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Film

Buddenbrooks

Die Liebe in den Zeiten der Cholera

Ruf der Wildnis

Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran

Der Große König

Das geheime Leben der Worte

101 Reykjavik

Zimt und Koriander

Kirschblüten

Das Parfum

Vom sündigen Poeten

Rashomon

Kolberg

Jud Süß

Wir Wunderkinder

Die Heiden von Kummerow

Die Band von Nebenan

Leergut

Darjeeling Limited

Der große Diktator

Barry Lyndon

Große Freiheit Nr. 7

Die Helden sind müde

Cinema Paradiso

Spiel mir das Lied vom Tod

Troja

Der große Gatsby

Der General

Das Mädchen mit dem Perlenohrring

Wem die Stunde schlägt

Der Glücksritter vom Roten Meer

Babettes Fest

Ferien wie noch nie

Frühling für Hitler

Die Legende vom Ozeanpianisten

Der Kongreß tanzt

Casablanca

Bergkristall

Die Blechtrommel

Ninotschka

Alles auf Zucker!

Ludwig II.

Königliche Hoheit

Ein Hauch von Nerz

Hängt ihn höher

Siddhartha

Die Nacht des Leguan

Schnee, der auf Zedern fällt

Doktor Schiwago

Schiffsmeldungen

Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull

Der dritte Mann

Sass - Die Meisterdiebe

Die Möwe

Kleider machen Leute

Eine Liebe von Swann

Das Frühstück im Grünen

Canasta

Luther

Münchhausen

Das Wunder von Bern

Der geteilte Himmel

Günstling einer Königin

Unordnung und frühes Leid

Madame Bovary

Doctor Dolittle

Schnee auf dem Kilimandscharo

Good Bye Lenin!

Die Clique

Rendezvous im Jenseits

Die Ballade vom traurigen Café
 


Weitere Besprechungen:
 

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In 80 Tagen um die Welt
Tanz auf dem Vulkan
Im Westen nichts Neues
Quax, der Bruchpilot
Im toten Winkel
Schachnovelle
Die glücklichen Jahre der Thorwalds
Ulysses
Das Wunder von Mailand
Der englische Patient
Der Pferdeflüsterer
Salomon und Gaenor
Madame de ...
Lola rennt
Die Flügel der Taube
Ginger und Fred
Nicht gesellschaftsfähig
Das Rabenviertel
Comedian Harmonists
Jenseits
Der Untertan
Die Stunde der Komödianten
1984
Die Reise nach Palermo
Der Postmann



Buddenbrooks

(Buddenbrooks, BRD 1959, ursprünglich zwei Teile von 99 und 107 Minuten, Fernsehfassung 145 Minuten, Regie: Alfred Weidenmann, Drehbuch: Harald Braun, Jacob Geis und Erika Mann nach dem gleichnamigen Roman von Thomas Mann)

Ein Schauer lief mir den Rücken herunter, als ich in den 80er Jahren in der Bücherabteilung des Berliner Großkaufhauses KaDeWe hörte, wie eine hübsche junge Frau zu ihrer Freundin sagte: „Och, guck mal, die Buddenbrooks, die jibt et  jetzt och schon als Buch.“ Da wurde wahr und überdeutlich, was der 75jährige Thomas Mann rückblickend zugegeben hatte, nämlich er habe keine Vorstellung davon gehabt, als er die Auflösung eines Bürgerhauses beschrieb, dass er damit viel mehr Auflösung und Endzeit verkündete.

Der Erfolgsroman des jungen Thomas Mann (1875-1955), geschrieben in den Jahren 1897-1900, erschien im Jahre 1901. Er trägt den Untertitel: „Verfall einer Familie.“ Ein umfangreiches Werk, das schon die typische Unart Thomas Manns zeigt, der Romanhandlung Wissenschaftliches und Essayistisches aufzuladen. Was zusammen mit seinem besonderen Schreibstil – lange und kunstvoll verschachtelte Satzkonstruktionen – die Lektüre erschwerte.

Nicht erstaunlich, dass die erste Auflage von 1000 Exemplaren sich schleppend verkaufte und dass der Roman mehrfach verfilmt wurde, um seinen Inhalt auf leichtere Art zugänglich zu machen (1923, 1959, 1979 und 2008). Erstaunlich ist eher, dass sich das Publikum mit dem Gezeigten zufrieden gab. Es hat einfach nicht daran gedacht, die aus dem Deutschunterricht in der Schule geläufige Frage zu stellen: „Was will der Autor uns damit sagen?“ Das ist die Überlegenheit des Bildes. Es okkupiert mit den schönen Aufnahmen von patrizischer Wohnkultur, prächtiger Kleidung, proletarischer Emanzipation und anheimelnder Kutschenfahrt mindestens Dreiviertel der Aufmerksamkeit des Betrachters. Da bleibt für das gehörte Wort nicht mehr viel übrig, fürs Weiterdenken und Weiterfragen noch viel weniger.

Der Film von 1959 bringt tatsächlich nur den Verfall einer Familie. Nichts darüber hinaus, nichts Grundsätzliches, also auch nichts Wesentliches. Man muss und kann sich einfach damit abfinden, dass es diese stolze und traditionsbewusste Familie Buddenbrook und ihren internationalen Getreidegroßhandel nicht mehr gibt. Geschieht ihr ganz recht. Der Senior der Familie, Konsul Jean Buddenbrook, war nicht klug genug, den betrügerischen Bewerber zu durchschauen, dem er seine Tochter zur Frau gab, obwohl die den Mann nicht mochte. Er starb durch einen Steinwurf in den Wirren der halben Revolution von 1848. Seine frömmelnde Frau war nicht in der Lage, sich der geldgierigen Pfaffen zu erwehren, die sie umschwärmten. Die kränkelnde Tochter Clara fiel auf einen Missionar herein, der nur an ihrem Geld interessiert war. Tony, die andere, hübschere und naiv lebenslustige Tochter, fiel gleich zweimal hintereinander auf einen Heiratsschwindler herein. Der Sohn Christian, der sich den Anforderungen der Etikette nicht gewachsen fühlte, glitt ins Halbseidene ab und endete im Irrenhaus. Der andere Sohn Thomas hatte zwar zunächst eine Liebschaft mit einem Blumenmädchen, stand als Familienoberhaupt aber in eiserner Selbstbeherrschung bis zuletzt aufrecht auf dem sinkenden Schiff, brachte dem Haus Buddenbrook sogar noch den Höhepunkt der Reputation ein, als er Senator wurde, starb aber nach einem missglückten Extraktionsversuch seines unfähigen Zahnarztes. Sein kleiner Sohn, Stammhalter und letzte verzweifelte Hoffnung des Handelsherrn, wenn auch leider mehr musisch als kaufmännisch begabt, war schon an Typhus gestorben. Und seine musikbegeisterte Frau fuhr enttäuscht zu ihrer Familie nach Holland zurück.

Das stolze Selbstverständnis des hanseatischen Großbürgertums wirkt im Film recht albern, wenn immer mal wieder betont wird, dass ein Buddenbrook das nicht tut und das nicht dulden kann. Der Name als Fetisch. Und die durchgehend vorgeführte pietistische Frömmigkeit der Familie führt nicht zum wirtschaftlichen Erfolg, sondern in den Ruin, als sollte damit die Theorie von Johannes Calvin und Max Weber widerlegt werden, dass Frömmigkeit vom Himmel mit Erfolgen auf Erden belohnt wird.

Die Todesfälle der drei Buddenbrook-Stammhalter sind vom Steinwurf über Typhus bis zum faulen Zahn nichts als Allerweltspech. Sie resultieren nicht aus einem geschäftlichen Versagen der Kaufleute, nicht aus dem Aufkommen neuer geistiger Strömungen oder veränderter Technik. Die Welt hat sich nicht gewandelt, ihr kann man die Schuld am Untergang des Handelshauses nicht in die Schuhe schieben. Die Kinobesucher müssen feststellen: Lauter Banalitäten führen zum Verfall der Familie.

Doch ist zu berücksichtigen: Der Film war an die Romanvorlage gebunden. Und der berühmte Roman, für den Thomas Mann 1929 den Literaturnobelpreis bekommen hatte, verrät in der abgespeckten Form als Film, dass der junge Autor nicht den Einblick in die Kultur- und Wirtschaftsgeschichte seiner Zeit hatte, die für eine grundsätzlichere Darstellung des Verfalls einer Kaufmannsfamilie notwendig gewesen wäre. Der Autor hat sich mit den Unglücksfällen beholfen, die in seiner eigenen Familie passiert waren. So wurden Heiratsschwindler, Erbschleicher, Verschwender und geldgierige Priester sowie Bankrotteure, also Leute, die es zu jeder Zeit gegeben hat, zu den Verursachern des Untergangs der Buddenbrooks. Der junge Autor muss die Ängste, die stets vor einer Jahrhundertwende virulent sind, gespürt haben, als er an diesem Buch arbeitete, und doch hat er nicht grundlegende gesellschaftliche, wirtschaftliche und technische Veränderungen, also einen Epochenwechsel, für den Untergang des Handelshauses verantwortlich gemacht, sondern die Zufallsereignisse seiner Familie. Dabei hat er sogar noch ein Selbsttor geschossen, indem er deutlich werden ließ: Die seelisch-geistige Differenziertheit von Künstlernaturen verträgt sich nicht mit der Lebenstüchtigkeit eines erfolgreichen Kaufmanns. Damit hat er sich selbst, im Roman personifiziert durch den musisch begabten Hanno, als den Gnadenschuss dargestellt, der dem fallierenden Handelshaus gegeben wurde. Soll man das nun als Einsicht deuten oder als Renommage?

Doch zurück zum Film. Die Zuschauer im Kino mussten vergebens auf das erneute Auftreten des jungen Mannes namens Morton vom Filmanfang warten, der Medizin studierte und sich so spontan in die Tony Buddenbrook verguckt hatte, wie sie sich in ihn. Die sich anbietende tröstliche Brücke aus dem Ständestaat hinüber in den modernen egalitären Staat der Leistungsträger brachte der Film nicht. Wie er auch kein irgendwie weiterführendes Schlusswort für den Kinobesucher übrig hatte. Das prächtige Patrizierhaus war leergeräumt, der alte Konkurrent, ein widerlicher, typischer Aufsteiger, hatte es sich unter den Nagel gerissen und bestimmte nun, wo Wände eingerissen werden sollten. Ein simples Symbol am Ende. Und der Zuschauer fragt sich heute wie damals: Was sollte das?   

(Walter Laufenberg in: www.netzine.de)



Die Liebe in den Zeiten der Cholera

(Love in the Time of Cholera, USA 2007, 133 Minuten, Regie: Mike Newell, Drehbuch: Ronald Harwood nach dem gleichnamigen Roman von Gabriel García Márquez)

Es gibt Bücher, die schon aufgrund ihrer Korpulenz eine Verfilmung unvermeidlich erscheinen lassen. Zu diesen Büchern gehört zweifellos der 1985 erschienene Roman des 1928 in Kolumbien geborenen Nobelpreisträgers Gabriel García Márquez. Ein Buch von so ausführlicher Darstellungsweise, dass den Lesern keine der atemberaubenden Besonderheiten des Milieus, keine atmosphärische Veränderung und keine seelische Regung der Protagonisten vorenthalten bleibt. Ein Buch, das gleichzeitig ein historischer Roman Kolumbiens ist, weil es die von kriegerischen Unruhen und Cholera-Epidemie überschatteten Zeiten von 1879 bis 1930 illustriert. Bücher dieser Art sind Genüsse für Freunde meisterlicher Sprachgestaltung oder Erlebnis-Substitute für Menschen, deren Leben so gleichförmig und erlebnisarm verläuft, dass sie glücklich damit sind, sich von einem umfangreichen Romangeschehen total vereinnahmen zu lassen.

Wem für derartiges Erleben die erforderliche Zeit oder Geduld fehlt, weshalb er ins Kino geht, um das Buch instant zu genießen, dem wird eine Love-Story serviert, die von Anfang bis Ende die Intensität einer Telenovela hat und doch unglaubhaft bleibt. Der unbedarfte junge Telegrammbote Florentino sieht das Mädchen Fermina aus reichem Hause. Ohne sie überhaupt zu kennen, bildet er sich ein, unsterblich in sie verliebt zu sein. Er schreibt ihr schwülstige Liebesbriefe und bekommt sogar Antwort. Das Mädchen, so unbedarft wie er, findet Gefallen an dieser Art der Liebe. Doch hat der Vater anderes mit ihr vor. Er bedroht den Jungen und schickt das Mädchen aufs Land. Nach der Zeit der Trennung will das Mädchen plötzlich nichts mehr von dem Jungen wissen. Es war nur eine Illusion, die uns den Blick getrübt hat, resümiert sie. Er aber schwört ihr ewige Treue. Das Mädchen heiratet einen prominenten Arzt. Der Junge macht Karriere und sehr ausgiebig seine Erfahrungen mit anderen Frauen. Ein halbes Jahrhundert nach der ersten Begegnung stehen die beiden sich wieder gegenüber. Gerade ist der Arzt gestorben. Er ist noch nicht beerdigt, da erklärt der alte Florentino der alten Fermina, dass er 51 Jahre, neun Monate und vier Tage auf diesen Augenblick gewartet habe. Dieses Geständnis und den erneuten Heiratsantrag zur falschen Zeit weist Fermina zunächst entrüstet zurück. Doch zeigt sich bald, dass auch sie noch etwas für den Jugendfreund übrig hat. Er gesteht ihr seine 622 Eskapaden mit anderen Frauen und vertraut darauf, dass sie ihm glaubt, er sei ihr trotzdem im Herzen treu geblieben. Seine Erklärung für seine Erfolge bei den Frauen ist: Sie sehen in mir einen Einsamen, der Liebe braucht. Sie hat jedoch den Eindruck: Florentino ist kein Mensch, er ist nur ein Schatten. Deshalb flieht sie zu ihrer Cousine. Doch er lässt nicht locker. „Das Wesen des Menschen ist, dem Alter Widerstand zu bieten“, sagt er, um sie von seiner Liebe zu überzeugen. Also kommt, was kommen muss: Die beiden Alten finden zusammen, natürlich in der Präsidentensuite eines Flussdampfers, der Florentinos Schiffahrtsgesellschaft gehört. Und wie sie zusammen kommen, die beiden über 70Jährigen: splitternackt und in Missionarsstellung.

Der Film wurde als die schönste Liebesgeschichte der Welt bejubelt. Für einfach strukturierte Konsumenten mag das stimmen. Der gewaltige Zeitraum von gut 51 Jahren zwischen Trennung und Wiederbegegnung der Liebenden ist erstaunlich und damit tränenrührend genug. Dazu kommt, dass der Film die Liebe als Rammelei in allen üblichen Stellungen vorführt, wenn auch dezent gefilmt. Und er scheint eine Widerlegung des so ärgerlichen Prinzips zu sein: Aus den Augen, aus dem Sinn. Wenn man den Film so hinnimmt, ist er eine sentimental auf die spitze getriebene Liebesgeschichte, in der der Mann eine komische Figur ist und die Frau eine scheinbar welterfahrene Dame.

Der tumbe Jüngling hatte schon nach dem zweiten Erfolg bei einer Frau mit seinen Leporello-Aufzeichnungen begonnen, und er renommiert recht plump mit seinen Erfolgen bei den Frauen. Dennoch gibt die leidgeprüfte Witwe sich dem inzwischen reich und bedeutend gewordenen Verehrer hin. So gesehen ist der Film reiner Kitsch. Das erklärt seinen Erfolg an den Kinokassen.

Das Hohe Lied auf die Liebe ist dieser Film ganz sicher nicht. Dafür ist die Liebe zwischen den beiden Protagonisten zu wenig glaubhaft. Was ist schon Liebe, wenn man sich überhaupt nicht kennt? Was ist das, wenn man in kindlicher Schwärmerei ein paar Liebesbriefe ausgetauscht hat? Nur Dummheit. Zwar verständlich und verzeihlich, aber nicht ernst zu nehmen.

Gabriel García Márquez hat mit seinem Bestseller den Balanceakt geschafft, schlichten Gemütern eine Love-Story zu bieten und doch gleichzeitig vor den Kritikern sein Gesicht als ernsthafter Autor zu wahren, indem er die vorgeführte Liebe als Farce entlarvt. Sein Buch ist nicht ein Hymnus auf die absolute Liebe, sondern ihre Relativierung. „Nichts ist schwieriger als die Liebe“, sagt die gealterte Fermina. Zu dieser Relativierung der Liebe gehört auch der aktuell düstere Hintergrund: die Cholera. Wie schon in den Geschichten, die sich die Pestflüchtlinge im „Decamerone“ des Giovanni Boccaccio erzählen, ist es die unmittelbare Todesdrohung, die der Liebe eine neue Dimension gibt. Die Liebe wird zum bloßen Geschlechtsakt, der Trotz und Flucht zugleich ist.

Der Film hat dieses Balance-Kunststück nicht geschafft. Er ist platt bei der Schnulze geblieben. Immerhin gute Unterhaltung. Doch weitergehenden Ansprüchen kann er leider nicht genügen. 

(Walter Laufenberg in: www.netzine.de)





Ruf der Wildnis

(The Call of the Wild, USA 1996, 85 Min., Regie: Peter Svatek, Drehbuch: Graham Ludlow nach dem gleichnamigen Roman von Jack London))

Scheinbar einfach nur das Porträt eines Hundes, angefangen mit der hochherrschaftlichen Jugend des zotteligen Tieres in Kalifornien. Der Mischling aus Bernhardiner und Schäferhund wird gestohlen und an einen Menschen verkauft, der darin das Talent zu einem Schlittenhund erkennt. So wacht Buck, das ist der Name des Hundes, eines Tages hoch im Norden auf, am Klondike in Kanada und lernt erstmals Schnee kennen. Es ist die Zeit des Goldrausches, der 1896 ausgebrochen war. Der Hund Buck hat Glück, denn ein kanadischer Postkurier kann ihn für sein Schlittengespann brauchen. Ein Mann, der mit Hunden umzugehen und die ungewöhnliche Kraft Bucks zu schätzen weiß. Der Hund, der bald sein Leittier wird, ermöglicht ihm sogar Kurierfahrten in Rekordzeiten. Doch als nach einer solchen Gewalttour sofort der nächste Auftrag ansteht, muss er auf das erschöpfte Tier verzichten und mit frischen Hunden losziehen.
 
Damit beginnt die dritte Episode in Bucks Leben. Diesmal ist er im Gespann vor einem völlig überladenen Schlitten, der zwei Männern und einer Frau gehört, die durch die eisige Wildnis ziehen, aber völlig unerfahren sind. Er wird von seinem neuen Besitzer brutal geprügelt, als er Gefahr wittert und nicht weiter will. Ein einsamer Goldwäscher bewahrt ihn im letzten Moment davor, erschossen zu werden. Die drei Greenhorns ziehen ohne ihn weiter und versinken gleich darauf im gebrochenen Eis eines Sees, den sie überqueren wollten.
 
Nach den Episoden des Verwöhntseins und der Brauchbarkeit sowie des Missbrauchs kommt als vierte Episode in Bucks Leben die der innigen Freundschaft zwischen Mann und Hund. Das gute Verhältnis wird jedoch etwas gestört von der Umtriebigkeit, die Buck, aus dem Geschirr des Hundeschlittens befreit, entwickelt. Dem Ruf der Wildnis folgend, rennt er in langen Streifzügen durch den Winterwald und findet dort wilde Partner. Er kommt aber immer wieder zu dem Goldwäscher zurück. Als der von einem Indianer mit zwei Pfeilen erschossen wird, kann Buck das nicht verhindern, doch beißt er den Feind tot, ehe er endgültig in die Wildnis verschwindet, wo er der Anführer und Stammvater eines Wolfsrudels wird.
 
Das Ganze ist ein Kommentarfilm mit nur wenigen Dialogen. Und diese Kommentartexte sind Texte aus dem 1903 erschienenen Roman des Autors Jack London (1876-1916). Er hat diese Geschichte so penetrant anthropomorph erzählt, alles immer derart direkt mit menschlichen Eindrücken, Regungen und Gefühlen bestückt, die er dem Hund in den Kopf gibt, dass man nicht weiß, ob man lachen oder weinen soll. Vielleicht sollte man beides lassen und stattdessen annehmen, dass Jack London mit dieser Projektion auf und in den Hund etwas über uns Menschen sagen wollte. Einem Schriftsteller von Format darf man wohl unterstellen, dass er mehr bieten will als lediglich die Schilderung eines dramatisch verlaufenen Hundelebens und einer wilden Landschaft.
 
Auf diese Vermutung muss man schon kommen, wenn der Autor gleich zu Beginn von Bucks Schlittenhund-Karriere den Hund darüber räsonieren lässt, dass die anderen Hunde nur die eine Ambition kennen, stets schön in der Spur zu bleiben. Da spricht der nicht angepasste Autor aus dem Hund. Und der merkwürdige Ehrgeiz Bucks, es von der vierten Stelle im Gespann zum Leithund zu bringen, ist ebenfalls mehr menschlich als hündisch, genau wie Bucks Dankbarkeit dafür, dass der Goldwäscher den Mann mit dem Prügel daran gehindert hat, ihn zu erschießen.
 
Nur wenn man den Film so sieht, kann man die so schrecklich nebbich klingenden Äußerungen über das Hundeleben ertragen, über das Sich-Durchsetzen als Überlebenstechnik und das Fehlen von Gnade in der Wildnis, in der nur das Gesetz vom Fressen oder Gefressen-Werden gilt. Jack London hat den Goldrausch am Klondike selbst erlebt, und er hat gesehen, wie der Mensch alle Kultur verloren hat und auf einmal ein Stück Wild in der Wildnis war. So gesehen und so verstanden, ist Jack Londons Roman genau wie der Film nach dem Buch sogar wichtig und von zeitloser Aktualität, nämlich mit der hintergründigen Aussage: Der Rückfall ist jederzeit möglich. Der Goldrausch ist hier als nur einer der vielen möglichen Rauschzustände gezeigt, die das Kulturwesen Mensch bedrohen. Und selbst die Zeitgenossen, die in sogenannten normalen Verhältnissen leben, können vermuten, der Autor habe mit dem instinktiv empfundenen Ruf der Wildnis, den Buck hört und dem er über Stock und Stein folgt, etwas über den Mann gesagt, der selbst in seinem Alltag genau wie Buck die Jahrtausende der Domestizierung auf einmal vergessen kann.
 
Also ganz sicher kein Film nur für Hundefreunde und auch nicht einfach ein Abenteuerfilm, sondern werkgetreu und perfekt filmisch umgesetzte hohe Literatur. Kein Wunder, dass der Roman schon fünf Jahre nach seiner Erstveröffentlichung (1903) das erste Mal verfilmt wurde und seitdem insgesamt sieben Mal.


(Walter Laufenberg in: www.netzine.de)



Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran


(Monsieur Ibrahim et les fleurs du Coran, F 2003, 94 Minuten, Drehbuch: Éric-Emmanuel Schmitt und François Dupeyron, Regie: François Dupeyron)

Eine unbedeutende Pariser Straße als ein ganzer Kosmos von scheinbar buntem Leben. Daraus entwickelt sich ein amüsantes Spektakel aus Lug und Trug. Man mogelt sich auf jede Weise durch. Wer kann es dem jungen Moses verdenken, dass er sich als schon 16-jährig ausgibt, weil er dem Reiz der schön aufgeputzten Huren verfällt, die er jeden Tag auf der Straße stehen sieht, vom Fenster der Wohnung aus, in der er mit seinem Vater lebt. Der Vater, ein mit Büchern lebender Jude, ist äußerst sparsam und mehr als verbissen ernsthaft, er ist permanent missmutig. Er hat Verdauungsprobleme und spricht nicht über die Mutter, die schon lange verschwunden ist. Er vergleicht seinen Sohn nur immer mit einem älteren Bruder, der alles besser gemacht habe, der belesen sei und angeblich bei der Mutter lebe. Der aus falscher pädagogischer Ambition erfundene ältere Bruder wird für den jungen Moses aber nicht zum Vorbild, sondern zum Hassobjekt.
 
Der Junge, der hauptssächlich von lauter Radiomusik zu leben scheint, kommt täglich in den Kolonialwarenladen des alten Ibrahim, den jeder den Araber nennt. Der Alte betont, er sei kein Araber, sondern ein Moslem. Von derselben abstrus-unsinnigen Logik sind seine Weisheiten, mit denen er den Jungen immer mehr beeindruckt. Der stiehlt im Laden regelmäßig, was er und der Vater zum Leben brauchen. Der Alte bemerkt es und übersieht es großzügig, schenkt dem Jungen sogar noch mehr an Nahrungsmitteln. Und er wird zu seinem Tröster, als es um die erste enttäuschte Liebe des Jungen geht. Ibrahim nennt den Jungen Momo, um den jüdischen Namen Moses zu vermeiden. Wenn der ihn verwundert fragt, woher er seine Weisheit hat, verkündet der Alte voller Stolz, er habe den Koran im Kopf. Doch was er von sich gibt, sind nur ein paar Lebenserfahrungen, vermischt mit widersinnigen Sprüchen, beispielsweise: „Wenn man wirklich etwas lernen möchte, liest man kein Buch. Man spricht mit jemandem.“ Oder: „Was du gibst, das gehört dir auf ewig. Was du behältst, ist auf immer verloren.“ Mit so dunklem Geschwätz wird der alte Krämer ohne besondere Anstrengung der große Guru des Jungen.
 
Dessen Vater verschwindet eines Tages, weil ihm gekündigt wurde. Bald darauf kommt die Nachricht von seinem Selbstmord. Für Moses/Momo wird der alte Ibrahim ein Ersatzvater, der den Jungen sogar adoptieren will. Doch machen die Behörden Schwierigkeiten. Mit Mogelei hilft der Junge dem Alten, den Führerschein zu machen, als der sich ein Auto gekauft hat. Damit fahren sie zusammen durch die Schweiz und Griechenland in die Türkei. Dort stirbt Ibrahim. Aber vorher hat er noch testamentarisch seinen gesamten Besitz dem jungen Moses/Momo vermacht. Der sitzt anschließend genauso auf dem Hocker hinter der Kasse des kleinen Kolonialwarenladens, wie sein Förderer und Ersatzvater dort immer gesessen hat: „Von acht bis vierundzwanzig Uhr und auch am Sonntag.“
 
Dieser Rondo-Effekt war zu erwarten. Übersetzt heißt er: Es bleibt doch immer alles beim Alten. Es ist das die Antwort auf die eifrige Bücherlektüre  des jüdischen Vaters und auf die Koran-Begeisterung des alten Ibrahim. Also ein aufklärerischer Film im Gewand einfallsreicher Unterhaltung. Das zeigt sich auch auf der großen Reise der beiden, für die eine griechisch orthodoxe Kirche nur nach Weihrauch riecht, eine katholische Kirche nach Kerzen und eine Moschee nach Schweißfüßen.
 
Wer diesen Film jedoch als eine Parallele zur Ring-Parabel Lessings sieht, mit der Aufforderung zu Toleranz als letzter Konsequenz, weil jede Religion gleich wertvoll sei, der missversteht ihn gründlich. Erst recht ist das kein Werbefilm für den Koran oder den Islam. Das verhindert schon die vom Titel ganz sicher nicht zufällig ausgelöste Assoziation zu dem 1857 erschienenen Buch „Die Blumen des Bösen“ von Charles Baudelaire, das mit den Zeilen beginnt:
 
    „Verirrung, Dummheit, Sünde, Lug erschüttern
    Im Fleisch uns, legen auf den Geist die Hand.
    Wir päppeln unseres Gewissens Brand,
    Wie Bettelleute Ungeziefer füttern.“
 
Der Film basiert auf dem gleichnamigen Buch, das einer der witzigsten Skeptiker unserer Zeit geschrieben hat, erschienen 2001 (in deutscher Übersetzung, mit der falschen Genitivform bei Koran, 2003). Der französische Romancier und Dramatiker Éric-Emmanuel Schmitt (geboren 1960, in Brüssel lebend) führt in seinem Ibrahim-Buch über Lug und Trug und Mogelei die drei großen Buchreligionen ad absurdum, indem er ihnen kaltlächelnd die viel höhere Bedeutung des Lächelns gegenüberstellt.
 
Wenn man bedenkt, wieviel Unheil religiöser Fanatismus seit jeher über die Menschheit bringt, kann man diesem Film, der den Religionen die Luft rauslässt, nur einen möglichst weltweiten Erfolg wünschen.

(Walter Laufenberg in: www.netzine.de)




Der Große König

(Der Große König, D 1942, 116 Minuten, Drehbuch und Regie: Veit Harlan)

Wenn man einen in Deutschland in den Jahren 1940-42 entstandenen Spielfilm sieht, kann man nicht anders, man denkt an Adolf Hitler und seinen Propagandaminister Joseph Goebbels, die beide große Kinoenthusiasten waren, und sieht und hört alles so, wie es auf Hitler und auf das Volk, das ihm zujubelte, gewirkt haben muss. Hitler ist zu der Zeit der große Umgestalter  Europas, der Österreich an das Deutsche Reich angeschlossen hat, und er ist der große Feldherr, der Polen in einem Blitzkrieg erobert hat, in Kumpanei mit dem Diktator Russlands, Stalin, und der mit ebenso erstaunlicher Schnelligkeit Holland, Belgien und Frankreich in die Knie gezwungen hat. Aber als dieser Prokriegsfilm dann endlich in die Kinos kommt, hat Hitler schon in Afrika und in Russland entscheidende Schlachten verloren.
 
Sein Volk, wenn es diesen Film im Kino sah, muss dasselbe gefühlt haben, wie er selbst, der sich möglichst jeden Abend einen Film in seinem Privatkino vorführen ließ: Die Wiedergeburt des großen Preußenkönigs Friedrich II. heißt Adolf Hitler. Es gibt zwar auch mal eine Niederlage, damals war das die Schlacht bei Kunersdorf, aber was bedeutet so ein Name schon für die Geschichte? In der großen Historie ist das doch nur ein kleines Blättchen, erfährt man in diesem Film. Viel wichtiger ist die trotzige Auflehnung des Herrschers gegen all seine Feinde und gegen alle Götter in einer scheinbar aussichtslosen Situation. Wenn rundum alle Vernünftigen dazu raten, aufzugeben und sich den Feinden zu ergeben, weil ein Krieg gleichzeitig gegen Russen und Franzosen und Österreicher und Schweden einem keine Chance lässt, dann wendet man das Schicksal nur mit einem entschlossenen Dennoch. Das ist die unüberhörbare Lektion dieses Films. Wir haben es also mit einer geschickten Instrumentalisierung der Geschichte für eine aktuelle politische Ambition zu tun.
 
1942 war längst jedem klar, dass das Deutsche Reich sich in einen Vielfrontenkrieg verrannt hatte. Was für jeden auch nur halbwegs vernünftigen Bürger eine aussichtslose Situation war, das musste in diesem Film zur Siegesgewissheit umgewandelt werden. Also war nur konsequent, dass im Film gesagt wurde, man dürfe im Krieg zwar Angst haben, weil das eine natürliche Reaktion sei, aber am Sieg dürfe man niemals zweifeln, denn das sei Hochverrat. Auch konnten im Film schreckliche Zerstörungen und vielfacher Tod gezeigt werden, doch musste das aufgehoben werden durch eine von den Dörflern ruck-zuck wiederaufgebaute Windmühle und durch Frauen, die sich als Ersatz für die fehlenden Pferde oder Ochsen selbst vor den Pflug spannten, und durch den in die Zukunft weisenden Säugling auf dem Arm seiner Mutter. Und das Unwahrscheinliche geschieht: Der Preußenkönig, der der Überzahl seiner Feinde nur wenig entgegen zu setzen hat außer seinem Überlebenswillen und seiner Siegesgewissheit, er geht als der Sieger aus der großen europäischen Schlacht hervor. Und das nur, weil er sich seiner gesamten goldbetressten Generalität überlegen zeigt und weil er die Falschheit der Russen durchschaut hat. Der Große König ist der Sympathieträger par excellence, so pflichtbewusst wie er ist, immer dienstbereit und ernsthaft. Dass er sich nach dem Endsieg nicht in einem Prunkwagen durch Berlin kutschieren lässt, sondern so bescheiden auftritt wie immer, auch seinem Herrgott tiefernst gegenübertritt, das ist nicht zufällig. Das könnte er, wenn das möglich wäre, glatt seinem späten Nachfolger Adolf Hitler abgeguckt haben, an dem die Zeitgenossen seine Anspruchslosigkeit und Einfachheit schätzten. Dass es bei ihm mit dem Endsieg nicht so klappen würde wie beim Alten Fritz, das konnte – oder wollte – man ja nicht ahnen. Auch nicht, dass der Sieben-Jahre-Krieg eine Parallele finden würde.

Mit dem Schauspieler Otto Gebühr (1877 Kettwig – 1954 Wiesbaden) hatte man die ideale Besetzung gewählt, weil ein Mann mit derart verkrümmter Figur und schwerer Nase nur Hochachtung und Mitgefühl erntete. Die Identifikation mit dem überlieferten Bild Friedrichs des Großen war perfekt. Schon in den Fridericus-Rex-Filmen der Jahre 1920-23 und in den meisten der bis 1937 folgenden Preußen-Filme hat er den Alten Fritz verkörpert.
 
Der Hitler ergebene Regisseur Veit Harlan (1899 Berlin – 1964 Capri), der 1940 den antisemitischen Propagandafilm „Jud Süß“ gedreht hatte, hat seinem Auftraggeber mit viel Aplomb die Bestätigung geliefert, die dieser brauchte. Die erst viel später aufgekommene Farce vom Gröfaz, dem größten Feldherrn aller Zeiten, in diesem Film hat sie ihren Ursprung. Was der Regisseur dem Führer mit diesem meist sehr lärmigen Film bot, das war Hitler und seinem Propagandaminister Goebbels soviel wert, dass man ihm jede Menge Geld und fünftausend Pferde und echtes Militär en masse für die Schlachtenszenen zur Verfügung stellte. Und man ließ ihm sogar die Marotte durchgehen, die einzige agierende Frauenfigur, eine sentimental gezeichnete Müllerin, mit seiner Ehefrau zu besetzen, der Schauspielerin Christina Söderbaum (1912 Stockholm – 2001 Hitzacker). Dass ansonsten Frauen keine Rolle spielten, darin war der Führer sich mit seinem Filmemacher einig. Hitler wusste, warum er nicht verheiratet war. Er brauchte seine Unabhängigkeit. Wollte er doch immer nur im Dienst am deutschen Volk gesehen werden. Er konnte sich also auch in dieser Charakterisierung von dem neuen Harlan-Film bestätigt fühlen.
Wie große Künstler zu allen Zeiten den weltlichen wie kirchlichen Herrschenden nach dem Mund reden mussten und sich nur mit dezenten Widerstandsgesten von ihnen absetzen konnten, so auch der Regisseur Veit Harlan, der es damit immerhin geschafft hat, nach dem Untergang des Dritten Reiches von den Siegern als unschuldiger Mitläufer eingestuft zu werden. Was er als geistige Konterbande in diesen Film eingeschmuggelt hatte, zahlte sich für ihn aus: Friedrich trauert nur um seinen Hoffnungsträger, den jungen Neffen, der an den Blattern stirbt, aber nicht um die vielen tausend Gefallenen; es gibt keinen Hinweis auf eine Notwendigkeit der von  Friedrich angezettelten Eroberungskriege, die schließlich zum Verteidigungskrieg mutieren; dafür aber wird sein Vorgänger Friedrich Wilhelm I. erwähnt, der zwar der Soldatenkönig genannt wurde, aber Kriege vermieden hat.
 
Veit Harlan, der unmittelbar vor dem Ende des Krieges in Goebbels’ Auftrag auch noch den Durchhaltefilm „Kolberg“ gedreht hatte, konnte sich in seiner Verteidigung vor Gericht auf solche Aspekte eines klammheimlichen Widerstands berufen. Die Frage war, ob das nur kluge Rückversicherungszahlungen gewesen sind oder nicht. Letztlich konnte dem Filmemacher nicht vorgeworfen werden, dass er mit seiner Arbeit eine Schuld an den Verbrechen der Nationalsozialisten auf sich geladen hätte, weil bei formaljuristischer Betrachtung eine  Kausalität nicht mit Sicherheit nachgewiesen werden konnte. Mehr als Verhaftung und Anklage und anschließendes Berufsverbot ist dem Filmemacher Veit Harlan nicht widerfahren. Allerdings wurde erst viel später bekannt, dass der Vorsitzende Richter des Veit-Harlan-Verfahrens am Landgericht Hamburg ein ehemaliger Nationalsozialist war.


(Walter Laufenberg in: www.netzine.de)



Das geheime Leben der Worte

(La Vida Secreta De Las Palabras, EP 2005, 111 Minuten, Drehbuch und Regie: Isabel Coixet)

Ein ungewöhnlich kryptischer Titel für einen Kinofilm. Ein Titel, der Tiefe andeutet und damit schon das Publikum auswählt, dem man etwas sagen will. Die Spanierin Isabel Coixet kommt aus der Kreativarbeit von Werbeagenturen und vom Werbespot her. Deshalb die eiserne Zielgruppenorientiertheit. Und von daher auch die Erfahrung, dass es auf jedes einzelne Wort ankommt, wenn man etwas nicht nur sagen, sondern auch überbringen will.

In diesem Film ist eine verstörte junge Frau aus Bosnien die Überbringerin der Botschaft. Sie arbeitet stumm und zuverlässig und ohne Urlaub oder Krankheitstage in einer Fabrik in Dänemark und wird damit ihren Kollegen unheimlich. Der Chef verordnet ihr einen einmonatigen Urlaub. Doch das Urlaubsleben, das die Prospekte ihr zeigen, ist ihr ein Greuel. Zufällig bietet sich ihr eine andere Chance. Als gelernte Krankenschwester übernimmt sie die Pflege eines Schwerverletzten, der auf der Krankenstation einer Bohrinsel im Atlantik liegt. Der Mann hat schwerste Verbrennungen erlitten und ist vorübergehend erblindet. Er ist so mitteilsam, wie sie verschlossen ist. Sie schweigt beharrlich. Nichts über sich, auch nicht ihren richtigen Namen, verrät sie dem Kranken, der - so schmerzhaft das Lachen für ihn ist - sogar Witze macht, um über seine Hilflosigkeit hinwegzutäuschen und weil er mit ihr vertraut werden möchte. Doch erfährt er nicht einmal, ob sie wirklich blond ist, wie er vermutet.

Sie ist in dem ehemaligen Zimmer ihres Patienten untergebracht, wo sie immer wieder die auf die Mailbox seines Handys gesprochenen Liebesbeteuerungen einer Freundin des Verletzten abhört. Irgendwann verrät der Kranke ihr, dass er sich schuldig fühle. Und von seinen Kollegen hört sie, was passiert ist: Sein bester Freund ist nicht durch einen Unfall zu Tode gekommen. Er hat sich bei einem Brand auf der Bohrstation ins Feuer geworfen, und der Kranke hat sich seine schweren Brandverletzungen bei dem vergeblichen Versuch zugezogen, den Freund aus dem Feuer zu holen. Seine ferne Geliebte, die ihm auf der Mailbox wortreich seine Liebe gesteht und auf seinen Rückruf wartet, ist die Frau seines Freundes.

Als die Krankenschwester erkannt hat, mit welchen inneren Qualen der Verletzte kämpft, kann sie sich ihm endlich offenbaren. Sie erzählt von einem Ausflug zusammen mit ihrer Freundin in ihrer Heimat Bosnien in der Zeit der Balkankriege, der sie in die Gewalt einer Soldateska gebracht hat. In einem Soldatenbordell erleiden sie permanente Vergewaltigungen und dabei grausamste Misshandlungen, unter denen die Freundin verblutet. Die Pflegerin öffnet ihre Bluse, nimmt die Hand des blinden Verletzten und führt sie an ihren entblößten Oberkörper, der von Narben übersät ist. In Tränen aufgelöst finden die beiden unglücklichen Menschen zueinander. 

Das ist sicher eine der stärksten Liebesszenen, die jemals auf die Kinoleinwand gekommen sind, dazu noch eine ohne den Liebesakt. Sicher gibt es schönere, mit schöneren Menschen, die aber austauschbar bleiben. Dagegen bleibt wegen ihrer Absurdität diese Szene in der Krankenstation der Bohrinsel in der weiten Verlassenheit des Ozeans unvergesslich. In der Terminologie des Philosophen Karl Jaspers gesagt, hat die Filmemacherin auf überzeugende Weise Grenzsituationen aufgezeigt. Und sie hat es geschafft, die Grenzsituationen so aufeinanderprallen zu lassen, dass aus lauter Negativa ein Positivum entstanden ist.

Als der Verletzte schließlich per Hubschrauber an Land gebracht werden kann, hält die Pflegerin bis zuletzt seine Hand, wie er sich das gewünscht hatte. Doch dann verschwindet sie ohne Abschied, um wieder die wortlose und auch taube Fabrikarbeiterin zu werden, die ihr Hörgerät nur einschaltet, wenn sie etwas hören will. Klar, dass der geheilte und endlich wieder sehende Mann sich später auf die Suche nach seiner Pflegerin macht. Genau das erwartet der Zuschauer. Aber ob die Konfrontation des Suchenden mit einer Psychologin nötig war, darf man bezweifeln. Damit wird zwei menschlichen Tragödien, die aus ihren Abgründen zu einem neuen Höhepunkt der Menschlichkeit geführt wurden, ein halbwissenschaftliches Gerede von Scham übergestülpt, auf das man lieber verzichtet hätte. Auch da wäre Schweigen besser gewesen.

(Walter Laufenberg in: www.netzine.de)


101 Reykjavik

(101 Reykjavik, IS 2000, 85 Minuten, Drehbuch und Regie: Baltasar Kormákur, nach dem gleichnamigen Roman von Hallgrimur Helgason)

Schon im Vorspann wird darüber philosophiert, dass man aus dem Totsein kommt und zum Totsein hin geht, in klassisch schöner Formulierung: „Das Leben ist eine Unterbrechung des Todes.“

Das steht wie das Motto über diesem Film, der in der Nachfolge von Woody Allen den totalen Wahnsinn des modernen Großstadtlebens vorführt. Hier am Beispiel einer der kleinsten Hauptstädte der Welt vorgeführt: im Postbezirk 101 von Reykjavik. Also Großstadtleben auf beschränktem Raum, was den Beteiligten nicht weiter auffällt, weil man in der Enge seiner Diskothek lebt, im intensiven Hautkontakt mit Menschen, die man fast alle kennt. Und wenn man im Gewühl und Lärm plötzlich von einer Bekannten angesprochen wird, dann ist das die Frau, mit der man gestern geschlafen hat, wie sie einem ohne Vorwurf in Erinnerung ruft.

Der 28-jährige Hlynur ist ein junger Mann mit der Antriebskraft eines Greises und den Umgangsformen eines Kleinkinds. Er lebt noch immer bei seiner Mutter, was ihr so gut gefällt wie ihm. Er ist arbeitslos, aber auch nicht erpicht auf Arbeit, weil er genug beschäftigt ist mit dem Genuss von Bildschirm-Pornos. Seine Idealvorstellung vom Leben ist das bloße Rumhängen mit dem nahtlosen Übergang von der Alimentenzahlung des Vaters zur Stütze, der anschließenden Rente und dem Verdämmern im Altersheim.

Das ist eine Karikatur des Sozialstaats isländischer Ausprägung, so überzeichnet, wie Karikaturen sind, aber auch so wahr. Jedenfalls hochaktuell geworden durch das totale Wirtschaftsdebakel, das Ende 2008 über die erstaunten und an amerikanische Konsumorgien gewöhnten Isländer hereinbrach. Offenbar waren Buch und Film zu früh erschienen, um eine Fünf-Vor-Zwölf-Warnung sein zu können.

Als die Mutter des phlegmatischen jungen Mannes eine junge spanische Flamenco-Tänzerin als Besucherin in die Wohnung bringt, bemerkt sie, was ihr fehlt. Sie lebt seit über zwanzig Jahren von ihrem Mann, einem Säufer, getrennt. Aber jetzt fühlt sie sich zu der jungen Spanierin so hingezogen, dass sie ein lesbisches Verhältnis mit ihr beginnt. Gern bekennen die beiden Frauen sich offen als ein Paar und schaffen es sogar, dass die junge Spanierin schwanger wird. Schließlich leben die beiden Frauen und das Baby zusammen mit Hlynur in der Wohnung der Mutter. Und Hlynur stellt sich vor, dass er der Vater des Neugeborenen ist, aber auch sein Stiefvater und sein älterer Bruder und wer weiß was sonst noch alles. Das Fazit einer so stolzen wie blöden Liberalität, die in sexuelle Libertinage ausgeartet ist.
 
Das in diesem Film gezeigte Leben ist eine einzige Party, unterbrochen hin und wieder durch eine erzwungene Familienfeier, die aber zum Davonlaufen ist. Direkte Gegenstücke der Yuppies sind die Jugendlichen Reykjaviks, die sich in ihren Lokalen wild verklumpen. Für sie zählt nur noch Sex, und zwar in der sportlichen Variante gesehen: Gut oder schlecht oder besser gemacht. Daneben schätzen sie Zigaretten und grenzenlose Sauferei, aber auch Haschisch, den Lärm permanenter Musikbeschallung und leeres Geschwätz. Das alles glauben sie zu brauchen, weil draußen die sibirische Kälte lauert. Kirche und Erdgeister sind bloße Randerscheinungen des Lebens, wie die weite Leere der Landschaft und der Schnee, der ständig rieselt. In solcher Umwelt ist der ignorante Konsumtrottel die geglückte Überwindung des Leistungsträgers. 

Dabei macht der Protagonist Hlynur allerdings eine interessante Entwicklung durch. Auf einmal ist er in der Lage, einen ihm ungeniert vorgeführten Koitus als Anregung zu einer generellen Betrachtung zu verstehen. Er möchte eine Serie über das unterschiedliche sexuelle Verhalten der verschiedenen Völker produzieren. Daraus wird natürlich nichts. Stattdessen endet Hlynur in einem festen Job, nämlich als Parkuhrwächter, also bei dem, was man den öffentlichen Dienst nennt. Ein Happy End in einem überkommenen Idealzustand, weil beim öffentlichen Dienst das Dienen bekanntlich schon mit der Bezeichnung erbracht wird. 

Der Film kam angeblich durch ein zufälliges Zusammentreffen des Autors mit dem Regisseur, der damals noch Schauspieler und Kneipenwirt war, in einer Reykjaviker Bar zustande. Bei den gleichermaßen literaturbegeisterten wie kinoverrückten Isländern, die im Alltag durch das total amerikanisierte Fernsehen malträtiert werden, wurden Buch und Film „101 Reykjavik“, die beinahe gleichzeitig erschienen, sofort große Erfolge.

(Walter Laufenberg in: www.netzine.de)



Zimt und Koriander

(Politiki Kouzina, GR/TR 2003, 103 Minuten, Drehbuch und Regie: Tassos Boulmetis)

Aus einem weltweit existierenden und nach wie vor ungelösten Problem eine Komödie zu machen, das ist die Hohe Schule der Cineasten. Dieser Film hat es geschafft, ein politisches Dilemma in ein wohlschmeckendes Produkt der Kochkunst zu verwandeln.
 
In Konstantinopel – der Film bleibt stets bei der ehemaligen, griechischen Bezeichnung für Istanbul –  weiht ein alter Grieche mit türkischer Staatsangehörigkeit seinen kleinen Enkel Fanis in die Geheimnisse der Kochkunst ein. Bei ihm ist das die Kunst der Verwendung von Gewürzen, bei der manchmal sogar Gewürze mit entgegengesetzter Geschmacksrichtung das Richtige sind.  Für den Großvater hat Gastronomie mit Astronomie zu tun, weil das eine Wort angeblich im anderen steckt. Er improvisiert für den Jungen auf dem Küchentisch ein Astrolabium aus Gewürzen: Pfeffer ist heiß und brennt wie die Sonne, Zimt ist süß und bitter zugleich wie die Venus und überhaupt die Frauen, und Salz ist das Grundelement unserer Erde. So wird bei seinem Enkel das Interesse geweckt, das ihn zum Astrophysiker werden lässt, gleichzeitig aber auch zu einem passionierten und vielbewunderten Koch.
 
