer aber nicht den Eindruck hatten, etwas Ungewöhnliches erlebt zu haben. Der Film soll in den USA schon kurz nach seinem Erscheinen über 12 Millionen Dollar eingespielt haben, dort also gut angekommen sein. Worum ging es?

 
Drei aus den USA kommende, sehr unterschiedliche Brüder, die sich länger nicht gesehen haben, treffen nach dem Tod ihres Vaters in einem durch Indien fahrenden nostalgischen Luxus-Zug namens „Darjeeling Limited“ aufeinander. Der Älteste hat einen Plan und setzt ihn über die Köpfe der Brüder hinweg durch. Er will ein Wiedersehen mit der Mutter arrangieren, die sich in ein christliches Kloster im indischen Abseits zurückgezogen hat. Den Brüdern macht er jedoch vor, es gehe um eine Tour, die ihnen als Hilfe zur Selbstfindung ein gemeinschaftliches Erlebnis von höherer Spiritualität bieten werde. Alle drei haben ihre Probleme. Der Älteste trägt schwere Kopfbandagen, die angeblich nur von einem Motorradunfall herrühren, vielleicht aber auch von mehr. Der Zweitälteste hat sich von einer Freundin getrennt, die ihn dann zu seinem Verdruss noch einmal in Paris aufgestöbert hat, das Vorspiel des Films, was er in einer Kurzgeschichte beschrieben statt verarbeitet hat. Der Jüngste hat aus Angst vor der Vaterrolle, die auf ihn zukommt, eine hochschwangere Frau verlassen und kommt doch nicht von ihr los.

 
Alle drei sind permanent unterwegs, mit viel zuviel Gepäck beladen, mit zuviel Ratlosigkeit zudem und mit zuviel Wut im Bauch, die sich auch schon einmal gegeneinander austobt. Sie kaufen ein und verlieren das Gekaufte. Sie versuchen sich in mythischem Getue und stellen sich dabei sehr ungeschickt an. Sie retten zwei Kinder vor dem Ertrinken und nehmen an der Einäscherung des dritten Kindes teil, dessen Rettung ihnen nicht gelungen war, und werden so Freunde der Einheimischen. Und verlieren auch diese Verbindung gleich wieder.

 
Das Besondere an diesem Film ist, dass er an die Jahre gegen Ende des vergangenen Jahrhunderts erinnert, in denen man als junger Mensch nach Indien pilgerte, um unter der Anleitung eines hochverehrten Gurus ein neuer Mensch zu werden. Die damals an diesem Seligkeits-Rezept zweifelten und daheim blieben, können sich jetzt in ihrem heimischen Kino bestätigt fühlen: Indien schenkt einem keine neue Spiritualität, dafür führen wir viel zuviel Ballast mit, lieben wir zu sehr unser kleines Ich, fallen wir zu leicht jedem Kaufreiz zum Opfer, sind wir viel zu abhängig von Nikotin und diversen anderen Drogen und obendrein immer zugedröhnt von Musik. Und das Indien, dem wir begegnen, ist ohnehin nur das Indien der schrecklichen Armut und der kuriosen Riten uns fremd bleibender Religionen.

 
Der in den USA als neue Film-Hoffnung gefeierte Wes Anderson stellt seinen Zeitgenossen mit diesem trotz schöner Landschaftsaufnahmen nur scheinbar unterhaltsamen Film ein Zeugnis aus, das voll von Symbolik ist, aber von einer Symbolik, die anders ist als bei Buňuel. Denn Anderson reißt seinen Mitmenschen die Masken herunter, diesen mit Vuitton-Koffern und Lärm- und anderem technischen Spielzeug beladenen, zu Telefonitis und Zigarettenalbernheit neigenden, Sex mit Liebe verwechselnden, sich mit Parfum Marke Voltaire Nr. 6 und Pharmakonsum begnügenden armseligen Kreaturen. Der Film „Darjeeling Limited“ ist letztlich ein Essay in bewegten Bildern. Mag sein, das ist die letzte literarische Form, mit der man noch die Menschen von heute aufklären kann, die nicht mehr gewohnt sind, etwas Anspruchsvolleres zu lesen, und nur noch Bildchen gucken können. 

(Walter Laufenberg in: www.netzine.de)



 

Der große Diktator

 

(The Great Dictator, USA 1940, 120 Min., Drehbuch, Regie, Produktion und Doppelrolle: Charles Chaplin)

 

Ein kleiner und so linkischer wie menschenfreundlicher jüdischer Friseur rettet im Krieg dem Offizier Schultz des Phantasiereiches Tomania das Leben und gewinnt damit einen Beschützer, wie sich viele Jahre später im Ghetto zeigt, als die Sturmtrupps des Diktators Adenoid Hynkel die Juden drangsalieren. Dort beginnt auch die neckische kleine Liebesgeschichte, die zu einem Erfolgsfilm gehört. Durch sein Engagement für die Juden wird der Beschützer Schultz später selbst zum Gejagten, der schließlich genau wie der Friseur in ein Konzentrationslager verbracht wird. Den beiden gelingt die gemeinsame Flucht, und der Friseur wird, wegen seiner frappierenden Ähnlichkeit mit dem Diktator verwechselt, gezwungen, bei einer Massenversammlung eine flammende Rede an sein Volk zu halten. 

 

Dieses Meisterwerk Charles Chaplins besticht durch die Souveränität, mit der er in fünffacher Funktion gearbeitet hat. Dass es ausgerechnet ein jüdischer Friseur ist, der dem großen Diktator gleicht, ist nur eine der vielen kleinen Bosheiten, mit denen dieser Film auf Adolf Hitler einschlägt, auf diesen kleinen Österreicher, der dabei ist, ein Großreich aufzubauen. Die sensationellen Erfindungen, die dem Diktator vorgeführt werden, sind sämtlich Flops, der Diktator redet sich immer wieder in einem furiosen Phantasiedeutsch in Rage, und der Globus, der ein Luftballon ist, zerplatzt genauso beim Jonglieren des Machtmenschen mit ihm, wie seinem Traum von der Weltherrschaft die Luft ausgeht.

 

Ein großartiger Komiker kämpft mit seinen Mitteln gegen einen verbissen ernsthaften Machtmenschen an. Und kann dabei nicht vermeiden, schließlich selbst höchst ernsthaft zu werden. Nämlich in der großen Rede, die der Friseur als falscher Diktator hält. Das ist die Schlussapotheose des Films, die zugleich sein Scheitern eingesteht. Denn der Filmemacher bricht aus seinem Genre aus und lässt den kleinen Juden plötzlich all seine Lächerlichkeit verlieren, ein ernsthaftes Gesicht annehmen und druckreife Sätze über Liebe, Freiheit, Brüderlichkeit und Demokratie sprechen, die klingen, wie von Thomas Jefferson in Gesetzestafeln eingeritzt. 

 

Der englische Komiker Charles Spencer Chaplin (1889-1977), selbst kein Jude, stellte sich dar als ein typischer jüdischer Kleinbürger mit seiner Weltfremdheit und Ängstlichkeit und als unberechenbarer Diktator, der sich mit seinen wüsten Hasstiraden selbst zum Zerrbild eines Herrschers machte. Sein Kumpan Benzino Napaloni, der zweite große Diktator, wurde zum perfekten Clown. Doch war Chaplin sich offenbar darüber im Klaren, dass Komik allein nicht genügen würde, Machtmenschen wie Adolf Hitler und Benito Mussolini in ihre Schranken zu weisen. Eine Komödie würde lediglich der breiten Masse einen vergnüglichen Abend bescheren, mehr aber nicht bewirken. Adolf Hitler und Benito Mussolini als lächerliche Figuren hinzustellen, das war Charles Chaplin nicht genug. Deshalb die große Schlussrede, und deshalb hat er selbst diese ernsthaft programmatische Filmrede des kleinen Friseurs noch mehrfach bei politischen Veranstaltungen gehalten. Diese Rede wurde sogar gedruckt unter die Leute gebracht.

 

Damit entpuppt sich der Film „The Great Dictator“ als Teil einer Kampagne eines prominenten und höchst erfolgreichen britischen Künstlers gegen den antijüdischen Geist, der damals in den USA stark verbreitet war und u. a. dazu geführt hatte, dass das Land sich sogar gegen die Aufnahme jüdischer Waisenkinder abgeschottet hatte. Starke amerikanische Nazi-Organisationen bedrohten den Filmemacher schon bei den Vorbereitungen zu diesem Werk. Und auch die US-Regierung zeigte eine ablehnende Haltung. Verständlich, weil sie neutral bleiben wollte, durch diesen Film aber mehr Druck der Öffentlichkeit zum Kriegseintritt befürchten musste.

