Der Postmann

(Il postino, 1994, 105 Min., Regie: Michael Radford)

So schön kann Kino sein. Der berühmte chilenische Dichter Pablo Neruda flieht vor der ihm wegen politischer Aktivität drohenden Verhaftung und kommt auf ein süditalienisches Eiland, wo er im allerabgeschiedensten Abseits lebt. Weil er täglich Post in Mengen erhält, vor allem von Verehrerinnen, muß eigens für ihn ein Aushilfsbriefträger eingestellt werden. Die Chance für den arbeitslosen Mario. Beide sind Kommunisten, doch ist das nicht die Basis, auf der sie zusammenkommen. Das sind vielmehr Nerudas Liebesgedichte. Der schüchterne junge Briefträger läßt sich in der Kunst des Dichtens unterweisen und mißbraucht ein Gedicht des verehrten Meisters, um ein Mädchen zu becircen. Zwei Gesichter, Philippe Noiret als Pablo Neruda und Massimo Troisi als der Aushilfsbriefträger Mario, die sich wie zwei Sterne im All begegnen, so verschiedenartig wie man nur sein kann, und durch die Berührung einander immer ähnlicher werden. Doch geschieht diese Veränderung einseitig. Für den Hilfsbriefträger führt sie zum erstrebten Glück, aber auch zum frühen Tod, für den Dichterfürsten bleibt sie eine winzige Episode in seinem erlebnisreichen Leben. Dichtung als Mittel zum Zweck, Dichtung in der politischen Arena, Dichtung als Schicksal und Dichtung als Attitüde des Weltmannes: ein poetisch gemachter Film läßt einige Facetten der Poesie aufscheinen und weist damit über sich hinaus.