Doch der Hintergrund des Films über die hehre Kochkunst ist ein politischer. Darauf weist der doppelsinnige Originaltitel hin, der je nach der Betonung übersetzt heißt: Konstantinopolitanische Küche oder Politische Kocherei. Es geht letztlich um den Streit zwischen den griechischen und türkischen Zyprern, der von Politikern so angeheizt wurde, dass die Türkei eine militärische Besetzung von Nordzypern für die einzig verbleibende Lösung hielt und die Insel mit einer Mauer geteilt werden musste. Allerdings wird nur ein einziger Politiker im Film genannt, und das nur so nebenbei, nämlich Makarios, der Betonkopf der zyprischen Griechen. Ihm wird die Verantwortung für die Fernwirkung seiner Politik zugeschoben, die darin besteht, dass die Türkei im Jahre 1964 sich veranlasst sah, alle Griechen aus Konstantinopel auszuweisen. Doch hütet sich der Film vor dem Politisieren, er ist auch kein Versuch des Revanchismus. Er bleibt auf der Ebene der mehr oder weniger kleinen Leute.
Denn durch das Ausweisungsdekret werden Fanis und seine Eltern von dem Großvater, der bleiben darf, getrennt. Eine Trennung des kleinen Jungen auch von seiner kleinen türkischen Freundin Saime. In ihrer neuen Heimat Athen fühlen die Ausgewiesenen sich nicht wohl, weil sie dort als Türken gesehen werden. Da war das Leben doch viel schöner in Konstantinopel, obwohl sie dort als Griechen gesehen wurden.

Das griechisch-türkische Verhältnis wird in den nächsten Jahrzehnten vom Militär bestimmt, das mit vielen kleinen Übergriffen von der einen und der anderen Seite die Fackel des Unfriedens hochhält. Das bedeutet auf der menschlichen Ebene: Als Fanis, inzwischen Professor der Astrophysik, nach dreißig Jahren seinen Großvater in Konstantinopel besuchen will, weil der seinen immer wieder angekündigten Besuch in Athen nicht wahrgemacht hat, kommt er einen Tag zu spät in die Klinik. Und das Mädchen, das er geliebt hatte, ist inzwischen die Ehefrau eines türkischen Militärarztes. 
Eine gut gewürzte Komödie, obwohl ohne Happy-End, so könnte man diesen Film nennen. Man könnte aber auch umgekehrt sagen: Ein hochaktueller Problemfilm mit wohltuendem Komödiencharakter. Geht es doch um das seit Jahrhunderten und in vielen Ländern virulente Problem, dass verschiedene Ethnien in einem Staat zusammenleben. Was hier der Antagonismus von Griechen und Türken ist, das ist andernorts der Gegensatz Palästinenser-Israelis, das führte im letzten Jahrhundert zu der Trennung Pakistans von Indien und schon im ausgehenden Mittelalter zu der Vertreibung der Juden aus Spanien, um nu einige wenige dieser Problemkomplexe zu nennen. Was mal mit staatlich geförderter Zuwanderungs- und Überlagerungspolitik geregelt werden soll, mal mit Zermürbungstaktik durch Unterprivilegierung der einen Volksgruppe, mal mit totaler räumlicher Trennung durch Ausweisung, es führt stets zur Trennung von Menschen, die zusammengehören, und somit zu persönlichen Katastrophen. Welcher Versuch der politischen Lösung des Problems der beste ist, wird in dieser Geschichte nicht diskutiert. Es ist dies kein Lehrfilm über politisches Krisenmanagement, sondern eine Aufforderung zum Mitfühlen und zum Nachdenken.
 
Die Hauptfigur Fanis wird konsequenterweise immer sehr nachdenklich gezeigt. Dabei kommt der Film aber ohne alles Sauertöpfische daher. Er bringt das Anheimelnde und das Kuriose des Lebens der kleinen Leute, er bringt es in stimmungsvollen Szenen und geschickt gewählten Bildern und mit Humor. Und er erlaubt sich sogar den Scherz, dem Kinobesucher das Ganze und damit auch das Schicksal der Hauptfigur Fanis, das weitgehend mit dem des Filmemachers identisch ist, mit den Menubezeichnungen Vorspeise, Hauptgang und Dessert zu servieren.

(Walter Laufenberg in: www.netzine.de)



Kirschblüten

(Kirschblüten, D 2008, 122 Minuten, Drehbuch und Regie: Doris Dörrie)

Die für ihre Japanbegeisterung bekannte deutsche Regisseurin liefert einen typischen Autorenfilm, das heißt einen unverhüllt subjektiven Blick auf das Leben. Daraus wurde ein Film der Behutsamkeit, der leisen Töne, der zärtlichen Bilder. Das ist das Resümee, wenn man aufsteht und sich die Augen trocken reibt. Ein Film auch des Staunens und der Überraschung, weil man sich fremd in der Fremde fühlt und fremd auch in der Heimat, da und dort intensiv zu Verständnis aufgefordert.

Ein älteres Ehepaar in einem bayerischen Dorf, das von der kalten Hand des Schicksals – das macht sich immer gut – berührt wird, als die Frau das Ergebnis der ärztlichen Untersuchung ihres Mannes erfährt: Er hat nur noch kurze Zeit zu leben. Davon weiß er selbst nichts. Die rührende Hingabe der Frau wird von ihm als selbstverständlich genommen, und ihr Wunsch, gemeinsam mit ihrem Mann noch einmal eine große Reise zu machen, stößt bei ihm auf Unverständnis. Zu den Kindern nach Berlin fahren sie – und werden enttäuscht. Die Kinder kennen mich sowenig wie ich die Kinder kenne, konstatiert der Mann. Die Sehnsucht der Frau, nach Japan zu fliegen, um den Fuji zu sehen, stößt auf Ablehnung, obwohl dafür spricht, dass sie den in Tokio lebenden Sohn wiedersehen könnten. Die schon lange ersehnte Fahrt an die Ostsee bringt nur Belanglosigkeit und den Wunsch des Mannes, wieder daheim zu sein. Plötzlich erlaubt sich dann das Schicksal den üblen Scherz, die Frau sterben zu lassen und nicht den Ehemann, den Moriturus.

Der Mann reist nach Tokio und wohnt bei seinem Sohn, einem Angestellten, der kaum eine freie Stunde hat. So muss er auf eigene Faust die neue Umwelt erkunden. Er läuft in mitgebrachten Kleidungsstücken seiner Frau herum, um ihr auf diese Weise die Welt zeigen zu können, nach der sie sich gesehnt hatte. So bietet er ihr auch das Quasi-Erlebnis des Kirschblütenfestes Hanami, dieses urjapanischen Symbols des Vergehens und des Wiederkommens. Dann freundet er sich in einem Park mit einer maskierten jungen Frau an, die selbstverloren in einem endlosen Ausdruckstanz mit dem Telefon den Verlust ihrer Mutter zu überwinden sucht. Die Maskierte lehrt ihn, mit seinem Schatten zu tanzen. Er entdeckt, dass seine freundliche Helferin in den für ihn so schwierigen Alltagsdingen – ringsum nur unverständliche japanische Schriftzeichen – eine der vielen Obdachlosen ist und in einem primitiven Zelt lebt. Weil er seinem Sohn nicht länger zur Last fallen will, fährt er mit seinem Koffer und seiner jungen Freundin zum Fuji. Sie bekommen ein gemeinsames Zimmer in einem typischen japanischen Hotel, einem Ryokan, doch ändert das nichts an ihrem klinisch reinen Verhältnis. Tagelang bleibt der Fuji in Wolken versteckt. Als der Mann aus Bayern in einer schlaflosen Nacht dann endlich den Fuji sieht, stirbt er.

In subtilen Kleinigkeiten, auch einmal makaber mit einer Kehrschaufel, zeigt der Film, wie ganz anders man in Japan mit dem Tod umgeht. Trauerarbeit, mal vor dem Tod des Partners, mal nach seinem Ableben, das ist die Thematik dieses Films. Und seine Quintessenz ist die Ermahnung: Wir können unseren Lieben nichts Gutes mehr tun, wenn sie tot sind, tun wir es also lieber, solange sie leben. Ein guter Rat, der allerdings aus dem 19. Jahrhundert stammen könnte, als die Zeitschrift „Gartenlaube“ das Leib- und Magenblatt des Bürgertums war, obwohl er da schon nicht mehr neu war. Wieso er heute so aktuell ist, dass ein Film mit dieser Aussage mit Steuergeldern gefördert werden musste, bleibt eine offene Frage. Wie penetrant muss diese Thematik in dem Förderungsantrag geklungen haben, dass die Auguren gnädig gestimmt wurden. Aber das ist Kritik an der bundesdeutschen Filmförderung und nicht an diesem Film.

Keine Frage, der Film hat Längen, und er hätschelt die Klischeevorstellungen, die wir im Westen von Japan haben. Er will sie partout nicht stören. Man hat den Eindruck, dass das japanische Fremdenverkehrsministerium hinter dem  Film sichtbar wird. Zum Ausgleich wird mit einem Bildband der Hundert Ansichten des Fujiyama von Hokusai ein geschickter Rückgriff auf große Kunst geboten. Doch beeindruckt der Film gleichzeitig durch eine hervorragende Regie, durch exzellente Kameraarbeit und eindrucksvolle darstellerische Leistung. Nur irritiert, dass er einerseits die familiären Verhältnisse in Deutschland durchweg negativ darstellt, dass aber andererseits in dem Moloch der japanischen Hauptstadt dem so naiven wie unternehmungslustigen Fremden kein Härchen gekrümmt wird. Beides ist so einseitig gesehen und deshalb so unglaubhaft, dass man diesen schönen Film getrost als Schwarz-Weiß-Film bezeichnen kann - für den schneebedeckten Fuji wie für die Kirschblüten hätte diese überkommene Technik sogar gereicht.

(Walter Laufenberg in: www.netzine.de)



 Das Parfum - Die Geschichte eines Mörders

 (Perfume - The Story of a Murderer, D/F/Span 2006, 147 Min.; Regie: Tom Tykwer; Original-Drehbuch in Englisch: Andrew Birkin, Bernd Eichinger, Tom Tykwer und Caroline Thompson nach dem Roman von Patrick Süskind: Das Parfum - Die Geschichte eines Mörders)

Wenn man zu diesem Film ein Urteil abgeben soll, kommt man nicht umhin, zunächst etwas zu dem Roman zu sagen, der ihm zugrunde liegt. 1985 erschienen und ohne Zweifel als eines der berühmtesten Beispiele des neuen historischen Romans zu bezeichnen. Der 1949 am Starnberger See geborene Patrick Süskind, Sohn des Erzählers und Übersetzers Wilhelm Emanuel Süskind, war bereits als Drehbuchautor und Dramatiker zu Erfolgen gekommen, als er den Roman „Das Parfum“ schrieb. Bei der Lektüre dieses Buches spürt man geradezu, wie befreit der Autor sich gefühlt hat, als er die Beschränkungen der dramatischen Formen auf Dialoge und kürzeste Situationsschilderungen abgeworfen hatte.

Süskind ist als Erzähler quasi explodiert, hat sich zu überkochenden Beschreibungen hinreißen lassen, die so gargantuesk anmuten, dass man Süskind in der Nachfolge von François Rabelais und Johannes Fischart sehen kann. So unwiderstehlich ist seine Begeisterung für Übertreibungen, dass sie die Leser mit in all das geschilderte Brodeln, Schäumen und Stinken hineinreißt. Der Autor präsentiert eine Sprache, die alles aufklaubt, was an den Rändern der Alltagssprache unbeachtet liegengeblieben ist. Er ist ein Messie der Sprache. Aber er versteht es, seine Funde aufzuwerten, indem er sie großzügig mit Fremdwörtern übersträuselt, die mit ihrem feierlichen Klingen und Klirren jede Seite zur Saite werden lassen. Darin James Joyce ähnlich, aber viel lebhafter, schrecklicher und auch amüsanter.

Und noch ein viertes offensichtliches Vorbild sollte erwähnt werden: Umberto Ecos Roman „Im Namen der Rose“, 1980 erschienen, 1981 auch auf Deutsch. Die Parallele in der Handlung ist überdeutlich: Ein halbwegs verrückter Serienmörder, dem lauter Unschuldige zum Opfer fallen, und das bloß, weil der Mörder ein Ziel verfolgt, das die Opfer nicht erwarten konnten und das der Leser nicht ernst nehmen kann. Doch während Eco seinen Roman in einer Katastrophe, dem Brand des Klosters, enden lässt, wagt Süskind einen großen Schlussakt à la Woodstock, in dem sein Held als eine Art Heiland dasteht. Dass er hinterher aufgefressen wird, ist ein grinsender Kommentar auf den Glauben an die ganz große Liebe.

Die Möglichkeit, dass Ecos Roman für Süskind ein Vorbild war, ist hier natürlich nicht als Herabsetzung angeführt. Es gilt vielmehr, sich klarzumachen, dass wir es bei diesen beiden Romanen, der „Rose“ wie dem „Parfum“, um die Vorreiter des neuen historischen Romans zu tun haben, der jetzt von über hundert Autoren produziert wird und stapelweise in den Buchhandlungen liegt. Dabei kann man aber weder Eco noch Süskind für den Irrwitz der heutigen Verleger verantwortlich machen, die sagen, sie brauchten beim historischen Roman immer eine weibliche Hauptperson, mit der sich die vor allem weibliche Leserschaft identifizieren könne, und die Handlung dürfe keinesfalls in dem so uninteressanten 18. Jahrhundert angesiedelt sein. Zudem wird gefordert, dass der Roman im deutschen Sprachraum spielt, der beinahe kartografisch geschildert werden muss. Das hat ihnen Eco nicht geboten. Sein wahnsinniger Mönch hat im Mittelalter gelebt, war aber alles andere als eine Identifikationsfigur. Und das olfaktorische Genie Grenouille, das Süskind uns präsentiert, lebte und starb im Paris des 18. Jahrhunderts und war ein scheußliches Monster, mit dem sich niemand identifizieren will.

Verständlich, dass man lange Zeit der Meinung war, dieser Roman sei unverfilmbar. Der Autor selbst zögerte lange, die Filmrechte an seinem Bestseller zu verkaufen. Womit er Recht hatte. Denn selbstverständlich kann die exaltierte Sprache des Romans nicht in das andere Medium übernommen werden, auch wenn der Film sich bemüht, eng an der Vorlage zu bleiben, und möglichst oft direkt aus dem Buch zitiert. Der Handlungsablauf stimmt, von dem Auftakt abgesehen, den der Film mit der Verkündung des Todesurteils bringt. Das ist eine akzeptable Konzession an das Medium Kinofilm. Weniger passt allerdings, wie aus dem Roman-Monster Grenouille ein nur noch bemitleidenswerter, weil einseitig talentierter Behinderter gemacht wird. Der junge Mann wirkt schon fast sympathisch, wie er sich zu dem letzten seiner Opfer, dem schönsten Mädchen von Grasse, hingezogen fühlt. Wieviel schönes nacktes Fleisch der Film insgesamt ausbreitet, das mag für die Kinowerbung gut sein, stellt aber das Werk Süskinds, das in extenso die Hässlichkeit und Verkommenheit und Armseligkeit des Lebens der kleinen Leute im 18. Jahrhundert schildert, auf den Kopf.
(Walter Laufenberg in: www.netzine.de)


Vom sündigen Poeten

(The Bad Lord Byron, GB 1949, 83 Minuten, Drehbuch: Lawrence Kitchen, Paul Holt, Terence Young, Anthony Thorne, Peter Quenell. Regie: David MacDonald)

Fünf Film-Autoren bemühen sich um den Bau eines filmischen Denkmals für den großen Dichter George Gordon Noel Byron, besser bekannt unter der Bezeichnung Lord Byron (1788-1824). Viel intellektueller Aufwand. Das lässt einen gespannt sein auf das Ergebnis.

Der Film zeigt den Dichter am Ende seines Lebensweges. Er klagt über die Kälte und den Regen und die verschlammte Landschaft, überhaupt nicht zu der Vorstellung passend, die er sich von Griechenland gemacht hat. Zum Allgemeinwissen gehört, dass der berühmt-berüchtigte britische Autor sich in Griechenland den Aufständischen anschließen wollte, die für die Befreiung vom türkischen Joch kämpften. Bekannt aber auch, dass den gerade erst Siebenunddreißigjährigen die Malaria umgebracht hat, ehe er zum Helden werden konnte.

Den mutigen Dichter, kaum in Griechenland angekommen, wirft eine Krankheit beinahe vom Pferd, als er zu einem Treffen mit einem griechischen Anführer reiten will. Seine Begleiter bringen ihn zurück in die Herberge und ins Bett. An der Stelle, im April 1824 im griechischen Misolongion, setzt die filmische Fiktion ein. Der Kranke fiebert. Und aus den Fieberträumen entwickelt sich eine Gerichtsverhandlung. Der Angeklagte steht in bester Verfassung, vornehm gekleidet und ungerührt da, als der Staatsanwalt ihm seine Verfehlungen vorhält. Wofür als Zeugen der Anklage eine schöne Frau nach der anderen auftritt, auch seine Ehefrau. Sie erheben schwere Vorwürfe gegen Lord Byron. Es geht um Rücksichtslosigkeit, Egozentrik, Herzenskälte und Untreue. Doch auf die Frage, warum sie das alles ertragen hätten, kommt regelmäßig die Antwort: Aus Liebe.

Der Verteidiger schickt einen Mann in den Zeugenstand, einen alten Freund des Angeklagten. Der stellt auf emotionslose Weise klar, dass der Dichter schon immer eine Schwäche für die Schwachen hatte, für die Armen und Unterdrückten.

Das typisch angelsächsische Kreuzverhör der Frauen und des Mannes lässt ein völlig widersprüchliches Bild des Autors entstehen. Aber in was für schönen Bildern. An immer wieder anderen Orten, sogar in einem venezianischen Palazzo finden rauschende Ballabende statt. Immer wieder ein neues Fest fürs Auge. Und immer wieder steht der berühmte Dichter mit dem steifen rechten Bein, das ihn am Stock gehen ließ, im Mittelpunkt des allgemeinen Interesses.

Der Richter, bis dahin nur ein im Dunkeln zu ahnendes Gesicht unter der britischen Amtsperücke, wird am Ende des Films endlich ins Licht gerückt. Er sieht das Kinopublikum an und als ob er sich an die Geschworenen wenden würde, fordert er die Zuschauer auf, nun das Urteil über den Dichter zu sprechen. Obwohl der Originaltitel wie auch seine Übersetzung das Urteil vorwegnimmt, ist das eine bewundernswerte filmische Idee. Denn die Titel werden bekanntlich meist erst hinterher gefunden, und das nicht von den Filmmachern, sondern von den Filmfinanzierern, die besser zu wissen glauben, was gut ist und was nicht. Diese Aufforderung aus dem Mund des Richters, sich sein Urteil über den Dichter zu machen, bringt einen zwangsläufig zum Denken und in Verlegenheit. Weil man die Unmöglichkeit eines gerechten Urteils über diesen Mann spürt. Die Frauen, die Lord Byron glücklich und unglücklich gemacht hat, hatten ihn als Ausnahme-Persönlichkeit charakterisiert, von dem man nicht erwarten könne, dass er sich verhalte wie ein Normalmann. Deshalb liebten sie ihn immer noch. Er selbst hatte sein Anderssein damit erklärt, dass er schon durch sein körperliches Gebrechen nicht wie ein Normalmann sein könne.

Damit wird aus dem Film über Lord Byron im Grunde genommen ein Film über die sonderbare Kraft der Frau zu lieben, wenn nicht sogar ein Film über die Egozentrik des Menschen. Was leider von den fünf Autoren nicht ausgeführt wurde. Sie waren mehr an attraktiven Drehorten, schönen Menschen und ihrer Ausstattung interessiert. Deshalb vermisst man in diesem Streifen auch alles Menscheln. Beispielsweise stehen die Frauen im Zeugenstand dem ungetreuen ehemaligen Liebhaber im Angeklagtenstand gegenüber, aber es wird da wie dort keinerlei Reaktion gezeigt. Genauso, wenn die eine Geliebte abtritt und ihre Nachfolgerin auftritt. Wie die jeweiligen ehemaligen Konkurrentinnen aneinander vorbeischreiten, ohne jede Reaktion, das ist absolut nicht realistisch.

Und nicht nur das, bei allem Vergnügen an diesem Film muss man feststellen: Dieses Fehlen des selbstverständlichen Menschlich-Allzumenschlichen ist auch ein handwerklicher Fehler. Vermutlich nur mit der alten Volksweisheit zu erklären: Viele Köche verderben den Brei. Wenn man nicht bereit ist, die Sache andersherum zu sehen. Was ebenso plausibel ist. Man kann dieses Abgehobene, dieses übermenschliche Verhalten der Figuren auch damit erklären, dass damit angedeutet werden soll: Dieser Prozess über den sterbenden Dichter findet in einer anderen Sphäre statt, jenseits der irdischen Gerichtsbarkeit. Deshalb bewegen sich die Akteure schon wie auf Wolken schwebend.

Jetzt wissen Sie Bescheid, liebe Leserin und lieber Leser. Also sprechen Sie Ihr Urteil über diesen Film!

(Walter Laufenberg in: www.netzine.de)


Rashomon

(Rashomon, Japan 1950, 83 Minuten, Drehbuch: Akira Kurosawa und Shinobu Hashimoto, Regie: Akira Kurosawa, nach zwei Kurzgeschichten von Ryunosuke Akutagawa)

Ein und dasselbe Ereignis von verschiedenen Personen geschildert, die Teilnehmer des Geschehens oder Augenzeugen waren, das ergibt stets eine Folge von völlig unterschiedlichen Ereignissen. Das ist eine bekannte Tatsache, wie jeder Richter bestätigen kann und wie auch in der Literatur schon häufig wiedergegeben (beispielsweise in „Die Schule der Frauen“ von André Gide).

 Die Handlung des Films spielt in der Heian-Zeit, also zwischen 794 und 1184. In einem unheimlichen Buschgebiet, genannt Wald der Dämonen, überfällt ein berüchtigter Räuber zwei Reisende, nämlich einen Samurai und dessen Frau, die er vor den Augen ihres zuvor gefesselten Mannes vergewaltigt. Anschließend kommt der Samurai zu Tode, und seine Frau entflieht. So die Grundstruktur des schrecklichen Geschehens.

Vor einem Tribunal, dessen Personal nicht gezeigt wird, treten die Beteiligten nacheinander auf und schildern das furchtbare Ereignis. Dabei gleitet die Aussage jeweils in die gezeigte Handlung im Wald ab. Zunächst ist die Version des Banditen zu hören und zu sehen, dann die der Frau, danach die des getöteten Samurai, die von seinem Geist, einem Medium, erzählt wird. Zuletzt bringt der Film an anderem Ort dann auch noch die Aussage und Schilderung eines Augenzeugen, der in den Wald gegangen war, um Holz zu holen, und nur zufällig an den Tatort gelangt war. Das ergibt eine Folge von vier dramatischen, aber sehr unterschiedlichen Geschehnissen.

In den Schilderungen der Beteiligten geht es, mal ausgesprochen, meist aber unausgesprochen um Schande und um das Bemühen, das Gesicht zu wahren, notfalls durch Harakiri, um die traditionelle Verpflichtung der Frau, dem zu folgen, der sie im Kampf erobert hat, um den selbstverständlichen Mut zum Zweikampf und die Verächtlichkeit des Verrats, aber auch um die Pflicht des Mannes, die Frau zu sich zu nehmen, die sich ihm hingegeben hat. Kurz gesagt, es geht um das ganze Universum japanischer Ehrvorstellungen, wie sie vor rund acht Jahrhunderten selbstverständlich waren. Sie werden durch die verschiedenen Schilderungen ihrer Großartigkeit entkleidet.

Das Ganze wird gespiegelt in den Gesprächen von drei Männern, die in einem Unwetter Unterschlupf gefunden haben in dem halbverfallenen Tempeltor Rashomon bei Kyoto. Der eine ist der Holzfäller, der zweite ein Mönch, der dritte ein primitiver Bürger. Sie erscheinen als Spiegelbilder der drei Charaktere, die an dem schrecklichen Ereignis beteiligt waren: Der eine ordentlich, der andere sanft und der dritte wild.

Zuletzt entdecken die drei auf ein Nachlassen des Regens wartenden Männer im Tempeltor noch einen ausgesetzten Säugling, den der Holzfäller, der gerade erst als Lügner entlarvt wurde, liebevoll in seine Obhut nimmt. Anlass genug, den Mönch sagen zu lassen, das lasse ihn doch wieder an den Menschen glauben. Ein unerwartetes und auch unnötiges Happy End, das über die literarische Vorlage hinausgeht.  

Den ersten Teil, den vor dem Tribunal, beherrscht die Feststellung, alle behauptete Wahrheit sei doch nur Lüge. Was zu dem Resümee führt, wenn die Menschen einander nicht mehr glauben könnten, werde das Leben zur Hölle. Den zweiten Teil, den im Tempeltor, beherrscht die Feststellung, dass wir Menschen alles aus Egoismus tun. Was dann prompt widerlegt wird durch die Mitmenschlichkeit des Holzsuchers gegenüber dem ausgesetzten Kleinkind und zu dem Resümee führt, Menschenfreundlichkeit lasse trotz Verlogenheit wieder an den Menschen glauben. Die verschiedenen Handlungsversionen haben eines gemeinsam: Jeder ist bemüht, sich in günstigem Licht erscheinen zu lassen. Das lässt den Mönch, im alten Japan immerhin eine wichtige Instanz, resümieren: „Das Entsetzliche ist, dass es keine Wahrheit zu geben scheint.“ Eigentlich keine umwerfend neuen Erkenntnisse.

Der Film ist weitgehend bloß moralisierendes Theater, in dem die Absolutheitsforderungen an den Menschen zugunsten der Möglichkeit zum Zusammenleben abgebaut werden. Gut und schön, aber was haben wir Abendländer davon, wenn das illustriert wird mit den Moralvorstellungen Japans, und dann noch mit uralten, die längst überholt sind? Kein Wunder, dass der Streifen in Japan nicht besonders geschätzt wurde. Er hatte den Japanern der Mitte des 20. Jahrhunderts nichts Wichtiges zu sagen. Schon eher ein Wunder, dass er bei uns höchst erfolgreich war und nach wie vor als einer der besten Filme der Filmgeschichte gilt. Folgen wir doch lieber dem Appell dieses Films und gestehen uns ehrlicherweise ein, dass wir den Film aufgrund seiner Dramatik und Exotik überschätzt haben.

Ein großes Missverständnis. Haben wir doch nicht einmal den vollen Genuss des schön gefilmten und wirklich unterhaltsamen Spiels. Die Synchronisierung ist nach der englischen Fassung gemacht worden und musste, um lippensynchron zu wirken, viel zu oft den Text verfälschen. Da waren die kurzen deutschen Untertitel schon brauchbarer. Davon abgesehen ist bekannt, dass es bei exotischen Filmproduktionen nicht reicht, sie sprachlich zu synchronisieren. Denn die gesprochene Sprache ist zweit- bis drittrangig gegenüber der Körpersprache. Doch die gesamte Aussagekraft von Mimik und Gestik bis hin zu dem äußerst exaltierten plötzlichen Lachen der Figuren und ihren beinahe antik anmutenden Bocksprüngen bleibt uns westlichen Zuschauern verschlossen. 

(Walter Laufenberg in: www.netzine.de)

 


Kolberg

(Kolberg, D 1943/44, Farbfilm, 104 Minuten, Regie: Veit Harlan, Drehbuch: Alfred Braun und Veit Harlan, ohne Hinweis auf die Vorlagen, nämlich das gleichnamige Schauspiel von Paul Heyse und die Autobiografie Joachim Nettelbecks)

Adolf Hitler und Joseph Goebbels waren Filmenthusiasten. Kein Wunder deshalb, dass im Dritten Reich auch der Film als Wunderwaffe herhalten musste. „Kolberg“ sollte der Durchhaltefilm sein, der den Alliierten den Sieg unmöglich macht. Am 1. Juni 1943, als es mit Deutschland schon an allen Fronten schlecht aussah, gab Goebbels in einem Brief seinem Lieblingsregisseur Veit Harlan den Auftrag, am Beispiel der Stadt Kolberg einen Film zu produzieren, der zeigt, dass ein „geeintes Volk jeden Gegner überwindet.“  Dahinter stand die Überzeugung: Das deutsche Volk ist so dumm, dass man es mit so einer Geschichte zum Durchhalten veranlassen kann. Der Film ist heute noch nicht frei aufführbar, weil man der Überzeugung ist: Das deutsche Volk ist immer noch so dumm, dass es auf so einen Film hereinfallen kann. Deshalb war der Film, der im Ausland laufen durfte, hier zwanzig Jahre unter Verschluss. Er wurde dann in einer kommentierten Fassung 1965 in die Kinos gebracht, nach Protesten aber bald abgesetzt. Er war danach einmal bei Arte zu sehen, und zwar am 22. März 1998, aber mit einer angehängten Kommentierung. Er ist nach wie vor nicht frei aufführbar oder zu kaufen. Das Verhältnis der Filmgewaltigen zu den Filmzuschauern ist also in Deutschland nach wie vor problematisch. Vielleicht sollte man, nachdem Goebbels und Hitler sich durch Selbstmord aus dem Spiel gebracht haben, die Herren von heute über die Medien wenigstens durch frühzeitige Verrentung ausschalten.

Der Film zeigt die schwierige Situation des Jahres 1806, als Preußen von Napoleon besiegt und der preußische König nach Königsberg geflohen war. In der Hafenstadt Kolberg an der Pommerschen Bucht engagiert sich der Bürgermeister Nettelbeck, dargestellt von der Sympathiefigur Heinrich George, für eisernen Widerstand gegen die vorrückenden französischen Truppen, der Stadtkommandant dagegen tut nichts, weil er an Übergabe denkt. Die gesamte Bevölkerung der Stadt ist begeistert zum Kampf bereit. Schließlich wird der alte Kommandant von dem jüngeren Gneisenau abgelöst, und die Schlacht um Kolberg beginnt. Die feindliche Artillerie zerschießt die Häuser, die gewaltige Übermacht der Franzosen ist nicht aufzuhalten, doch auf einmal stellen die Franzosen das Feuer ein, weil ein Streit im Generalstab ausgebrochen ist. Die Kolberger feiern das als ihren Sieg. Gneisenau spricht das Schlusswort des Films: „Aus Asche und Trümmern ersteht wie ein Phönix ein neues Volk, ein neues Reich.“

Die Lovestory durfte natürlich auch in diesem Film nicht fehlen. Das süße Bauernmädchen und der schneidige Offizier Schill, der die Kleine nicht unglücklich machen will, weil er doch mit dem Krieg verheiratet ist. Die Streicheleinheit fürs Herz.

Die Kontrastfiguren zu den Helden sind der alte Stadtkommandant, der als lächerlich dargestellt ist, und der Bruder des Mädchens. Der ist Musiker und fühlt sich bei seinem Geigenspiel durch den Schlachtenlärm gestört. Er sagt, er habe mit dem Krieg nichts zu tun, und kommt prompt durch eine feindliche Granate um. Wäre ja auch kontraproduktiv gewesen, wenn man ihn mehr hätte sagen lassen. Dass man diese Figur überhaupt brachte, ist erstaunlich. Denn was hat der Vernünftige in einer Situation zu suchen, in der die absolute Verrücktheit regiert. Und ihn dann noch als ernsthaften jungen Mann mit der Ambition zu klassischer Musik darzustellen, das war ein Fehler. Fast könnte man annehmen, dahinter verstecke sich ein Fall von sublimem Widerstand gegen das Diktat des allgewaltigen Ministers Goebbels. Wussten die Macher doch, dass weder Hitler noch Goebbels etwas gegen einen so ordentlichen Kunstenthusiasten einwenden könnten, ohne ihr eigenes Image anzukratzen.

In dieselbe Richtung könnte man ausdeuten, was der Bürgermeister, der überzeugte Widerstandskämpfer, nach der Feuereinstellung zu dem Bauernmädchen sagt: „Ja, du hast alles hergegeben, Maria, was du hattest. Aber es war nicht umsonst … Das Größte wird immer nur in Schmerzen geboren. Und wenn einer die Schmerzen für uns alle auf sich nimmt, dann ist er groß. Du bist groß, Maria, hast deine Pflicht getan, dich nicht gefürchtet vorm Sterben. Du hast auch mitgesiegt, Maria, du auch!“ Hat er mit der Wendung: Wenn einer die Schmerzen für uns alle auf sich nimmt, nicht deutlich auf die Gottesmutter Maria, die Schmerzensreiche, angespielt? Oder sogar auf Jesus, der für uns alle gestorben ist? Kann das vielleicht als ein Stück kirchlichen Widerstands gesehen werden?

Schließlich die viel zu pathetische Äußerung des Bürgermeisters: „Die Häuser können sie verbrennen, unsere Ehre nicht.“ Was sehr ähnlich klingt, wie der berühmte Ausspruch des Fraktionsvorsitzenden der SPD im Reichstag, Otto Wels, der 1933 die Ablehnung des Ermächtigungsgesetzes mit den Worten rechtfertigte: „Freiheit und Leben kann man uns nehmen, die Ehre nicht.“ Kann dieses Quasi-Zitat nur ein Zufall oder eine Unbedachtheit sein? Oder ist das die kleine Rache der von den Nazis entmachteten und verfolgten Sozialdemokraten?

Da es heute nicht mehr darum geht, Persilscheine für die Mitwirkenden dieses Machwerks auszustellen, erledigt, alles längst erledigt, darf eine Parallele im modernen Kulturbetrieb herangezogen werden, die sich aufdrängt. Und das ist die Arbeit der Ghostwriter für irgendwelche Prominente. Inzwischen ist es weitgehend üblich, dass der Ghostwriter sich für die schlechte Bezahlung und die rigorose Bevormundung revanchiert, indem er kleine Widerhaken in die Geschichte einbaut, die dem Auftraggeber nicht auffallen, die aber geeignet sind, ihn in den Augen kritischer Leser lächerlich erscheinen zu lassen. Das ist die Macht der Ohnmächtigen. Durchaus möglich, dass schon der Film „Kolberg“ uns diesen kleinen Widerstand gegen die Auftraggeber zeigt.

Der Film kam zu spät, um noch die gewünschte Wirkung zu entfalten. Am  30. Januar 1945, Deutschland war praktisch schon besiegt, war die Uraufführung in der Stadt La Rochelle, wo die deutschen Truppen seit Monaten eingeschlossen waren. Per Fallschirm wurde ihnen die erste Kopie des Durchhaltefilms als Wunderwaffe spendiert. Am nächsten Tag war die deutsche Erstaufführung im weitgehend zerbombten Berlin. Auch in den eingeschlossenen Städten Königsberg, Breslau und Danzig wurde der Film noch gezeigt. Wenn Nettelbeck sagte, „lieber unter den Trümmern begraben als Kapitulation“, erlebten die relativ wenigen tausend Menschen, die den Film sahen, gleichzeitig Kriegsgreuel von ganz anderem Kaliber. Goebbels und Hitler hatten beim Schnitt  persönlich interveniert, um die grausamsten Szenen zu eliminieren, weil man das dem Publikum nicht zumuten könne und weil es zur Resignation führe, statt den Widerstand zu stärken. So war der Streifen „Kolberg“ gegenüber der aktuellen Wirklichkeit schon fast Bauerntheater.

Ohnehin war die im Vorspann gebrachte Behauptung, der Film beruhe auf historischen Tatsachen, eine Lüge. Denn der Kampf um Kolberg hatte den Kolbergern nicht den Sieg gebracht, sondern die Eroberung durch die Franzosen. Dass es schließlich zum Waffenstillstand gekommen war, verdankten die Kolberger auch dem Eingreifen der Engländer, was im Film natürlich unterschlagen wird.

Aber selbst die dreiste Geschichtsklitterung nützte nichts. Der Film wurde einfach viel zu spät fertig. Was nicht nur an den hohen Qualitätsanforderungen lag, sondern mit Sicherheit auch daran, dass alle Mitwirkenden, darunter viele tausend Soldaten, für die Zeit der Dreharbeiten vom Wehrdienst freigestellt waren. So dauerten die Dreharbeiten ganze zwei Jahre. An manchen Tagen soll mit „Kaiserfilm“ gedreht worden sein, das heißt mit leerer Kamera. Oft sogar unvermeidlich, weil der Nachschub an frischem Farbfilmmaterial nicht so schnell funktionierte. Für diesen Film, der die Wunderwaffe der psychologischen Kriegsführung werden sollte, hatte Goebbels jeden Aufwand erlaubt und unbegrenzte Mittel zur Verfügung gestellt. Und das während der Schlussphase des Zweiten Weltkriegs, als Deutschland Tag und Nacht bombardiert wurde und man für die Dreharbeiten von Berlin-Babelsberg und Kolberg zuletzt nach Neumünster ausweichen musste. Schließlich verbot Goebbels auch noch, in den Nachrichten zu erwähnen, dass die Stadt Kolberg von den Russen eingenommen wurde. Zehntausend Uniformen wurden geschneidert, sechstausend Pferde bereitgestellt, ein ganzer Güterzug voll Salz wurde herangeschafft, um den Schnee auf den Dächern und den Feldern zu imitieren, viertausend Matrosen mussten an dem Sturmangriff im überschwemmten Gebiet teilnehmen. Insgesamt wurden 90 Stunden Film belichtet, die dann zu dem eindreiviertelstündigen Film zusammengeschnitten wurden. Normalerweise gilt im Filmgeschäft ein Verhältnis von höchstens zehn zu eins. So wurde diese Produktion mit Gesamtkosten von gut 8,5 Millionen Mark zum teuersten Streifen der deutschen Filmgeschichte.

(Walter Laufenberg in: www.netzine.de)


Jud Süß

(Jud Süß, D 1940, 98 Minuten, Regie: Veit Harlan, Drehbuch: Veit Harlan und Eberhard Wolfgang Möller nach einem ersten Entwurf von Ludwig Metzger, unter Verwendung von Motiven der gleichnamigen Novelle von Wilhelm Hauff)

Ein Spielfilm, der im Auftrag des Reichspropagandaministers Joseph Goebbels gedreht wurde und, weil er als antisemitischer Hetzfilm eingestuft wird, seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs in Deutschland nicht aufgeführt werden darf, wohl aber in Österreich und der Schweiz. In Deutschland ist eine Aufführung dieses sogenannten Vorbehaltsfilms nur erlaubt, wenn sie in geschlossener Veranstaltung mit fachlicher Kommentierung stattfindet. So jetzt (im Jahre 2008!) geschehen im Haus der Geschichte Baden-Württemberg in Stuttgart, wo eine Filmhistorikerin uns Filmenthusiasten, die sich einige Monate vorher namentlich und mit voller Adresse anmelden mussten (gläserne Kinobesucher), vor der Aufführung und hinterher ausführliche Erläuterungen zum Film bot. Sonderbar, solche Restriktionen habe ich bei Shakespeares „Kaufmann von Venedig“, der einen Juden mindestens ebenso drastisch zeichnet, noch nie erlebt. In Stuttgart musste der mündige Bürger es hinnehmen, dass er nur als ein Höriger akzeptiert wird. Und auch das musste er hinnehmen: Der uns angeblich in Originalversion gezeigte Film war um 8 Minuten gekürzt. Was weggefallen war, wurde nicht gesagt.

Dafür erfuhr man immerhin, dass in den zwölf Jahren des Dritten Reichs in Deutschland über 1.000 Spielfilme produziert wurden, von denen nur gut 150 als Propaganda- oder Hetzfilme anzusehen sind. Die wichtigsten antisemitischen Hetzfilme waren neben „Jud Süß“ die im selben Jahr hergestellten Filme „Der ewige Jude“ und „Die Rothschilds“ sowie die schon ein Jahr zuvor gedrehte Komödie „Robert und Bertram“. Die deutsche Filmwirtschaft hatte damals eine erstaunlich hohe Produktivität entwickelt, obwohl sie zunächst einen gewaltigen Aderlass zu überstehen hatte, nämlich die Auswanderung bzw. Vertreibung der meisten und renommiertesten Filmschaffenden. Denn bevor die Nationalsozialisten strenge neue Reglementierungen sowie die Reichsfilmkammer schufen, die nur noch Nichtjuden zum Zuge kommen ließen, waren gut 40 % aller Drehbuchautoren Juden, fast 50 % aller Regisseure ebenfalls, und sogar 86 % aller Produktionsfirmen waren in jüdischen Händen.

Der Film behauptet in einem vorangesetzten Textdia, es handle sich um historische Tatsachen. Was nur insoweit wahr ist, als es die Hauptfigur, diesen jüdischen „Finanzienrath“ Joseph Süß Oppenheimer gegeben hat, der 1698 in Heidelberg geboren wurde, als Hofjude in Stuttgart zum Finanzier und engsten Berater des Herzogs Karl Alexander von Württemberg aufstieg und nach dessen frühem Tod wegen der rücksichtslosen Ausbeutung der Bürger verurteilt und 1738 hingerichtet wurde.

Damit ist auch schon der Inhalt des Films skizziert, wenn man sich noch eine Liebesstory des Juden mit einer Christin dazudenkt, die zur Vergewaltigung und zum Gang der Verzweifelten ins Wasser führt. Die Frau wurde von Kristina Söderbaum gespielt, der Ehefrau Veit Harlans, die im Dritten Reich als Reichswasserleiche bespöttelt wurde, weil ihr Mann ihre Rollen mehrfach so feucht enden ließ.

Die historische Figur Joseph Süß Oppenheimer wurde in der Literatur derart phantasievoll drapiert, dass es heute schwierig ist, Fakten und Fiktion zu unterscheiden. Selbst der vom Haus der Geschichte Baden-Württemberg herausgegebene Katalog zu Film und Begleitausstellung „Jud Süß“ gibt wortreich wenig Aufklärung, schon gar nicht zu der Frage, ob der Hofjude sich an christlichen Frauen vergriffen hat oder nicht. Stattdessen erfährt man, dass es in Stuttgart einen kleinen und wenig ansehnlichen Platz gibt, der nach Joseph Süß Oppenheimer benannt wurde.

Die berühmtesten der zahlreichen literarischen Bearbeitungen des Stoffes sind die schon 1827 erschienene Novelle „Jud Süß“ von Wilhelm Hauff (1802-1827), von der einige wenige Motive im Film wiederzufinden sind, sowie der außerordentlich erfolgreiche, erst 1925 erschienene historische Roman „Jud Süß“ des assimilierten Juden Lion Feuchtwanger (1884-1958), der allerdings für den Film keinerlei Verwendung fand. Ihnen vorausgegangen waren kritische Bemerkungen über einen Finanzrat, der Ehrenstellen verkauft und auch als Kuppler für seinen Herrscher gedient habe, aber nicht mit Namen genannt wurde. Diese Hinweise fanden sich in dem Drama „Die Räuber“ (Erstaufführung 1782) von Friedrich von Schiller (1759-1805). Sie wurden von seinen Zeitgenossen als Charakterisierungen des Juden Süß Oppenheimer verstanden.

Das Drehbuch dieses Films hat seine eigene vielsagende Geschichte. Ludwig Metzger hatte schon in den 1920er Jahren ein Drehbuch „Jud Süß“ geschrieben, das sich stark auf die Novelle von Wilhelm Hauff bezog, die durchaus mitfühlend gegenüber den Juden geschrieben ist. Dieses Drehbuch reichte er bei Goebbels ein. Durch dessen Bearbeiter Eberhard Wolfgang Möller verschwand aber fast alles, was auf Wilhelm Hauff zurückging. Der Regisseur Veit Harlan ging dann ebenfalls sehr eigenmächtig mit dem Möllerschen Drehbuch um, das ihm in weiten Teilen nicht genügte. Dazu nahm er Meyers Konversationslexikon zur Hilfe, wie er in seinen Memoiren zugab. Das ist umso erstaunlicher, als dieses Lexikon kommentierend über die Kritik schrieb, die sich der Finanzdirektor Süß zugezogen hatte: „Obwohl S. nur den Willen seines Herrn ausführte und dabei durch viele Staatsbeamte unterstützt wurde.“ Außerdem benutzte Veit Harlan die durchaus sachliche Darstellung des Hoffaktors Süß aus dem Buch „Die großen Diebe“ von Alfred Semerau und Paul Gerhard Zeidler, 1927 erschienen. Aber er zog auf Anraten von Joseph Goebbels als weitere Information auch das Pamphlet „Von den Juden und ihren Lügen“ von Martin Luther heran.

Im Film wird der Jude Süß als absolut gewissenlos und raffgierig dargestellt, der das Land in wirtschaftliche Schwierigkeiten treibt und schließlich auch noch eine nichtjüdische Frau vergewaltigt. Für diese Rassenschande wird er gehenkt, und zwar nach einem „Reichsstrafgesetzbuch“, das es zu jener Zeit noch nicht gegeben hat, das vielmehr erst den damals erlassenen Gesetzen der Nationalsozialisten zum Schutz des arischen Blutes entspricht. Die Filmemacher sind wohl davon ausgegangen, dass diese Geschichtsklitterung den Zuschauern nicht auffällt. Merkwürdigerweise haben sie auch darüber hinweggesehen, dass der Jude Süß von Fall zu Fall nur durch die unsinnig verschwenderischen Wünsche des Herzogs Karl Alexander nach Schmuck für seine Frau, nach einer eigenen Oper, einem eigenen Ballett und einer Ehrengarde sowie nach mehr Soldaten zu der das Volk auspressenden Raffgier getrieben wurde. Man vertraute offenbar darauf, dass die Zuschauer auch dieses nur indirekte Schuldigwerden nicht erkennen würden. Und eine Chance zur Generalisierung ihrer Vorwürfe haben die Produzenten erstaunlicherweise nicht wahrgenommen: Die jüdischen Hoffaktoren waren in vielen mitteleuropäischen Residenzen des 16. bis 18. Jahrhunderts die eigentlichen Machthaber, weil sie die Mittel hatten, die Verschwendungen und Kriege der Fürsten zu finanzieren. So hätte man beispielsweise als Parallele den anderen berühmt-berüchtigten Hofjuden erwähnen können, nämlich Veitel H. Ephraim (1703-1773), der dem preußischen König durch immer weiter vorangetriebene kriminelle Münzverschlechterung zu den nötigen Mitteln für seine Kriege verhalf und als sein wichtigster Mann in dem prächtigen Ephraim-Palais residieren durfte, das wiederaufgebaut heute ein Schmuckstück Berlins ist.

Fast scheint es, als ob der gehässigen Intention des Auftraggebers Joseph Goebbels kleine Widerstände entgegengebracht worden wären. So könnte man zumindest die überwiegend sympathische Darstellung des Juden Süß durch den Schauspieler Ferdinand Marian sehen, für die es in den Kinosälen zuweilen spontanen Applaus gegeben haben soll. So auch könnte man es deuten, dass der eigentliche Fiesling des Films nicht der Jude, sondern der kindisch von seinen Wünschen besessene Lüstling Karl Alexander ist. Der Film „Jud Süß“ ist somit auch als Absolutismus-Kritik zu verstehen, was gegen die Devise verstieß: Ein Volk, ein Führer. Erst recht kann man eine sublime Widerstandshandlung darin sehen, dass die Juden, die von Werner Krauß gespielten wie auch die echten, in diesem Film nicht mit den abscheulichen Physiognomien ausgestattet sind, wie sie permanent in dem Hetzblatt „Der Stürmer“ von Julius Streicher gezeigt wurden. Werner Krauß hatte die mehrfach von Goebbels geforderten falschen Nasen abgelehnt, weil sie seine Mimik zu sehr beeinträchtigen würden.