 

Übrigens gibt es Berichte, Adolf Hitler habe diesen Film gesehen. Schon drei Monate nach der Uraufführung hatte ein Kontaktmann von Joseph Goebbels eine Kopie besorgt, die der Reichspropagandaminister seinem Führer zur Verfügung stellte. Hitler pflegte allabendlich einen Film zu sehen, um sich vom Tagesgeschehen lösen und besser einschlafen zu können. Wie Hitler auf diese Verhöhnung reagiert hat, ist leider nicht überliefert, jedenfalls hat er „The Great Dictator“ in den Filmschatz aufgenommen, den er in der Reichskanzlei für seinen persönlichen Bedarf angesammelt hatte.   

 

(Walter Laufenberg in: www.netzine.de)



Barry Lyndon

 

(Barry Lyndon, GB 1975, 177 Minuten, Regie und Drehbuch sowie Produktion: Stanley Kubrick, nach dem Roman „The Memoirs of Barry Lyndon, Esq.“ von William Makepeace Thackeray)

 

Der Film war ein Flop, er hat als einziger der Kubrick-Filme (u. a. Lolita; Dr. Seltsam; 2001: Odyssee im Weltraum; Uhrwerk Orange) seine Herstellungskosten nicht eingespielt. Das zeigt, auch so berühmte Väter wie Thackeray und Kubrick können nicht verhindern, dass ihr Kind missrät. Damit sind wir schon beim Inhalt des Films. Und der lässt sich sogar bei solch einem Drei-Stunden-Opus in drei Sätzen angeben:

 
Der junge irische Landadelige Redmond Barry hat in einem Liebes-Duell einen britischen Offizier erschossen, glaubt das zumindest, weswegen er sich gezwungen sieht, seine Heimat zu verlassen. Er fällt unter die Räuber, dann mal in dieser Uniform und mal in jener unter die Soldaten, anschließend unter die Spione und Falschspieler und danach durch geschickte Heirat einer Adligen unter die superreichen Ignoranten. Obwohl er überall viel lernt, hat er Pech und endet als verbannter einbeiniger Invalide in Armut und Schande.

 
Es ist das die Verfilmung eines typischen Entwicklungsromans, also einer literarischen Form mit großer Tradition. Ein naiver Junge wird vom Leben zum Mann geformt, und der Mann scheitert am Leben. Thackeray lässt in seinem 1844 erschienenen Roman den jungen Barry am Anfang seines Weges mehrfach sagen, dass er leider in schlechte Gesellschaft geraten sei, aus der er sich zu befreien versuche, weil er nicht dazugehöre. Als er dann mit Hilfe der miesen Tricks, die er der schlechten Gesellschaft abgeguckt hat, ein Mitglied der noblen Gesellschaft geworden ist, fällt er auf eine Provokation herein und verliert die Contenance. Das darf man sich in dieser Gesellschaft nicht erlauben, weil sie einen dafür ausstößt. Heute würde man das Prinzip des Entwicklungsromans auf die Faustformel bringen: Mach dir nichts draus, dass du nichts aus dir machen kannst. Dieses Resümee aller Mühen ist für die Leser am ehesten zu ertragen, wenn der Entwicklungsroman als pikarischer Roman daherkommt, also als Schelmenroman. Und mehr oder weniger um einen solchen handelt es sich bei dem Roman „Barry Lyndon“.

 
Der Held dieses Buches erzählt selbst sein abenteuerliches Leben.
Diese Form, die Thomas Mann mit seinem „Felix Krull“ zu einem umwerfenden Erlebnis machen sollte, klang bei Thackeray schon so: “Though, as a man of the world, I have learned to despise heartily the claims of some pretenders to high birth who have no more genealogy than the lackey who cleans my boots, and though I laugh to utter scorn the boasting of many of my countrymen, who ar all for descending from kings of Ireland, and talk of a domain no bigger than would feed a pig as if it were a principality; yet truth compels me to assert that my family was the noblest of the island, and, perhaps, of the universal world ...”

 
Es spricht für den Leser Stanley Kubrick (1928-1999), dass er sich für William Makepeace Thackeray (1811-1863) begeistert hat, dessen berühmtestes Werk „Vanity fair“, der Roman ohne einen Helden, in den Jahren 1847 - 48 in zwanzig Folgen in einer Zeitschrift veröffentlicht wurde, deutscher Titel: „Jahrmarkt der Eitelkeiten“. Es spricht aber gegen den Filmemacher Stanley Kubrick, dass er den Barry-Lyndon-Flop nicht geahnt hat. Kubrick muss es genossen haben, wie fein ironisch Thackeray in seinem ausschweifenden Plauderton in einer altmodisch anmutenden Sprache seine Zeitgenossen gezeichnet hat, und er muss der Überzeugung gewesen sein, dass diese Schilderung der viktorianischen Gesellschaft auch für die einhundert Jahre später Lebenden noch zutreffend oder wenigstens goutierbar ist. Kubrick hat versucht, möglichst viel von der Süffisanz des Romans in den Film einzubringen, indem er manche Passage wörtlich zitiert hat. Dass dabei - zumindest in der deutschen Fassung - die Musik fast durchgängig zu laut geriet und die gepflegte Sprache niederknüppelt, ist ein bedauerlicher Fehler dieses Films. Möglicherweise ist das jedoch mit einer besonderen Hochachtung Kubricks für die alten Meister zu entschuldigen, handelt es sich doch vor allem um Musik von Händel, Bach, Vivaldi, Mozart und Schubert. Der Protagonist Barry Lyndon ist mehr als nur ein Schelm oder Abenteurer, deshalb auch im Film sympathisch und durchaus nicht klischeehaft dargestellt. Wie er sich als Vater aufführt, das zeigt ihn von seiner besten Seite. Doch der Tod seines geliebten Kindes ist zu breit ausgemalt, womit er den Rahmen eines amüsanten Historienbildes sprengt.

 
Im Vergleich mit den Filmen, die Stanley Kubrick berühmt gemacht haben, fällt „Barry Lyndon“ klar ab. Er bringt nicht die große Sensation, überhaupt nichts Spektakuläres. Das versuchte Kubrick mit Ausführlichkeit und opulenter Ausstattung aufzuwiegen, mit pedantischer Akkuratesse der Darstellung, mit vielen wie Gemälde wirkenden Landschaftsaufnahmen und mit einer speziellen Kameraführung. Kurz gesagt: Er musste Quantität einsetzen, weil die eigentliche Qualität Thackerays, die sprachliche Raffinesse, filmisch nicht darzustellen war. Das Außerordentliche, das dieser Roman zweifellos enthält, es kommt - typisch für Thackeray - nur vermummt daher. Der Dichter zeigt die Hohlheit der Gesellschaft auf, gibt Hilfestellung gegen Täuschungen, lässt vieles, das groß sein will, als Humbug entlarvt dastehen, und er trennt den Schein vom wahren Sein. Das aber alles so sublim gebracht, dass es für den Durchschnitts-Kinogänger nicht erkennbar würde. Dahinter steht bei Thackeray ein Menschenbild, das uns als sehr unvollkommene Wesen sieht, von Selbstsucht, Gier und Eitelkeit angetrieben. Liebe ist nur Schein, die Frauen suchen bloß Befriedigung, und die Männer suchen Selbstbestätigung und Geld.
Bereits der erste Satz des Romans hätte Kubrick warnen müssen: „Since the days of Adam, there has been hardly a mischief done in this world but a woman has been at the bottom of it.“ Aber ohne eine Frauengestalt, die begeistert, und sei es als Femme fatale, kann man nur schwer einen Erfolgsfilm machen.

 
Dass der Film über den total gescheiteren Barry Lyndon in der Schlusseinstellung das Datum 1789 nennt, also das Jahr der Französischen Revolution, und darauf hinweist, alle Menschen seien gleich, ist als Fazit die verborgene Sensation dieses Films. Mit dieser grundsätzlich schwarzen Sicht auf den Menschen steht Thackeray in einer Linie neben Autoren wie Jonathan Swift und Wilhelm Busch. Die beiden Kollegen sind, ohne dass sie sich dagegen wehren konnten, vom Buchmarkt zu Kinderbuchautoren umfunktioniert worden, Thackeray hat es nicht ganz so arg getroffen, er ist nur vergessen worden. Kubricks Film hat ihn für drei Stunden dem Vergessensein entrissen. Auch das ist verdienstvoll.

(Walter Laufenberg in: www.netzine.de)





Große Freiheit Nr. 7

 

(Große Freiheit Nr. 7, D 1944, 109 Min., Regie: Helmut Käutner, Drehbuch: Richard Nicolas, Helmut Käutner)

 

 Das Drehbuch ist einem in die Jahre gekommener Seemann auf den Leib geschrieben, damals musste das Hans Albers sein, der als Stimmungssänger in einem Revuelokal von St. Pauli arbeitet. Er ist der Geliebte der ebenso in die Jahre gekommenen Inhaberin des Etablissements. Der Bruder des Sängers stirbt, und so muss er sich um das Mädchen kümmern, das sein Bruder sitzengelassen hat. Er macht das süße bayerische Madel zu einer Deern, indem er sie zu sich in seine kleine Wohnung holt. Er ist korrekt und freundlich und verhilft ihr sogar zu einer Anstellung in einem Laden, sie bringt dafür seine Wohnung und seine Klamotten in Ordnung. Sie lernt einen jungen Werftarbeiter kennen, der es mit lächelnder Impertinenz fertig bringt, sie zu seiner Freundin zu machen. Dummerweise plant gleichzeitig der Stimmungssänger ein ordentliches bürgerliches Leben mit der Deern als seiner Frau. Die üblichen Fehldeutungen des Verhaltens, dann Rangeleien, schließlich das unvermeidliche Ergebnis: Die junge Verkäuferin im Bett des jungen Werftarbeiters. Und dem maßlos enttäuschten Stimmungssänger bleibt nichts anderes übrig, als sofort wieder anzuheuern und am nächsten Morgen nach Australien zu fahren. Mit dem Lied auf den Lippen: „Beim ersten Mal, da tut’s noch weh, da meint man noch, dass man es nie verwinden kann. Doch mit der Zeit, so peu à peu, gewöhnt man sich daran.“ Soviel zum Inhalt des Films, der mit diesem Lied und etlichen weiteren Schlagern wie „La Paloma“, „Wein’ nicht, mein Kind, die Tränen sind vergebens“ und „Auf der Reeperbahn nachts um halb Eins“ den in doppelter Hinsicht blauäugigen Stimmungssänger mit seiner Ziehharmonika unsterblich machte, obwohl der Film zunächst verboten wurde.

 

Mit Adolf Hitler und Joseph Goebbels standen zwei ausgeprägte Filmenthusiasten, ja, Filmnarren an der Spitze des Dritten Reiches. Hitler pflegte sich jeden Abend eine Filmauswahl vorlegen zu lassen, aus der er dann einen Streifen für die abendliche Aufführung bestimmte. Goebbels war ebenso scharf auf Filme, daneben aber noch mehr auf die Filmdiven und Filmsternchen. Und doch hatte man Pech mit dem Medium Spielfilm als Instrument der nationalsozialistischen Propaganda. Die große Kino-Aufräumaktion vor dem Beginn des Zweiten Weltkriegs hatte so gut wie alle bekannten Produzenten, Regisseure und Schauspieler ins Ausland vertrieben, weil sie Juden waren. Davon profitierten in erster Linie die Vereinigten Staaten von Amerika. Doch zeigte sich schnell, dass es noch genügend nichtjüdische Filmleute gab, die diesen gewaltigen Aderlass auszugleichen vermochten. Der deutsche Film konnte sogar mit Pracht-Produktionen auftrumpfen. Da wurden die Großen der Geschichte gefeiert, aber auch der deutsche Wald und das deutsche Hochgebirge und natürlich die deutsche Frau, und sogar der Krieg konnte fröhlich dargestellt werden. Der deutsche Film kam zu internationaler Anerkennung.

 

Als dann aber nach der Niederlage der achten Armee bei Stalingrad die neue Losung des Reichspropagandaministers Goebbels hieß: Durchhaltefilme, da versagte die deutsche Filmindustrie. Der Film „Münchhausen“ (1943) wurde zwar noch ein großer Erfolg, war aber mehr unterhaltsam als dass er der unter den ständigen Bombenangriffen leidenden deutschen Bevölkerung den Rücken stärkte. Und der Film „Kolberg“ (1945), der endlich die geforderte Ausrichtung und das passende Pathos hatte, wurde zu spät fertig und konnte in den letzten Wochen des Zusammenbruchs nur noch von wenigen hundert Menschen gesehen werden. Da war nichts mehr mit Durchhalten.

 

Der Film „Große Freiheit Nr. 7“, der zeitlich zwischen diesen beiden Durchhaltefilmen lag, wurde trotz oder als hinterlistige Reaktion auf die vielen Eingriffe des Propagandaministers viel zu freizügig in der Darstellung der Personen und ihrer außerehelichen Beziehungen, die absolut nicht dem Ideal der nationalsozialistischen Familie entsprachen. Zwar konnte man in den Seeleuten, die hinaus in die Welt mussten, eine Parallele zu den Soldaten sehen, die draußen im Feld standen, doch hatten die gezeigten Seeleute überhaupt nichts Heldenhaftes, ihr selbstverständliches Zusammenhalten hatte eher etwas Kumpelhaftes. Und die Chefin des Revuelokals blieb in Hoffnungslosigkeit zurück, als ihr Sänger wieder aufs Schiff ging. Außerdem geriet die Musik in eine viel zu schwermütige Tonart. Dabei hatte der allmächtige Propagandaminister sogar das eigentlich kriegswichtige Farbfilmmaterial freigegeben - einer der allerersten deutschen Farbfilme entstand -, und er hatte Außenaufnahmen im Hamburger Hafen ermöglicht, indem er dort liegende Kriegsschiffe perfekt tarnen und alle Hakenkreuzfahnen verschwinden ließ, und er hatte schließlich dem horrend hohen Honorar zugestimmt, das Hans Albers gefordert hatte, dessen Antipathie gegenüber den Nazis bekannt war. Zuletzt hatte der Minister auch noch erlaubt, den Streifen am 15. Dezember 1944 uraufzuführen, allerdings nur in Prag, wo der Film hauptsächlich gedreht worden war, notgedrungen im Atelier, aber dann hieß es: Die Filmrollen kommen unter Verschluss!

 

Und der Film blieb bis lange nach Kriegsende unter Verschluss, während er im Ausland lief, und das mit Erfolg. Zu Recht, denn in der Endphase des Zweiten Weltkriegs mit all seinen Schwierigkeiten und Gefahren war durch Käutners Hartnäckigkeit ein Filmkunstwerk entstanden, das in stimmungsvollen Bildern das Leben außerhalb der geordneten Familienverhältnisse und bürgerlichen Disziplin schildert. Der Durchhalteappell anders verstanden.

(Walter Laufenberg in: www.netzine.de)





Die Helden sind müde

 
(Les Héros Sont Fatigués, F/BRD 1955, 115 Min., Regie : Yves Ciampi, Drehbuch : Yves Ciampi, Jean-Charles Tacchella, Jaques-Laurent Bost, nach der gleichnamigen Erzählung von Christine Garnier)

 
Ein ehemaliger französischer Jagdflieger, inzwischen als Pilot einer Rostlaube für Schmuggler in Afrika tätig, erleidet eine Bruchlandung im Busch. Dabei kann er gerade nur noch sein Leben und eine kleine Tasche voller Rohdiamanten retten. Im nächsten Dorf, zu dem er sich durchschlägt, versucht er, einen der Diamanten zu verkaufen. Dabei gerät er gleich in ein Netz von widersprüchlichen Interessen der schwarz-weiß gemischten und feierfreudigen Dorfgemeinschaft, die das typische Bild des Übergangs von der traditionellen zur westlichen Lebensweise zeigt. Der Wirt der einzigen Absteige, in der er untergebracht ist, entpuppt sich als Schwarzenhasser. Seine südamerikanische und attraktive, aber total frustrierte Frau beginnt gleich eine Affäre mit dem Neuankömmling. Ein reicher Geschäftsmann zeigt sich am Kauf von Diamanten interessiert, will den einzelnen Stein, den der Fremde ihm zeigt, prüfen lassen und sich dann entscheiden.

 
Doch irgendwer hat dem Mann einen Tipp gegeben, der im Auftrag des Schmuggelunternehmens nach den verschwundenen Diamanten fahndet und überraschend auftaucht. Zufällig ebenfalls ein ehemaliger Jagdflieger, aber ein deutscher, wie sich bald herausstellt. Und schon stehen sich die früheren Luftkriegsgegner in einem unerbittlichen Kampf gegenüber, bei dem mal der eine, mal der andere die besseren Chancen hat, den Gegner zu erledigen. Bis sie endlich erkennen, dass sie beide zu elenden Hunden verkommen sind. Was sie zusammenschweißt. Schon erscheint ihnen eine neue Zukunft möglich, wenn sie sich zusammentun, die Diamanten nicht zurückgeben und statt dessen mit eigenem Fluggerät ein eigenes Unternehmen aufziehen. Doch da stoppt sie einer, der sich bisher als völlig apathisch gezeigt hatte, der aber ebenfalls in den Diamanten den Ausweg aus seiner Chancenlosigkeit sieht.

 
Der Titel des Films ist so irreführend, wie er schön klingt. Denn die beiden ehemaligen Kriegshelden erweisen sich als durchaus nicht müde. Sie sind aktiv und unternehmungslustig und risikofreudig, dabei beeindruckend wendig in ihren Reaktionen und schnell entschlossen. Müde macht sie nicht einmal der unmäßig genossene Whisky, der sie offenbar als besonders harte Männer charakterisieren soll. Die beiden Jagdflieger führen dem Zuschauer einen faszinierenden Luftkampf zu Fuß vor, wie sie sich ständig umkreisen, um in die richtige Schussposition zu kommen und dabei doch dem anderen nicht den Blattschuss zu ermöglichen. Das ist beste Kino-Unterhaltung, wenn auch mit einigen etwas plumpen Anleihen bei dem Erfolgsfilm „Casablanca“. Die Bemerkung des ebenfalls aus der Bahn geratenen Klavierspielers, die beiden ehemaligen Helden beendeten jetzt den Krieg zwischen Deutschland und Frankreich, das sei aber auch an der Zeit, hebt das Geschehen wenigstens im Scherz auf eine höhere Ebene.