  Der Auftraggeber Joseph Goebbels war trotz allem mit dem in nur drei Monaten Drehzeit produzierten Film sehr zufrieden. Er hatte persönlich dafür gesorgt, dass der beinahe versöhnliche Schluss des Films – der zum Tode verurteilte Jude Süß ergibt sich in stoischer Haltung in sein Schicksal – durch einen Schluss ersetzt wurde, in dem der Verurteilte um sein Leben fleht und sogar noch Geld anbietet, um sich freizukaufen. Selbst um den Schnitt kümmerte sich der Propagandaminister noch. Hinterher sorgte er dann dafür, dass der Film von rund zwanzig Millionen Menschen in Deutschland und in den besetzten Gebieten gesehen wurde. Mit einem Einspielergebnis von 6,2 Millionen Mark wurde er einer der größten kommerziellen Filmerfolge der Kriegszeit. Im Zusammenspiel mit Heinrich Himmler hatte Goebbels es auch ermöglicht, den Film allen SS- und Polizei-Einheiten, nicht zuletzt den Wachmannschaften der Konzentrationslager vorzuführen. Damit sollte jedes schlechte Gewissen bei der grausamen Behandlung jüdischer Menschen ausgeschaltet werden.

In etlichen juristischen Bewertungen dieser Tendenz bei Verfahren nach dem Krieg gegen den Regisseur Veit Harlan und die Hauptdarsteller Ferdinand Marian (als Süß) und Werner Krauß (fünf verschiedene Juden darstellend) sowie Heinrich George (als der Herzog) haben die Angeklagten sich als Nicht- Antisemiten und als von Goebbels mit unwiderstehlicher Gewalt zu dieser Mitwirkung gepresst dargestellt, was sie nur mehr oder weniger glaubhaft machen konnten. Letztlich aber konnte den Filmemachern nicht vorgeworfen werden, dass sie mit ihrer Arbeit eine Schuld an den Verbrechen der Nationalsozialisten auf sich geladen hätten, weil eine  Kausalität nicht mit Sicherheit nachgewiesen werden konnte. Erst viel später wurde bekannt, dass der Vorsitzende Richter des Veit-Harlan-Verfahrens am Landgericht Hamburg ein ehemaliger Nationalsozialist war. Mehr als Verhaftungen und Anklagen und anschließendes Berufsverbot sowie 5.000 Mark Geldstrafe für Werner Krauß ist den Darstellern des „Jud Süß“-Films nicht widerfahren, nur Heinrich George kam in das von den Sowjets geleitete Internierungslager Sachsenhausen, das ehemalige KZ, wo er 1946 bei einer Operation starb.

(Walter Laufenberg in: www.netzine.de)




Wir Wunderkinder

(Wir Wunderkinder, D 1958, 107 Minuten, Regie: Kurt Hoffmann, Liedertexte: Günter Neumann, Musik: Franz Grothe, Drehbuch: Heinz Pauck nach dem 1957 erschienenen gleichnamigen Roman von Hugo Hartung)

Fräuleinwunder und Wirtschaftswunder, das waren die Blechorden, die den Westdeutschen nach dem verlorenen Zweiten Weltkrieg angeheftet wurden. Diese Stehauf-Männchen galten dem Ausland als Wunderkinder, dabei waren sie nicht wenig stolz auf ihre hart erarbeitete Aufbauleistung und auf den Vater des Wirtschaftswunders, den Professor und Wirtschaftsminister Ludwig Ehrhard, der sie mit einer neuen Währung aus dem Sumpf gezogen hatte.

Hugo Hartung (1902 – 1972) hat wie in seinem erfolgreichsten und mehrfach verfilmten Buch „Ich denke oft an Piroschka“ (1954) auch hier Elemente seiner Autobiografie eingebracht. War er selbst doch ein Opfer des Dritten Reichs. Ab 1936 hatte er Schreibverbot und fristete sein Dasein in innerer Emigration als Dramaturg an kleineren Bühnen.

Der in der jungen Bundesrepublik Deutschland sofort Furore machende und auch schon bald international ausgezeichnete Film „Wir Wunderkinder“ betrachtete den Aufschwung der Nachkriegszeit mit ironischer Distanz, indem er in einem schnellen Überblick die Geschichte der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts skizzierte. Damit zeigte der Film, wie es zum Ab und Auf und Ab und wieder Auf in Deutschland gekommen war. Selbstverständlich sind auch ein paar rührende Liebesgeschichten eingewebt. Doch werden Krieg und Bombenterror sowie Judenverfolgung nur in homöopathischer Dosierung geboten.

Der gewaltige Tidenhub der Jahrhunderthälfte wird dargestellt an dem Schicksal eines Mannes, der als Junge noch den starren Prunk des Kaiserreiches erlebt hat, dann das Desaster der Weltwirtschaftskrise übersteht, dem lautstarken Auftreten des Nationalsozialismus sehr distanziert gegenübertritt, die Kriegszeit mit Mühe und viel Glück übersteht und danach den Verlockungen der Nachkriegszeit widersteht, die den Gewissenlosen die Türen zu ganz großen Karrieren öffnete.

Für diese Spezies von skrupellosen Mitmenschen steht als der Gegenspieler des Guten der Böse, so simpel ist hier die Schwarz-Weiß-Zeichnung. Dieser böse Zeitgenosse ist ein ehemaliger Schulkamerad, der es zu einer höheren Funktion in der Partei bringt, aber nach dem Ende des Nationalsozialismus nicht etwa am Boden ist, sondern als Schwarzhändler gute Geschäfte macht und sich sehr schnell zum einflussreichen Wirtschaftsführer mausert.

Die große gestalterische Idee des Films ist, das Ganze ins Kintopp-Milieu zurückzuverlegen und von einem Erzähler sowie einem Klavierspieler im Halbdunkel vor der Kinoleinwand begleiten zu lassen. So wird der Streifen zum Kommentarfilm, in einer pfiffigen Weise getextet und von bissigen Liedern begleitet. Womit die deutsche Geschichte zum Kabaretterlebnis wird. Damit erleidet diese Darstellung das Schicksal, das jede Kabarettaufführung trifft: Was als drastische Kritik von Möchtegern-Weltverbesserern gemeint war, wird zur amüsanten Abendunterhaltung. So unbefriedigend das ist, die meisten Menschen geben sich damit zufrieden. Und bei „Wir Wunderkinder“ ist es nicht nur die Belustigung, die uns einlullt, es ist darüber hinaus auch die Quintessenz des Films, die sich einem aufdrängt und dazu einlädt, die Hände in den Schoß zu legen und sich zu sagen: Du kannst es noch so gut meinen, den skrupellosen Opportunisten gehört die Welt.

Trotzdem ein Blick auf die Besonderheit der Sprache dieses Streifens: Text und Bild der Kommentare sind so synchron geschnitten, dass die Bildhaftigkeit der Sprache unübersehbar wird. Da werden der Zylinder immer mehr, nämlich in den Händen von Spalierstehenden und in den großkalibrigen Autos, und da geht einem der Hut hoch. Als am Ende der Wirtschaftskapitän versehentlich in einen wegen Reparaturarbeiten leeren Fahrstuhlschacht stürzt, resümiert der Kintopp-Kommentator: „ … ist verschieden. Aber Verschiedene seines Schlages leben weiter. So viele Fahrstühle können ja auch gar nicht repariert werden.“ Das war eine Gagmethode, die mit ihrer Direktheit Satz für Satz überraschte, die dem heutigen Betrachter des Films aber auch die Zeitgebundenheit der Sprache ins Bewusstsein bringt. Derart platt Wort und Bild in Übereinstimmung zu bringen, das wäre heute nicht mehr möglich. Hat doch zwischenzeitlich eine andere Variante der Sprachgags, die mit AKW-Nee und ähnlicher Scheinpoesie daherkam, unser Gehör empfindlicher gemacht. Sprache wurde zur Waffe im politischen Kampf. Bis auch das nicht mehr genügte, weil es nichts bewegte, und die Sprachbeherrscher die Schreibmaschine gegen die Maschinenpistole eintauschten. Doch das war das Deutschland der 68er und nicht mehr das des alten Hugo Hartung und seines Films über den wunderbaren Aufstieg.

(Walter Laufenberg in: www.netzine.de)

 

 
Die Heiden von Kummerow und ihre lustigen Streiche

(Die Heiden von Kummerow und ihre lustigen Streiche, BRD/DDR 1967, 90 Minuten, Regie: Werner Jacobs, Drehbuch: Johanna Sibelius und Eberhard Keindorff nach dem gleichnamigen Roman von Ehm Welk)

Der erste Eindruck ist: Hier wird mir so was serviert wie Emil und die Detektive. Was prompt auf die richtige Fährte führt, die geht nämlich zum Schicksal des Autors. Da zeigt sich, dass Erich Kästner durchaus Ähnlichkeit hat mit Ehm Welk. Beide hatten unter politischem Druck einen Weg gefunden, der vor dem Verstummen bewahrte. Beides interessante Varianten der inneren Emigration.

Dazu muss ein Blick auf die Biografie des Autors geworfen werden. Ehm – eigentlich Emil – Welk, 1884 in der Uckermark geboren und 1966 in Bad Doberan gestorben, war Journalist und hat sich ursprünglich mit Dramen einen Namen gemacht. Durch Kritik an Goebbels kam er vorübergehend in das Konzentrationslager Oranienburg und hatte anschließend nur eine eingeschränkte Schreiberlaubnis. So entstand im Jahre 1937 das humoristische Volksstück „Die Heiden von Kummerow und ihre lustigen Streiche“ als erster Teil einer Trilogie. Dass darin die positive Figur der sozialistisch denkende Bauer war, dessen Junge Klassenbester wurde, und dass die unsympathische Figur der Müller war, der als Unternehmer beim Ankauf des Getreides die Dörfler betrog, das übersahen die Nazis. Ein aufgesetztes Scheinthema, nämlich altes heidnisches Brauchtum, gegen das der Pfarrer vergeblich ankämpft, konnte von der eigentlichen Thematik ablenken. Das Ursprüngliche, das Völkische setzt sich gegen die Kirche durch. Das gefiel den Machthabern.

In der das Dritte Reich ablösenden DDR war die eindeutig sozialistische Tendenz natürlich ein Pluspunkt des Autors. Das brachte ihm Orden und andere Ehren, auch den Professortitel ein. Und sogar zu Briefmarkenehren ist er gekommen. Als dann die Idee aufkam, einen ost-westlichen Gemeinschaftsfilm zu drehen, übersahen die westdeutschen Filmemacher und renommierten Schauspieler genau wie die Nazis die sozialistische Tendenz. Man fiel ein zweites Mal auf den heidnischen Mummenschanz herein. Nur so konnte es zu der erstaunlichen BRD-DDR-Gemeinschaftsproduktion kommen, sechs Jahre nach dem Mauerbau in Berlin. Den Triumph konnte der Autor aber nicht mehr genießen. Im Jahr vor der Premiere des Films starb er.

Die Handlung ist schnell erzählt. Ein abgerissen auftretender und schweigsamer Kuhhirte kommt jedes Frühjahr ins Dorf und verschwindet im Herbst wieder. Und niemand was weiß was von ihm. Der Müller hasst ihn und will ihn aus dem Dorf vertreiben. Aber die Kinder lieben ihn. Und selbst der allmächtige Pfarrer kann sich mit seiner Anwesenheit abfinden. Zudem gibt es im Dorf die unbestimmte Erinnerung an eine Untat, die dem Müller angelastet wird. Es kommt, wie es in einem humoristischen Volksstück kommen muss: Der reiche Müller wird schließlich in Handschellen abgeführt, und der arme, vertriebene Kuhhirte ins Dorf zurückgeholt.

Der Pfarrer ist schon so was wie eine Vorahnung von Don Camillo. Doch der Superintendent in der Schulszene ähnelt den Lehrern in der Feuerzangenbowle, die Streiche der Kinder erinnern an Max und Moritz, die Frauen des Dorfes sind noch unterwürfig brav, wie im 19. Jahrhundert, der Dorfpolizist ist ignorant und trägt im Einsatz auch auf dem Fahrrad eine Pickelhaube. Alles in allem ein schön nostalgisches Stück Unterhaltung mit einer ideologischen Befrachtung, die heute keinen Menschen mehr stört. Deshalb ist der so ungewöhnlich zustande gekommene Film immer mal wieder im Abendprogramm des Fernsehens zu sehen. Dass selbst eine Ideologie so belanglos werden kann wie beispielsweise Schnurkeramik, ist eine Erkenntnis, die sich mit genügend Bier oder Wein und Knabberzeug gut ertragen lässt.

(Walter Laufenberg in: www.netzine.de)




Die Band von Nebenan

Filmbild - Die Band von Nebenan(Bikur Hatizmoret, Israel/F 2007, 85 Minuten, Drehbuch und Regie: Eran Kolirin)

Dem Film ist ein Spruch vorangestellt, der offensichtlich widerlegt werden will – und auch wird:

Es war einmal eine verlorene Kapelle in der Wüste. Kaum jemand erinnert sich an diese Geschichte. So wichtig war sie nicht.

Das Acht-Mann-Orchester der Polizei von Alexandria macht einen Besuch in Israel, um bei der Eröffnung eines Kulturzentrums aufzuspielen. Durch ein Missverständnis lassen sich die Ägypter aber per Bus in ein völlig abseits gelegenes Wüstennest fahren, wo die Uniformierten mit ihren Rollköfferchen und Instrumentenkästen sehr deplaziert wirken. In diesem Ort gibt es kein Kulturzentrum, auch kein Hotel und eine nächste Busabfahrt erst am folgenden Tag. Eine Imbisswirtin und ihre Freunde bringen die versprengte Gruppe bei sich unter. So gehemmt, wie die ausländischen Großstädter im Abseits auftreten, und wie die einheimischen Kleinststädter auf die sonderbaren Besucher reagieren, es kommt allmählich doch zu menschlichen Begegnungen, die mehr als komisch sind und sogar unter die Haut gehen. Das ist Völkerverständigung auf die lähmend langsame und dabei skurrile Art.

Vordergründig lehrt dieser Film seine Betrachter, dass die korrekte und bescheidene Zurückhaltung des Orchesterchefs und Dirigenten zwar ehrenhaft ist, aber auch lebensuntüchtig wirkt und einen nicht weiterbringt. Dies vor allem bei der so freundlich entgegenkommenden Wirtin, die sich ganz offensichtlich für ihn begeistert. Andererseits wird die absolut nicht korrekte Art des jungen Trompeters, der stets den Mädchen nachguckt und die Irrfahrt verursacht hat und in einer köstlichen Scharade einem gehemmten jungen Israeli beibringt, wie man eine Freundin erobert, zum Fingerzeig in die Zukunft: Leben und leben lassen!

Ein Film voll von kleinen Anspielungen, die ein genaues Hinsehen erfordern, eine Feldstudie der dezentesten zwischenmenschlichen Aktionen, gefördert durch knappe Beispiele überwiegend klassischer arabischer Musik. Und das im Kleine-Leute-Milieu und in einer Landschaft, die fast immer nur aus einer Asphaltstraße besteht, aus der eine endlose Reihe von Peitschenlaternen herausgewachsen ist. Ein Low-Budget-Streifen, der einen trotzdem voll zufriedenstellt.

So amüsiert, wie man als Kinobesucher ist, auf dem Heimweg muss man sich doch zugeben, dass es sich nicht im Geringsten um eine aktuelle Situationsschilderung aus dem Krisengebiet Naher Osten handelte, sondern um ein reines Wunschbild. Kein Wort über die ewigen kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen den Israelis und den Arabern. Gerade nur einmal eine Mütze, die auf ein Bild an der Wand gehängt wird, auf dem – kaum mitzukriegen – ein Panzer oder ein Politiker zu sehen war. Egal ob Panzer oder Politiker, das bleibt sich gleich und ist nichts anderes als die trostlose Realität. Hier in einer mehr als vorsichtigen Dosierung geboten. Denn in einem Reality Movie würden die Uniformen anders aussehen als diese schmucken hellblauen Polizeiuniformen der ägyptischen Musiker, und statt der so gehemmt auftretenden Biedermeier würden fanatische Märtyrer-Aspiranten mit Dynamitgürtel und Jungsoldatinnen mit harten Zigarettengesichtern das Bild bestimmen.

Ohne Umschweife gesagt: Es handelt sich bei dieser so erfreulichen Komödie bei aller Lakonie um ein Werk mit pädagogischer Ausrichtung. Was kein Wunder ist, kommt der Filmemacher Eran Kolirin doch von der Arbeit an TV-Serien her, die ja immer belehrend sind, dem selbstgestellten Auftrag der Fernsehanstalten entsprechend, die sich als Klippschulen der Nation empfinden. Doch die pädagogische Absicht ist kein Negativum. Sie ist eher tröstlich. Sieht doch inzwischen jeder Zeitungsleser, Radio- und Fernsehkonsument klar, dass weder die Politiker Israels noch die der arabischen Länder den Frieden wollen, den sie ständig auf den Lippen haben. Dass es aber in Israel auch aufgeschlossene Bürger gibt, die gegen die eigene Regierung protestieren, das wird viel seltener deutlich. Und dass es dort sogar Leute gibt, die einen Film machen, der zeigt, wie sich die Menschen diesseits und jenseits der Grenzen gleichen, das darf wohl als das Aufflackern einer besseren Zukunft für den Nahen Osten begrüßt werden. 

(Walter Laufenberg in: www.netzine.de)




Leergut

Filmbild - Leergut(Vratné Lahve, Tschechien 2007, 103 Minuten, Regie: Jan Sverák, Drehbuch und Hauptdarsteller: Zdenek Sverák, Kamera: Vladimír Smutný)

Filme gibt es, die sich vergeblich damit abmühen, ein großes Buch zu bebildern, und es gibt Filme, die über jedes noch so kleine Buch hinausblühen. Hier geht es um ein Filmkunstwerk von der zweiten Sorte. Die Story ist einfach strukturiert: Ein alter Lehrer in Prag ist es leid, sich von den respektlosen Kindern terrorisieren zu lassen, und lässt sich in den Ruhestand versetzen. Was bei ihm aber nicht Ruhe bedeuten kann, weil er sich dafür viel zu jung fühlt und viel zu gern mit dem Leben beschäftigt ist, mit seinem und mit dem seiner Mitmenschen. Daheim herumzusitzen, wird ihm schnell unerträglich, weil er spürt, dass er in der häuslichen Sphäre seiner Frau nur stört. Und seiner unglücklichen, weil sitzengelassenen Tochter kann er nicht helfen, weil er keinen Zugang zu ihrer frömmelnden Abgehobenheit findet. Auch die Oparolle genügt ihm nicht. Also sucht er sich einen Job. Als Fahrradkurier übersteht er einen Unfall, der ihm zeigt, dass diese Beschäftigung doch nicht nur eine Sache der Einstellung und des guten Orientierungsvermögens ist, wie er gemeint hat, sondern auch der jugendlichen Wendigkeit.

In der Leergutannahme eines Supermarkts findet er die Erfüllung seiner Wünsche. Die kleine Flaschen-Durchreiche ist sein Fenster hinaus ins Leben. Er wird zum Freund seiner Kundinnen und Kunden, passt auch einmal auf Hund oder Kleinkind auf, bringt einer Gebrechlichen die Lebensmittel nachhause und streckt sogar aus der eigenen Tasche das Geld vor, bis die Kundin die nächste Rentenzahlung erhält. Ein Mann, der glücklich ist, will auch seine Mitmenschen glücklich machen. So macht er aus seinem Kollegen, einem alten verbitterten Kriegsinvaliden, einen netten und wieder gepflegten Mann und schließlich einen Hochzeiter. Für den jungen Mann am Reißwolf öffnet er eine neue Lebensperspektive. Und auch für seine Tochter fädelt er ein Verhältnis mit einem jungen Lehrer ein. Und gerade das, was offiziell als Kuppelei bezeichnet und schlecht angesehen ist, wird hier zur selbstgewählten Kernaufgabe eines Menschenfreundes. Die erotischen Abenteuer, die er für sich selbst wünscht, beschränken sich nach einer Panne, weil er die Wochentage verwechselt hat, auf schöne Träume.

Die Kontrasthandlung um seine Frau kommt leider etwas zu kurz. Kein Wunder, der Film wurde von zwei Männern – Vater und Sohn – gemacht. Die Ehefrau, der der Ruheständler nichts vormachen kann, die alles besser weiß und ihm so streng wie steif gegenübertritt, wird erst durch einen erwachsenen Nachhilfeschüler für Französisch aus dem zu engen Korsett des gutbürgerlichen Wohlverhaltens befreit. Fällt dann aber auch direkt aus der Rolle. Schließlich ist sie bereit zu einem besonderen gemeinsamen Abenteuer mit ihrem Mann anlässlich ihres vierzigsten Hochzeitstages, nämlich einer Ballonfahrt. Dieser Ausflug endet beinahe tödlich, aber dann doch mit dem Satz: „Wir dürfen noch eine Weile weiterleben.“ Wobei dem Ballon sehr symbolträchtig die Luft ausgeht und dam Zuschauer aufgeht, dass ihm wohl nicht mehr geboten wird als die Aussicht auf ein Weiterleben wie bisher.

Der Film, als Komödie bezeichnet, besticht durch die Selbstverständlichkeit, mit der er die Probleme des menschlichen Miteinanders anspricht, und das auf der unspektakulären Ebene der sogenannten Normalmenschen. Das ist nicht das klassische Theater als moralische Anstalt. Hier gibt es nichts Erbauliches, nichts Lehrreiches, aber auch keinen Klamauk. Es gibt keine Problemlösungen als Sonderangebot, nicht einmal einen Helden, dem man nacheifern könnte. Den Zuschauern werden lediglich Alltagsrollen geboten, in denen sie sich wiedererkennen können, ja, müssen. Worüber sie dann lachen dürfen. Für den einen ist das ein Film übers Altern, für den anderen eher ein Film über die Art, wie man Lebenschancen ergreifen kann. So oder so, seine Direktheit gibt diesem Streifen bei aller Lustigkeit eine besondere Wärme, weil man sich betroffen fühlt.

Dass dieser Film bei all seiner betonten Einfachheit doch so bezaubernd, so schön und erfreulich und auch erfolgreich ist, das ist vor allem ein Verdienst der Regie und der liebevoll verspielten Kameraführung, die einerseits gern, wenn auch nicht gerade neu, den fahrenden Zug der Zeit zeigt, andererseits mit Großaufnahmen von Kleinem den Horizont des Betrachters weitet und ihn immer mal wieder in verlockende Traumbilder entführt.

(Walter Laufenberg in: www.netzine.de)



Darjeeling Limited

Filmbild - Darjeling(The Darjeeling Limited, USA 2007, 105 Minuten, Regie: Wes Anderson, Drehbuch: Wes Anderson, Roman Coppola und Jason Schwartzman)

Der westdeutsche Großstadt-Kinosaal war nicht einmal halbvoll, es gab nur hin und wieder einzelne Lacher, sonst keinerlei Reaktion, die auf große Begeisterung schließen ließ. Das durchaus gemischtaltrige Publikum, kaum sehr junge Leute, verließ das Kino schon während der endlosen Schlussmusik und zeigte sich dabei weder erschüttert noch belustigt.

Überdeutlich, dass Anderson etwas Ungewöhnliches bieten wollte, die Zuschauer aber nicht den Eindruck hatten, etwas Ungewöhnliches erlebt zu haben. Der Film soll in den USA schon kurz nach seinem Erscheinen über 12 Millionen Dollar eingespielt haben, dort also gut angekommen sein. Worum ging es?

Drei aus den USA kommende, sehr unterschiedliche Brüder, die sich länger nicht gesehen haben, treffen nach dem Tod ihres Vaters in einem durch Indien fahrenden nostalgischen Luxus-Zug namens „Darjeeling Limited“ aufeinander. Der Älteste hat einen Plan und setzt ihn über die Köpfe der Brüder hinweg durch. Er will ein Wiedersehen mit der Mutter arrangieren, die sich in ein christliches Kloster im indischen Abseits zurückgezogen hat. Den Brüdern macht er jedoch vor, es gehe um eine Tour, die ihnen als Hilfe zur Selbstfindung ein gemeinschaftliches Erlebnis von höherer Spiritualität bieten werde. Alle drei haben ihre Probleme. Der Älteste trägt schwere Kopfbandagen, die angeblich nur von einem Motorradunfall herrühren, vielleicht aber auch von mehr. Der Zweitälteste hat sich von einer Freundin getrennt, die ihn dann zu seinem Verdruss noch einmal in Paris aufgestöbert hat, das Vorspiel des Films, was er in einer Kurzgeschichte beschrieben statt verarbeitet hat. Der Jüngste hat aus Angst vor der Vaterrolle, die auf ihn zukommt, eine hochschwangere Frau verlassen und kommt doch nicht von ihr los.

Alle drei sind permanent unterwegs, mit viel zuviel Gepäck beladen, mit zuviel Ratlosigkeit zudem und mit zuviel Wut im Bauch, die sich auch schon einmal gegeneinander austobt. Sie kaufen ein und verlieren das Gekaufte. Sie versuchen sich in mythischem Getue und stellen sich dabei sehr ungeschickt an. Sie retten zwei Kinder vor dem Ertrinken und nehmen an der Einäscherung des dritten Kindes teil, dessen Rettung ihnen nicht gelungen war, und werden so Freunde der Einheimischen. Und verlieren auch diese Verbindung gleich wieder.

Das Besondere an diesem Film ist, dass er an die Jahre gegen Ende des vergangenen Jahrhunderts erinnert, in denen man als junger Mensch nach Indien pilgerte, um unter der Anleitung eines hochverehrten Gurus ein neuer Mensch zu werden. Die damals an diesem Seligkeits-Rezept zweifelten und daheim blieben, können sich jetzt in ihrem heimischen Kino bestätigt fühlen: Indien schenkt einem keine neue Spiritualität, dafür führen wir viel zuviel Ballast mit, lieben wir zu sehr unser kleines Ich, fallen wir zu leicht jedem Kaufreiz zum Opfer, sind wir viel zu abhängig von Nikotin und diversen anderen Drogen und obendrein immer zugedröhnt von Musik. Und das Indien, dem wir begegnen, ist ohnehin nur das Indien der schrecklichen Armut und der kuriosen Riten uns fremd bleibender Religionen.

Der in den USA als neue Film-Hoffnung gefeierte Wes Anderson stellt seinen Zeitgenossen mit diesem trotz schöner Landschaftsaufnahmen nur scheinbar unterhaltsamen Film ein Zeugnis aus, das voll von Symbolik ist, aber von einer Symbolik, die anders ist als bei Buňuel. Denn Anderson reißt seinen Mitmenschen die Masken herunter, diesen mit Vuitton-Koffern und Lärm- und anderem technischen Spielzeug beladenen, zu Telefonitis und Zigarettenalbernheit neigenden, Sex mit Liebe verwechselnden, sich mit Parfum Marke Voltaire Nr. 6 und Pharmakonsum begnügenden armseligen Kreaturen. Der Film „Darjeeling Limited“ ist letztlich ein Essay in bewegten Bildern. Mag sein, das ist die letzte literarische Form, mit der man noch die Menschen von heute aufklären kann, die nicht mehr gewohnt sind, etwas Anspruchsvolleres zu lesen, und nur noch Bildchen gucken können. 

(Walter Laufenberg in: www.netzine.de)




 
Der große Diktator

(The Great Dictator, USA 1940, 120 Min., Drehbuch, Regie, Produktion und Doppelrolle: Charles Chaplin)

Ein kleiner und so linkischer wie menschenfreundlicher jüdischer Friseur rettet im Krieg dem Offizier Schultz des Phantasiereiches Tomania das Leben und gewinnt damit einen Beschützer, wie sich viele Jahre später im Ghetto zeigt, als die Sturmtrupps des Diktators Adenoid Hynkel die Juden drangsalieren. Dort beginnt auch die neckische kleine Liebesgeschichte, die zu einem Erfolgsfilm gehört. Durch sein Engagement für die Juden wird der Beschützer Schultz später selbst zum Gejagten, der schließlich genau wie der Friseur in ein Konzentrationslager verbracht wird. Den beiden gelingt die gemeinsame Flucht, und der Friseur wird, wegen seiner frappierenden Ähnlichkeit mit dem Diktator verwechselt, gezwungen, bei einer Massenversammlung eine flammende Rede an sein Volk zu halten. 

Dieses Meisterwerk Charles Chaplins besticht durch die Souveränität, mit der er in fünffacher Funktion gearbeitet hat. Dass es ausgerechnet ein jüdischer Friseur ist, der dem großen Diktator gleicht, ist nur eine der vielen kleinen Bosheiten, mit denen dieser Film auf Adolf Hitler einschlägt, auf diesen kleinen Österreicher, der dabei ist, ein Großreich aufzubauen. Die sensationellen Erfindungen, die dem Diktator vorgeführt werden, sind sämtlich Flops, der Diktator redet sich immer wieder in einem furiosen Phantasiedeutsch in Rage, und der Globus, der ein Luftballon ist, zerplatzt genauso beim Jonglieren des Machtmenschen mit ihm, wie seinem Traum von der Weltherrschaft die Luft ausgeht.

Ein großartiger Komiker kämpft mit seinen Mitteln gegen einen verbissen ernsthaften Machtmenschen an. Und kann dabei nicht vermeiden, schließlich selbst höchst ernsthaft zu werden. Nämlich in der großen Rede, die der Friseur als falscher Diktator hält. Das ist die Schlussapotheose des Films, die zugleich sein Scheitern eingesteht. Denn der Filmemacher bricht aus seinem Genre aus und lässt den kleinen Juden plötzlich all seine Lächerlichkeit verlieren, ein ernsthaftes Gesicht annehmen und druckreife Sätze über Liebe, Freiheit, Brüderlichkeit und Demokratie sprechen, die klingen, wie von Thomas Jefferson in Gesetzestafeln eingeritzt. 

Der englische Komiker Charles Spencer Chaplin (1889-1977), selbst kein Jude, stellte sich dar als ein typischer jüdischer Kleinbürger mit seiner Weltfremdheit und Ängstlichkeit und als unberechenbarer Diktator, der sich mit seinen wüsten Hasstiraden selbst zum Zerrbild eines Herrschers machte. Sein Kumpan Benzino Napaloni, der zweite große Diktator, wurde zum perfekten Clown. Doch war Chaplin sich offenbar darüber im Klaren, dass Komik allein nicht genügen würde, Machtmenschen wie Adolf Hitler und Benito Mussolini in ihre Schranken zu weisen. Eine Komödie würde lediglich der breiten Masse einen vergnüglichen Abend bescheren, mehr aber nicht bewirken. Adolf Hitler und Benito Mussolini als lächerliche Figuren hinzustellen, das war Charles Chaplin nicht genug. Deshalb die große Schlussrede, und deshalb hat er selbst diese ernsthaft programmatische Filmrede des kleinen Friseurs noch mehrfach bei politischen Veranstaltungen gehalten. Diese Rede wurde sogar gedruckt unter die Leute gebracht.

Damit entpuppt sich der Film „The Great Dictator“ als Teil einer Kampagne eines prominenten und höchst erfolgreichen britischen Künstlers gegen den antijüdischen Geist, der damals in den USA stark verbreitet war und u. a. dazu geführt hatte, dass das Land sich sogar gegen die Aufnahme jüdischer Waisenkinder abgeschottet hatte. Starke amerikanische Nazi-Organisationen bedrohten den Filmemacher schon bei den Vorbereitungen zu diesem Werk. Und auch die US-Regierung zeigte eine ablehnende Haltung. Verständlich, weil sie neutral bleiben wollte, durch diesen Film aber mehr Druck der Öffentlichkeit zum Kriegseintritt befürchten musste.

Übrigens gibt es Berichte, Adolf Hitler habe diesen Film gesehen. Schon drei Monate nach der Uraufführung hatte ein Kontaktmann von Joseph Goebbels eine Kopie besorgt, die der Reichspropagandaminister seinem Führer zur Verfügung stellte. Hitler pflegte allabendlich einen Film zu sehen, um sich vom Tagesgeschehen lösen und besser einschlafen zu können. Wie Hitler auf diese Verhöhnung reagiert hat, ist leider nicht überliefert, jedenfalls hat er „The Great Dictator“ in den Filmschatz aufgenommen, den er in der Reichskanzlei für seinen persönlichen Bedarf angesammelt hatte.   

(Walter Laufenberg in: www.netzine.de)


Barry Lyndon

(Barry Lyndon, GB 1975, 177 Minuten, Regie und Drehbuch sowie Produktion: Stanley Kubrick, nach dem Roman „The Memoirs of Barry Lyndon, Esq.“ von William Makepeace Thackeray)

Der Film war ein Flop, er hat als einziger der Kubrick-Filme (u. a. Lolita; Dr. Seltsam; 2001: Odyssee im Weltraum; Uhrwerk Orange) seine Herstellungskosten nicht eingespielt. Das zeigt, auch so berühmte Väter wie Thackeray und Kubrick können nicht verhindern, dass ihr Kind missrät. Damit sind wir schon beim Inhalt des Films. Und der lässt sich sogar bei solch einem Drei-Stunden-Opus in drei Sätzen angeben:

Der junge irische Landadelige Redmond Barry hat in einem Liebes-Duell einen britischen Offizier erschossen, glaubt das zumindest, weswegen er sich gezwungen sieht, seine Heimat zu verlassen. Er fällt unter die Räuber, dann mal in dieser Uniform und mal in jener unter die Soldaten, anschließend unter die Spione und Falschspieler und danach durch geschickte Heirat einer Adligen unter die superreichen Ignoranten. Obwohl er überall viel lernt, hat er Pech und endet als verbannter einbeiniger Invalide in Armut und Schande.

Es ist das die Verfilmung eines typischen Entwicklungsromans, also einer literarischen Form mit großer Tradition. Ein naiver Junge wird vom Leben zum Mann geformt, und der Mann scheitert am Leben. Thackeray lässt in seinem 1844 erschienenen Roman den jungen Barry am Anfang seines Weges mehrfach sagen, dass er leider in schlechte Gesellschaft geraten sei, aus der er sich zu befreien versuche, weil er nicht dazugehöre. Als er dann mit Hilfe der miesen Tricks, die er der schlechten Gesellschaft abgeguckt hat, ein Mitglied der noblen Gesellschaft geworden ist, fällt er auf eine Provokation herein und verliert die Contenance. Das darf man sich in dieser Gesellschaft nicht erlauben, weil sie einen dafür ausstößt. Heute würde man das Prinzip des Entwicklungsromans auf die Faustformel bringen: Mach dir nichts draus, dass du nichts aus dir machen kannst. Dieses Resümee aller Mühen ist für die Leser am ehesten zu ertragen, wenn der Entwicklungsroman als pikarischer Roman daherkommt, also als Schelmenroman. Und mehr oder weniger um einen solchen handelt es sich bei dem Roman „Barry Lyndon“.

Der Held dieses Buches erzählt selbst sein abenteuerliches Leben. Diese Form, die Thomas Mann mit seinem „Felix Krull“ zu einem umwerfenden Erlebnis machen sollte, klang bei Thackeray schon so: “Though, as a man of the world, I have learned to despise heartily the claims of some pretenders to high birth who have no more genealogy than the lackey who cleans my boots, and though I laugh to utter scorn the boasting of many of my countrymen, who ar all for descending from kings of Ireland, and talk of a domain no bigger than would feed a pig as if it were a principality; yet truth compels me to assert that my family was the noblest of the island, and, perhaps, of the universal world ...”

Es spricht für den Leser Stanley Kubrick (1928-1999), dass er sich für William Makepeace Thackeray (1811-1863) begeistert hat, dessen berühmtestes Werk „Vanity fair“, der Roman ohne einen Helden, in den Jahren 1847 - 48 in zwanzig Folgen in einer Zeitschrift veröffentlicht wurde, deutscher Titel: „Jahrmarkt der Eitelkeiten“. Es spricht aber gegen den Filmemacher Stanley Kubrick, dass er den Barry-Lyndon-Flop nicht geahnt hat. Kubrick muss es genossen haben, wie fein ironisch Thackeray in seinem ausschweifenden Plauderton in einer altmodisch anmutenden Sprache seine Zeitgenossen gezeichnet hat, und er muss der Überzeugung gewesen sein, dass diese Schilderung der viktorianischen Gesellschaft auch für die einhundert Jahre später Lebenden noch zutreffend oder wenigstens goutierbar ist. Kubrick hat versucht, möglichst viel von der Süffisanz des Romans in den Film einzubringen, indem er manche Passage wörtlich zitiert hat. Dass dabei - zumindest in der deutschen Fassung - die Musik fast durchgängig zu laut geriet und die gepflegte Sprache niederknüppelt, ist ein bedauerlicher Fehler dieses Films. Möglicherweise ist das jedoch mit einer besonderen Hochachtung Kubricks für die alten Meister zu entschuldigen, handelt es sich doch vor allem um Musik von Händel, Bach, Vivaldi, Mozart und Schubert. Der Protagonist Barry Lyndon ist mehr als nur ein Schelm oder Abenteurer, deshalb auch im Film sympathisch und durchaus nicht klischeehaft dargestellt. Wie er sich als Vater aufführt, das zeigt ihn von seiner besten Seite. Doch der Tod seines geliebten Kindes ist zu breit ausgemalt, womit er den Rahmen eines amüsanten Historienbildes sprengt.

Im Vergleich mit den Filmen, die Stanley Kubrick berühmt gemacht haben, fällt „Barry Lyndon“ klar ab. Er bringt nicht die große Sensation, überhaupt nichts Spektakuläres. Das versuchte Kubrick mit Ausführlichkeit und opulenter Ausstattung aufzuwiegen, mit pedantischer Akkuratesse der Darstellung, mit vielen wie Gemälde wirkenden Landschaftsaufnahmen und mit einer speziellen Kameraführung. Kurz gesagt: Er musste Quantität einsetzen, weil die eigentliche Qualität Thackerays, die sprachliche Raffinesse, filmisch nicht darzustellen war. Das Außerordentliche, das dieser Roman zweifellos enthält, es kommt - typisch für Thackeray - nur vermummt daher. Der Dichter zeigt die Hohlheit der Gesellschaft auf, gibt Hilfestellung gegen Täuschungen, lässt vieles, das groß sein will, als Humbug entlarvt dastehen, und er trennt den Schein vom wahren Sein. Das aber alles so sublim gebracht, dass es für den Durchschnitts-Kinogänger nicht erkennbar würde. Dahinter steht bei Thackeray ein Menschenbild, das uns als sehr unvollkommene Wesen sieht, von Selbstsucht, Gier und Eitelkeit angetrieben. Liebe ist nur Schein, die Frauen suchen bloß Befriedigung, und die Männer suchen Selbstbestätigung und Geld. Bereits der erste Satz des Romans hätte Kubrick warnen müssen: „Since the days of Adam, there has been hardly a mischief done in this world but a woman has been at the bottom of it.“ Aber ohne eine Frauengestalt, die begeistert, und sei es als Femme fatale, kann man nur schwer einen Erfolgsfilm machen.

Dass der Film über den total gescheiteren Barry Lyndon in der Schlusseinstellung das Datum 1789 nennt, also das Jahr der Französischen Revolution, und darauf hinweist, alle Menschen seien gleich, ist als Fazit die verborgene Sensation dieses Films. Mit dieser grundsätzlich schwarzen Sicht auf den Menschen steht Thackeray in einer Linie neben Autoren wie Jonathan Swift und Wilhelm Busch. Die beiden Kollegen sind, ohne dass sie sich dagegen wehren konnten, vom Buchmarkt zu Kinderbuchautoren umfunktioniert worden, Thackeray hat es nicht ganz so arg getroffen, er ist nur vergessen worden. Kubricks Film hat ihn für drei Stunden dem Vergessensein entrissen. Auch das ist verdienstvoll.

(Walter Laufenberg in: www.netzine.de)



Große Freiheit Nr. 7

(Große Freiheit Nr. 7, D 1944, 109 Min., Regie: Helmut Käutner, Drehbuch: Richard Nicolas, Helmut Käutner)

Das Drehbuch ist einem in die Jahre gekommener Seemann auf den Leib geschrieben, damals musste das Hans Albers sein, der als Stimmungssänger in einem Revuelokal von St. Pauli arbeitet. Er ist der Geliebte der ebenso in die Jahre gekommenen Inhaberin des Etablissements. Der Bruder des Sängers stirbt, und so muss er sich um das Mädchen kümmern, das sein Bruder sitzengelassen hat. Er macht das süße bayerische Madel zu einer Deern, indem er sie zu sich in seine kleine Wohnung holt. Er ist korrekt und freundlich und verhilft ihr sogar zu einer Anstellung in einem Laden, sie bringt dafür seine Wohnung und seine Klamotten in Ordnung. Sie lernt einen jungen Werftarbeiter kennen, der es mit lächelnder Impertinenz fertig bringt, sie zu seiner Freundin zu machen. Dummerweise plant gleichzeitig der Stimmungssänger ein ordentliches bürgerliches Leben mit der Deern als seiner Frau. Die üblichen Fehldeutungen des Verhaltens, dann Rangeleien, schließlich das unvermeidliche Ergebnis: Die junge Verkäuferin im Bett des jungen Werftarbeiters. Und dem maßlos enttäuschten Stimmungssänger bleibt nichts anderes übrig, als sofort wieder anzuheuern und am nächsten Morgen nach Australien zu fahren. Mit dem Lied auf den Lippen: „Beim ersten Mal, da tut’s noch weh, da meint man noch, dass man es nie verwinden kann. Doch mit der Zeit, so peu à peu, gewöhnt man sich daran.“ Soviel zum Inhalt des Films, der mit diesem Lied und etlichen weiteren Schlagern wie „La Paloma“, „Wein’ nicht, mein Kind, die Tränen sind vergebens“ und „Auf der Reeperbahn nachts um halb Eins“ den in doppelter Hinsicht blauäugigen Stimmungssänger mit seiner Ziehharmonika unsterblich machte, obwohl der Film zunächst verboten wurde.

Mit Adolf Hitler und Joseph Goebbels standen zwei ausgeprägte Filmenthusiasten, ja, Filmnarren an der Spitze des Dritten Reiches. Hitler pflegte sich jeden Abend eine Filmauswahl vorlegen zu lassen, aus der er dann einen Streifen für die abendliche Aufführung bestimmte. Goebbels war ebenso scharf auf Filme, daneben aber noch mehr auf die Filmdiven und Filmsternchen. Und doch hatte man Pech mit dem Medium Spielfilm als Instrument der nationalsozialistischen Propaganda. Die große Kino-Aufräumaktion vor dem Beginn des Zweiten Weltkriegs hatte so gut wie alle bekannten Produzenten, Regisseure und Schauspieler ins Ausland vertrieben, weil sie Juden waren. Davon profitierten in erster Linie die Vereinigten Staaten von Amerika. Doch zeigte sich schnell, dass es noch genügend nichtjüdische Filmleute gab, die diesen gewaltigen Aderlass auszugleichen vermochten. Der deutsche Film konnte sogar mit Pracht-Produktionen auftrumpfen. Da wurden die Großen der Geschichte gefeiert, aber auch der deutsche Wald und das deutsche Hochgebirge und natürlich die deutsche Frau, und sogar der Krieg konnte fröhlich dargestellt werden. Der deutsche Film kam zu internationaler Anerkennung.

Als dann aber nach der Niederlage der achten Armee bei Stalingrad die neue Losung des Reichspropagandaministers Goebbels hieß: Durchhaltefilme, da versagte die deutsche Filmindustrie. Der Film „Münchhausen“ (1943) wurde zwar noch ein großer Erfolg, war aber mehr unterhaltsam als dass er der unter den ständigen Bombenangriffen leidenden deutschen Bevölkerung den Rücken stärkte. Und der Film „Kolberg“ (1945), der endlich die geforderte Ausrichtung und das passende Pathos hatte, wurde zu spät fertig und konnte in den letzten Wochen des Zusammenbruchs nur noch von wenigen hundert Menschen gesehen werden. Da war nichts mehr mit Durchhalten.

Der Film „Große Freiheit Nr. 7“, der zeitlich zwischen diesen beiden Durchhaltefilmen lag, wurde trotz oder als hinterlistige Reaktion auf die vielen Eingriffe des Propagandaministers viel zu freizügig in der Darstellung der Personen und ihrer außerehelichen Beziehungen, die absolut nicht dem Ideal der nationalsozialistischen Familie entsprachen. Zwar konnte man in den Seeleuten, die hinaus in die Welt mussten, eine Parallele zu den Soldaten sehen, die draußen im Feld standen, doch hatten die gezeigten Seeleute überhaupt nichts Heldenhaftes, ihr selbstverständliches Zusammenhalten hatte eher etwas Kumpelhaftes. Und die Chefin des Revuelokals blieb in Hoffnungslosigkeit zurück, als ihr Sänger wieder aufs Schiff ging. Außerdem geriet die Musik in eine viel zu schwermütige Tonart. Dabei hatte der allmächtige Propagandaminister sogar das eigentlich kriegswichtige Farbfilmmaterial freigegeben - einer der allerersten deutschen Farbfilme entstand -, und er hatte Außenaufnahmen im Hamburger Hafen ermöglicht, indem er dort liegende Kriegsschiffe perfekt tarnen und alle Hakenkreuzfahnen verschwinden ließ, und er hatte schließlich dem horrend hohen Honorar zugestimmt, das Hans Albers gefordert hatte, dessen Antipathie gegenüber den Nazis bekannt war. Zuletzt hatte der Minister auch noch erlaubt, den Streifen am 15. Dezember 1944 uraufzuführen, allerdings nur in Prag, wo der Film hauptsächlich gedreht worden war, notgedrungen im Atelier, aber dann hieß es: Die Filmrollen kommen unter Verschluss!

Und der Film blieb bis lange nach Kriegsende unter Verschluss, während er im Ausland lief, und das mit Erfolg. Zu Recht, denn in der Endphase des Zweiten Weltkriegs mit all seinen Schwierigkeiten und Gefahren war durch Käutners Hartnäckigkeit ein Filmkunstwerk entstanden, das in stimmungsvollen Bildern das Leben außerhalb der geordneten Familienverhältnisse und bürgerlichen Disziplin schildert. Der Durchhalteappell anders verstanden.

(Walter Laufenberg in: www.netzine.de)




Die Helden sind müde

(Les Héros Sont Fatigués, F/BRD 1955, 115 Min., Regie : Yves Ciampi, Drehbuch : Yves Ciampi, Jean-Charles Tacchella, Jaques-Laurent Bost, nach der gleichnamigen Erzählung von Christine Garnier)

Ein ehemaliger französischer Jagdflieger, inzwischen als Pilot einer Rostlaube für Schmuggler in Afrika tätig, erleidet eine Bruchlandung im Busch. Dabei kann er gerade nur noch sein Leben und eine kleine Tasche voller Rohdiamanten retten. Im nächsten Dorf, zu dem er sich durchschlägt, versucht er, einen der Diamanten zu verkaufen. Dabei gerät er gleich in ein Netz von widersprüchlichen Interessen der schwarz-weiß gemischten und feierfreudigen Dorfgemeinschaft, die das typische Bild des Übergangs von der traditionellen zur westlichen Lebensweise zeigt. Der Wirt der einzigen Absteige, in der er untergebracht ist, entpuppt sich als Schwarzenhasser. Seine südamerikanische und attraktive, aber total frustrierte Frau beginnt gleich eine Affäre mit dem Neuankömmling. Ein reicher Geschäftsmann zeigt sich am Kauf von Diamanten interessiert, will den einzelnen Stein, den der Fremde ihm zeigt, prüfen lassen und sich dann entscheiden.