 
Die eigentliche Aussage der Erzählung und damit auch des Films bleibt unausgesprochen, weil sie zu platt und zu belehrend wäre. Sie muß auch nicht expressis verbis gebracht werden, ist sie doch längst in den Kanon der anerkannten Volksweisheiten aufgenommen: Unrecht Gut gedeihet nicht. Ein  Spruch, der obwohl in der Praxis viel zu oft widerlegt, hier nicht einmal in Frage gestellt wird. Was nur bestätigt: Das Kino ist zwar oft das schönere, nicht aber das wahre Leben.
(Walter Laufenberg in: www.netzine.de)




Cinema Paradiso

 
(Cinema Paradiso, I/F 1989, Drehbuch und Regie: Giuseppe Tornatore, 116 Min.)

 
Wer kennt sie nicht, die Faszination des Kinos, die ihn als Kind ergriffen hat. Und wer hat nicht die allmähliche Abnabelung erlebt, nachdem er mal als der Filmheld oder die Filmheldin und mal als jener oder jene aus dem Kino in die Nacht hineingetappt war, für eine Nacht und den folgenden Tag ein Stückchen größer und immer noch im Paradies schwebend. Das legte sich mit dem Älterwerden. Irgendwann war der Kinofilm dann nur noch eine schöne Nebensächlichkeit neben anderen wie Skat oder Sportschau oder Reisen. Die lebenslange Bewunderung für die Filmgrößen, von der die meisten sich nicht lösen können, ist noch das letzte Überbleibsel, das man sich von diesem Scheinleben bewahrt hat.

 
Doch dann kommt dieser mutige, recht moderne Film in die Kinos, mit dem das Paradies der Kindheit sich selbst in Frage stellt. Kommt als eine Hommage an das Kino von damals, als es noch nicht im Wettstreit mit dem Fernsehen und den Videokassetten stand. Und ist nicht nur das, sondern auch eine heimlich aufgeblätterte Geschichte des Films.

 
Man sieht einen ergrauten und auf bedeutend gestylten Mann, von dem nicht gesagt wird, in welchem Beruf er Karriere gemacht hat. Dieser Mann namens Toto Salvatore erhält die Nachricht, dass in seinem Heimatdorf der ehemalige Filmvorführer Alfredo gestorben ist. In dem Moment läuft vor seinem inneren Auge ab, was seine Kindheit und Jugend war, nämlich ein einziges Kinoerlebnis ohne „cut!“ und „Gestorben.“

 
In dem kleinen sizilianischen Dorf, das er vor dreißig Jahren verlassen hat, um in Rom die Welt kennenzulernen, war der allabendliche Film im Kino „Cinema Paradiso“ die einzige Unterhaltung der Dörfler. Dem kleinen Toto war es gelungen, die Freundschaft des Filmvorführers Alfredo zu gewinnen. Mit seiner Hartnäckigkeit schaffte er es, Abend für Abend im Vorführraum zu verbringen, aber auch schon am Tag dabei zu sein, wenn der sittenstrenge Dorfpfarrer sich den neuen Film vorführen ließ, um mit einem Glöckchen zu signalisieren, welche Stellen der Vorführer herausschneiden musste. Eine wohlmeinende Zensur, die den Kulturschock mindern sollte, dabei jedoch den Erfolg hatte, dass die Zuschauer sich ärgerten, weil sie nie einen Kuss zu sehen bekamen. Doch sie blieben trotz der Schnippelei dieser einzigen sich ihnen bietenden Vergnügung treu, der kleine Toto wohl vor allem deswegen.

 
Das frühreife Kerlchen lernte die Welt also etwas intensiver kennen als die Menschen seiner Umgebung. So war es nicht verwunderlich, dass sein größter Wunsch war, ebenfalls Filmvorführer zu werden. Schon hatte er seinem Freund sämtliche Handgriffe abgeschaut, konnte ihn sogar ersetzen, als der durch einen Brand erblindete. Der kleine Toto hatte den Schwerverletzten in letzter Minute aus seiner in Flammen stehenden Vorführkammer die Stahltreppe hinab gezerrt und ihm damit das Leben gerettet. Aus Dankbarkeit verpflichtete der alte und blinde Filmvorführer Alfredo später seinen Freund, als der ein junger Mann war, das Dorf zu verlassen und nie mehr zurück zu kommen. Er solle das Leben in der Großstadt kennenlernen, forderte er. Denn der Film sei nicht das Leben. Dabei war der junge Mann schon drauf und dran, wie im Film zu leben. Er verstand die Strenge seines alten Freundes und Mentors zwar nicht, doch er gehorchte.

 
So kommt der hochangesehene Toto Salvatore erst nach dreißig Jahren Abwesenheit wieder in sein Heimatdorf, und zwar zur Beerdigung seines alten Freundes Alfredo. Der Film verrät nicht, in welchem Beruf Toto Salvatore zu Ansehen gekommen ist, und bietet den Zuschauern damit wieder das Erlebnis der Kindheit und Jugend, als sie sich selbst in den Helden hineinprojizieren konnten. Jetzt können sie noch einmal wie in den seligen Paradieszeiten dem Popanz den eigenen Kopf aufsetzen.

 
Und das Überraschende geschieht in einer Nebenrolle: Die alte Mutter, die immer unerschütterlich auf die Heimkehr ihres Sohnes gewartet hat, zeigt volles Verständnis für sein langes Fortbleiben. Damit distanziert sich dieser mal ein wenig sentimentale, mal beinahe lustige Film über das Kino gleich auf doppelte Weise von dem Anspruch, das Leben abzubilden. Sehr ungewöhnlich für eine Hommage und ein Zeichen echter Überlegenheit der Macher dieses Films über die bloße Cineasten-Besessenheit.

 
Gleichzeitig bietet dieser Streifen auch einen kurzen Abriss der Filmgeschichte: Ausgehend von der Tragik der Analphabeten, die die Zwischentitel nicht lesen können, und gerade die waren ja kennzeichnend für den Stummfilm, über viele Filmtakes aus berühmten Filmen, die zu Handlungsmustern wurden, und die Identifizierung der Leute mit den Sprüchen bestimmter Filmheroen, bis zu dem Blick auf die raffinierte Geschäftstüchtigkeit hinter dem schönen Schein und dem sozialkritischen Hinweis, dass trotz Open-Air-Kino die Piazza, bis dahin das Zentrum der dörflichen Gesellschaft, verkommen ist. Nur noch der Dorfdepp verteidigt seine Piazza.

 
Diese selbstkritische Filmhistorie, die so unauffällig serviert wird, dass wohl manch einer sie nicht bemerkt, ist für einen Filmenthusiasten, dem es um mehr geht als um eine nette Erfolgsgeschichte und die Bewunderung von Stars, die eigentliche Stärke dieses Films über den Film.
(Walter Laufenberg in: www.netzine.de)





Spiel mir das Lied vom Tod

(C’era una volta il west, I/USA 1968, 167 Minuten, Regie: Sergio Leone, Drehbuch: Dario Argento, Bernardo Bertolucci, Sergio Donati, Sergio Leone, Musik: Ennio Morricone)

Wenn dieser Italo-Western auch längst als Kultfilm gefeiert wird, verdient er doch einmal eine nüchterne Betrachtung. Wo Bild und Ton so perfekt als berauschende Drogen eingesetzt wurden, bei nervenzerrender Langsamkeit des Geschehens, da verbietet es sich, einfach nur mitzuschwärmen. Man muß sich fragen, was von diesem Epos, das in Brutalität, in herrlichen Landschaftsaufnahmen und in Leinwand füllendem Sterben von einigen Dutzend Männern schwelgt, beim Zuschauer „hängen bleibt“, neben den Großporträts der Stars und der Ohrwurm-Musik.

Da ist zunächst der Fremde, der so fremd ist, weil er mit seinem asiatisch wirkenden Poker-Face meist nur wortlos dreinschaut, mit fast geschlossenen Augen, und immer mal wieder mit der Mundharmonika ein klagendes Lied intoniert. Dass er als der Rächer auftritt und stets um einen Sekundenbruchteil schneller zieht und schießt als seine Gegner, macht ihn zum Helden. Und da ist der mit dem gefährlichen Aussehen, der Bandit Cheyenne, ein trickreicher Kämpfer, obwohl auffallend ungebildet. Dabei überrascht er immer wieder damit, dass er noch von traditionellen Moralvorstellungen geleitet wird. Und dann ist da der große starke Mann, der so aussieht, wie ihn sich die kleinen Mädchen erträumen, die hinter seinem überlegenen Grinsen nicht den Schurken erkennen. Er räumt mit Gewalt den Weg frei für den Eisenbahnmagnaten Morton, der ihn beherrscht und gleichzeitig von ihm verachtet wird, weil er als Schwerbehinderter alles nur mit seinem vielen Geld regeln kann statt mit dem Revolver in der Faust. Die fünfte Hauptfigur ist die Schöne aus der Großstadt, die in den wilden Westen kommt, weil sie einen Farmer geheiratet hat, mit dem sie etwas aufbauen will. Doch bei ihrer Ankunft in Sweetwater findet sie ihren Mann und dessen drei Kinder, für die sie die neue Mutter sein wollte, ermordet vor. So steht sie allein da, zudem mittellos und von dem Banditen wie von dem Schurken begehrt.

Trotz des Originaltitels, der übersetzt werden könnte mit: „Es war einmal im Westen“, erzählt dieser Film kein altes Märchen, sondern generell Geltendes. Auf kurze Faustformeln gebracht: Der Fremde ist entgegen aller traditionellen Vorurteile nicht immer der Böse. Der mit seinem Bart wild aussehende simple Bandit ist weniger gefährlich als der so schön glattgeschabte skrupellose Schurke. Der Geldmensch bleibt bei aller Unbeweglichkeit unberechenbar und äußerst gefährlich. Und die Schöne muß nicht unbedingt zum Opfer werden, wenn sie sich geschickt genug zeigt, sogar eine Vergewaltigung durch scheinbar begeistertes Mitmachen abzuwenden.

Wie gern würden die Zuschauer sehen, dass die Schöne am Ende den heldenhaften Fremden oder den gutmütigen Banditen zum Mann kriegt, doch diesen versöhnlichen Schluß gönnt der Film ihnen nicht. Das würde gegen seine eigentliche Aufgabe verstoßen. Denn mit diesem Film sollte offensichtlich dem seit jeher und bis heute unübersehbaren Zug im Nationalcharakter der Amerikaner ein Denkmal gesetzt werden: der Gewälttätigkeit. Kein Wunder, dass der Film in den USA zunächst ein Flop war, dagegen in Paris sechs Jahre lang ohne Unterbrechung lief. Cineasten deuten das allerdings anders. Sie sagen, es sei eine zu große Zumutung für die Amerikaner gewesen, ausgerechnet den Schauspieler in der Rolle des Schurken zu erleben, den sie bis dahin immer nur als den positiven Helden gesehen hatten. Etwas zu simpel, aber immerhin das Eingeständnis der Blödsinnigkeit des Starrummels.
(Walter Laufenberg in: www.netzine.de)



Troja

 

(Troy, USA 2004, 150 Minuten, Regie: Wolfgang Petersen, Drehbuch: David Benioff sehr frei nach der Ilias des Homer)

Hollywoodschinken bleiben sich offenbar immer gleich, sogar wenn der Regisseur ein Deutscher ist. Man könnte ihnen die Banderole Semper Idem aufkleben. Mit dem Verfallsdatum 1. April 2004.

 
Es geht um den großen Krieg der Griechen gegen das auf kleinasiatischem Gebiet liegende Troja, ausgelöst durch Helena, die junge Frau des Spartanerkönigs Menelaos, die den Prinzen Paris, Sohn des Trojanerkönigs Priamos, bei Verhandlungen in Sparta kennenlernt und mit ihm nach Troja durchbrennt. Der gehörnte Ehemann schließt sich dem gewaltigen Heer Agamemnons an, des Herrschers über ganz Griechenland. Der war ohnehin scharf auf die Schätze Trojas und nimmt diese Entführung zum Anlaß, mit der größten Flotte und dem gewaltigsten Heer des Altertums gegen Troja zu ziehen. Doch halten die unüberwindbaren Mauern der Stadt zehn Jahre lang Stand. Erst die Idee des listenreichen Odysseus, einen Abzug vorzutäuschen und ein riesiges Holzpferd, vollgepackt mit Bewaffneten, als Geschenk an die Götter am Strand zurückzulassen, entscheidet den Krieg. Denn die Trojaner holen trotz Warnungen das stattliche Denkmal in ihre Stadt und sich damit den Tod. Soweit die von Homer erzählte Geschichte dieses Ereignisses aus der Zeit um 1200 v.u.Z.

 
Die Texte zur geschichtlichen Situation, die dem Film vorangestellt wurden, sind zu kurz und zu schnell weg, zumal sie schlecht zu lesen sind auf dem Hintergrund der Kartenskizze. Ohnehin setzt ein typischer Blockbusterfilm die Gewichte anders. Zwar wird die See vor Troja computeranimiert mit Galeeren so vollgepackt, dass beinahe kein Wasser mehr zu sehen ist, und auch die Mauern Trojas sind beeindruckend. Kein Wunder, wurde doch hauptsächlich auf Malta gedreht. Doch mit Troja assoziiert man gemeinhin Odysseus, der im Film aber nur nebenbei ins Bild kommt. Und dass seine Kriegslist erst nach zehnjähriger, entnervender  Belagerung den Ausschlag gab, wird unterschlagen. Die eindringliche Warnung der Kassandra fehlt. Dasselbe gilt von der Iphigenie und von den Amazonen. Doch der Film hat ja ohnedies Überlänge.

 
Statt dessen werden drei Frauen in den Vordergrund gerückt: Die nur nach amerikanischen Vorstellungen schöne Helena, ein belanglos aussehendes geiles Flittchen, daneben die Ehefrau des Trojanerprinzen Hector, ein braves und hilflos verzweifeltes Muttchen, und eine Schwester der beiden Prinzen, die sich dem jungfräulichen Dienst des Stadtgottes geweiht hatte und prompt dem brutalen Charme des Achilles verfällt und in seinem Bett landet. Insgesamt also ein Frauenbild nach der Faustformel: Mit den Weibern ist außer zum Bumsen und zur Aufzucht des Nachwuchses nichts anzufangen.

 
Achilles, verkörpert von dem blonden, langmähnigen Brad Pitt, ist eine glatte Fehlbesetzung, weil der Zuschauer ihn mit Jung-Siegfried verwechselt. Auch die anderen Angreifer wirken mehr wie große, zerzauste Germanen statt wie kleine, dunkelhaarige Griechen. Wenn dieser Achilles mit der Bodybuilderfigur und dem Stupsnäschengesicht dann noch Sätze schönster Küchenphilosophie von sich gibt, wird die Sache völlig lächerlich. Das ist Blockbuster-Machart: Die Figuren werden nicht mit dem Schnitzmesser modelliert, sondern mit der Axt. So vor allem die miesen Typen Agamemnon und Menelaos, typische Schurken à la Stalin.  Zum Glück werden wenigstens der Trojanerkönig Priamos und sein älterer Sohn Hector als positive Figuren deutlich. Im Unterschied zu dem jüngeren Trojanerprinzen, diesem feigen Milchzähnchen Paris.

 
Dass die Personen des Films immer wieder sagen, es gehe ihnen allein um das Überleben des Namens, ist unglaubhaft. Diese offene Ichverherrlichung ist dem Drehbuchautor aus einem anderen Kulturkreis ins Manuskript geraten, nämlich aus dem jüdischen. Dagegen ist anzunehmen, dass im griechisch-trojanischen Kulturraum das Ichinteresse schon damals genauso hinter vorgeschobenen Edelmotiven versteckt wurde, wie es noch heute bei uns üblich ist 

 
Der Film ist wenig informativ, aber durch die Massenszenen und einzelne Zweikämpfe attraktiv, weil Brutalität und Blut in üppiger Dosierung geboten werden. Womit der Kassenerfolg garantiert war. Wer sich nicht als dummer Allesfresser verarschen lassen will, sollte sich die zweieinhalb Stunden Erdulden dieses Films lieber sparen.
(Walter Laufenberg in: www.netzine.de)





Der große Gatsby

 

(The Great Gatsby, USA 1974, 135 Minuten, Regie: Jack Clayton, Drehbuch: Francis Ford Coppola nach dem gleichnamigen Roman von F. Scott Fitzgerald)

 
Francis Scott Fitzgerald (1896 – 1940) brachte seinen Bestseller über die Zwanziger Jahre in den USA und den Erfolgsmenschen Gatsby im Jahre 1925 heraus. The roaring twenties waren schon sein Thema gewesen bei den Romanen „Diesseits des Paradieses“ sowie „Backfische und Philosophen“ (beide 1920 erschienen), „Geschichten aus der Jazzära“ sowie „Die Schönen und Verdammten“ (beide 1922 erschienen). Das extravagante, aber inhaltlose Leben der scheinbar feinen Gesellschaft hatte eine besondere Faszination auf viele junge Autoren ausgeübt. Dass sie sich weitgehend auf die zynische Darstellung der Verhältnisse beschränkten, bestätigte nur die Diagnose der inhaltsleeren Gesellschaft.