Doch irgendwer hat dem Mann einen Tipp gegeben, der im Auftrag des Schmuggelunternehmens nach den verschwundenen Diamanten fahndet und überraschend auftaucht. Zufällig ebenfalls ein ehemaliger Jagdflieger, aber ein deutscher, wie sich bald herausstellt. Und schon stehen sich die früheren Luftkriegsgegner in einem unerbittlichen Kampf gegenüber, bei dem mal der eine, mal der andere die besseren Chancen hat, den Gegner zu erledigen. Bis sie endlich erkennen, dass sie beide zu elenden Hunden verkommen sind. Was sie zusammenschweißt. Schon erscheint ihnen eine neue Zukunft möglich, wenn sie sich zusammentun, die Diamanten nicht zurückgeben und statt dessen mit eigenem Fluggerät ein eigenes Unternehmen aufziehen. Doch da stoppt sie einer, der sich bisher als völlig apathisch gezeigt hatte, der aber ebenfalls in den Diamanten den Ausweg aus seiner Chancenlosigkeit sieht.

Der Titel des Films ist so irreführend, wie er schön klingt. Denn die beiden ehemaligen Kriegshelden erweisen sich als durchaus nicht müde. Sie sind aktiv und unternehmungslustig und risikofreudig, dabei beeindruckend wendig in ihren Reaktionen und schnell entschlossen. Müde macht sie nicht einmal der unmäßig genossene Whisky, der sie offenbar als besonders harte Männer charakterisieren soll. Die beiden Jagdflieger führen dem Zuschauer einen faszinierenden Luftkampf zu Fuß vor, wie sie sich ständig umkreisen, um in die richtige Schussposition zu kommen und dabei doch dem anderen nicht den Blattschuss zu ermöglichen. Das ist beste Kino-Unterhaltung, wenn auch mit einigen etwas plumpen Anleihen bei dem Erfolgsfilm „Casablanca“. Die Bemerkung des ebenfalls aus der Bahn geratenen Klavierspielers, die beiden ehemaligen Helden beendeten jetzt den Krieg zwischen Deutschland und Frankreich, das sei aber auch an der Zeit, hebt das Geschehen wenigstens im Scherz auf eine höhere Ebene.

Die eigentliche Aussage der Erzählung und damit auch des Films bleibt unausgesprochen, weil sie zu platt und zu belehrend wäre. Sie muß auch nicht expressis verbis gebracht werden, ist sie doch längst in den Kanon der anerkannten Volksweisheiten aufgenommen: Unrecht Gut gedeihet nicht. Ein  Spruch, der obwohl in der Praxis viel zu oft widerlegt, hier nicht einmal in Frage gestellt wird. Was nur bestätigt: Das Kino ist zwar oft das schönere, nicht aber das wahre Leben.

(Walter Laufenberg in: www.netzine.de)



Cinema Paradiso

(Cinema Paradiso, I/F 1989, Drehbuch und Regie: Giuseppe Tornatore, 116 Min.)

Wer kennt sie nicht, die Faszination des Kinos, die ihn als Kind ergriffen hat. Und wer hat nicht die allmähliche Abnabelung erlebt, nachdem er mal als der Filmheld oder die Filmheldin und mal als jener oder jene aus dem Kino in die Nacht hineingetappt war, für eine Nacht und den folgenden Tag ein Stückchen größer und immer noch im Paradies schwebend. Das legte sich mit dem Älterwerden. Irgendwann war der Kinofilm dann nur noch eine schöne Nebensächlichkeit neben anderen wie Skat oder Sportschau oder Reisen. Die lebenslange Bewunderung für die Filmgrößen, von der die meisten sich nicht lösen können, ist noch das letzte Überbleibsel, das man sich von diesem Scheinleben bewahrt hat.

Doch dann kommt dieser mutige, recht moderne Film in die Kinos, mit dem das Paradies der Kindheit sich selbst in Frage stellt. Kommt als eine Hommage an das Kino von damals, als es noch nicht im Wettstreit mit dem Fernsehen und den Videokassetten stand. Und ist nicht nur das, sondern auch eine heimlich aufgeblätterte Geschichte des Films.

Man sieht einen ergrauten und auf bedeutend gestylten Mann, von dem nicht gesagt wird, in welchem Beruf er Karriere gemacht hat. Dieser Mann namens Toto Salvatore erhält die Nachricht, dass in seinem Heimatdorf der ehemalige Filmvorführer Alfredo gestorben ist. In dem Moment läuft vor seinem inneren Auge ab, was seine Kindheit und Jugend war, nämlich ein einziges Kinoerlebnis ohne „cut!“ und „Gestorben.“

In dem kleinen sizilianischen Dorf, das er vor dreißig Jahren verlassen hat, um in Rom die Welt kennenzulernen, war der allabendliche Film im Kino „Cinema Paradiso“ die einzige Unterhaltung der Dörfler. Dem kleinen Toto war es gelungen, die Freundschaft des Filmvorführers Alfredo zu gewinnen. Mit seiner Hartnäckigkeit schaffte er es, Abend für Abend im Vorführraum zu verbringen, aber auch schon am Tag dabei zu sein, wenn der sittenstrenge Dorfpfarrer sich den neuen Film vorführen ließ, um mit einem Glöckchen zu signalisieren, welche Stellen der Vorführer herausschneiden musste. Eine wohlmeinende Zensur, die den Kulturschock mindern sollte, dabei jedoch den Erfolg hatte, dass die Zuschauer sich ärgerten, weil sie nie einen Kuss zu sehen bekamen. Doch sie blieben trotz der Schnippelei dieser einzigen sich ihnen bietenden Vergnügung treu, der kleine Toto wohl vor allem deswegen.

Das frühreife Kerlchen lernte die Welt also etwas intensiver kennen als die Menschen seiner Umgebung. So war es nicht verwunderlich, dass sein größter Wunsch war, ebenfalls Filmvorführer zu werden. Schon hatte er seinem Freund sämtliche Handgriffe abgeschaut, konnte ihn sogar ersetzen, als der durch einen Brand erblindete. Der kleine Toto hatte den Schwerverletzten in letzter Minute aus seiner in Flammen stehenden Vorführkammer die Stahltreppe hinab gezerrt und ihm damit das Leben gerettet. Aus Dankbarkeit verpflichtete der alte und blinde Filmvorführer Alfredo später seinen Freund, als der ein junger Mann war, das Dorf zu verlassen und nie mehr zurück zu kommen. Er solle das Leben in der Großstadt kennenlernen, forderte er. Denn der Film sei nicht das Leben. Dabei war der junge Mann schon drauf und dran, wie im Film zu leben. Er verstand die Strenge seines alten Freundes und Mentors zwar nicht, doch er gehorchte.

So kommt der hochangesehene Toto Salvatore erst nach dreißig Jahren Abwesenheit wieder in sein Heimatdorf, und zwar zur Beerdigung seines alten Freundes Alfredo. Der Film verrät nicht, in welchem Beruf Toto Salvatore zu Ansehen gekommen ist, und bietet den Zuschauern damit wieder das Erlebnis der Kindheit und Jugend, als sie sich selbst in den Helden hineinprojizieren konnten. Jetzt können sie noch einmal wie in den seligen Paradieszeiten dem Popanz den eigenen Kopf aufsetzen.

Und das Überraschende geschieht in einer Nebenrolle: Die alte Mutter, die immer unerschütterlich auf die Heimkehr ihres Sohnes gewartet hat, zeigt volles Verständnis für sein langes Fortbleiben. Damit distanziert sich dieser mal ein wenig sentimentale, mal beinahe lustige Film über das Kino gleich auf doppelte Weise von dem Anspruch, das Leben abzubilden. Sehr ungewöhnlich für eine Hommage und ein Zeichen echter Überlegenheit der Macher dieses Films über die bloße Cineasten-Besessenheit.

Gleichzeitig bietet dieser Streifen auch einen kurzen Abriss der Filmgeschichte: Ausgehend von der Tragik der Analphabeten, die die Zwischentitel nicht lesen können, und gerade die waren ja kennzeichnend für den Stummfilm, über viele Filmtakes aus berühmten Filmen, die zu Handlungsmustern wurden, und die Identifizierung der Leute mit den Sprüchen bestimmter Filmheroen, bis zu dem Blick auf die raffinierte Geschäftstüchtigkeit hinter dem schönen Schein und dem sozialkritischen Hinweis, dass trotz Open-Air-Kino die Piazza, bis dahin das Zentrum der dörflichen Gesellschaft, verkommen ist. Nur noch der Dorfdepp verteidigt seine Piazza.

Diese selbstkritische Filmhistorie, die so unauffällig serviert wird, dass wohl manch einer sie nicht bemerkt, ist für einen Filmenthusiasten, dem es um mehr geht als um eine nette Erfolgsgeschichte und die Bewunderung von Stars, die eigentliche Stärke dieses Films über den Film.

(Walter Laufenberg in: www.netzine.de)





Spiel mir das Lied vom Tod

(C’era una volta il west, I/USA 1968, 167 Minuten, Regie: Sergio Leone, Drehbuch: Dario Argento, Bernardo Bertolucci, Sergio Donati, Sergio Leone, Musik: Ennio Morricone)

Wenn dieser Italo-Western auch längst als Kultfilm gefeiert wird, verdient er doch einmal eine nüchterne Betrachtung. Wo Bild und Ton so perfekt als berauschende Drogen eingesetzt wurden, bei nervenzerrender Langsamkeit des Geschehens, da verbietet es sich, einfach nur mitzuschwärmen. Man muß sich fragen, was von diesem Epos, das in Brutalität, in herrlichen Landschaftsaufnahmen und in Leinwand füllendem Sterben von einigen Dutzend Männern schwelgt, beim Zuschauer „hängen bleibt“, neben den Großporträts der Stars und der Ohrwurm-Musik. Da ist zunächst der Fremde, der so fremd ist, weil er mit seinem asiatisch wirkenden Poker-Face meist nur wortlos dreinschaut, mit fast geschlossenen Augen, und immer mal wieder mit der Mundharmonika ein klagendes Lied intoniert. Dass er als der Rächer auftritt und stets um einen Sekundenbruchteil schneller zieht und schießt als seine Gegner, macht ihn zum Helden. Und da ist der mit dem gefährlichen Aussehen, der Bandit Cheyenne, ein trickreicher Kämpfer, obwohl auffallend ungebildet. Dabei überrascht er immer wieder damit, dass er noch von traditionellen Moralvorstellungen geleitet wird. Und dann ist da der große starke Mann, der so aussieht, wie ihn sich die kleinen Mädchen erträumen, die hinter seinem überlegenen Grinsen nicht den Schurken erkennen. Er räumt mit Gewalt den Weg frei für den Eisenbahnmagnaten Morton, der ihn beherrscht und gleichzeitig von ihm verachtet wird, weil er als Schwerbehinderter alles nur mit seinem vielen Geld regeln kann statt mit dem Revolver in der Faust. Die fünfte Hauptfigur ist die Schöne aus der Großstadt, die in den wilden Westen kommt, weil sie einen Farmer geheiratet hat, mit dem sie etwas aufbauen will. Doch bei ihrer Ankunft in Sweetwater findet sie ihren Mann und dessen drei Kinder, für die sie die neue Mutter sein wollte, ermordet vor. So steht sie allein da, zudem mittellos und von dem Banditen wie von dem Schurken begehrt. Trotz des Originaltitels, der übersetzt werden könnte mit: „Es war einmal im Westen“, erzählt dieser Film kein altes Märchen, sondern generell Geltendes. Auf kurze Faustformeln gebracht: Der Fremde ist entgegen aller traditionellen Vorurteile nicht immer der Böse. Der mit seinem Bart wild aussehende simple Bandit ist weniger gefährlich als der so schön glattgeschabte skrupellose Schurke. Der Geldmensch bleibt bei aller Unbeweglichkeit unberechenbar und äußerst gefährlich. Und die Schöne muß nicht unbedingt zum Opfer werden, wenn sie sich geschickt genug zeigt, sogar eine Vergewaltigung durch scheinbar begeistertes Mitmachen abzuwenden. Wie gern würden die Zuschauer sehen, dass die Schöne am Ende den heldenhaften Fremden oder den gutmütigen Banditen zum Mann kriegt, doch diesen versöhnlichen Schluß gönnt der Film ihnen nicht. Das würde gegen seine eigentliche Aufgabe verstoßen. Denn mit diesem Film sollte offensichtlich dem seit jeher und bis heute unübersehbaren Zug im Nationalcharakter der Amerikaner ein Denkmal gesetzt werden: der Gewälttätigkeit. Kein Wunder, dass der Film in den USA zunächst ein Flop war, dagegen in Paris sechs Jahre lang ohne Unterbrechung lief. Cineasten deuten das allerdings anders. Sie sagen, es sei eine zu große Zumutung für die Amerikaner gewesen, ausgerechnet den Schauspieler in der Rolle des Schurken zu erleben, den sie bis dahin immer nur als den positiven Helden gesehen hatten. Etwas zu simpel, aber immerhin das Eingeständnis der Blödsinnigkeit des Starrummels.

(Walter Laufenberg in: www.netzine.de)



Troja

Troy, USA 2004, 150 Minuten, Regie: Wolfgang Petersen, Drehbuch: David Benioff sehr frei nach der Ilias des Homer)

Hollywoodschinken bleiben sich offenbar immer gleich, sogar wenn der Regisseur ein Deutscher ist. Man könnte ihnen die Banderole Semper Idem aufkleben. Mit dem Verfallsdatum 1. April 2004.

Es geht um den großen Krieg der Griechen gegen das auf kleinasiatischem Gebiet liegende Troja, ausgelöst durch Helena, die junge Frau des Spartanerkönigs Menelaos, die den Prinzen Paris, Sohn des Trojanerkönigs Priamos, bei Verhandlungen in Sparta kennenlernt und mit ihm nach Troja durchbrennt. Der gehörnte Ehemann schließt sich dem gewaltigen Heer Agamemnons an, des Herrschers über ganz Griechenland. Der war ohnehin scharf auf die Schätze Trojas und nimmt diese Entführung zum Anlaß, mit der größten Flotte und dem gewaltigsten Heer des Altertums gegen Troja zu ziehen. Doch halten die unüberwindbaren Mauern der Stadt zehn Jahre lang Stand. Erst die Idee des listenreichen Odysseus, einen Abzug vorzutäuschen und ein riesiges Holzpferd, vollgepackt mit Bewaffneten, als Geschenk an die Götter am Strand zurückzulassen, entscheidet den Krieg. Denn die Trojaner holen trotz Warnungen das stattliche Denkmal in ihre Stadt und sich damit den Tod. Soweit die von Homer erzählte Geschichte dieses Ereignisses aus der Zeit um 1200 v.u.Z.

Die Texte zur geschichtlichen Situation, die dem Film vorangestellt wurden, sind zu kurz und zu schnell weg, zumal sie schlecht zu lesen sind auf dem Hintergrund der Kartenskizze. Ohnehin setzt ein typischer Blockbusterfilm die Gewichte anders. Zwar wird die See vor Troja computeranimiert mit Galeeren so vollgepackt, dass beinahe kein Wasser mehr zu sehen ist, und auch die Mauern Trojas sind beeindruckend. Kein Wunder, wurde doch hauptsächlich auf Malta gedreht. Doch mit Troja assoziiert man gemeinhin Odysseus, der im Film aber nur nebenbei ins Bild kommt. Und dass seine Kriegslist erst nach zehnjähriger, entnervender  Belagerung den Ausschlag gab, wird unterschlagen. Die eindringliche Warnung der Kassandra fehlt. Dasselbe gilt von der Iphigenie und von den Amazonen. Doch der Film hat ja ohnedies Überlänge.

Statt dessen werden drei Frauen in den Vordergrund gerückt: Die nur nach amerikanischen Vorstellungen schöne Helena, ein belanglos aussehendes geiles Flittchen, daneben die Ehefrau des Trojanerprinzen Hector, ein braves und hilflos verzweifeltes Muttchen, und eine Schwester der beiden Prinzen, die sich dem jungfräulichen Dienst des Stadtgottes geweiht hatte und prompt dem brutalen Charme des Achilles verfällt und in seinem Bett landet. Insgesamt also ein Frauenbild nach der Faustformel: Mit den Weibern ist außer zum Bumsen und zur Aufzucht des Nachwuchses nichts anzufangen.

Achilles, verkörpert von dem blonden, langmähnigen Brad Pitt, ist eine glatte Fehlbesetzung, weil der Zuschauer ihn mit Jung-Siegfried verwechselt. Auch die anderen Angreifer wirken mehr wie große, zerzauste Germanen statt wie kleine, dunkelhaarige Griechen. Wenn dieser Achilles mit der Bodybuilderfigur und dem Stupsnäschengesicht dann noch Sätze schönster Küchenphilosophie von sich gibt, wird die Sache völlig lächerlich. Das ist Blockbuster-Machart: Die Figuren werden nicht mit dem Schnitzmesser modelliert, sondern mit der Axt. So vor allem die miesen Typen Agamemnon und Menelaos, typische Schurken à la Stalin.  Zum Glück werden wenigstens der Trojanerkönig Priamos und sein älterer Sohn Hector als positive Figuren deutlich. Im Unterschied zu dem jüngeren Trojanerprinzen, diesem feigen Milchzähnchen Paris.

Dass die Personen des Films immer wieder sagen, es gehe ihnen allein um das Überleben des Namens, ist unglaubhaft. Diese offene Ichverherrlichung ist dem Drehbuchautor aus einem anderen Kulturkreis ins Manuskript geraten, nämlich aus dem jüdischen. Dagegen ist anzunehmen, dass im griechisch-trojanischen Kulturraum das Ichinteresse schon damals genauso hinter vorgeschobenen Edelmotiven versteckt wurde, wie es noch heute bei uns üblich ist 

Der Film ist wenig informativ, aber durch die Massenszenen und einzelne Zweikämpfe attraktiv, weil Brutalität und Blut in üppiger Dosierung geboten werden. Womit der Kassenerfolg garantiert war. Wer sich nicht als dummer Allesfresser verarschen lassen will, sollte sich die zweieinhalb Stunden Erdulden dieses Films lieber sparen.

(Walter Laufenberg in: www.netzine.de)





Der große Gatsby

(The Great Gatsby, USA 1974, 135 Minuten, Regie: Jack Clayton, Drehbuch: Francis Ford Coppola nach dem gleichnamigen Roman von F. Scott Fitzgerald)

Francis Scott Fitzgerald (1896 – 1940) brachte seinen Bestseller über die Zwanziger Jahre in den USA und den Erfolgsmenschen Gatsby im Jahre 1925 heraus. The roaring twenties waren schon sein Thema gewesen bei den Romanen „Diesseits des Paradieses“ sowie „Backfische und Philosophen“ (beide 1920 erschienen), „Geschichten aus der Jazzära“ sowie „Die Schönen und Verdammten“ (beide 1922 erschienen). Das extravagante, aber inhaltlose Leben der scheinbar feinen Gesellschaft hatte eine besondere Faszination auf viele junge Autoren ausgeübt. Dass sie sich weitgehend auf die zynische Darstellung der Verhältnisse beschränkten, bestätigte nur die Diagnose der inhaltsleeren Gesellschaft.

Fitzgerald fand erst in „Der große Gatsby“ den Abstand, der nötig war, die eigene Zeit kritisch zu sehen. Der neue Film - eine erste Verfilmung hatte es bereits 1926 gegeben - übernimmt den Gestus des interessiert, aber distanziert zusehenden Nachbarn von Gatsby, eines alleinstehenden jungen Börsenmaklers namens Nick, der in der Ich-Form darüber berichtet, was im Park des Palastes nebenan geschieht. Da werden lärmende Parties gefeiert, bei denen Hunderte junger Menschen zu moderner, lauter Musik tanzen. Dieser Nick, der Züge des Autors Fitzgerald trägt, weiß nicht mehr über seinen Nachbarn Gatsby, als dass der sehr zurückhaltend ist und unermeßlich reich sein muß. Gerüchte sprechen davon, er sei mit dem deutschen Kaiser verwandt, er habe in Oxford studiert, sei ein Kriegsheld oder ein Spion gewesen und verdanke seinen Reichtum dunklen Geschäften, was ja in der Zeit der Alkoholprohibition naheliegend war.

Wie eine Präambel ist dem Film ein Ausspruch von Nicks Vater vorangestellt, an den er sich erinnert: Man sollte sich nie dazu hinreißen lassen, andere zu kritisieren, weil man nicht weiß, ob diese anderen ebenfalls so gute Voraussetzungen für ihr Leben vorgefunden haben, wie man selbst.

Danach versteht man allmählich, dass der geheimnisvolle Gatsby einmal eine junge Frau namens Daisy geliebt hat, dann aber in den Krieg ziehen mußte und als kleiner Leutnant nachhause gekommen ist. Da war er für die Daisy nicht mehr interessant. Was er sich so deutete: Reiche Frauen heiraten niemals arme Männer. Also wurde er ein reicher Mann. Als er nach acht Jahren erneut mit Daisy zusammentrifft, ist sie die Ehefrau eines vermögenden, aber hirnlosen Mannes namens Tom. Dieser Tom ist der typische Haustyrann mit Doppelmoral. Er hält sich als Geliebte die dümmliche, aber hübsche Frau des Tankstellenbesitzers, bei dem er seine Nobelkarosse betanken läßt. Dabei behandelt er den gutmütig, eifrigen Tankwart betont schäbig.

Damit ist die Gesellschaftsdiagnose auf drei Ebenen angelegt: Die fleißigen und nur gezwungenermaßen braven kleinen Leute, darüber die vom Leben im Wohlstand übersättigten und amoralischen Erfolgsmenschen und der hoch über allen schwebende wurzellose Superreiche, der lieber in seiner anerzogenen Anständigkeit leben würde. Wie der Autor sie zusammenstoßen und sich gegenseitig umbringen läßt, das ist schon ein Gesellschaftskrimi. Aber der Autor geht noch über diesen hinaus, und das mit recht, weil diese Leute ja schon so gut wie tot sind, während sie sich noch als Lebende herumtreiben.

Viel wichtiger als die spannende Frage, wer hat wem was getan, ist die Liebesfrage, die den großen Gatsby umtreibt: Warum hat Daisy nicht auf mich gewartet? Was sich zu der Frage steigert: Kann es überhaupt sein, dass sie zwischendurch diesen Tom einmal geliebt hat? Damit ist Fitzgerald bei der Frage aller Fragen angelangt: Was ist das, die Liebe? Und den vielen Bibliotheken voller Bücher, die zu dieser Frage geschrieben wurden, fügt er ein weiteres Buch hinzu, - ebenfalls ohne eine Antwort.

(Walter Laufenberg in: www.netzine.de)

 


Der General

(The General, USA 1926, 80 Minuten, Regie: Buster Keaton, Clyde Bruckman; Drehbuch: Charles B. Smith, Al Boasberg nach Motiven des 1868 erschienenen Romans „The Great Locomotive Chase“ von William Pittinger; Hauptdarsteller: Buster Keaton)

Der früheste aller berühmten Antikriegsfilme war ein Stummfilm. Zum Schreien komisch, diese von einem Spitzenkomiker auf die Spitze getriebene Ablehnung des Kriegsgeschehens. Kann man die Heroisierung des streitenden Menschen doch wohl kaum noch mehr veralbern, als daß man eine simple Lokomotive General nennt. Und das ausgerechnet an dem schmerzhaftesten aller amerikanischen Kriege vorgeführt, an dem Bürgerkrieg von 1861 bis 1865, als die Südstaaten und die Nordstaaten wechselseitig und viel zu großzügig ihre männliche Jugend abschlachteten. Mit dieser Slapstick-Komödie hatte der erfolgverwöhnte Filmmacher offenbar den Bogen überspannt. „Der General“ wurde ein Flop. Das Publikum lehnte ihn ab. Man hatte noch keinen Sinn für die Lächerlichkeit des Krieges. Man empfand die Kriegszeit im Rückblick offensichtlich anders als der Komiker, nämlich als eine heroische Epoche der amerikanischen Geschichte. War und ist das Draufschlagen doch ein Wesensmerkmal des Amerikaners.

Das war der Knick in der Karriere Buster Keatons (1895-1966), von dem an es nicht mehr weiter aufwärts gehen sollte, nur durch quälend lange vier Jahrzehnte abwärts. Man ließ ihn nicht mehr so frei mit den Geldern schalten und walten wie zuvor, man fesselte ihn an konkrete Drehbuchvorlagen, statt seiner genialen Improvisationskunst zu vertrauen, und man meinte ihn bald nur noch für kleine Nebenrollen brauchen zu können. 

Doch heute gilt der Film „Der General“ als das Meisterwerk Buster Keatons, der in rund 150 Filmen aufgetreten ist und viele Dutzend Filme in den unterschiedlichsten Funktionen, als Drehbuchautor, Regisseur und sogar Produzent, gemacht hat. Längst ist man sich einig: Mit diesem Film hat Buster Keaton einen bedeutenden Meilenstein der Filmkunst gesetzt. Und das nicht nur wegen der Dreistigkeit, mit der er den Krieg bekämpft und schließlich gegen ihn verloren hat. Auch nicht, weil er sein stets ernstes Gesicht zu einem Markenzeichen hochstilisiert hat: The Great Stoneface. Der Film war einfach perfekt gemacht, vor allem in der Art, wie er neben kleinen Slapstickeffekten Typisches umsetzte oder sogar vorausnahm.

Das fing an mit der bekannten Tatsache, daß Männer in Uniform Frauenherzen höher schlagen lassen. Der kleine Lokführer Johnnie Gray, der in den Südstaaten lebte, hatte eine Braut namens Annabelle, die ihn gerne als Soldat gesehen hätte. Also meldete er sich freiwillig zur Fahne der Konföderierten. Doch wurde er abgelehnt. Er sei als Eisenbahner wichtiger denn als Soldat, hieß es. Das war authentisch, es galt auch noch im Ersten und Zweiten Weltkrieg. Dann geschah das Unglück, daß dem Eisenbahner von den Nordstaatlern sowohl seine Lok als auch seine Freundin entführt wurde. Das entspricht dem Inhalt des Romans von William Pittinger (1840-1904), der auf einer wahren Begebenheit beruhte. Pittinger selbst war einer der wagemutigen Männer, die am 12. April 1862 eine Lokomotive der Südstaatler entführten. In Buster Keatons Film wurde das zur großen Herausforderung, die aus einem Nobody einen Helden machen sollte. Der Lokführer Johnnie Gray schlich sich hinter die feindlichen Linien und schaffte es, sich trotz vieler Hindernisse seiner Lok und seiner Freundin zu bemächtigen. Dann kam es zu einer wilden Verfolgungsjagd, wie sie später für amerikanische Filme typisch und beinahe unverzichtbar werden sollte, wenn auch auf der Straße statt auf Schienen. Das Hin und Her von drei Zügen, deren Führer sich mit dem Umstellen von Weichen und dem Aufreißen des Schienenwegs sowie dem Umlegen von Telegrafenmasten gegenseitig auszutricksen versuchten, brachte die großangelegte Offensive der Nordstaatenarmee völlig durcheinander und zum Erliegen. Womit das Transportwesen und die Kommunikation als die Schwachstellen des Krieges entlarvt wurden, was das Kriegspielen unmöglich machen sollte.

Schließlich schaffte der unermüdlich vor sich hin arbeitende kleine Lokführer es tatsächlich, seine heißgeliebte Lokomotive und das nicht minder heißgeliebte Mädchen heim ins Lager der Südstaatenarmee zu bringen, dazu aus Versehen als seinen Gefangenen auch noch einen höheren Nordstaatenoffizier. Dafür wurde der Antikriegsheld in eine ordentliche Uniform gesteckt und zum Leutnant ernannt. Zur Freude seiner Freundin Annabelle und der heutigen Zuschauer, die den schnieke eingekleideten Kriegshelden mit hängenden Schultern dastehen sehen, wie den braven Soldaten Schwejk.

Die halsbrecherische Turnerei auf den Zügen mit vielem Auf- und Abspringen ist erstaunlicherweise nicht gedoubelt worden. Bei Buster Keaton, aus der harten Schule der Vorstadttheater kommend, in denen er schon als Kind aufgetreten war, kam kein Stuntman zum Zuge. Das gehörte für ihn zu dem generellen Anspruch der Wahrhaftigkeit des Filmkunstwerks. Deshalb auch baute er ohne Rücksicht auf die Kosten veristische Bürgerkriegsbilder auf, wie sie aus Dokumentationen bekannt waren. Immer wieder kamen fahrende Züge ins Bild, dafür mußten parallele Strecken verlegt werden für die fahrende Kamera. Soviel Fahrerei hatte es nie zuvor im Film gegeben. Und sogar die Fahrt eines Zuges der Nordstaatler auf eine hohe Brücke, die bereits brannte, ließ der Regisseur Buster Keaton nicht als Trick oder im Modell, sondern original ablaufen, ohne dabei eine Miene zu verziehen. Das heißt, er ließ eine echte Lok mit den anhängenden Wagen vor laufender Kamera mit der zusammenbrechenden Brücke in den Row River in Oregon stürzen. Eine der teuersten Szenen der gesamten Stummfilmzeit. Aber damals reichte der Hinweis auf die extrem hohen Produktionskosten leider noch nicht aus, um einen Film zum Kassenschlager zu machen. Pech für Buster Keaton. Auch wer zu früh kommt, den bestraft das Leben.

(Walter Laufenberg in: www.netzine.de)

 


Das Mädchen mit dem Perlenohrring


(Girl with a Pearl Earring, GB/Lux. 2003, 95 Minuten, Regie: Peter Webber, Drehbuch: Olivia Hetreed nach dem gleichnamigen Roman von Tracy Chevalier)

Erste Reaktion des Zuschauers: Der Maler kommt aber schlecht weg. Jan Vermeer, der von 1632 bis 1675 gelebt hat und den wir als Vermeer van Delft kennen und bewundern, im Film mit seinem eigentlichen Namen Johannes Vermeer genannt, ist hier der ernsthafte, wortkarge und weltabgewandte Maler. Er hat sich im Obergeschoß des Hauses in einem Atelier vergraben, das für alle tabu ist, sogar für seine eigene Frau und für seine minderjährige Tochter. Doch über den Haushalt und auch über den Maler herrscht die Schwiegermutter, offensichtlich die finanzielle Basis des Familienunternehmens. Sie schafft es, ihren Schwiegersohn immer wieder mit einem so reichen wie widerlichen Mäzen zusammenzubringen, um einen neuen Malauftrag für ihn und damit Geld für die Haushaltskasse zu ergattern.

Als eine neue Magd ins Haus kommt, die Griet, Tochter eines armen und kranken Kachelmalers, erkennt Johannes Vermeer sehr schnell an wenigen Kleinigkeiten im Verhalten des scheuen Mädchens - sie befürchtet, das Licht zu verändern, wenn sie das Atelierfenster putzt, und sie nimmt einen Stuhl aus dem Bildarrangement, der eingeklemmt wirkt - ihre besondere Begabung für die bildliche Darstellung. Er macht sie zu seiner Helferin im Atelier und läßt von ihr sogar die Farbstoffe einkaufen und mischen. Eine sehr komplizierte Arbeit, also eine besondere Vertrauensstellung.

Der geile Mäzen findet Gefallen an dem Mädchen, dem er vergeblich nachstellt, und gibt ein Porträt von Griet in Auftrag. Davon darf Vermeers eifersüchtige Frau nichts wissen. Die Magd ziert sich, doch der Maler besteht auf seinem Wunsch, sie zu malen. Für dieses Bild leiht die Schwiegermutter dem Maler sogar heimlich die Perlohrringe ihrer Tochter. Was die mißgünstige Tochter des Malers mitbekommt und ihrer Mutter verrät. Prompt macht die Frau ihrem Mann deswegen eine Szene und verlangt unter Tränen, das gerade fertiggestellte Porträt zu sehen. Die schlichte Schönheit des Mädchenbildnisses bringt sie dann so in Rage, daß sie die Magd auf der Stelle aus dem Haus jagt. Und der Maler schaut nur gequält drein, schweigt aber dazu.

Daß dem auf die Straße gesetzten Mädchen kurz darauf die Perlohrringe als Geschenk nachgeschickt werden, wobei offen bleibt, ob von dem Maler selbst oder von seiner Schwiegermutter, nimmt dem Desaster nicht den schlechten Geschmack. Es bleibt der erste Eindruck des Zuschauers: Der Maler ist ein blöder Hund.

Erst wenn man den Maler Vermeer van Delft für den Künstler an sich nimmt, bekommt die Sache das richtige Aussehen. Denn für das 17. Jahrhundert nicht anders als für alle früheren und späteren Jahrhunderte gilt: Der Künstler gleich welcher Gattung lebt neben dem Alltag des Nötigen und Brauchbaren her, entsprechend nichtalltäglich ist seine Stellung in der Gesellschaft. Wie ein Priester steht er über den Ambitionen und Querelen der Mitmenschen, so unantastbar wie der Mann mit den segnenden Händen, aber auch so machtlos. Und jede Förderung, die man ihm bietet, ist mehr Forderung als ein Zeichen des Dankes dafür, daß er seinen Mitmenschen etwas gibt, das über den Alltag hinaushebt.

So gesehen, kommt nicht der Künstler Vermeer van Delft schlecht weg, sondern die Gesellschaft, in der er lebt. Weil sie ihn in völliger Abhängigkeit kleiner und erbärmlicher erscheinen läßt, als er ist. Zeigt er doch in Wahrheit die geradezu übermenschliche Größe, es um der Kunst willen zu ertragen, daß er klein und erbärmlich wirkt. Zwar nicht für die Zukünftigen, die ihn ehren werden, davon darf er überzeugt sein, denn vergangene Größe wird immer gefeiert, wohl aber für all die blöden Hunde unter seinen Zeitgenossen rundum.

Das zwischen 1660 und 1665 gemalte Bild des Mädchens mit der Perle hängt heute im Museum Mauritshuis in Den Haag und gilt als eines der großartigsten Gemälde der holländischen Klassik. Die 1962 in Washington D.C. geborene und heute in London lebende Schriftstellerin Tracy Chevalier hat im Jahre 1998 ihren Roman über eine ungerecht behandelte Hausangestellte geschrieben, der immanent eine Abhandlung über das Dilemma des Künstlerseins ist.

Und was soll man noch zu dem Film sagen? Er war seinem Gegenstand adäquat. Das helle Licht, das einen besonderen Schmelz gibt, und die reichabgestufte Farbigkeit. Dazu eine spannende Handlung in dem ausführlich gezeigten wirren Milieu der Stadt Delft des Jahres 1665, die mit ihren schmalen Grachten wie ein niederländisches Venedig erscheint.

(Walter Laufenberg in: www.netzine.de)




Wem die Stunde schlägt

(For Whom The Bell Tolls, USA 1943, 130 Minuten, Regie: Sam Wood, Drehbuch: Dudley Nichols, nach dem gleichnamigen Roman von Ernest Hemingway)

Ernest Hemingway (1899-1961) hatte diesem Buch ein Zitat des englischen Dichters John Donne (1572-1631) vorangestellt, aus dem der Buchtitel stammt: „Der Tod jedes Menschen berührt mich tief, da ich selbst ein Mensch bin, dem nicht gegeben ist zu wissen, wem die Stunde schlägt. Sie schlägt auch dir.“ Der Film übernimmt diesen Vorspruch.

Und schon ist er mitten im Leben-Beenden: Ein Zug wird in die Luft gesprengt, und einer der beiden Saboteure gibt dem anderen, seinem bei der Flucht vor den Verfolgern schwerverletzten Kameraden, den Gnadenschuß. Er selbst überlebt. So kann er darangehen, die ihm gestellte Aufgabe zu erfüllen. Er soll eine für den Nachschub der Faschisten höchst wichtige Brücke sprengen. Dafür hat er drei Tage Zeit. Mit diesem Auftrag und einer Vollmacht kommt der Fremde in das Höhlenversteck der republikanischen Partisanen in den nördlich von Segovia gelegenen Bergen. Ein Zusammenprall zweier Kulturen. Hier der Amerikaner, ein College-Dozent aus dem Westen der USA, großgewachsen, gebildet und mit feinen Umgangsformen, dort das Sammelsurium von Desperados, klein, dämlich und verkommen. Der bärbeißige Anführer lehnt den fremden Helfer ab, doch seine Frau, eine energische und furchtlose Mutter Courage, entzieht ihrem trunksüchtigen Mann kurzerhand das Kommando und wirft sich selbst zur Anführerin auf. 

So gut, so schön. Doch dann wird es zu schön. Denn in der Höhle hat auch eine geflohene junge Frau namens Maria Aufnahme gefunden. Die Faschisten haben sie vergewaltigt und ihre Eltern ermordet. Aus der Begegnung entwickelt sich natürlich eine Liebesbeziehung zwischen dem Amerikaner und der schönen Maria, und das in bester Hollywood-Manier. Das heißt immer ordentlich gekleidet und mit perfektem Make-up, gut frisiert und mit strahlend weißem künstlichem Gebiß.

Daß der abgesetzte Anführer die Brückensprengung vereiteln will, daß die Sprengung schließlich doch erfolgt, nur viel zu spät, und daß die Partisanengruppe heil davonkommt bis auf den Amerikaner, war zu erwarten. Auch, daß der schwer verletzte Gastguerillero dann seine liebe Mühe hat, seine schöne Braut wegzuschicken, damit er allein mit dem leichten Maschinengewehr den Rückzug der Truppe sichern kann, bis die Feinde ihn erledigen. Es setzt das dem Kitschfilm das wohlverdiente Sahnehäubchen auf.

Hemingway, immer bemüht, Kämpfe oder harte Jagdszenen zu erleben, weil er sie als Anregungen für seine literarische Arbeit brauchte, hatte als freiwilliger Kriegsreporter am spanischen Bürgerkrieg (1936-1939) teilgenommen, und zwar auf der Seite der Republikaner. Wie so viele andere, die sich für Linksintellektuelle hielten und meinten, mit ihrer Ideologie ernst machen zu müssen. Doch ließ er den Dozenten, in dessen Rolle er geschlüpft war, vorsichtshalber - schon herrschte in den USA die Furcht vor den Kommunisten - sagen: „Ich bin kein Kommunist, ich bin Antifaschist.“ Was er an wichtigen Äußerungen in seinem Roman bringt, das kann der Film leider nicht rüberbringen. So die Erkenntnis des Fremden, daß Korruption und schreckliche Brutalität und unmenschliche Exzesse auf beiden Seiten zu beklagen sind. Was den Krieg ad absurdum führt und zu einer mehr resignierten als heldischen Haltung des Amerikaners. Er stirbt schließlich, das ratternde Maschinengewehr im Schoß, in dem Bewußtsein, für das gekämpft zu haben, an das er geglaubt hat. Das versöhnt ihn mit der Welt. Der Leser des Romans kann das noch nachvollziehen, wenn auch das viele Pathos im nachhinein hohl klingt. Der Zuschauer im Kino aber sagt sich: Wäre der Dummkopf nur in seinem College geblieben. Blendend aussehende Frauen gibt es da doch genug.

Kurz noch ein Blick auf die Jahreszahlen: Hemingway war 1936/37 im Kriegsgebiet, sein Roman erschien aber erst 1940. Das heißt, der Autor brauchte Abstand vom Erlebten. Und die Verfilmung mußte bis 1943 warten. Da endlich konnte man so einen Film brauchen. Er hatte nun die Funktion einer Antikriegswerbung, ähnlich wie Casablanca (1942). Was die Machart erklärt. Denn für diesen guten Zweck konnten die Protagonisten gar nicht schön und lieb genug sein.

(Walter Laufenberg in: www.netzine.de)

 


Der Glücksritter vom Roten Meer

(Lettres de la Mer Rouge, F 2005, 100 Minuten, Regie: Eric Martin, nach den Aufzeichnungen von Henry de Monfreid)

Als ein fieberkranker junger Mann wird er liebevoll gesundgepflegt, was er seiner Pflegerin aber nicht dankt. Als ein unternehmungslustiger Mann, der das gekünstelte Leben der feinen Gesellschaft verachtet, zieht er hinaus in die fremde Welt Afrikas, um sich selbst und einen Sinn für sein Leben zu finden. Als ein gescheiterter Mann, wegen Schmuggels, Waffenhandel und Spionage zum wiederholten Male im Gefängnis, findet er nur mit Hilfe der Familienmitglieder, denen er davongelaufen war, den Weg zurück in die Freiheit und Heimat - und in die Literatur.

Das ist in drei Sätzen zusammengefaßt das Leben des Abenteurers und eifrigen Schreibers Henry de Monfreid  (1879-1974). Doch ist der Mann mehr als drei Sätze wert. Mit 32 ist der Lebensmittelchemiker der Firma Maggi aus dem bürgerlichen Leben ausgestiegen und von Elsaß-Lothringen nach Tschibuti und Abessinien gezogen. Mit seiner Ablehnung falscher Autoritäten und schnöder Geldgier und der Sklaverei eckt er überall an. Schon bald hat er selbst Sklaven, sind ihm Geschäfte wichtiger als sein Leben, wächst in ihm neben der Verachtung für die weißen Ausbeuter das Unverständnis für die Unzuverlässigkeit und Brutalität der Eingeborenen. Dann gerät er auch noch in die Verwicklungen der Weltpolitik, weil drei Jahre nach seinem Aufbruch in die Fremde der Erste Weltkrieg ausbricht. Die wahren Herren der afrikanischen Länder spielen ihre Macht aus. Ihnen ist der einzelne bei aller Cleverness und Geduld und Leidensfähigkeit rettungslos ausgeliefert. Hatte ihn sein afrikanischer Leibdiener noch manche Lebensweisheit erkennen lassen, und hatte ihn die gefährliche Konfrontation mit dem gottähnlichen Kaiser von Abessinien auch gezwungen, seine eigenen Grundüberzeugungen zu relativieren, die Sturheit militärischer Befehlshaben läßt ihn am Leben verzweifeln. Wer ihm in der ausweglosen Lage hilft und in wessen Arme es ihn schließlich treibt, das ist die eigentliche Überraschung des Films, der im übrigen durch das Schwelgen der Kamera in unbekannten Landschaften und im afrikanischen Leben mit seiner wilden Fülle begeistert. Alles so wunderbar fremd und bunt, wenn auch das Blut genau so rot ist wie bei uns. Fazit: Ein Abenteuerfilm, in dem nicht viel Wesentliches gesagt wird. Dafür bleibt dem Betrachter um so mehr zum Nachdenken. 

Henry de Monfreid hat in den Jahren seiner afrikanischen Odyssee so viele und so umfangreiche Briefe an seine ehemalige Pflegerin Armgart geschickt, die aufsässige und ihm geistesverwandte Tochter des deutschen Statthalters in Straßburg, daß daraus ein großer Reisebericht entstand. Damit und mit zahlreichen weiteren Büchern, vor allem Reiseberichten, hat der Zivilisationsflüchtling und gescheiterte Sinnsucher sich in die Reihe der großen Reiseschriftsteller der Neuzeit eingeordnet, neben Pierre Loti, François René Vicomte de Chateaubriand, Robert Louis Stevenson, Rimbaud, Alexandre Dumas, Gérard de Nerval, Joseph Conrad und Lawrence von Arabien, nicht zu vergessen Mark Twain und Hermann Fürst von Pückler-Muskau oder Henri Michaux und Stendhal, um hier nur das Dutzend der bekanntesten anzuführen.

Im späten 18., im 19. und auch noch im 20. Jahrhundert suchte man in der Welt der Wilden das wahre Leben zu entdecken. Das scheinbar unverfälschte, natürliche Leben. Das öffnete einem großen und begeisterten Publikum neue Fenster. Und es ließ sogar manchen Abenteurer zum geistigen Menschen heranreifen. Aber das hatte auch ganz andere Konsequenzen. Beispielsweise die neue Mode, die Eingeborenen ferner Länder im Zoo auszustellen und sie bei der Fütterung und bei typischen Tätigkeiten vorzuführen. Nicht nur Hagenbeck stieß damit auf große Begeisterung. Wissenschaftler begannen mit der Kopfvermessung der Wilden und kreierten eine höchst problematische Rassenlehre. Sehr oft brachte die Begegnung mit der Welt der Primitiven, wie man sie zu nennen pflegte, auch krasse Verachtung und Ablehnung hervor. Ein Phänomen, das so unvermeidlich zu sein scheint, daß man es heute noch an Entwicklungshelfern beobachten kann, die als engagierte Menschenfreunde hinausgehen und manchmal als zutiefst enttäuschte Helfer heimkehren und die Afrikaner voller Verachtung als Bimbos und Halbaffen bezeichnen. Sie haben es nicht verkraftet, daß anders nicht unbedingt besser heißt. Der Mensch, dieses Tier mit der hypertrophen Verstandesentwicklung, ist und bleibt da wie dort ein interessantes Ergebnis der Evolution, wird dieser Erde aber wohl nie als ein Schmuckstück dienen.

(Walter Laufenberg in: www.netzine.de)

 


Babettes Fest

(Babettes Gaestebud, DK 1987, 105 Minuten, Regie: Gabriel Axel, nach einer Erzählung von Tania Blixen)

Deutsche Funkzeitschriften stecken den Film in die Schublade Komödie. Dabei ist das einzig Komische an ihm, daß die Freiwillige Filmselbstkontrolle (FSK), in der die christlichen Kirchen eine maßgebende Rolle spielen, ihn ab 6 Jahren freigegeben hat. Ansonsten ist das ein höchst ernsthaftes Stück Menschenbetrachtung. Und sogar noch etwas mehr. Die dänische Schriftstellerin Tania Blixen (1885-1962), die in Wahrheit Baronin Karen Christence Blixen-Finecke hieß, hat mit dieser Story eine Art Anti-Erzählung geschaffen.

In einem abgelegenen dänischen Fischerdorf an der Küste Jütlands führen die beiden Schwestern Martine und Filippa ihrem alten Vater den Haushalt. Er ist Propst, der Seelenhirte und unbestrittene Herr des Ortes. Er hat die Bewohner zu einer frommen pietistischen Gemeinschaft zusammengeschmiedet. Als ein Mann um die Hand der einen Tochter anhält, bekommt er die ablehnende Antwort des Muster-Egoisten zu hören: „Meine beiden Töchter sind meine rechte und linke Hand. Wollt Ihr mir etwa eine Hand abtrennen?“ Der nächste Bewerber ist ein junger Leutnant, vom Vater argwöhnisch betrachtet und deshalb von der gehorsamen Tochter, der jüngeren, in heldinnenhafter Selbstüberwindung weggeschickt. Der dritte Bewerber, ein berühmter Sänger von der Pariser Oper auf Urlaub, erkennt das ungewöhnliche Gesangstalent der älteren Schwester, gibt ihr kostenlosen Unterricht und kommt ihr über dem hinreißend gesungenen Verführungsduett „Reich mir die Hand, mein Leben“ aus „Don Giovanni“ näher. Und wird von ihr weggeschickt, weil sie den Vater nicht verlassen kann.

Zeitsprung. Das Fischernest ist jetzt ohne den Propst. Die beiden Töchter, feine alte Fräuleins, um nicht zu sagen, vertrocknete Jungfern, bemühen sich redlich, den verstorbenen Seelenhirten zu ersetzen. Doch zeigt sich, daß die Frömmler nur durch die autoritäre Herrschaft des Propstes zusammengehalten worden waren. Nun ist die hinterwäldlerische Gemeinschaft durch kleingeistigen Zank und Streit zutiefst entzweit. Da erscheint eine Französin im Ort, die von den politischen Unruhen nach dem Scheitern der Pariser Kommune von 1871 aus dem Land fliehen mußte. Sie wird als Hausgehilfen ohne Bezahlung von den beiden barmherzigen Schwestern aufgenommen und geduldig in die Sprache und Alltagsarbeiten eingewiesen. Sie lernt überraschend schnell, das ärmliche Essen schmackhaft zu bereiten, und das sogar noch besonders sparsam. Die Frau heißt Babette. Eine Freundin in Frankreich spielt für sie in der Lotterie. Eines Tages bekommt Babette einen großen Gewinn ausgezahlt. Da erbittet sie sich die Erlaubnis, anläßlich des anstehenden hundertsten Geburtstages des Propstes ein Festessen für das ganze Dorf zu veranstalten, und zwar ein französisches Essen.