Fitzgerald fand erst in „Der große Gatsby“ den Abstand, der nötig war, die eigene Zeit kritisch zu sehen. Der neue Film - eine erste Verfilmung hatte es bereits 1926 gegeben - übernimmt den Gestus des interessiert, aber distanziert zusehenden Nachbarn von Gatsby, eines alleinstehenden jungen Börsenmaklers namens Nick, der in der Ich-Form darüber berichtet, was im Park des Palastes nebenan geschieht. Da werden lärmende Parties gefeiert, bei denen Hunderte junger Menschen zu moderner, lauter Musik tanzen. Dieser Nick, der Züge des Autors Fitzgerald trägt, weiß nicht mehr über seinen Nachbarn Gatsby, als dass der sehr zurückhaltend ist und unermeßlich reich sein muß. Gerüchte sprechen davon, er sei mit dem deutschen Kaiser verwandt, er habe in Oxford studiert, sei ein Kriegsheld oder ein Spion gewesen und verdanke seinen Reichtum dunklen Geschäften, was ja in der Zeit der Alkoholprohibition naheliegend war.

Wie eine Präambel ist dem Film ein Ausspruch von Nicks Vater vorangestellt, an den er sich erinnert: Man sollte sich nie dazu hinreißen lassen, andere zu kritisieren, weil man nicht weiß, ob diese anderen ebenfalls so gute Voraussetzungen für ihr Leben vorgefunden haben, wie man selbst.

Danach versteht man allmählich, dass der geheimnisvolle Gatsby einmal eine junge Frau namens Daisy geliebt hat, dann aber in den Krieg ziehen mußte und als kleiner Leutnant nachhause gekommen ist. Da war er für die Daisy nicht mehr interessant. Was er sich so deutete: Reiche Frauen heiraten niemals arme Männer. Also wurde er ein reicher Mann. Als er nach acht Jahren erneut mit Daisy zusammentrifft, ist sie die Ehefrau eines vermögenden, aber hirnlosen Mannes namens Tom. Dieser Tom ist der typische Haustyrann mit Doppelmoral. Er hält sich als Geliebte die dümmliche, aber hübsche Frau des Tankstellenbesitzers, bei dem er seine Nobelkarosse betanken läßt. Dabei behandelt er den gutmütig, eifrigen Tankwart betont schäbig.

Damit ist die Gesellschaftsdiagnose auf drei Ebenen angelegt: Die fleißigen und nur gezwungenermaßen braven kleinen Leute, darüber die vom Leben im Wohlstand übersättigten und amoralischen Erfolgsmenschen und der hoch über allen schwebende wurzellose Superreiche, der lieber in seiner anerzogenen Anständigkeit leben würde. Wie der Autor sie zusammenstoßen und sich gegenseitig umbringen läßt, das ist schon ein Gesellschaftskrimi. Aber der Autor geht noch über diesen hinaus, und das mit recht, weil diese Leute ja schon so gut wie tot sind, während sie sich noch als Lebende herumtreiben.

Viel wichtiger als die spannende Frage, wer hat wem was getan, ist die Liebesfrage, die den großen Gatsby umtreibt: Warum hat Daisy nicht auf mich gewartet? Was sich zu der Frage steigert: Kann es überhaupt sein, dass sie zwischendurch diesen Tom einmal geliebt hat? Damit ist Fitzgerald bei der Frage aller Fragen angelangt: Was ist das, die Liebe? Und den vielen Bibliotheken voller Bücher, die zu dieser Frage geschrieben wurden, fügt er ein weiteres Buch hinzu, - ebenfalls ohne eine Antwort.
(Walter Laufenberg in: www.netzine.de)

 



Der General

 
(The General, USA 1926, 80 Minuten, Regie: Buster Keaton, Clyde Bruckman; Drehbuch: Charles B. Smith, Al Boasberg nach Motiven des 1868 erschienenen Romans „The Great Locomotive Chase“ von William Pittinger; Hauptdarsteller: Buster Keaton)

 
Der früheste aller berühmten Antikriegsfilme war ein Stummfilm. Zum Schreien komisch, diese von einem Spitzenkomiker auf die Spitze getriebene Ablehnung des Kriegsgeschehens. Kann man die Heroisierung des streitenden Menschen doch wohl kaum noch mehr veralbern, als daß man eine simple Lokomotive General nennt. Und das ausgerechnet an dem schmerzhaftesten aller amerikanischen Kriege vorgeführt, an dem Bürgerkrieg von 1861 bis 1865, als die Südstaaten und die Nordstaaten wechselseitig und viel zu großzügig ihre männliche Jugend abschlachteten. Mit dieser Slapstick-Komödie hatte der erfolgverwöhnte Filmmacher offenbar den Bogen überspannt. „Der General“ wurde ein Flop. Das Publikum lehnte ihn ab. Man hatte noch keinen Sinn für die Lächerlichkeit des Krieges. Man empfand die Kriegszeit im Rückblick offensichtlich anders als der Komiker, nämlich als eine heroische Epoche der amerikanischen Geschichte. War und ist das Draufschlagen doch ein Wesensmerkmal des Amerikaners.

 
Das war der Knick in der Karriere Buster Keatons (1895-1966), von dem an es nicht mehr weiter aufwärts gehen sollte, nur durch quälend lange vier Jahrzehnte abwärts. Man ließ ihn nicht mehr so frei mit den Geldern schalten und walten wie zuvor, man fesselte ihn an konkrete Drehbuchvorlagen, statt seiner genialen Improvisationskunst zu vertrauen, und man meinte ihn bald nur noch für kleine Nebenrollen brauchen zu können. 

 
Doch heute gilt der Film „Der General“ als das Meisterwerk Buster Keatons, der in rund 150 Filmen aufgetreten ist und viele Dutzend Filme in den unterschiedlichsten Funktionen, als Drehbuchautor, Regisseur und sogar Produzent, gemacht hat. Längst ist man sich einig: Mit diesem Film hat Buster Keaton einen bedeutenden Meilenstein der Filmkunst gesetzt. Und das nicht nur wegen der Dreistigkeit, mit der er den Krieg bekämpft und schließlich gegen ihn verloren hat. Auch nicht, weil er sein stets ernstes Gesicht zu einem Markenzeichen hochstilisiert hat: The Great Stoneface. Der Film war einfach perfekt gemacht, vor allem in der Art, wie er neben kleinen Slapstickeffekten Typisches umsetzte oder sogar vorausnahm.

 
Das fing an mit der bekannten Tatsache, daß Männer in Uniform Frauenherzen höher schlagen lassen. Der kleine Lokführer Johnnie Gray, der in den Südstaaten lebte, hatte eine Braut namens Annabelle, die ihn gerne als Soldat gesehen hätte. Also meldete er sich freiwillig zur Fahne der Konföderierten. Doch wurde er abgelehnt. Er sei als Eisenbahner wichtiger denn als Soldat, hieß es. Das war authentisch, es galt auch noch im Ersten und Zweiten Weltkrieg. Dann geschah das Unglück, daß dem Eisenbahner von den Nordstaatlern sowohl seine Lok als auch seine Freundin entführt wurde. Das entspricht dem Inhalt des Romans von William Pittinger (1840-1904), der auf einer wahren Begebenheit beruhte. Pittinger selbst war einer der wagemutigen Männer, die am 12. April 1862 eine Lokomotive der Südstaatler entführten. In Buster Keatons Film wurde das zur großen Herausforderung, die aus einem Nobody einen Helden machen sollte. Der Lokführer Johnnie Gray schlich sich hinter die feindlichen Linien und schaffte es, sich trotz vieler Hindernisse seiner Lok und seiner Freundin zu bemächtigen. Dann kam es zu einer wilden Verfolgungsjagd, wie sie später für amerikanische Filme typisch und beinahe unverzichtbar werden sollte, wenn auch auf der Straße statt auf Schienen. Das Hin und Her von drei Zügen, deren Führer sich mit dem Umstellen von Weichen und dem Aufreißen des Schienenwegs sowie dem Umlegen von Telegrafenmasten gegenseitig auszutricksen versuchten, brachte die großangelegte Offensive der Nordstaatenarmee völlig durcheinander und zum Erliegen. Womit das Transportwesen und die Kommunikation als die Schwachstellen des Krieges entlarvt wurden, was das Kriegspielen unmöglich machen sollte.

 
Schließlich schaffte der unermüdlich vor sich hin arbeitende kleine Lokführer es tatsächlich, seine heißgeliebte Lokomotive und das nicht minder heißgeliebte Mädchen heim ins Lager der Südstaatenarmee zu bringen, dazu aus Versehen als seinen Gefangenen auch noch einen höheren Nordstaatenoffizier. Dafür wurde der Antikriegsheld in eine ordentliche Uniform gesteckt und zum Leutnant ernannt. Zur Freude seiner Freundin Annabelle und der heutigen Zuschauer, die den schnieke eingekleideten Kriegshelden mit hängenden Schultern dastehen sehen, wie den braven Soldaten Schwejk.

 
Die halsbrecherische Turnerei auf den Zügen mit vielem Auf- und Abspringen ist erstaunlicherweise nicht gedoubelt worden. Bei Buster Keaton, aus der harten Schule der Vorstadttheater kommend, in denen er schon als Kind aufgetreten war, kam kein Stuntman zum Zuge. Das gehörte für ihn zu dem generellen Anspruch der Wahrhaftigkeit des Filmkunstwerks. Deshalb auch baute er ohne Rücksicht auf die Kosten veristische Bürgerkriegsbilder auf, wie sie aus Dokumentationen bekannt waren. Immer wieder kamen fahrende Züge ins Bild, dafür mußten parallele Strecken verlegt werden für die fahrende Kamera. Soviel Fahrerei hatte es nie zuvor im Film gegeben. Und sogar die Fahrt eines Zuges der Nordstaatler auf eine hohe Brücke, die bereits brannte, ließ der Regisseur Buster Keaton nicht als Trick oder im Modell, sondern original ablaufen, ohne dabei eine Miene zu verziehen. Das heißt, er ließ eine echte Lok mit den anhängenden Wagen vor laufender Kamera mit der zusammenbrechenden Brücke in den Row River in Oregon stürzen. Eine der teuersten Szenen der gesamten Stummfilmzeit. Aber damals reichte der Hinweis auf die extrem hohen Produktionskosten leider noch nicht aus, um einen Film zum Kassenschlager zu machen. Pech für Buster Keaton. Auch wer zu früh kommt, den bestraft das Leben.
(Walter Laufenberg in: www.netzine.de)

 



Das Mädchen mit dem Perlenohrring

 
(Girl with a Pearl Earring, GB/Lux. 2003, 95 Minuten, Regie: Peter Webber, Drehbuch: Olivia Hetreed nach dem gleichnamigen Roman von Tracy Chevalier)

 
Erste Reaktion des Zuschauers: Der Maler kommt aber schlecht weg. Jan Vermeer, der von 1632 bis 1675 gelebt hat und den wir als Vermeer van Delft kennen und bewundern, im Film mit seinem eigentlichen Namen Johannes Vermeer genannt, ist hier der ernsthafte, wortkarge und weltabgewandte Maler. Er hat sich im Obergeschoß des Hauses in einem Atelier vergraben, das für alle tabu ist, sogar für seine eigene Frau und für seine minderjährige Tochter. Doch über den Haushalt und auch über den Maler herrscht die Schwiegermutter, offensichtlich die finanzielle Basis des Familienunternehmens. Sie schafft es, ihren Schwiegersohn immer wieder mit einem so reichen wie widerlichen Mäzen zusammenzubringen, um einen neuen Malauftrag für ihn und damit Geld für die Haushaltskasse zu ergattern.

 
Als eine neue Magd ins Haus kommt, die Griet, Tochter eines armen und kranken Kachelmalers, erkennt Johannes Vermeer sehr schnell an wenigen Kleinigkeiten im Verhalten des scheuen Mädchens - sie befürchtet, das Licht zu verändern, wenn sie das Atelierfenster putzt, und sie nimmt einen Stuhl aus dem Bildarrangement, der eingeklemmt wirkt - ihre besondere Begabung für die bildliche Darstellung. Er macht sie zu seiner Helferin im Atelier und läßt von ihr sogar die Farbstoffe einkaufen und mischen. Eine sehr komplizierte Arbeit, also eine besondere Vertrauensstellung.

 
Der geile Mäzen findet Gefallen an dem Mädchen, dem er vergeblich nachstellt, und gibt ein Porträt von Griet in Auftrag. Davon darf Vermeers eifersüchtige Frau nichts wissen. Die Magd ziert sich, doch der Maler besteht auf seinem Wunsch, sie zu malen. Für dieses Bild leiht die Schwiegermutter dem Maler sogar heimlich die Perlohrringe ihrer Tochter. Was die mißgünstige Tochter des Malers mitbekommt und ihrer Mutter verrät. Prompt macht die Frau ihrem Mann deswegen eine Szene und verlangt unter Tränen, das gerade fertiggestellte Porträt zu sehen. Die schlichte Schönheit des Mädchenbildnisses bringt sie dann so in Rage, daß sie die Magd auf der Stelle aus dem Haus jagt. Und der Maler schaut nur gequält drein, schweigt aber dazu.

 
Daß dem auf die Straße gesetzten Mädchen kurz darauf die Perlohrringe als Geschenk nachgeschickt werden, wobei offen bleibt, ob von dem Maler selbst oder von seiner Schwiegermutter, nimmt dem Desaster nicht den schlechten Geschmack. Es bleibt der erste Eindruck des Zuschauers: Der Maler ist ein blöder Hund.

 
Erst wenn man den Maler Vermeer van Delft für den Künstler an sich nimmt, bekommt die Sache das richtige Aussehen. Denn für das 17. Jahrhundert nicht anders als für alle früheren und späteren Jahrhunderte gilt: Der Künstler gleich welcher Gattung lebt neben dem Alltag des Nötigen und Brauchbaren her, entsprechend nichtalltäglich ist seine Stellung in der Gesellschaft. Wie ein Priester steht er über den Ambitionen und Querelen der Mitmenschen, so unantastbar wie der Mann mit den segnenden Händen, aber auch so machtlos. Und jede Förderung, die man ihm bietet, ist mehr Forderung als ein Zeichen des Dankes dafür, daß er seinen Mitmenschen etwas gibt, das über den Alltag hinaushebt.

 
So gesehen, kommt nicht der Künstler Vermeer van Delft schlecht weg, sondern die Gesellschaft, in der er lebt. Weil sie ihn in völliger Abhängigkeit kleiner und erbärmlicher erscheinen läßt, als er ist. Zeigt er doch in Wahrheit die geradezu übermenschliche Größe, es um der Kunst willen zu ertragen, daß er klein und erbärmlich wirkt. Zwar nicht für die Zukünftigen, die ihn ehren werden, davon darf er überzeugt sein, denn vergangene Größe wird immer gefeiert, wohl aber für all die blöden Hunde unter seinen Zeitgenossen rundum.

 
Das zwischen 1660 und 1665 gemalte Bild des Mädchens mit der Perle hängt heute im Museum Mauritshuis in Den Haag und gilt als eines der großartigsten Gemälde der holländischen Klassik. Die 1962 in Washington D.C. geborene und heute in London lebende Schriftstellerin Tracy Chevalier hat im Jahre 1998 ihren Roman über eine ungerecht behandelte Hausangestellte geschrieben, der immanent eine Abhandlung über das Dilemma des Künstlerseins ist.

 
Und was soll man noch zu dem Film sagen? Er war seinem Gegenstand adäquat. Das helle Licht, das einen besonderen Schmelz gibt, und die reichabgestufte Farbigkeit. Dazu eine spannende Handlung in dem ausführlich gezeigten wirren Milieu der Stadt Delft des Jahres 1665, die mit ihren schmalen Grachten wie ein niederländisches Venedig erscheint.
(Walter Laufenberg in: www.netzine.de)





Wem die Stunde schlägt

 

(For Whom The Bell Tolls, USA 1943, 130 Minuten, Regie: Sam Wood, Drehbuch: Dudley Nichols, nach dem gleichnamigen Roman von Ernest Hemingway)

 
Ernest Hemingway (1899-1961) hatte diesem Buch ein Zitat des englischen Dichters John Donne (1572-1631) vorangestellt, aus dem der Buchtitel stammt: „Der Tod jedes Menschen berührt mich tief, da ich selbst ein Mensch bin, dem nicht gegeben ist zu wissen, wem die Stunde schlägt. Sie schlägt auch dir.“ Der Film übernimmt diesen Vorspruch.

Und schon ist er mitten im Leben-Beenden: Ein Zug wird in die Luft gesprengt, und einer der beiden Saboteure gibt dem anderen, seinem bei der Flucht vor den Verfolgern schwerverletzten Kameraden, den Gnadenschuß. Er selbst überlebt. So kann er darangehen, die ihm gestellte Aufgabe zu erfüllen. Er soll eine für den Nachschub der Faschisten höchst wichtige Brücke sprengen. Dafür hat er drei Tage Zeit. Mit diesem Auftrag und einer Vollmacht kommt der Fremde in das Höhlenversteck der republikanischen Partisanen in den nördlich von Segovia gelegenen Bergen. Ein Zusammenprall zweier Kulturen. Hier der Amerikaner, ein College-Dozent aus dem Westen der USA, großgewachsen, gebildet und mit feinen Umgangsformen, dort das Sammelsurium von Desperados, klein, dämlich und verkommen. Der bärbeißige Anführer lehnt den fremden Helfer ab, doch seine Frau, eine energische und furchtlose Mutter Courage, entzieht ihrem trunksüchtigen Mann kurzerhand das Kommando und wirft sich selbst zur Anführerin auf. 