Das Festessen ist der Clou des Ganzen. Die feinsten und teuersten Zutaten und Getränke läßt Babette aus Frankreich kommen. Und es kommt auch der ehemalige Liebhaber, der Leutnant, der aus lauter Frust Karriere gemacht hat und französischer General geworden ist. Die Frömmler des Ortes lehnen nicht nur die unbekannten Speisen ab, sie haben auch ein schlechtes Gewissen, sich an der Völlerei zu beteiligen. Deshalb haben sie sich vorher auf eine eigenartige Form des Nichtmitsündigens geeinigt. Sie haben sich geschworen, das Fest in Gehorsam und Geduld durchzustehen, aber kein Wort über das Essen zu verlieren.

Daran will auch ich mich halten. Das heißt: Der Höhepunkt der Handlung soll hier nicht verraten werden. Nur soviel sei gesagt: Die Hausgehilfin Babette entpuppt sich als Meisterköchin. Und die Kochkunst steht in diesem Film ganz allgemein für Kunst, das heißt für Überlegenheit. So wird, was als Mahl begann, tatsächlich ein Fest, wie es im deutschen Titel heißt und auch schon im englischen Titel der Erzählung hieß.

Der Film arbeitet so geschickt mit Zeitsprüngen und Überblendungen, daß man glaubt, ein Drama zu erleben. Was noch verstärkt wird durch die rauhe Landschaft und die anheimelnd nostalgischen Behausungen. Man ist gefesselt und mit Vermutungen beschäftigt. Dabei bleibt der Film bei der Vorgabe der Autorin: Immer wieder bahnt sich eine neue Entwicklung an, doch jedes Mal wird, was so naheliegend ist, nicht Wirklichkeit. Die Sache verrinnt ergebnislos im grauen Alltag. Und so muß man bald akzeptieren: Das ist die  wahre Wirklichkeit des Lebens, daß so gut wie nie Großes gelingt. Aus hundert glückverheißenden Ansätzen werden neunundneunzig Enttäuschungen. Das ist die eine Erkenntnis. Die andere ist: Pietistische Verbohrtheit und eine Bescheidenheit, die wie Askese wirkt, sind meist nur von beherrschenden Personen und von den Verhältnissen erzwungen und deshalb eine schlechte Maskerade, hinter der das kleine Menschsein besonders mies hervorschaut.

Für diese beiden Erkenntnisse kann man es hinnehmen, daß Tania Blixen keine schöne Geschichte mit Happy-end, sondern eine Anti-Erzählung geschrieben hat. Die wurde 1950 zunächst in einer Frauenzeitschrift veröffentlicht, dann 1958 in der Erzählsammlung „Anecdotes of Destiny“. Als Anti-Erzählung bezeichne ich sie, weil sie eine Story ist, die zwar überraschende, zufällige Verbindungen der Personen aufweist, aber ohne den sonst üblichen Trost des Positiven und die glückliche Wendung. Die lebenskluge Autorin hat das wahre Leben geschildert. Ein Leben, das gefilmt so desillusionierend ist, wie beschrieben. Wer daraus lernt, vom Leben keine Wunder zu erwarten und den Frömmlern zu mißtrauen, hat mehr bekommen, als die Kinokarte gekostet hat.

Ob man dieses Fazit allerdings schon in dem zarten Alter von 6 Jahren ziehen kann, wie die FSK offenbar meint, erscheint zweifelhaft. Oder muß man diese Beurteilung andersherum sehen? Mit der Einordnung als ein schon für Kinder zumutbares Machwerk nimmt man Erwachsenen von vornherein das Interesse an dem religionskritischen Film, also dem Ganzen den Wind aus den Segeln. 

(Walter Laufenberg in: www.netzine.de) 




Ferien wie noch nie

(The Last Holiday, GB 1950, 84 Minuten, Regie: Henry Cass, Drehbuch: J. B. Priestley)

Der englische Schriftsteller und Journalist, u. a. Autor des Dramas „Ein Inspektor kommt“, John Boynton Priestley, schreibt ein Filmskript und engagiert sich sogar als Co-Produzent, um zum wiederholten Male sein Lieblingsthema, die Relativität von Zeit, zu illustrieren. Beinahe wie ein Spiel mit der Zeit muten ja schon die Lebensdaten Priestleys an: 1894-1984. Für das ambitionierte Filmprojekt wird die Nr. 1 der britischen Mimen verpflichtet: Sir Alec Guinness. Und heraus kommt ein kleines Filmkunstwerk, kurz und gut, bescheiden in seinem Aufwand, ohne große Aktionen und illustre Schauplätze, dafür ergreifend in der hoffnungslos schicksalsergebenen Haltung und Mimik des Protagonisten, des braven Herrn Bird, dessen Endzeit-Gesicht einen noch im Traum verfolgt.

Bird ist, als Vertreter für Landmaschinen tätig, immer früh ins Bett gegangen, wie er sagt, und zuverlässig bei der Arbeit gewesen. So hat er sein Leben vertan. Dann konfrontiert ihn sein Arzt mit dem Befund, daß er an einer seltenen und unheilbaren Krankheit leidet, die ihm nur noch eine kurze Frist zum Leben läßt. Er folgt dem Rat des Arztes, einfach seinen Lebensrest zu genießen, kündigt seinem Arbeitgeber, der ihn mit übergroßzügigen Lohnsteigerungen vergebens zu halten versucht, hebt seine Ersparnisse von der Bank ab, die ihm neue Anlagechancen bieten will, und mietet sich im ersten Haus am Platze in einem luxuriösen Badeort ein.

Der schüchtern verschlossene Einzelgänger im Maßanzug eines Lords und mit dessen Koffern, von Hotelaufklebern aus aller Welt übersät, alles beim Trödler erstanden, erweckt zu seiner Überraschung das lebhafte Interesse und die Neugier der feinen Gesellschaft im Hotel. Man bietet ihm Freundschaft und großartige Positionen an, ja Beteiligungen an Firmen. Er läßt sich zu einem Einsatz bei der Pferdewette überreden und gewinnt haushoch. Ebenso vom Glück verfolgt ist er beim Pokern. Frauen machen ihm schöne Augen, weil der so hilflos erscheinende Mann in ihnen den Mutterkomplex anspricht.

Die geschliffenen Dialoge verraten den erfahrenen Schriftsteller im Filmteam genauso wie die behutsam gezeigte allmähliche Verwandlung des scheuen Mannes. Bird hilft mit seinem überflüssigen Geld Menschen, die in Not sind. Und er überrascht mit dem ebenso unkonventionellen Verhalten, einem Gegenüber einfach zu sagen, was er denkt. Schließlich ist er es, der bei einem Streik des Personals die so heterogene Gesellschaft zu einer Selbsthilfegruppe zusammenschweißt. Entsprechend begeistert ist man von ihm. Jeder möchte diesem Engel in Menschengestalt etwas Gutes tun.  

Doch als der endlich zugibt, daß all ihre freundlichen Angebote zu spät und vergebens seien, weil ihm wegen tödlicher Erkrankung nur noch wenig Zeit zum Überleben bleibe, ist die allgemeine Bestürzung groß. Dann kommt, was kommen muß: Die ihm gestellte Diagnose wird als falsch erkannt. Bird ist gesund. Doch bei der ersten Ausfahrt in einem geliehenen Wagen geht die gerade erst wiedergewonnene Lebenszeit verloren. Und der alte Geiger, der am Anfang den Blinden nur gespielt und dem Todeskandidaten kameradschaftlich zugekniept hatte, spielt am Schluß zum Totentanz auf.

Ein Film, der wie kaum ein anderer dem Werbespruch entspricht: Mach dir ein paar schöne Stunden, geh ins Kino! Weil er ein Carpe-Diem-Film ist, der einen zur richtigen Lebenseinstellung bringen kann. Nur schade, daß sowohl der Originaltitel als auch der deutsche Titel so blaß und blöd sind, daß man dahinter die ernstzunehmende Tragikomödie von beinahe antikem Format nicht vermuten kann. 

(Walter Laufenberg in: www.netzine.de)       




Frühling für Hitler

(The Producers, USA 1968, 88 Minuten, Drehbuch und Regie: Mel Brooks, unter Verwendung von Ausschnitten der Broadway Show „Springtime For Hitler“)

Ein köstlicher Klamauk – und auch ein bißchen mehr. Ein alter Broadway-Produzent, dem nichts mehr gelingt, hält sich mühsam über Wasser, indem er in seinem Büro mit einer ehemaligen Geliebten nach der anderen kleine Liebesspielchen macht. Ein junger Buchprüfer ist auf ihn angesetzt, weil einiges mit seiner Buchführung nicht stimmen kann. Der Aufforderung, ihm mit kreativer Buchführung zu helfen, kommt der Prüfer nicht nach. Aber er bringt  den Erfolglosen mit der Bemerkung in Begeisterung, ein totaler Flop könne den Produzenten retten und ihn sogar sehr reich machen, weil er die Einlagen von Finanziers nur nach einem Erfolg zurückzahlen muß, und zwar mit der vereinbarten prozentualen Beteiligung. Bei einem Flop aber könne er das eingezahlte Geld behalten. Die beiden werden Geschäftspartner, sammeln eifrig Einlagen und suchen nach dem schlechtesten Skript und dem unfähigsten Regisseur, um einen Reinfall zu produzieren.

Dann kommt die Aufführung vor dem feingemachtem und feierlich gestimmtem Broadway-Publikum. Die Leute kriegen den Mund nicht mehr zu vor Staunen, als sie die bayerisch folkloristischen Liebesszenen mit Hitler und seiner Eva Braun auf dem Obersalzberg sehen und dann noch ein schmissiges Ballett in Uniform. Das Ergebnis: Allgemeine Begeisterung. Das beste Stück, das der Broadway je erlebt hat. Was für die Produzenten heißt: Sie können die irrsinnig überzeichneten Einlagen nicht bedienen und kommen wegen Konkursvergehen ins Gefängnis. Klar, daß sie dann in der geschlossenen Gesellschaft mit einer Knasttheatergruppe und dem Stück „Frühling für Hitler“ erneut Begeisterung auslösen. 

Auch beim Kinobesucher? Der viel zu lang gehaltene und durch das betont überzogene Grimassieren und Gestikulieren der Akteure nervende erste Teil ist nur schwer zu ertragen. Vor allem, weil man sicher ist zu wissen, wie die umfangreichen Vorbereitungen der neuen Show enden, nämlich in einem Sensationserfolg statt Mißerfolg. Was der Drehbuchautor und Regisseur Mel Brooks bei seinem Filmdebut vermissen läßt, das ist Suspense-Technik. Wo bleibt die Spannung, wo gibt es eine überraschende Wendung? Gerade nur der Schlußgag mit der Wiederholung der Aufführung im Gefängnismilieu. Das ist zu wenig und auch zu trist.

Der Film konnte nicht zur Satire auf das Finanzgebaren der amerikanischen Unterhaltungsindustrie werden, worauf der anfangs ins Spiel gebrachte Begriff kreative Buchführung hinzuweisen schien. Dazu hätte die Aufführung des Stückes vor großem Theaterpublikum offensichtlich handwerklich schlecht gemacht werden müssen. Das aber war dem Kinopublikum nicht zuzumuten. Wie hätte der Film dann jemals seine Produktionskosten einspielen können? Also mußte die Broadway-Aufführung großartig sein. So verlor der Film auch noch die Chance, wenigstens eine Satire auf das blasierte Broadway-Publikum zu werden. Und Hitler, um den es angeblich ging? So, wie er in diesem lustigen Streifen dargestellt wurde, hätte man ihn sich gewünscht.

(Walter Laufenberg in: www.netzine.de)
 

 
 

Die Legende vom Ozeanpianisten

(La leggenda del pianista sull’ oceano, USA, Italien 1999, 125 Minuten, Drehbuch und Regie: Giuseppe Tornatore, nach der Erzählung von Alessandro Baricco: Novecento – Die Legende vom Ozeanpianisten)

„Niemand würde mir ein Wort glauben.“ Der Satz des Erzählers Max wird wie eine Fackel der Filmhandlung vorangetragen. Die wahrhaftig ein besonderes Licht braucht, um glaubhaft zu wirken. Ist in dieser Legende doch alles so legendär wie eben möglich. Was schon mit dem Titel anfängt, in dem aus einem Schiffspianisten ein Ozeanpianist gedrechselt wird. Die Rahmenhandlung zeigt einen freundlich-korpulenten Musiker in einer Musikalienhandlung, wo er seine geliebte Trompete verkauft. Für Kleingeld. Also übers Ohr gehauen von dem alten Händler, aber offenbar in großer Geldnot. Als er sich die Gunst erbittet, noch ein letztes Mal auf seinem Instrument spielen zu dürfen, bläst er eine Melodie, die niemand kennen kann, die der Händler jedoch auf einer Schallplatte hat. Damit verbindet die beiden ungleichen Geschäftspartner plötzlich ein großes Fragezeichen, und der Kunde muß dem Ladenbesitzer die Geschichte dieser Melodie erzählen, damit dieser ihm erklären kann, wie er die Platte in die Hand bekommen hat.

Ein schwarzer Heizer findet nach der Neujahrsnacht 1900 auf dem in New York angekommenen und von allen Gästen verlassenen Transatlantikdampfer „Virginian“ in einer Obstkiste ein neugeborenes Kind. Er sieht darin das gute Zeichen eines neu angebrochenen besseren Jahrhunderts und nimmt den Knaben mit in die Unterwelt der Heizanlagen, gibt ihm den Namen Neunzehnhundert und zieht ihn wie seinen eigenen Sohn auf. Als der Quasivater tödlich verunglückt, bleibt der Junge in dieser Nebenwelt, von den Heizern und Kohlentrimmern betreut. Er erkundet das Schiff, findet Gefallen an dem Konzertflügel im prächtigen Festsaal und überrascht mit einem besonderen Talent zum Klavierspielen. Der junge Mann mit dem Namen Neunzehnhundert, der keine Papiere und keinen anderen Wohnsitz hat als das Schiff, wird zum vielbestaunten Konzertpianisten. Als der so arrogante wie berühmte Jelly Roll Morton, der angebliche Erfinder des Jazz, an Bord kommt und das Nichts namens Neunzehnhundert zu einem Wettstreit herausfordert, wird er von dem jungen Mann am Flügel deklassiert. Und das Publikum der Ersten Klasse ist begeistert, die Presse feiert den neuen Star.

Neunzehnhundert hat nichts außer seinem Klavierspiel und seinem Freund Max, dem Trompeter der Bordkapelle, sowie dem Schiff, mit dem er jahraus, jahrein zwischen Europa und Amerika hin und her pendelt. Der Freund staunt über die Fähigkeit des Pianisten, die Menschen seiner Umgebung musikalisch zu zeichnen. Er schildert ihm die Chancen, die er in der Welt draußen hätte. Max will Neunzehnhundert dazu bewegen, auch einmal von Bord zu gehen. Doch Neunzehnhundert geht nie an Land. Die drängenden Fragen seines Freundes, warum er sich nicht dem Leben draußen öffnet, tut er mit der Bemerkung ab: „Die Menschen verbringen zuviel Zeit damit, nach dem Warum zu fragen.“ Ein Satz, der nachdenklich macht, weil jedermann klar ist, daß die Frage nach dem Warum das A und O aller kulturellen und zivilisatorischen Entwicklung ist. Damit wird gezeigt, daß die übliche Bezeichnung Wunderkind nicht genügt, wo eine besonders erstaunliche Leistung gezeigt wird. Dahinter steht immer ein adäquat erstaunlicher Verzicht.

Als der Pianist auf dem Schiff eine Plattenaufnahme macht, sieht er vor dem Bullauge ein Mädchen, das ihn nicht beachtet. Während er fasziniert das stupsnäsige Gesicht studiert, entwickelt sich unter seinen Händen ein Liebeslied. Er glaubt, in dem Mädchen die jüngste Tochter eines Auswanderers zu erkennen, der ihm vor Jahren gestanden hatte, seine gesamte Familie verloren zu haben, bis auf die jüngste Tochter, die er eines Tages nach Amerika nachkommen lassen wolle. Der Pianist ist hingerissen, will das Mädchen ansprechen, ihm die Platte schenken, aber die schüchterne Kontaktaufnahme gelingt im turbulenten Gedränge der Auswanderer nur halbwegs, als das Mädchen von Bord geht. Immerhin erfährt er die Adresse. Doch als sein Freund Max ihn Jahre später endlich dazu überredet hat, an Land zu gehen und dieses Mädchen aufzusuchen, und er sich tatsächlich dazu aufrafft, kommt er nicht weiter als bis auf die Gangway. Er kann sich nicht von dem Schiff trennen, das sein Leben ist.

Dann trennt der Erste Weltkrieg ihn von seinem Freund Max, der eingezogen wird. Nachdem der Dampfer „Virginian“ als Lazarettschiff gedient hat und immer mehr heruntergekommen ist, droht ihm in den Dreißigerjahren das Ende. Alle wertvollen Einrichtungsgegenstände wie zuletzt auch noch der große Kronleuchter aus dem Festsaal werden herausgenommen, dann wird kistenweise viel Dynamit an Bord gebracht. Das Schiff soll nicht verschrottet sondern versenkt werden. Warum, ist nicht ersichtlich. Das ist der Moment, in dem Max sich als wahrer Freund erweist, er erkämpft sich das Recht, noch einmal an Bord zu gehen. Er sucht seinen Freund Neunzehnhundert, weil er sicher ist, daß der das Schiff nicht verlassen hat. Als er ihn schließlich gefunden hat, allein und im Smoking zwischen den Trümmern der ehemaligen Schiffseinrichtung, stößt er auf eine absolut unbeirrbare Todesbereitschaft. Die Welt draußen sei ihm zu groß und zu unbegrenzt, sagt Neunzehnhundert. Er will mit seiner kleinen, überschaubaren Welt untergehen.

Der Film spart nicht an schönen Bildern und nicht an attraktiven Schauplätzen, an Dramatik. Doch ist er ausnahmsweise einmal kein belangloser Actionfilm. Der Plot hat Hand und Fuß und sogar Sinn. Eben eine Literaturverfilmung, wenn die auch dem Zug der Zeit folgend zum Musikfilm wurde. Außer bei dem aufschlußreichen und deshalb etwas zu lang ausgewalzten Schlußdialog der beiden Freunde muß der Betrachter ständig höllisch aufpassen, daß er unter der Dauerbeschallung die wesentlichen Aussagen mitbekommt. Dabei ist die Erkennungsmelodie nicht so ein Ohrwurm, wie im „Ditten Mann“ oder in „Doktor Schiwago“.

Überhaupt nicht kommentiert, sondern dem nachdenklichen Betrachter überlassen, wird die Tatsache, daß die Sprengung des Schiffs erst erfolgt, nachdem Max es verlassen hat. Natürlich muß er dem Abbruchunternehmer dann gemeldet haben, daß er seinen auf dem Schiff vermuteten Freund doch nicht gefunden habe. Er muß seinen Freund also bewußt dem Tode ausliefern. Da tut sich eine neue Dramatik auf, die jedoch einfach unterschlagen wird.

Daß der Autor den in den ersten Stunden des Jahres Neunzehnhundert geborenen hochtalentierten Jungen als den Hoffnungsträger eines neuen, besseren Jahrhunderts präsentieren wollte, wie der schwarze Heizer ihn sah, ist kaum anzunehmen. Vermutlich war Baricco sehr wohl bewußt, daß er nicht das Kind eines neuen Jahrhunderts zur Hauptfigur seiner kleinen Erzählung machte, daß dieses Wunderkind in Wahrheit ein Relikt des untergehenden neunzehnten Jahrhunderts war, das gerade sein letztes Jahr begann. Also ein Fin-de-siècle-Film. Als Kommentar zum nächsten Jahrhundertende geschrieben und verfilmt. Entsprechend schwermütig stimmt die Geschichte den Betrachter. Legenden ranken sich halt immer um Erledigtes. Und Hoffnungen lassen sich leider nicht aus Legenden ableiten.

(Walter Laufenberg in: www.netzine.de)




Der Kongreß tanzt

(Der Kongreß tanzt, D 1931, 95 Minuten, Regie: Erik Charell, Drehbuch: Norbert Falk und Robert Liebmann, Liedertexte: Robert Gilbert, Musik: Werner Richard Heymann)

Nicht nur der 1814 begonnene Wiener Kongreß, um den es hier geht, tanzt, nein, der ganze Film tanzt, und die Zuschauer von 1931, als der Film in die Kinos kam, werden mitgetanzt haben. Zumindest sollten sie das. Denn diese Celluloidoperette mit Starbesetzung und Superausstattung mit ihren Liebesspielen aus der Hauptstadt des Vergnügens wollte die Leute aus der Verzweiflung der Weltwirtschaftskrise herausreißen. Menschen, die Textzeilen wie „Das gibt’s nur einmal, das kommt nicht wieder, das ist zu schön um wahr zu sein“ im Kopf haben und nicht mehr loswerden oder den fröhlichen Seufzer „Das muß ein Stück vom Himmel sein, Wien und der Wein“, die sind schon über ihren Alltag hinausgehoben.

Für derartige Überlegenheit war ein Fürst Metternich genau der Richtige als Vorbild. Immer wieder andere Liebeleien und immer erst am späten Vormittag aus dem Bett. Beim Frühstück die Abhöreinrichtung am Ohr, die ihm aus verschiedenen Räumen seines Palastes die kritischen Kommentare zugänglich machte, was ihn köstlich amüsierte. Er war die Spinne im Netz. Spinnen waren seine Lieblingstiere, wie er einmal gestanden hatte. Nur kurze Anweisungen an seinen Geheimsekretär, zu denen es keinen Widerspruch gab. Regieren im Morgenmantel. So muß man leben, dann geht alles wie geschmiert.

Oder wie Zar Alexander von Rußland, dem eine Handschuhmacherin bei seinem feierlichen Einzug in Wien einen Blumenstrauß an den Kopf geworfen hat, was man als Attentat ansah, wofür die Schöne ins Gefängnis kam. Der Zar holt sie da raus und fängt im Heurigenlokal eine Liebschaft mit ihr an, während er sein Double die lästigen und anstrengenden Repräsentationsaufgaben übernehmen läßt. Ja, so muß man leben, dann lösen sich alle Sorgen in Walzerklängen auf.  

Das schnöde politische Geschäft kommt nur andeutungsweise ins Spiel: Der alles mit leichter Hand dirigierende österreichische Außenminister Fürst Metternich will von einer Sitzung, in der eine wichtige Entscheidung über den auf Elba gefangen gehaltenen Napoleon Bonaparte fallen soll, den Zaren fernhalten, um seinen Willen durchsetzen zu können. Und beinahe wäre ihm das auch gelungen. Doch dann platzt mitten in die allgemeine Walzerseligkeit die Nachricht herein, daß Napoleon von der Insel geflohen ist und mit ihm zulaufenden Truppen auf Paris zu marschiert. Da ist das Spiel aus. Auch für die schöne Handschuhmacherin, denn der Zar muß sofort zurück nach Rußland.

Für heutige Betrachter ist dieser Streifen kein Mutmacher mehr, sondern eine einzige Belustigung. Wie die schönsten Wiener Lieder sich aus der Handlung ergeben und verselbständigen, das führt uns den Vorläufer des Musicals vor. Und wie Massenszenen den Zuschauer mit einzubeziehen versuchen, daß ist die Steigerung der Möglichkeiten des Theaters, noch nicht aber diese Vergewaltigung à la Hollywood. Wie sich die Schöne gibt, mit diesen übertriebenen Flatterbewegungen, das erinnert uns an die gerade erst vergangene Stummfilmzeit mit ihrer überzogenen Theatralik. Das kleine Herzmündchen statt der heute modischen Riesenlade und die kleinen Brüstchen der Damen statt der perfekt gestylten Silicon-Busen lassen uns über die menschliche Wankelmütigkeit in Sachen Schönheitsideal schmunzeln.

Die Regie hat sich etwas besonders Mutiges einfallen lassen, um den Einbruch der politischen Realität ins schöne Spiel darzustellen: Die Tanzerei versinkt in Wellen, über denen ein eiskalter Vollmond steht. Und dann schiebt sich der dunkle Bug eines Kahns ins Bild, und in diesem Boot steht bedrohlich starr die Silhouette Napoleons. Die schauerliche Reminiszenz an die Fahrt des Fährmanns Charon mit den Toten über den Unterweltsfluß Acheron läßt uns heute lächeln, für den frühen Spielfilm war dieser Schattenriß eine großartige Idee: Das absolute Gegenstück zur Prunkkulisse.

Immerhin hatte der Wiener Kongreß nicht nur negative Folgen, nämlich die Stärkung der restaurativen Kräfte, die Europa um einige Jahrzehnte zurückwarfen, sondern auch ein nachhaltig wirkendes positives Resultat. Der Wiener Walzer, bereits um 1770 aufgekommen, aber lokal begrenzt geblieben, wurde führenden Männern aus allen europäischen Staaten zum großen Erlebnis und damit schlagartig zum internationalen Lieblingstanz. Endlich Schluß mit den lahmen Formationstänzen, endlich ein Paartanz, und das Arm in Arm. Erst der Tango konnte das Vergnügen noch steigern. Aber das war eine andere Zeit, fast hundert Jahre später. 

(Walter Laufenberg in: www.netzine.de)  




Casablanca

(Casablanca, USA 1942, 102 Minuten, Regie: Michael Curtiz, Drehbuch: Julius J. Epstein und andere nach dem Bühnenstück „Everybody Comes to Rick’s“ von Murray Burnett und Joan Alison)

Es gibt Filme nach berühmteren literarischen Vorlagen, von denen weniger Sprachliches im Gedächtnis bleibt als von dem Film „Casablanca“. Sind doch vier Sätze aus diesem Kinovergnügen zu unsterblicher Literatur geworden, nämlich: „Spiel es noch einmal, Sam“ und „Schau mir in die Augen, Kleines“ und „Verhaften Sie die üblichen Verdächtigen“ und „Ich glaube, das ist der Beginn einer wunderbaren Freundschaft“. Sätze, die irgendwo und irgendwann gebraucht, immer als Zitate aus „Casablanca“ erkannt werden. Nicht zufällig. Sind das doch Formulierungen von einer solchen Präzision, auch in der deutschen Übersetzung, daß sie die gelungene Quadratur des Spielfilms als Bild des Lebens darstellen. Der erste Satz artikuliert die allgemein-menschliche Gier nach Dauer oder Wiederkehr des angenehmen Gefühls. Der zweite Satz steht für den Wunsch der Liebenden nach Überbrückung der letzten natürlichen Distanz zwischen dem Du und dem Ich. Der dritte Satz umfaßt die ganze Hilflosigkeit und Verlogenheit des staatlichen Gewaltmonopols. Und der vierte Satz setzt dagegen die Überlegenheit der Ganovenehre.

Eigentlich geht es doch nur um das altbekannte Dilemma: Eine Frau, die zwei Männer liebt und von beiden geliebt wird. Laszlo, der Ehemann der schönen Ilsa, ist als einer der führenden tschechischen Widerstandskämpfer gegen die Naziherrschaft entdeckt und ins Konzentrationslager gebracht worden. Seine Frau erhält die Nachricht, daß er im KZ zu Tode gekommen sei. Im noch freien Paris lernt sie den US-Amerikaner Rick kennen und wird seine Geliebte. Unmittelbar vor dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht erfährt sie, daß ihr Mann noch lebt und aus dem KZ entkommen ist. Deshalb trennt sie sich sofort und ohne Angabe eines Grundes von Rick.

Jahre später trifft sie mit ihrem Mann in Casablanca ein. Emigranten auf der Flucht vor dem langen Arm der Nazis. Der Zufall will es, daß sie Rick wiedersieht, der inzwischen als recht zwielichtiger Cafébesitzer eine der beherrschenden Figuren dieser von Ausländern überlaufenen Stadt ist, in der es nur immer um eines geht, um ein Visum für die Ausreise. Denn das marokkanische Casablanca untersteht der Kolonialherrschaft des nicht besetzten Restfrankreich unter der Vichy-Regierung, die von den Nazis toleriert wird und mit ihnen zusammenarbeitet, hat aber eine gewisse Selbständigkeit. Man weiß nur nicht, wie lange noch. Louis, der französische Präfekt von Casablanca, betreibt ein korruptes Zusammenspiel mit Rick und mit den im Hintergrund stehenden wahren Herren in deutscher Uniform. Als gerüchtweise bekannt wird, daß Rick zwei Ausreisevisa in die Hände gefallen sind, bedrängt die schöne Ilsa ihn bei einem heimlichen mitternächtlichen Besuch, ihr und ihrem Mann die Ausreise zu ermöglichen. Sie beschwört ihre alte Liebe zu Rick und zeigt sich zu allem bereit. Die verschiedenen möglichen Kombinationen von zwei Geretteten aus der Dreierkonstellation werden durchgespielt und bleiben offen. Rick hat alle Trümpfe und die Fäden der Handlung in der Hand, bleibt jedoch bis zum allerletzten Augenblick auf dem Flugfeld das Pokerface. Er schiebt dann überraschend Laszlo mit seiner Frau Ilsa in den startbereiten kleinen Flieger, erschießt den das noch zu verhindern suchenden deutschen SS-Major und geht im Gleichschritt mit dem französischen Präfekten einer ungewissen Zukunft entgegen.

Das Drehbuch selbst bietet für das erstaunlich selbstlose Verhalten Ricks zwei verschiedene Erklärungen an. Laszlo begrüßt Rick als den endlich auf der richtigen Seite, nämlich im Widerstand gegen die Nazis, tätigen Kampfgefährten, der französische Präfekt bezeichnet Rick mit verständnisvollem Connaisseurlächeln als sentimental und als romantischen Liebhaber. Beide Deutungen, so edel sie erscheinen mögen, werden mit dem Schluß dieses Films beiseite gewischt, - und damit auch alles Edle. Die Beziehungsprobleme dreier Menschen werden als völlig unwichtig bezeichnet. In den Wirren des Lebens gibt es keine höheren Werte, macht Rick deutlich, es geht nur darum zu überleben, egal wie, und dazu braucht man einen Freund, der das Leben ebenso illusionslos sieht.

Der Film über Emigrantenschicksale, mitten im Zweiten Weltkrieg in Hollywood entstanden, wurde in den USA ein großer Erfolg. In Deutschland kam er 1951 in die Kinos, und das stark gekürzt und in seinem Inhalt total verändert. Der tschechische Widerstandskämpfer war auf einmal ein norwegischer Atomphysiker, der geheimnisvolle Strahlen erfunden hatte. Weil man das deutsche Kinopublikum dafür nicht reif fand, hatte man alle Hinweise auf den Nationalsozialismus, auf Konzentrationslager und die mit den Nazis kollaborierende französische Vichy-Regierung getilgt. Erst 1975 brachte das Fernsehen eine authentische deutsche Filmfassung von „Casablanca“, die schnell den Status eines Kultfilms zuerkannt bekam. Dazu verhalfen dem Film neben den beliebten Hauptdarstellern Humphrey Bogart und Ingrid Bergmann die in Bildern des Orients schwelgende Regie, die wundervoll einfühlsame Kameraführung, der musikalische Ohrwurm „As time goes by“ und nicht zuletzt die erfrischend frech getexteten Dialoge, wohl auch die sarkastische Quintessenz des Ganzen: Die Gauner sind die Überlegenen.

(Walter Laufenberg in: www.netzine.de)





Bergkristall

(Bergkristall, D 2004, 88 Minuten, Regie: Joseph Vilsmaier, Drehbuch: Klaus Richter nach der 1845 erschienenen gleichnamigen Erzählung von Adalbert Stifter)

Als zum Genre Familienfilm gehörend ordnet die Produktionsfirma diesen Streifen ein, der richtiger als Schmonzette zu bezeichnen wäre. Dabei versucht ein Vorspann, dem Ganzen einen attraktiven Rahmen zu geben und den Bezug zur Gegenwart herzustellen. Wofür Hubschrauber, BMW-Geländewagen, durch Sprengung ausgelöster Lawinenabgang und Stromausfall bemüht werden.

Eine ferienfreudig angereiste Touristenfamilie ist kaum am Ziel, da sitzt sie schon in dem durch die Lawine von der Außenwelt abgeschnittenen Ort fest. Mangels anderer Vergnügungsmöglichkeiten läßt sie sich vom Dorfpfarrer erzählen, was es auf sich hat mit dem Bergkristall, den er im Pfarrhaus aufbewahrt. Der stamme von seinem Urururgroßvater, erfahren sie. Und schon schlägt der Pfarrer eine alte Chronik auf und liest vor, was sein Urahn über den Fund des Bergkristalls geschrieben hat. Soweit dieser Verlegenheitsrahmen ohne jeden eigenen Aussagewert. Ein Vergleich mit der "Feuerzangenbowle" zeigt, zu was eine Rahmenhandlung dient. Dort sitzen ein paar alte Herren bei der Bowle zusammen und zehren immer noch von den Erinnerungen an ihre Schulzeit, und als sie erfahren, daß einer aus ihrem Kreis nie in einer Schule war, sondern privat erzogen wurde, sehen sie den Freund an, als hätte er seine Jugend verpaßt. Das provoziert den weiteren Film.

Und was bringt die Stifter-Story in Filmfassung? Da gibt es irgendwo ein bitterarmes Bergdorf, und auf der anderen Seite des hohen Hausberges gibt es ein vergleichsweise reiches Bergdorf. Die Leute da haben für die Leute dort wie die Leute dort für die Leute da nur Hass und Verachtung übrig. Das ist so seit Jahrhunderten, und kein Mensch weiß warum. Das ist also etwas zum Kopfschütteln. Tatsächlich kannte man zu Stifters Zeit das Phänomen der Soziologie noch nicht, daß eine Gruppe sich am einfachsten dadurch definiert, daß sie sich von einer anderen ihr ähnlichen und benachbarten Gruppe absetzt, die sie als ihr genaues Gegenstück diffamiert. Das einmal durchschaut, kann man die ewigen Reibereien zwischen Kölnern und Düsseldorfern und ähnlichen Paarungen nur noch lustig finden.

Doch der junge Schuster aus dem armen Bergdorf durchschaut noch nichts. Statt dessen verliebt er sich in die Färberstochter aus dem reichen Dorf und holt sie allen Widerständen zum Trotz schließlich als seine Frau in seine Kate. Damit isoliert er sich in seinem Dorf und bekommt kaum noch Aufträge. Seine Frau bleibt eine Paria, und die beiden Kinder, ein Junge und seine kleinere Schwester, bekommen die Fehlentscheidung des Vaters am eigenen Leib zu spüren: Sie werden die Hackhühner des Ortes.

Die Mutter geht schließlich in ihr Dorf zurück, um den Druck von ihrer Familie zu nehmen. Was aber nichts nützt. Die beiden Kinder besuchen die Mutter, soweit möglich, jeden Sonntag. Auf einer Winterwanderung über den Berg gehen sie bei einem überraschenden Wetterumschlag verloren. Sie fallen in eine Eishöhle und finden dort den Bergkristall, von dem sie gehört haben, daß er Menschen, die getrennt sind, wieder zusammenbringt. Damit wollen sie ihre Eltern wiedervereinen. Die besorgte Mutter macht sich auf die Suche nach ihren Kindern und verirrt sich im Neuschnee. Ihr Vater, der reiche Färber, bricht mit einem Suchtrupp aus dem reichen Dorf auf, um sie zu retten. Und der Schuster macht sich mit Männern des armen Dorfes auf die Suche nach seinen Kindern. Gleichzeitig treffen die beiden Suchtrupps auf die eingeschlafenen Kinder, weil der Bergkristall wie ein Leuchtfeuer funkelt. Alle gerettet, und das am Heiligen Abend. Da knien alle nieder, die Reichen und die Armen, und danken Gott und sind auf einmal einig, einig, einig. Schluß mit dem jahrhundertealten Hass. Weihnachtslieder als Hintergrundmusik

Doch als Kinogänger ist man nicht einig mit dem Filmemacher. Weil man für diesen sentimentalen Schmarren Geld ausgegeben hat. Da trösten einen auch nicht die gewaltige Bergkulisse und der Zauber der "weißen Finsternis", wie es in einem der viel zu seltenen Stifter-Zitate heißt. Alles schon so oft gesehen. Und daß der christliche Glaube von der Geburt Jesu durch einen anderen märchenhaften Glauben, den an die Kraft des Bergkristalls, ersetzt oder ergänzt wird, bringt auch nichts. Das soziologische Phänomen der Selbstdefinition durch Negation bleibt uns als typisch menschliche Verhaltensweise erhalten, weil darüber nicht aufgeklärt wird. Und der Hass zwischen Arm und Reich hat inzwischen weltweite Dimensionen angenommen, ohne daß der Film darauf hinweist. Der neue Vilsmaier bleibt im Biedermeier stecken.

Daß dieser anachronistische Film im 21. Jahrhundert produziert wurde, ist eine direkte Folge unserer Jubiläumsmanie (Stifters zweihundertster Geburtstag) sowie unseres Fördersystems. Die Geldgeber bestimmen, was uns vorgesetzt wird. Und für die Geldgeber mit ihrem großbürgerlich-plüschigen Bildungsreservoir ist alles, was sich auf Namen wie A. Stifter oder E. Mörike oder Th. Fontane oder E.T. A. Hoffmann oder J. P. Hebel stützt, a priori gut. Dabei hätte man Adalbert Stifter nur ernst zu nehmen brauchen, um einen ernstzunehmenden Film machen zu können. Denn Stifter (1805-1868) war ja kein lieber Märchenonkel. Ein Problematiker par excellence, der den ewigen Kampf des Menschen mit den Gesetzen der Natur beschrieb. Stifter selbst war bei aller Geistigkeit auch ein Stück wilder Natur. Früh vaterlos, das Studium abgebrochen, beruflich nie richtig auf die Füße gekommen, bis man ihn schließlich zum Schulrat gemacht hat, fast immer in wirtschaftlichen Schwierigkeiten, schließlich Ersatzvater für eine Pflegetochter, die seine Frau und er angenommen hatten, um ihre kinderlose Ehe zu beleben, die dann aber ins Wasser geht. Und mit 62 Jahren ist er so krank - Leberzirrhose -, daß er sich mit seinem Rasiermesser den Tod gibt.

Ein Film über den "Bergkristall"-Autor, der aus dem Biedermeier kommt und im Vormärz nicht Revoluzzer wird, sondern Lehrer, der Bildung als das A und O propagiert, das wäre reizvoll gewesen. Dagegen kann eine Verfilmung der Erzählung "Bergkristall" nicht gelingen. Denn das erzähltechnisch Besondere an ihr läßt sich nicht filmisch darstellen, nämlich wie jede einzelne Handlung auf die vorher breit geschilderte Hochgebirgslandschaft Bezug nimmt und wie am Ende der Schneefall mit meisterhafter Sprachartistik beschrieben wird.  
(Walter Laufenberg in: www.netzine.de)



Die Blechtrommel

(Die Blechtrommel, D/F 1979, 140 Minuten, ursprüngliche Fassung 144 Minuten, Drehbuch: Jean-Claude Carrière, Volker Schlöndorff , Franz Seitz und Günter Grass, nach dem gleichnamigen Roman von Günter Grass, Regie: Volker Schlöndorff)

Ein großer Spielfilm, der mit einem dünnen Kinderstimmchen nicht nur beginnt, das Stimmchen trägt durch die gesamte Handlung und zwingt zum angestrengten Lauschen. Da kommt einem in Erinnerung, daß es Literaturkritiker gibt, die eine Erzählung aus dem Blickwinkel eines Kindes oder eines Idioten generell als indiskutabel ablehnen, weil dahinter kein reifes Bewußtsein steht. Günter Grass hat sich in seinem 1959 erschienenen Roman „Die Blechtrommel“ über dieses Verdikt hinweggesetzt. Und das aus gutem Grund. Es ging darum, Kindheitserinnerungen aus seiner Heimatstadt Danzig-Langfuhr zu erzählen. Und mit dem Dilemma konfrontiert, mit dem sich alle Autobiographen beschäftigen müssen – aus dem Bewußtsein ex nunc oder ex tunc darstellen? –,  hat er sich für die kindliche Sehweise entschieden, um die vergangene Zeit wiederauferstehen zu lassen.

Für eine beinahe noch kindliche Sehweise, denn der Erzähler ist mittlerweile schon ein Erwachsener, der den Roman seines Lebens in einer Heil- und Pflegeanstalt schreibt. Diese Rahmenhandlung spart der Film sich. Wie er leider auch fast alles wegläßt, was an köstlich umständlicher und betont naiver Plauderei Oskars, des Blechtrommlers, den Hauptreiz des Buches ausmacht. Der Autor hat das kindliche Bewußtsein als seinen Freibrief für die kuriosesten Formulierungen genommen, und in deren Erfindung war er unerschöpflich. Der Leser hat permanent ein Lächeln in den zeilenfressenden Augen, und selbst Kritiker vergessen vor lauter Vergnügen am schön verdrehten Ausdruck das Dilemma von ex nunc und ex tunc.

Zurück zum Film. Er beginnt auf einem Kartoffelacker mit der kaschubischen Bäuerin Anna, die einen Brandstifter unter ihren Röcken vor seinen Verfolgern rettet, was ihr einen Ehemann und eine Tochter einbringt. Der dreijährige Enkel Oskar Matzerath fällt von der Kellertreppe und wächst seitdem nicht mehr, will auch gar nicht mehr wachsen. Ihm genügen seine Blechtrommel und die Macht, die er mit seinem Schreien ausübt. Denn mit der Trommel nervt er und mit seinen schrillen Schreien läßt er Glas zerspringen. Es beginnt der Zweite Weltkrieg. Ein polnischer Liebhaber, möglicherweise sogar der Vater von Oskar, hat die mit dem Kolonialwarenhändler Matzerath verheiratete Mutter des kleinen Oskar geschwängert. Sie stirbt. Die Danziger Polen werden füsiliert. Das Oskarchen lernt bei dem Hausmädchen Maria die Liebe kennen, wird Vater und dann sogar zur Truppenbetreuung eingezogen. Bei der Eroberung Danzigs durch die Russen wird Oskars Vater erschossen. Mit seiner Frau Maria und seinem Söhnchen Kurt wird das Oskarchen in einen Güterwaggon verfrachtet und nach Westen abgeschoben. Übrig bleibt die kaschubische Groß- und Urgroßmutter Anna, die ihr Resümee zieht: „De Kaschuben, die missen immer dableiben und Koppchen hinhalten, damit de anderen drauftäppern können, weil unsereins nich richtich polnisch is und nich richtich deitsch jenug. Und die müssen immer alles jenau haben.“

Was zunächst schnell und spannend serviert wird, bekommt allmählich Längen. Offensichtlich gingen die verrückten Bildideen aus, von denen der Film lebt. Ein Gag nach dem anderen. Die Begattung am Kartoffelfeuer unter den vier Röcken, Oskarchens glaszerstörende Schreie, die von der Schwarzen Köchin ihm gewaltsam eingeflößte Suppe der Straßenkinder mit Kröten und Pisse, das sind noch hinreißende Erlebnisse, weil Schlag auf Schlag gebracht. Doch mit der Eroberung der polnischen Post wie mit dem Waldmeisterbrausepulver, von Spucke aufgelöst, hält der Film sich zu lange auf. Dagegen hatten der Besuch bei den Liliputanern im Zirkus und die gemeinsame Truppenbetreuung mehr Gewicht, weil der Reifeunterschied bei gleicher Größe deutlich wurde. Jedenfalls immer wunderschöne Bilder, aber eben doch nur Bilderbuch. Um das Opus leicht zu halten, wurde am Ende der zeremonielle Selbstmord des Pfadfinderführers in seinem Keller weggekürzt, genau wie die Reminiszenzen des neuen Ladenbesitzers Fajngold.

Insgesamt ein unbedingt unterhaltsamer Film, mit eindrucksvollen Bildern, von Regie und Kamera meisterhaft gestaltet. Doch wenn der Kinobesucher sich auf dem Heimweg fragt: „Was habe ich davon gehabt?“, dann muß er passen. Und selbst wenn er daheim das Buch in die Hand nimmt, und die Rahmenhandlung als Ergänzung liest, schließlich auch noch den ausufernden Schluß, kommt er doch nur zu der Antwort: “Viel Spaß.“ Was ja nicht das schlechteste Ziel von literarischem Bemühen ist.

(Walter Laufenberg in: www.netzine.de)


Ninotschka

(Ninotschka, USA 1939, 106 Minuten, Drehbuch: Charles Brackett, Billy Wilder, Walter Reich, nach einer Erzählung von Melchior Lengyel, Regie: Ernst Lubitsch)

Ein Klassiker, so das einhellige Urteil. Und das schon, weil drei Große der Filmgeschichte daran gearbeitet haben: Billy Wilder (1906-2002), der aus Österreich stammende Filmautor und Regisseur, der sich noch in der Stummfilmzeit seine ersten Sporen verdient hat, Ernst Lubitsch (1892-1947), der Berliner, der als Schauspieler bei Max Reinhardt gearbeitet hat und 1922 nach Hollywood ging, und als Hauptdarstellerin die in Stockholm geborene Greta Garbo (1905-1990), die als außergewöhnliche Schönheit galt, als die Göttliche gefeiert wurde und die großartigsten Frauengestalten verkörpern durfte.

Der Film wurde unmittelbar vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs gedreht. Der vorletzte Film, in dem die Garbo vor der Kamera stand. Denn schon im Jahre 1941 (nach „Die Frau mit den zwei Gesichtern“) zog sie sich hinter ihrer Sonnenbrille und von einem Kopftuch geschützt in die Anonymität zurück. Was jedoch kein Kommentar zum Kriegsgeschehen war, vielmehr ihre Auffassung vom Haltbarkeitsdatum weiblicher Schönheit ausdrückte. Zumindest darin gilt die Garbo heute als überholt.

In Deutschland kam der Film „Ninotschka“ erst 1948, als der Krieg vorbei war, in die Kinos. War deshalb auch der Film überholt? Ist er es heute?

Der Plot ist einfach: Drei Funktionäre des Sowjetregimes kommen aus Moskau nach Paris, um dort zugunsten der Staatskasse den äußerst wertvollen Schmuck einer russischen Großfürstin zu verkaufen, die nach Paris ins Exil gegangen war. Davon erfährt Graf Leon, der französische Liebhaber der Großfürstin, der sich zum Retter ihres Geschmeides aufwirft. Die drei Funktionäre im Luxushotel verfallen prompt dem westlichen Wohlleben, und Moskau sieht sich gezwungen, ihnen einen Aufpasser hinterherzuschicken. Als solcher kommt die äußerst strenge und linientreue Kommissarin Ninotschka. Und es kommt, was der Zuschauer erwartet: Der Graf verliebt sich in die schöne Kommissarin, und die Schöne verfällt ihm und dem überwältigenden Zauber von Paris. Die brutal realistische Kommissarin muß schon bald zugeben: „Chemisch gesehen streben wir bereits nach einer Verbindung.“ Eine Liebesgeschichte in nie gehörten Dialogen entwickelt sich. „Habt ihr Russen denn keinen Sinn fürs Leben?“, fragt der Graf irgendwann, höchst irritiert. Und die erst recht verwirrte Kommissarin muß bei der Beobachtung der Schwalben vor ihrem Hotelfenster gestehen: „Wir haben die Ideale, Sie haben das Klima.“ Über der Suche nach dem richtigen Gruß - nicht den rechten Arm zum Hitlergruß hochgereckt, aber auch nicht die Faust der Kommunisten - werden sie endlich mit der Formel des Grafen einig: „Unser Gruß ist der Kuß.“

Doch dann stellt die Großfürstin, trickreich wieder in den Besitz ihres Schmucks gekommen, ihre Konkurrentin vor die Alternative: Verzicht auf  den Grafen und sofortige Rückkehr nach Moskau, mit dem Schmuck, oder aber Verlust des Schmucks und damit Verrat an ihrem Volk. Wie die aus dem Gleis geworfene Kommissarin sich entscheidet, das sorgt zuverlässig für Kopfschütteln und Tränen beim Kinopublikum. Aber die nächsten zwei Drehungen an der Handlungsschraube bringen ein überraschendes Happy-End. Dem der Film allerdings im letzten Bild noch eins draufsetzt. Da zeigt er: Es gibt keinen Frieden unter Menschen.

„Ninotschka“ ist trotz der Gegenüberstellung von Ost und West in krassen Bildern kein politischer Film, eher die menschliche Komödie in einer neuen Version. Insofern ist der Film nicht überholt. Was an Kritik an den pseudosozialen Verhältnissen in der Sowjetunion gebracht wurde, das hatte nicht nur 1941 seine Berechtigung. Das galt sogar noch 50 Jahre nach der Uraufführung des Films, als sich die politischen Verhältnisse durch den Zusammenbruch des Sowjetreiches grundlegend änderten. Und es gilt bis heute, weil sich die Menschen nicht ändern.

(Walter Laufenberg in: www.netzine.de)


Alles auf Zucker!

(Alles auf Zucker!, D 2004, 90 Minuten, Drehbuch: Dani Levy und Holger Franke, Regie: Dani Levy)

Wie in „Das Haus in Montevideo“ und so manchem anderen Film geht es um eine Erbschaft, die an lästige Bedingungen geknüpft ist. Also eine todsichere Ausgangslage für eine Kinoklamotte. Der Ostberliner Jaecki Zucker ist pleite, und seine Frau schmeißt ihn raus. Er weiß, daß er als herausragend guter Billardspieler den gerade anstehenden Großen Preis gewinnen und sich sanieren könnte. Doch dann kommt ihm die Nachricht dazwischen, daß seine Mutter gestorben ist und es was zu erben gibt. Bedingung ist, daß der Kommunist sich mit seinem jüdisch orthodoxen Bruder Samuel, der seit dem Mauerbau mit der Mutter in Frankfurt am Main lebte, versöhnt. Andernfalls fällt das Erbe an die jüdische Gemeinde. Schon kommt die streng jüdische Frankfurter Familie mitsamt Sarg angereist, und die areligiösen Berliner Zuckers müssen ihnen improvisiert jüdisches Leben vorspielen.

Dabei auch noch den Großen Preis beim Billardturnier gewinnen zu müssen, das ist zuviel für Jaecki Zucker. Allerlei Verwirrung. Es kommt zu einer Folge von Herzanfällen, und auch zwei weitere männliche Familienmitglieder brechen zusammen, während die Frauen – typisch jüdisch – die überlegenen sind und heil bleiben. Was nicht nur für die sämtlichen Zuckers zuviel ist, sondern auch für die Zuschauer. Doch Ende gut, alles gut.

Der Film hat auf Anhieb sechs Filmpreise gewonnen. Deutsche Filmpreise. Was sicher nicht daran lag, daß man der Story einen Hintergrund von deutsch-deutscher Zerrissenheit gegeben hat. Denn die deutsche Teilung spielte weiter keine Rolle. Der Erfolg des Streifens ist wohl nur damit zu erklären ist, daß es sich um einen jüdischen Film handelt. Denn genau genommen fehlten ihm alle Voraussetzungen zum Erfolg. Es handelt sich um eine Low-Budget-Produktion, die in bloß 24 Drehtagen und an nur etwa einem Dutzend Drehorten ohne größeren Aufwand und ohne internationale Starbesetzung durchgezogen wurde. Das Drehbuch bot keinen einzigen Satz von allgemeiner Aussage. Dafür hing der Spannungsbogen in der Luft, weil der dramatische Ausgangspunkt war, daß der hochverschuldete Ostberliner Zucker ins Schuldgefängnis gebracht werden sollte. Doch ein Schuldgefängnis gibt es nicht in deutschen Landen.

Erstaunlich an diesem Lustfilm ist eigentlich nur, daß er die Juden und das jüdische Leben so lächerlich darstellt. Der in voller Gebetsaufmachung und –motorik als besonders strenggläubig vorgeführte Sohn des Frankfurter Zucker wird als ein Missetäter entlarvt, der seine Cousine geschwängert hat. Und der so erhaben wirkende Rabbi der jüdischen Gemeinde tut alles, um die Erbschaft wenigstens zur Hälfte einzuheimsen. „Damit habe ich dann in der Gemeinde einige Feinde weniger und ein paar Freunde mehr“, erklärt er das. Nun ist ja bekannt, daß die härteste Kritik am Jüdischen stets von Juden kommt. Also könnte man sagen: Verstehe, Herr Levy. Und damit wäre die Sache erledigt. Schließlich geht es dabei doch nur um menschlich-allzumenschliche Verhaltensweisen.

Doch scheint hinter dieser Komödie mehr Spekulation als rücksichtslos höhnisches Insiderwissen zu stehen. Immerhin gab es Fördermittel der öffentlichen Hand. Deshalb mußte mehr ins Kalkül gezogen werden als nur Amüsement und Spannung. Man erinnere sich daran, wie Filmemacher sich in Diktaturen durchzusetzen pflegen. Sie schreiben das Positive, das die Bonzen gern hören, ins Drehbuch und in den Förderantrag. Doch in der Realisierung wird alles klammheimlich ein wenig ins Gegenteil verkehrt, weil man weiß, was das Volk hören und sehen will. Schließlich ist es ja das Volk, das an die Kinokassen strömen soll. Hat vielleicht auch Dani Levy nach diesem Rezept gearbeitet?

(Walter Laufenberg in: www.netzine.de)



Ludwig II.

(Ludwig II. – Glanz und Elend eines Königs, BRD 1954, 110 Minuten, Buch: Georg Hurdalek und Peter Berneis nach einer Erzählung von Kadidja Wedekind, Regie: Helmut Käutner)

Der schöne König Ludwig II. von Bayern, zum Kitschbild hochstilisiert und als Geistesgestörter abgehakt, wie konnte er zum Thema werden, dem sich ein ernsthafter und arrivierter Regisseur wie Helmut Käutner zuwandte? Für spätere Generationen eine Frage, die sich nur mit dem Blick auf die Nachkriegszeit und auf das Gesamtwerk Käutners beantworten läßt.

Der 1908 geborene Schauspieler, Kabarettist und Regisseur Helmut Käutner hatte noch kurz vor Kriegsende den Film „Unter den Brücken“ gedreht, der mit dem verträumten Blick auf das Leben der kleinen Leute von den Ängsten des Kriegsalltags ablenkte. Kein Durchhaltefilm, wie vom Reichspropagandaminister Joseph Goebbels gewollt, eher ein Trösterle, also Lebenshilfe. Die gute Absicht kam jedoch nicht mehr zum Zuge, weil der Film erst nach Kriegsende in den Kinos zu sehen war.

Schon bald nach Gründung der Bundesrepublik Deutschland im Jahr 1949 kam der Gedanke einer Wiederbewaffnung Deutschlands auf. Der in großen Teilen der Bevölkerung auf rigorose Ablehnung stieß. Man war bedient, hatte man den Zweiten Weltkrieg doch noch in frischer Erinnerung. Ein Ergebnis dieser Verweigerung war die Paulskirchenbewegung von 1951/52. ein anderes war Käutners Film „Die letzte Brücke“ von 1953, in dem Schuljungen gezeigt wurden, wie sie in den letzten Kriegstagen in sinnlosem Abwehrkampf geopfert werden. Dieser Film hatte überwältigende Wirkung, zumindest auf das Publikum und das Massenbewußtsein, nicht aber auf die westdeutschen Politiker, die im sogenannten kalten Krieg in Abstimmung mit den Alliierten und im Wettlauf mit den DDR-Führern die Wiederaufrüstung Deutschlands betrieben.

Dem setzte Helmut Käutner schon im Jahre 1954 den Film entgegen: „Ludwig II. – Glanz und Elend eines Königs“. Ein erneuter Appell ans Gefühl, der ankam. Der Kampf Politik gegen Kunst spitzte sich zu. Und Käutner ließ nicht locker. 1954/55 schuf er nach Carl Zuckmayer den Film „Des Teufels General“, in dem er die Verruchtheit des Kriegspielens unübertroffen drastisch vorführte. Doch vergebens. 1955 trat die Bundesrepublik Deutschland der Westeuropäischen Union WEU und der NATO bei. Damit war der Rubikon überschritten. Es gab keinen Weg zurück. Dem entschiedenen Kriegsgegner Käutner blieb jetzt nur noch der ironische Kommentar, den er 1956 mit dem Film „Der Hauptmann von Köpenick“ sprach, ebenfalls nach Carl Zuckmayer.

Das ist der zeitgeschichtliche Hintergrund, vor dem der Film über den bayerischen König Ludwig II. (geboren 1845, König seit 1864, ertrunken 1886) gesehen werden muß. Käutner stellt einen Herrscher als den Prototyp des friedfertigen Menschen dar. Einen Landesvater, der seinem Volk nicht Kriegsbeute bieten will sondern Kunstwerke. Einen König der Schönheit und Reinheit. Und er zeigt ihn als großen Förderer, der den Hungerleider Richard Wagner rettet, ihm die Bühnen baut, die er braucht. Der König als der Entdecker des Genies. Der Bauherr, der die bewunderten Werke der Zukunft schafft, zwar den engstirnigen Zeitgenossen zu aufwendig, wie alle großen Bauwerke, dafür der Nachwelt um so teurer.

Dieser wahrhaft kingsize König scheitert Schritt für Schritt. Der von ihm verehrte Richard Wagner erweist sich als ein Charakter, der nicht so bewundernswert ist wie sein Werk. Fürst Bismarck zwingt ihn zum Mitmachen im sogenannten Deutschen Krieg von 1866, in dem Bayern zum Verlierer wird. Die von ihm angebetete Sissi ist verheiratet und damit für ihn tabu, deren schwärmerisches und fröhliches Schwesterchen Sophie erweist sich als ein paar Nummern zu klein für den König, weshalb die Verlobung schon bald wieder aufgelöst wird. Die Bauleute leisten sich an seinen Palästen Pfusch. Sein jüngerer Bruder Otto ist geistig verwirrt. Kein Wunder, daß man die Eigenarten des Königs, vor allem sein Bedürfnis, sich vom Hofleben zurückzuziehen, bald ebenfalls als Geisteskrankheit deutet. Mit dem Professor von Gudden tritt ein früher und zu selbstsicherer Vertreter der noch viel zu jungen Wissenschaft von der Psyche auf, der dem König das Brandzeichen aufdrückt: geisteskrank. So bringt man ihn auf Schloß Berg am Starnberger See hinter Gitter und entmündigt ihn aufgrund von dubiosen Aussagen der Dienerschaft. Sein Onkel Luitpold tritt nolens volens die Regentschaft an.

Helmut Käutner läßt den König bei einem Spaziergang mit dem Psychoguru einen Fluchtversuch machen, bei dem es zu einem Handgemenge zwischen ihm und von Gudden in der Schilfzone des Starnberger Sees kommt, mit dem Ergebnis, daß beide ertrinken. Das ist eine von vielen möglichen Deutungen des Doppeltodes, für den es keine Zeugen gab, also eine legitime Erklärung.

Nicht so einfach hinzunehmen ist, daß Käutner den Anschein erweckt, der König sei an der explosiven Musik Richard Wagners zugrunde gegangen, die in seinem Kopf einen permanenten Terror verursacht habe. Das ist noch ein bißchen tollkühner gedeutet, als die Psychobastler gefolgert haben. Bedauerlich bleiben schließlich die Vereinfachungen, die Käutner sich erlaubt. Kein Hinweis darauf, daß erst die von Bismarck als Gegenleistung für den Kriegseintritt Bayerns gezahlten Riesensummen die Fertigstellung der grandiosen Bauten Herrenchiemsee, Neuschwanstein und Linderhof ermöglichten. Und auch kein Hinweis auf die Tatsache, daß ausgerechnet Ludwig II. den Anstoß zur Kaiserproklamation von 1871 gegeben hat. Es ist eben nicht so einfach, einen wirklichen König zum Idealherrscher hochzustilisieren. Dafür ist und bleibt doch immer zuviel Menschlich-Allzumenschliches, das nicht ins Bild paßt.

(Walter Laufenberg in: www.netzine.de)



Königliche Hoheit
 
(Königliche Hoheit, BRD 1953, 105 Minuten, Regie: Harald Braun, Drehbuch: Hans Hömberg und Georg Hurdalek, frei nach dem gleichnamigen Roman von Thomas Mann)
 
Ob man es glauben will oder nicht, der junge Thomas Mann (1875-1955) hat mit seinem zweiten Roman dem damals regierenden deutschen Kaiser Wilhelm II. gehuldigt, wie der Film dem erstaunten Betrachter zeigt. Denn er hat gezeigt, wie ein mit einem verkümmerten linken Arm geborener Prinz, der nur zu steif-repräsentativem Auftreten erzogen war, die Liebe einer amerikanischen Millionärstochter gewann und dadurch ein von seinem Volk geliebter Herrscher wurde. Im Buch ist das Goldmädchen Imma sogar eine Milliardärstochter, und der Prinz gewinnt sein Volk nicht nur durch ihre hübsche Fratze, sondern durch seine ernsthafte Beschäftigung mit den Wirtschaftswissenschaften und durch die Umsetzung seiner Erkenntnisse zugunsten der kleinen Leute. Das war für den Film nicht interessant. Dabei macht das die Huldigung erst rund. Hat Wilhelm II. doch tatsächlich etliche soziale Reformen eingeführt, die noch über das epochale Sozialwerk Bismarcks hinausgingen. Schon bei dem Bergarbeiterstreik vom Mai 1889, dem ersten Massenstreik der deutschen Geschichte, hat er zugunsten der streikenden Arbeiter interveniert. Anschließend hat er sich erfolgreich um die Verbesserung des Arbeitsschutzes und die sozialen Rechte der Arbeiter bemüht. Das alles hat man später unter dem Eindruck des dummen Hineintorkelns in den Ersten Weltkrieg, der Niederlage Deutschlands und des schmählichen Rückzugs des Kaisers ins holländische Exil vergessen. Seitdem war Wilhelm Zwo, der Mann mit den großen Sprüchen von der schimmernden Wehr, mehr eine Spottfigur als ein Liebling des Volkes. Soviel zu der auffälligen Ähnlichkeit der Romanfigur mit dem körperlichen Handicap zu dem an der gleichen Behinderung leidenden  deutschen Kaiser.

Die Frage ist: Was war an diesem Jugendwerk Thomas Manns so wichtig, daß man es im Jahre 1953 verfilmen mußte? War das noch ein Vorbild der wirtschaftlichen Aufwärtsentwicklung für die Menschen, die gerade mit dem Wirtschaftswunder begonnen hatten, das aber durch ihren Fleiß und nicht durch die geschenkten Millionen eines amerikanischen Mister Moneymaker? Oder war das ein später Nachhall der Thematik des 19. Jahrhunderts, als es noch um die Mesalliancen zwischen Adel und Bürgerlichen ging? Oder wurde hier auf die neue gesellschaftliche Umwälzung hingewiesen, die Ablösung des Geburtsadels durch den Geldadel? Oder aber brauchte man eine neue Version des Melodrams vom Studenten-Prinz in Heidelberg? Oder sollten wir mit einem neuen Kleinen Prinzen beschenkt werden? Das zu beantworten bleibt dem jeweiligen Betrachter überlassen.
 
Der Film bringt eindrucksvolle Bilder vom Hofleben, von der Kälte der Paläste, von der albernen Militärverherrlichung, von den Winkelzügen der Hofschranzen. Im übrigen handelt es sich um eine schlichte Love-Story mit Happy-End in aufwendiger Verpackung. Und das Problemchen, daß eine reiche Erbin nie weiß, ob man wirklich sie liebt oder ihr Geld, ist ja immer amüsant.
 
Daß hinter diesem Film ein großer Autor steht, erkennt man an Kleinigkeiten wie den Grimmburger Rosen, deren Besonderheit ihr Moderduft ist, oder dem Ausspruch des Prinzen: „Wir werden immer von weitem geliebt“ oder dem Lehrer des Prinzen, dieser personifizierten Strenge, dessen Schlachtruf war: „Keine Bummelei des Glücks!“
 
Viel mehr von der faszinierenden Ausdrucksweise des Dichters, diesem permanenten Understatement in Ironie, hat der Film leider nicht zu bieten, gerade nur noch einige schön spitze Formulierungen in den Dialogen. Die viel zu ausführliche Darstellung der Lebensverhältnisse in Grimmburg vermißt man nicht. Thomas Manns Manie, sein angelesenes Wissen oder auch das seinen Freunden abgefragte Wissen in seinen Büchern auszubreiten, ist natürlich nichts für den Kinofilm. Leider verzichtet der Film aber auch auf das komische Gespräch mit dem Dichter Axel Martini. Und das Gespräch mit dem jüdischen Arzt Dr. Sammet fehlt genauso wie der neurotische Hund Perceval. Doch wer sich von diesem Film dazu ermuntern läßt, das Buch aufzuschlagen und irgendwo mit der Lektüre zu beginnen, der hängt fest und liest und liest und liest – und ist dem gesamten Filmteam dankbar für diesen köstlichen Aperitif auf Zelluloid.

(Walter Laufenberg in: www.netzine.de)


Ein Hauch von Nerz

(That Touch of Mink, USA 1962, 95 Minuten, Regie: Delbert Mann)

Die Frage ist: Olle Klamotte oder nicht?

Ein schwerreicher Unternehmer, Typ Moneymaker, mit Idealfigur und einnehmendem Aussehen, genannt Philip, wird durch Zufall mit einer hübschen jungen Frau ohne Mann und ohne Stellung konfrontiert, Typ Dummerchen, namens Cathy. Sie beeindruckt ihn, weil sie sich von verfänglichen Situationen weder in Panik bringen noch dazu verleiten läßt, sie einfach schamlos auszunutzen. Er lädt sie ein, mit ihm auf eine weltweite Geschäftsreise zu gehen, überhäuft sie mit Luxus, über den sie staunt, der ihr aber offensichtlich nichts bedeutet, und kommt doch nicht mit ihr zusammen. Ihr unabsichtlich widerspenstiges Verhalten macht den Mann, der zunächst nur seinen Spaß an ihrer Gutmütigkeit hatte, schließlich zu ihrem Liebhaber, der für sie die verrücktesten Abenteuer besteht.

Bei genauerem Hinsehen kann man einiges an Typisierung erkennen. Philip hat einen tüchtigen Helfer, der alles für ihn möglich macht. Der sich aber auch als Mephisto versucht und damit scheitert, weil er das „Gute“ schafft, wo er das „Böse“ beabsichtigt hat. Denn er bringt Cathy zu seinem Chef, damit sie ihm die Leviten liest, erreicht aber das Gegenteil: Sie staunt so über den Unternehmer, wie der über sie. Cathy wohnt mit einer Freundin zusammen, die ihr bei Tag und bei Nacht und per Telefon sogar auf Distanz die platte Lebensweisheit und gesicherte Erfahrung eines Sancho Pansa einbleut. Und sie hat ja immer so recht. Vor diesem Hintergrund wird Philip sowohl zum abenteuerlustigen Don Quichotte als auch zum lebenslustigen Faust, und Cathy wird sowohl zu seiner Dulcinea als auch zu seinem Gretchen.

Und der aufmerksame Betrachter wird nachdenklich. Wird hier einfach nur die Jagd nach dem großen Geld lächerlich gemacht, indem man die Überlegenheit der Naivität feiert? Und sollen uns sowohl die Heimtücke eines Mephisto als auch die Vorurteile eines Sancho Pansa ausgeredet werden? – Ganz wie man es sehen will. Jedenfalls wird der Begriff olle Klamotte bestätigt. Es sind alte, ja, uralte Verhaltensweisen des Menschen, die einem hier vor Augen geführt werden. Also Grundmuster der Weltliteratur im modernen Gewand. Das ist für Hollywood eine erstaunliche Leistung.

Ebenso erstaunlich sind übrigens die geschliffenen Dialoge, die zeigen: Da waren noch Könner am Werk. Nicht wundern darf man sich dagegen über die aseptische Einstellung zum Sex. Kein Mann überschreitet zusammen mit einer Frau die Schwelle eines Schlafzimmers. Das wird vom Regisseur so ängstlich beachtet, als sähe er dort den Drudenfuß. Das sind die frühen sechziger Jahre. Daß in dieser Zeit die Nebenhandlung mit der Verhöhnung des Psychotherapeuten gut ankam, ist verständlich. Das Unwesen der Psychobastler wurde in den USA gerade aktuell. Dagegen mußten die Hinweise auf Homosexualität sehr versteckt gebracht werden, weil das Thema noch tabuisiert war. Also ein Blick in die Zeit vor der Liberalisierung und vor dem darauf folgenden erneuten Schweigegebot der Political Correctness.

(Walter Laufenberg in: www.netzine.de) 


Hängt ihn höher

(Hang ’em High, USA 1967, 110 Minuten, Regie: Ted Post)

Ein Mann, der den Galgen überlebt, mit einer schrecklichen Narbe um den Hals von dem Erlebnis gezeichnet, das ist schon einen Western wert, in diesem Fall aber nur die Vorgeschichte und der Ausgangspunkt. Der schuldlos an den Strick Gebrachte ist wild entschlossen, die Männer umzulegen, die ihn beinahe getötet hätten. So trifft er auf den allmächtigen und völlig überforderten Richter in der Distrikthauptstadt, den einzigen Richter weit und breit. Der erkennt die besonderen Fähigkeiten des Mannes, befreit ihn von seinen Fesseln und macht ihn zum Sheriff. Der Richter spekuliert darauf, daß das ungeheure Rachebedürfnis des Mannes seinem richterlichen Ordnungsdenken dienen wird. Doch der Neu-Sheriff tritt schon bei seinen ersten Schritten viel zu provozierend auf und erschießt – in Selbstverteidigung - einen Unschuldigen. Er gibt das Geld für die Beerdigungskosten und wird etwas vorsichtiger in seinem Auftreten. Kein Wort mehr, keine Miene verzogen. Als er eine Gruppe von Viehdieben und Mördern eingefangen hat, muß er erdulden, daß der Richter trotz seiner Vorhaltungen keine Unterschiede macht und auch die beiden noch jugendlichen Mitläufer zum Tod durch den Strang verurteilt. Schließlich spürt er die letzten drei der Clique auf, die ihn aufgeknüpft und später auch noch niedergeschossen hatte. Aber er denkt gar nicht daran, sie dem Richter auszuliefern, sondern erledigt sie einen nach dem anderen selbst. Nur der letzte, der Anführer, entzieht sich seiner Rache, indem er sich selbst erhängt.

Was hier als Western auftritt, ist eine Parabel des Vorgangs, der immer und überall stattfindet, wo das allgemeine Chaos allmählich in eine staatliche Ordnung überführt wird. Insofern die zeitlos und weltweit gültige Illustrierung eines soziopolitischen Vorgangs. Geht es doch um die Ablösung des Faustrechts durch den Anspruch des Staates auf einen geordneten Strafvollzug, also um die Durchsetzung des staatlichen Gewaltmonopols gegenüber der persönlichen Rache. Hier auf der einen Seite repräsentiert durch einen gereiften Gebildeten, zivil gekleidet und mit vielen Büchern im Regal hinter sich, und einen jungen, kampfstarken Revolverheld mit Narbenschmuck auf der anderen Seite. Schön gezeigt: Der eine wie der andere ist kein perfekter Vertreter seiner Spezies, sondern driftet auch schon einmal in die gegnerische Funktion ab. Der Richter kümmert sich im Einzelfall nicht um berechtigten Einspruch, wenn er nur seinen Sechsergalgen wieder voll besetzt kriegt und mit der Simultanhinrichtung ein Volksfest veranstaltet werden kann. Und der Revolverheld greift in die richterliche Tatbewertung ein, versucht sich in Schuldabwägung, wenn auch erfolglos, worüber er sich nur in den Armen einer Prostituierten trösten kann.

Über allem schwebt das immer wiederholte Gerede von Gerechtigkeit. Dabei geht es doch nur um die mühsame Durchsetzung von staatlichem Recht. Und daß Recht nicht mit Gerechtigkeit deckungsgleich ist, daß es Gerechtigkeit - wenn überhaupt - nur im Himmel gibt, wird nicht gesagt. Der Film will ja nicht aufklären oder zumindest nachdenklich machen, er will nur aufregende Unterhaltung mit einer Heldenfigur bieten. Und das schafft er, wenn auch nur die eine der beiden  sich gegenüberstehenden Heldenfiguren dieses Films die Zuschauer begeistert, natürlich die gestrige, nicht die morgige. Eine Konzession ans Kinopublikum.

Deshalb kann man es hinnehmen, daß der Filmtitel bei der Übersetzung unsinnig wurde. Weiß man doch nicht, wer höher gehängt werden soll. Zudem bedeutet ein Höherhängen im Deutschen stets ein Aufwerten. Ja, man sollte sie wirklich höherhängen, nicht ihn, sondern sie: die Rechtsordnung.

(Walter Laufenberg in: www.netzine.de)

 

Siddhartha

(Siddhartha, USA 1972, 85 Min., Regie: Conrad Rooks, nach dem gleichnamigen Roman von Hermann Hesse)

Ein Indien-Film, aber kein indischer. Filme aus dem Land der zahlenmäßig höchsten Spielfilmproduktivität sind im Westen selten zu sehen, weil es nicht reicht, die Sprache übersetzen und von Sychronsprechern neu intonieren zu lassen. Der besondere Reiz dieser Filme liegt in der nonverbalen Kommunikation, doch ist und bleibt die gesamte exotische Mimik und Gestik in ihrem festgelegten Ausdrucksreichtum dem westlichen Kinogänger unzugänglich. Deshalb eine amerikanische Produktion, mit indischstämmigen Hollywoodstars, also alles vordergründig und platt und für jedermann leicht verständlich. Was dabei von Indien geblieben ist, sind wunderschöne Landschaftsaufnahmen. Darüber hinsäuselnd eine permanente Musik in altindischer Fasson.

Fragen wir also lieber, was dabei von Hesses Roman „Siddhartha“ geblieben ist. Jedenfalls die Story selbst: Der indische Brahmanensohn Siddhartha trennt sich von der klösterlichen Gemeinschaft, in der er bei seinem Vater lebt, weil ihm die Gleichförmigkeit des Lebens in der Geborgenheit sinnlos erscheint. Begleitet von dem gleichgesinnten Freund Govinda geht er zu den Waldmönchen der Samanas, die in asketischer Überwindung des Ichs und im Drogenrausch das Geheimnis des richtigen Lebensweges sehen. Mit der Erkenntnis, daß es der falschen Wege mehrere gibt, ziehen die beiden jungen Männer weiter, bis sie Gotama Buddha begegnen. Govinda ist von dessen Lehre hingerissen und tritt seiner Gemeinschaft bei, Siddhartha jedoch hat für religiöse Wahrheiten nichts übrig und zieht weiter. Er lernt bei der schönen Kurtisane Kamala die Liebe und bei einem reichen Kaufmann das Geschäftemachen, ist schnell ein gemachter Mann und bleibt doch ein Suchender. Eines Tages wirft er alles hin und wird der Gehilfe eines Fährmanns. Später trifft er auf die sterbende Kurtisane, die ihm den gemeinsamen Sohn hinterläßt, der sich schnell als genauso aufsässig erweist und seinen Vater verläßt.

Viele schöne Sätze über die Flucht vor dem Ich, die Suche nach der Ruhe, die Absagung an das Begehren. Mit der Quintessenz, daß man in der Gegenwart leben sollte wie der Fluß, der immer neu und doch immer gleich ist und so weiter und so fort. Halt ein typischer Hesse.

Hermann Hesse (1877-1962) hat 1922, zehn Jahre nach einer Indienreise, diesen Indienroman herausgebracht. Einerseits als ein Stück Autobiografie, was die Aufsässigkeit und die Wegsuche und Drogenerfahrung betrifft, andererseits als ein spätes Produkt des Jugendstils mit seiner naiven Begeisterung für alles Natürliche und Ungeordnete. Mit diesem romantisch verquasten Mixtum Compositum wurde Hesse fünfzig Jahre später, seit 1946 mit dem Literaturnobelpreis versehen, in Amerika zum großen Guru der Hippiebewegung. Sein Roman „Siddhartha“ wurde neben seinen Romanen „Glasperlenspiel“ und „Steppenwolf“ zur Bibel der Blumenkinder. Die Aussteiger hatten ihren Heros gefunden, was Hesse schnell zum im Ausland meistgelesenen deutschen Autor gemacht hatte – und zum längst wohlsituierten Wohlstandsbürger. An diesem zweifelhaften Erfolg konnte auch der noch zweifelhaftere Hollywoodfilm nichts mehr kaputt machen.

(Walter Laufenberg in: www.netzine.de)


Die Nacht des Leguan

(The Night of the Iguana, USA 1963, 118 Min., Regie: John Huston, nach dem gleichnamigen Theaterstück von Tennessee Williams)

Zunächst war da nur die Novelle im Jugendwerk des Tennessee Williams (1911-1983), daraus machte er den Einakter unter dem Titel „Ein Gnadenakt“, Ende 1961 fand dann am Broadway die Uraufführung des Stückes statt. Das peinlicherweise fehlende Genitiv-S am Ende des Filmtitels ist der 1962 erfolgten fehlerhaften Übersetzung des Schauspieltitels ins Deutsche anzulasten.

Ein Priester läßt sich auf der Kanzel zu einer gewaltigen Haßpredigt auf seinen ignoranten Gott hinreißen, den er einen senilen Delinquenten nennt, und auch auf die sensationslüsternen und mißgünstigen Kirchenbesucher. Was dazu führt, daß die erbosten Leute die Kirche verlassen und dem Priester ein Predigtverbot erteilt wird. Anlaß war eine Liebesaffäre, die bekannt geworden war. Soweit die Vorgeschichte, die der Film effektsicher an den Anfang stellt. Der Priester schlägt sich seitdem als Reiseleiter durch. Ein Bus voller Frauen bringt ihn auf einer Mexikoreise in Verzweiflung, weil sich die jüngste und attraktivste intensiv bemüht, den Reiseleiter zu verführen, und die energischste daraufhin den Veranstalter informiert und die Entlassung des Reiseleiters erwirkt. Der hat den Bus programmwidrig zu einem primitiven Strandhotel geführt, dessen lebenslustige Chefin er von früheren Besuchen her kennt. Sie nimmt die Reisegesellschaft auf. Als weitere Gäste kommen hinzu: ein uralter Dichter, fast blind und schwachsinnig, der von seiner Enkelin voller Hingabe betreut wird. Die beiden sind mittellos und schlagen sich mit ihren Schnellporträts und seinen Gedichtrezitationen durch.

Das ist das Personal, zwischen dem der verzweifelte geistliche Reiseleiter zerrieben wird. Bei seiner Haßpredigt hatte er noch von der Bibelstelle ausgehen können: „Wer keine Herrschaft über seinen Geist hat, ist wie ein Stadt, die auf hohlem Boden gebaut ist.“ Jetzt wird ihm klargemacht, daß der Mensch nicht nur die Herrschaft über seinen Geist braucht. Ist unser Geist doch gefangen in dem von Trieben und Bedürfnissen besessenen Körper. Zwischen der rücksichtslos verführerischen Attraktiven, der so selbstverständlich lebenslustigen Hotelfrau, der überlegen vernünftigen Schnellzeichnerin und seinem Gott hin und her gerissen, helfen dem als Priester wie als Reiseleiter Gescheiterten weder Alkohol noch Wutausbrüche noch ein Sprung ins Wasser. Der gevierteilte Mann muß sich entscheiden. Und wie er sich am Ende entscheidet, das läßt den Zuschauer zufrieden nachhause gehen: Man kann doch weiterleben.

Der Film spielt seine Überlegenheit gegenüber der Bühne voll aus, indem er die vielen Andeutungen des Stückes eindrucksvoll ins Bild setzt. Das Herumtappen des Verzweifelten mit nackten Füßen auf Glasscherben, ein klassischer Unschuldsbeweis oder auch ein Akt der Selbstkasteiung, hilft ihm nicht. Die Füße bluten. Und als der Reiseleiter, wegen seiner Wildheit gefesselt, in seiner Hängematte erwacht und tobend seine Befreiung verlangt, erinnert ihn die sanfte Schnellporträtistin daran, daß es Jesus am Kreuz noch viel schlimmer ergangen ist. Dann bindet sie ihn los. Der Leguan, die Rieseneidechse, die von den Mexikanern angebunden und gemästet wird, weil sie einen Leckerbissen darstellt, wird von dem Reiseleiter befreit. Er will Gott spielen und damit offenbar seinem Gott mit gutem Beispiel vorangehen. Der uralte Dichter, der Urweltechse schon sehr ähnlich, befreit seine Betreuerin schließlich durch sein stilles Sterben, nachdem er sein letztes Gedicht vollendet hat.

Tennessee Williams hatte das Kunststück geschafft, sein absolut düsteres Menschen- und Weltbild zu einem gern gesehenen Bühnenstück aufzubereiten. John Huston hat daraus, sogar in Schwarz-Weiß, vor der malerischen Kulisse Mexikos einen Augenschmaus zu bereiten verstanden.

(Walter Laufenberg in: www.netzine.de)



Schnee, der auf Zedern fällt

(Snow Falling on Cedars, USA 1999, 113 Minuten, Regie: Scott Hicks, Drehbuch: Ron Bass, nach dem gleichnamigen Roman von David Guterson)

Der Schnee, so makellos weiß er ist, steht hier, weil er alles zudeckt, für das Dunkle, und die Zedern stehen für Thuja, also Lebensbäume, die sich zwar schön filmen lassen, aber für einen Titel nicht geschmeidig genug sind. Macht man sich die richtigen Bezeichnungen bewußt, weiß man schon, um was es geht: Dunkel fällt aufs Leben. Was aber zu simpel klingt und deshalb durch einen mehr dichterisch wirkenden, bemüht aufgemotzten Titel ersetzt werden mußte.

Die im Staate Washington lebenden Japaner, Einwanderer und ihre Nachkommen, sind durch den Überfall der Japaner auf die amerikanische Kriegsflotte in Pearl Harbour in ein schiefes Licht geraten. Was sich noch lange nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs als Kainsmal bemerkbar macht. Wie der Prozeß gegen einen jungen japanischen Fischer zeigt, der seinen Freund, einen amerikanischen Fischer, in einer Nebelnacht auf hoher See umgebracht haben soll, weil er bei einem Grundstücksgeschäft übervorteilt worden war. Ein junger Journalist, dessen Jugendliebe die Frau des angeklagten Japaners war, verfolgt den Prozeß betroffen und unentschieden. Als die Japaner wegen Pearl Harbour in Internierungslager verschleppt worden waren, hatte seine Jugendliebe sich mit einem Brief von ihm losgesagt. Jetzt sieht er die Möglichkeit, daß ihr japanischer Mann verurteilt und hingerichtet und damit der Weg für ihn zurück zu seiner Jugendliebe gebahnt wird. Der von seinem Ehrgeiz hingerissene Ankläger wie auch die Gesichter der Geschworenen, die über den Japaner zu entscheiden haben, verkünden nichts Gutes.

Ein latenter Rassismus, der sich gegen die Japaner wendet, diesen besonderen Aspekt der amerikanischen Multikulti-Gesellschaft, hat der 1956 geborene amerikanische Autor und ehemalige High-School-Lehrer David Guterson in seinem Erstlingsroman dargestellt, der 1995 erschienen ist, bezeichnenderweise nicht in den USA, sondern in London. Das Buch wurde von der Kritik gelobt. Dabei wird, wie in jedem Schnulzenroman üblich, eine Liebesgeschichte in den Mittelpunkt gestellt und das Ganze, ebenfalls nicht gerade neu, in eine Gerichtsverhandlung eingepackt. Dennoch war die Hochschätzung wohl berechtigt, handelt es sich doch trotz der Stanzvorlagen um ein sehr diffiziles Jonglieren zwischen aktuellem Geschehen und Erinnerungen, Vorstellungen und Tagträumen. Die Handlungsebenen schwanken ständig, sie durchdringen sich und relativieren ihren Aussagewert. Dabei wird es dem Leser unmöglich gemacht, sich zwischen der sympathischen und der unsympathischen Figur zu entscheiden, weil die Charaktere so changieren, wie im richtigen Leben. Also ein Roman wie das Leben.

Aus dem ambitionierten Roman mit seiner konzisen Sprache hat man – ungewöhnlich genug für amerikanische Verhältnisse – einen ambitionierten Film gemacht. Eindeutig ein Stück für Cineasten, die das permanente Hin und Her zwischen den Zeitebenen zu deuten verstehen und die ein Faible für die künstlerische Kameraführung haben. Für dieses Feuerwerk von supernahen Einstellungen, dem verwirrenden Spiel mit Handlungsandeutungen, die sich mit intensiven Porträtstudien abwechseln. Und nicht nur die Kamera zelebriert hier die feinen Schritte der Hohen Schule, auch die Lichtführung ist auf hohem Niveau, und sogar der Ton macht mit beim irritierenden Kreisen um Vorurteile, Liebe und Gerechtigkeit.

Ein Film, nicht einfach zu genießen. Weil einem die gewohnten Sicherheiten abhanden kommen. Aber warum sollen nicht auch den Popcorn mampfenden Kinobesuchern in ihren bequemen Sesseln einmal die Füße weggetreten werden.
(Walter Laufenberg in: www.netzine.de)



Doktor Schiwago

(Doctor Schiwago, USA 1965, 185 Minuten, Regie: David Lean, Musik: Maurice Jarre, Drehbuch: Robert Bolt, nach dem gleichnamigen Roman von Boris Pasternak)

Der junge Arzt Schiwago gerät in Moskau in die Wirren der russischen Revolution und lernt die Brutalität des Lebens kennen, die konträr zu seiner menschenfreundlichen Haltung und zu seiner Art, mit dem Leben fertigzuwerden, steht. Denn er ist kein Gesellschaftsveränderer, er deutet das Leben in seinen Gedichten. Schon als kleiner Junge hat er die Mutter verloren, seinen Vater hat er kaum gekannt, weil der die Familie früh verlassen hatte. Der jungverheiratete Arzt flieht mit seiner Familie aus dem unfriedlichen Moskau und bemüht sich, jenseits des Urals im Abseits wie ein Bauer zu leben. Er verliebt sich in die Hilfskrankenschwester Lara, die er schon vorher bei einem Fronteinsatz kennengelernt hatte. Lara ist mit einem führenden Revolutionär verheiratet, aber nicht mit ihm zusammen. Doktor Schiwago wird durch die Kriegsereignisse zunächst von seiner Familie, dann auch von seiner Geliebten Lara getrennt.

In dem 1957 in Mailand in italienischer Sprache erstveröffentlichten umfangreichen Roman zeichnet Boris Pasternak (1890 – 1960) mit Doktor Schiwago einen Menschen, der nicht nur quer zu seiner Zeit und Umwelt liegt, sondern auch immer ein wenig darüber hinausragt. Der Roman ist das Epos des gewaltigen Leidens – Erster Weltkrieg, Revolution, Bürgerkrieg - eines gewaltigen Landes und der stillen Überlegenheit des ehrlich-bemühten Menschen und kreativen Künstlers Schiwago, der den Untergang der bürgerlichen Welt erlebt und akzeptiert, dabei sich aber seine innere Freiheit erhält.

Hollywood hat daraus einen gewaltigen Film mit gewaltigen Verwicklungen in gewalttätiger Zeit gemacht, bei dem nur noch der Zufall der Überlegene ist. Menschen begegnen sich, verlieren sich aus den Augen und treffen wieder aufeinander, und das sogar noch mehr als in dem Roman. Das Prinzip des Konsumparadieses: Taste it again and again. Und als Zuschauer glaubt man nur allzugern an die Macht des Zufalls, weil er einem schöne Gefühle bereitet. Dazu die eindrucksvollen Landschaftsbilder mit den ständig wechselnden Jahreszeiten – sehr viel fallendes Laub und sehr viel Schnee und Eis - und die immer wieder neu anbrandende Musik – ein einziger Sahnetortengenuß.

Einige Fehler hätte man vermeiden können. So der übertrieben kitschige Hinweis mit dem Funken der Trambahn, der überspringt, als Doktor Schiwago und Lara sich das erste Mal begegnen. Und in der deutschen Synchronisation mogelt sich der moderne Tourismusbegriff Kreuzfahrer ein, wo Kreuzzügler gemeint sind. Zudem haben gute Schauspieler andere mimische Möglichkeiten als nur immer die Nüstern zu blähen. Und die Quintessenz des Romans, das banale Sterben des Protagonisten auf dem Moskauer Asphalt, war für die Filmleute nicht hinnehmbar. Es mußte durch ein scheinbares Wiedersehen der geliebten Lara dramatisiert und versüßt werden. – kleine Schönheitsfehler.

Offen bleibt die Frage, warum Hollywood dem Ganzen noch eine Rahmenhandlung, die nichts bringt, übergestülpt hat, mit einer pauperistischen Tochter des Doktor Schiwago und einem unnahbar wirkenden, aber sehr menschenfreundlichen Halbbruder im Range eines Generals. Warum überhaupt sind sämtliche Figuren des Films gute Menschen oder zumindest gutmeinende? Das schmeckt nach Bauerntheater. Denn so ganz und gar gut ist doch kein Mensch, ist nicht einmal der Dynamithersteller Alfred Nobel gewesen, dessen Preis für Literatur Boris Pasternak zwei Jahre vor seinem Tode zugesprochen wurde, den er sich aber nicht abholen durfte, weil es ihm die nicht guten sowjetischen Machthaber verwehrten. Sind die Menschen bis auf den politischen Führer der roten Partisanen, eine Randfigur, sämtlich Gutmenschen, damit wir uns den Film auch noch ein fünftes oder sechstes Mal anschauen?

(Walter Laufenberg in: www.netzine.de)


Schiffsmeldungen

(The Shipping News, USA 2001, 105 Minuten, Regie: Lasse Hallström, Drehbuch: Robert Nelson Jacobs nach dem gleichnamigen Roman von E. Annie Proulx)

Das längst kein literarisches Geheimrezept mehr ist: Ein Versager als Protagonist kommt beim Publikum immer gut an. Weil man sich klüger und geschickter vorkommen darf und sich dabei sauwohl fühlt.

Hier ist der negative Held ein unsicher und gehemmt auftretender Mann, der von seinem Vater mit übertriebener Härte erzogen wurde, aber nichts gelernt hat und auf eine Frau hereinfällt, die schnell allen Spaß an ihm verliert und es mit vielen anderen Männern treibt. Dann begehen seine Eltern gemeinsam Selbstmord, und seine Frau verunglückt mit dem Wagen. Der Witwer mit seiner kleinen Tochter wird von einer Tante dazu bewegt, mit ihr nach Neufundland zu ziehen, wo die Familie herkommt und wo im Abseits noch ihr wetterzerzaustes Haus steht. Verschrobene Typen, Aberglaube, Erinnerungen an traumatische Erlebnisse und ungewohnte Arbeit als Lokalreporter erschweren das Leben des Versagers und seiner zwei weiblichen Familienmitglieder. Doch ringt er sich am Schluß des Films zu der positiven Aussage durch: „Es gibt so vieles, was ich nicht weiß. Wenn eine verknotete Schnur Stürme auslösen kann und ein Ertrunkener wiederaufersteht, dann kann auch ein gebrochener Mann geheilt werden.“

Ein Resümee, mit dem der Kinobesucher nachhause geschickt werden kann. Er hat einen unterhaltsamen Film gesehen, mit vielen sehr eindrucksvollen Landschaftsaufnahmen aus der Wetterwildnis Neufundlands und vielen kuriosen Typen. Und er lächelt glücklich über den Tölpel, der nicht schwimmen und auch sonst nichts kann, siehe oben. Alles in allem also ein perfekter Film.

Einen Film mit dem Buch zu vergleichen, nach dem das Drehbuch gestrickt wurde, ist immer unfair. Erst recht die Forderung nach inhaltlicher Korrektheit der Verfilmung. Macht das Buch einem doch nicht nur ein paar schöne Stunden, sondern eine ganze Menge schöner Stunden, wenn nicht sogar einige schöne Tage. Hier stehen bloße 105 Filmminuten den fast 400 Seiten des Buches gegenüber. Also eindeutig eine andere Gewichtsklasse. Und auch die Zielgruppen beider Medien sind verschieden. Und doch - wenn der Film den Buchtitel übernimmt, dann fordert er den Vergleich direkt heraus:

Dabei fällt zunächst auf, daß der Hauptdarsteller nicht so häßlich und unförmig ist, wie im Buch. Eine Konzession ans Publikum, die man als geschickt bezeichnen muß. Dazu ist er im Film ursprünglich nur Hilfsarbeiter in der Druckerei und noch kein Reporter, was seine späteren Schwierigkeiten akzentuiert. Und die oft ausufernde Geschichte von der Heimkehr nach Neufundland, die für ihn keine Heimkehr ist, wird gekonnt eingedickt. Ein packendes Changieren zwischen aktuellem Erleben, Erinnerungen und Albträumen. Dabei begnügt sich der Film mit einer Tochter statt mit zweien, wie in der Vorlage. Schließlich ist auch der Ausklang verständlicher und positiver als im Buch.

Was aber daran liegt, daß die Autorin (1935 in Vermont geboren) sich um eine künstlerische Darstellung bemüht hat. Und nicht nur bemüht. Sie hat ein Kunstwerk geschaffen, das mit recht den National Book Award und den Pulitzerpreis erhielt. Sie reißt einen mit ihrer ekstatischen Sprache von Seite zu Seite weiter, mit einer Sprachgewalt, die begeistert. So daß man schließlich dem Filmproduzenten dafür dankt, daß er einen mit diesem schönen Film dazu verführt hat, das 1993 in New York und 1995 in der deutschen Übersetzung von Michael Hofmann erschienene Buch aus dem Regal zu nehmen und nach Jahren des Vergessens noch einmal zu lesen. Das ist die geglückte Aufhebung des Antagonismus von Buch und Film: der Kinofilm wird zum Trailer des Buches.

(Walter Laufenberg in: www.netzine.de)

 
 

Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull

(A/D 1982, 125 Min., Regie: Bernhard Sinkel, nach dem gleichnamigen Roman von Thomas Mann)

Der aus einer rheinischen Familie von Schaumweinproduzenten stammende Felix Krull wird vorgeführt, wie er an seinem Kindermädchen reift und nach der Pleite und dem Selbstmord seines Vaters durch die Welt kommt, mit Hilfe seines Onkels und mit viel Raffinesse und Skrupellosigkeit. Umwerfend seine Musterungskomödie und sein Erlebnis mit der überkandidelten, aber reichen und attraktiven Schriftstellerin Madame Houpflé. Schließlich startet er ein ganz neues Leben, als er stellvertretend für den Marquis de Venosta mit dessen Visitenkarte auf Reisen geht. Damit beginnt das eigentliche Hochstaplerdasein. Doch leider endet der Roman schon in Lissabon bei Professor Kuckuck und seinen beiden attraktiven Frauen. Die Fortsetzung, vom Film mit der fluchtartigen Abreise des falschen Marquis von Lissabon mittels Ballon angedeutet, hat Thomas Mann nicht mehr schreiben können.