So gut, so schön. Doch dann wird es zu schön. Denn in der Höhle hat auch eine geflohene junge Frau namens Maria Aufnahme gefunden. Die Faschisten haben sie vergewaltigt und ihre Eltern ermordet. Aus der Begegnung entwickelt sich natürlich eine Liebesbeziehung zwischen dem Amerikaner und der schönen Maria, und das in bester Hollywood-Manier. Das heißt immer ordentlich gekleidet und mit perfektem Make-up, gut frisiert und mit strahlend weißem künstlichem Gebiß.

Daß der abgesetzte Anführer die Brückensprengung vereiteln will, daß die Sprengung schließlich doch erfolgt, nur viel zu spät, und daß die Partisanengruppe heil davonkommt bis auf den Amerikaner, war zu erwarten. Auch, daß der schwer verletzte Gastguerillero dann seine liebe Mühe hat, seine schöne Braut wegzuschicken, damit er allein mit dem leichten Maschinengewehr den Rückzug der Truppe sichern kann, bis die Feinde ihn erledigen. Es setzt das dem Kitschfilm das wohlverdiente Sahnehäubchen auf.

Hemingway, immer bemüht, Kämpfe oder harte Jagdszenen zu erleben, weil er sie als Anregungen für seine literarische Arbeit brauchte, hatte als freiwilliger Kriegsreporter am spanischen Bürgerkrieg (1936-1939) teilgenommen, und zwar auf der Seite der Republikaner. Wie so viele andere, die sich für Linksintellektuelle hielten und meinten, mit ihrer Ideologie ernst machen zu müssen. Doch ließ er den Dozenten, in dessen Rolle er geschlüpft war, vorsichtshalber - schon herrschte in den USA die Furcht vor den Kommunisten - sagen: „Ich bin kein Kommunist, ich bin Antifaschist.“ Was er an wichtigen Äußerungen in seinem Roman bringt, das kann der Film leider nicht rüberbringen. So die Erkenntnis des Fremden, daß Korruption und schreckliche Brutalität und unmenschliche Exzesse auf beiden Seiten zu beklagen sind. Was den Krieg ad absurdum führt und zu einer mehr resignierten als heldischen Haltung des Amerikaners. Er stirbt schließlich, das ratternde Maschinengewehr im Schoß, in dem Bewußtsein, für das gekämpft zu haben, an das er geglaubt hat. Das versöhnt ihn mit der Welt. Der Leser des Romans kann das noch nachvollziehen, wenn auch das viele Pathos im nachhinein hohl klingt. Der Zuschauer im Kino aber sagt sich: Wäre der Dummkopf nur in seinem College geblieben. Blendend aussehende Frauen gibt es da doch genug.

Kurz noch ein Blick auf die Jahreszahlen: Hemingway war 1936/37 im Kriegsgebiet, sein Roman erschien aber erst 1940. Das heißt, der Autor brauchte Abstand vom Erlebten. Und die Verfilmung mußte bis 1943 warten. Da endlich konnte man so einen Film brauchen. Er hatte nun die Funktion einer Antikriegswerbung, ähnlich wie Casablanca (1942). Was die Machart erklärt. Denn für diesen guten Zweck konnten die Protagonisten gar nicht schön und lieb genug sein.
(Walter Laufenberg in: www.netzine.de)

 


Der Glücksritter vom Roten Meer

 
(Lettres de la Mer Rouge, F 2005, 100 Minuten, Regie: Eric Martin, nach den Aufzeichnungen von Henry de Monfreid)


Als ein fieberkranker junger Mann wird er liebevoll gesundgepflegt, was er seiner Pflegerin aber nicht dankt. Als ein unternehmungslustiger Mann, der das gekünstelte Leben der feinen Gesellschaft verachtet, zieht er hinaus in die fremde Welt Afrikas, um sich selbst und einen Sinn für sein Leben zu finden. Als ein gescheiterter Mann, wegen Schmuggels, Waffenhandel und Spionage zum wiederholten Male im Gefängnis, findet er nur mit Hilfe der Familienmitglieder, denen er davongelaufen war, den Weg zurück in die Freiheit und Heimat - und in die Literatur.

 
Das ist in drei Sätzen zusammengefaßt das Leben des Abenteurers und eifrigen Schreibers Henry de Monfreid  (1879-1974). Doch ist der Mann mehr als drei Sätze wert. Mit 32 ist der Lebensmittelchemiker der Firma Maggi aus dem bürgerlichen Leben ausgestiegen und von Elsaß-Lothringen nach Tschibuti und Abessinien gezogen. Mit seiner Ablehnung falscher Autoritäten und schnöder Geldgier und der Sklaverei eckt er überall an. Schon bald hat er selbst Sklaven, sind ihm Geschäfte wichtiger als sein Leben, wächst in ihm neben der Verachtung für die weißen Ausbeuter das Unverständnis für die Unzuverlässigkeit und Brutalität der Eingeborenen. Dann gerät er auch noch in die Verwicklungen der Weltpolitik, weil drei Jahre nach seinem Aufbruch in die Fremde der Erste Weltkrieg ausbricht. Die wahren Herren der afrikanischen Länder spielen ihre Macht aus. Ihnen ist der einzelne bei aller Cleverness und Geduld und Leidensfähigkeit rettungslos ausgeliefert. Hatte ihn sein afrikanischer Leibdiener noch manche Lebensweisheit erkennen lassen, und hatte ihn die gefährliche Konfrontation mit dem gottähnlichen Kaiser von Abessinien auch gezwungen, seine eigenen Grundüberzeugungen zu relativieren, die Sturheit militärischer Befehlshaben läßt ihn am Leben verzweifeln. Wer ihm in der ausweglosen Lage hilft und in wessen Arme es ihn schließlich treibt, das ist die eigentliche Überraschung des Films, der im übrigen durch das Schwelgen der Kamera in unbekannten Landschaften und im afrikanischen Leben mit seiner wilden Fülle begeistert. Alles so wunderbar fremd und bunt, wenn auch das Blut genau so rot ist wie bei uns. Fazit: Ein Abenteuerfilm, in dem nicht viel Wesentliches gesagt wird. Dafür bleibt dem Betrachter um so mehr zum Nachdenken. 

 
Henry de Monfreid hat in den Jahren seiner afrikanischen Odyssee so viele und so umfangreiche Briefe an seine ehemalige Pflegerin Armgart geschickt, die aufsässige und ihm geistesverwandte Tochter des deutschen Statthalters in Straßburg, daß daraus ein großer Reisebericht entstand. Damit und mit zahlreichen weiteren Büchern, vor allem Reiseberichten, hat der Zivilisationsflüchtling und gescheiterte Sinnsucher sich in die Reihe der großen Reiseschriftsteller der Neuzeit eingeordnet, neben Pierre Loti, François René Vicomte de Chateaubriand, Robert Louis Stevenson, Rimbaud, Alexandre Dumas, Gérard de Nerval, Joseph Conrad und Lawrence von Arabien, nicht zu vergessen Mark Twain und Hermann Fürst von Pückler-Muskau oder Henri Michaux und Stendhal, um hier nur das Dutzend der bekanntesten anzuführen.

 
Im späten 18., im 19. und auch noch im 20. Jahrhundert suchte man in der Welt der Wilden das wahre Leben zu entdecken. Das scheinbar unverfälschte, natürliche Leben. Das öffnete einem großen und begeisterten Publikum neue Fenster. Und es ließ sogar manchen Abenteurer zum geistigen Menschen heranreifen. Aber das hatte auch ganz andere Konsequenzen. Beispielsweise die neue Mode, die Eingeborenen ferner Länder im Zoo auszustellen und sie bei der Fütterung und bei typischen Tätigkeiten vorzuführen. Nicht nur Hagenbeck stieß damit auf große Begeisterung. Wissenschaftler begannen mit der Kopfvermessung der Wilden und kreierten eine höchst problematische Rassenlehre. Sehr oft brachte die Begegnung mit der Welt der Primitiven, wie man sie zu nennen pflegte, auch krasse Verachtung und Ablehnung hervor. Ein Phänomen, das so unvermeidlich zu sein scheint, daß man es heute noch an Entwicklungshelfern beobachten kann, die als engagierte Menschenfreunde hinausgehen und manchmal als zutiefst enttäuschte Helfer heimkehren und die Afrikaner voller Verachtung als Bimbos und Halbaffen bezeichnen. Sie haben es nicht verkraftet, daß anders nicht unbedingt besser heißt. Der Mensch, dieses Tier mit der hypertrophen Verstandesentwicklung, ist und bleibt da wie dort ein interessantes Ergebnis der Evolution, wird dieser Erde aber wohl nie als ein Schmuckstück dienen.
(Walter Laufenberg in: www.netzine.de)

 


Babettes Fest

 
(Babettes Gaestebud, DK 1987, 105 Minuten, Regie: Gabriel Axel, nach einer Erzählung von Tania Blixen)

Deutsche Funkzeitschriften stecken den Film in die Schublade Komödie. Dabei ist das einzig Komische an ihm, daß die Freiwillige Filmselbstkontrolle (FSK), in der die christlichen Kirchen eine maßgebende Rolle spielen, ihn ab 6 Jahren freigegeben hat