Die Etappen der Publizierung dieser angeblichen Memoiren eines Hochstaplers entlarven die Entwicklung des Autors, aber auch die des Publikums. Thomas Mann (1875-1955) schrieb schon im Jahre 1911 den ersten Teil, der im darauffolgenden Jahr als Bruchstück in einem literarischen Almanach erschien. 1922 kam dieses Bruchstück als Buch der Kindheit auf den Markt, 1937 erschien eine unvollständige Weiterführung. Aber erst ab 1951 stürzte der Autor sich erneut in die Arbeit an diesem Roman, der dann 1954 als der Memoiren erster Teil publiziert wurde. Thomas Manns Alterswerk also eine Farce, bei der er von Anfang bis Ende die blasierte Sprache eines Menschen durchhält, dessen Selbstüberschätzung ihn zu einer Witzfigur macht. Das ist die Parodie des deutschen Bildungsromans, auf den wir stets so stolz waren, und zugleich ein neuer Höhepunkt des Schelmenromans, der neben den berühmtesten Beispielen der französischen Literatur bestehen kann. An seinem Lebensabend war der stets so bildungsbeflissene Autor Thomas Mann endlich soweit, das Lachen höher zu werten als lexikalisches Wissen.

Bereits 1956 kam die erste Verfilmung unter der Regie von Rolf Thiele in die Kinos. Ein Film, der die köstlich überziehende Sprache des Hochstaplers zum Transportmittel machte. In der Ichform bringt der Hochstapler Felix Krull mit vielen wörtlichen Zitaten aus dem Buch seine Geständnisse zu Gehör. Es entstand etwas, was man als Film zum Hören bezeichnen könnte. Denn die Kamera beschränkte sich weitgehend aufs Illustrieren. Eine gelungene Hommage an den erst im Vorjahr verstorbenen Dichter Thomas Mann, ein Kinoerlebnis für Feinschmecker. Solche Menschen, die sich an den das gesamte Buch tragenden süffisanten Formulierungen Krulls wie „ich stamme aus feinbürgerlichem, wenn auch liederlichem Hause“ erfreuen konnten, gab es damals noch in genügend großer Zahl.

Die Filmversion von 1982, aus einer fünfteiligen Fernsehserie zusammengeschnitten, ist offensichtlich nicht mehr für Leute mit sprachlichem Feingefühl gemacht. Hier wird Futter für das Massenpublikum des Fernsehens geboten, und dieses Publikum ist aliterat. Deshalb werden die wörtlichen Zitate aus dem Buch weitgehend verdrängt von wunderschönen nackten Brüsten, meist weiblicher Provenienz, dann auch noch feminin-männlicher, als der Hauptdarsteller entblättert wird. Felix Krull ist nicht mehr der überlegen die Welt und das Leben kommentierende Schelm, er ist nur noch der hübsche Weichling, auf den die Frauen fliegen, und manche Männer ebenfalls.

Ein Film, über den man schulterzuckend feststellen muß: Na ja, wem das genügt. Denn da rettet auch das zweimalige unmotivierte Auftreten der perfekt nachgebildeten Figur Thomas Mann, diese überraschende Hitchcock-Anleihe, nichts
mehr.

(Walter Laufenberg in: www.netzine.de)



Der dritte Mann

(The Third Man, GB 1949, 104 Min., Regie: Carol Reed, Drehbuch: Graham Greene, Kamera: Robert Krasker, Musik: Anton Karas)

Diesen berühmten Filmtitel denkt man immer nur zusammen mit dem Namen Orson Welles, dem Darsteller des skrupellosen Schieberkönigs Harry Lime. Ungerechterweise. Deshalb sollen hier ausnahmsweise einmal die Hauptdarsteller genannt werden: Das waren Joseph Cotten als sein alter Jugendfreund Holly Martins und Alida Valli als seine Geliebte Anna Schmidt sowie Trevor Howard als sein Gegenspieler, der britische Major Calloway. Überhaupt tritt Orson Welles erst in der zweiten Hälfte des Films auf, und das nur für ganze zehn Minuten. Er hat keinen Schritt in die Abwasserkanalisation Wiens getan, weil es ihm da zu sehr stank, alles gedoubelt, soll aber das damals phantastische Honorar von 100.000 US-Dollar kassiert haben. Genau genommen nur dafür, dass sein aufgeschwemmtes Babyface mit diesem verschlagen freundlichen Augenausdruck dem Film das Gesicht gegeben hat. Verständlich, denn die Verbrecher sind für uns ja stets attraktiver als die Opfer und Anständigen. Insofern ist dieser Streifen auch ein Film über uns Kinogänger.

Bei der dramatischen Begegnung der beiden alten Freunde in einer Gondel des Riesenrads im Prater verteidigt sich der ruchlose Harry Lime mit dem Hinweis, der Freund solle an Italien unter den Borgias denken, als es nur Krieg, Terror und Blut gegeben habe, aber gleichzeitig doch auch Michelangelo, Leonardo und die Renaissance. In der Schweiz dagegen herrschten seit 500 Jahren brüderliche Liebe, Demokratie und Frieden, und was habe man davon? Die Kuckucksuhr! Dieser plumpe Fehler in der Rechtfertigung – die Kuckucksuhr stammt bekanntlich aus dem Schwarzwald – ist eine raffiniert versteckte Verurteilung des Schiebers durch den Drehbuchschreiber.

Der Produzent des Films hatte den renommierten und damals in Diensten des Britischen Auslandsgeheimdienstes stehenden englischen Schriftsteller Graham Greene (1904-1991) aufgefordert, sich einmal für sechs Wochen in dem Wiener Hotel Sacher einzuquartieren, um die verquere Situation dieser einst walzerseligen, jetzt weitgehend zerstörten und unter den vier Besatzungsmächten USA, England, Sowjetunion und Frankreich aufgeteilten Stadt darstellen zu können. Der erfolgreiche britische Unterhaltungsautor und Globetrotter Greene hat sich gern mit dem Sujet Film beschäftigt, weil er dadurch den besonderen Reiz der kurzen, packenden Szenen kennengelernt hat, was seinen Romanen zugute kam.

Herausgekommen ist bei Greenes Wienaufenthalt eine Kriminalstory, die nur allmählich erkennbar wird. Der Zuschauer ist so arglos und ohne jede Kenntnis der Verhältnisse, wie der Jugendfreund des Großschiebers, der aus den USA zu Besuch herüberkommt und gerade nur noch die Beerdigung seines Freundes miterleben kann. Was er über den Unfalltod von Harry Lime erfährt, mit dem er vor zwanzig Jahren Blutsbrüderschaft geschlossen hatte, lässt den Verdacht in ihm aufkommen, es habe sich um einen Mord gehandelt. Soll doch ein dritter Mann dabeigewesen sein, als man die Leiche des Freundes barg. Und von einem britischen Polizeioffizier bekommt er zu hören, der Tote sei ein übler Verbrecher gewesen. Der Amerikaner, der reine Tor, fühlt sich herausgefordert, den guten Ruf seines Freundes wiederherzustellen. Dazu muß er den Unfallhergang aufklären, bei dem sonderbarerweise niemand außer zwei guten Bekannten des Verunglückten anwesend war, nach Auskunft des Hausmeisters aber auch noch ein dritter Mann. Er trifft auf ein Geflecht des Schweigens und der Lügen, lernt auch Anna, die Geliebte seines Freundes Harry, kennen und verliebt sich prompt in sie und will sie vor den Russen retten, die sie wegen ihres gefälschten Passes festnehmen wollen. Und der Hausmeister wird mit durchgetrennter Kehle tot aufgefunden. All seine Nachforschungen nach diesem Unbekannten bleiben ergebnislos. Es herrscht das Gesetz des Schweigens, bis es zur Katastrophe kommt.

Es gelingt dem Film, die lichttechnisch hervorragend gestalteten Gruselszenen zwischen den Ruinen und in der Kloake, wo schließlich ein Großeinsatz der Polizei gezeigt wird, voll wirksam werden zu lassen, nicht zuletzt durch den Trick mit der manchmal absichtlich gekippten Kamera. Überzeugend: Alles ist ins Rutschen geraten. Die weltberühmt gewordene Zithermusik stammt von einem Musiker, den man zufällig in einem Heurigenlokal gefunden hatte und auf diese Weise zum reichen Mann machte.

Klar, dass bei einem Drehbuchautor wie Graham Greene mehr herausgekommen ist als nur eine spannende Kriminalgeschichte. Der 1926 zum Katholizismus konvertierte Autor hat sich immer wieder sehr intensiv mit den religiösen und ethischen Hintergründen des menschlichen Strebens beschäftigt und diese Thematik in all seinen Romanen behandelt, von denen etliche verfilmt wurden (wohl am bekanntesten: „Orientexpress“, 1932). Im Drehbuch zu „Der dritte Mann“ durfte selbstverständlich die übliche Liebesgeschichte nicht fehlen. Doch bekommt sie bei Graham Greene eine Bedeutung, die weit über den Marketingeffekt hinausgeht. Der Film wird zu einer haarsträubenden Auseinandersetzung darüber, was die engere, die haltbarere Bindung ist, alte Freundschaft oder junge Liebe. Und die Antwort des Autors, nämlich dass die Liebe einer Frau, eine kritiklos animalische Liebe, sich anders als die treueste Freundschaft über alle moralischen Bedenken hinwegsetzen kann, ist so bestürzend, wie die alles untermalende, scheinbar so fröhliche Zithermusik, die das Wien der Nachkriegszeit zu einer Vorhölle werden lässt.

(Walter Laufenberg in: www.netzine.de)
 


Sass – Die Meisterdiebe

(Sass – Die Meisterdiebe, D 2001,  108 Min., Regie: Carlo Rola)

Ein Film, wie man ihn nicht machen sollte. Zwar mit Lokalkolorit und einigen schönen Bildern der Goldenen Zwanziger Jahre in Berlin, aber leider ohne jede Spannung. Und das wegen eines groben handwerklichen Fehlers. Erstaunlich, wenn man liest: Produktion Bernd Eichinger.

Die Handlung: Zwei junge Männer, Brüder aus Moabit, arm und arbeitslos, versuchen nach dem ersten Weltkrieg, sich mit einer kleinen Autowerkstatt über Wasser zu halten. Doch die Einnahmen sind gering, und dann kommt auch noch einer von der Steuerbehörde und nimmt ihnen das letzte Geld ab. Das holen wir uns wieder, sagen die beiden sich und brechen im Landesfinanzamt ein. Der Erfolg läßt sie den nächsten und größeren Coup wagen, und dann den nächsten und immer wieder nächsten. Ihre Besonderheit ist: Sie sprengen die Tresore nicht auf, wie bis dahin üblich, sondern arbeiten leise und schnell mit Chemikalien und einem genial verbesserten Schneidbrenner. Die beiden sind bald als stinkreiche Lebemänner in Berlin so bekannt wie beliebt. Jeder ahnt, woher die Panzerknackerbrüder das viele Geld haben, aber keiner kann es ihnen nachweisen, auch nicht der eifrige Kriminalist, der stets hinter ihnen her ist.

Dann rauben die Brüder auch noch aus der angeblich einbruchsicheren Disconto-Bank die Wahlkampfmillionen der Nationalsozialisten, womit sie den Bogen überspannt haben. Denn sie kommen vor Gericht. Zwar werden sie wegen Mangels an Beweisen freigesprochen, doch noch ehe sie sich ins Ausland absetzen können, werden sie von SA-Männern auf offener Straße niedergeschossen. Was den Kinobesucher nicht wundert.

Die beiden Meisterdiebe Franz und Erich Sass hat es tatsächlich gegeben, sie waren von 1924 bis 1929 in Berlin tätig, und das mit großem Erfolg. Daß sie den Banken Geld abnahmen, machte sie zu Volkshelden. Sie haben sich nach dem besonders spektakulären Raub der Wahlkampfmillionen nach Dänemark abgesetzt, sind aber später von den Dänen an die deutsche Gestapo ausgeliefert und von dieser erst 1940 umgebracht worden.

Nun, gegen filmische Korrekturen am tatsächlichen Ablauf eines Geschehens ist nichts einzuwenden. So kam auch der jüdische Bankier in den Film, der auf einem belebten Platz erschossen wird, so auch seine attraktive Witwe, die zur Freundin des einen Einbrechers und zu guter letzt zur Gewinnerin der Nazi-Millionen wird. Hier wird deutlich, daß auf gute Exportchancen des Films hingearbeitet wurde. Dafür mußten die Braunhemden in ihrer über das Gesetz triumphierenden Brutalität gezeigt werden, und dafür mußte die Witwe des Juden vom Schicksal entschädigt werden. Überhaupt schwelgt die Kamera nicht nur in putzigen Nacktszenen wie Frauenringkampf im Schlamm oder Münzengrapschen mit den Arschbacken, sondern auch derart ausführlich in Gewalttätigkeit und in Blut, wie das in einem anspruchsvollen Film eigentlich unüblich ist. Man wußte also, was in bestimmten Exportländern gern gesehen wird. Verständlich, daß man dem speziellen Bedarf entsprechen wollte.

Der eigentliche Fehler des Films ist jedoch, daß der Zuschauer von Anfang an über die Täter Bescheid weiß. Damit ist die Luft raus. Dummerweise läßt man den Kinobesucher stets an der Seite der Brüder Sass sein, wenn eingebrochen wird, statt ihn mit den suchenden Augen des Kriminalisten und der ganzen Berliner Öffentlichkeit das Geschehen betrachten zu lassen, ständig von der Frage gefoltert: Waren das die Sass-Brüder? Dabei wäre es so einfach gewesen, die geschickten und deshalb reizvollen Einbruchsarbeiten zu zeigen und trotzdem die Spannung zu halten. Man hätte die beiden Einbrecher nur immer so vorzuführen brauchen, daß man sie nicht erkennen kann.

Ob dem wohl die Eitelkeit und Geldgier der Schauspieler entgegenstand? Die uns so selbstverständlich gewordene totale Überbewertung des Schauspielers hat ja Folgen, die sich auf die Darstellung auswirken. Das klassische Spiel hinter vorgehaltener Maske wäre heute unmöglich, weil jede Sekunde mehr, die ein Schauspielergesicht gezeigt wird, Gold wert ist. Denn die Bekanntheit der Physiognomie eines Mimen entscheidet über dessen Chance, an lukrative Werbeaufträge und an die nächste Rolle zu kommen.

(Walter Laufenberg in: www.netzine.de)

 

 
 
Die Möwe

(The Sea Gull, USA 1968, 141 Min., Regie: Sidney Lumet, Drehbuch: Moura Budberg nach dem Drama „Die Möwe“ von Anton Tschechow)

Obwohl schon 1963 in Deutschland unter der Regie von Wolfgang Glück und mit dem Originaltitel „Die Möwe“ verfilmt, glaubte man fünf Jahre später in den USA eine Neuverfilmung dieses Dramas machen zu müssen. Was einem die Frage aufdrängt: Weil Tschechows Stück so eminent wichtig ist oder weil man eine ganz neue Art der Verfilmung zu bieten hat?

Eine Bereicherung der Filmkunst ist dieses Machwerk ganz sicher nicht. Diese Alternative kann also von vornherein ausscheiden. Denn was hier in Überlänge geboten wird, ist weit mehr gefilmtes Theater als Spielfilm. Die Beschränkung auf ganz wenige Schauplätze in sparsam eingesetzten Kulissen, die kleine Anzahl von Darstellern, die aus dem Hintergrund kommen und wieder in ihm verschwinden, die endlosen Monologe, die sie von sich geben, das fast völlige Fehlen von Aktion, das alles kennen wir von der Bühne her. Zugegeben, die Schwarzblende nach jedem Akt und der Zwischentitel „Zwei Jahre später“ sind filmische Gestaltungsmittel, aber mit Filmkunst hat das nichts zu tun.

Also muß man sich mit der Suche nach der tieferen Bedeutung von Tschechows Stück beschäftigen. Immerhin das Werk eines der Großen der russischen Literatur. Anton Pawlowitsch Tschechow, 1860 geboren und bereits 1904 an seiner Lungentuberkulose gestorben, war Arzt und Menschenfreund. Und schon nach wenigen Jahren ärztlicher Tätigkeit überwog der Menschenfreund in ihm. Er sah, daß er mit seinem literarischen Schreiben weit mehr Menschen Hilfe bieten konnte als mit dem Verschreiben von Medikamenten. Wenn seine literarische Medizin auch meist bitter war. „Ich wollte den Menschen ehrlich sagen: Seht, wie schlecht und langweilig ihr lebt.“ So hat er selbst seine zwischen Satire und Humor, Komik und Gesellschaftskritik changierende Literatur charakterisiert. Hatte er zunächst kleinere Erzählungen sowie den sensationellen Bericht über seine Reise in die Strafkolonie auf Sachalin geschrieben, so wurde er allmählich der große Dramatiker. Und mit dem ungewöhnlichen Stück „Čajka“ (Die Möwe), angeblich eine Komödie, 1896 uraufgeführt, sowie den folgenden Dramen ein kühner Neuerer des Theaters. Was ihn zunächst auf absolutes Unverständnis stoßen ließ. Nur noch das Gegeneinander von Seelenzuständen statt großer Aktivität. Die Ablösung des kritischen Realismus durch ein impressionistisches Stimmungsdrama. Das war für die Bühne revolutionär – und deshalb für die Theaterfreunde gewöhnungsbedürftig.

Doch heute werden diese Stücke noch gern auf die Bühne gebracht. Das heißt dann wohl: Anton Tschechow, der Autor des Fin de siècle, nimmt zu den brennenden Problemen Stellung, die uns betreffen, die wir schon ein weiteres Jahrhundertende mit noch mehr Dekadenz hinter uns gebracht haben. Nun ja, wem das genügt, der soll es haben. Dabei sind die Tschechow-Dramen ganz sicher nicht von so zeitlos grundsätzlicher Gültigkeit wie „Hamlet“ oder „Faust“. Dafür waren sie viel zu sehr aktuelle Zeitkritik, waren Soziologie im Bühnenformat, ähnlich den Stücken von Ibsen oder Horvath.

Aber bleiben wir beim Kinofilm. In diesem Film geht es einem auf die Nerven, hören zu müssen, wie immer wieder einer dem anderen mit falschen Worten bestätigt, er habe wirklich Talent, und wie jeder jedem in weinerlichem Ton gesteht, er sei ja so schrecklich unglücklich, und wie der feststellt, daß er die liebt und die meint, den zu lieben … Mal sagt eine der Protagonistinnen: „Mich zieht es zu dem See wie eine Möwe“, dann wird einer Möwe der Kopf abgehackt, schließlich wird noch eine ausgestopfte Möwe rundgereicht, mit Kopf, dem Kinobesucher aber bleibt vermutlich verborgen, was es mit der Möwe auf sich hat. Für uns Heutige sind Möwen die Ratten des Himmels, der Amerikaner schimpft „Dammned Sea Gull!“, wenn er beschissen wurde.

Beides hat Tschechow natürlich nicht gemeint, als er die Idylle am See beschrieben hat, in der die gelangweilten Menschen so unglücklich sind, am allerunglücklichsten aber der Jungdramatiker, der mit seiner Zukunftsvision nicht ankommt. Wenn alles Leben seit Jahrtausenden erloschen ist, so die Exposition seines Stückes, das er den Verwandten und Bekannten auf der improvisierten Waldbühne vorspielen läßt, wenn im Weltall allein der Geist bleibt, die Weltenseele, zu der sich alle Seelen verschmolzen haben, das Bewußtsein der Menschen sich mit dem Instinkt der Tiere vereinigt hat, dann – dann bricht der exaltierte Möchtegern-Künstler die Vorstellung wegen dämlicher Zwischenrufe ab.

Mit Recht. Denn noch ist nicht alles Leben erloschen, noch geht es darum, mit diesem Leben zurechtzukommen. Und da sind einige Leute um ihn herum, die bei aller Langeweile eine gescheitere Haltung zum Leben einnehmen. Wie der Berühmte, der sagt: „Das Wichtigste ist die Fähigkeit zu leiden, nicht der Ruhm.“ Oder der Autor, der feststellt: „Wie leicht ist es, ein Philosoph auf dem Papier zu sein, und wie schwer ist es in der Realität.“

(Walter Laufenberg in: www.netzine.de)

 

Kleider machen Leute

(Kleider machen Leute, D 1940, 99 Min., R.: Helmut Käutner, nach Motiven der gleichnamigen Novelle von Gottfried Keller)

Der romantisch verträumte Schneidergeselle Wenzel in Seldwyla stellt sich vor, selbst einmal einer der hohen Herren zu sein, für die er feine Fräcke näht. Und schon wird unter seinen Händen aus dem fast fertigen neuen Frack für den korpulenten Bürgermeister ein feines Stück, das ihm selbst wie angegossen sitzt, das für den tobenden Bürgermeister aber nur ein Leibchen ist. Dafür wird er von seinem Meister aus dem Haus gejagt, den Frack aber darf er anbehalten. Dieses vornehme Utensil öffnet ihm schon bald den Schlag einer noch vornehmeren Kutsche, die den russischen Grafen Stroganoff abholen soll. Und im Nachbarstädtchen Goldach hält man den so nobel vorfahrenden Besucher prompt für den Grafen und überschüttet ihn mit Freundlichkeit. Seine schüchterne Zurückweisung der Ehre und sein Schweigen sind für die Goldacher nur Beweise seiner aristokratischen Herkunft. Selbst als der echte Graf Stroganoff eintrifft, schafft der Schneidergeselle weder eine schnelle Aufklärung noch die Flucht. Was den Grafen so amüsiert, daß er das Spiel weitertreibt, sich selbst sogar als den Diener des angeblichen Grafen ausgibt. Der fügt sich immer williger in seine Rolle, weil er die heftigen Gefühle der Amtstochter Nettchen genießt. Die ist es schließlich auch, die sich als die Größte erweist, als die Leute aus Seldwyla in einem gehässigen Mummenschanz den falschen Grafen entlarven und zur Verzweiflung bringen.

Eine hübsche Komödie, die stellenweise großartige und sehr modern wirkende Filmkunst bringt und mit Heinz Rühmann als Wenzel, der die von der Schule her strapazierte Novelle wieder goutierbar macht. Für Gottfried Keller (1819-1890) waren die im Jahre 1874 erschienenen Erzählungen unter dem Sammeltitel „Die Leute von Seldwyla“ ein sprachartistisches Spiel mit Schein und Sein, mit Täuschung, Romantisierung und harter Realität. In heute modischer Diktion: Eine Problematisierung des Begriffs der Identität. Jedenfalls ein Dekuvrieren von Vorurteilen positiver wie negativer Art, ein Lachen über die albern kleinbürgerliche Rivalität zwischen Nachbarstädten und ein Hoch auf die Herzensgüte, die über die großartigste äußere Aufmachung triumphiert.

Man fragt sich, warum dieses literarische Kabinettstückchen ein Kinofilm geworden ist, und das ausgerechnet im Jahre 1940. Die deutschen Heere hatten halb Europa erobert. War in dem Moment wichtig sich klarzumachen, daß Kleider Leute machen? In diesem Jahr 1940 wurde auch der Propagandafilm „Jud Süß“ gedreht, in den USA gleichzeitig die Hitler-Persiflage „Der Diktator“. Beides aus der Zeit heraus verständlich. Aber „Kleider machen Leute“? Das große Jahr des Unterhaltungsfilms in der Nazizeit war 1934 gewesen. Als der Zweite Weltkrieg begonnen hatte, wurde die Produktion stark eingeschränkt. Anfang 1942 kam dann die ausdrückliche Weisung von Propagandaminister Joseph Goebbels, daß neben der Unterhaltung Wert gelegt werden müsse auf politische und militärische Inhalte. Aber 1940 „Kleider machen Leute“ als ein prächtiger Ausstattungsfilm mit beliebten Akteuren vielleicht als bloße Ablenkung von der Tatsache, daß schon im ersten Kriegsjahr viele deutsche Familien ihren Vater oder Sohn verloren hatten? Schon möglich. Möglich aber auch, daß über den von Gottfried Keller festgelegten Titel hinweggesehen werden sollte und statt dessen das andere Sprichwort vorgeführt wurde, das genausogut paßt und von jedem Kinobesucher mitverstanden werden sollte: Die Welt will betrogen werden. Dann hätte Helmut Käutner mit diesem Film eine mutige politische Aussage gemacht.

(Walter Laufenberg in: www.netzine.de)



Eine Liebe von Swann

(Un Amour de Swann, Eine Liebe von Swann, FR/BRD 1984, 105 Min., Drehbuch: Volker Schlöndorff u. a., Regie: Volker Schlöndorff, nach „Du côté de chez Swann“, dt. „In Swanns Welt“, dem ersten Teil des Romans „A la recherche du temps perdu“, dt. „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“, von Marcel Proust)

Dieser Film, den man mit Fug und Recht nennen könnte: „Schlöndorffs neue Kleider“ schwelgt in buntschäumender Seide und majestätischem Damast, in Schnürleibchen und Spitzenwerk, in das der Filmemacher das Ende des 19. Jahrhunderts einpackt. Die bemüht vornehme Salon-Konversation der Feingemachten, die manchmal ordinär abgleitet, überspielt er mit viel Harfengetön und Klavierlärm und Pferdegetrappel. Das läßt einen glücklich sein, wenn man mal einen ganzen Satz versteht, wie den: „Diese Krankheit, die meine Liebe ist, ist inoperabel.“ Gesprochen von dem Hauptdarsteller Swann, einem zwar noch nicht alten, aber schwerkranken reichen Dandy, der sich in eine wunderschöne Kokotte namens Odette verliebt hat.

Da hört man, wie von einem Mann berichtet wird, der seine Geliebte umgebracht hat. Warum? Nun, weil ihm das die einzige Möglichkeit zu sein schien, sich von seiner Liebe zu heilen. Und das Salongeplätscher wird plötzlich für den Zuschauer aufregend, weil er um das Leben der kessen Kokotte fürchten muß. Ist sie doch das Schönste am ganzen Film. Mit Ornella Muti die optimale Besetzung, weil diese Frau mit dem ständig zwischen Dame und Dienstmädchen changierenden Engelsgesicht sich wohltuend von den Schabracken und Scharteken rundum abhebt.

Schon mutig, einen Teil des Romanwerks filmisch umsetzen zu wollen, das Marcel Proust (1871-1922) in unermüdlicher Klausnerarbeit geschrieben hat. Der Autor hat mit dem umfangreichen Werk, das er weitgehend im Bett verfaßt hat, in einem abgedunkelten und mit Kork schallisolierten Pariser Zimmer, abgeschirmt von seiner Umwelt, gegen seine schwere Asthmakrankheit angekämpft. Aber nicht in der heute Mode gewordenen Art als simple Therapiebemühung, sondern um die große Apologie des Bewußtseins zu feiern. Proust hat die Überlegenheit des Geistes über den Körper vorgeführt, indem er die Erinnerung zu seiner Lieblingsfrau gemacht und mit den Ebenen Damals und Heute so virtuos gespielt hat, daß daraus ein Welterfolg, ja, eine ganz neue Literaturrichtung entstanden ist. Dabei hat er, wie Schiller und Goethe und viele andere, das erste Buch seines grandiosen Werks noch auf eigene Kosten veröffentlichen müssen, weil er wie sie die frustrierende Erfahrung machen mußte: Die Verleger springen meist erst auf einen fahrenden Zug auf.

Wer sich von diesem Film dazu verführen läßt, einmal das Buch aufzuschlagen, bekommt viel mehr als er für die Kinokarte bezahlt hat. Weil der Autor mit einer verblüffenden Phantasie und Menschenkenntnis seine Gesellschaft in der Zeit des Umbruchs vom 19. ins 20. Jahrhundert beschreibt. Und das in einer viel ausführlicheren und bildkräftigeren Art als das der Film kann. Allerdings setzt das voraus, daß man zu denen gehört, die noch lesen können und sich mit Muße und Geduld einem solchen Kunstwerk nähern. Denn die Proustschen Langsätze steigen als ein so gigantisches Feuerwerk perfekt lateinischer Satzkonstruktion vor einem auf, daß es eine Lust ist. Da kann einem die Zeitung, die man ja meist in der Hand hat, nur noch dazu dienen, die Haare vor der herabrieselnden Asche zu schützen.

(Walter Laufenberg in: www.netzine.de)



Das Frühstück im Grünen

(Le Déjeuner sur l’herbe, F 1959, 90 Min., Drehbuch: Jean Renoir u.a., Regie: Jean Renoir)

Ein Alterswerk des großen Filmemachers und Autors. Was schon ein wichtiges Kriterium ist. Denn ähnlich wie der „Felix Krull“, das Alterswerk des großen Schriftstellers Thomas Mann, ist es eine als leichter Spaß daherkommende Satire auf seine Zeit. Es scheint, als ob erst ein von Altersweisheit und Abschiedsbereitschaft verklärter Blick der wahre Blick auf unser Leben sein könnte. Um so mehr ist es berechtigt, sich ernsthaft auf den scheinbaren Spaß einzulassen.

Da wird die erste aller Geschichten, die von Adam und Eva im Paradies, neu geschrieben. In ihrem Garten Eden, hier ein Picknick im Grünen, tritt Adam als ein steif-ernsthafter Wissenschaftler auf, der nur ein Thema kennt: Die künstliche Befruchtung, die beim Menschen genauso praktisch und segensreich sein könnte, wie schon lange beim Vieh. Doch dann erkennt er in einem unbeschwert fröhlichen und süß-natürlichen Landmädchen seine Eva. Die verehrt ihn wegen seiner großartigen Diktion, von der sie kein Wort versteht, und überzeugt ihn - ohne alle Worte - von der Überlegenheit der traditionellen Befruchtungsmethode.

Wie das in Szene gesetzt wird, das kann und muß man mit dem Wort malerisch umschreiben. Denn Renoir läßt die Zuschauer ein Ambiente erleben, das an die naturverliebten Bilder seines Vaters Auguste Renoir wie auch an das berühmte Gemälde „Frühstück im Freien“ des Malerkollegen Edouard Manet erinnert. Die Kamera malt so farbenfroh und sinnlich, daß man den Duft des Paradieses einsaugen zu können glaubt. Was es einem leicht macht, über „Störendes“ hinwegzusehen oder es einfach zu überhören: Daß da Autos und Motorroller durch den Wald schnüren statt wilder Tiere, daß von der Atombombe die Rede ist, daß Frauen und Mädchen in Uniformen strammstehen und daß mit Gewalt und Entführung gegen den Wissenschaftler vorgegangen wird, als es mit Bestechung allein nicht klappt.

Das sind die Probleme, die großen Themen vom Ende der fünfziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Das, was die Menschen von damals umtrieb. Hier alles von gnädigem Grün überdeckt. Und von der allerersten aller schönen Verführungen. Und die Natur, sie hat sich ja auch durchgesetzt: Eva ist von Adam geschwängert worden. Ein glücklich erwartungsvolles Paar. Was dabei herauskommt, was schon mit Kain und Abel anfängt und schiefgeht, nun, das kennt man ja. Da bietet nicht einmal der Pan mit seiner Flöte einen Trost. Der eine Mythos wie der andere, er bleibt nur schöne Vorstellung.

(Walter Laufenberg in: www.netzine.de)


Canasta

(Canasta de cuentos mexicanos, Mexiko 1956, 85 Min., Drehbuch: John Casey, nach Erzählungen von B. Traven, Regie: Jose Kohn)

Der klassische Episodenfilm. Drei kleine Erzählungen, die nicht mehr als amüsant und unterhaltsam sind, die nichts miteinander zu tun haben, die man aber unter einem Titel wie Canasta zusammenfassen kann, weil es jeweils darum geht, daß sich ein Mensch gegenüber seinen Mitmenschen durchsetzt und schließlich als Sieger dasteht. Um nicht mehr und nicht weniger geht es ja bei dem nach dem Zweiten Weltkrieg in Südamerika entstandenen Kartenspiel Canasta. Wenn man den Titel nicht einfach nur als das Körbchen versteht, in dem die Geschichten serviert werden.

Die erste Episode mit dem Titel „Eine unerwartete Lösung“ ist die stärkste. Sie beschäftigt sich mit dem Inzest-Problem, ohne daß es angesprochen wird. Aus der für den Kinobesucher schnell erkennbaren Zwickmühle gibt es plötzlich einen Ausweg, der nicht zu erahnen war, und für den man um so mehr dankbar ist und wofür man applaudieren möchte.

Die zweite Episode heißt „Der Korbflechter“ und konfrontiert ein typisches nordamerikanisches junges Pärchen, das über seine Verhältnisse lebt, mit einem Indio, der hinter seine Möglichkeiten zurücktritt. Die Plausibilität der Handlung und des „Sieges“ wird erst mit einem langen Monolog des auf seine Art überlegenen Indios erkauft, was die Geschichte unter gut gemeint einordnet.

Die dritte Episode mit der Bezeichnung „Die Tigerin“ bemüht sich, eine junge Mexikanerin als so stark und so gefährlich wie ein Raubtier darzustellen. Dabei stammt ihre Besonderheit vor allem aus der Erziehung in einem nordamerikanischen College und läßt sich mit dem Begriff Emanze erklären. Daß sie schließlich einen Mexikaner findet, der die Widerspenstige zähmt, wird wie ein Wiederherstellen der natürlichen Ordnung gebracht.

Fast fünfzig Jahre nach seiner Entstehung ist dieser Film kaum noch ernstzunehmen. Die Thematik ist überholt, die Machart erst recht. Gerade noch die Tatsache, daß er auf Geschichten des geheimnisumwitterten Erfolgsautors B. Traven basiert, rechtfertigt die Beschäftigung mit ihm. Man erinnert sich an dessen Romane „Die Baumwollpflücker“ oder „Das Totenschiff“ oder „Der Schatz der Sierra Madre“ und viele mehr, die zu großen Kinoerlebnissen wurden. In seinen mexikanischen Romanen erwies sich der Autor als phantasievoller Kritiker der westlichen Gesellschaft, der er die  Echtheit und Überlegenheit der Ureinwohner gegenüberstellte. Da äußerte sich der linksorientierte Gutmensch, was gut tat.

Der irgendwann gegen Ende des 19. Jahrhunderts irgendwo in den USA geborene Erzähler hatte sich in Deutschland ohne großen Erfolg als Schauspieler und Regisseur und als Journalist versucht, hatte eine anarchistische Zeitschrift herausgebracht, sich an den Umtrieben der Münchener Räterepublik beteiligt und war im Jahre 1919 angeblich nur in letzter Sekunde der standrechtlichen Erschießung entgangen und untergetaucht. Einige Jahre später trat er im tropischen Busch Mexikos wieder ans Licht, jetzt als Farmer und Autor großer Romane, alle in deutsch, die er in einem Gewerkschaftsverlag in Berlin veröffentlichen ließ.

Wer sich hinter dem Pseudonym B. Traven und diversen weiteren Pseudonymen verbarg, ist nie geklärt worden, so viel auch darüber geschrieben wurde. Die Literatursoziologen und Literaturgeschichtler wüßten natürlich gern mehr über seine Lebensumstände. Er selbst hat einmal den Satz geschrieben: „Die Biographie eines schöpferischen Menschen ist ganz und gar unwichtig.“ Das klingt sehr bescheiden. Die Literaturwissenschaft jedoch diagnostiziert bei ihm ein „Pathos der Anonymität.“ Heute darf man in Kenntnis des Literaturmarktes und der modernen Werbetechniken wohl resümieren: Der Mann wußte, wie man sich selbst mittels Geheimnistuerei und Spiegelfechterei sowie eifrigem Spurenverwischen zu einem Produkt macht, das als outstanding angesehen wird – und damit fast zwangsläufig erfolgreich ist.

(Walter Laufenberg in: www.netzine.de)



Luther

(Luther, D 2003, 121 Min., Drehbuch: Camille Thomasson und Bart Gavigan, Regie: Eric Till)

Hätte Hollywood einen großen Historienschinken daraus gemacht, der Film hätte nicht belangloser daherkommen können. Mit dem Financier Evangelische Kirche im Rücken - oder sollte man sagen: im Nacken? - haben die Drehbuchautoren und der Regisseur ein Lutherbild erstellt, das nichts Neues bietet. Eine simple Verherrlichung des von Skrupeln geplagten, sehr ernsthaften und hochgelehrten Mönchs, der angesichts der unübersehbaren Korrumpiertheit der römischen Kirche nicht anders konnte, als seine eigene Kirche gründen.

Zwar fängt die Sache ein bißchen lächerlich an, als der junge Luther in einem heftigen Gewitter Angst hat, vom Blitz erschlagen zu werden, und deshalb beschließt, Mönch zu werden statt Jurist, wie der Vater wollte. Der Vater hatte die Mentalität seines Sohnes offenbar richtig erkannt: Juristerei ist was für Besserwisser. Daß Luther die Bauern zunächst zur Aufsässigkeit verleitet, dann aber verdammt und ausdrücklich zum Schlachten freigegeben hat, wird so geschickt mit drastischen Bildern illustriert, daß der Sachverhalt überdeckt wird. Lächerlich wirken auch die wenigen Auftritte einer Katharina von Bora, die sich den Mann gekapert hat und ihr Eheglück über seine Aufgabe stellt. Das ist aber auch schon alles, was die Filmmacher sich an behutsamer Kritik erlaubt haben. Im übrigen ist der Film nach dem Muster des Trivialromans gestrickt: Da die Bösen und hier die Guten. Und nur ja keine changierenden Charaktere. Auch nichts über die Problematik des Geistesfürsten, der eine Lawine lostritt, deren verheerende Wirkung er zwar nicht vorhersehen kann, die er jedoch ahnen muß. Im Abspann des Films zuletzt auch die Erwähnung von Luthers sechs Kindern und der vielen Millionen Mitglieder der Evangelischen Kirche. Aber kein Hinweis auf die von Luthers Reform ausgelöste grausame Gegenreform und den Dreißigjährigen Krieg, Ereignisse, die ja ebenfalls mit großen Zahlen glänzten.  

Die epochemachende Leistung Luthers als Übersetzer des Neuen Testaments aus dem Griechischen in die deutsche Volkssprache wird im Film dargestellt und gewürdigt. Sogar ohne die Albernheit mit dem angeblich nach dem Teufel geworfenen Tintenfaß. Und das Interesse der deutschen Fürsten an einer eigenen, von Rom unabhängigen Volkskirche wird zumindest gezeigt, wenn auch nicht deutlich kommentiert. 

Der gegen die Zeiterscheinungen Reliquienkult, Ablaßhandel und Pilgerfahrten eifernde Mönch erklärt im Film sein Tun mit der Suche nach der Wahrheit. Das ist typisch deutsch. Sein Gegenspieler, Papst Leo X., erklärt Luthers Widerborstigkeit mit den Worten: „Er ist ganz und gar von sich selbst berauscht.“ Das ist typisch Mensch  und kommt der Wahrheit schon näher. Friedrich Nietzsche hat über den blindwütigen Besserwisser das Urteil gesprochen: „Luther, dies Verhängnis von Mönch, hat die Kirche, und was tausendmal schlimmer ist, das Christentum wiederhergestellt, im Augenblick, wo es unterlag … Das Christentum, diese Religion gewordene Verneinung des Willens zum Leben!“ Das wären die Stichworte für eine ernsthafte Auseinandersetzung mit Martin Luther. Aber das ist natürlich nichts für einen unterhaltsamen Kinoabend. Deshalb: Wer Martin Luther näherkommen will, kommt nicht ums Lesen von Büchern herum.

(Walter Laufenberg in: www.netzine.de)



Münchhausen

(Münchhausen, D 1943, 112 Minuten, Regie: Josef von Baky, Drehbuch: Berthold Bürger, d. i. Erich Kästner)

Heute nennt die Presse das einfach Fantasykomödie, was mitten im Zweiten Weltkrieg, unter der ständigen Bedrohung durch die britischen und amerikanischen Bombergeschwader und während des Untergangs der Armee von General Paulus in Stalingrad entstand. Als grandioser Ausstattungsfilm und Triumph zum 25-jährigen Jubiläum der Ufa produziert und am 5. März 1943 in Berlin uraufgeführt. Allein zur Herstellung der historischen Bauten und Kostüme waren fünf Monate staatlich geförderter Arbeit notwendig. Zehn Monate Fleiß und Raffinesse steckte man in die Trickaufnahmen. In den Agfacolor-Werken legte man Sonderschichten ein, um das benötigte Filmmaterial liefern zu können. Angeblich wurden sämtliche großen Kerzen und alles in Berlin vorhandene Tafelsilber und Meißener Porzellan aus Schlössern und Privathäusern ausgeliehen und bei der großen Gala-Szene von SS-Leute bewacht, die Lakaien spielten. Schon damals beherrschte man die Kunst, den ungewöhnlichen Aufwand zu einem Dauerfeuerwerk in der Presse aufzumotzen und damit zwei Jahre lang den Massenerfolg des Films im voraus festzuklopfen. Zuletzt ging es noch darum, das viel zu lang geratene Opus auf knapp zwei Stunden zu kürzen. Und es mußten spezielle Versionen für den Export hergestellt werden. Dabei gerieten wunderschöne Erotikszenen in den Film, nämlich ins Wasser hopsende Nackedeis im Harem des Großsultans, leckere Freizügigkeiten, die in deutschen Kinos noch Jahrzehnte später unmöglich waren.

Unmöglich war eigentlich auch, daß Erich Kästner (1899 – 1974) das Drehbuch schrieb, denn als Autor des vor den Nazis warnenden Romans „Fabian“ (1931) gehörte er zu den Schriftstellern, deren Bücher 1933 feierlich verbrannt worden waren. Er war übrigens bei der Bücherverbrennung in Berlin selbst unter den Zuschauern. Kästner hatte im Dritten Reich Schreibverbot. Doch für diesen Film der Extraklasse erhielt er zu seiner Überraschung den Drehbuchauftrag mit einer Extraerlaubnis vom allmächtigen Propagandaminister Joseph Goebbels, allerdings unter der Auflage, unter Pseudonym zu schreiben. Für einen wirklich großen Film benötigte man halt einen wirklich großen Autor. Es sollte sich nicht um einen Propaganda- oder Durchhaltefilm handeln, wenn auch der deutsche Supermann Hans Albers den alleingelassenen Soldatenfrauen als Ersatzmann geboten wurde, von dem sie träumen konnten.

Kästner konnte das Angebot guten Gewissens annehmen. Und es hat ihm offensichtlich Spaß gemacht, den Film mit amüsanten und unterhaltsamen Szenen vollzupacken. Deren Höhepunkt ist sicherlich das Gespräch mit der Mondfrau, die nur ein Kopf ist und ihren Körper daheim eingeschlossen hat, was Münchhausen sehr richtig findet, weil so ein schöner Körper in seiner Kopflosigkeit allerlei anstellen könnte. Aber nicht nur mit Kabarettistischem brilliert Kästner. Durch ihn erhielt der Film natürlich eine besondere Qualität. Denn was ist reizvoller und selbstverständlicher für einen Autor, als gegen die strengste Zensur anzuschreiben und den Auftraggebern klammheimlich ein paar Läuse in den Pelz zu setzen. Das läßt den Film noch heute – und erst recht heute – zu einem Heureka-Erlebnis werden.

Der Inhalt hält sich weitgehend an die Flunkereien des Lügenbarons Karl Friedrich Hieronymus von Münchhausen, einer historischen Figur aus dem Braunschweigischen (1720 – 1797), erzählt also von den Abenteuern Münchhausens am russischen Hof, im Türkenkrieg, in Venedig und schließlich von seiner Fahrt mit einer Montgolfiere zum Mond. Dabei ist Münchhausen alles andere als ein Faust, ihn treibt kein Wissensdrang zu seinen Abenteuern, er ist der reine Hedonist, der als Erklärung für sein abenteuerliches Leben nur sagen kann: Ich liebe das Leben. Die bekanntesten Gags, der Ritt auf der Kanonenkugel und die eingefrorenen Töne im Posthorn, sind selbstverständlich zu bewundern. Doch genauso bekannte andere fehlen, und man kann sich leicht vorstellen, daß manches nicht in die Zeit paßte, beispielsweise das im Schnee untergegangene Dorf, in dem der Reiter sein Pferd an der Kirchturmspitze festgebunden hat, dem einzigen, was noch aus dem Schnee herausragte. Das war wegen Stalingrad nicht möglich.

Dafür sind andere Geschichten in die Handlung geraten, über die nachzudenken lohnt. So das Volksfest in St. Petersburg, das sich als veritables Schlaraffenland erweist. Und die Hundert-Meilen-Flinte mit ihrem Zielfernrohr, ein deutlicher Hinweis auf die immer wieder vom Führer versprochenen Wunderwaffen. Oder als neuer Held der Wunderläufer in preußischen Diensten, eine Trostfigur nach der maßlosen Enttäuschung Hitlers über die Goldmedaille bei den Olympischen  Spielen 1936 für den farbigen Amerikaner Jesse Owens. Der Schrecken der Inquisition und die Geheimdienste treten dem Lüstling Casanova an die Seite, der alt und kalt geworden ist, weil seine Zeit vorbei ist. Der unheimliche Alchimist und Abenteurer Alessandro Graf von Cagliastro schenkt Münchhausen für eine freundliche Warnung die ewige Jugend und einen Ring, der ihn für eine Stunde unsichtbar machen kann. Assoziationen an die Tarnkappe im Nibelungenlied und an die Ringfabel Lessings werden dadurch unterstützt, daß der unangenehme Intrigant Cagliostro von dem Schauspieler gespielt wird, den jeder Kinobesucher von dem Film „Jud Süß“ her kannte und verabscheute. 

Wer auf die Dialoge achtet, hört Kommentare des verfemten Dichters zur Zeit, zur damaligen Zeit, die sensationell sind. Das fängt zwar an mit so albernen Äußerungen Münchhausens wie: „Tanzen und nicht verzweifeln!“ oder „Man soll den Kopf nie verlieren, bevor er ab ist.“ Was den Auftraggebern gefallen haben muß. Doch dann wird er nachdenklicher: „Billardkugeln können, was mißlang, so lange wiederholen, bis es glückt.“ Und er reflektiert darüber, daß „das alles nur auf einem kleinen Stern geschieht.“ Den Dogen von Venedig läßt er einem Mann, der behauptet, nur der Wissenschaft zu dienen, antworten: „Lassen Sie sich diesen Aberglauben nicht rauben.“ Und den venezianischen Geheimdienstler läßt er sogar gestehen: „Die Staatsinquisition hat zehntausend Augen und Arme, und sie hat die Macht, Recht und Unrecht zu tun.“ Seinem treuen Diener antwortet Münchhausen auf die Frage: „Was können wir denn tun, Herr Baron?“ mit: „Nichts, gar nichts.“ Das paßt zu sibyllinischen Aussprüchen wie: „Als alles verloren schien, war alles längst gewonnen“ und „Das Glück wird uns vom Schicksal nicht geschenkt, es wird uns nur geborgt“ oder: „Der Mensch ist wie ein Rauch, der emporsteigt und verweht.“ Als es um die Zeitverschiebung zwischen Erde und Mond geht, ist nicht etwa die Uhr kaputt: „Nein, die Zeit ist kaputt.“

Schließlich ist Münchhausen sogar die privilegierte Stellung als Nichtalternder leid, weil er sich dadurch ewig herumtreiben muß – Ahasver läßt grüßen -, und er sagt: „Ewige Jugend macht zum Halbgott und zum halben Menschen.“ Der Halbgott ist sicherlich ein Gruß an den Führer. Und dann wird der ganzen schönen Welt der Ufa-Jubiläumsflitter heruntergerissen durch das fürs Märchen reservierte Schlußwort zu dem Prototypen des großen Lügners: „Und wenn er nicht gestorben ist, lebt er noch heute.“

(Walter Laufenberg in: www.netzine.de)



Das Wunder von Bern

(Das Wunder von Bern, D 2003, 117 Min., Regie: Sönke Wortmann, Drehbuch: Sönke Wortmann und Rochus Hahn)

Das Ruhrgebiet im Frühjahr 1954: Rundum eine Orgie in Tristesse, die von Mülleimern geprägt ist, Gesichter in der Kneipe, die von Arbeit gezeichnet sind. Und dann läuft ein Zug mit Spätheimkehrern aus Rußland auf dem Essener Bahnhof ein. Die Kneipenwirtin mit ihren drei Kindern auf dem Bahnsteig, wie sie ihren nach zwölf Jahren heimkehrenden, völlig ausgelaugten Mann empfängt. Bilder, die großes Kino sind. Der Mann dann bei seinen unsicher tastenden und prompt mißglückenden Versuchen, sich wieder in das Alltagsleben einzuordnen. Seine übertriebene Strenge und schließlich die notwendige Zurechtweisung durch seine Frau, die in seiner Abwesenheit zur geschickten Geschäftsfrau geworden ist. Das ist immer noch in der Tradition von „Fahrraddiebe“ oder „Bitterer Reis“ und paßt, wenn auch nicht unbedingt ins Drehjahr 2003, so doch zum geschilderten Jahr 1954. Der jüngste Sohn des Spätheimkehrers, gerade elf Jahre alt und begeisterter Taschenträger seines Idols Helmut Rahn, Star von Rot-Weiß-Essen, überwindet auf dem Bolzplatz seine Hemmungen und wird endlich zum brauchbaren Mitspieler der Kindermannschaft, während im Radio eine Fußballübertragung zu hören ist. Eine Szene, die zeigt, was filmisch alles möglich ist.

Doch nach diesem eindrucksvollen Aufschwung verläuft sich alles in Kitsch. Der frisch verheiratete dämliche Reporter mit seiner überkandidelten Strahlefrau auf einer Hochzeitsdienstreise und der Spätheimkehrer mit seinem Jüngsten auf einer Wiedergutmachungsreise im geliehenen Pfarrerswagen in die Schweiz. Dann das Endspiel um die Fußballweltmeisterschaft 1954, das am 4. Juli in Bern stattfand. Der in mancher Hinsicht, vor allem für das Selbstbewußtsein der deutschen Kriegs- und Nachkriegsgeneration bedeutsame Kampf der eigentlich unschlagbaren Ungarn gegen die Außenseiter Deutschland leider durch Schauspieler improvisierend nachgestellt statt mit Original-Filmmaterial illustriert. Der total exaltierte Rundfunkreporter Herbert Zimmermann noch einmal ein großer Eindruck, erst recht der unerschütterliche Bundestrainer Sepp Herberger. Das  Spiel gewinnt Deutschland, was als Wunder von Bern in die Sportgeschichte eingeht.

Der Film serviert dieses Wunder jedoch in albernster Weise: Helmut Rahn hatte seinem Taschenträger erklärt, daß er wichtige Spiele nur gewinnen könne, wenn der Junge dabei sei. Was der ernst genommen hatte. Und der Kinobesucher muß es nun auch ernstnehmen, weil er sieht, wie das plötzliche und völlig unerwartete Auftauchen des Jungen am Spielfeldrand in Bern Helmut Rahn dazu bringt, das entscheidende Siegtor zu schießen. Da kann man nur sagen: So genau wollten wir das mit dem Wunder gar nicht wissen. Dagegen etwas anderes schon. Nämlich die Folgen dieses Wunders für das Massenbewußtsein. Das deutlich zu machen gelingt dem Film nicht, obwohl er dem Schlußpfiff noch einen Appendix anhängt, - wofür der geliehene Wagen des Pfarrers in Bern stehenbleiben muß, wo er vermutlich heute noch steht.

Einmal beim Vermuten, darf man wohl davon ausgehen, daß das Drehbuch von der 1994 erschienenen Erzählung „Der Sonntag, an dem ich Weltmeister wurde“ von Friedrich Christian Delius beeinflußt wurde. Wenn diese Erzählung auch nicht im Vorspann genannt wird, die Parallele schreit geradezu: Vorlage! In der Erzählung wie im Film steht ein Elfjähriger im Mittelpunkt, beherrscht von einem erdrückend übermächtigen Vater. Nur daß aus dem Pfarrer ein Spätheimkehrer wurde, aus dem Pfarrhaus eine Kneipe, aus dem hessischen Kuhdorf eine Bergarbeiterstadt im Ruhrrevier. In beiden Fällen wird das Geschehen aus der Perspektive des Jungen geschildert. Das ergibt bei der Erzählung das unvermeidbare Manko, daß die bestechend schön formulierten tieferen Erkenntnisse unglaubhaft wirken, beim Film hat es den Nachteil, daß die Spätheimkehrerproblematik schnell aufs Nebengleis abgeschoben wird. Bei der Frage, wovon man mehr hat, von dem Film oder von der Erzählung, die gerade soviel Seiten hat, wie der Film Minuten, kann die Entscheidung nur heißen: Drei zu zwei für die Erzählung.

(Walter Laufenberg in: www.netzine.de)



Der geteilte Himmel

(Der geteilte Himmel, DDR 1964, 110 Minuten, Regie: Konrad Wolf, Drehbuch: Christa Wolf, Gerhard Wolf, Konrad Wolf  u. a. nach dem gleichnamigen, 1963 erschienenen Roman von Christa Wolf).

Der Film beginnt mit einer doppelten Brechung des Erzählvorgangs. Erst heißt es: Das ist wie im Roman, dann heißt es: Es war ein Traum. Einstimmung auf eine filmische Gestaltung, die als künstlerische Umsetzung von Literatur gedacht ist. Entsprechend irritiert tastet der Zuschauer zunächst einmal die Bilder ab. Und diese Irritation wird, ob absichtlich oder nicht, ist die Frage, aufrechterhalten durch die nur schwer zu unterscheidenden Typen, die neben den Hauptfiguren die Handlung bestimmen, d.h. neben der Studentin Rita, die in ihren Ferien  im VEB Waggonbau Ammendorf arbeitet, dem frisch promovierten Chemiker Manfred, ihrem Freund, und dem relegierten ehemaligen Meister in der Waggonfabrik, dem alten Meternagel. Alle anderen sind graues Einheitsmaß, und daß sie sich in ihren Sprechblaseninhalten unterscheiden, ist unerheblich. Die Hohlform der Sprechblase bleibt sich immer gleich. Das Personal des realen Sozialismus ist von einer geradezu aufregend uniformen Belanglosigkeit. Wohl doch eher versehentlich so dargestellt statt absichtlich.

Der Plot ist schnell erzählt: Die stille, süße Rita liebt den jungen Doktor der Chemie, Manfred. Der liebt sie ebenfalls, lebt aber für seine Entdeckung eines neuartigen Produktionsprozesses, von dem die Oberen nichts wissen wollen. Der ungerecht behandelte ehemalige Meister Meternagel genießt die Sympathie der Studentin Rita und versucht, durch eine freiwillige Erhöhung der Arbeitsnorm seine Rehabilitierung zu erzwingen.

Ergebnis: Manfred „macht rieber“ nach West-Berlin, um weiterzukommen, Meternagel wird wieder Meister, Rita besucht ihren Freund in West-Berlin, entscheidet sich aber dafür, nicht mit ihm im Westen zu bleiben, und bricht in der Waggonfabrik zusammen. Der Himmel der Liebe ist geteilt, nicht durch die bereits 1961 von Ulbricht erbaute Berliner Mauer, die der Film weder zeigt noch erwähnt, sondern durch die entschiedenere Ernsthaftigkeit der Studentin und Werktätigen Rita.

Also ein banaler DDR-Propagandafilm. Und nicht einmal wie die Nazi-Propagandafilme mit Perfektion glänzend, so daß man über die Tendenz hinwegsehen könnte. Da hilft auch nicht, daß mit einigen schön dichterischen Zitaten aus dem Buch auf Veredelung gemacht wird. Selbstverständlich mußte dem DDR-Publikum vorgelogen werden, man könne so einfach zwischen Ost und West hin und her fahren und sich dann für den Osten entscheiden. Wer’s glaubte, wurde selig. Wer unter einer Diktatur lebt, muß seinen Weg zum Überleben finden. Da muß man für manches Verständnis haben. Viel mehr stören die handwerklichen Fehler des Films, von der verkorksten Besetzung mit kaum unterscheidbaren Typen bis zu dem schlechten Ton. Und wenn der Zuschauer beim Ende eines gutgemachten Films sagt: Schade, daß es nicht weitergeht, hat er hier schon zweimal gesagt: Ach, ich dachte, der Film wäre zuende. Das zweimalige Nachhaken macht die Sache nicht besser, - nur länger.

Dabei bringt auch der Film genau wie das Buch ein paar kritische Hinweise auf DDR-Verhältnisse. So zeigt er den Tag, an dem die Waggonbauer untätig herumsitzen müssen, weil kein Material geliefert wurde. Und er präsentiert den führenden Parteifunktionär, den ignoranten Vater des jungen Chemikers, der in großbürgerlichem Wohlstand lebt und keinen Blick hat für die Lebensmittel, die seiner Frau von ihrer Schwester im Westen als „Päckchen nach drüben“ geschickt worden sind.

Das heißt, die Autorin hat dafür gesorgt, daß ihr Film genau wie ihr Buch für zwei deutsche Märkte geeignet ist. Ein Erfolgsrezept, das jahrzehntelang wichtig war, weil es im innerdeutschen kulturellen Wettbewerb Überlegenheit gab, und das mit Nachhaltigkeit. War doch der ostdeutsche Markt für die westdeutschen Buchautoren und für die westdeutschen Filmemacher gesperrt. Nur die Autoren und Filmemacher der DDR konnten in beiden deutschen Teilstaaten ankommen. Und das Rezept war ja so simpel: Die DDR-Führer müssen sich über Propaganda für ihr Land freuen dürfen, - daß noch nicht alles perfekt ist, sagen sie selbst -, die westdeutschen Medien müssen sich an den paar kritischen Hinweisen auf Fehler im sozialistischen Alltag delektieren dürfen. Diese Methode, durch ein wenig Marginalkritik am grundsätzlich bejahten Sozialismus hüben wie drüben akzeptabel zu erscheinen, war erfolgreich. Wie Christa Wolf, so haben Dutzende im Westen hochgerühmten DDR-Künstler dieser doppelzüngigen Sprechweise ihre Erfolge zu verdanken. Erfolge, die in Einladungen, Lesungen, Diskussionsrunden, Besprechungen, hohen Auflagen und Literaturpreisen bestanden und in einem Übergewicht, gegen das kaum ein westdeutscher Autor ankam.

(Walter Laufenberg in: www.netzine.de)



Günstling einer Königin

(The Private Lives of Elizabeth and Essex, USA 1939, 100 Minuten, Regie: Michael Curtiz, Drehbuch: Norman Reilly Raine und Aeneas MacKenzie nach einem Theaterstück von Maxwell Anderson, Musik: Erich Wolfgang Korngold)

London im Jahre 1596. Graf Essex kehrt als strahlender Sieger von einem Feldzug gegen die Spanier heim, doch statt eines triumphalen Empfangs am britischen Hof und vieler Dankesworte gibt es für ihn von seiner Auftraggeberin, Königin Elisabeth I., herbe Tadelsworte wegen Eigenmächtigkeiten und vor dem versammelten Hof eine Ohrfeige. Deutlich zu sehen, daß die Königin dabei noch mehr leidet als der Graf, weil sie ihn liebt und sich nur zu gern von ihm lieben läßt, ihre Gefühle als Frau jedoch hinter die Forderungen der Staatsräson zurückdrängen muß. Und damit ist auch schon das Thema des Films angesprochen, die tragische Verwicklung in Gang gesetzt.

Der Gedemütigte zieht sich grollend auf seine Güter zurück. Es triumphieren die Neider des Grafen, darunter Sir Walter Raleigh. Eine der Hofdamen schöpft neue Hoffnung, daß ihre heftige Zuneigung zu dem Liebhaber der Königin, Graf Essex, doch noch Zukunft haben könnte. Die Königin bereut ihre Härte und wartet vergeblich darauf, daß ihr Günstling den ersten Schritt tut und wieder an den Hof zurückkommt.

Erst als ein Aufstand in Irland das Land in Bedrängnis bringt, ist Graf Essex wieder kooperationswillig. Aber er will nicht am Hof als einer unter vielen um die Gunst der Königin buhlen, er will als Feldherr die irischen Unruhen ein für alle Male beenden. So hat Elisabeth ihn zurückgewonnen und doch gleichzeitig wieder verloren.

Die Niederschlagung des Aufstands in Irland mißlingt, weil es keinerlei Nachschub an Waffen und Munition gibt, nicht einmal einen aufmunternden Brief der Königin. Diese hat ihrem fernen Feldherrn keinerlei Unterstützung gewährt, weil sie nicht einen einzigen Brief von ihm bekommen hat. Als geschlagener Held kehrt Graf Essex heim, aber mit seiner ganzen Armee und als dreister Besetzer des Palastes der Königin.

In einer dramatischen Szene wird der Knoten aufgelöst: Der Graf bezeichnet die Königin als seine Gefangene. Gleichzeitig kommt heraus, daß ihre und seine sämtlichen Briefe unterschlagen wurden, und zwar von seinen Neidern, mit Hilfe der ihn liebenden Hofdame. Doch statt eines Happy-Ends gibt es ein Kopf-Ab für den Grafen Essex, weil der jugendlich strahlende Kriegsherr zu ehrgeizig ist und sich selbst auf dem Thron sehen möchte und weil die alternde Königin – ein Sonderpunkt für den Maskenbildner - ihrem Liebreiz nicht zutraut, den Grafen auf Dauer an sich binden zu können. Dabei suchen Königin und Günstling sich an Liebeserklärungen wechselseitig zu übertreffen. Der Film verharrt entnervend lang beim Kammerton A: Ich liebe dich. Ich liebe dich. Ich liebe dich. Ich liebe dich.

Damit wird, was als Historienschinken gedacht war, zu einer generellen Entlarvung von Liebeserklärungen. Endlich versteht auch der stupideste Zuschauer: Das Wort Liebe wird irrtümlich für Triebe benutzt, und das Ich-liebe-dich-Gestammel beruht auf einem Sprachfehler, weil es eigentlich meint: Ich liebe mich.

(Walter Laufenberg in: www.netzine.de)



Unordnung und frühes Leid

(Unordnung und frühes Leid, BRD 1976, 80 Minuten, Drehbuch und Regie: Franz Seitz, nach der gleichnamigen Erzählung von Thomas Mann)

Franz Seitz hatte offensichtlich große Schwierigkeiten, aus der im Jahre 1925 in der Zeitschrift „Die Neue Rundschau“ publizierten kleinen Gelegenheitsarbeit Thomas Manns (1875-1955), einen abendfüllenden Kinofilm zu machen. Er hat sie nicht gemeistert. Da half auch nicht der Kunstgriff, ein Vorspiel zu bringen, das sich auf die viel früher geschriebene Erzählung „Tonio Kröger“ bezieht und sich frechweg dort bedient. Schuljungen, die sich auf dem Nachhauseweg in der Sprache Thomas Manns unterhalten, das klingt so gestelzt, daß es eine Farce ist. Als Beleg für Unordnung oder frühes Leid ein Fehlgriff.

Ebenfalls falsch war der Einfall, mit Einschüben von Wochenschau-Szenen in Schwarz-Weiß die Unordnung der Zeit kurz nach dem Ersten Weltkrieg zu belegen. Ein Schokoladenkuchen mit Sardellengarnierung.

Um beim Bild zu bleiben: Die Nachkriegs-Unordnung, die bis in die gutbürgerlichen Kreise hinein reichte, wurde eindrucksvoller dargestellt durch die Wirsing-Koteletts, die auf den Tisch kamen, und der Flammeri aus einem Puddingpulver, das nach Seife schmeckte. Ebenso die einfallsreiche Schummelei, um an Eier zu kommen. Direkte Übernahmen aus der Erzählung. Zum Glück wahrgenommen. Was Thomas Mann an weiteren Belegen für die zerrütteten Zeiten bringt, war zum Teil für die filmische Darstellung zu sublim, so die improvisierte Kleidung der Gäste und die abgewetzten Teppiche, oder zu erklärungsbedürftig, wie die defekte Waschschüssel.

Unordnung aber auch im Innern des Geschichtsprofessors, also der beherrschenden Figur des Films. Der Erzähler wollte den Mann zerrissen zwischen den Zeiten zeigen, der als Historiker der Vergangenheit liebevoll anhängt, in seinem Alltag aber die Irritationen der Gegenwart als störend ablehnt, weil diese Erscheinungen noch nicht erledigt, also noch nicht klar eingeordnet sind. Womit der Professor auf Verständnis und ein mitleidiges Lächeln des Kinobesuchers stoßen mag.

Der Widerwille, der sich in der Brust des Professors gegenüber einem besonders attraktiven und begabten Gast, einem Studenten, entwickelt, als er ihn heimlich mit seinem nicht karrierebewußten Sohn Bert vergleicht, ist ein weiterer Aspekt der Unordnung. Der Film verzichtet auf diese Innenschau, versucht statt dessen das Gefühl durch eine frei erfundene zusätzliche Szene zu verdeutlichen: Dieser junge Gast hat eine Veröffentlichung des Professors aus der Kriegszeit entdeckt, die er jetzt zu einer vergleichenden Darstellung benutzen will, obwohl der Professor diese Schrift als abgetan bezeichnet. Damit wird das leise Neidgefühl des Professors zur Angst vor Verfolgung verfälscht.

Doch gibt es in seiner Gefühlswelt noch eine weitere Unordnung, und die ist problematischer. Thomas Mann beschreibt sie als eine besonders heftige Liebe zu seinem Töchterchen Eleonore, die er in ihrer kindlichen Zartheit als ein Gegenstück zur Historie sieht und deshalb in verschlungenen Überlegungen sogar mit dem Tod gleichsetzt. Mann’sches Um-die-Ecke-Denken. Das ist filmisch nicht dargestellt. So wurde die deutlich demonstrierte Liebe des Vaters zu einer simplen Affenliebe. Unglaubhaft zudem durch die falsche Auswahl und die falsche Aufmachung des Kindes: Ein beinahe altes Gesicht, schmallippig und erschreckend, unter einer Damenfrisur.

Daß die Kleine sich zuletzt dem attraktiven und vom Vater beneideten Studenten zuwendet, der aus bloßer Freundlichkeit ein Tänzchen mit ihr imitiert hatte, ist verständlich. Wie sie dann, gewaltsam ins Bett gebracht, hemmungslos weint und sich von niemandem trösten läßt, nicht einmal von ihrem Über-Liebhaber, dem Vater, ist genauso verständlich. Doch kommt der Student, um seiner Tanzpartnerin gute Nacht zu sagen, und schon ist alles wieder gut. Da fühlt der Kinobesucher sich mit der Erkenntnis auf den Arm genommen: Das also ist das frühe Leid. Und er sagt sich - weniger dichterisch als der Erzähler: Na, wenn schon, das hat sie morgen vergessen.

(Walter Laufenberg in: www.netzine.de)



Madame Bovary

(Madame Bovary, F 1991, 140 Minuten, Regie: Claude Chabrol, nach dem gleichnamigen Roman von Gustave Flaubert)

Nachdem der große Erfolgsroman Flauberts (1821-1880) zwischen 1934 und 1949 bereits viermal verfilmt wurde, und zwar in Frankreich, Deutschland, Argentinien und den USA, muß man sich fragen: Wieso fand ein moderner Filmemacher wie Claude Chabrol es nötig, den Stoff seinen Zeitgenossen noch einmal zu präsentieren? Ist er wirklich so zeitlos gültig?

Dieses Sittenbild aus der Provinz, wie Flauberts es im Untertitel nannte, war 1856 als Fortsetzungsroman in der Zeitschrift „Revue de Paris“ erschienen, allerdings mit Kürzungen, gegen die der Autor sich erfolglos gewehrt hatte, im folgenden Jahr dann erstmalig komplett als Buchausgabe. Damals war in Frankreich alles, was nicht Paris war, Provinz. Und Provinz haben wir auch heute noch. 

Flaubert hatte sich zu diesem Roman, einer Kärrnerarbeit von fünf Jahren, durch einen Zeitungsartikel anregen lassen. Damit stellt dieser Erfolgsroman eine Parallele zu Goethes „Die Leiden des jungen Werthers“ dar. Hat Goethes Bestseller jedoch eine Epidemie an romantisch verklärten Selbstmorden ausgelöst, so ist ähnliches von Flauberts Erfolgsbuch nicht bekannt. Das Sujet eignete sich nicht als Vorbild.

Madame Bovary, die junge und hübsche Ehefrau des fleißigen, aber einfach strukturierten Landarztes Bovary, war unglücklich, weil sie ihre Ansprüche ans Leben und ihre Möglichkeiten nicht ins Gleichgewicht zu bringen verstand. Dabei fehlte es ihr an nichts. Ein treuer, braver Ehemann, der sich liebevoll um sie kümmerte, ein kleinbürgerlicher Wohlstand, ein gesundes Töchterchen, Freunde und Bekannte, alles vorhanden. Dennoch läßt die Frau sich zu Seitensprüngen hinreißen, zu übertriebenem Luxus, zu ablehnender Kälte gegenüber Ehemann und Kind, und schließlich, als ihr die Überschuldung über den Kopf wächst, zum Selbstmord.

Was Flaubert in fein ziselierter Sprache als die Tragödie des Weibes, das nach Leben giert, herausgearbeitet hat, das kann der Film natürlich nicht adäquat bringen. Auch die Verführung der Frau durch Trivialromane bleibt weg. Kein Hinweis darauf, daß Flaubert sich mit der unglücklichen Arztfrau identifizierte, weil sie seinen Haß auf seine Zeitgenossen illustrierte. Statt dessen warf Chabrol sich auf die üppige Ausstattung. Verständlich, muß doch auch ein Altmeister des Kinos darauf achten, seinem Publikum ein großes Erlebnis zu bieten.

Doch kann Ausstattung die fehlende Entlarvung des Allzumenschlichen nicht ersetzen. Dazu hätte ein Drehbuch hergemußt, das diese Aufklärung aus der Sprache von Mitte des 19. Jahrhunderts in die Sprache vom Ende des 20. Jahrhunderts tradiert. Grob skizziert hätte das geheißen: Die Frau als verkörperten Juckreiz darstellen, den Mann als Überdruckventil. Wo beides zueinander findet, ergibt sich eine doppelte Entlastung. Die jedoch nicht, wie die Psychologie meint, notwendig und wohltuend ist, die auch zerstörerisch wirkt. Und das nicht nur in der Provinz. Und nicht nur gestern, sondern auch heute.

(Walter Laufenberg in: www.netzine.de)



Doctor Dolittle

(Doctor Dolittle, GB 1967, 151 Min., Regie: Richard Fleischer, Drehbuch: Lesslie Bricusse nach dem Buch von Hugh Lofting: Doktor Dolittle und seine Tiere)

Ein freundlich-fleißiger Humanmediziner in Südengland um die Mitte des 19. Jahrhunderts, der mit seinen Patienten nicht zurechtkommt, dafür aber ein so intensives Verhältnis zu Tieren aller Art entwickelt, daß er sogar ihre Sprachen lernt. So mausert er sich zum erfolgreichen Tierarzt. Schon bald wird er als Genie bewundert, aber von einem Gericht als Geistesgestörter in eine Heilanstalt eingewiesen. Mit Hilfe der Tiere wird er befreit, so daß er sich auf die weltweite Suche nach der rosafarbenen Riesenschnecke machen kann, wobei er allerlei Kurioses erlebt und überlebt.

Ein amüsanter Film, der geschickt auf die Vorurteile vieler Menschen spekuliert, die mit ihren Mitmenschen nicht klarkommen und deshalb passionierte Tierfreunde werden. Die damit zusammenhängenden, weitergehenden  Vorurteile der Vegetarier werden allerdings nur mit Einschränkungen bedient. Insgesamt ein Appell zu mehr Achtung für Tiere und mehr Rücksicht auf sie. Ein schönes Märchen, mit einem Sinn, den man gutheißen kann, mit einer Unmenge von Tieren in possierlichen Situationen, dazu noch der immer gern gesehene Zusammenstoß mit der Welt der Ordnung und der Triumph über diese als Happy-End.

So weit so gut. Doch schmeckt das Ganze so aufdringlich nach einem zweiten Aufguß auf einen ausgelutschten Teebeutel. Und der heißt „My Fair Lady“. Nicht nur der Hauptdarsteller ist derselbe, es geht auch wieder ums Sprechenlernen, diesmal nicht in der Hochsprache, sondern in einigen hundert Tiersprachen. Genau wie das Vorbild eine Literaturverfilmung. Der Film basiert auf einem 1920 erschienenen Erfolgsbuch von Hugh Lofting (1886-1947). Und sogar die Lieder der vier Vokalisten klingen durchweg fairladylike, doch wie in der falschen Tonart oder Geschwindigkeit abgenudelt. Erfolge lassen sich halt nicht einfach kopieren. Die Art der Lieder in „My Fair Lady“ war nicht nur frech, sie war auch neu und deshalb begeisternd.

Dagegen ist das, was in dem Remake „Doctor Dolittle“ an Gesang geboten wird, nur schwer zu ertragen. Ein „Doctor Dolittle“ ohne Gedudel wäre ein Genuß. Denn da gibt es leider keinen einzigen Glücksgriff mit einer gefälligen, einprägsamen Melodie. Alles bleibt ein bloßer Sprechgesang mit zwar gutgemeintem, aber espritlosem Inhalt, dafür mit um so mehr Wiederholungen. Fazit: Ganz ohne den nervenden Singsang wäre das ein wunderschöner Ausstattungsfilm anderer Art. Mal nicht Antike oder Rokoko oder Mantel und Degen, sondern Tiere, Tiere, Tiere. So aber ist es die Kinoversion eines drittklassigen Musicals beziehungsweise einer viertklassigen Operette.

(Walter Laufenberg in: www.netzine.de)



Schnee auf dem Kilimandscharo

(The Snows of Kilimanjaro, USA 1952, 110 Min., Regie: Henry King, Drehbuch: Casey Robinson nach einer Kurzgeschichte von Ernest Hemingway)

Der amerikanische Zeitungsreporter mit dem bezeichnenden Namen Harry Street, der ein Schriftsteller werden will, liegt mit Wundbrand im verletzten Bein in einem winzigen afrikanischen Camp, betreut von einem hilflos freundlichen schwarzen Diener und seiner ebenso hilflosen Geliebten, einer so reichen wie hübschen Amerikanerin. Er ist abwechselnd in Fieberträumen und hellwacher Todeserwartung, sie wartet auf das Flugzeug des alarmierten Buscharztes. Und der Zuschauer im Kino hat seine Freude an den schönen Tieraufnahmen: Flußpferde, Hyänen und Geier und so weiter.

Der Todeskandidat seufzt: „Daß ich versagt habe, das ist für mich das allerschlimmste.“ Und gibt sich selbst schon bald darauf die Antwort mit einem weiteren Seufzer: „Wir müssen eben alle leben, wie wir geschaffen sind.“ Als es wirklich mit ihm zuende zu gehen scheint, kommt sein Schlussseufzer: „Die Menschen ändern sich nicht.“

Zwischen diesen grundsätzlichen Äußerungen – ein Extrakt der Macho-Philosophie Ernest Hemingways - gibt es diverse Rückblenden, die den attraktiven, jungen Reporter im Kontakt mit diversen Schönheiten, aber auch in Gefahrsituationen zeigen à la: Das Leben Revue passieren lassen.

Der so vorgeführte Reporter mußte sich sogar die Frage einer seiner Geliebten gefallen lassen: “Kannst du nicht einmal ehrlich sein?“ Das fragte sie den Schreiber, der eigentlich ein notorischer Lügner sein müßte. Der aber stets unterwegs war, um so viel wie möglich zu erleben und beschreiben zu können, was wahr ist. Das ist ein Hinweis auf ein Problem Hemingways. Er war nicht der große Fabulierer. Er war ein Reporter. Um Schriftsteller zu sein, musste er nach Leben gieren wie ein Süchtiger, nach Wirklichkeiten, aus denen er seine fiktiven Welten bilden konnte. Lebenshunger als Arbeitsprinzip.

Selbstverständlich wird aus dem umtriebigen Möchtegern-Schriftsteller des Films hau-ruck ein Erfolgsautor, der sogar auf der Straße erkannt wird. Mehrfach kommen die entscheidenden Briefe von Verlegern, die das Manuskript annehmen und Schecks schicken. Wer diesen Countdown zum Ruhm sieht und nicht sofort beschließt, ebenfalls Schriftsteller zu werden, dem ist nicht zu helfen. Oder er hat vielleicht im richtigen Moment an das große Rätsel der Geschichte und dieses Films gedacht.

Es geht um die Frage, was ein auf der Spitze des Kilimandscharo im ewigen Schnee erstarrter Leopard dort wollte: Hatte er sich auf eine falsche Fährte locken lassen?

Was die falsche Fährte des Harry Street war, bleibt offen. Die Suche nach einer ehemaligen Geliebten oder die Suche nach immer neuen Abenteuern und Gefahren, die er beschreiben könnte, oder überhaupt die Suche nach Erfolgen mittels simpler Erzählungen?

Hauptsache ist: Das Maschinchen mit dem Buscharzt schwebt gerade noch rechtzeitig ein. Der Schwerkranke ist gerettet und bleibt der schönen Frau erhalten. Die Kinobesucher können zufrieden nachhause gehen.

In Hemingways Kurzgeschichte bleibt aber noch etwas anderes am Ende offen, nämlich ob der Retter wirklich kommt oder nur in den Fieberträumen des Kranken. Womit Hemingway die Frage stellt, ob bei einem Sterbenden die letzte Wirklichkeit der sterbende Körper ist oder das befreite Bewusstsein. Immerhin eine Überlegung, für die sich das Lesen der Erzählung lohnt. Wenn der Film dann aber zugunsten des vom Zuschauer erhofften Happy-Ends diese Aufforderung zum Weiterdenken kappt, bleibt nur ein schönes, aber sinnloses Stück Hollywood-Unterhaltung übrig.

(Walter Laufenberg in: www.netzine.de)



Good Bye Lenin!

(Good Bye Lenin!, D 2003, 117 Min., Regie: Wolfgang Becker)

Ein junger Ostberliner in der DDR des Jahres 1989, dessen Mutter eine überzeugte Sozialistin ist. Bei einer der üblichen gewaltsamen Unterdrückungen von Unmutsäußerungen auf der Straße ist die Frau zufällig Zeugin unnötiger Brutalität der Sicherheitskräfte. Was sie mit einem Herzinfarkt ins Krankenhaus bringt.

Acht Monate lang liegt sie im Koma. Dann schlägt sie wie durch ein Wunder die Augen auf und belebt sich wieder. Was jede Familie glücklich machen würde, lässt ihre Angehörigen in größte Schwierigkeiten kommen. Denn inzwischen ist die Mauer gefallen, die DDR verschwunden. Doch der behandelnde Arzt sagt, dass ihr die kleinste Aufregung den zweiten Infarkt und damit den Tod bringen könnte. Also darf sie nichts von der Ausmusterung ihrer Ideale erfahren. So müssen, je weiter sich der Zustand der Kranken bessert, Sohn und Tochter und Hausgemeinschaft und immer mehr Helfer immer mehr ehemalige DDR wiederbeleben. Zuerst geht es nur darum, der Frau die gewohnten DDR-Produkte wie Spreewälder Gürkchen zu servieren. Etikettenschwindel im Kleinen mithilfe weggeworfener Gläser und Verpackungen aus dem Müllcontainer. Was aber bald nicht mehr ausreicht, die offensichtlichen Veränderungen des Alltags zu übertünchen, und schließlich in der Herstellung von gefälschten DDR-Nachrichten auf Video kulminiert und in der scheinbaren Fernsehmeldung, dass beim Fall der Mauer die Westler voller Begeisterung herüberkommen, um endlich DDR-Bürger zu werden. Eine Wiedervereinigung unter der DDR-Flagge.

Was hier als eine Kömödie mit Herz vorgeführt wird, hat durchaus Tiefgang. Nicht nur, weil die Frau schließlich doch an ihrem zweiten Infarkt stirbt, sondern auch, weil herauskommt, dass und warum der in den Westen geflüchtete Ehemann immer noch Kontakt zu ihr gehalten hatte. Das alles würde aber noch nicht erklären, warum dieser Film von der Kritik so hochgejubelt worden ist. Mag sein, man hat es geschafft, hinter die Kulissen zu schauen. Da entpuppte die flotte Story sich als die alte, immer reizvolle Frage: Was wäre geschehen, wenn alles ganz anders gekommen wäre? Eine Frage, die nicht beantwortet wird. Doch für den, der in der Lage ist, mehr als eine amüsante Unterhaltung zu genießen, bekommt der Film mit dieser Umkehrung der Verhältnisse den Geschmack einer bewusstseinserweiternden Droge. Plötzlich geht es um Grundsätzliches. Um das, was schon bei jedem Besuch im Zoo als Zweifel auftaucht: Ist wirklich der Affe hinter dem Gitter oder bin nicht eigentlich ich hinter Gitter? So wird der Sozialismus noch nachträglich in Frage gestellt, indem der ohnehin lächerliche Staat der kleinen Gernegroße zusätzlich lächerlich gemacht wird.

Aber der Film greift sogar noch über diesen politisch aktuellen Bezug hinaus. Beweist er doch, wie leicht wir zufriedenzustellen sind, wenn man uns mit Versatzstücken der Wirklichkeit füttert, seien die noch so manipuliert und in der Kommentierung sogar bis in ihr Gegenteil hinein umgedeutet. Hier bekommt der Film schon eine literarische Qualität, erinnert er doch an Stefan Heyms Roman „König-David-Bericht“, noch in der DDR entstanden und doch die grundsätzliche Abrechnung mit dem System der Volksverdummung. Scherz, Satire, Ironie führen zur tieferen Bedeutung: Berichterstattung ist immer eine eigene Gattung von Wahrheit.

(Walter Laufenberg in: www.netzine.de)



Die Clique

(The Group, USA 1966, 145 Min., Buch: Sidney Buchman, Regie: Sidney Lumet)

Zwei Hände voll hübscher junger Amerikanerinnen, exakt neun, die im Jahre 1933 am Vassar College, dem vornehmsten Mädchencollege der Vereinigten Staaten, ihren Schulabschluß feiern. Wie in den USA üblich, sind ihre Köpfchen übertrieben geschmückt mit den schwarzen Kappen, die den europäischen Doktorhüten nachempfunden sind. Gefeiert wird mit großen Sprüchen vom Aufbruch ins Leben und vom Einsatz für das, was bei uns zur selben Zeit hieß: Führer, Volk und Vaterland. Was amerikanisch ganz ähnlich klang, nur daß man sich beim Führer nicht so einig war, ob der demokratisch oder republikanisch sein sollte. Oder sogar marxistisch? Wie üblich, will diese aus der gemeinsamen Wohnsituation im Südturm ihres Colleges entstandene Clique der Vassar Girls alles ganz anders und viel besser machen als ihre Mütter. Nicht diese lächerliche Abhängigkeit von irgendeinem belanglosen Moneymaker, heißt die Devise.

Vorgeführt wird, wie die Zusammengehörigkeit der Mädchen, die ihnen so wichtig wie selbstverständlich ist, im Laufe von nur sieben Jahren zerbricht. Und das, obwohl eine von ihnen in einem schriftlichen Report über jede ihr bekanntgewordene Neuigkeit aus der Clique berichtet und sie alle die Telefonstrippe so eifrig benutzen, als wäre sie die Nabelschnur, an der sie hängen. Die Abnabelung müssen sie doch erleiden, herbeigeführt durch persönliche Schicksalsschläge, durch unterschiedliche politische Auffassungen, durch das Dazwischentreten von Partnern, durch zu große  räumliche Distanz, durch die modisch gewordene und verheerende Abhängigkeit von Psychiatern und nicht zuletzt durch die persönlichen Schwachstellen Neid, Mißgunst und Eifersucht. Obwohl Weltwirtschaftskrise, Arbeitslosigkeit und Ausbruch des Zweiten Weltkriegs erwähnt werden, bleiben diese geschichtlichen Ereignisse bloße Hintergrunddekoration. Es geht um Allgemein-Menschliches.

Der Film bietet eine Musterkollektion an jungen Frauen, die so schön sind, daß man sie kaum unterscheiden kann. Auch die nichtssagenden abgekürzten Namen helfen da nicht weiter. Und daß sie zuviel durcheinander reden, macht die Verwirrung komplett. Was wohl als Absicht hingenommen werden muß, als Versuch, den Begriff Clique filmisch zu definieren.

Und damit sind wir beim Thema. Die amerikanische Schriftstellerin Mary McCarthy (1912-1989) hat 1963 den zeitkritischen und teilweise autobiographischen Gesellschaftsroman "The Group" veröffentlicht, nach dem dieser Film gedreht wurde. Schon der Titel verrät, daß es sich um eine soziologisch orientierte Darstellung handelt. Anders als der im Deutschen immer etwas abwertende Begriff Clique ist das Wort Gruppe ein neutraler Begriff und sogar einer der Grundbegriffe der Gesellschaftswissenschaften. Die Klassenkameradinnen stellen eine Zufallsgruppe dar, genau wie die Mitglieder einer Familie oder die Kollegen am Arbeitsplatz. Zur Charakteristik einer Zufallsgruppe aber gehört, daß sie eine Augenblickssituation repräsentiert. Und dem Augenblick kann man auch mit noch soviel Treueschwüren nicht Dauer verleihen. Außerdem ist jede Gruppe zugleich eine Konkurrenzgemeinschaft von Einzel-Ichs, was sie eine Tendenz zur Selbstzerstörung entwickeln läßt.

Damit entpuppt sich die Romanvorlage dieses Films als eine abgrundtief pessimistische Deutung unserer Situation. Gruppen sind nur Scheinkorsetts. Denn Gruppen lösen sich auf. Gezeigt wird, daß weder die Familie noch die Klassenkameradschaft auf Dauer Halt geben kann, auch nicht die Kollegenschaft oder die Nachbarschaft, erst recht nicht die Modegruppe Psychiater/Patient und nicht einmal die neue Kleinstgruppe Partnerschaft. Zurückgeworfen auf unser kleines Ich werden die Gruppen, denen wir angehört haben, zu sentimentalen Erinnerungen, schrecklich und schön. So bleibt einem als letzte Frage von Bedeutung, wieviel man aus seinem Ich gemacht hat. Daß in diesem Roman und Film bei dieser letzten entscheidenden Frage gerade die Frau am besten wegkommt, die als einzige aus kleinen Verhältnissen kam und weiblich natürlich blieb und sich auch mit kleinen Verhältnissen zufrieden gab, während die emanzipatorischen Bemühungen der "höheren Töchter" danebengehen, ist eine Deutung, die Mary McCarthy als große Zynikerin entlarvt. Widerlegt sie selbst doch diese These vom Wert der guten alten Bescheidenheit durch ihre so ehrgeizige wie erfolgreiche Arbeit als Bestsellerautorin.

(Walter Laufenberg in: www.netzine.de)
 
 


Rendezvous im Jenseits

(Defending Your Life, USA 1991, 103 Min., Drehbuch und Regie: Albert Brooks)

Ein noch junger Mann verunglückt tödlich mit seinem Auto und findet sich als ziemlich apathische Figur wieder in einer Welt, die ihm unerklärlich ist, ihm auch nicht erklärt wird. Nur daß es sich weder um den Himmel noch um die Hölle handelt, wird ihm gesagt. Diese Welt heißt Judgement City und sieht genauso aus, wie es auf der Erde aussah, also wie eine Mixtur aus Disney World und Sun City in Florida, angereichert mit den Schlaraffenland-Komponenten Nichtstun und Fressen. Nur daß man als Neuzugang in dem einheitlichen weißen Engelsgewand herumlaufen muß. Allerdings gibt es da auch andere, die normal weltlich gekleidet sind. Sie entpuppen sich als die Menschen, die ihr Gehirn zu beinahe oder sogar mehr als 50 % nutzen. Dagegen werden die Weißgekleideten als Kleinhirne bezeichnet, weil sie nur etwa 3 % ihres Gehirns einsetzen. Trotzdem leben sie in prächtigen Hotels, und es fehlt ihnen an nichts. Sie können essen, soviel sie wollen, ohne zu bezahlen und ohne die Gefahr, dicker zu werden.

Doch müssen die Kleinhirne sich in einer Art Gerichtsverhandlung, die aber keine zu sein vorgibt, für ihr bisheriges Leben verantworten. Sie werden mit einzelnen Tage ihres Vorlebens konfrontiert. Je nach Qualität ihres Vorlebens werden ihnen mehr oder weniger Tage als Spiegel vorgehalten. Der Protagonist bekommt neun Tage aufgebrummt und weiß nicht wie ihm geschieht. Geht es doch nicht um Schuld und Unschuldigsein, wie ihm eingeschärft wird, es geht auch nicht um gut oder böse. Daß er durch sein dummes Fahrverhalten den Unfall verursacht hat, spielt keine Rolle. Und keine Frage nach den weiteren Opfern seines Frontalzusammenstoßes mit einem Bus. Es geht nur darum, ob er irgendwann in seinem Leben Angst gezeigt hat oder nicht. Unser junger Mann wird der Angst überführt, verteidigt sich zwar geschickt damit, es habe sich nur um Rücksicht gehandelt, doch das genügt nicht. Er wird wegen seiner Ängstlichkeit dazu verurteilt, auf die Erde zurückzukehren und noch einmal ein Leben zu leben, diesmal in einer anderen Rolle.

Aber er will sich nicht von der Frau trennen, ebenfalls eine Weißgekleidete, in die er sich inzwischen verliebt hat. Er wird jedoch in einem anderen Zubringerbus abtransportiert als die Frau. Da befreit er sich mit Gewalt und stürmt den Bus der Frau. Für diese mutige Tat wird ihm die Rückkehr auf die Erde erlassen.

Was als Komödie antritt, auch als Social-Fiction-Film amüsant genannt werden kann, wirft ein bezeichnendes Bild auf die USA-Gesellschaft von heute. Das mit dem Fressenkönnen, soviel einem beliebt, ohne daß man dicker wird, ist bloß ein augenzwinkernder Seitenhieb des Autors. Daß mal von Angst und mal vom Sichfürchten die Rede ist, darf nicht irritieren. Die Amerikaner unterscheiden da nicht so feinsinnig wie wir. Doch daß sie nicht mehr vom Himmel reden, sondern vom Zurückkehren und Nocheinmalleben, ist eine Abkehr von christlichen Vorstellungen und eine Hinwendung zum modisch werdenden buddhistischen Denken. Und das in God's own country. Und aufregend aufschlußreich ist die hier entlarvte neue Wertehierarchie. Es geht nicht mehr um gut oder böse, nicht mehr um Schuld oder Unschuld, es geht nur noch um Ängstlichkeit oder Mut. Das Goethewort: Wer ewig strebend sich bemüht, den können wir erlösen, wird umgeprägt zu: Wer furchtlos ist und sich mit rücksichtsloser Gewalt durchsetzt, der wird erlöst. Also ein hochaktueller Film. Besten Dank, lieber Albert Brooks.

(Walter Laufenberg in: www.netzine.de)
 
 


Die Ballade vom traurigen Café

(The Ballad of the Sad Café, GB/USA 1991, 95 Minuten, Drehbuch: Michael Hirst, Regie: Simon Callow)

Ein schönes Beispiel dafür, daß ein Stück Literatur und seine Verfilmung durchaus zweierlei sein können – meist auch sind. Der Drehbuchautor hat sich auf ein Bühnenstück von Edward Albee gestützt, was man dem Film ansieht, weil der Regisseur sich nur andeutungsweise die Mühe gemacht hat, den beschränkten Raum der Bühne großzügig auszuweiten. Dieses Bühnenstück war die Umsetzung einer 1951 erschienenen Erzählung der amerikanischen Romanautorin Carson McCullers (1917-1967). Bei diesen Transformationen blieb eines immer gleich, der Titel. Aber auch nur er.

Die Geschichte ist leichter zu erzählen als zu verstehen. In einem trostlosen Südstaatennest führt eine große, herbe Frau namens Amalia einen Kramladen. Sie ist gleichzeitig heimliche Schwarzbrennerin und versorgt die Männer des Ortes mit ihrer täglichen Ration Schnaps, damit sie sich nach der Arbeit aus ihrer Tristesse in stumpfsinniges Dösen hinüberretten können. Gleichzeitig ist diese geschäftstüchtige Frau aber auch eine Art Heilkundige und damit auf andere Weise die Wohltäterin des Ortes. Und sie ist die Herrin einer Baumwollplantage.

Plot point one: Es tritt ein zwergenhafter Krüppel auf, der sich als entfernter Verwandter von Miss Amalia ausgibt. Sie akzeptiert ihn und kümmert sich wie eine Mutter um ihn. Der Bucklige revanchiert sich mit seinem Engagement für ihr Geschäft: Aus dem Kramladen macht er das Café des Ortes. Ein großer Erfolg, ein Gewinn für den ganzen Ort. Doch dann kommt Marvin Macy aus dem Zuchthaus zurück, der Mann, der Miss Amalia leidenschaftlich geliebt hat, der sie geheiratet und ihr sein Land überschrieben hat und doch von ihr nach zehn Tagen Nichtehe rausgeworfen worden war. Dadurch war er auf die schiefe Bahn geraten. Jetzt  will der verbitterte Mann einfach daheim sein, ist aber wegen seines wilden Aussehens und rabiaten Auftretens der Schrecken der Bevölkerung und sowieso der Todfeind seiner Frau. Schließlich rät der Krüppel den beiden, ihren Streit in einem öffentlichen Boxkampf auszufechten. Ein Superereignis für die gesamte Bevölkerung auf den Dielen des Cafés: Frau gegen Mann, ohne Boxhandschuhe, ohne Pausen, ohne Ringrichter und ohne jedes Reglement. Eine grauenhafte Schlägerei von geradezu archaischer Großartigkeit.

Plot point two: In dem Moment, da die beiden gleich jämmerlich ramponierten und blutverschmierten Kontrahenten zu einem Ergebnis kommen, nämlich zum Sieg der Frau über den Mann, springt der Zwerg ihr an die Kehle und verschafft damit dem Mann den Sieg. Gemeinsam mit ihm zerstört er dann die gesamte Einrichtung des Cafés, während die geschlagene Frau heulend abzieht.

Die Erzählerin Carson McCullers wird gerühmt dafür, daß sie sich für schräge Typen, für Außenseiter erwärme. Und so wird auch diese Story mit ihrem überraschend fragwürdigen Ausgang im allgemeinen gedeutet. Die Autorin selbst hat zudem noch eine falsche Fährte gelegt, indem sie den Reverend salbadern läßt, die große Liebe sei immer so besitzergreifend, daß sie den geliebten Menschen verzehre.

Der Film bringt weit mehr. Man könnte ihn als ein mit dem Zuschauer veranstaltetes Experiment sehen. Denn das Finale des Boxkampfs läßt uns Zuschauer als Verlierer auf die Bretter gehen. Sind wir doch damit hereingefallen, daß uns im allgemeinen die Hauptfigur einer Geschichte zum Sympathieträger wird. Ein generelles Problem der Literaturrezeption. Uns war die von Anfang an im Mittelpunkt stehende raffgierige Miss Amalia sympathisch, obwohl sie den Ort mit ihrem Schnaps ruinierte und ihren Mann nur geheiratet hatte, um an sein Vermögen zu kommen. Uns war der erst später auftretende Marvin Macy unsympathisch, weil er im Zuchthaus gesessen hatte und furchteinflößend aussah. Unsere Krankheit heißt Vorurteil. Dafür, daß diese Krankheit das Thema des Films ist, gibt es diverse Hinweise. Beispielsweise die anfängliche Aversion der Leute – und der Zuschauer - gegenüber dem häßlichen Zwerg, dann auch die Tatsache, daß gerade der Behinderte als einziger den Durchblick hat. Weitere Hinweise auf Vorurteile sind in den eigentlich nicht zur Handlung gehörenden kurzen Szenen mit dem Ku Klux Klan und mit den ironischerweise eng aneinandergeketteten schwarzen und weißen Sträflingen beim Straßenbau zu sehen. Das heißt, der Film gibt der Geschichte vom traurigen Café Sinn, indem er uns beweist, daß wir keine Außenseiter sind, sondern so peinlich vorurteilsbeladen wie alle anderen.

(Walter Laufenberg in: www.netzine.de)
 
 


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